Alterthümer, Geschichten und Sagen der Herzogthümer Bremen und Verden/Eine Scene aus dem Zuge der Sachsen nach Britannien

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Plinius und Tacitus über das Land und Volk der Chauken Alterthümer, Geschichten und Sagen der Herzogthümer Bremen und Verden (1856)
von Friedrich Köster
St. Willehad, der erste Bischof von Bremen
[45]
5.
Eine Scene aus dem Zuge der Sachsen nach Britannien.
(Nach Schilter’s thesaurus antiquitatum teutonicarum s. v. Drink heil.)

Von britischen Mönchen wird aus der Geschichte dieses Zuges Folgendes erzählt:

„Inzwischen kehrten (um das Jahr 450) die Boten aus Deutschland zurück, und führten her achtzehn Schiffe voll auserlesener Soldaten. Sie führten auch her Hengist’s Tochter, Namens Rowen, deren Schönheit keiner nachstand. Nachdem sie aber gekommen waren, lud Hengist den König Vortigern in sein Haus, daß er das neue Gebäude sowohl, als die neuen Soldaten, die gelandet waren, in Augenschein nähme. Der König kam gar bald allein, lobte das große Werk und behielt die gerufenen Soldaten. Als er aber am königlichen Gastmahle sich gelabt, trat die Maid aus ihrem Zimmer und trug einen goldenen Becher mit Wein gefüllt; und sie nahete sich dem Könige, bog ihre Knie, und sprach:

Lav werth konig! wese bas, wese heil! (Lobwerther König! sei du der Oberste; sei glücklich!)

Als er aber des Mädchens Antlitz erschauete, staunte er ob ihrer Schönheit, und fragte seinen Dolmetscher, was das Mädchen gesprochen, und was er ihr antworten müsse? Ihm sagte der Dolmetscher: sie nannte dich gebietender König, und beehrte dich mit dem Worte des Grußes. Was du aber antworten mußt, ist dieses: drink heil! Nun anwortete Vortigern: drink heil, und hieß das Mädchen trinken; nahm aus ihrer Hand den Becher, küßte sie und trank. Von jenem Tage an bis heute ist in Britannien die Sitte geblieben, daß bei Gastmählern derjenige, welcher trinkt, zu dem Andern spricht: wese heil, der aber nach ihm das Getränk hinnimmt, antwortet: drink heil, (trinke zur Gesundheit.) Vortigern aber, berauscht von verschiedenen Getränken, wurde in das Mädchen verliebt, weil Satan in sein Herz gegangen, und verlangte sie von ihrem Vater. Ich sage: Satan wan in sein Herz gegangen, weil er, da [46] er doch ein Christ war, mit einer Heidin ein Ehebündniß einzugehen verlangte. Hengist, in seiner Klugheit, und gewiß über des Königs Leichtsinn, berieth sich stracks mit seinem Bruder Horse und den übrigen Aeltesten, die bei ihm waren, was er mit des Königs Begehren machen sollte. Aber Alle hatten einstimmig den Rath, daß die Maid dem Könige gegeben würde, und daß sie dafür von ihm die Provinz Candia fordern müßten. Man zögerte nicht: gegeben wurde das Mädchen dem Vortigern und die Provinz Candia dem Hengist, ohne daß der Graf Gorangan, der in derselben regierte, davon wußte. Also feierte der König seine Hochzeit mit der Heidin, die ihm über die Maßen gefiel. Er gerieth dadurch sehr bald in Feindschaft mit den Vornehmsten und mit seinen Söhnen: er hatte nämlich früher Söhne gezeugt, deren Namen waren Vortimer, Katigern und Pascenz.“

Auffallen muß es, daß die britischen Namen des Königs Vortigern (Für dich gern), und seiner Söhne Vortimer (Für dich mehr) und Katigern (Ich hab dich gern) rein Sächsisch lauten (nur Pascenz ist ein lateinischer Name): eben so die Provinz Candia (die Kante des Landes): auch in dem Namen der Jungfrau Rowen (Rauben) erkennt man leicht das Gewand der Sage (in einem andern Berichte wird sie freilich Rowenix, Raubenichts, genannt). Und wer weiß, ob nicht der weiße Hengst, das Orakel der Deutschen, und im gewissen Sinne der Anführer der Ankömmlinge (dessen Bild noch jetzt unsere Landesmünzen ziert) in einen Menschen, und das britische Wort dafür, horse, in dessen Bruder ist verwandelt worden? Auffallend bleibt es wenigstens, daß zwei Brüder mit gleichem Namen zugleich Heerführer gewesen sein sollen. Aber das Wahre in der Erzählung leuchtet dennoch durch: die Sachsen wurden von König Vortigern zur Hülfe gegen seine Feinde in’s Land gerufen, und ihnen dafür vertragsmäßig eine Provinz eingeräumt. Auch die Stellung der Stammeshäupter, deren Rath der Herzog einholen mußte, ist altgermanisch. Der Schlachtruf Hengist’s soll gelautet haben: nimed eure saxes (nehmt eure Messer!). Vergl. Lappenberg’s Geschichte von England, Th. 1. Seite 78.

[47] Für unsere Zeiten erscheint es als merkwürdig, daß der Trinkspruck drink heil noch bei Gelagen in den Bremischen Haiden gehört wird – also ein deutscher Klang aus grauer Vorzeit!

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