Am Altar

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Autor: E. Werner
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Titel: Am Altar
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aus: Die Gartenlaube, Heft 1–17
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[1]
Am Altar.

Von E. Werner, Verfasser des „Helden der Feder“.


Der Herbstmorgen war grau und trübe. Der Nebel lagerte noch feucht und dicht auf der Erde, er hing in schweren Tropfen an den dunklen Tannenzweigen und deckte als leichter weißer Reif den Boden der kleinen Waldlichtung, die inmitten der umfangreichen S.’schen Forsten lag. Am Rande der Lichtung stand ein junger Bursche von vielleicht sechszehn oder siebzehn Jahren in der groben Uniform, wie sie die Leute des königlichen Försters gewöhnlich trugen, eine gedrungene kräftige Gestalt, die Jagdtasche an der Seite, das Gewehr auf der Schulter. Er schien augenblicklich jedoch keine Jagdzwecke zu verfolgen, sondern stand ruhig an einen Baum gelehnt und blickte mit gleichgültiger Miene in den Wald hinaus, als ein fernes Geräusch seine Aufmerksamkeit erregte. Es klang wie der Galopp von Pferden, der immer näher kam und in einiger Entfernung von der Wiese plötzlich aufhörte; [2] statt dessen vernahm man Fußtritte, gedämpfte Stimmen wurden laut, Sporen klirrten; gleich darauf rauschten die Gebüsche und mehrere Officiere traten auf den freien Platz.

„Wir sind die Ersten, scheint es!“ sagte der eine von ihnen, ein schöner hochgewachsener Mann in der Uniform eines Cavallerierittmeisters, indem er flüchtig den Ort musterte.

Einer seiner Begleiter zog die Uhr. „Erst drei Viertel auf Acht! Wir sind zu scharf geritten; vor Acht werden sie schwerlich hier sein. Ihr hättet übrigens keinen schlechtern Morgen wählen können; der verdammte Nebel hindert ja überall!“

Der Rittmeister zuckte leicht die Achseln. „Bah! Auf unsere Distance sieht man klar genug. Wer von Euch hat die Pistolen?“

„Halt!“ rief plötzlich einer der jüngeren Officiere. „Wir sind nicht allein! Wer steht dort?“ Er wies auf den jungen Jäger am andern Ende der Wiese, der die Ankommenden mit einem raschen scharfen Blick gemustert hatte, aber, ohne sich weiter um sie zu kümmern, stehen geblieben war.

„Irgend ein Jägerbursche,“ sagte der Rittmeister gleichgültig hinübersehend. „Indessen, er scheint hier Posto gefaßt zu haben. Saalfeld, sieh zu, daß Du den Menschen wegbringst; er könnte uns stören.“

Der Angeredete folgte der Weisung, indem er über die Wiese schritt und die Unterhandlung mit dem Betreffenden einzuleiten begann; diese schien aber nicht das gewünschte Resultat zu haben, denn nach Verlauf von fünf Minuten kehrte der Lieutenant aufgeregt und hochroth im ganzen Gesicht zu seinen Cameraden zurück.

„Nun? Was giebt es?“ trat ihm der Rittmeister entgegen.

„Der Mensch will nicht fort!“ rief Saalfeld heftig. „Er ist widerspenstig und unverschämt im höchsten Grade; wir werden ihn zwingen müssen!“

„Damit er Lärm macht, uns seine Cameraden oder gar den Förster auf den Hals hetzt und dadurch vielleicht das ganze Recontre in Frage stellt, nicht wahr? Mit Zwang ist hier nichts auszurichten; Du wirst den Burschen mit Deiner brüsken Manier gereizt und uns wieder unnöthige Schwierigkeiten bereitet haben. Ich werde selbst mit ihm sprechen.“ Damit schritt der Rittmeister, von den übrigen Officieren gefolgt, auf den Jäger zu und redete ihn leutselig an.

„Hast Du hier an dem Orte irgend etwas zu thun, mein Junge?“

„Nein!“ lautete die sehr lakonische Antwort.

„Oder wartest Du vielleicht auf den Förster oder auf sonst Jemand?“

„Nein!“

„Nun, dann wirst Du uns wohl auch ohne Schwierigkeit den Platz räumen. Wir beabsichtigen hier Schußwaffen zu probiren und wünschen dabei ungestört zu sein. Hier ist ein Trinkgeld für Deine Gefälligkeit; geh jetzt und laß uns allein!“

Die Worte wurden mit ruhiger, freundlicher Herablassung, aber doch in einem Tone gesprochen, der keinen Widerspruch zuließ, und die ganze Art und Weise hatte etwas so Imponirendes, daß das Gehorchen sich von selbst zu verstehen schien; aber ob der Jägerbursche nun zu Denen gehörte, die sich nicht imponiren ließen, oder ob die brüske Art des Lieutenant Saalfeld, der im Tone des Befehls seine Entfernung verlangt, ihn in der That gereizt hatte, – er kümmerte sich durchaus nicht um den dargebotenen Thaler, sondern entgegnete trocken:

„Danke, Herr Officier! Ich bleibe hier!“

„Aber ich sage Dir doch, daß wir hier Schießübungen vornehmen wollen!“ In der Stimme des Rittmeisters verrieth sich bereits einige Ungeduld.

„Meinetwegen!“ war die kaltblütige Antwort. „Mich hindert das nicht.“

„Aber uns!“ rief der Officier, nun auch gereizt werdend. „Wir wünschen überhaupt keinen Zuschauer, Du hörst es ja!“

Der junge Jäger lehnte sich ruhig wieder an seinen Baum. „Ja, das höre ich. Ich bleibe aber nun einmal hier. Wenn also durchaus Einer von uns gehen muß, so –“

„Unverschämter Bursche!“ brauste Lieutenant Saalfeld auf und legte die Hand an seinen Degen. Der junge Mensch trat einen Schritt zurück, sah ihn von oben bis unten an, nahm dann langsam sein Gewehr von der Schulter und untersuchte den Hahn desselben. So ruhig und kaltblütig diese Bewegung auch ausgeführt wurde, den Officieren trat doch das Herausfordernde derselben vor Augen; sie nahmen eine drohende Haltung an, und der Widerspenstige hätte seinen Trotz vielleicht arg büßen müssen, wäre der Rittmeister nicht dazwischen getreten; auch er war offenbar heftig gereizt, aber er beherrschte sich.

„Keine Gewaltthätigkeiten!“ sagte er leise, doch in sehr entschiedenem Tone. „Das Forsthaus ist nicht allzu weit entfernt und Ihr wißt, daß wir allen Grund haben, Aufsehen zu vermeiden. Wenn der Bursche durchaus nicht fortzuschaffen ist, so bleibt uns nichts anderes übrig als das Terrain zu wechseln. Seht zu, daß Ihr einen andern geeigneten Platz im Walde ausfindig macht, während ich unsere Gegner hier erwarte.“

Die Officiere zeigten indeß sehr wenig Lust, sich dieser Anordnung zu fügen, sie waren im höchsten Grade aufgebracht und es bedurfte des ganzen Ansehens ihres Cameraden, sie von Gewaltschritten gegen den unwillkommenen Störer abzuhalten, der vollkommen gleichgültig und unbewegt dreinschaute, als ginge ihn die Sache nicht im mindesten an. Es gab ein heftiges Hin- und Herreden, das erst durch die Ankunft dreier anderer Herren unterbrochen wurde. Sie blieben befremdet stehen, als sie den Wortwechsel auf der Wiese vernahmen, und blickten fragend auf die Officiere. Lieutenant Saalfeld trat sogleich höflich auf sie zu.

„Ich bedaure, meine Herren, Sie von einem sehr unangenehmen Zwischenfall in Kenntniß setzen zu müssen. Wir fanden bei unserer Ankunft hier diesen Menschen vor, der sich starrköpfig weigert, den Platz zu räumen, und auf keine Weise fortzuschaffen ist. Es wäre ein Leichtes, ihn mit Gewalt wegzubringen, aber Sie begreifen – der Lärm, den der Bursche erheben würde – es ist empörend!“

„Allerdings sehr unangenehm!“ stimmte einer der neuen Ankömmlinge bei. „Könnte man nicht – aber ich vergesse, die Herren einander vorzustellen. Herr Doctor Ried, der die Güte haben wird, uns seinen ärztlichen Beistand zu leihen – Herr Baron von Saalfeld, der Secundant des Grafen Rhaneck.“

Die Herren verneigten sich und der Arzt warf einen Blick hinüber nach dem Störenfried.

„Der da?“ sagte er kopfschüttelnd. „Da geben Sie nur die Hoffnung auf, ihn mit Güte oder Gewalt fortzubringen, Herr Baron. Ich kenne den Burschen, es ist der Sohn des Unterförsters Günther. Der läßt sich zur Noth todtschlagen, wenn es nicht anders geht, aber wegbringen von dem Platze, auf dem er sich einmal vorgenommen hat, stehen zu bleiben, läßt er sich nicht, das ist vergebene Mühe.“

Saalfeld unterdrückte einen halblauten Fluch. „Graf Rhaneck schlug allerdings vor, das Terrain zu wechseln, aber es wäre doch unerhört, müßten wir der Unverschämtheit eines solchen Menschen weichen –“

„Das ist nicht nöthig!“ nahm jetzt der jüngste der zuletzt Gekommenen, der bisher schweigend zugehört, das Wort. „Lassen Sie ihn hier, wenn er durchaus nicht fortzubringen ist. Herr Doctor, da Sie den jungen Menschen kennen, so haben Sie wohl die Güte, ihn unter Ihre Obhut zu nehmen, damit er uns nicht etwa stört oder verräth. In einer Viertelstunde ist unsere Angelegenheit abgethan, verborgen kann der Ausgang doch nicht bleiben, und – jetzt keinen Aufschub weiter, ich bitte dringend darum.“

Saalfeld vernahm mit augenscheinlicher Befremdung den Vorschlag, der so sehr gegen das Herkommen stritt, dennoch ging er, ihn seinem Freunde mitzutheilen. Wider Erwarten willigte der Rittmeister sofort ein.

„Er hat Recht!“ sagte er hastig. „Nur jetzt keinen Aufschub, der neue Störung bringen könnte. Der Doctor mag für den Burschen einstehen. Triff Deine Vorbereitungen, Saalfeld.“

Der Arzt war inzwischen zu dem jungen Günther getreten und blieb dicht vor ihm stehen. „Guten Morgen, Bernhard!“

„Guten Morgen, Herr Doctor!“ erwiderte der Angeredete, höflicher als man es, seinem früheren Benehmen nach, ihm hätte zutrauen sollen.

„Warum in aller Welt willst Du den Platz hier durchaus nicht räumen?“ examinirte der Arzt, indem er mit einem halb zornigen, halb verwunderten Blick den sechszehnjährigen Burschen maß, der allein den fünf Officieren die Spitze bot.

[3] „Ich will nicht!“ war die gleichgültige Antwort, in der doch zugleich ein störrischer Trotz lag.

„So? Höre, Bernhard, es ist ein Glück, daß du nächstes Jahr in die Stadt und zum Militär kommst. Man wird Dir Dein ‚Ich will nicht!‘ mit der Disciplin wohl etwas austreiben, und gnade Dir Gott, wenn einer von den Officieren dort Dein Vorgesetzter wird, Du würdest den Trotz arg zu büßen haben, wie Du ihn jetzt schon büßen müßtest, hätten die Herren nicht allen Grund – ja so, das brauchst Du nicht zu wissen. Nun aber sei einmal vernünftig! Das Hierbleiben hast Du durchgesetzt, jetzt bleibst Du aber ruhig hier an meiner Seite stehen und rührst Dich für’s Erste nicht. Hast Du mich verstanden?“

Die leise, aber nachdrückliche Strafpredigt, so ernstlich sie auch gemeint sein mochte, wurde doch in einem so väterlichen Tone, mit so unverkennbarem Wohlwollen gehalten, daß sie ihre Wirkung auf den jungen Starrkopf keineswegs verfehlte. Ihm genügte es augenscheinlich, daß er den Officieren gegenüber seinen Platz behauptet hatte, und er fügte sich jetzt der ihm gewordenen Anweisung, ohne eine Miene zu verziehen.

„Nun?“ fragte der Begleiter des Arztes herantretend.

„Ich nehme den Störenfried auf mich, er wird uns nicht hindern. Wenn es also durchaus sein muß –“

Der Andere unterdrückte einen Seufzer. „Sie wissen wohl, daß es hier keine Wahl giebt. Also auf Ihre Verantwortung – darf ich bitten, Herr von Saalfeld?“

Die Secundanten maßen die Schritte ab und luden die Waffen. Was die beiden Parteien hier auf den Kampfplatz geführt, war sicher nicht eine gewöhnliche, vielleicht in der Hitze oder Uebereilung gefallene Beleidigung und die Nothwendigkeit einer Genugthuung dafür. Man sah es an dem furchtbaren Ernst auf all den Gesichtern ringsum, an dem entsetzlich kleinen Raum, auf dem die Kugeln gewechselt werden sollten, vor Allem an der Haltung der beiden Gegner, daß es sich hier um Leben und Tod handelte. Sie standen abgewendet von einander, noch hatte Keiner dem Anderen einen Blick gegönnt, selbst die alte Sitte des Grußes vor dem Zweikampfe war unterblieben, die Verneigung hatte nur den beiderseitigen Begleitern gegolten. Der Rittmeister stand mit verschränkten Armen und folgte schweigend den Vorbereitungen, aber selbst diese ruhige Haltung vermochte nicht die Erregung zu verbergen, in der er sich sichtlich befand. Die Stirn war dunkelroth, die Lippen zuckten bisweilen leise, und doch bedurfte es nur eines Blickes in das Gesicht des Mannes, um zu wissen, daß die bevorstehende Gefahr keinen Antheil an dieser Erregung hatte. Der Muth, den schon sein Stand ihm zur Pflicht machte, sprach zu deutlich aus diesen kühnblitzenden Augen, aus diesem schönen lebensvollen Antlitz, das nur durch Eins entstellt ward, durch eine tiefe Falte zwischen den Augenbrauen, die erst dort stand, seit der Gegner den Kampfplatz betreten, und sich mit jeder Minute tiefer in die Stirn grub, der sie ein eigenthümlich hartes und feindseliges Gepräge lieh.

Sein Gegner in bürgerlichem Anzug war bedeutend jünger als er, eine hohe schlanke Gestalt, ein blasses ernstes Gesicht, mit tiefschwarzem Haar und tiefen dunklen Augen. Die Züge redeten von angestrengter geistiger Arbeit, von Nachtwachen und dumpfer Stubenluft, vielleicht auch von Sorgen und Entbehrungen, sonst mochten sie wohl leidenschaftlich aufflammen können, jetzt lag eine starre finstere Ruhe darauf, die eisig Alles gefangen hielt, was sich vielleicht früher darunter geregt und gezuckt hatte. Er schenkte den Vorbereitungen wenig oder gar keine Aufmerksamkeit; an den Stamm der großen Eiche gelehnt, die inmitten des Platzes stand, blickte er unbeweglich hinaus in den verschleierten Wald. Schon kämpfte die Sonne mit dem Nebel, aber noch vermochte sie nicht, ihn zu durchdringen, es lagerte noch ringsum schwer und grau wie Todesschatten. Der Morgenwind strich mit leisem Wehen über das braune Haidekraut und flüsterte in dem Wipfel der Eiche, von der die welken Blätter niedersanken; eins davon streifte feucht und kalt die Stirn des unten Stehenden. Er blickte schweigend nieder auf das fallende Laub und dann wieder hinein in den Nebel, der vor ihm wogte.

Die Vorbereitungen waren geendigt, die Gegner empfingen die Waffen und nahmen ihre Plätze ein. Zum ersten Male begegneten sich jetzt ihre Augen und vorbei war es mit der finsteren Ruhe des Jüngeren, vorbei mit all der mühsam erkämpften und bis hierher behaupteten Selbstbeherrschung. Was jetzt in seinem Antlitz aufflammte, das war eine so furchtbare Drohung, ein so wilder tödtlicher Haß, daß man wohl sah, hier galt es Tödten oder Fallen, es gab kein Drittes, aber die furchtbare Erregung drohte verhängnißvoll für ihn zu werden, die Waffe bebte in seiner Hand.

Ihm gegenüber stand der Officier. Nicht die Kugel, das Auge des Gegners war es, was er gefürchtet, und unter diesem Auge stieg langsam eine flammende Röthe in seinem Gesicht auf, wo eine tödtliche Scham mit verhaltenem Ingrimm kämpfte, aber zugleich trat jener grausame Zug auf der Stirn schärfer und deutlicher hervor und die Waffe hatte fest und sicher die tödtliche Richtung, als das Zeichen gegeben ward.

Der jüngere schoß zuerst, die Kugel flog dicht an dem Haupte des Officiers vorüber und riß ihm die Epaulette von der linken Schulter, er selbst stand unverletzt, in der nächsten Secunde krachte auch sein Schuß – ein halb erstickter Schrei, ein Niederstürzen, ein hervorquellender Blutstrom – das Duell war zu Ende.

Der Arzt und der Secundant waren zu dem Gefallenen geeilt und Ersterer untersuchte die Wunde, auch die Officiere waren näher getreten und warteten schweigend das Resultat der Untersuchung ab; nach einigen Minuten blickte der Arzt auf und zuckte ohne zu sprechen die Achseln.

„Tödtlich?“ fragte der Rittmeister halblaut.

„Ja!“

Da schlug der Verwundete noch einmal das Auge auf und heftete es auf den Fragenden. Es war nur ein einziger Blick, der brechende Blick eines Sterbenden, aber es mußte etwas Furchtbares darin stehen, der Officier zuckte zusammen, er war todtenbleich geworden und wendete sich hastig ab.

„Meine Herren, ich lasse den Verwundeten in Ihrer Obhut! Wenn meine Cameraden Ihnen in irgend einer Weise Beistand leisten können –“

Der Arzt machte eine abwehrende Bewegung. „Was hier noch zu thun ist, dazu reichen wir Beide allein aus. Gehen Sie, meine Herren, und überlassen Sie das Weitere uns.“

„Dürfen wir Ihnen vielleicht unseren Wagen – ?“ fragte Saalfeld.

„Ich danke, wir haben den unsrigen gleichfalls in der Nähe. Sorgen Sie nicht, das hier noch Mögliche wird geschehen!“

Die Officiere grüßten schweigend und entfernten sich, die Sporen klirrten, die Gebüsche rauschten, dann vernahm man den Hufschlag der Pferde, der sich weiter und weiter entfernte, endlich ward es still.

Und still war es jetzt auch auf der Wiese, der Sterbende lag bewußtlos mit geschlossenen Augen, sein Secundant kniete neben ihm, mit den Armen seinen Kopf stützend, der Arzt stand an der anderen Seite und zählte die Pulsschläge, die nur seine geübte Hand noch zu finden vermochte, auf einmal fühlte er leise seinen Arm berührt, der junge Günther stand neben ihm.

„Unser Haus ist nicht weit,“ flüsterte er, „wenn Sie vielleicht –“ ein Blick auf den Verwundeten vollendete den Satz.

„Danke, mein Junge!“ gab der Arzt in demselben Tone zurück, „aber es ist zu spät, hier kann nichts mehr helfen.“

Der Secundant blickte auf. „Aber, Doctor, wollen wir ihn denn hier auf dem feuchten Waldboden sterben lassen? Wir könnten ihn doch wenigstens in’s Forsthaus tragen.“

„Nein!“ sagte der Arzt bestimmt. „Er hält den Transport nicht aus, die erste Bewegung hat den Tod zur Folge, und übrigens stirbt es sich grade so leicht oder so schwer unter freiem Himmel, als zwischen vier engen Wänden. In wenig Minuten ist ohnedies alles vorüber.“

Die Unterredung war im leisen Flüstertone geführt worden, jetzt trat eine Pause ein, keiner der drei Männer sprach, schweigend erwarteten sie das Nahen des Todes. Man vernahm nichts als die immer schwächer und schwächer werdenden Athemzüge des Sterbenden, dann noch ein letztes tiefes Aufathmen, ein Aufzucken, ein erneutes Hervorbrechen des Blutstromes – es war vorüber.

Der Secundant ließ langsam den Kopf seines Freundes niedergleiten, er hatte den Todeskampf mit keiner Bewegung gestört; jetzt, wo nichts mehr zu schonen war, brach die Fassung des jungen Mannes zusammen; der Arzt ehrte seinen Schmerz, er winkte dem jungen Günther, sich mit ihm zurückzuziehen, erst in einiger Entfernung von der Gruppe blieben sie stehen.

[4] „Nun, Bernhard,“ die sonst so freundliche Stimme des Doctors hatte einen Klang tiefer Bitterkeit, „also Du hast es mit Deinem Starrkopf wirklich durchgesetzt, ein Duell mit anzusehen. Bist Du nun zufrieden?

Bernhard blickte ihn an, sein vorhin so ruhiges Gesicht war bleich, die Gleichgültigkeit, die er während des ganzen Streites mit den Officieren bewahrt hatte, war jetzt völlig geschwunden.

„Das war ja – ein Mord!“ sagte er langsam.

„So? Meinst Du? Nun, dann sahest Du wenigstens, daß er in vollster Ordnung, mit aller gegenseitigen Höflichkeit und Einwilligung vor sich ging, und daß wir Anderen dabei standen, ohne auch nur die Hand zur Rettung zu rühren. Die Herren in der Stadt haben ein Privilegium auf diese Art Mord, mein Sohn!“

„Aber weshalb schossen sie beide?“ fragte Bernhard, das Auge noch immer unverwandt auf den Todten gerichtet.

„Hm, das ist schwer zu erklären, wenigstens Dir gegenüber. Es handelte sich um eine tiefe, eine tödtliche Beleidigung, die mit Blut gesühnt werden sollte. Wie sie gesühnt ward, das hast Du ja soeben gesehen! Der Beleidigte wußte nicht mit Pistolen umzugehen, deshalb fehlte er, und der Beleidiger war ein trefflicher Schütze, deshalb schoß er den Gegner nieder – man nennt das auf deutsch ‚seiner Ehre genug thun‘, merke Dir das!“

Mit diesen in schneidendem Tone gesprochenen Worten wandte der Arzt sich von ihm und trat wieder zu der Gruppe. Der Secundant hatte sich inzwischen etwas gefaßt, er stand auf.

„Wir werden ihn jetzt wohl in den Wagen tragen müssen, Doctor! Wollen Sie mich auf einem schweren Gange begleiten? Sie wissen, wohin ich mit der Leiche fahre; ich habe nicht den Muth, allein hinzutreten mit einer solchen Nachricht!“

Der Arzt reichte ihm die Hand. „Ich komme mit Ihnen! Freilich ist’s ein schwerer Gang, noch dazu hier, wo mit dem einen Leben Alles zusammenbricht. Wollte Gott, wir hätten die Stunde erst hinter uns!“

Sie hoben den Todten empor, Bernhard legte unaufgefordert mit Hand an und Niemand wehrte ihm; langsam traten die Männer mit ihrer Last den Rückweg an und schlugen die Richtung nach dem in einiger Entfernung wartenden Wagen ein. –

Still und einsam lag die kleine Waldwiese, wo sich vor kurzem noch so viel Leben geregt, wo eins davon sich verblutet hatte. War es der letzte Act eines längst begonnenen Drama’s, was sie soeben gesehen, oder der erste eines eben beginnenden – wer konnte Auskunft darüber geben? Die Sonne kämpfte sich allmählich durch den Nebel, er wallte und wogte hin und her und verschwebte endlich als blauer Duft fern im Walde. Siegreich behaupteten die Strahlen ihre Bahn, hellbeschienen standen die riesigen Föhren mit ihren rothen Stämmen und hoben die starren Häupter empor in die klare duftige Herbstluft, und goldene Lichter spielten auf dem herbstlich bunten Laub der Eiche. Die Sonne schmolz den Reif vom Boden und mit ihm die Spuren der Fußtritte, die einzigen Spuren des stattgehabten Kampfes. Nur dort, wo der Todte gelegen, zeichnete sich in schwachen Umrissen, aber noch deutlich erkennbar, ein dunkler Fleck auf dem Rasen ab; es sah aus, als sei ein Schatten dort zurückgeblieben, der Schatten irgend eines unsichtbaren Gegenstandes, der unverrückbar und geisterhaft mitten in dem hellen Sonnenscheine lag.




Ein leichter offener Jagdwagen, von zwei munteren Braunen gezogen, rollte im schärfsten Trabe den Waldweg entlang, der von der Eisenbahnstation E. hinein in das Gebirge führte. Der Herr, welcher von seinem Sitze aus das Gefährt selbst lenkte, hielt die Zügel mit so gleichgültiger Ruhe, als sei es eine Kleinigkeit für ihn, die jungen wilden Thiere zu bändigen. Er war ein Mann von etwa vierzig Jahren, eine gedrungene, markige Gestalt; schwarzes kurzgeschnittenes Haar umgab eine breite, massive Stirn, auf die Erfahrungen und Sorgen schon manche Linien gezeichnet hatten. Die Züge konnten für gewöhnlich, ja für plump gelten, und sie wurden es noch mehr durch einen Ausdruck von Phlegma, der anscheinend darauf ruhte; wer aber länger und tiefer in dies Gesicht sah, fand bald genug heraus, daß es mehr enthielt, als es beim ersten Anblick zu versprechen schien. In dem scharfen, wachsamen Auge zumal lag entschieden nichts Gewöhnliches, es war der Blick eines Mannes, der gewohnt ist, ohne Hast, aber auch ohne Rast im Leben vorwärts zu gehen, ein Blick, der wenn er erst einmal ein Ziel in’s Auge faßt, es auch unverrückbar festhält und nicht wieder losläßt, bis er es erreicht hat. Was in den Zügen als Phlegma erschien, das gab sich in dem Auge als kalte überlegene Ruhe kund, die zwar erst allmählich und langsam, aber desto sicherer auf den Beobachter wirkte.

Es konnte nicht leicht einen schärferen Contrast geben, als diesen Mann und das junge, kaum dem Kindesalter entwachsene Mädchen, das an seiner Seite saß. Diesem rosigen Antlitz war sicher noch nie der Ernst des Lebens genaht, diese klare, weiße Stirn hatte gewiß keine Sorge je berührt; das volle Kinderglück strahlte noch aus den dunkelblauen Augen, die groß und verwundert in die fremde Welt hineinblickten, lächelte noch schelmisch unbefangen aus den kleinen Grübchen der Wangen, das ganze reizende Gesichtchen war ein Sonnenschein. Eine Fülle brauner Locken quoll lose, nur an der Stirn von einem Bande zusammengehalten, unter dem kleinen Strohhute hervor und wallte herab auf das einfache graue Reisekleid, das die feine zierliche Gestalt umschloß. Die schwindelnd schnelle Fahrt gewährte ihr augenscheinlich großes Vergnügen und es lag nicht die leiseste Spur von Besorgniß, wohl aber sehr viel jugendlicher Uebermuth in dem silberhellen Lachen, womit sie jetzt ausrief:

„O! Wir fliegen ja förmlich! Am Ende gehen die Pferde noch mit uns und dem Wagen durch.“

„Wenn ich die Zügel in Händen habe, sicher nicht!“ lautete die im ruhigsten Tone gegebene Antwort, ohne daß auch nur der geringste Versuch gemacht ward, den Lauf der Thiere zu mäßigen.

Die junge Dame sah etwas enttäuscht aus, es schien fast, als habe sie sich auf das Durchgehen und das damit nothwendig verbundene Abenteuer gefreut. „Werden wir bald in Dobra sein?“ begann sie voll neuem, nach einem mißlungenen Versuch, durch die dichten Waldbäume hindurch irgend etwas von der Gegend zu entdecken.

„In einer halben Stunde. Nimm Dich zusammen, Lucie, ich werde Dich sogleich bei unserer Ankunft Deiner neuen Erzieherin vorstellen.“

Lucie verzog die rosigen Lippen, als gebe man ihr etwas sehr Bitteres zu kosten. „Wenn ich nur wüßte, was ich jetzt noch mit einer Erzieherin anfangen soll! Du weißt doch, Bernhard, daß ich bereits im vorigen Monat sechszehn Jahre geworden bin!“

Es lag sehr viel Selbstgefühl und noch mehr Indignation in diesen Worten, leider blieben sie aber ganz und gar wirkungslos dem starren Begleiter gegenüber, auf dessen Lippen nur ein sarkastisches Lächeln erschien.

„Sechszehn Jahre? Allerdings ein sehr ehrwürdiges Alter, nichtsdestoweniger wirst Du verzeihen, daß es mir nicht genügenden Respect einflößt, um Dich sofort zur Dame und Herrin von Dobra zu erheben, und daß ich es vielmehr vorziehe, Dich für’s Erste noch unter die Obhut einer Gouvernante zu stellen. Uebrigens bringt Fräulein Reich die besten Empfehlungen und alle die nöthigen Eigenschaften zu ihrem, wie mir scheint, nicht gerade leichten Amte mit. Du wirst Dich bald mit ihr befreunden.“

„Ich mag sie gar nicht!“ schmollte Lucie mit dem ganzen Eigensinn eines verzogenen Kindes; „ich weiß im Voraus, daß ich sie nie werde leiden mögen. Die Gouvernanten sind alle steif und langweilig wie Miß Gibbon, oder nervös und sentimental wie Mademoiselle Ormond, oder feierlich wie Madame Schwarz höchstselbst, die beim bevorstehenden Weltuntergange noch ihre Robe in Falten legen würde, um mit Anstand unterzugehen, oder –“

„Ich bitte Dich, Lucie, geht das so fort, bis wir in Dobra sind? Du hast eine eigenthümliche Art, Dich für genossene Erziehung dankbar zu erweisen. Nach dem Resultat freilich, das ich vor mir sehe, scheint die pädagogische Befähigung jener Damen auf keiner allzuhohen Stufe stehen.“

„O, mit mir richteten sie Alle nichts aus,“ Lucie schüttelte triumphirend ihre Locken, „trotzdem sie mindestens einmal in der Woche allesammt über mich zu Gericht saßen. Madame Schwarz hielt mir dann jedesmal vor, ich sei ein Irrwisch, der ihr ganzes Pensionat in Verwirrung bringe, und überall Revolution anstifte; [6] Mademoiselle vergoß Thränen und erzählte, wie oft ich ihr wieder Nervenzucken verursacht, und Miß Gibbon stand dabei, schüttelte ihr weises Haupt und murmelte indignirt: ’t is shocking – ich glaube, sie waren sämmtlich froh, als Du mich zurückfordertest und ich der Pension den Rücken kehrte.“

„Wirklich! Nun dann ist es allerdings nothwendig, daß Du in andere Hände kommst. Ich habe bisher nicht viel Zeit gefunden, mich um Deine Erziehung zu kümmern, Lucie, und werde sie auch in Zukunft kaum finden, aber merke Dir ein für allemal, daß, wenn die Autorität von Fräulein Reich nicht ausreichen sollte, jetzt die meinige dahinter steht, der Du Dich hoffentlich fügen wirst, und daß ich Verwirrung und Revolutionen in meinem Hause überhaupt nicht dulde, am allerwenigsten aber von einer Schwester, die mir soeben deutlich beweist, daß sie, anstatt in den Salon, noch ganz und gar in die Kinderstube gehört.“

Die Zurechtweisung wurde sehr ruhig, aber zugleich so bestimmt gegeben, daß Lucie gar nicht einmal Miene machte, die letzten, höchst beleidigenden Worte übel zu nehmen. Halb verwundert, halb eingeschüchtert sah sie den Bruder von der Seite an, ob es ihm wohl mit der Strenge Ernst sei, aber der Blick in sein Gesicht mochte ihr nicht viel Tröstliches zeigen. Die weitere Opposition unterblieb, wenn es auch in dem Antlitz der jungen Dame deutlich geschrieben stand, daß die aufgedrungene Erzieherin gerade kein beneidenswerthes Loos haben werde, und daß der Zögling sich bereits vornahm, ihr das Leben nach Kräften schwer zu machen.

Bernhard zog die Zügel plötzlich an sich, in der Biegung der Straße ward jetzt ein zweiter Wagen sichtbar, und es schien bei dem schmalen, dicht am Abhang entlang führenden Wege allerdings nicht rathsam, in dem bisherigen Tempo daran vorüberzufahren. Es war eine herrschaftliche Equipage, wohl aus der Residenz mit hergebracht; denn für eine Fahrt in den einsamen Bergen schienen diese prachtvollen Seidenpolster, dieser wappengeschmückte Schlag und die reiche grüne und goldene Livree der Dienerschaft kaum passend. Zwei schon ältere Damen in reichster und elegantester Stadttoilette saßen darin, aber obgleich die Wagen langsam und ganz nahe aneinander vorüberfuhren, wurde doch weder ein Gruß, noch ein Zeichen des Erkennens zwischen ihren Insassen gewechselt. Die Damen sahen vornehm zur Seite und Bernhard schien seine ganze Aufmerksamkeit den Pferden zuzuwenden; in weniger denn einer Minute war man aneinander vorbeipassirt und setzte gleichzeitig wieder zu schneller Fahrt ein.

„Bernhard, wer waren die Damen?“ Lucie legte mit kindlicher Neugierde beide Hände auf den Arm des Bruders.

„Gräfin Rhaneck und ihre Gesellschafterin!“ antwortete er kurz.

„Du kennst sie also?“

„Es sind meine nächsten Gutsnachbarn. Ich sitze in Dobra gerade eingekeilt zwischen Aristokratie und Clerus, rechts liegt Schloß Rhaneck, links das Stift mit ihren beiderseitigen Ländereien. Kaum einen Schritt kann ich aus meinem Gebiete hinausthun, ohne mit den Insassen des einen oder des anderen in Berührung zu kommen – eine beneidenswerthe Nachbarschaft!“

„Aber wenn Dir die Lage der Güter nicht gefiel, weshalb kauftest Du sie denn eigentlich?“ fragte Lucie naiv.

„Weil sie für einen Spottpreis zu haben waren, und weil ich bei den dortigen Verhältnissen Erfahrungen verwerthen und Erfolge erreichen kann, die in unserm Norden mit dem zehnfachen Kostenaufwande nicht durchzuführen wären. Doch davon verstehst Du nichts!“ brach er plötzlich kurz ab und wies mit der Hand nach links. „Sieh Dir lieber den Waldweg dort an, er führt gleichfalls nach Dobra.“

Die junge Dame fuhr wie elektrisirt in die Höhe. „O, wie schattig und kühl! Laß uns ein wenig aussteigen und zu Fuße gehen, wir haben lange genug im engen Wagen gesessen!“

„In der Mittagsgluth? Was fällt Dir ein, Kind!“

„O, ich bin so lange nicht im Walde gewesen! Jahrelang habe ich nichts zu sehen bekommen, als nur den Stadtpark und unseren ummauerten Pensionsgarten. Bitte, bitte, Bernhard, laß mich in den Wald, nur auf eine einzige Viertelstunde!“

Es lag eine so unverkennbare Sehnsucht in der schmeichelnden Bitte, daß der Bruder unwillkürlich nachgiebiger gestimmt ward.

„Nun, meinetwegen! Eine Viertelstunde lang will ich Dir den Willen thun, Joseph mag bis zur Waldecke vorausfahren und uns dort erwarten.“

Er gab die Zügel dem hinter ihnen sitzenden Kutscher, stieg ab und wandte sich dann um, ihr die Hand zum Aussteigen zu bieten, aber das junge Mädchen wartete gar nicht darauf; ohne den Wagentritt auch nur zu berühren, sprang sie mit gleichen Füßen auf den Boden nieder und flog ihm voran, dem Walde zu.

[21] Es war allerdings ein schattiger und lieblicher Fußweg, den Beide jetzt einschlugen, aber für Lucie schien er nur da zu sein, um ihn in allen möglichen und unmöglichen Windungen zu umkreisen. Wie ein junges Reh, das der Gefangenschaft entflohen und der Waldesfreiheit zurückgegeben ist, so sprang sie dahin, das ging immer mitten durch Gebüsch und Haidekraut, ohne nach Weg und Steg zu fragen. Jetzt lief sie einem Schmetterlinge nach, um in der nächsten Secunde drüben auf der entgegengesetzten Seite ein Eichhörnchen aufzujagen, oder eine Blume zu pflücken. Bald hier, bald dort sah Bernhard den blauen Schleier ihres Hutes zwischen den Bäumen aufflattern, und dann wehte er wieder dicht neben ihm, wenn sie athemlos an seiner Seite kam, beide Hände voll Blumen; dabei plauderte der kleine Mund unaufhörlich und floß über von Fragen und Neckereien, sie war zu glückselig.

„Nun aber ist’s genug!“ sagte Bernhard endlich und zog ihre Arme in den seinigen. „Jetzt bleibst Du an meiner Seite, dort drüben ist bereits der Ausgang des Waldes, wo der Wagen uns erwartet.“

„Schon? O laß mich nur noch einen Blick in die Schlucht dort thun, nur einen einzigen! Ich muß durchaus wissen, wo der kleine Bach herkommt, der dort drüben plätschert; in zwei Minuten bin ich wieder zurück.“

Und fort war sie, Bernhard sah den blauen Schleier bereits wieder drüben an der Felswand flattern und in der nächsten Minute dahinter verschwinden.

„Nun Gott sei Dank, eine geschraubte Modedame wenigstens hat die Pension nicht aus ihr gemacht! Das ist noch ganz das Kind, das ich vor vier Jahren dorthin brachte,“ sagte er, mit dem Ausdruck tiefster Befriedigung ihr nachblickend, und blieb geduldiger, als es wohl sonst seine Art war, stehen, um ihre Rückkehr zu erwarten.

Lucie hatte inzwischen die Schlucht erreicht und blickte neugierig hinein; es war ein reizendes Stück Waldeinsamkeit, das sich hier vor ihren Blicken aufthat. Rauschend und silberhell kam der Bach von der Höhe herab und stürzte, über glatte Kiesel und moosige Steine, an dunklen Felswänden vorüber, in den Wald hinein. Darüber wölbten sich hohe Buchen und dazwischen grünte weiches Moos und rankte sich blühendes Gesträuch – es war ein Ort, so recht zum Träumen und Sinnen geschaffen, aber gerade dies lag der jungen Dame himmelweit entfernt. Ihr erster Blick galt dem Orte selbst, ihr zweiter einem Himbeerstrauch, der, in der Felswand wurzelnd, mit einer Fülle dunkelrother Beeren über den Bach hinaushing. Das sehen und einen unbezwinglichen Appetit danach verspüren, war für Lucie Eins; vergessen war das Versprechen, sogleich zurückzukommen, vergessen das drohende Stirnrunzeln des Bruders. Ohne sich einen Augenblick zu besinnen, trat sie sofort den Weg nach der Felswand an; daß er mitten durch den Bach ging, kümmerte sie durchaus nicht. Ihr Kleid zusammennehmend, sprang sie leicht wie eine Elfe von Stein zu Stein. Das Wasser rieselte unter ihren Füßen und durchnäßte völlig die beiden Residenzstiefelchen, die für Spaziergänge im Gießbach wohl nicht berechnet waren, aber das erhöhte nur ihr Vergnügen; sie lachte laut auf, wenn die hellen Wassertropfen emporspritzten oder das niederhängende Gezweige ihre Stirn streifte. Der kleine Strohhut hatte sich schon beim ersten Schritt als zu lästig erwiesen, er hing am Arme und mußte einstweilen die duftende Fülle der im Walde gepflückten Blumen bergen; die Locken, von keinem Bande mehr gehalten, wehten lose um Hals und Schultern; dabei ging es vorwärts, über Felsgeröll, Baumwurzeln und Wassersturz, immer aufwärts, den Bach hinauf. Je schwieriger der Weg, desto größer wurde der Eifer, das junge Mädchen war nur eine Jugendlust, ein jubelnder Uebermuth, und jetzt endlich stand sie oben, hell beschienen von dem Sonnenstrahl, der durch das Laubdach drang und gerade auf das rosige Kinderantlitz fiel, mit flatternden Locken, mit glühenden Wangen und strahlenden Augen, und streckte die Hand nach dem ersehnten Gesträuche aus.

Aber plötzlich ließ sie dieselbe wieder sinken und stieß einen leisen Ausruf des Schreckens aus. Drüben vom Rande der Felswand blickten ein Paar große unheimlich tiefe und dunkle Augen starr zu ihr herüber, und als sie erschreckt noch weiter zurückwich, tauchte eine Gestalt in langem schwarzem Gewande aus dem Gebüsch hervor, und stand hochaufgerichtet ihr gegenüber.

Die erste Regung Luciens war, trotz der so nachdrücklich betonten sechszehn Jahre, eine ganz gründliche Gespensterfurcht, und ihre erste Bewegung ein Versuch davon zu laufen, aber schon im nächsten Augenblick siegte die Vernunft. Gespenster am hellen Mittage! Während die Sonne so goldig durch die Buchenzweige schien und der Bach zu ihren Füßen so lustig plätscherte, als wolle er sie auslachen über ihre kindische Angst – sie nahm allen Muth zusammen und wagte einen zweiten Blick hinüber.

[22] Da sah sie nun allerdings, daß es ein Mensch war, der dort drüben stand, ein Mann in langem geistlichem Talar, der bisher im Moose gelegen und von dort aus vermuthlich den ganzen Spaziergang durch den Gießbach mit angesehen hatte. Das Buch, in dem er gelesen, lag noch am Boden, er selbst aber stand mit verschränkten Armen und blickte düster und unverwandt auf sie hin.

Also ein Geistlicher, der wahrscheinlich seine Predigt einstudirte, und der hatte sie so erschreckt! Luciens ganzer Uebermuth kam zurück; ohne sich weiter um den fremden Zuschauer zu kümmern, der ihr jetzt ganz und gar kein Interesse mehr einflößte, begann sie eine gründliche Plünderung des Himbeergesträuches und schickte sich dann an, den Weg, den sie gekommen war, wieder hinabzusteigen.

Jetzt aber mußte sie bei dem Fremden vorüber, er stand noch immer wie angewachsen, ohne sich zu regen, und dabei stand er gerade auf einem der großen Steine, die den Pfad durch den Bach bildeten. Der unhöfliche Mann dachte nicht daran, auch nur einen Schritt zur Seite zu treten, trotzdem er doch sah, daß sie hinab wollte. Lucie begann sich über diese Rücksichtslosigkeit zu ärgern, sie setzte nachdrücklich ihr Füßchen in’s Wasser, daß es hoch aufspritzte, um ihm begreiflich zu machen, wie sehr störend ihr sein Standpunkt sei, und warf ihm einen ihrer allerungnädigsten Blicke zu.

Dabei begegnete sie aber zum zweiten Male seinen Augen, die noch immer unbeweglich auf ihrem Antlitz ruhten, gerade so starr und düster wie vorhin. Es mußte doch etwas Gespensterhaftes in dem Manne sein, denn dem jungen Mädchen ward auf einmal glühend heiß unter diesem seltsamen Blick, die ganze vorige Angst kam verdoppelt zurück, sie wünschte sich weit weg in die schützende Nähe des Bruders und doch stand sie wie gefesselt von einer fremden Macht und wagte keinen Schritt vor- oder rückwärts zu thun. So vergingen in paar beängstigende Secunden, da endlich wich der unheimliche Fremde langsam zur Seite, er gab den Weg frei und wie ein gescheuchtes Reh flog Lucie an ihm vorüber, den Bach hinab, und in den Wald hinein.

Hier kam ihr Bernhard, durch ihr langes Außenbleiben beunruhigt, bereits entgegen. „Sind das etwa die gewünschten zwei Minuten? Du scheinst wirklich – aber was hast Du denn, Kind, Du siehst ja ganz verstört aus!“

Lucie hing sich fest an seinen Arm, jetzt, wo sie sich geschützt wußte, brach der alte Uebermuth schon wieder durch, sie warf noch einen scheuen Blick zurück nach der Schlucht, aber es zuckte bereits schelmisch um ihre Lippen, als sie antwortete:

„Ich bin dem Währwolf begegnet, von dem es in den Märchen heißt, daß er in Menschengestalt umgehe! Drüben stand ein Mann, so finster und unheimlich, er trug einen langen schwarzen Talar –“

„Das wird einer von den Mönchen des Stiftes gewesen sein,“ meinte Bernhard gleichgültig. „Die Herren Benedictiner pflegen zwar sonst nicht gerade die einsamen Waldgründe aufzusuchen, wenn sie sich außerhalb des Klosters amüsiren! – Das Ordenskleid also hat Dich so erschreckt?“

Lucie sah zu Boden und schüttelte den Kopf. „Nicht das Kleid,“ sagte sie leise, „der Blick war es. Er hatte so seltsame Augen, wahre Gespensteraugen!“

Das Spottlächeln von vorhin erschien wieder auf dem Gesicht des Bruders. „Dein Heroismus scheint nur den Gouvernanten gegenüber zu existiren! Noch vor einer Viertelstunde prahlst Du damit, Dein ganzes Pensionat in Schach gehalten zu haben, und jetzt läufst Du vor einem Mönchsgewand und einem Paar Mönchsaugen davon. In der That, eine rechte Heldenseele, die ich da in meiner Schwester entdecke!“

Lucie wollte auffahren und sich eifrig gegen den Vorwurf vertheidigen, aber das Wort erstarb ihr auf den Lippen; denn in diesem Augenblick traten sie aus dem Walde auf die Höhen hinaus, und eine prachtvolle Gebirgslandschaft rollte sich vor ihren Blicken auf. Rauschend schoß der Bergstrom durch ein weites offenes Thal, im hellsten Sonnenstrahl schimmerten Flecken, Dörfer und einzelne Gehöfte, theils am Strome, theils am Bergeshang zerstreut liegend, von nah und fern herüber, dazwischen leuchtete das sonnige Grün der Matten, die ringsum all die tiefer gelegenen Höhen umkränzten, und darüber hinaus strebten dunkle Tannenwälder höher und höher an den Bergwänden empor, bis zum Gipfel hinauf. Im Vordergrunde lag ein Schloß, eine malerische alte Bergveste, die gerade hinab zum Strom blickte, aber so kühn es sich auch auf seinem Felsen hob, und so trotzig die grauen Erker und Söller aus dem Tannengrün hervorschauten, es trat doch zurück vor dem mächtigen, schloßartigen Gebäude, das sich ihm gegenüber auf einer Anhöhe ausdehnte, von weiten Gärten umgeben, mit Mauern und Pfeilern, die wie für die Ewigkeit gegründet schienen, mit langen Fensterreihen und zwei prachtvollen Thürmen über dem Hauptportal. Die Sonnenstrahlen fielen mit vollster Kraft auf die leuchtend weißen Mauern; vom hellsten Mittagsglanz umflossen lag die Benedictinerabtei stolz und mächtig da, weithin das Thal beherrschend, die Krone und der Mittelpunkt des ganzen herrlichen Landschaftsgemäldes, und über das alles hinaus hoben sich die riesigen Häupter des Gebirges, von blauem Duft umwoben, und ragten ernst und gewaltig hinein in die sonnige Welt.

Lucie war überrascht stehen geblieben, nur ein lautes Ah der Bewunderung entfuhr ihren Lippen, dann blieb sie regungslos im Anschauen versunken, Bernhard beugte sich zu ihr nieder.

„Nun, Lucie, wirst Du hier Deine engen Residenzstraßen, Deine hohen Häuser und den ummauerten Pensionsgarten vermissen? Ich denke nicht.“

Das junge Mädchen fuhr aus dem athemlosen Schauen auf bei dieser Anrede, sie schlang plötzlich ihre beide Arme um den Hals des Bruders und rief mit der ganzen stürmischen Freude eines Kindes: „O, ich habe nicht gewußt, daß die Welt so schön ist!“

Bernhard lächelte. „Du hast freilich noch nichts davon gesehen, als nur unsere märkischen Haiden. Sieh dort hinüber, dort liegt Deine künftige Heimath, und jetzt laß uns eilen, daß wir sie endlich erreichen, es ist hohe Zeit!“

Er hob sie in den bereits wartenden Wagen und nahm an ihrer Seite Platz, ein Druck mit dem Zügel, und die ungeduldigen Thiere griffen aus; dahin rollten sie, dem Thale zu, hinein in die Berge.




„Ist Pater Benedict schon zurückgekehrt?“

„Noch nicht, Euer Gnaden!“

„Er soll sofort nach seiner Ankunft benachrichtigt werden, daß ich ihn zu sehen wünsche, und daß der Herr Graf Rhaneck ihn hier erwartet.“

Der Kammerdiener schloß die Thüren und entfernte sich, den soeben erhaltenen Befehl auszuführen; die beiden Herren, welche sich im Arbeitszimmer des Prälaten befanden, blieben mit einander allein.

Es war ein großes, mit fürstlicher Pracht eingerichtetes Gemach. Die schweren purpurrothen Seidenvorhänge des hohen Bogenfensters wehrten, zur Hälfte herabgelassen, den glühenden Strahlen der Mittagssonne den Eingang. An einem Tisch, der mit kostbarem Schreibgeräth, mit Briefschaften und Papieren aller Art bedeckt war, saß der Prälat im reichvergoldeten, mit dunklem Sammet überzogenen Lehnstuhl, während Graf Rhaneck von seinem Sitze ihm gegenüber aufgestanden war, und mit raschen, etwas ungeduldigen Schritten das Zimmer durchmaß.

Es war nicht schwer, in den Beiden gleich beim erstens Blick zwei Brüder zu erkennen, die Aehnlichkeit zwischen ihnen trat deutlich genug hervor: dieselbe hohe, imponirende Gestalt, dieselben großen blauen Augen, derselbe Schnitt des Gesichtes, mit dem gleichen Ausdruck eines unnahbaren Stolzes. Es waren offenbar Familienzüge, die Züge eines edlen, kräftigen Geschlechts, die sich in diesen regelmäßigen Linien wiederholten, und vielleicht war sie auch unter den Rhanecks erblich, jene eigenthümliche Linie auf der Stirn, gerade zwischen den Augen, die, in ruhigen Momenten kaum sichtbar, sich bei jeder Erregung zu einer drohenden Falte vertiefte, ein Zug von Härte, ja von Grausamkeit, der, wenn er erst einmal hervortrat, das Antlitz fast entstellte und ihm einen ganz anderen Charakter lieh.

Aber trotz aller Aehnlichkeit waren die Brüder doch verschieden genug von einander. Auf dem Gesicht des Prälaten lag kalte leidenschaftslose Ruhe, die Augen blickten so scharf und durchdringend, als seien sie gewohnt, Alles und Jedes, was ihnen nahte, bis in die innersten Tiefen hinein zu durchschauen und zu ergründen; die Haltung war ernst und gemessen und das bereits [23] ergraute Haar, im Verein mit dem schwarzen Ordensgewande, ließen ihn um ein ganzes Theil älter erscheinen als den Bruder, obgleich in Wirklichkeit nicht viel mehr als ein Jahr zwischen ihnen liegen mochte. Das volle dunkelblonde Haar des Grafen dagegen zeigte nur hin und wieder einige Silberfäden, das Auge war noch voll Feuer, die Bewegungen rasch und energisch, in Gang, Haltung und Ausdruck sprach sich eine Lebhaftigkeit aus, die in früheren Jahren wohl Leidenschaftlichkeit gewesen sein mochte, und die reiche Uniform, welche einen hohen militärischen Grad kennzeichnete, hob die Erscheinung des noch immer schönen Mannes noch um ein Bedeutendes.

Er wartete, bis sich die Thür hinter dem Kammerdiener geschlossen hatte, und nahm dann das vorhin unterbrochene Gespräch wieder auf.

„Du scheinst so zurückhaltend über Bruno. Giebt er Dir irgendwelchen Anlaß zur Klage, oder was ist sonst mit ihm?“

„Nicht doch!“ sagte der Prälat ruhig. „Pater Benedict fährt nach wie vor fort, sich unter all seinen Mitbrüdern auszuzeichnen. Er ist streng gewissenhaft in der Erfüllung seiner Pflichten und sehr eifrig in seinen religiösen Uebungen, nur allzusehr.“

Zu eifrig?“

„Ja, ich liebe es nicht, wenn meine jungen Mönche in diesem letzten Puncte allzu weit gehen. Diese ewigen Bet- und Bußübungen, dies fortwährende Fasten und Kasteien ist auf die Dauer nicht durchzuführen; es muß nothwendig einen Rückschlag erzeugen, der gefährlich werden kann.“

Der Graf lächelte. „Das mußt Du ihm zu Gute halten. Er ist nun einmal ein Schwärmer, ist es von jeher gewesen.“

„Es taugt aber hier nicht mehr!“ Die Stimme des Prälaten nahm unwillkürlich einige Schärfe an. „Ich habe schon öfter damit zu kämpfen gehabt. Das kommt aus den Seminarien mit seinen Idealen von begnadigter Priesterschaft, von ascetischer Weltentsagung und gottgeweihtem Leben und findet – ein Kloster, wie es eben in unserer Zeit besteht. Die Ernüchterung kann nicht ausbleiben, und was dann? Es will mir nicht gefallen, dies finstere, scheue Absondern von den Brüdern, dies fortwährende einsame Umherschweifen in den Wäldern, dies nächtelange Studiren und Brüten über den Büchern –“

„Und das machst Du ihm zum Vorwurf?“ unterbrach ihn der Graf rasch und beinahe unmuthig. „Du, der von jeher über die geistige Indifferenz und Trägheit Deiner Mönche klagtest! Ich begreife Dich nicht! Gerade dieser rastlose Wissensdrang im Verein mit seiner eminenten Begabung und seinem Feuereifer, das sind die Elemente, aus denen man die Stützen der Kirche heranzieht.“

„Oder die Apostaten!“

„Um Gotteswillen, Du glaubst doch nicht, daß Bruno –“

„Nein!“ sagte der Prälat. „Ich wiederhole es Dir, er hat mir noch keinen Grund zum Tadel gegeben; ich mißtraue nur dieser Richtung im Allgemeinen, und das muß anders werden, wenn er die Hoffnungen verwirklichen soll, die Du auf ihn setzest. Du schmeichelst Dir damit, in ihm dereinst meinen Nachfolger, vielleicht noch etwas Höheres zu sehen; Talent dazu hat er genug, aber ihm fehlt der freie Ueberblick, die Berechnung. Mit Beten und Kasteien, das einer untergeordneten Mönchskutte ziemen mag, erringt man keine hervorragende Stellung in der Kirche, noch füllt man sie damit aus. Er muß hinweg über das Schülerhafte des Neophyten, wenn er empor will, und daß er das noch immer nicht kann, flößt mir Besorgniß ein!“

Der Graf antwortete nicht, mit einem unterdrückten Seufzer trat er zum Fenster und schaute, den Vorhang zurückschiebend, hinaus in das sonnenbeschienene Thal. Der Prälat folgte der Richtung seines Blickes.

„Was sagst Du zu der neuen Nachbarschaft in Dobra?“ fragte er, plötzlich von dem soeben verhandelten Gegenstande abbrechend.

Rhaneck zuckte die Achseln. „Ich habe nicht geglaubt, daß die Seltenow’schen Besitzungen in solche Hände fallen würden!“ sagte er wegwerfend. „Es ist immerhin ein starkes Stück von diesem norddeutschen Bauer, sich so gerade in unsere Mitte hinzusetzen, als wäre er unseres Gleichen. Man ignorirt ihn einfach.“

Sehr ruhig stand der Prälat auf und trat gleichfalls zum Fenster. „Es ist von jeher Dein Fehler gewesen, Ottfried, die Gegner zu unterschätzen, und nichts rächt sich so schlimm wie gerade dies. Dieser Günther ist Keiner von Denen, die sich mit einem Stirnrunzeln und einem vornehmen Achselzucken abthun lassen. Man hatte allerdings die Absicht, ihn zu ignoriren; aber er kam uns zuvor und ignorirte einfach uns. Nebenbei ist er auf dem Wege, eine Macht in der Umgegend zu werden.“

„Warum nicht gar!“ fuhr der Graf auf. „Die Güter sind in Grund und Boden gewirthschaftet – er wird darauf zu Grunde gehen!“

„Ich fürchte, er bringt sie zu einer nie geahnten Höhe. Wo Graf Seltenow seinen Ruin fand, da findet dieser ‚norddeutsche Bauer‘ überall neue Hülfsquellen und deckt wahre Schatzgruben auf. Was er in dem einen Jahre schon geleistet, übersteigt alle Begriffe; seine Einrichtungen und Verbesserungen sind großartig, noch schlimmer, sie sind praktisch. Ich habe mir eingehenden Bericht darüber erstatten lassen. Geht das so fort, dann ist es allerdings keine Prahlerei mehr, wenn er behauptet, daß die Güter nach sechs Jahren das Sechsfache ihres bisherigen Werthes haben würden.“

„Nun, und wenn’s wäre, was geht das uns an?“ Der verächtliche Ausdruck lag noch immer um den Mund des Grafen. „Man wird dafür sorgen, daß er auf seiner Scholle bleibt. Uebrigens soll er ja, wie ich höre, ganz in seine wirthschaftlichen Angelegenheiten vertieft sein und gar nicht beabsichtigen, auf einem andern Gebiete irgend eine Rolle zu spielen.“

„Weil er noch fremd ist. Warten wir erst ab, wenn er festen Fuß gefaßt hat. Es ist immer gefährlich, wenn ein Fremder, ein Protestant, all die Arbeitskräfte der Umgegend an sich zieht und für sie eine Autorität wird. Es gährt ohnedies hier überall; man wird ihm gegenüber Stellung nehmen müssen.“

Der Graf hörte die letzten Worte kaum, er wandte sich hastig um, denn in diesem Moment wurde die Flügelthür von Neuem geöffnet und ein junger Mönch in der schwarzen Tracht der Benedictiner erschien auf der Schwelle.

Er konnte höchstens vier- oder fünfundzwanzig Jahre alt sein, aber es lag nichts von Jugendfrische und Jugendleben in diesen Zügen, die Beides vielleicht nie gekannt hatten. Ueppiges dunkles Lockenhaar kräuselte sich um die hohe Stirn und umgab ein Antlitz, das selbst in seiner ascetischen Blässe und seinem Ausdruck finsterer Verschlossenheit noch schön zu nennen waren. Die kalte, fast eisige Haltung contrastirte seltsam mit dem düstern Feuer der großen tiefliegenden Augen, während das lange dunkle Ordensgewand den hohen Wuchs noch mehr hervortreten ließ. Er blieb schweigend, mit einer tiefen ernsten Verneigung an der Thür stehen, trotzdem er sah, daß Graf Rhaneck im Begriff stand, ihm entgegen zu gehen, und trat erst auf einen Wink des Prälaten langsam näher.

„Graf Rhaneck wünscht Sie zu sehen, deshalb ließ ich Sie rufen, Pater Benedict!“ erklärte dieser. „Du ziehst doch wohl vor, Deinen Schützling allein zu sprechen, Ottfried; ich will das erste Wiedersehen nicht stören. Im Cabinet findest Du mich.“

Er grüßte leicht mit der Hand und zog sich in das anstoßende Gemach zurück, Pater Benedict neigte sich, wie vorhin, tief und unterwürfig vor seinem geistlichen Oberherrn, der Graf aber trat jetzt auf ihn zu und bot ihm die Hand.

„Wir haben uns lange nicht gesehen, ein volles Jahr lang nicht! Muß ich jetzt auch dem hochwürdigen Herrn Pater die Ehren seines neuen Standes geben, oder ist mir noch die frühere Vertraulichkeit und der weltliche Name erlaubt?“

Die Worte klangen freundlich und herzlich, und es war ein eigenthümlicher, halb froher halb düsterer Blick, der dabei forschend über das Antlitz des jungen Mönches glitt, aber dieser erwiderte die Begrüßung kaum, seine Hand lag kalt und still in der des Grafen, ohne dessen Druck zu erwidern, und seine Züge blieben unbeweglich, als er ablehnend sagte: „O, ich bitte, Herr Graf!“

Rhaneck lächelte. „Nun, der Vormund und ehemalige Beschützer kann auch wohl noch das alte Recht in Anspruch nehmen, nicht, Bruno? Also jetzt endlich ist das Ziel erreicht, dem Du von frühester Jugend an bestimmt wurdest, nach dem Du selbst mit allen Kräften gerungen hast. Du gehörst nun dem alten berühmten Orden an, der jedem seiner Mitglieder die Priesterwürde verleiht, zu dem ein Jeder das Wissen und den Beruf des Priesters mitbringen muß. Nicht wahr, es ist ein anderes Gefühl, als Geweihter des Herrn vom Altare auf die Menge herabzublicken, [24] die sich um Deinen Segen drängt, als unter ihr verloren zu knieen und zu beten?“

Es zuckte etwas auf in den Zügen des jungen Priesters bei den letzten Worten, vielleicht zustimmende Begeisterung, vielleicht auch etwas Anderes, deuten ließ es sich nicht, denn die langen Wimpern sanken sofort nieder und verschleierten den Blick, er sah zu Boden.

„Vor allen Dingen muß ich Ihnen, Herr Graf, meinen Dank aussprechen, daß Sie mir dies Ziel ermöglichten. Nur Ihrer Güte allein verdanke ich meine Erziehung und Ausbildung, verdanke ich die Aufnahme in das Stift, die dem armen elternlosen Knaben, von niedriger Herkunft, wohl nie zu Theil geworden wäre. Ich fühle tief die Schuld –“

Ueber die Stirn Rhaneck’s lief eine glühende, schnell verschwindende Röthe, und hastig, beinahe ungestüm fiel er dem Redenden in’s Wort.

„Nicht doch, nicht doch! Nur nichts von Dank, von Schuld und dergleichen! Es war mein Wunsch, Dich diesem Stande gewidmet zu sehen, und ich bin überzeugt, Du wirst ihm Ehre machen. Mein Bruder stellt Dir das ehrenvollste Zeugniß aus, aber auch ihm gehst Du zu weit in Deinem rastlosen Eifer. Ich hoffte, Du würdest nach dem angestrengten Studium des Noviziats hier im Kloster endlich die Ruhe finden, deren Du so sehr bedarfst, statt dessen überarbeitest Du Dich nach wie vor, wachst ganze Nächte hindurch, gönnst Dir selbst auf Deinen Spaziergängen keine Erholung. Der Pater Prior sagte mir, als ich bei der Ankunft nach Dir fragte, Du lägest sicher wieder im nahen Walde und brütetest über irgend einem canonischen Werke, das Du mit Dir genommen. Bruno, wo soll das denn endlich hinaus?“

Der Vorwurf klang sehr milde, aber er mußte doch irgend eine wunde Stelle berühren, bei Erwähnung des Waldes schoß plötzlich eine dunkle Gluth in dem Antlitz des jungen Mönches auf und färbte brennend heiß Stirn und Schläfe, der Blick suchte scheu den Boden und die Lippen zitterten leise, dann plötzlich sanken die Blutwellen wieder, so schnell und stürmisch, wie sie aufgestiegen waren, und das Gesicht wurde erschreckend bleich.

Der Graf, dem dieser jähe Farbenwechsel nicht entgangen war, schaute ihn betroffen an. „Du bist krank!“ sagte er unruhig. „Dein ganzes Aussehen verräth es! Solchen Anstrengungen und Bußübungen, wie die Deinigen, muß schließlich selbst eine eisenfeste Gesundheit unterliegen. Wozu das Alles? Du bist jung, Du hast noch keine Schuld auf Deinem Gewissen, mache ein Ende mit dieser ewigen Pönitenz, werde endlich einmal wie Deine anderen Mitbrüder. Schone Dich, Bruno, ich bitte Dich darum!“

Er hatte die beiden Hände des jungen Priesters ergriffen und zog ihn leise zu sich, während sein Auge mit unverhüllter Besorgniß auf dessen blassen Zügen ruhte. Es lag eine seltsame Weichheit in Ton und Blick, eine Zärtlichkeit, deren man dies Gesicht und diese Stimme kaum fähig gehalten hätte; es geschah sicher nicht oft, daß Graf Rhaneck bat, aber der Eindruck dieser Bitte war anders, als er erwartete. Benedict machte eine Bewegung, als wolle er die Hand zurückziehen, und ließ sie dann, wie sich plötzlich besinnend, in der des Grafen, in seiner ganzen Haltung war etwas wie unwillkürliches Zurückweichen, wie instinctmäßige Abwehr, und in dem Blick, den er jetzt langsam emporhob, lag noch Schlimmeres, ein vielleicht unbewußter, aber tiefer und nur mühsam bezwungener Widerwille, als er ehrfurchtsvoll, aber eisig antwortete: „Sie sind sehr gütig, Herr Graf.“

Rhaneck ließ seine Hand fallen und trat zurück; er schien die Abweisung zu verstehen, aber jener verächtliche Ausdruck, der seinen stolzen Lippen so sehr zu Gebote stand, als er vorhin von dem „Bauer“ gesprochen, erschien diesmal nicht, wo er doch fast beleidigt wurde; wohl zuckte eine tiefe Bitterkeit durch sein Gesicht, aber sie hatte mehr vom Schmerz, als vom Zorn an sich.

„Du willst in mir immer und ewig nur den Gönner sehen, nie den väterlichen Freund!“ sagte er rasch und heftig. „Ich habe es nun bereits aufgegeben, bei Dir je eine Regung des Vertrauens der Offenheit zu finden. Immer diese unübersteigliche Kluft zwischen uns! und Du mußt Dir doch selbst sagen, daß Deine Stellung mir und der Welt gegenüber jetzt eine andere geworden ist.“

Benedict’s Wangen begannen sich wieder leise zu färben, aber diesmal war es unverkennbar die Röthe der Beschämung.

„Verzeihung, Herr Graf! Ich fühle tief mein Unrecht gegen den Mann, dem ich Alles danke, aber –“

„Aber Du kannst es nicht ändern! Laß gut sein, ich mag keine erzwungene Zuneigung, noch weniger eine erheuchelte. Wir werden uns jetzt wohl öfter sehen, da ich den Sommer über in Rhaneck zu bleiben denke. Für heute lebe wohl!“

Er wandte sich nach dem anstoßenden Gemach, aber auf der Schwelle zögerte er einen Moment, wie um eine nochmalige Annäherung Benedict’s zu erwarten, doch dieser verharrte unbeweglich auf seinem Platze, und mit einer raschen, unmuthigen Bewegung trat der Graf in das Cabinet seines Bruders.

„Ist die Unterredung schon zu Ende?“ fragte dieser befremdet aufblickend.

Rhaneck warf sich finster in einen Sessel. „Bruno ist wieder einmal unzugänglicher als je! Diese eisige Zurückhaltung und Verschlossenheit ist nicht zu überwinden!“

Der Prälat lächelte etwas hohnvoll und ein leiser Hohn lag auch in seiner Stimme. „Pater Benedict hat wohl wieder Deine Zärtlichkeit mit seiner unterwürfigen Kälte zurückgewiesen? Ich dachte es mir! Sonst wäre der Liebling nicht so schnell entlassen worden. Du thätest besser, sie Deinem eigenen Sohne zuzuwenden.“

Rhaneck fuhr auf. „Meinem Sohne! Und Bruno – ?“

„Ich meine den künftigen Majoratsherrn, Ottfried Grafen zu Rhaneck!“ Die Stimme des Prälaten klang scharf und schneidend. „Ihm allein bist Du diese Regungen von Zärtlichkeit schuldig, die Pater Benedict weder verstehen kann noch darf.“

Der Graf stützte den Kopf in die Hand. „Laß das ruhen!“ sagte er gepreßt. „Du weißt, in dem Punkte gehen unsere Ansichten auseinander.“

„Ja, nur allzusehr! Du wirst dieser Schwäche doch niemals Herr werden, das habe ich längst eingesehen. Du hast Recht, es ist am besten, der alte Streit bleibt ruhen. Laß uns davon abbrechen!“ –

Pater Benedict hatte inzwischen, als er sich verabschiedet sah, die Gemächer des Abtes verlassen und öffnete jetzt die Thür zu dem Kreuzgange, der die Prälatur mit den übrigen Räumen des Klosters verband. In dem schattig kühlen Raume gingen zwei Männer, im Gespräch begriffen, langsam auf und nieder. Der eine, gleichfalls ein Benedictinermönch, der Prior des Klosters, mit klugen, aber unangenehmen Zügen und stechenden schwarzen Augen, die einen eigenthümlich lauernden Ausdruck hatten, schien das Wort zu führen, während sein Begleiter mit einer Art unterwürfiger Freundlichkeit zuhörte. Es war ein Mann, schon hoch bei Jahren, er stand bereits auf der Schwelle des Greisenalters, die Kleidung eines Weltgeistlichen, die er trug, war sehr einfach, um nicht zu sagen dürftig, und doch schien sie mit ganz besonderer Sorgfalt in Stand gesetzt zu sein. Spärliches weißes Haar kam unter dem schwarzen Käppchen zum Vorschein, welches das fast kahle Haupt bedeckte. Das blasse eingefallene Gesicht verrieth zwar keine hervorragende Intelligenz, aber es hatte einen freundlich bescheidenen, ja demüthigen Ausdruck und in den hellen Augen, die das Alter noch nicht getrübt, lag etwas wie stille Resignation. Seine ganze Haltung hatte etwas Gedrücktes und Schüchternes, er fühlte sich offenbar nicht heimisch auf diesem Marmorfußboden und in der Gegenwart des Priors, der in gönnerhafter, vornehm herablassender Art zu ihm sprach.

Bei dem Eintritt Benedict’s verstummte die Unterhaltung und Beide wandten sich dem Eintretenden zu, der mit dem üblichen Klostergruße an ihnen vorüber wollte, der Prior hielt ihn jedoch zurück.

„Ist die Audienz bei dem Herrn Prälaten schon beendet?“

„Ja, Hochwürden.“

„So?“ Der Prior schien befremdet, er machte eine nachlässig vorstellende Bewegung mit der Hand. „Pater Benedict, der Jüngste unserer Brüder“ – und zu diesem gewendet fuhr er fort: „Sie kennen ja wohl den Herrn Pfarrer Clemens noch nicht?“

„Nein, Hochwürden.“

„Er ist unser Gast für einige Tage! Wird der Herr Graf Rhaneck heut zur Tafel bleiben?“

„Ich weiß nicht.“

Der Prior sah ihn mit einem Blicke an, der deutlich verrieth, wie wenig er mit diesen einsilbigen Antworten zufrieden war. [26] Benedict schien das nicht zu bemerken, er wartete schweigend auf weitere Fragen seines Vorgesetzten, und als diese nicht erfolgten, neigte er sich wie vorhin, schritt durch den Kreuzgang, und verschwand durch die entgegengesetzte Thür.

Der Prior blickte ihm eine Weile nach und wendete sich dann mit dem Ausdruck unverstellten Hohnes zu seinem Begleiter.

„Da sehen Sie, Reverendissime, unseren zukünftigen Abt und Herrn – nach dem Willen des Prälaten und seines Bruders nämlich, die ihn schon als solchen betrachten.“

Der alte Pfarrer sah ihn fast erschreckt an. „Sie scherzen, Hochwürden! Dieser junge Priester!“

„Ist das Schooßkind des Prälaten, das Wunder des ganzen Klosters, man hat sehr hochfliegende Pläne mit ihm. Es ist nur ein Glück, daß mit dem Tode eines Abtes auch dessen Regiment aufhört, und die Freiheit der Wahl an uns zurückfällt. Pater Benedict müßte etwas weniger hochmüthig sein, und sich vor allen Dingen weniger Feinde unter den Brüdern machen, wenn er im Ernste von einer dereinstigen Erhebung träumen wollte, auf die jeder Andere denn doch mehr Anspruch hat, als er.“

„Mir schien in dem Wesen des jungen Paters nichts von Hochmuth zu liegen,“ wendete der Pfarrer schüchtern ein, „ich fand seine Haltung im Gegentheil unterwürfig und durchaus geziemend.“

Der Prior zuckte verächtlich die Achseln. „Ja, die Klostervorschriften hat er trefflich eingelernt, und dennoch gebe ich Ihnen mein Wort, es ist der hochmüthigste Starrkopf, der je eine Kutte getragen. Sie haben es ja gehört. ‚Ja‘ und ‚Nein‘ und ‚Ich weiß nicht‘, weiter ist überhaupt nichts aus ihm herauszubringen. Blicken Sie einmal in seine Augen, ob da etwas von Demuth und Unterwerfung geschrieben steht, ich lese ganz andere Dinge darin. Wir werden noch etwas erleben an diesem Eindringling, der von Rechtswegen in einen Bettelorden gehört, und nicht in ein Herrenstift, das sich immer nur aus den ersten und besten Familien des Landes recrutirte und dies Privilegium bisher festgehalten hat, trotz aller Klosterregeln. Aber unser Herr Prälat wollte und Seine Gnaden haben uns Alle so trefflich in Zucht, daß kaum Einer es mehr wagt, sein Veto noch geltend zu machen, diesem allmächtigen Willen gegenüber, genug, die Aufnahme ward durchgesetzt.“

„Pater Benedict ist also von sehr niedriger Herkunft?“

Ein boshaftes Lächeln glitt über die unangenehmen Züge des Priors. „Wie man’s nimmt! Es heißt, er sei der Sohn eines ehemaligen Dieners des gräflich Rhaneck’schen Hauses. Bah, wozu geben solche Leute den Namen nicht her, wenn man es ihnen gut bezahlt! Thatsache ist, daß Graf Rhaneck ganz vernarrt ist in diesen – Schützling; er liegt seinem Bruder fortwährend mit Briefen, und jetzt sogar persönlich an, ihm das Kleinod nur ja recht zu behüten, und Pater Benedict weiß nur zu gut, unter welcher mächtigen Protection er steht. Er versteht es meisterlich, das noli me tangere im Kloster zu spielen, keinen von den Brüdern würdigt er seiner Unterhaltung oder seines Umganges, Alle hält er sie sich vornehm fern, er, der Jüngste, der nur aus besonderer Gnade hier Aufgenommene! Freilich, er weiß, daß er sich schlechterdings Alles erlauben darf und in Allem geschützt wird.“

„Aber ich hörte bereits den Eifer und den Fleiß des jungen Bruders rühmen,“ wagte der Pfarrer mit seiner leisen schüchternen Stimme zu bemerken.

Das häßliche Lächeln von vorhin trat wieder auf die Lippen des Priors. „O ja, daran fehlt es ihm nicht, aber gerade dieser Eifer ist mir verdächtig. Er denkt zu viel! Das ist an und für sich schon gefährlich im Kloster, am gefährlichsten aber unter dem Regiment unseres Prälaten. Nicht wahr, Herr Mitbruder,“ ein halb mitleidiger, halb verächtlicher Blick glitt dabei über die dürftige Erscheinung des Greises, „damit haben Sie sich wohl niemals abgegeben?“

Jener verstand den Spott nicht. „Nein,“ sagte er treuherzig. „Ich habe redlich und treulich meines Amtes gewartet, aber mich nie an Grübeleien gewagt, die für mein geringes Wissen und Verstehen zu hoch waren.“

Der Prior legte ihm mit gönnerhafter Miene die Hand auf die Schulter. „Recht so! Deshalb werden Sie auch dereinst ruhig auf Ihrer Pfarre sterben, während Pater Benedict – nun, ich mag nicht zum Propheten werden. Lassen Sie uns gehen, soeben läutet die Mittagsglocke. Ich will sehen, daß ich Ihnen nach der Tafel die gewünschte Audienz beim Prälaten auswirke.“

[37] Die große, aus mehreren nebeneinanderliegenden Gütern bestehende Herrschaft Dobra war fast ein Jahrhundert lang in den Händen einer alten, reichen Adelsfamilie gewesen. Aber der Reichthum hatte mit der Zeit mehr und mehr abgenommen, und endlich war der letzte Rest desselben durch schlechte Bewirthschaftung und unsinnige Verschwendung, die, wie das meist zu geschehen pflegt, mit äußeren Unglücksfällen Hand in Hand gingen, dahingeschmolzen. Der letzte Graf Seltenow vermochte die über und über verschuldeten Besitzungen nicht mehr zu halten, und da bei dem notorisch schlechten Zustande derselben und den Anforderungen der Gläubiger, die sofortige Deckung verlangten, sich lange Zeit hindurch kein Käufer fand, so gelangten sie endlich für einen Preis, welcher allerdings gleichbedeutend mit dem Ruin des Grafen war, in die Hände eines Fremden, der wie vom Himmel geschneit plötzlich mitten unter die Großgrundbesitzer des Landes fiel, die in dieser Gegend ausschließlich aus dem hohen Adel und der Geistlichkeit bestanden.

Man wußte von diesem Günther eigentlich nichts weiter, als daß er bürgerlich und protestantisch sei; aber diese beiden Eigenschaften waren hinreichend für die gesammte Nachbarschaft, um sofort Front gegen ihn zu machen. Er ward als nicht umgangsfähig erachtet, und man beschloß, ihm dies bei der ersten Gelegenheit ein für alle Mal fühlbar zu machen.

Leider blieb diese so sicher erwartete Gelegenheit gänzlich aus, denn der neue Besitzer unternahm auch nicht das Geringste, was einem Annäherungsversuche ähnlich sah. Er machte weder die üblichen Besuche, noch suchte er überhaupt Umgang, ignorirte vielmehr die ganze vornehme Nachbarschaft so vollständig und beharrlich, daß diese ganz folgerichtig anfing, sich jetzt mit ihm zu beschäftigen, und in der That bot Dobra ihr Anlaß genug dazu, denn die neuen Schöpfungen wuchsen dort in nie geahnter Schnelle und Großartigkeit förmlich aus der Erde hervor. Der neue Gutsherr entwickelte eine so rastlose Thätigkeit, einen so riesigen Unternehmungsgeist und verfügte dabei augenscheinlich über so bedeutende Geldmittel, daß das anfängliche Achselzucken sich allmählich in Neugierde, dann in Staunen und zuletzt in Bewunderung verwandelte. Dazu kam, daß die ganz neue Art der Bewirthschaftung in dem Boden und den Wäldern Dobras Reichthümer zu Tage förderte, die Niemand dort geahnt und folglich auch Niemand nutzbar gemacht hatte; kurz, noch war kein Jahr vergangen, da hatte sich die Sachlage total verändert und es konnte den Gütern, denen man achselzuckend auch den Ruin des jetzigen Besitzers prophezeit, eine bedeutende Zukunft nicht abgesprochen werden.

Günther hatte in der That Recht, wenn er seine Güter „eingekeilt zwischen Clerus und Aristokratie“ nannte: das Gebiet des Stiftes einerseits und das von Schloß Rhaneck andererseits grenzten unmittelbar daran, allerdings die vornehmste Nachbarschaft der ganzen Umgegend, denn die beiden Grafen, welche den Namen Rhaneck trugen, der Prälat und der jetzige Majoratsherr, nahmen dort unbestritten den ersten Rang ein. Es war ein altes, reiches und mächtiges Geschlecht, dem sie entstammten, und es hatte sich, im Gegensatz zu manchen anderen Standesgenossen, die in der Neuzeit und an ihr zu Grunde gingen, diese Macht und diesen Reichthum zu bewahren gewußt, Dank einem alten Familiengesetz, das die Heirathen der jedesmaligen Stammhalter in einer Weise vorschrieb und regelte, die den Glanz des Hauses, das zu vertreten sie berufen waren, nur noch mehr hob und befestigte. Auch Graf Ottfried hatte sich diesem Herkommen gefügt, oder fügen müssen, bei seiner Vermählung, die ziemlich spät erfolgte. Als jüngster Sohn des Hauses hatte er keinen Anspruch auf die Familiengüter und stand als Officier im Dienste eines anderen Staates, als der plötzliche und unerwartete Tod seines ältesten Bruders – der zweite war von Kindheit an der Kirche geweiht und hatte bereits die Klostergelübde abgelegt – ihn zum Majoratsherrn machte. Kurze Zeit darauf heirathete er und zwar eine der reichsten und vornehmsten Erbinnen des Landes. Es war eine Convenienzehe, die, von beiden Seiten ohne Neigung und ohne Widerwillen geschlossen, beide gleich kalt ließ, aber über etwaige Differenzen half die vornehme Art zu leben hinweg. Man erwies sich vor der Welt die nöthigen Rücksichten, im Uebrigen ging ein jedes von den Gatten seinen eigenen Weg, und man war und blieb sich fremd, ohne jemals einander nahe zu kommen. Von mehreren Kindern, die alle im zarten Alter starben, war nur eins übrig geblieben, der junge Graf Ottfried, der als dereinstiger Majoratsherr und Erbe von Rhaneck schon jetzt eine bedeutende Rolle spielte und gegenwärtig als Officier in der Residenz stand, wo auch sein Vater, der längst aus dem fremden Dienst in den seines eigenen Souverains übergetreten war, eine hervorragende und einflußreiche militärische Stellung einnahm.

Letzteres war auch der Grund, weshalb die gräfliche Familie den größten Theil des Jahres in der Residenz zubrachte, Rhaneck [38] wurde nur in den Sommermonaten benutzt. Es war eine jener malerischen, aber für die Entfaltung eines großen und glänzenden Haushaltes ziemlich unbequemen alten Burgen, an die man Jahre des Baues und Hunderttausende an Kosten verschwendet hatte, um sie möglichst historisch zu restauriren, und damit ein romantisches Stück Mittelalter mitten in die Neuzeit zu versetzen. Doch der Graf liebte es als das Stammschloß seiner Familie, vielleicht auch wegen der unmittelbaren Nachbarschaft seines Bruders, und so war er denn auch diesmal, in Begleitung seiner Gemahlin, zu dem gewöhnlichen Sommeraufenthalt hier eingetroffen, und auch der junge Graf wurde in diesen Tagen erwartet. –

Bereits waren mehrere Wochen vergangen, seit der Gutsherr von Dobra, der bisher allein dort gewohnt, seine junge Schwester hatte zu sich kommen lassen. In dem äußeren Haushalt hatte deren Ankunft wenig oder gar keine Veränderung hervorgerufen, denn so großartige Summen der neue Besitzer auch auf seine Güter verwendete, so anspruchslos zeigte er sich in Allem, was seine Person und seine nächste Umgebung betraf. Das Schloß, ein großes und trotz seiner Verwahrlosung doch in vieler Hinsicht prachtvolles Gebäude, war unter allen Dingen das letzte, was sich seiner Aufmerksamkeit erfreute. Er hatte eben nur diejenigen Räume in Stand setzen lassen, die für seine persönlichen Bedürfnisse nothwendig waren, und denen sich in letzter Zeit noch die Zimmer für seine Schwester und deren Erzieherin beigesellten; alle die übrigen Gemächer standen leer und unbewohnt, und der höchst einfache Haushalt, dem nur die nothwendigste Dienerschaft beigegeben war, ging auch nach der Ankunft der beiden Damen ganz in gewohnter Ruhe und Regelmäßigkeit seinen Gang.

In diese Ruhe und Regelmäßigkeit aber kam nun Fräulein Lucie wie ein Wirbelwind hineingefahren. Sie ließ keinen Menschen und kein Ding in Ruhe, kehrte das Unterste zu oberst und brachte mit ihren Einfällen und Neckereien oft genug das ganze Haus in Aufruhr. Noch viel zu kindisch, um sich an den Bruder oder die Erzieherin anzuschließen, fand sie im Gegentheil in den halberwachsenen Knaben des Inspectors die willkommensten Spielcameraden, und diese hoffnungsvollen Sprößlinge hatten nicht sobald die Entdeckung gemacht, daß Alles, was die junge Dame anstiftete, ungestraft passirte, als sie ihr nach Kräften dabei halfen. Jetzt verging kein Tag, an dem nicht Diesem oder Jenem im Hause irgend ein Possen gespielt ward, dessen Urheber sich wohl errathen, aber niemals erwischen ließ, und Letzteres um so weniger, als gewöhnlich die gesammte Haus- und Hofdienerschaft, deren erklärter Liebling Lucie gleich vom ersten Tage an geworden war, mit im Complot steckte. Man trug das junge Fräulein geradezu auf Händen; und obgleich Niemand vor ihren Koboldstreichen sicher war, und ein Jeder gewärtig sein mußte, daß morgen die Reihe an ihn kommen werde: wo die braunen Locken flatterten und die blauen Augen strahlten, da war auch Sonnenschein und es gab Niemand in ganz Dobra, der es vermocht hätte, diesem Sonnenschein gegenüber auch nur eine Stunde lang ernstlich zu grollen.

Günther erfuhr in Folge dessen nur selten etwas von solchen Vorgängen. Durch seine Thätigkeit meist draußen festgehalten, fand er in der That nicht viel Zeit, sich um das Haus und um seine Schwester zu kümmern. Im Ganzen behandelte er sie mit ziemlicher Nachsicht, wie ein verzogenes Kind, dessen Launen und Thorheiten man hingehen läßt, so lange sie unschädlich sind, und denen man mit einem einfachen Verbot ein Ende macht, sobald sie anfangen, unbequem zu werden. Er ließ Lucie meistentheils gewähren, sobald es sich aber um irgend eine ernste Angelegenheit handelte, schob er sie ohne Weiteres als gänzlich überflüssig und unzurechnungsfähig bei Seite. Freilich wurde das Selbstgefühl der jungen Dame dadurch auf’s Tiefste verletzt, aber sie hatte bereits hinreichend erfahren, daß bei dem Bruder mit Bitten und Schmeicheln ebensowenig auszurichten war, wie mit Schmollen und Weinen, und diese Erfahrung war denn auch die einzige Rücksicht, die ihrem Uebermuth einen heilsamen Zügel auferlegte, der sich, sobald Bernhard nur den Rücken wandte, Alles erlaubte und auch Alles erlauben durfte. Dieser Mann mit seinem scheinbar so nichtssagenden Gesicht und seiner so gleichgültigen Ruhe, die nichts überstürzte, aber auch nichts verzögerte, und stets zur rechten Zeit und am rechten Orte eingriff, wußte, wie er ganz Dobra in Respect hielt, auch seine junge Schwester in Respect zu halten, und letzteres war nach der unumstößlichen Meinung von deren Erzieherin jedenfalls das Schwerere von beiden.

„Nein, Lucie, das geht denn doch etwas zu weit! Ich sollte meinen, wir hätten Alle schon genug von Ihren Koboldstreichen zu leiden gehabt, daß Sie nun endlich Ruhe geben könnten, aber dieser letzte übersteigt wirklich alle Begriffe!“

Die Erzieherin, welche diese Strafpredigt hielt, während sie in aller Majestät einer zürnenden Gouvernante vor ihrem Zöglinge stand, gehörte nun allerdings nicht zu jener Kategorie, die Lucie in ihrem Protest dem Bruder gegenüber so treffend gekennzeichnet hatte. Es bedurfte nur eines einzigen Blickes auf diese resolute Dame, um sie von dem Vorwurf der Nervosität ein für alle Mal frei zu sprechen, und wer die energischen Bewegungen sah, mit denen sie ihre Rede begleitete, kam auch nicht mehr in Versuchung, sie für steif zu halten. Fräulein Reich mochte bereits im Anfange der Dreißig stehen, konnte aber dessen ungeachtet noch für hübsch gelten. Groß und kräftig gebaut, mit starken, aber nicht unangenehmen Zügen, blond und helläugig war sie jedenfalls eine äußerst stattliche Erscheinung, und obgleich ihre Stimme jetzt in allen Tonarten des Zornes grollte, und sie dabei wie aus einem Donnergewölk auf ihre kleine zarte Pflegebefohlene herabblickte, machte dieser Zorn doch einen mehr komischen als widerwärtigen Eindruck, man konnte sich dabei des unwillkürlichen Gedankens nicht erwehren, daß es nicht so schlimm gemeint sei, als es aussah.

Fräulein Lucie saß in der Laube und zeichnete; sie hatte den Kopf tief auf die Arbeit herabgebeugt, ob aus Zerknirschung über die Strafpredigt, leider nicht die erste, die ihr gehalten ward, oder um das verrätherische Zucken ihrer Mundwinkel zu verbergen, ließ sich nicht entscheiden, jedenfalls zeichnete sie sehr eifrig und beachtete ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit nicht im Geringsten das Bitten und Schmeicheln ihres kleinen Hundes, der neben ihr auf der Bank lag und große Lust zum Spielen zeigte.

„Es ist himmelschreiend!“ eiferte die Gouvernante weiter. „Da hat die arme, alte Person, die Wirthschafterin, unglücklicherweise verrathen, daß sie abergläubisch ist, und seitdem spukt es allabendlich im ganzen Schlosse, auf allen dunklen Gängen und finsteren Corridoren, so daß Niemand von den Leuten sich mehr aus der Thür wagt und Frau Schwast beinahe krank geworden ist vor Schreck. Sie werden noch einmal ein Unglück anrichten mit ihren heillosen Einfällen!“

„Es spukt im Schlosse?“ fragte Lucie, indem sie den Kopf hob und ihre Gouvernante mit der unschuldigsten Miene von der Welt anblickte. „O, das ist ja merkwürdig!“

„Merkwürdig? Abscheulich ist es! Denken Sie, ich wüßte nicht, wer die gottlosen Jungen des Inspectors wieder zu der Gespensterkomödie angestiftet hat und wer eigentlich den ganzen Geisterapparat erfindet und leitet? Aber ich werde Herrn Günther die Sache vortragen, und dann gnade Gott den Gespenstern, wenn ihm eins davon in die Hände fällt!“

„Ach nein, sagen Sie nur Bernhard nichts davon!“ rief Lucie erschreckt; „es soll nicht mehr spuken, gewiß nicht mehr!“

Fräulein Reich schüttelte grollend das Haupt. „Also läßt man sich doch endlich zum Geständniß herbei. Sie sollten sich schämen, Lucie, so mit den Knaben herumzutollen, während Sie doch schon eine erwachsene junge Dame sein wollen, aber Ihnen steckt die Kinderei noch ganz und gar im Kopfe. Das ist überall und nirgends, das dreht und wendet sich mir unter den Händen mit Lachen und Schmeicheln, und während ich Sie wegen des einen Postens zur Rede stelle, sinnen Sie schon wieder auf einen neuen, der sicher hinter meinem Rücken ausgeführt wird. Das ganze Haus hilft Ihnen ja leider Gottes dabei, Alles haben Sie mit Ihren Thorheiten angesteckt, Alles ist im Complot mit Ihnen, man müßte hundert Augen und Hände haben, um solch einer Quecksilbernatur Herr zu werden. Sie werden mir das Zeugniß geben, daß ich nicht zu den Schwachen und Nachsichtigen gehöre, ich hatte auf der Schule in N. eine ganze Classe widerspenstiger, lärmender Schüler in Ordnung zu halten, und ich habe sie in Ordnung gehalten, aber mit einem solchen Wildfang wie Sie fertig zu werden, das versuche eine Andere – ich gebe es auf!“

„Was geben Sie auf?“ fragte plötzlich Günther’s Stimme, der unbemerkt den Gang heraufgekommen war, und jetzt in die Laube trat. Lucie fuhr von ihrem Sitze empor und sprang ihm entgegen, ohne sich im Mindesten darum zu kümmern, daß sie dabei die Zeichenmappe vom Tische herabriß und die Blätter nach allen Richtungen hin auseinanderflatterten.

„Bernhard, vor einer Stunde war ein Bote des Baron [39] Brankow hier, der Dir persönlich einen Brief übergeben wollte. Wir wußten nicht, wohin Du geritten warst. Hat er Dich gefunden?“

Günther nahm ruhig seine Schwester beim Arm und drehte sie nach dem Tische herum. „Willst Du nicht vor allen Dingen die. Güte haben, Deine Zeichnungen wieder aufzunehmen? – Was wollten Sie ein für alle Mal aufgeben, Fräulein Reich?“

Das Fräulein schien in dem heftigen Erguß von vorhin ihren Vorrath an Zorn so ziemlich erschöpft zu haben, und zum Ueberfluß stahl sich nun auch Lucie, die eiligst die umhergestreuten Blätter aufgerafft hatte, an ihre Seite. Sie legte schmeichelnd den linken Arm um ihre Gouvernante und lehnte den Kopf an deren Schulter, das Fräulein machte zwar einen unwilligen Versuch, sich zu befreien, aber es blieb bei dem Versuche, denn die kleine Hand hielt fest und die Antwort fand demzufolge auch in bedeutend herabgestimmtem Tone statt.

„Ich habe Lucien wieder einmal eine Vorlesung halten müssen, sie ist leider unverbesserlich!“

„So, nun da werde ich wohl einschreiten müssen!“ meinte Günther, dem das Manöver seiner Schwester nicht entgangen war. „Ich wollte Sie ohnedies bitten, mich auf einem Gang durch den Garten zu begleiten, da ich mit Ihnen etwas zu besprechen habe; Lucie mag inzwischen weiter zeichnen.“

Die kleine Hand lag noch immer schmeichelnd auf dem Arme, und jetzt unterstützten auch die Augen sehr beredt jene stumme Bitte; das Fräulein wandte denn auch zwar mit einer ärgerlichen Bewegung den Kopf seitwärts, aber aller Groll war aus ihren Zügen verschwunden, und triumphirend und gänzlich unbesorgt über den Ausgang des Gesprächs kehrte Lucie zu ihrem Sitz zurück, – weiter zu zeichnen. Sobald ihr die Beiden nämlich aus dem Gesicht waren, warf sie den Stift bei Seite, hob ihren kleinen Hund auf den Tisch, setzte ihn mitten unter die Zeichnungen und begann ihn zu necken, mit dem ersten Besten, was ihr in die Hände fiel, in diesem Falle mit dem Sonnenschirm ihrer Gouvernante, der unglücklicherweise neben ihr auf der Bank lag, und den sie nun ganz rücksichtslos den Pfoten und Zähnen des Thieres preisgab.

Die Besitzerin des mißhandelten Sonnenschirms schritt mittlerweile an Günther’s Seite durch den Garten. Seit seinem Erscheinen war in dem Wesen des Fräuleins eine merkwürdige Veränderung vorgegangen, sie zeigte sich nicht im mindesten geneigt, sich auf die vorhin so eifrig herbeigewünschte Autorität zu stützen, im Gegentheil, sie setzte sich ihr gegenüber in eine Art Kriegsbereitschaft, augenscheinlich entschlossen, ihren eben noch so hart gescholtenen Zögling auf Tod und Leben zu vertheidigen. Ob Günther etwas davon ahnte, oder ob er die Taktik des Fräuleins bereits kannte, genug, er ließ den eigentlichen Hauptgegenstand des Gesprächs vorläufig fallen.

„Ich habe soeben einen Brief des Baron Brankow erhalten,“ begann er ruhig, „eine Einladung zu dem morgen auf seinem Gute stattfindenden Feste. Die Sache kommt mir ebenso überraschend als unangenehm, da ich dem Baron weder einen Besuch gemacht, noch mich überhaupt jemals um ihn gekümmert habe. Man wird wohl seine Gründe haben, indessen die Zuvorkommenheit ist, äußerlich wenigstens, eine so auffallende, daß sie sich nicht zurückweisen läßt. Es würde aussehen wie eine Flucht vor der Nachbarschaft, und in den Verdacht möchte ich mich denn doch nicht bringen. Ich habe also angenommen.“

Das Fräulein hatte schweigend und sichtbar befremdet zugehört. „Und Lucie?“ fragte sie endlich.

„Lucie ist gleichfalls eingeladen, ich hatte auch die Absicht, sie mitzunehmen, da sie Ihnen aber Grund zur Klage giebt, so wird sie wohl zu Haus bleiben müssen.“

„Warum nicht gar!“ fiel das Fräulein halb erschreckt, halb entrüstet ein. „Sie wollen sie doch nicht etwa gar strafen, einer Kinderei wegen, um deren willen ich sie schon hinreichend ausgescholten habe? Das arme Kind!“ hier traf ein diesmal ganz und gar entrüsteter Blick den Gutsherrn, „das arme Kind sitzt tagaus tagein hier in Dobra, ohne passenden Umgang, ohne Altersgenossen; ist es da ein Wunder, wenn es auf allerlei Thorheiten verfällt? Und nun wollen Sie ihm auch noch das einzige Vergnügen rauben, das sich wirklich einmal darbietet! Lucie weint den halben Tag lang, wenn sie es erfährt, und das –“

„Können Sie nicht mit ansehen!“ vollendete Günther spöttisch. „Mir scheint, Fräulein Reich, wenn Sie auch mit Lucie nicht fertig werden können, Lucie ist längst mit Ihnen fertig geworden, wie überhaupt mit ganz Dobra.“

„Sie ausgenommen!“ ergänzte das Fräulein, aber wenn sie mit den Worten ein Compliment beabsichtigte, so verdarb sie Alles wieder durch den Nachsatz, der ihr im vollen Aerger herausfuhr. „Mit Ihnen ist überhaupt nicht fertig zu werden!“

„Meinen Sie?“ fragte Günther sehr gelassen, indem er die Arme kreuzte und sie mit unzerstörbarer Ruhe anblickte.

„Ja, das meine ich!“ erklärte Fräulein Reich, noch mehr gereizt durch diesen Gleichmuth. „Ich nehme mir die Freiheit, zu behaupten, daß ich denn doch zehn Mal lieber mit Luciens Quecksilbernatur zu thun haben will, als mit Ihrer entsetzlichen Gelassenheit, die durch nichts aus der Fassung zu bringen ist, an der Alles abgleitet, was einen vernünftigen Menschen zur Verzweiflung treiben könnte, und vor der gleichwohl ganz Dobra zittert!“

„Sie ausgenommen!“ parodirte Günther, der den ganzen Ausfall hingenommen hatte, ohne auch nur eine Miene zu verziehen.

„Ich?“ Das Fräulein hob sehr entschieden den Kopf; „ich habe in meinem ganzen Leben überhaupt noch vor Niemand gezittert, und vor Ihnen –“

„Am allerwenigsten! Bitte, scheuen Sie sich nicht, den Nachsatz auszusprechen, ich lese ihn doch deutlich genug aus Ihrem Gesicht.“

Fräulein Reich wandte sich ärgerlich ab, augenscheinlich bemüht, ihr heißblütiges Temperament niederzukämpfen.

„Ich habe es Ihnen vorher gesagt, als Sie mich von N. herberiefen,“ sagte sie kurz, „wir würden uns hier ebenso wenig vertragen, uns genau ebenso oft zanken, wie einst in unserem Dorfe, wenn Sie vom Forsthaus in das Pfarrhaus kamen.“

Günther zeichnete gleichgültig mit seiner Reitpeitsche Figuren in den Sand. „Ja, richtig! Sie konnten niemals Ruhe halten!“

„Bitte um Entschuldigung, Sie waren es, der nie Ruhe gab, bis der Zank im vollen Gange war; ich hatte genug zu thun, mich nur zu wehren.“

„Nun, was das Wehren anbetrifft –“ meinte Günther trocken. „Franziska Reich verstand es von jeher, dem ‚unerträglichen Bernhard‘ die Spitze zu bieten.“

Das Antlitz des Fräuleins überflog eine leichte Röthe bei dieser in früheren Tagen wahrscheinlich oft ausgesprochenen Reminiscenz aus der Jugendzeit. „Bernhard Günther ist inzwischen im Leben emporgekommen!“ sagte sie plötzlich ernst, aber ohne die geringste Bitterkeit, „und Franziska Reich ist die arme Pfarrerstochter geblieben, die sich als Gouvernante ihr Brod verdienen muß. Wir stehen nicht mehr gleich auf gleich wie damals.“

„Und doch lesen Sie Mir den Text genau so wie damals.“

„Werden Sie Lucie mitnehmen?“ fragte das Fräulein kurz abbrechend.

Günther schien etwas verstimmt durch dies entschiedene Vermeiden des von ihm angeregten Themas. „Auf Ihre Verantwortung!“ sagte er ebenso kurz und wandte sich zum Gehen.

„Auf meine Verantwortung!“ bestätigte das Fräulein, indem sie ihm gleichfalls ohne alle Ceremonien den Rücken wandte und nach der Laube zurückkehrte, wo sie ihren Zögling noch im besten Spiel mit dem Hunde, und ihren Sonnenschirm unter den Zähnen des letzteren fand.

Die empörte Dame schlug die Hände über dem Kopf zusammen, sie warf den Hund vom Tische, setzte sich energisch in Besitz ihres Eigenthums und begann Lucien eine erneute Strafrede zu halten, worin sie ihr zu Gemüth führte, daß sie ganz und gar nicht der Vergünstigung werth sei, die man ihr eben noch ausgewirkt, aber Lucie ließ ihr keine Zeit zu endigen. Sobald sie erfuhr, um was es sich handelte, sprang sie mit einem lauten Schrei des Entzückens empor und überfiel die Erzieherin förmlich mit so ungestümen Liebkosungen, daß der kleine Hund, der mit jener ohnehin nicht auf besonders freundschaftlichem Fuße stand, auf die Idee gerieth, es gelte hier einen Angriff, und in pflichtschuldiger Unterstützung seiner jungen Herrin laut bellend nach dem Kleide des Fräuleins fuhr.

„Um Himmelswillen!“ rief diese empört, „wollen Sie mich von oben todtdrücken und von unten zerreißen lassen? Bringen Sie das kleine Ungethüm zur Ruhe und lassen Sie mich los, oder ich rufe um Hülfe!“

Lachend beruhigte Lucie den Hund, aber die Zeichenstunde fortzusetzen, erwies sich als unmöglich. Das ganze Köpfchen der [40] jungen Dame wirbelte bei dem Gedanken an diese erste große Gesellschaft, die sie mitmachen sollte, zuerst kamen Erkundigungen über das Wo, Wie und Wann, dann wurde die Toilettenfrage erörtert – die Erzieherin sah, daß heute absolut nichts mehr zu erreichen war, sie gab den Unterricht auf.

„Lucie,“ sagte sie feierlich, „es giebt zwei Dinge auf der Welt, die ich noch zu erleben wünschte, aber leider liegen sie alle beide im Bereiche der Unmöglichkeit. Ich möchte den Menschen sehen, der im Stande ist, Sie zum Ernst und zur Vernunft zu bringen, und ich möchte das Wesen kennen lernen, das fähig wäre, Ihren Bruder auch nur um ein Haar breit von dem abzubringen, was er sich einmal in den Kopf gesetzt hat zu thun. Ihr Geschwister seid zwei Gegensätze, die nur eine Aehnlichkeit miteinander haben – es ist mit beiden nichts anzufangen!“




Das Fest, mit welchem Baron Brankow seinen Namenstag feierte, hatte bereits seinen Anfang genommen. Das dortige Herrenhaus konnte nun freilich nicht im Entferntesten mit dem großartigen Aufwande, der in der Prälatur des Stifts, oder der schweren alterthümlichen Pracht, die in Schloß Rhaneck herrschte, den Vergleich aushalten, es war eben nur der einfache Sitz eines Landedelmannes aus gutem alten Hause; aber dies Haus war reich und gastfrei, und hatte sich dadurch zu einer Art von Mittelpunkt für die Geselligkeit der Umgegend gemacht. Man kam gern zu diesen Festen, und auch heute war die zahlreich geladene Gesellschaft ebenso zahlreich erschienen. Baron Brankow, ein kleiner freundlicher Herr, gutmüthig, eifrig und herzlich, ohne besondere aristokratische Würde, aber dafür mit allen Eigenschaften eines guten Wirthes begabt, empfing seine Gäste und geleitete soeben den Prälaten, der vor wenig Minuten angekommen war, zu einem Sessel am oberen Ende des Saales.

Der Abt des ersten und bedeutendsten Stiftes im Lande, das durch seinen Reichthum und seinen Einfluß eine fast fürstliche Stellung einnahm, pflegte mit seinen Besuchen sehr sparsam zu sein. Er erschien nur da, wo er wirklich auszeichnen wollte, und es gab nicht Viele, die sich rühmen konnten, ihn als Gast bei sich gesehen zu haben. Die Haltung des Barons und seiner Familie zeigte denn auch, daß sie diese Auszeichnung im vollsten Maße zu würdigen wußten, und die ganze übrige Gesellschaft empfing den hochgestellten Geistlichen mit der ihm gebührenden ehrfurchtsvollen Aufmerksamkeit.

Unmittelbar hinter seinem Oberen schritt Pater Benedict. Der Prälat fuhr niemals allein zu solchen Festen, er pflegte stets einen der Stiftsherren mit sich zu nehmen, die sich seiner besondern Gunst erfreuten, Es schien aber nicht, als ob der junge Priester den Vorzug zu würdigen wisse, der ihm zu Theil geworden, sein Antlitz trug den gewöhnlichen Ausdruck kalter Verschlossenheit und finster, fast feindselig blickte er auf das festliche Wogen und Treiben.

Dies Wogen und Treiben hatte übrigens heute nicht seine gewöhnliche, sich immer gleich bleibende Physiognomie, es lag eine leichte Aufregung darin, eine gewisse Unruhe, die bald genug auffiel. Man blickte oft nach der Thür, man flüsterte in Gruppen zusammen, irgend etwas Besonderes schien erwartet zu werden, irgend etwas Ungewöhnliches im Werke zu sein, und doch war dies nicht das Erscheinen des Grafen Rhaneck, der unmittelbar nach seinem Bruder eintrat, seine Gemahlin führend, während der junge Graf Ottfried den Beiden folgte. Zwar gab sich auch bei ihrer Ankunft die gleiche Bewegung kund, wie beim Eintritt des Prälaten; Rhaneck’s Stellung in der Residenz war eine zu bedeutende, um ihn nicht hier zu einer Autorität ersten Ranges zu machen, ganz abgesehen davon, daß er der reichste und vornehmste unter all’ den Nachbarn war; man empfing auch ihn mit der gleichen Ehrerbietung, wie seinen Bruder.

Die Gräfin war eine jener Erscheinungen, wie sie häufig genug vorkommen, vornehm, unbedeutend, langweilig, jedenfalls nicht die Frau, die einen Mann wie ihren Gemahl zu fesseln verstand. Ihr Sohn Ottfried trug unverkennbar die Rhaneck’schen Familienzüge, er glich äußerlich sehr dem Vater, aber ihm fehlte die feurige Lebhaftigkeit desselben, ebenso sehr wie die energische Ruhe des Oheims, sein ganzes Wesen verrieth eine Blasirtheit, in der alle anderen, vielleicht besseren Eigenschaften zu Grunde gegangen waren. Der noch so junge Mann hatte augenscheinlich schon alle Freuden des Lebens ausgekostet und war ihrer überdrüssig geworden, da war auch kein Hauch mehr von jener Kraft und jenem Feuer, das der alte Graf sich bis in seine späteren Jahre hinein bewahrt hatte, der schmächtige junge Officier mit den schlaffen Zügen und den matten Augen nahm sich neben der stattlichen Erscheinung des Vaters ziemlich unvortheilhaft aus.

Rhaneck hatte kaum den Bruder begrüßt und mit der Frau vom Hause gesprochen, als er sich auch bereits von allen Seiten in Anspruch genommen sah. Auch Ottfried befand sich bald genug in einem Kreise von Altersgenossen, die ihn mit Fragen und Erkundigungen nach der Residenz bestürmten. Die Gräfin dagegen saß im Kreise der Damen, ließ ihre reiche Toilette glänzen bewegte den Fächer langsam auf und nieder, und ließ nur sehr selten eine Bemerkung laut werden, sie hatte das Möglichste durch ihr Erscheinen hier gethan, und die Gesellschaft konnte und mußte es sich an dieser Ehre genug sein lassen.

„Aber, bester Brankow“ – der Graf hielt den Baron, der an ihm vorüber wollte, auf einen Moment lang fest – „sagen Sie mir nur, was ist das heute mit Ihren Gästen? Das ist eine Unruhe, eine Zerstreutheit überall! Erwartet man Jemand, oder haben Sie uns irgend eine Ueberraschung aufbehalten?“

Der Baron lächelte etwas gezwungen. „Beides vielleicht! Aber dieser Herr Günther scheint den Vornehmen spielen zu wollen, er läßt sich lange erwarten!“

Der Graf fuhr auf, als habe er unversehens einen Schlag erhalten.

„Wer?“

„Nun, unser Nachbar von Dobra! Sie wissen doch, daß er eingeladen ist?“

Graf Rhaneck trat einen Schritt zurück und sah den Baron von oben bis unten an. Die verbindliche Artigkeit in seinem Gesichte machte einem wahrhaft eisigen Ausdruck Platz.

„Man muß gestehen, Brankow, Sie muthen Ihren Gästen sehr viel zu!“ sagte er kalt.

„Aber mein Gott!“ rief der Baron befremdet, „sind Sie denn davon nicht unterrichtet? Die Einladung geschah ja doch auf speziellen Wunsch des hochwürdigsten Herrn Prälaten.“

„Meines Bruders?“ In der Stimme des Grafen mischten sich Unglaube und Zorn miteinander.

„Gewiß! Ich meinerseits hätte sicher nicht die Initiative in einer so delicaten Angelegenheit ergriffen; aber der Herr Prälat schien so großen Werth auf die Erfüllung seines Wunsches zu legen, machte sie so zu sagen zur Bedingung seines Erscheinens, daß ich nicht umhin konnte, diesen, ich gestehe es, mir sehr unangenehmen Schritt zu thun.“

Der Graf stand starr wie eine Bildsäule; als eben in diesem Augenblicke Brankow von anderer Seile her angesprochen ward, drehte er sich kurz um, ging auf seinen Bruder zu und zog ihn hastig mit sich in eine Fensternische.

„Weißt Du, daß man diesen Günther von Dobra heute hier erwartet?“

„Allerdings!“ Die Antwort des Prälaten klang sehr bestimmt, er hatte den Sturm kommen sehen.

„Und ist es wahr, was Brankow behauptet, daß die Einladung auf Deine Veranlassung, auf Deinen speciellen Wunsch geschehen ist?“

„Auch das ist wahr.“

„Nun, das begreife ein Anderer, mir fehlt jedes Verständniß dafür!“ rief der Graf empört und schlug leise, aber heftig mit seinem Fuße den Boden, daß die Sporen klirrten.

Der Prälat zuckte leicht die Achseln. „Du weißt, daß ich meine Gründe habe, den Mann kennen zu lernen. Ich muß ihn Auge im Auge sehen, muß ein Urtheil über seine Persönlichkeit haben, um zu wissen, was von ihm zu erwarten ist. Mir in meiner Stellung war jede Annäherung unmöglich; ich konnte ihm nur auf neutralem Boden begegnen, also mußte sich Brankow dazu hergeben.“

„Du ordnest wie gewöhnlich Deinen ‚höheren Gründen‘ alle und jede Rücksicht unter“, sagte der Graf bitter, „und scheinst ganz zu vergessen, daß Du dem Menschen mit dieser Einladung den Weg in unsere Kreise bahnst, die ihm bisher verschlossen waren, daß Du der ganzen Nachbarschaft ein höchst gefährliches Beispiel, ein unbegreifliches Aergerniß giebst.“

Ein kaum bemerkbares Spottlächeln spielte um die Lippen des Prälaten, während sein Blick die Gesellschaft überflog.

[53] „Meinst Du?“ entgegnete der Prälat seinem Bruder. „Ich fürchte das Gegentheil. Man brennt vor Neugierde, diesen neuen Herrn von Dobra kennen zu lernen, und da man sich sehr bequem mit meiner Verantwortung decken kann, so glaube ich eher, auf die allgemeine Dankbarkeit rechnen zu dürfen.“

„Wie es Dir beliebt!“ erklärte der Graf kalt. „Zum Mindesten wirst Du es begreiflich finden, wenn ich und die Meinigen diesem – Herrn möglichst fern bleiben. Ich liebe nicht die Berührung mit Emporkömmlingen solcher Art.“

„Hattest Du immer eine so entschiedene Antipathie gegen das Bürgerthum?“ fragte der Prälat leise und hohnvoll.

Rhaneck wollte auffahren. „Bruder!“

„Ruhig, Ottfried! Du vergißt, daß wir nicht allein sind und daß alle Welt uns beobachtet. Ich kann die Widersprüche in Deinem Charakter nicht leiden, sonst hätte ich Dir die Erinnerung erspart. – Uebrigens habe ich Dir Benedict mitgebracht. Sprachst Du ihn schon?“

Der Prälat hatte das rechte Beruhigungsmittel ergriffen. Die Züge des Grafen wurden sofort sanfter, als er den Genannten erblickte, der in einiger Entfernung von ihnen stand. Ueberdies machte das Hervortreten des jungen Grafen dem Gespräch jetzt ein Ende; der Prälat wandte sich zu seinem Neffen.

„Nun, wie findest Du Dich in unsere Bergeseinsamkeit nach Deinem Residenzleben?“ fragte er halb scherzend.

Auf dem Gesichte Ottfried’s stand deutlich geschrieben, daß ihm Eins so langweilig erschien wie das Andere; indessen dem Oheim gegenüber wagte er doch nicht, seine ganze Blasirtheit zur Schau zu tragen.

„Nun, es ist immerhin eine Abwechslung! Allerdings haben mich die Berge nicht sehr freundlich empfangen bei dem ersten Besuch, den ich ihnen gestern abstatten wollte. Ich ritt über die untere Brücke, von wo der Paß hinein in’s Gebirge führt, da scheut mein Pferd plötzlich, ohne irgend eine äußere Veranlassung, und ist nicht zu bewegen, auch nur einen Schritt vorwärts zu thun. Als ich das Thier schließlich zwingen will, bäumt es und stürzt mit mir, so daß ich von Glück sagen kann, unverletzt davongekommen zu sein. Der alte Florian, der hinter mir ritt, und der den Kopf immer voll Aberglauben und Spukgeschichten hat, behauptet steif und fest, Almansor habe irgend etwas Entsetzliches gesehen, und prophezeit mir alles mögliche Unheil. Nun, ich muß gestehen, glückverkündend war das Omen gerade nicht.“

Er sagte das lachend und spöttisch, aber der Graf, der die Erzählung seines Sohnes mit angehört hatte, runzelte leicht die Stirn.

„An der ganzen Sache wird wohl nur Dein wildes Reiten schuld sein. Du solltest Deine Gesundheit besser in Acht nehmen, Du weißt doch, wie sehr Du sie zu schonen hast.“

Sein Auge glitt dabei flüchtig über die matten Züge des Sohnes, aber in dem Blick lag keine Spur von jener angstvollen Zärtlichkeit, mit der er noch vor kurzem die Blässe eines anderen Gesichtes geprüft, und auch der Ton hatte mehr von Vorwurf als von Besorgniß.

„Noch eins!“ fuhr er rascher fort, „ich wollte Dir bei Gelegenheit des heutigen Festes den Pater Benedict zuführen. Du erinnerst Dich doch noch seiner?“

„Pater Benedict? Nein!“ sagte Ottfried gleichgültig.

„Du mußt Dich doch des Knaben Bruno entsinnen,“ nahm jetzt der Prälat das Wort. „Er kam, so viel ich weiß, öfter in Euer Haus, als er noch das Seminar in der Residenz besuchte.“

Ottfried sah aus, als halte er es für eine starke Zumuthung, seinen Kopf mit dergleichen Nichtigkeiten anzustrengen, indessen die Worte des Oheims schienen doch eine Erinnerung in ihm wachzurufen.

„Ah so, der junge Mensch, den Papa erziehen und ausbilden ließ! Richtig, der scheue störrische Bube, der nie zum Reden oder Spielen zu bringen war! Papa überhäufte ihn mit Wohlthaten, aber er zeigte sich nie besonders dankbar dafür, er mußte immer erst halb gezwungen werden, in’s Palais zu kommen. Ein unerträglicher Bursche!“

Der leise Hohn schwebte wieder um die Lippen des Prälaten, als er schweigend den Bruder ansah, über dessen Stirn aufs neue der schnell verschwindende rothe Schein lief.

„Ich habe nie begreifen können, wie Papa mir einen solchen Spielgefährten zumuthen konnte!“ fuhr der junge Graf fort, den Kopf hochmüthig zurückwerfend. „Er war ja wohl der Sohn irgend eines Bedienten, von einem unserer Güter.“

Rhaneck hatte stumm die Lippen zusammengepreßt, bei den letzten Worten aber zuckte er zornig auf.

„Was Pater Benedict gewesen ist, kommt für Dich jetzt nicht mehr in Betracht. Gegenwärtig ist er Priester, gehört er demselben Stande an, wie Dein Oheim, und Du wirst auch ihm die Achtung und Ehrfurcht zollen, die diesem Stande gebührt; ich verlange das ganz entschieden von Dir.“

[54] Die Zurechtweisung, obwohl mit gedämpfter Stimme gesprochen, klang schneidend scharf, aber freilich die Rhanecks waren streng katholisch, waren es von jeher gewesen, und der Prälat sorgte schon dafür, daß diese Sitte erhalten blieb. Ein Priester nahm dem sonst so ahnenstolzen Geschlecht gegenüber allerdings eine unantastbare Stellung ein, und auch Ottfried war in unbedingter Ehrfurcht vor dem Priestergewande und vor den äußeren Ceremonien der Religion erzogen, so wenig er auch sonst davon in sich tragen mochte. Die heftige Parteinahme des Vaters befremdete ihn deshalb nicht besonders, auch schien dieser seine Erregung bereits zu bereuen, denn seine Stimme war um vieles milder geworden, als er nach einer augenblicklichen Pause hinzusetzte:

„Benedict hat den Erwartungen, die ich bei seiner Ausbildung hegte, in jeder Hinsicht entsprochen. Ich wünsche, daß Du für die Zeit unseres Hierseins ihn zu Deinem Beichtiger erwählst und möglichst bei ihm die Messe hörst, und ich will hoffen, daß sich dadurch ein freundlicheres Verhältniß zwischen Euch anbahnt, als es in Eurer Kinderzeit der Fall war.“

Ottfried schwieg, die äußeren Formen der Ehrerbietung und Rücksicht wurden im Rhaneck’schen Hause streng aufrecht erhalten, aber die Formen waren hier eben auch alles, sie mußten das Herz ersetzen, das nun einmal in allen Beziehungen dieser Familie zu einander zu fehlen schien. Der junge Graf widersprach mit keiner Sylbe dem so bestimmt kundgegebenen Wunsche des Vaters, wenn sein Gesicht auch deutlich verrieth, wie mißfällig ihm derselbe war.

Der Prälat hatte inzwischen durch einen Wink den jungen Priester an seine Seite gerufen und Rhaneck führte ihn seinem Sohne zu, aber zu dem „freundlicheren Verhältniß“, das sich zwischen den Beiden anbahnen sollte, zeigte sich wenig Aussicht. Ottfried, der so eben empfangenen Zurechtweisung eingedenk, zwang sich zur Artigkeit, Benedict blieb kalt und gemessen, es war, als fühlten die jungen Männer instinctmäßig, daß eine weite Kluft zwischen ihnen lag, die wohl nie ausgefüllt werden konnte.

Da gab sich von neuem eine allgemeine Bewegung im Saale kund, ein allgemeines Flüstern und sich Umwenden, alle Blicke waren plötzlich nach der Thür gerichtet, durch die jetzt endlich der längst erwartete neue Gutsherr von Dobra eintrat und, seine Schwester am Arme, sich dem Wirthe näherte, der in der Nähe des Einganges stand.

Der Baron war in der That in einiger Verlegenheit dem Mann gegenüber, der sich so stolz von der ganzen Nachbarschaft abgesondert, und dem gegenüber er gleichwohl, durch höheren Einfluß gedrängt, den ersten Schritt zur Annäherung gethan. Er zog sich indessen noch ziemlich gut aus der Sache, die Bewillkommnung war, wenn auch etwas gezwungen, doch artig, übrigens kürzte er sie so viel als möglich ab und beeilte sich, „Herrn Günther auf Dobra“ seiner Gemahlin vorzustellen. Die Baronin machte es in ähnlicher Weise, sie that, was als Frau vom Hause ihre Schuldigkeit war, aber auch nicht mehr, und so kam es, daß Günther sich, sobald die erste Begrüßung vorüber war, fast gänzlich isolirt neben dem Sessel seiner Schwester fand; die Gesellschaft verharrte vorläufig noch in vollster Ablehnung des fremden, ihr aufgedrungenen Elementes.

Es war kein leichter Stand dieser stummen Opposition des ganzen Kreises und all den neugierigen, mißgünstigen und hämischen Blicken gegenüber, die von allen Seiten des Saales her sich auf diesen einen Mittelpunkt richteten; aber Günther ertrug Eins wie das Andere mit bewunderungswürdiger Gelassenheit. Das war nicht die Haltung eines Mannes, der eine unverdiente Ehre empfängt oder eine unverdiente Kränkung erleidet, Beides schien gleich wirkungslos an dieser gleichgültigen Ruhe abzugleiten, mit der er seinerseits die Gesellschaft musterte, und in dem Blick, der langsam aber forschend darüber hinschweifte, lag nur die eine Frage, die wahrscheinlich allein ihn zur Annahme der Einladung veranlaßt hatte: „Was wollt Ihr eigentlich von mir?“

Jugend und Schönheit haben es überall leicht, selbst dem angestammten Vorurtheile gegenüber, Lucie entwaffnete schon durch ihr bloßes Erscheinen selbst die hartnäckigsten Gegner. Die Herren hatten es bald genug herausgefunden, daß alle übrigen Damen weit hinter dieser lieblichen Erscheinung zurückblieben, und die jüngeren unter ihnen zeigten bereits bedenkliche Neigung, den aristokratischen Principien untreu zu werden. Noch hielt die Furcht vor dem Zorne der respectiven Väter und Mütter die Ueberläufer in Schranken, aber wider alles Erwarten war es diesmal der junge Graf Rhaneck, der das Zeichen zur Fahnenflucht gab.

„Das Mädchen ist reizend!“ rief er mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit, „ich werde mir einen Tanz sichern!“

„Aber Rhaneck,“ mahnte einer seiner Nachbarn, „bedenke doch, eine Mademoiselle Günther, die Schwester dieses –“

„Ah bah! Sie sind Gäste des Barons, sind auf Wunsch meines Oheims eingeladen! Er mag die Verantwortung dafür tragen!“

Damit näherte sich Ottfried ohne Weiteres dem Kreise der Damen, ließ sich Lucie vorstellen, und erbat sich ihre Hand für den soeben beginnenden Tanz.

Günther hatte gleichgültig die Annäherung des jungen Officiers gesehen, als jedoch der Name Rhaneck genannt ward, stutzte er und eine sichtlich unangenehme Ueberraschung spiegelte sich auf seinem Gesicht. Er machte unwillkürlich eine Bewegung, wie um seine Schwester zurückzuhalten, im nächsten Augenblick jedoch schien er sich zu erinnern, daß die Aufforderung sich ohne directe Beleidigung nicht ablehnen ließ. Er ließ es geschehen, daß der junge Graf Lucie in die Reihen der Tanzenden führte, die sich im Nebensaal ordneten, aber sein Blick folgte mit einem Gemisch von Unmuth und Besorgniß den Beiden.

„Wollen Sie mir erlauben, Herr Günther, Ihre Bekanntschaft mit dem hochwürdigsten Abt unseres Stiftes zu vermitteln?“ tönte in diesem Augenblick die Stimme des Barons dicht neben ihm, und als Günther sich umwandte, sah er sich plötzlich dem Prälaten gegenüber.

Einen Moment lang maßen die beiden Männer schweigend einander; der scharfe Blick des Geistlichen drang forschend tief in die Züge seines Gegenüber, als wolle er sofort aus ihnen herauslesen, was eigentlich an dem Manne sei, aber er traf hier auf dieselbe eherne Stirn, auf dieselbe kalte, überlegene Ruhe, die sein eigenes Antlitz kennzeichneten, und dies Antlitz mußte vor jenen prüfenden Augen die gleiche Musterung bestehen. Der eine Blick genügte Beiden, Günther lächelte fast unmerklich, als er das erwartungsvolle Herandrängen der Gesellschaft bemerkte, er wußte jetzt, von wem diese räthselhafte Einladung eigentlich ausging, aber auch der Prälat hatte bereits Stellung genommen – er erwies dem Fremden die Ehre, ihn für einen Gegner anzuerkennen.

Der Baron athmete förmlich auf, als der Anstifter der ganzen fatalen Angelegenheit endlich Miene machte, persönlich in die Sache einzutreten, und damit den Alp wegzunehmen, der seit Günther’s Eintritt auf der ganzen Versammlung zu lasten schien. War diese übrigens schon durch den seltsamen Wunsch Seiner Hochwürden, der natürlich kein Geheimniß blieb, alarmirt worden, so wurde sie es noch mehr beim Anblick der sichtbaren Auszeichnung, deren sich der „Emporkömmling“ erfreute. Wenn der Baron artig gewesen war, so zeigte sich der Prälat geradezu verbindlich; er verstand es sonst meisterhaft, sich in seiner geistlichen Würde unnahbar zu machen, und damit eine unübersteigliche Schranke zwischen sich und jedem anderen Sterblichen aufzurichten; dem Protestanten gegenüber, der schwerlich geneigt war, diese Unnahbarkeit zu respectiren, fiel diese Schranke unmerklich, aber sofort, hier war es nur der vornehme Weltmann, der sich mit ebenso viel Tact als Artigkeit bemühte, den Fremden in’s Gespräch zu ziehen und ihm die Einführung in die Gesellschaft zu erleichtern.

Diese fing bereits an dem allmächtigen Einfluß des Abtes nachzugeben. Man brannte in der That vor Neugierde, diesen Günther persönlich kennen zu lernen, und half sich dabei genau so, wie der junge Graf Rhaneck. Man deckte sich für alle Fälle mit der Verantwortlichkeit des Prälaten, um ungescheut seinem Beispiel folgen zu können, man wurde gleichfalls artig, gleichfalls verbindlich, und es dauerte nicht lange, so war der Gutsherr von Dobra aus seiner anfänglichen Isolirtheit zu einer Art von Mittelpunkt geworden.

Inzwischen feierte Lucie im Tanzsaale einen ähnlichen Triumph, obgleich sie sich zur Zeit noch nicht viel darum kümmerte. Ihr war in der Freude am Tanzen alles Andere untergegangen, und mit vollster Seele gab sie sich dem ihr so neuen Vergnügen hin. Es war das erste Mal, daß das junge Mädchen überhaupt in eine größere Gesellschaft kam, daß sie aus der „Kinderstube“, in die der strenge Bruder sie verwiesen, in den Salon trat, und entzückt und geblendet blickte sie in die fremde glänzende Welt. [55] Sie sah nur den Kerzenglanz, die bunte, festlich geschmückte Menge, hörte nur die rauschende Musik, alles Andere existirte nicht für sie. Der rosige Mousselin wogte leicht und luftig um die kleine Elfengestalt. Die Rosen in den Locken dufteten und zitterten, als sie so in den Armen des Grafen dahinschwebte. Das jugendliche Wesen war ganz aufgelöst in Freude und Tanzlust und hatte kaum eine Ahnung davon, wie bezaubernd lieblich es in dieser Erregung erschien.

Ihr Tänzer hatte und so mehr Augen dafür. Der junge Graf, gewohnt, überall nur der Coquetterie und Berechnung zu begegnen, deren Ziel meistentheils seine Hand war, schien seltsam angezogen von diesem Kinde, das sich noch so ganz kindlich und unbefangen gab, gar nicht daran dachte, sein Entzücken an dem Feste zu verhehlen, und sicher mit dem jüngsten Sohne irgend eines unbedeutenden Landedelmannes ebenso gern tanzte wie mit dem Erben von Rhaneck. Es war einmal etwas Neues, Ungewöhnliches, dem seine gleichgültige Blasirtheit allmählich zu weichen begann. Die schlaffen Züge Ottfried’s gewannen Leben, in seine matten Augen kehrte das Feuer zurück, während er sich in Artigkeiten und Aufmerksamkeiten aller Art erschöpfte und nicht ohne Erfolg. Der Graf hatte nicht umsonst die hohe Schule in den Salons der Residenz durchgemacht und sich dort in den Ruf der Unwiderstehlichkeit gebracht, um diesen Ruf einem sechszehnjährigen Mädchen gegenüber nicht mit Glück zu behaupten; er konnte glänzen mit seiner Unterhaltungsgabe, wenn er wollte, und heute wollte er es entschieden. Immer kühner und kühner drangen seine Schmeicheleien in Luciens Ohr. Noch lachte sie unbefangen dazu; aber ihr Köpfchen begann bereits zu wirbeln; allerlei romantische Pensionsideen flatterten darin auf. Der gewandte, in allen Künsten der Eroberung erfahrene Weltmann war auf dem besten Wege, das junge unerfahrene Herz in seine gefährlichen Netze zu ziehen.

Da auf einmal zuckte das junge Mädchen leise zusammen und hielt mitten im Tanze inne. Der Graf bemerkte es.

„Wünschen Sie aufzuhören, mein Fräulein?“ fragte er artig. Lucie schüttelte leise das Haupt und tanzte weiter; aber das, was sie vorhin wie ein jäher Stich durchfahren, schmerzte noch, als Ottfried, nachdem er nochmals den Saal mit ihr umkreist hatte, jetzt von selber innehielt. Sie war wieder den „Gespensteraugen“ begegnet, die sie schon einmal so sehr erschreckt hatten, und wendete jetzt langsam und scheu ihren Blick dem Orte zu, wo sie leuchteten.

Der Graf fing diesen Blick auf, dessen Ausdruck nicht mißzuverstehen war. „Pater Benedict scheint Ihnen Furcht einzuflößen, mein Fräulein,“ sagte er spöttisch. „Ich muß bekennen, daß auch mich in seiner Nähe ein gewisses Unbehagen beschleicht, trotzdem er der erklärte Günstling meines Vaters und Oheims ist. Der Fanatiker haßt Alles, was Freude und Jugendlust heißt! Sieht er nicht aus, als wollte er das ganze Tanzgewühl und vor Allem uns Beide bis in die fernsten Tiefen der Verdammniß schmettern?“

Lucie hätte bei jeder andern Gelegenheit mitgelacht und mitgespottet, in diesem Augenblicke aber vermochte sie es nicht. Die hohe finstere Gestalt, welche dort an der Thür lehnte, einsam inmitten der bunten hin- und herfluthenden Menge, von der Keiner Lust bezeigte, sich dem düstern einsilbigen Gaste zu nahen, übte einen beängstigenden Einfluß auf sie aus. Das Antlitz des jungen Mönches hatte freilich nicht mehr jenen kalt verächtlichen Ausdruck, mit dem er beim Beginn des Festes das profane Gewühl um sich her betrachtete. War es Einbildung? Aber es schien Lucien, als suchten jene düster brennenden Blicke einzig sie und ihren Tänzer in diesem Gewühl, als folgten sie ihnen durch alle Verschlingungen des Tanzes, und als Ottfried jetzt auf’s Neue den Arm um sie legte und ihre langen braunen Locken dabei seine Schulter berührten, da flammten die unheimlichen Augen plötzlich auf, nur einen Moment lang; aber das junge Mädchen schmiegte sich, wie Schutz suchend, fester an den Arm des Grafen – er hatte Recht, der Fanatiker dort hätte sie Beide am liebsten zerschmettert mit diesem Blick!

Ottfried mißverstand natürlich diese Bewegung und er mißverstand auch völlig die Befangenheit, die sich seiner Tänzerin auf einmal bemächtigte und ihrem eben noch so frohen Lachen, ihren bisher so neckischen Antworten etwas eigenthümlich Gezwungenes gab. Er hielt für seinen Triumph, was doch nur jene räthselhafte Angst war, die Lucie hier in dem hellen menschenvollen Saale mit derselben Gewalt überkam, wie einst mitten in der Einsamkeit des Waldes. Ihr Vergnügen am Tanze war gestört; sie war unruhig, zerstreut und athmete erst auf, als nach Beendigung des Walzers der Gegenstand ihrer Furcht verschwand und statt dessen die Gestalt ihres Bruders sich in der Nähe zeigte.

Ottfried führte sie zu einem Sitz, und das junge Mädchen hatte kaum dort Platz genommen, als mehrere Herren, durch das Beispiel des Grafen ihren aristokratischen Zweifeln entrissen, ebenfalls hereintraten, um sich um die nachfolgenden Tänze zu bewerben. Es schien, als hätte ihnen Ottfried gern den Vorzug streitig gemacht; aber der Sohn des Grafen Rhaneck hatte gesellschaftliche Verpflichtungen gegen verschiedene vornehme Damen, denen er nachkommen mußte, wollte er nicht den Zorn des Vaters auf sich laden, der jedenfalls schon die Freiheit, die er sich genommen, mit Mißfallen betrachtete. Mit einem kaum verhehlten Unmuthe trat er zurück, verneigte sich vor Lucie und ging, eine schon etwas verblühte Comteß aufzufordern, die sofort das ganze Feuer ihrer Coquetterie auf ihn spielen ließ, aber ohne allen Erfolg. Der junge Graf hatte sich noch nie so unempfindlich gezeigt wie gerade heute. Er entledigte sich so schnell wie möglich der Etiquettenpflichten, und es glückte ihm wirklich, im Laufe des Abends noch mehrere Male jenes reizende kleine Wesen in die Reihen zu führen, das, zur großen Indignation der übrigen Damen, ihn gänzlich bezaubert zu haben schien.

Günther, der nur erschienen war, um sich zu vergewissern, daß seine Schwester nicht etwa an der Seite ihres Tänzers blieb, kehrte, als er sie anderweitig versagt wußte und nachdem er sie einer der älteren Damen mit einigen Worten empfohlen, wieder zu der übrigen Gesellschaft zurück, wo er bald auf’s Neue von dem Prälaten in ein eingehendes Gespräch verwickelt und dabei festgehalten wurde. Drinnen im Tanzsaal war schon seit einiger Zeit eine größere Pause eingetreten, als es ihm endlich gelang, sich loszumachen und nach Lucie zu sehen. Sie war nicht im Saale, und auch auf der Terrasse, von woher ihm das Lachen und Plaudern der anderen Paare entgegenscholl, die dort promenirten, konnte er sie nicht entdecken. Unruhig darüber, wollte er seine Nachforschungen eben weiter ausdehnen, als die Gesuchte plötzlich eintrat, allerdings auch von der Terrasse her, und zwar am Arme des Grafen Ottfried, der seit dem letzten Tanze nicht von ihrer Seite gewichen war.

Das Antlitz des jungen Mädchens zeigte nichts mehr von jener augenblicklichen Befangenheit und Zerstreutheit, das war längst vorüber; jetzt strahlte dort unverkennbar ein kindischer Triumph, und es glühte dunkel auf unter dem Auge des Bruders, der sie und den Grafen mit einem scharfen Blick musterte. Er trat rasch auf sie zu.

„Wo warst Du?“ fragte er kurz, „ich habe Dich überall gesucht!“

„Ach, Herr Günther,“ Ottfried konnte auch gegen Bürgerliche verbindlich sein, wenn sie schöne Schwestern besaßen, „das dürfen Sie der jungen Dame nicht zum Vorwurf machen. Ich führte sie ein wenig auf die Terrasse hinaus und war eben so glücklich, auch die Zusage des nächsten Tanzes von ihr zu erhalten.“

„Das bedauere ich, Herr Graf.“ Günther zog ruhig den Arm seiner Schwester aus dem des Grafen und legte ihn in den seinigen. „Lucie tanzt heute zum ersten Male und ich wünsche nicht, daß sie es übertreibt. Sie ist erhitzt und ermüdet, und wird für diesmal aufhören, wir fahren ohnedies bald.“

„Aber, mein Herr!“ Die Stimme Ottfried’s nahm einige Schärfe an. „Das Fräulein hat bereits über den Tanz disponirt und ich habe doch wohl das Recht –“

„Gewiß, Herr Graf! Aber Sie werden dies Recht sicher nicht in Anspruch nehmen, da Sie hören, daß ich von dem allzuvielen Tanzen nachtheilige Folgen für meine Schwester befürchte. Sie gestatten wohl, daß ich sie mit mir nehme.“

Die Entgegnung klang sehr höflich, aber sie schnitt alle und jede Einwendung von vornherein ab. Ottfried biß sich auf die Lippen und trat zurück, vorher jedoch wechselte er noch einen Blick offenbaren Einverständnisses mit Lucie. Diese war im ersten Moment ganz starr vor Staunen und Schrecken über diesen unerwarteten Eingriff des Bruders, und schien sehr geneigt, sich dagegen aufzulehnen, aber ein Blick auf sein Gesicht ließ sie davon [56] abstehen. Wenn Bernhard so aussah, war keine Nachgiebigkeit von ihm zu erwarten, man that dann am besten, ihm unbedingt zu gehorchen, das junge Mädchen fügte sich, aber es standen Thränen in ihren Augen, als der rücksichtslose Bruder sie so ohne allen Grund von dem ersehnten Vergnügen und von der Seite des liebenswürdigen Tänzers fortriß. Sie konnte nicht begreifen, weshalb er dem Grafen in einer so schroffen, fast beleidigenden Weise entgegentrat, er war heute überhaupt in einer abscheulichen Laune, und während drinnen die verlockenden Tanzweisen auf’s Neue erklangen, führte er sie wirklich fort, mitten unter die alten Damen und Herren, die an den Spieltischen saßen oder in steifer Unterhaltung begriffen waren, und stellte sich wie zur Wache neben ihrem Sessel auf – ein Glück wenigstens, daß jener unheimliche Pater Benedict nicht mehr im Saale zu erblicken war! Hätten diese dunklen Augen sie nun auch noch gequält und gepeinigt, sie wäre sicher in Thränen ausgebrochen.




Graf Rhaneck hatte sich den ganzen Abend hindurch in keiner sehr angenehmen Stimmung befunden. Schon unmuthig über die Opposition, die sein Bruder ihm mit diesem Günther machte, eine Opposition, deren Gründe er weder anzuerkennen, noch zu würdigen geneigt war, verstimmte es ihn auf’s Aeußerste, als er sehen mußte, wie die ganze Gesellschaft allmählich dem Beispiel des Prälaten folgte und der Eindringling mit jeder Minute mehr an Terrain gewann. Nun nahm sich auch noch Ottfried die unverzeihliche Freiheit, Lucie Günther zum Tanz zu führen! Er vergaß über ein Paar schöner Augen vollständig, was er seinem Range und seiner Stellung schuldig war, und der Graf nahm sich vor, ihn ernstlich daran zu erinnern. Geärgert durch all diese Vorkommnisse und auf’s Höchste gelangweilt von den ewigen Jagd- und Pferdegeschichten der übrigen Herren, über deren Niveau seine Natur sich denn doch erhob, riß er sich endlich davon los und trat nach einem Gange durch den Saal auf die Terrasse, die jetzt beim Wiederbeginn des Tanzes vollkommen leer und öde war.

In tiefe und, wie es schien, nicht gerade erfreuliche Gedanken versenkt schritt Rhaneck die Stufen hinunter, als er plötzlich auf einer der seitwärts stehenden Bänke eine Gestalt gewahrte, die wie todtmüde dort hingeworfen, die Stirn gegen den kalten Stein gepreßt, regungslos in dieser Stellung verharrte. Der Graf stutzte einen Augenblick, dann trat er rasch näher und legte dem Einsamen die Hand auf die Schulter.

„Bruno!“

Der Gerufene fuhr auf und sprang empor; es war zu dunkel, als daß der Graf die Blässe und die sichtbare Verstörtheit seiner Züge hätte bemerken können, dennoch klang eine unverhehlte Besorgniß aus seinem Tone.

„Was machst Du hier allein in der Nacht und Einsamkeit? Weshalb bist Du nicht drinnen im Saale?“

„Ich kann nicht!“ stieß Benedict gepreßt hervor, „es ist mir zu schwül drinnen!“

Der Graf schüttelte den Kopf. „Ich weiß, Du liebst diese weltlichen Feste nicht und weißt es meinem Bruder schwerlich Dank, daß er gerade Dich zur Begleitung auserwählte, aber Dich ihnen so hartnäckig zu entziehen, das ist unrecht, das grenzt ja nahezu an Haß.“

„Ich hasse sie auch!“ sagte Benedict dumpf.

Sie standen am Fuße der Terrasse, durch die geöffneten Fensterthüren quoll der Kerzenglanz und der rauschende Jubel der Musik, man sah die einzelnen Paare im Tanze vorüberschweben, der Blick des jungen Mönchs heftete sich starr auf jene erleuchteten Fenster, und es lag in der That etwas von der eben ausgesprochenen Empfindung darin, gleichwohl schien er das Auge nicht losreißen zu können.

„Du gehst zu weit!“ sagte der Graf begütigend. „Du siehst doch, daß Dein Abt und Deine Mitbrüder diese Feste weder verdammen, noch sich ihnen ganz entziehen. Dein Orden giebt uns die Redner unserer Kirchen, die Erzieher unserer Knaben, Ihr könnt und dürft nicht so ganz mit der Welt brechen, wie ein Karthäusermönch es thun mag.“

Benedict gab keine Antwort, er stützte sich auf die Steinbank und sah finster zu Boden.

„Und jetzt komm in den Saal zurück,“ drängte Rhaneck, „es ist ja unheimlich hier in dieser Einsamkeit!“

„O, nicht immer! Man sieht und hört auf dieser einsamen Terrasse oft mehr, als drinnen im Ballsaal.“

Es lag eine unendliche Bitterkeit in den Worten, aber der Graf lächelte unwillkürlich.

„Dein strenges Richterohr hat wohl irgend ein harmloses Liebesgeflüster aufgefangen? Ich fürchte, es spielen mehr solcher kleinen Romane da drinnen unter dem jungen Volk. Es kann nicht ein Jeder die Weltentsagung üben, zu der Du Dich bekennst.“

„Zumal Graf Ottfried nicht!“ sagte Benedict schneidend.

Die Stirn des Grafen umwölkte sich leicht. „Also Ottfried war es, den Du belauschtest? Ja, ich weiß, er ist leichtsinnig, leichtsinniger sogar, als ich ihm mit aller billigen Rücksicht auf seine Stellung und seine Verbindungen in der Residenz zugestehen kann. Ein Sohn meines Hauses sollte doch einen andern Ehrgeiz haben, und eine andere Lebensaufgabe kennen, als nur die, der Löwe der Salons zu sein und in ihren Abenteuern zu schwelgen. Ich fürchte, es ist bei seiner Erziehung Manches versäumt worden, Manches unterblieben, was besser geschehen wäre. Ich habe leider in meinem vielbewegten und vielbeanspruchten Leben niemals Zeit gefunden, mich eingehend darum zu bekümmern.“

Ein großer verwunderter Blick aus den Augen Benedict’s traf den Sprechenden, er erinnerte sich doch, daß der Graf stets Zeit gefunden, sich mit seiner Erziehung zu beschäftigen, daß er oft genug Proben davon erhalten hatte, und nun diese ganz offen eingestandene Vernachlässigung, dem eigenen Sohne und Erben gegenüber! Zum Glück bemerkte Rhaneck nicht sein stummes Befremden.

„Ich hoffe viel von Deinem Einfluß auf Ottfried,“ fuhr er lebhaft fort, „ich habe ihn in Bezug auf die Ausübung seiner religiösen Pflichten an Dich gewiesen und –“

„An mich!“ rief der junge Priester, heftig zurücktretend. „Herr Graf, ich bitte dringend, nehmen Sie diese Anordnung zurück. Graf Ottfried und ich, wir thun besser, uns einander nicht zu nähern!“

„Ich wünsche es aber!“ Der Graf legte einigen Nachdruck auf das Wort. „Du wirst streng gegen ihn sein, ich sehe es an Deiner Entrüstung, aber gleichviel, er wird den Priester in Dir ehren und sich Deinem Spruche fügen, ich bürge Dir dafür. Und jetzt komm, Bruno, ehe mein Bruder Dich vermißt, mir scheint, er wird bald aufbrechen.“

Er ergriff sanft den Arm Benedict’s und zog ihn mit sich fort, ohne ihm Zeit zur Erwiderung zu lassen, Seite an Seite mit seinem Schützlinge betrat er den Saal. Der Prälat hatte Recht, es lagen seltsame Widersprüche in dem Charakter seines Bruders, aber einer derselben wenigstens ward von der Gesellschaft im vollsten Maße getheilt. Auch Pater Benedict war bürgerlich, wie Günther, war jedenfalls von noch niedrigerer Herkunft als dieser, und doch fiel es Niemandem ein, seine Einführung in diesen exclusiven Kreis zu beanstanden. Das Priestergewand deckte Namen und Herkunft, es stand neben, ja über den Wappenschildern, unnahbar für jede weltliche Rücksicht, ein Gegenstand unbedingtester Ehrfurcht. Die grauen Häupter der vornehmsten unter den Herren neigten sich vor dem jungen, aus einer Unterthanenfamilie hervorgegangenen Geistlichen mit einer Achtung, die der gereifte, in allen Lagen des Lebens geprüfte Mann dort drüben, der an Stellung und Reichthum ihnen jetzt gleich war, sich nicht hatte erzwingen können. –

„Darf ich fragen, wer der junge Benedictiner dort hinter dem Sessel des Herrn Prälaten ist?“ wandte sich Günther auf einmal an den Baron Brankow, als dieser zufällig in seine Nähe kam.

„Sie meinen Pater Benedict? Einer der Geistlichen unseres Stiftes, ein junger, erst kürzlich geweihter Priester, auf den seine Oberen, so viel ich weiß, große Hoffnungen setzen.“

„So?“ Günther’s Auge hing so fest an den Zügen des eben Genannten, als wolle er jede Linie darin studiren. „Er scheint sehr vertraut mit dem Grafen Rhaneck, steht er vielleicht in irgend einer verwandtschaftlichen Beziehung zu ihm?“

„Nicht doch!“ sagte der Baron ruhig, „nicht im geringsten. Er stammt im Gegentheil von – mein Gott, der Name ist mir entfallen, die Rhanecks haben so zahlreiche Besitzungen – von einem der Güter des Grafen, der den talentvollen, aber gänzlich mittellosen Knaben erziehen ließ und für das Kloster bestimmte. Er hat ein gutes Werk an ihm gethan, weiter nichts.“

„Gewiß, ein sehr gutes Werk!“

[69] Brankow blickte überrascht auf, es war ihm gewesen, als ob ein gewisser Hohn in der Bemerkung Günther’s läge, aber er mußte sich wohl geirrt haben. Günther’s Gesicht zeigte sich unbeweglich, während sein Blick noch immer nicht den Gegenstand des Gespräches verließ.

„Sie scheinen sich für Pater Benedict zu interessiren,“ sagte der Baron artig, „wünschen Sie vielleicht näher mit ihm –“

„Ich danke!“ fiel ihm Günther rasch in’s Wort. „Ich stehe in gar keiner Beziehung zu den Herren des Stiftes, wie Sie ja wissen. Mir fiel nur dieser interessante Kopf auf, und dann eine flüchtige Aehnlichkeit – bemühen Sie sich nicht, Herr Baron!“

Er überließ Brankow einem so eben herantretenden Gaste und kehrte zu seiner Schwester zurück. „Also in’s Kloster haben sie den Knaben gesteckt!“ murmelte er bitter, „und dem Anschein nach einen vollständigen Fanatiker aus ihm gemacht. Ein meisterhafter Schluß des ganzen hochgräflichen Schurkenstreiches!“ –

Der Prälat und Graf Rhaneck mit seiner Familie brachen jetzt gleichzeitig auf, was wie gewöhnlich mit ziemlichem Geräusch und Aufsehen vor sich ging. Als die Brüder zusammen durch das Vorzimmer schritten, konnte der Graf nicht umhin, seinem lang verhaltenen Aerger wenigstens in einigen Worten Luft zu machen.

„Nun, Dein Schützling ist ja heut, Dank Deiner Auszeichnung und Deinem Beispiel, nichts mehr und nichts weniger gewesen, als der Held des Abends! Hast Du denn wirklich aus diesen plumpen, nichtssagenden Zügen irgend eine Gefährlichkeit herausgelesen?“

„Ja!“ sagte der Prälat kalt. „Der Mann ist gefährlich, ist es um so mehr, weil er unbedeutend erscheinen will. Er wird uns noch zu schaffen machen, verlaß Dich darauf!“

Die Gräfin, welche nur halb hingehört und nicht viel mehr verstanden hatte, als daß es sich um Günther handelte, verzog die schmalen Lippen.

„Mein Gott, es ist und bleibt doch ein entsetzlicher horreur, daß dieser Mensch, wie man sagt der Sohn eines Unterförsters, in unseren Kreisen erscheinen durfte!“

Der Prälat verneigte sich Abschied nehmend vor seiner Schwägerin, ohne ihr eine Antwort zu geben. Zu Gründen und Erklärungen ließ er sich ihr gegenüber nie herab, die Gräfin war in seinen Augen eine eben solche Null, wie in denen ihres Gemahls, eine Null, die man allerdings respectiren mußte, weil auch sie den Namen Rhaneck trug und ihm durch ihren Reichthum einen noch größeren Glanz verlieh. Auch hier mußte die äußere Form der Achtung alles ersetzen.

Kurz nach der Entfernung der gräflichen Familie verabschiedete sich auch Günther mit seiner Schwester. Die Fahrt nach Dobra ward meist schweigend zurückgelegt, Bernhard schien nicht zum Reden gestimmt, und Lucie, die sonst immer etwas zu fragen und zu plaudern hatte, war heut ausnahmsweise mit dieser Schweigsamkeit einverstanden. Tief in die Ecke des Wagens geschmiegt, zerdrückte sie achtlos den Flor und die Blumen ihres Anzuges, und fuhr verwundert empor, als sie in den Hof von Dobra einrollten, die Fahrt hatte ihr so kurz geschienen.

Zu Haus angelangt wollte das junge Mädchen dem Bruder gute Nacht sagen, als dieser sie mit einem kurzen „Ich habe mit Dir zu sprechen, Lucie!“ zurückhielt. Er nahm dem alten Diener, der ihnen folgte, das Licht aus der Hand und gab ihm einen Wink sich zu entfernen. Lucie stand erstaunt und befremdet da, aber sie sollte nicht lange in Zweifel bleiben, um was es sich handelte.

Bernhard trat an den Tisch, zog sie zu sich heran und wendete ihr Gesicht dem Lichte zu, so daß dessen voller Schein darauf fiel.

„Was ist zwischen Dir und dem Grafen Rhaneck vorgefallen?“ fragte er plötzlich.

Luciens Antlitz glühte wieder dunkel auf, wie vorhin im Ballsaal, als der Bruder ihr entgegentrat, und diesmal ergoß sich die heiße Röthe tief herab bis über Hals und Schultern; sie sah, daß sie dem gefürchteten Examen doch nicht mehr entrinnen konnte. Sie hob daher keck den Lockenkopf empor, setzte ihr Füßchen energisch um einen Schritt vorwärts und erklärte sehr determinirt:

„Er hat mir gesagt, daß er mich anbete!“

„Nach zweistündiger Bekanntschaft? Was man doch nicht alles wagt, einem sechszehnjährigen Mädchen gegenüber! Darf ich fragen, wo er Dir diese interessante Eröffnung gemacht hat?“

Das junge Mädchen zögerte.

„Du wirst antworten, Lucie! Du wirst mir auch nicht eine Sylbe von dem verschweigen, was zwischen dem Grafen und Dir gesprochen worden ist, hörst Du?“

Lucie sah aus, als wolle sie anfangen zu weinen; es war aber auch zu viel verlangt, daß sie ihr romantisches Geheimniß so auf Commando preisgeben sollte, noch dazu dem rücksichtslosen Bruder preisgeben, der sicher nicht das mindeste Verständniß dafür [70] besaß. Aber Bernhard duldete keine Weigerung, das wußte sie, und so ließ sie sich denn zögernd zu einem Geständniß herbei, als dessen Resultat schließlich eine vollständige Liebeserklärung des Grafen Ottfried herauskam.

Der Graf hatte ihr, schon als er das erste Mal mit ihr tanzte, eine ungewöhnliche Aufmerksamkeit erwiesen, eine Aufmerksamkeit, die sich beim zweiten und dritten Male noch steigerte. Beim Beginn der Pause hatte er sie auf die Terrasse geführt, wie die anderen Herren ihre Damen auch, aber es so einzurichten gewußt, daß sie sich von den Uebrigen entfernten und durch die Orangerie vor deren Blicken gedeckt waren. Hier war er plötzlich vor ihr auf die Kniee gesunken – „auf beide Kniee, Bernhard!“ – und hatte ihr erklärt, daß er sie anbete, daß sie gleich beim ersten Anblick einen unauslöschlichen Eindruck auf sein Herz gemacht, daß er nicht leben könne, ohne die Hoffnung, sie wiederzusehen, und verzweifeln werde, wenn mit dem Ende des Festes ihm diese Hoffnung genommen würde, darauf hatte er um eine Rose aus ihrem Haar gefleht, dieselbe an seine Lippen gedrückt – kurz, die Geschichte war so über alle Beschreibung romantisch, und Lucie so voll Entzücken über diese Romantik und über die Rolle, die sie selber darin gespielt, daß ihre anfängliche Scheu und Befangenheit bei der Erzählung sich in ein immer größeres Selbstbewußtsein verwandelte, und sie am Schluß derselben den Bruder mit dem vollsten Triumph anblickte. Es war doch wahrlich keine Kleinigkeit, gleich beim ersten Schritt, den sie in die Welt und die Gesellschaft that, einen jungen Grafen zu erobern, der vor ihr auf den Knieen lag und sie anbetete! Was wohl Bernhard dazu sagte? Ob er es noch versuchte, sie wieder in die Kinderstube zu schicken?

Bernhard sagte vorläufig gar nichts, er machte einige Male einen Gang durch das Zimmer und blieb endlich dicht vor ihr stehen. „Und was hast Du dem Grafen darauf geantwortet?“

„Ich sagte ihm, er brauche gar nicht zu verzweifeln, er könne ja nach Dobra kommen und uns besuchen, Du würdest gewiß – ja freilich, Bernhard!“ unterbrach sie sich auf einmal schmollend, „da wußte ich noch nicht, daß Du so ungezogen gegen ihn sein würdest, als es nachher der Fall war.“

„Ich fürchte, ich werde dem Herrn Grafen noch ungezogener erscheinen, wenn er wirklich hierherkommen sollte, woran ich zweifle. Ich würde mir seine Besuche ein für alle Mal verbitten, und Du würdest in diesem Falle auf Deinem Zimmer bleiben, und überhaupt nicht in seinen Gesichtskreis kommen.“

Lucie fuhr erschreckt und empört auf. „Ah Bernhard, das ist abscheulich! Wie kannst Du den Grafen so beleidigen, blos weil Du nun einmal Alles hassest, was vornehm ist, und weil es sich mit Deinen demokratischen Principien nicht verträgt, daß ich Gräfin Rhaneck werde!“

„Gräfin Rhaneck!“ wiederholte Bernhard langsam. „Ah so, Du meinst, der Graf habe Dir einen Heirathsantrag gemacht.“

Lucie hob das Auge zu ihm empor, noch funkelte die Entrüstung darin, aber daneben leuchtete auch noch die vollste Unbefangenheit des Kindes.

„Nun, er hat mir doch gesagt, daß er mich liebe, daß er ohne mich nicht leben könne! Was soll denn anderes damit gemeint sein?“

Der Bruder blickte tief in die blauen Kinderaugen des jungen Mädchens, und seine Stimme wurde unwillkürlich milder.

„Ich bezweifle, Lucie, daß der Graf gerade dies meinte. Doch gleichviel, für Dich kann nur dieser eine Fall in Betracht kommen. Du kennst Gott sei Dank noch keinen andern und sollst ihn auch nie kennen lernen, aber“ – hier nahm sein Ton plötzlich eine seltsame Härte an – „nimm Dich in Acht vor diesem Geschlechte, Kind, selbst wenn es Dir scheinbar ehrenhaft naht. Einem Rhaneck ist Alles möglich, selbst das, ein angetrautes Weib zu haben, das nicht Gräfin Rhaneck heißt!“

Betreten schaute Lucie ihn an, sie vermochte sich diese Worte nicht zu enträthseln, die Gräfin trug ja doch den Namen ihres Gemahls, wie es auch nicht anders möglich war.

„Kennst Du denn die Rhaneck’sche Familie näher?“ fragte sie erstaunt. „Ich dachte, Du sähest sie heute zum ersten Male.“

Bernhard gab keine Antwort; er schien jene übereilten Worte schon zu bereuen, langsam zog er die Schwester wieder zu sich und hob ihren Kopf empor.

„Höre mich an, Lucie, und vergiß nicht, daß ich jetzt im vollsten Ernste zu Dir spreche. Ich verbiete Dir hiermit jeden ferneren Verkehr mit dem Grafen, gleichviel ob er ihn mündlich oder schriftlich versucht, gleichviel wo und wie er sich Dir naht. Du sollst mit diesen Rhanecks nicht in Berührung kommen, ich will es nicht! Richte Dich danach.“

Es lag in der That ein furchtbarer Ernst in seinen Zügen und eine erschreckende Härte in seinem Ton, wie Lucie beides noch niemals an dem Bruder gesehen, aber sein despotisches Verbot, so ohne alle Angabe von Gründen, das wahrscheinlich jede Andere eingeschüchtert hätte, verfehlte hier ganz und gar seinen Zweck. In dem heißgerötheten Gesicht dieses „Kindes,“ war etwas von jenem trotzigen Blute, mit dem Bernhard einst seinen Platz in der Waldlichtung den Officieren gegenüber behauptet hatte, etwas von jenem Trotz, der dem so entschieden gebotenen „Du sollst nicht!“ ein ebenso entschiedenes „Ich will aber!“ entgegensetzte. Er beging einen verhängnißvollen Irrthum, als er wähnte, mit einem bloßen Machtspruch eine Sache beendigen zu können, die bereits die ganze Phantasie des jungen Mädchens beschäftigte und der er dadurch den gefährlichsten aller Reize lieh, den des Verbotenen. Es war trotz alledem seine Schwester, das vergaß er ganz und gar.

„Und nun geh’ schlafen, Kind!“ sagte er kalt und ließ ihre Hände los. „Bis morgen hast Du den Roman vergessen und Dich über das versagte Spielzeug getröstet. Suche Dir ein anderes, das weniger gefährlich ist und besser für Deine Jahre paßt. Gute Nacht!“

Er ging, Lucie verharrte in trotzigem Schweigen. Die Thränen, welche sich vorhin heiß und ungestüm ihr in’s Auge drängten, waren nicht hervorgebrochen, die letzten Worte des Bruders hatten sie getrocknet. Also man behandelte sie wirklich noch immer wie ein Kind, das mit einer Strafpredigt und einem Achselzucken über die begangene Unart zu Bett geschickt wird, sie, vor der Graf Ottfried auf den Knieen gelegen und um ihre Liebe gefleht hatte! Verboten sollte ihr diese Liebe werden, ein Spielzeug nannte man sie! Lucie vergaß völlig die räthselhaften Worte des Bruders, die „Gräfin Rhaneck“ war jetzt überhaupt für sie in den Hintergrund getreten, und im Vordergrunde stand der Trotz, die Empörung gegen Bernhard. Sie wollte sich dieser Tyrannei nicht geduldig fügen, wollte durchaus kein Opfer brüderlicher Hartherzigkeit sein, durchaus nicht! Und wenn der Graf sich ihr noch einmal nahte und auf’s Neue um ihre Hand bat, dann – sollte man sehen, daß sie auch einen Willen hatte, und sich nicht so ohne Weiteres „demokratischen Principien“ aufopfern ließ.

Mit diesem heroischen Entschluß ging Lucie endlich zur Ruhe, und schon nach wenigen Minuten machte die ungewohnte Ermüdung ihre Rechte geltend. Der Traum wob seine phantastischen Schleier dicht und dichter um sie, und führte sie zurück in das heute durchlebte Fest. Kerzenglanz und Musik und Tanzgewühl, und dazwischen die Gestalt Ottfried’s in der glänzenden Uniform, das Alles kreiste bunt und schattenhaft durcheinander, tauchte abwechselnd auf und verschwand wieder, und seltsam – über dem Allen schwebten die tiefen dunkeln Augen, denen sie heute zum zweiten Male in ihrem Leben begegnet war, schwebte das leise, leise quälende Weh, das sie unter jenem Blick empfunden. Sie blieben allein noch, als all’ die anderen Bilder um sie her versanken, das einzige, was sie mit herübernahm in den festen traumlosen Schlaf der Jugend.




Golden lag der Sonnenschein auf Berg und Thal, der Mittag sandte sein heißes glänzendes Licht weithin über die Erde, nur der Schatten des Waldes bot noch Kühlung und Schutz vor den sengenden Strahlen, in deren Gluth draußen Alles flimmerte und leuchtete. Auf einem der Seitenwege, die von Dobra aus hinein in die Forsten führten, flog Lucie Günther dahin; es war ihr freilich verboten, allein und ohne die schützende Begleitung ihrer Erzieherin sich so weit zu wagen, aber wann hätte Lucie je nach der Erlaubniß gefragt, wo es die Befriedigung einer augenblicklichen Laune galt! Ein so weiter Spaziergang lag allerdings nicht in ihrem Plane, sie war auf’s Feld hinausgegangen, um ihren Bruder abzuholen, und verspürte, als sie von den Arbeitern vernahm, daß er bereits fort sei, nicht die mindeste Lust, in der Mittagshitze sogleich wieder umzukehren, sie ging lieber in den [71] Forst, vorläufig nur in der Absicht, am Rande desselben einige Blumen zu pflücken, aber dabei kam sie einen Schritt nach dem andern vorwärts, und gerieth endlich tief hinein.

Es liegt ein eigenthümlicher Zauber in der Waldeseinsamkeit, sie lockt und winkt unwiderstehlich, und wer sich ihr erst einmal hingegeben, den läßt sie sobald nicht wieder los. Auch Lucie unterlag diesem Zauber, sie liebte den Wald ja so leidenschaftlich, und heute rauschte er ihr so duftig kühl entgegen, es zog sie weiter und weiter, vorüber an stürzenden Bächen, an dunkeln Felswänden und dichtverschlungenem Gebüsch, immer weiter hinein in die grünen Tiefen, die sich endlos vor ihr aufthaten.

Länger als eine halbe Stunde war sie so vorwärts gelaufen, dem Fußpfade folgend, der sich vor ihr hinschlängelte, aber ohne im Ganzen viel auf Weg und Steg zu achten, da ward es auf einmal lichter um sie her, und aus den dichten Bäumen heraustretend, gewahrte sie eine jener stillen grünen Bergwiesen, wie sie der Wald oft in seinem tiefsten Schooße birgt. Die Felswand stieg hier plötzlich jäh und schroff empor und ragte weit hinaus über die Wipfel der Bäume, aber zu ihren Füßen schmiegte sich weicher grüner Rasenteppich, und über das dunkle Gestein rieselte es silberhell, ein Quellchen wand sich murmelnd und blinkend daraus hervor, und überall ringsum wehten und winkten die grünen Arme der Waldrebe, die in seltener Pracht und Fülle hier gedieh. Wie ein undurchdringliches Netz umflochten die dichten blätterreichen Ranken Bäume, Gesträuch und Felsgestein und erfüllten, mit Tausenden von weißen Blüten überdeckt, den ganzen Raum mit ihrem leise berauschenden Duft.

Es war ein lieblicher Ort zum Ausruhen, und Lucie beschloß, sofort davon Gebrauch zu machen, sie warf sich am Rande der Quelle nieder, lehnte den Kopf an die moosigen Steine, schloß die Augen, und fühlte mit kindischer Freude, wie die kühlen duftigen Ranken sich ihr auf die heiße Stirn und um die erhitzten Wangen legten.

Aber lange in dieser ruhig träumerischen Stellung auszuharren, lag nicht in dem Temperament des jungen Mädchens, schon nach wenigen Minuten richtete sie sich wieder empor, und da entdeckte sie denn etwas, was sich hier mitten im Walde allerdings seltsam genug ausnahm; nicht weit von ihr im Grase lag ein Buch, ein dicker, sehr verdächtig gelehrt aussehender Band, dessen Aeußeres hinreichend verrieth, daß er oft und viel benutzt wurde. Neugierig griff sie danach und schlug es auf, sie kannte zufällig den Titel, eben dies Buch war kürzlich Gegenstand eines heftigen Streites zwischen Fräulein Reich und ihrem Bruder gewesen, der es in seiner Bibliothek hatte. Franziska hatte die Lectüre eine „himmelschreiende“ genannt, Bernhard dagegen die Achseln gezuckt und ihr den Rath gegeben, das Werk doch einfach erst einmal zu lesen. Diese Zumuthung aber hatte das Fräulein mit vollster Entrüstung zurückgewiesen und ihn ersucht, sich doch gefälligst zu erinnern, daß sie eine christliche Pfarrerstochter und kein so ausgemachter Freigeist wie Herr Bernhard Günther auf Dobra sei. Lucie achtete sonst nicht viel auf dergleichen Gespräche, die sie nicht im mindesten interessirten; aber jetzt kam ihr doch eine dunkle Erinnerung daran und sie begann in dem Werke zu blättern, um womöglich das „Himmelschreiende“ herauszufinden, aber bald genug gab sie die Mühe auf. Weltgeist! Natur! Ursprung des Menschen! Gott, mit was für entsetzlichen Dingen füllten diese Männer nicht ihre Köpfe an! Fräulein Reich hatte ganz Recht, wenn sie eine solche Lectüre zurückwies, und ihr Zögling zerbrach sich nur den Kopf darüber, welcher ausgemachte Freigeist außer ihrem Bruder denn hier in der streng katholischen Umgegend lebe, der an solchen Studien Gefallen fand.

Sie hielt den Fund noch geöffnet in der Hand, als ein Schatten auf die hellen Blätter fiel, Lucie blickte auf und fuhr mit einem leisen Schrei des Entsetzens empor. Da stand er wieder vor ihr, der finstere Mönch, der unheimliche Pater Benedict, und sah sie mit seinen großen dunklen Augen an. Sie wich zurück, so weit als es die Felswand nur gestattete, die Linke griff wie Schutz suchend in die grünen Ranken, während sie mit der Rechten das Buch mechanisch an sich preßte. Sie wußte jetzt freilich, daß es nicht der Währwolf im Märchen war, sondern ein Mensch von Fleisch und Blut, ein Geistlicher des Stiftes, aber das half alles nichts, es legte sich ihr genau so angstvoll und beklemmend auf’s Herz, wie das erste Mal. Hier war kein Entrinnen möglich, er stand ihr dicht gegenüber und jetzt öffnete er gar die Lippen zu einem Worte, jedenfalls so finster und feindselig, wie seine ganze Erscheinung war.

„Ich bitte um Verzeihung, wenn ich Sie erschreckt habe, mein Fräulein! Ich kehrte um, etwas Vergessenes zu holen, Sie sahen mich nicht, als ich über die Wiese schritt.“

Es war das erste Mal, daß Lucie seine Stimme vernahm, sie athmete tief auf und ließ die Hände sinken. Die Stimme klang ganz anders, als sie geglaubt, es war ein weicher voller Klang, der sympathisch ihr Ohr berührte, und als sie etwas ermuthigt dadurch einen Blick in sein Gesicht wagte, da erschienen ihr auch die Augen ganz anders, als sonst. Sie blickten wohl noch ernst und düster auf sie hin, aber die unheimliche Gluth darin war gemildert, war tief zurückgedrängt. Luciens Angst begann zu weichen, sie machte allmählich der entgegengesetzten Empfindung Platz. Nichts lag dem Charakter des jungen Mädchens ferner, als eigentliche Furchtsamkeit; im Gegentheil, sie war meist nur allzu keck und übermüthig. Wie oft war sie lachend und spottend Dem entgegengetreten, was Anderen als eine Gefahr erschien; wie oft hatte sie dem drohenden Stirnrunzeln von Madame Schwarz und den Strafpredigten von Fräulein Reich die Stirn geboten, wie oft sogar dem Zorn des Bruders getrotzt, den doch ganz Dobra fürchtete; warum hatte denn nur dieser Mann allein auf der ganzen Welt die Macht, sie durch seinen bloßen Anblick schon zu schrecken und zu ängstigen? Der Zorn darüber wallte heiß in ihr empor, sie wollte sich nicht mehr schrecken lassen, sie wollte der lächerlichen Furcht Herr werden, um jeden Preis! Entschlossen gab sie ihre Vertheidigungsstellung auf, warf die Locken zurück und trat einen Schritt vorwärts.

Jetzt erst bemerkte Benedict das Buch, das sie noch immer festhielt, und etwas, das beinahe einem Lächeln glich, flog über seine Züge.

„Was soll denn Spinoza in Ihren Händen?“ fragte er halb mitleidig, halb vorwurfsvoll, „für Sie passen doch solche Schriften sicher nicht!“

Er hätte Luciens heroischen Entschluß nicht wirksamer unterstützen können, als durch diese Bemerkung; wo ihr kindisches Selbstgefühl verletzt ward, trat für sie alles Andere in den Hintergrund. Sie fand sich tief gekränkt durch diese Worte, sie klangen aber auch gar zu mitleidig herablassend, ihr Zorn schlug in hellen Flammen auf, und ihm den Vorwurf sofort zurückgebend, entgegnete sie sehr entschieden:

„Nun, für Sie paßt das Buch doch wohl noch viel weniger!“

Benedict wich einen Schritt zurück bei diesem ganz unerwarteten Ausfall und sah sie halb erstaunt an. „Weshalb?“ fragte er endlich.

„Weil Sie ein Mönch sind!“ erklärte Lucie, genau den verächtlichen Nachdruck auf das Wort legend, mit dem ihr Bruder es auszusprechen pflegte.

Benedict zuckte leise zusammen. Fort war auf einmal der mildere Ausdruck der Züge, der alte Schatten und die alte Feindseligkeit standen wieder drohend dort und auch die Stimme hatte den weichen sympathischen Klang verloren, als er finster fragte:

„Sie verachten wohl die Mönche recht sehr?“

Lucie fühlte unklar, daß sie mit ihrem Worte irgend eine dunkle Tiefe aufgerissen, die besser verschlossen geblieben wäre, aber sie kämpfte schon wieder gegen die alte Angst an, die sich auf’s Neue zu regen begann, und in ihrem Widerstande dagegen ging sie schleunigst in’s Extrem über, und reizte nun selbst den Gefürchteten nach Kräften.

„Ich mag sie auch nicht!“ erklärte sie mit der ganzen Freiheit und der ganzen Unart eines Kindes, „und ich kann überhaupt nicht begreifen, wie ein Mensch es vermag, sich sein Leben lang im Kloster einzusperren und seine Zeit immer nur mit Beten und Büßen hinzubringen, während draußen die Welt so schön ist!“

Benedict lächelte wieder, diesmal aber lag eine unendliche Bitterkeit in seinem Lächeln.

„Sie können es auch nicht begreifen, weil Sie in Freiheit erzogen und aufgewachsen sind. Hätte man Sie schon als Kind mit Leib und Seele in die Gewalt der Priester gegeben, so wären Sie auch in’s Kloster gegangen. Ich sage Ihnen, Sie hätten es gethan!“ wiederholte er nachdrücklicher, als sie eine heftige Bewegung machte, „unter der eisernen Zuchtruthe bricht jeder Trotz [72] und jede Willenskraft, unter ihr lernt sich Alles, und wenn es auch dem ganzen Wesen des Menschen im tiefsten Innern widerstrebt!“

Es bebte wie dumpfer, mühsam verhaltener Groll aus diesen Worten, aber Lucie geriet förmlich außer sich darüber. Ihr zu sagen, sie wäre auch in’s Kloster gegangen! Der Mann schien eine ganz eigenthümliche Vorstellung von seiner priesterlichen Gewalt zu haben, am Ende versuchte er noch gar, die „Zuchtruthe“ auch gegen sie geltend zu machen, sie erwartete nichts Geringeres, als einen vollständigen Bekehrungsversuch.

Aber nichts dergleichen erfolgte. „Wollen Sie mir jetzt mein Eigenthum zurückgeben?“ fragte Benedict nach einer augenblicklichen Pause wieder vollkommen ruhig.

Stumm reichte ihm Lucie das Buch hin, dabei berührte seine Hand einen Moment lang die ihrige, sie zuckte unwillkürlich zurück, er bemerkte es.

„Sie fürchten sich vor mir?“ fragte er leise.

Das junge Mädchen antwortete nicht.

Benedict trat rasch einige Schritte zurück, so daß ein weiterer Raum zwischen ihnen blieb; das eben noch geforderte Buch fiel unbeachtet zu Boden.

„Sie brauchen mich doch wahrlich nicht zu fürchten!“ sagte er bitter. „Ich werde selten genug in Ihren Gesichtskreis kommen. Ein so frohes, sinniges Schmetterlingsdasein und meine Bahn, die liegen allzuweit von einander – hoffentlich berühren sie sich nie!“

Das war doch nun entsetzlich beleidigend und rücksichtslos! Als ob Lucie diese Begegnung gesucht oder gewünscht hätte, als ob sie sie nicht noch ängstlicher mied als der Herr Pater, der so entschieden hoffte, mit ihr nie wieder in Berührung zu kommen! Das war ihr allzuviel, sie brach in vollste Heftigkeit aus.

„Ja, das hoffe ich gleichfalls! Ich weiß ja, daß Sie Alles hassen, was Freude und Sonnenschein heißt, und daß Sie vor allen Dingen mich hassen, ich habe es deutlich genug gesehen!“

Eine tiefe Gluth überdeckte auf einmal Benedict’s Züge, während er den Blick fest auf sie richtete.

„Wo haben Sie das gesehen?“

„Vorgestern auf dem Feste des Baron Brankow! O, und ich nicht allein!“ Lucie war jetzt einmal im Zuge, und nun fiel es ihr auch nicht ein, sich noch irgend einen Zwang aufzuerlegen. „Graf Rhaneck hat es auch bemerkt, wie feindselig Sie uns im Tanze beobachteten; er sagte, Sie sähen aus, als wollten Sie uns Beide in die fernsten Tiefen der Verdammniß schleudern!“

Die dunkle Gluth lag noch immer heiß auf Benedict’s Antlitz, sie schien noch tiefer zu werden bei den letzten Worten, unverwandt blickte er das junge Mädchen an.

„Also auch Graf Rhaneck!“ sagte er bitter. „Ja freilich, dessen Beobachtungen sind auf jeden Fall unfehlbar, zumal für Sie! Sie haben vollkommen Recht, mein Fräulein! Verabscheuen Sie in mir immerhin den finstern Fanatiker, der Ihnen keine Freude und keine Jugendlust gönnt, hassen Sie ihn nach Kräften – es ist am besten so!“

Er wandte sich heftig ab; Lucie stand betreten da, eine solche Antwort hatte sie am wenigsten erwartet. Zwar verstand sie gar nicht die räthselhaften Worte, aber Eines verstand sie doch, den Klang derselben, das tiefe, schneidende Weh, das aus ihnen hervorbrach, und groß und verwundert schaute sie ihn an. Es war ein eigenthümlich ernster und nachdenklicher Blick, wie er nicht oft in diese immer lachenden Kinderaugen trat; sie hatte auf einmal alle Lust zum fernern Streite verloren.

Langsam ließ sie sich wieder auf die moosigen Steine nieder und pflückte einige von den überhängenden Ranken der Waldrebe, die sie fast mechanisch zu einem dichten Gewinde ineinanderschlang; sie hoffte, Pater Benedict würde sich nun endlich entfernen, aber er blieb, er verharrte unbeweglich auf seinem Platze. Vielleicht empfand der finstere Fanatiker doch in diesem Augenblicke etwas von dem bezaubernden Liebreiz des jungen Wesens, das wie eine Elfe dort am Rande der Quelle saß, umwogt von der braunen Lockenfülle, umschattet von den blühenden Ranken, Hände und Schooß voll Blumen. Sie blickte nicht ein einziges Mal auf von ihrer Beschäftigung, denn wenn sie es auch nicht wußte, sie fühlte doch, daß seine Augen wieder auf ihr ruhten, fühlte es an jener leise quälenden Empfindung, die sie neulich bis in den Traum hinein verfolgt hatte; sie wachte immer nur auf unter diesem Blicke.

Tiefe schweigende Mittagsstille ringsum im Walde. Nur das Quellchen sang seine einförmige träumerische Melodie, als wolle es Alles ringsumher einsingen in Schlaf und Traum. Leise rieselte der silberne Strahl vom Fels hernieder, leise rauschte der Wald und leis und mild dufteten die weißen Blüthen, auf der Wiese leuchtete und flimmerte das Sonnengold und dahinter ruhten die tiefen Waldgründe, noch unberührt von den Strahlen, im grünen, duftigen Dämmerschein. Es wehte seltsam daraus hervor, der Waldeszauber hatte sich aufgethan und umfing den Ort mit seiner ganzen geheimnißvollen Gewalt, umfing auch die Beiden auf der stillen Bergwiese. Er nahm sanft und unwiderstehlich von dem finstern Antlitz des jungen Priesters all den Haß und all die Bitterkeit, die so oft dort eingegraben standen, und legte dafür auf das rosige Kindergesicht des jungen Mädchens einen milden träumerischen Ernst, wie er selten dort weilte; er spann leise, unsichtbare Fäden hinüber und herüber von Einem zum Andern, ein zartes luftiges Gewebe; er wob es fest und fester, und zwischen ihnen rieselte fort und fort der silberne Strahl und flüsterte ihnen die uralte ewige Melodie, die so oft schon zwei Menschenherzen in den Traum gesungen oder – daraus erweckt hat.

Da auf einmal brach der Bann, der ganze Zauber zerrann, das luftige Gewebe aus Sonnengold, aus Blumenduft und Quellenrauschen zerriß, als habe eine fremde Hand jäh hineingegriffen. Benedict war plötzlich aufgefahren, und als Lucie bei seiner heftigen Bewegung emporsah, da traf sie wieder jener wild flammende Blick, wie neulich mitten im Tanze, traf sie nur einen Moment lang, um sich dann sprühend wieder nach der andern Seite zu wenden. Erschreckt folgte sie der Richtung seines Auges; drüben am Rande der Wiese war der junge Graf Rhaneck soeben aus dem Walde hervorgetreten und blieb in sichtlich unangenehmer Ueberraschung stehen, als er das schwarze Benedictinergewand neben der hellen Gestalt des jungen Mädchens erblickte.

Halb überrascht, halb bestürzt erhob sich Lucie; aber sie athmete tief auf beim Anblick des Grafen, seine Erscheinung löste den seltsam beängstigenden Traum, der sie so fest umstrickt gehalten, daß sie alles Andere darüber vergaß. Unwillkürlich that sie einen Schritt ihm entgegen. Benedict sah es; er wurde auf einmal todtenbleich und trat langsam noch weiter zurück, bis tief in den Schatten der Felswand.

Ottfried hatte indessen auch bemerkt, daß er gesehen worden sei; er kam rasch über die Wiese und näherte sich den Beiden.

„Ah, mein Fräulein, welch ein unverhofftes Glück, Sie hier zu finden! Sieh da, Hochwürden!“ Er grüßte mit einer kalten Verneigung den jungen Priester und wandte sich dann sofort wieder zu Lucie. Wie hätte ich ahnen können, daß meine einsamen Jagdstreifereien mir zu einer solchen Begegnung verhelfen würden! Noch war es mir nicht vergönnt, Sie nach dem Feste begrüßen zu dürfen; ich danke doppelt dem Zufall, der mir heute diese Gunst gewährt.“

Ottfried wußte diese galanten Phrasen so unbefangen hinzuwerfen, als sei es in der That nur der Zufall, der ihn hergeführt, als habe er nicht bereits gestern und heute das ganze Gebiet von Dobra umstreift, um ein solches Zusammentreffen herbeizuführen, als sei er nicht seit einer vollen Stunde unterwegs, um Lucien, die auf’s Gerathewohl in den Wald gelaufen war, auf den verschlungenen Pfaden desselben zu folgen, bis er sie endlich, nach mancher Mühe und manchem Abirren von der rechten Spur, auffand. Lucie selbst hatte freilich keine Ahnung hiervon; desto richtiger schien Pater Benedict den „Zufall“ aufzufassen; er hatte den Gruß des Grafen stumm erwidert und lehnte jetzt drüben an der Felswand, das Auge mit einem durchbohrenden Ausdrucke auf die Beiden gerichtet.

Bei jeder andern Gelegenheit hätte Lucie eine solche Begegnung mit großer Genugthuung begrüßt; sie war nun einmal entschlossen, dem Verbot des Bruders, das ihr jeden fernern Verkehr mit dem Grafen untersagte, ganz offen zu trotzen, und es traf sich sehr glücklich, daß dieser sich ihr gerade hier nahte, wo Bernhard weder sich einmischen, noch es verhindern konnte; aber sie kam heute nicht zur Freude und Genugthuung darüber, der finstere Beobachter dort drüben peinigte sie unaussprechlich, das Bewußtsein seiner Nähe raubte ihr allen Halt und alle Unbefangenheit; sie konnte den harmlos neckischen Ton nicht wiederfinden, in welchem sie neulich mit Ottfried verkehrt hatte, und antwortete nur verlegen und zerstreut auf seine wieder reichlich aufgebotenen Galanterien.

[85] Auch der junge Graf schien sich unbehaglich zu fühlen in der Nähe jenes stummen Zuschauers, der ihm einen sichtlichen Zwang auferlegte. All’ seine Artigkeiten und Liebenswürdigkeiten gingen nur bis zu der Schranke, die man einer fremden Bekanntschaft gegenüber beobachtet, aber der Zwang war ihm augenscheinlich sehr lästig, und er machte einen kecken Versuch, ihn abzuschütteln.

„Wie ich sehe, mein Fräulein, waren Sie soeben im Begriff, zu gehen! Sie erlauben doch, daß ich Sie durch den Wald geleite? Wir stören ohnedies hier Herrn Pater Benedict“ – er warf einen Blick auf das noch immer am Boden liegende Buch –, „der mit wichtigen Studien beschäftigt scheint. Sie werden erfreut sein, die nöthige Ruhe und Muße zurück zu erhalten, Hochwürden. Darf ich bitten, mein Fräulein?“

Lucie war im Begriff, das Anerbieten anzunehmen, Ottfried stand bereits an ihrer Seite und wies nach dem Fußpfade hinüber – da auf einmal trat der junge Priester zwischen sie. Seine Hand legte sich schwer und kalt auf den Arm des jungen Mädchens, sie schauerte leise zusammen unter der Berührung.

„Sie thun besser, den Rückweg allein anzutreten, mein Fräulein! Der Wald ist sicher, vertrauen Sie sich immerhin seinem Schutze!“

Ottfried wendete sich bei der unerwarteten Einmischung hastig um, und maß den Störer mit einem halb zornigen, halb ironischen Blick.

„Ich habe nicht geglaubt, Hochwürden, daß irgend eine weltliche Angelegenheit im Stande wäre, Ihr Interesse zu erregen!“ sagte er spöttisch. „Bitte, bedenken Sie, daß die junge Dame nicht zu Ihren Beichtkindern gehört, und daß ihr jedenfalls allein das Recht zusteht, meine Begleitung anzunehmen oder abzulehnen.“

Die Hand Benedict’s lag noch immer schwer und kalt auf Luciens Arm, seine Stimme war tonlos, aber sie hatte eine eiserne Festigkeit:

„Ich zweifle ebenso sehr daran, daß der Bruder Fräulein Günther’s von diesem – Zusammentreffen und von dieser Begleitung unterrichtet ist, als daß er sie billigt, und ich glaube in seinem Namen zu handeln, wenn ich beides verhindere. Die junge Dame kehrt entweder allein nach Dobra zurück, oder sie geht unter meinem Schutze, nicht unter dem Ihrigen.“

„In der That, Sie maßen sich eine eigenthümliche Bevormundung über uns Beide an!“ rief Ottfried gereizt. „Wer giebt Ihnen das Recht zu solchen Befehlen, dem Fräulein und mir gegenüber?“

„Der Ruf, in dem Sie stehen, Herr Graf!“ gab Benedict eisig zurück.

„Herr Pater Benedict!“ fuhr Ottfried wütend auf.

„Herr Graf Rhaneck!“

Rede und Gegenrede klangen gleich drohend und herausfordernd. Bebend vor Zorn wandte sich Ottfried jetzt an Lucie.

„So muß ich Sie bitten, mein Fräulein, diesen unerhörten Eingriff in Ihren Willen zurückzuweisen! Sagen Sie dem Herrn Pater, daß Sie sich meinem Schutze allein anvertrauen, und nicht gesonnen sind, sich darüber Vorschriften machen zu lassen.“

Lucie – sagte gar nichts. Sie fand den Eingriff freilich auch unerhört, und jedem Andern gegenüber hätte sie sich mit vollster Heftigkeit dagegen erhoben, aber ihr sonst immer reger Trotz und Eigenwille sank hier machtlos zusammen. Sie konnte nicht trotzen diesem Manne gegenüber, der jetzt mit so furchtbarem Ernste auf sie niederschaute, aber sie fühlte mit tiefer Bitterkeit, ja mit einer Art von Verzweiflung, daß sie es nicht konnte. Ihre Ahnung, die sie gleich beim ersten Male diese „Gespensteraugen“ fliehen hieß, hatte sie nicht getäuscht, er bannte sie ja förmlich mit diesen Augen, er legte ihren ganzen Willen damit in Fesseln und lähmte ihr das Wort auf der Zunge.

Lucie hoffte trotzdem, der Graf werde ihr zu Hülfe kommen, und sie war entschlossen, sich dann auf seine Seite zu stellen; jedoch der Graf schien keine Lust zu irgend einem Gewaltstreich zu haben, er schoß einen haßerfüllten Blick auf den jungen Priester, aber er trat zurück.

„Sie werden die Güte haben, mir eine Erklärung über dies Benehmen zu geben, Hochwürden!“

„Sobald wir uns allein gegenüberstehen – zu jeder Stunde!“

Lucie fühlte, wie ihr Arm fester gefaßt wurde, sie sah sich fortgezogen, in der nächsten Minute lag die sonnige Wiese bereits hinter ihnen, und der tiefe Schatten des Waldes nahm sie auf.

Das junge Mädchen eilte mit raschen Schritten vorwärts, sie wollte so bald als möglich der unwillkommenen Begleitung ledig werden, die sie gleichwohl nicht zu verweigern wagte. Benedict hatte ihre Hand in dem Momente losgelassen, als sie in den Wald eintraten, aber er blieb dicht an ihrer Seite. Nicht ein einziges Wort fiel zwischen ihnen während des ganzen, länger als eine halbe Stunde dauernden Weges, und wenn irgend etwas im [86] Stande war, Lucie noch mehr zu erbittern, so that es dies eisige Schweigen, denn sie fühlte ganz richtig heraus, daß eine Verurtheilung darin lag. Sie ging ja hier gerade wie eine Verbrecherin, die man nicht einmal mehr des Wortes würdigt, und doch war sie die Gekränkte, Beleidigte. Ihr Herz war zum Zerspringen voll von einer Bitterkeit, die sich jetzt zum Theil auch gegen den Grafen richtete. Warum ließ er sie so ohne Weiteres in der Gewalt dieses entsetzlichen Menschen, warum behauptete er nicht unter allen Umständen seinen Ritterdienst bei ihr? Er mußte es ja doch sehen, daß sie nur halb gezwungen folgte, und er stand doch sicher nicht unter jenem lähmenden Einflusse, dem sie fast willenlos sich beugte. Dem jungen Mädchen waren die Thränen nahe, es bedurfte nur noch eines einzigen Anstoßes, und sie brachen hervor.

Da endlich lag der Ausgang des Waldes vor ihnen, hier begann bereits das Gebiet von Dobra, von drüben schimmerte das Dach des Schlosses hinüber, und auf dem Felde waren eine Menge von Arbeitern beschäftigt; Benedict blieb stehen.

„Ich habe Sie, wie es scheint, sehr gegen Ihren Willen jener Gesellschaft entzogen, mein Fräulein. Sie werden den Eingriff wohl auch ‚unerhört‘ finden, ich habe ihn mir nichtsdestoweniger nun einmal erlaubt, und ich erlaube mir sogar noch eine Warnung, auf die Gefahr hin, daß Sie diese ebenso sehr verachten wie den – Mönch, aus dessen Munde sie kommt. Meiden Sie künftig dergleichen Verabredungen, Graf Rhaneck ist nicht der Mann, an dessen Seite der Ruf eines jungen Mädchens vor Verleumdungen sicher ist, selbst wenn sie es verstehen sollte, ihn in Schranken zu halten. Sie handelten sehr unvorsichtig, als Sie ihm diese Zusammenkunft bewilligten.“

Er stand mit der ganzen Strenge eines Richters vor ihr, das war zu viel und Lucie fuhr empört auf.

„Eine Zusammenkunft bewilligen? Habe ich etwa den Grafen nach dem Walde gerufen?“

„Wollen Sie mich vielleicht glauben machen, daß sein Erscheinen Ihnen unerwartet war?“ Es grollte dumpf und drohend in seiner Stimme, und seine Augen hefteten sich wieder so durchbohrend wie vorhin auf sie, aber jetzt hatten sie ihre Macht verloren, das Gefühl einer unverdienten Kränkung überwog bei Lucie jede Furcht, heiß und ungestüm brachen ihre Thränen hervor, mit ihnen aber auch der Zorn.

„Ich will Sie gar nichts glauben machen!“ rief sie in vollster Heftigkeit, „aber ich lasse mich auch nicht von Ihnen beleidigen, wie Graf Rhaneck es sich gefallen läßt. Ich will nicht!“ – sie stampfte zornig mit dem Fuße – „und solche ungerechte Vorwürfe ertrage ich nicht, nie, niemals –“

Das Weitere erstickte in ihrem Schluchzen, Benedict sah sie starr an.

„Nicht?“ wiederholte er langsam. „Sie haben den Grafen nicht erwartet?“

Lucie gab keine Antwort, sie weinte leidenschaftlich, aber es lag eine überzeugende Gewalt in diesem so plötzlich hervorbrechenden Trotze. Er trat ihr mit einer stürmischen Bewegung näher und faßte ihre beiden Hände, trotz ihrer eigenen Erregung sah sie doch, daß er sich in einer noch furchtbareren befand. Die Hände, welche die ihrigen festhielten, bebten, sein Blick senkte sich flammend tief in ihr Auge, und seine Stimme klang dumpf, gepreßt, als fehle ihm der Athem.

„Antworten Sie mir, Lucie! Bei Allem, was Ihnen heilig ist – Sie haben den Grafen nicht erwartet?“

„Nein!“ rief Lucie, außer sich gebracht durch dies Examen, und in diesem Moment war es wieder einmal Bernhard’s Schwester, die über das Kind siegte, so energisch und leidenschaftlich schleuderte sie ihm das Nein entgegen.

Ein tiefer, tiefer Athemzug hob Benedict’s Brust und ein schnelles blitzähnliches Aufleuchten flog über seine Züge; er ließ ihre Hände los und trat zurück.

„So bitte ich um Verzeihung!“ sagte er leise.

Lucie hielt plötzlich mit Weinen inne, ebenso sehr über diese ganz unerwartete Wendung, wie über den Ton seiner Stimme betroffen, die auf einmal von der rauhesten Härte zur vollsten Weichheit umschlug. Halb bestürzt blickte sie ihn mit den großen thränenvollen Augen an. Sein Blick hing jetzt wieder fest an diesen Augen; aber er machte keinen Versuch, sich ihr auf’s Neue zu nahen; im Gegentheil, es schien, als wolle er noch weiter zurückweichen.

„Ich habe Ihnen wehe gethan mit meinem Verdachte, ich sehe es! Aber ich hatte allen Grund dazu. Graf Rhaneck hat Ihnen schon einmal von Liebe gesprochen, und Sie wiesen ihn nicht zurück!“ – Lucie machte unwillkürlich eine Bewegung des Schreckens. War denn dieser Mann allwissend? – „Aber was Sie Liebe nennen, kann der Graf nicht mehr empfinden, wenn er es überhaupt jemals empfunden hat. Er ist einer reinen Zuneigung nicht werth. Glauben Sie mir das, mein Fräulein, und gestatten Sie ihm keine weitere Annäherung; ich warne Sie davor, ich – ich bitte Sie darum!“

Er sprach noch leise, aber in einem eigenthümlichen erschütternden Tone, der die innere mühsam gebändigte Bewegung verrieth. Es war dieselbe Warnung, die Lucie vorgestern aus dem Munde des Bruders gehört; aber wenn Bernhard’s herrisches Verbot ihren ganzen Trotz wach rief, dies hier wirkte anders. Das „Ich bitte Sie darum!“, das fast unhörbar an ihrem Ohre hinwehte, weckte wieder jenen schmerzenden Stich, der ihr bis in’s innerste Herz drang; sie wußte nicht weshalb und woher, sie fühlte nur, daß es wehe that.

Das junge Mädchen senkte lautlos den Kopf und trocknete sich die Thränen ab. Sie gab keine Antwort, gab auch kein Versprechen; aber man sah es, die heutige Warnung war tiefer gegangen als jene erste. Stumm wendete sie sich zum Gehen. Benedict machte eine Bewegung, es sah fast aus, als wolle er ihr nachstürzen, aber plötzlich schlug er krampfhaft den Arm um den Stamm des Baumes, an dem er stand, und blieb unbeweglich in dieser Stellung. Lucie wandte sich noch einmal um, wie mit einem halben Gruße; es schien, als erwarte sie noch ein Abschiedswort oder ein Lebewohl, aber nichts dergleichen kam von den festgeschlossenen Lippen des jungen Priesters, nur sein Blick folgte ihr, als sie über den Abhang schritt und durch die Felder eilte, folgte ihr so lange, bis die helle Gestalt zwischen den Gebüschen verschwand, welche dort hinten die Wiese säumten.

Da tönten Schritte hinter ihm, und aufblickend gewahrte Benedict den Grafen, der jetzt gleichfalls aus dem Walde hervortrat. Ob er ihnen in einiger Entfernung gefolgt war oder ob er sich nur auf dem Rückwege nach Rhaneck befand, dessen Gebiet hier das von Dobra berührte, blieb unentschieden; jedenfalls sah er den jungen Geistlichen und näherte sich ihm rasch.

Benedict schien der nun unvermeidlich folgenden Erklärung sehr gelassen entgegenzusehen; er lehnte sich an den Baum und erwartete ruhig den Kommenden. Ein halb verächtlicher Ausdruck lag dabei auf seinem Gesichte; aber der Angriff sollte mit einer Waffe geführt werden, an die er nicht gedacht.

Ottfried trat ihm keineswegs in hellem Zorn entgegen; im Gegentheil, sein Gesicht war wieder vollkommen glatt und ruhig; aber ein boshaftes Lächeln spielte um seine Lippen und mit einem unverkennbaren Hohne begann er:

„Erlauben Sie mir, Hochwürden, Ihnen etwas zurückzustellen, was Sie im Eifer Ihrer Beschützerrolle ganz und gar vergessen zu haben scheinen. Das Werk hier ist doch wohl Ihr Eigenthum, oder ziehen Sie es vor, zu behaupten, daß Fräulein Günther sich auf ihrem Waldspaziergange mit Spinoza beschäftigt hat?“

Der Stich traf doch. Benedict erbleichte einen Moment lang und ein heftiger Blick glitt über den verrätherischen Band, den Ottfried in Händen hielt; aber er faßte sich sofort wieder.

„Das Buch gehört mir!“ sagte er ruhig, die Hand danach ausstreckend.

Ottfried jedoch schien die Herausgabe vorläufig noch weigern zu wollen.

„Ein höchst interessantes Studium ohne Zweifel!“ fuhr er boshaft fort. „Nur ist die Beschäftigung damit, so viel ich weiß, im Kloster auf’s Strengste verboten und mit den schwersten Bannstrafen belegt; oder sollte ich mich irren? Vielleicht können Sie mir darüber Auskunft geben, Hochwürden.“

Zu der Verachtung in Benedict’s Antlitz gesellte sich jetzt ein leiser Zug von Ironie, als er entgegnete: „Sie haben vollkommen Recht, Herr Graf. Sie sehen, ich lese das Buch auch nicht im Kloster; ich nehme es mit mir in den Wald hinaus. Uebrigens steht es Ihnen frei, bei dem Herrn Prälaten den Angeber zu machen, wenn Sie sich sonst mit diesem ritterlichen Geschäft befassen wollen.“

„Herr Pater, ich verbitte mir dergleichen beleidigende Aeußerungen!“ sagte der Graf in hohem Tone.

[87] „In Ihren Worten sollte doch wohl eine solche Drohung liegen,“ gab Benedict kalt zurück. „Ich habe nur diese eine Antwort darauf!“

Ottfried hatte jedenfalls geglaubt, einen ausgezeichneten Trumpf in der Hand zu haben; er sah jetzt, daß auf diesem Wege nichts zu erreichen war, und ließ deshalb den Gegenstand fallen.

„Es handelt sich nicht darum,“ sagte er scharf, „sondern um Ihre unberufene Einmischung in meine Angelegenheiten. Ich weiß, daß mein Vater Sie zu meinem Beichtiger bestimmt hat, und diese Bestimmung gab jedenfalls den alleinigen Anlaß dazu; aber ich möchte Sie denn doch darauf aufmerksam machen, Hochwürden, daß ich Ihnen außerhalb des Beichtstuhls keine Befugniß zuerkenne, mein Thun und Lassen einer Kritik zu unterziehen, am allerwenigsten in der Art und Weise, wie es vorhin geschah. Den Bauern mag dies unfehlbare Auftreten imponiren, und ihnen gegenüber mag es auch am Platze sein – ich beanspruche andere Rücksichten!“

Die dunklen Augen Benedict’s richteten sich fest und stolz auf den Grafen. „Was mir das Recht zum Einschreiten bei den Bauern giebt, wird wohl auch Ihnen gegenüber am Platze sein, Graf Rhaneck. Uebrigens handelte ich diesmal nicht in meiner Eigenschaft als Priester, ich erfüllte einfach meine Pflicht als Mann, indem ich ein junges, unerfahrenes Kind vor Einflüsterungen und Betheuerungen bewahrte, denen es wahrscheinlich geglaubt hätte, und die in Ihren Augen jedenfalls so leicht wiegen, daß sie nicht über die Zeit Ihres Aufenthaltes hier hinausreichen. Wenn Sie sich überhaupt im Rechte fühlten, warum wichen Sie dann meiner Autorität? Ihrer Bewerbung steht ja wohl der Weg nach Dobra offen, ich bezweifle aber, daß Sie eine solche beabsichtigten.“

„Ich werde Sie schwerlich zum Vertrauten meiner Entschlüsse machen!“ unterbrach ihn Ottfried hochfahrend, „und ich wiederhole es Ihnen, ich dulde fernerhin dergleichen Einmischungen nicht. Wenn ich mich diesmal fügte, so geschah es aus Rücksicht für meinen Vater und meinen Oheim, nicht aus Rücksicht für Sie.“

„Ich weiß es! Auch beanspruche ich weder, noch wünsche ich eine Rücksicht von Ihnen, Herr Graf!“

Der kalte verächtliche Nachdruck, den Benedict auf die letzten Worte legte, hätte wohl auch einen Anderen als Ottfried gereizt, den jungen Grafen, der gewohnt war, sich für unnahbar anzusehen, empörte er.

„Erinnern Sie sich gefälligst, mit wem Sie sprechen, Herr – Bruno. Sie scheinen ganz zu vergessen, daß Sie das Priestergewand, das Sie allein so kühn macht, einzig der Gnade meines Vaters danken. Ohne diese Gnade ständen Sie jetzt im Bedientenrock hinter meinem Stuhle und müßten meiner Befehle gewärtig sein.“

Ottfried hatte, als er diese verletzenden Worte hinwarf, doch wohl nicht geahnt, welche furchtbare Wirkung sie hervorbrachten. Benedict war leichenblaß geworden, seine Hände ballten sich krampfhaft und seine Augen schossen einen Blick, daß der Graf einen Schritt zurücktrat und unwillkürlich sein Gewehr fester faßte.

„Sie werden diese Beleidigung zurücknehmen!“ stieß er heraus und der kochende Ingrimm erstickte fast seine Stimme. „Hier auf der Stelle werden Sie das thun!“

Ottfried hatte inzwischen seine augenblickliche Bestürzung überwunden und sich wieder gefaßt. „Ei, Hochwürden, das ist ja ein recht priesterliches Benehmen!“ höhnte er. „Wollen Sie mich nicht lieber gleich auf Pistolen fordern? Ihr Aussehen ist ganz darnach!“

Was die Beleidigung begonnen, das vollendete der Hohn: außer sich gebracht, that Benedict einen Schritt ihm entgegen und der Ausdruck seines Gesichtes war derart, daß Ottfried’s Hand nach dem Hirschfänger an der Seite zuckte, aber er hätte nichts Schlimmeres thun können, als gerade dies. Der junge Mönch sah die Bewegung und im nächsten Moment hatte er sich auf den Grafen gestürzt, ihm mit einem einzigen kraftvollen Griffe die Waffe entrissen und ihn selbst zurückgeschleudert, so daß er gegen die nächsten Bäume taumelte.

Jetzt aber wurde Ottfried’s Antlitz auch leichenhaft. Der Schimpf, der ihm soeben widerfahren, raubte ihm alle Besinnung, er riß die Büchse von der Schulter und legte an.

Da auf einmal ward der Lauf des Gewehrs zur Seite geschlagen und sein Arm mit Gewalt zurückgehalten „Bruno – Ottfried – auseinander!“ tönte eine fremde Stimme, und der alte Graf Rhaneck trat zwischen sie.

Der Graf war gleichfalls im Jagdanzuge, die laut streitenden Stimmen mochten ihn wohl herbeigezogen haben, er kam gerade im Moment, um ein Unglück zu verhüten.

„Auseinander, sage ich!“ wiederholte er gebietend, aber noch bebte die Todesangst in seiner Stimme. „Was ist vorgefallen? Was gab es zwischen Euch?“

Die beiden jungen Männer schwiegen, aber das Erscheinen Rhaneck’s wirkte sehr verschieden auf sie. Ottfried, gewohnt sich der Autorität des Vaters zu fügen, hatte die Büchse gesenkt und war gehorsam einige Schritte zurückgetreten, Benedict stand noch immer da wie ein gereizter Löwe, die Waffe in der hocherhobenen Hand, das Auge sprühend und zwischen seine Brauen grub sich tief die verhängnißvolle Falte. Nicht auf der des Majoratserben, auf seiner Stirn stand der finstere Familienzug des Rhaneck’schen Geschlechts, stand jetzt auch die ganze Härte und Grausamkeit desselben: so mußte der Graf, so der Prälat aussehen, im Momente der höchsten Erregung; die eine Linie veränderte auf einmal den ganzen Charakter des Gesichts und zeichnete dort eine Aehnlichkeit, die sich sonst nie in der leisesten Spur verrieth.

Auch Rhaneck sah sie und trotz Zorn und Angst glitt doch eine Secunde lang ein Ausdruck von Stolz und Zärtlichkeit über seine Züge, aber sie wurden sofort wieder ernst, als er sich dem noch immer trotzig Dastehenden näherte.

„Bruno, was soll die Waffe in Deiner Hand?“ fragte er mit schwerer Betonung.

Der junge Priester zuckte zusammen, er verstand die Mahnung, stumm blickte er wieder auf sein Ordensgewand und langsam entsank das Messer seinen Händen.

„Ihr waret im Streite!“ begann der Graf von Neuem, „was war die Veranlassung dazu, wer von Euch hat ihn angefangen?“

Stumme Pause, keiner der Beiden regte sich.

„Bruno!“ er wendete sich vorwurfsvoll an diesen, „Du zum Mindesten hättest das bedenken sollen, was Du Deinem Stande schuldig bist. Ziemt dieser wilde Jähzorn dem geweihten Priester?“

Benedict blickte finster auf. „Legt mein Stand mir auch die Verpflichtung auf, zu dulden, daß Graf Ottfried ihn mir als eine Gnade seiner Familie vorwirft? zu dulden, daß er mir die Bedientenstelle hinter seinem Stuhle zuweist?“

Der Graf fuhr auf. „Ottfried, das hast Du gewagt?“ Ein Blick glühenden Zornes traf den Sohn, aber dieser hob jetzt auch trotzig das Haupt.

„Ich habe Herrn Pater Benedict an die Schranken erinnert, die er mir gegenüber vergessen hat!“

„Wenn Du wirklich diese Worte ausgesprochen hast, so wirst Du sie zurücknehmen und Bruno um Verzeihung bitten!“ befahl der Graf mit einer Härte, die wenig Väterliches hatte.

„Mein Vater!“

„Ottfried, Du wirst!“

„Nun und nimmermehr!“ rief Ottfried heftig und der Blick, den er dabei auf seinen Gegner schoß, war so voll Haß, daß der Graf einsah, er dürfe den Conflict nicht bis zum Aeußersten treiben. Er trat zu Benedict und legte die Hand auf dessen Arm.

„Ottfried ist jetzt zu gereizt, er wird sich besinnen und in einer ruhigen Stunde Dir die Abbitte leisten. Gieb Dich zufrieden, Bruno, ich sage Dir, es wird geschehen.“

Benedict zog kalt den Arm zurück. „Herr Graf ich verzichte auf eine erzwungene Genugthuung! Ich stand im Begriff, mir gegen eine Beleidigung selbst Recht zu schaffen, fremdem Einfluß mag ich es nicht danken.“

„Fremdem? Bruno!“

Der Vorwurf klang beinahe schmerzlich, aber der Graf richtete nun einmal nichts aus mit dieser Milde seinem Schützlinge gegenüber, in dessen Auge lag wieder der alte Widerwille, die geheime Abneigung, mit der er jede Annäherung, jede Zärtlichkeit, die von dieser Seite kam, zurückwies.

„Ich muß jetzt wohl wünschen, Sie wären mir fremd geblieben mit Ihrer Gnade und Ihren Wohlthaten, Herr Graf!“ sagte er hart. „Ich habe diese Wohlthaten von jeher gehaßt: sie wurden mir aufgezwungen, als ich noch ein Kind war, und als ich zum Bewußtsein erwachte, hatte man bereits Sorge getragen, [88] daß mir jeder andere Lebensweg verschlossen blieb. Ich konnte und kann nichts von dem Empfangenen zurückzahlen, ich muß es zeitlebens als eine Schuld mit mir herumtragen, das ist auch eins von den gepriesenen Vorrechten meines Standes, der jede Selbstständigkeit vernichtet. Aber,“ hier brach eine heiße Bitterkeit mitten durch die erzwungene Ruhe, „aber ich wollte, Sie hätten mich nicht der Sphäre entrissen, für die ich geboren ward, ich wollte, Sie hätten mich zum Bauer, zum Tagelöhner werden lassen, der im Schweiße seines Angesichts das saure Brod verdienen muß, es wäre besser gewesen und ich hätte es Ihnen mehr gedankt, als dies Leben – am Altar!“

Ottfried hörte fast erstarrt zu, das schien ihm denn doch jedes Maß der Undankbarkeit und Unverschämtheit zu übersteigen, und sein Vater, an den sich all diese Beleidigungen richteten, der seine Gnade verschmäht, seine Wohlthaten mit Füßen getreten sah, Graf Rhaneck stand da, ohne sich zu regen, ohne auch nur mit einem Worte den wilden Ausbruch zu zügeln. Kein Zorn, nur eine immer zunehmende Angst sprach aus seinem Antlitz, als thue sich etwas Niegeahntes, Furchtbares vor ihm auf, und als Benedict die letzten Worte mit unverkennbarem Hasse herausschleuderte, da wendete er sich erbleichend ab und legte die Hand über die Augen.

Aber wenn irgend etwas im Stande war, Benedict zur Besinnung zu bringen, so that es dies stumme Abwenden, seine Lippen zuckten.

„Sie werden meine Undankbarkeit himmelschreiend nennen, und Sie thun Recht daran!“ sagte er ruhiger. „Ich habe nur Gutes von Ihnen empfangen und lohne Ihnen so dafür, es ist verdammungswerth, ich weiß es, aber ich kann nicht anders!“

Er neigte sich gegen den Grafen und wandte dann den Beiden den Rücken, Ottfried sah ihm nach, sah dann auf den Vater und schüttelte den Kopf, die Scene blieb ihm unbegreiflich.

„Papa, ist es möglich, das läßt Du Dir sagen! Du? – und schweigst dazu?“

Der Graf richtete sich auf, er hatte auf einmal seine ganze Energie wieder. „Schweig Du selbst, Ottfried!“ sagte er befehlend, „das sind Dinge, über die nur mir allein die Beurtheilung zusteht, aber vor Einem will ich Dich doch noch warnen. Du wirst Bruno nie wieder feindlich gegenübertreten, hörst Du? Niemals! Ich werde sorgen, daß es auch von seiner Seite nicht mehr geschieht. Wenn Ihr Euch nun einmal durchaus nicht vertragen könnt, so bleibt fern von einander, hassen dürft und sollt Ihr Euch nicht, und beleidigen,“ hier flammte sein Blick auf’s Neue drohend, „beleidigen wirst Du ihn nicht wieder, oder ich fordere Rechenschaft von Dir.“

Ottfried schwieg, aber zum ersten Male stieg ein argwöhnisches, grübelndes Nachdenken in ihm auf, welchen Grund denn sein Vater hatte, diesen seinen Schützling fortwährend mit einer Schonung und Nachsicht zu behandeln, die sonst keineswegs in seinem Charakter lag und deren sich der eigne Sohn fast niemals erfreute. Er und Benedict waren sich sonst stets fremd geblieben, nur in der Kinderzeit hatte man sie bisweilen zusammengeführt, und Ottfried hatte nie erfahren, wie weit die Fürsorge des Vaters für Jenen eigentlich ging. Jetzt zum ersten Male sah er sich gegen den Fremden offenbar zurückgesetzt, sah, wie mit augenscheinlicher Vorliebe für diesen Partei genommen ward, gegen ihn. – Was war es denn eigentlich mit diesem Benedict?

„Und jetzt komm!“ schloß der Graf hastig, als wolle er den Eindruck der eben durchlebten Scene verwischen, „laß uns nach Rhaneck zurückkehren, es ist hohe Zeit!“

Ottfried gehorchte, zuvor jedoch nahm er Benedict’s Spinoza von dem Feldsteine, auf dem er bisher gelegen, und schickte sich mit einiger Ostentation an, den Band in seine Jagdtasche zu stecken.

„Was hast Du da?“ fragte der Graf zerstreut.

„Die Lieblingslectüre des Herrn Pater Benedict!“ entgegnete Ottfried boshaft, ihm das Buch hinüberreichend.

Der Graf schlug den Titel auf und fuhr zurück. „Auch das noch! Allmächtiger Gott, was soll daraus werden!“

Er steckte das Buch zu sich und wendete sich dann kurz zu seinem Sohne. „Du schweigst gegen den Oheim, ich werde selbst mit Bruno darüber sprechen! Jetzt laß uns gehen.“

Ottfried folgte mit verbissenem Zorn, er sah, daß dem gehaßten Mönche nicht beizukommen war, der Vater war offenbar entschlossen, ihn mit seiner ganzen Macht zu schützen. –

Lucie hatte inzwischen den Garten von Dobra erreicht, wo Fräulein Reich sie mit einer Strafpredigt über ihr eigenmächtiges Davonlaufen und allzu langes Ausbleiben empfing, aber schon bei dem ersten Satze stockte Franziska, als sie die verweinten Augen und die niedergeschlagene Miene des jungen Mädchens gewahrte.

„Um Gottes willen, Kind, was ist denn vorgefallen?“ rief sie erschreckt. „Ist etwas passirt? Hat Ihnen Jemand irgend etwas zu Leide gethan?“

Lucie schüttelte den Kopf, sie wollte den alten übermüthigen Ton wieder anschlagen, wollte mit irgend einem Scherz ausweichen, aber die Lippen versagten ebenso sehr das Lächeln, als die Stimme den Scherz. Sie warf noch einen Blick zurück nach dem Walde, dann schlang sie plötzlich beide Arme um den Hals Franziskas, verbarg den Kopf an deren Brust, und brach ohne ein Wort, ohne eine Erklärung auf’s Neue in ein bitterliches Weinen aus.




Das Stift feierte eines der hohen katholischen Kirchenfeste, und wie stets bei solchen Gelegenheiten, bot die große prachtvolle Stiftskirche den Mittelpunkt und Versammlungsort für die Andächtigen der ganzen Umgegend.

Die weiten Hallen der Kirche vermochten kaum die herbeigeströmte Menge zu fassen, die sich dort Kopf an Kopf drängte. Der Prälat, unter Assistenz der gesammten Geistlichkeit seines Stiftes, hielt heute selbst das Hochamt, mit all dem kirchlichen Pomp und Glanz, der dem hohen Festtage ziemte. Von draußen her fiel der helle Sonnenschein durch die hohen Bogenfenster und die prachtvollen Glasmalereien warfen purpurfarbene und tiefblaue Lichter auf den Marmorboden. Vom Chore hernieder rauschte die Musik in vollen mächtigen Accorden, und der Gesang wehte an den hohen Wölbungen hin, dazwischen knisterte leise die schwere Seide der Kirchenfahnen, im Hintergrunde aber flammte der Hochaltar, von hundertfachem Kerzenglanze umstrahlt, von Weihrauchwolken umzogen, überragt von dem Bilde des Gekreuzigten und umgeben von der Priesterschaar, ein unnahbares, gottgeweihtes Heiligthum.

Auf seinen Stufen stehend vollzog der Prälat die heilige Handlung. Und wahrlich, hier war der Ort, wo seine Erscheinung zur vollsten Geltung kam, es lag etwas Erhabenes in der stolzen feierlichen Würde, mit der er die vorgeschriebenen Ceremonien verrichtete. Jetzt hob er die Monstranz, und auf die Kniee nieder stürzte Hoch und Niedrig und beugte demuthsvoll das Haupt zur Erde, nur die Priester standen aufrecht da und blickten nieder auf die knieende Menge, die sich vor dem Allerheiligsten beugte, es sah fast aus, als beugte sie sich jenen allein.

Unmittelbar an der Seite des Prälaten befand sich Benedict; auch er trug heut’ nicht das schwarze Ordensgewand, sondern war, wie alle Uebrigen, im vollen priesterlichen Ornate. Die kostbaren, reichgestickten und golddurchwirkten Gewänder hoben seine Erscheinung mächtig und wirkungsvoll, und sie verlor nichts durch die Blässe der Züge, die unter dem dunkeln Lockenhaar hervorleuchtete; manches Auge aus den Reihen der Andächtigen hing an dem jungen Priester, mancher Blick heftete sich bewundernd auf ihn, er aber sah kalt und unbewegt auf die Menge, die Ceremonie, bei der auch er betheiligt war, schien ihn allein zu beschäftigen.

Und doch waren seine Gedanken weit weg von dem Hochamt und dem geweihten Raume, sie suchten fern eine stille Waldeseinsamkeit; lauter rauschte die Musik vom Chore hernieder, dichter stieg der Weihrauch vom Altare empor, aber mitten in den jubelnden Tönen klang das leise träumerische Rieseln einer Quelle, aus den Weihrauchwolken hervor dämmerte ein rosiges Kinderantlitz mit langen braunen Locken, und ein Paar große blaue Augen blickten ihn bestürzt und thränenvoll an – die Lippen des Priesters zuckten, er rang sich gewaltsam los von diesen Bildern, die ihn Tag und Nacht umdrängten, die ihm selbst hier am Altar keine Ruhe mehr ließen, er war ja ein Mönch, und jene Bilder waren ein Verbrechen!

Die übrigen Geistlichen schienen es weniger gewissenhaft mit der Heiligkeit des Ortes und der Stunde zu nehmen, die lange Gewohnheit hatte sie abgestumpft dagegen. Zwar bewahrten auch sie die volle äußere Würde, aber als die Musik nun wieder mit vollster Macht einsetzend all die leiseren Töne verschlang, und die jetzt folgenden Ceremonien ihre Aufmerksamkeit nicht mehr so ausschließlich in Anspruch nahmen, da bewegte sich [90] manche Lippe, und leise, fast unhörbar flog Rede und Gegenrede zum Nachbar hinüber und wieder herüber, die hochwürdigen Herren waren längst an diese Art der Unterhaltung gewöhnt, von der man freilich in der Kirche nichts bemerkte.

„Der Benedict sieht heute prachtvoll aus!“ flüsterte Pater Eusebius dem Prior zu, der an seiner Seite stand „Im einfachen schwarzen Talar sollte man nicht glauben, daß er sich so ausnehmen könnte. Das ist eine Erscheinung, die unserm ganzen Stifte Ehre macht!“

„Einer Uniform würde er noch mehr Ehre machen!“ gab der Prior boshaft, aber ebenso leise zurück, während sein Blick nach dem Betstuhl der Rhaneck’schen Familie hinüberflog, wo neben den Epauletten des Grafen die seines Sohnes glänzten.

„Warum nicht gar!“ murmelte Eusebius.

„Und sieh nur, wie Graf Rhaneck zu ihm hinüberblickt; mir scheint, er sieht von der ganzen hochwürdigen Assistenz nur den Einen! Aber seltsam ernst und finster ist heute das Gesicht des Grafen, findest Du nicht?“

Das widrige Lächeln zuckte wieder um den Mund des Priors, während er zugleich in vorgeschriebener Weise den Kopf tief herabbeugte und die Hände ineinander legte.

„Seine gräfliche Gnaden zögen es vielleicht vor, Pater Benedict als Majoratserben an seiner Rechten zu haben, und dafür den Grafen Ottfried am Altare zu sehen. Wer weiß es!“

„Thorheit!“ flüsterte Eusebius, die Bewegung des Priors nachahmend, „glaubst Du etwa auch gewissen dunklen Gerüchten?“

„Ich glaube nur meinen eignen Augen und die sehen ziemlich scharf. Hüte Dich übrigens, daß jene Gerüchte Benedict nicht zu Ohren kommen, er ist schon hochmüthig genug, und wenn –“

Die laute volltönende Stimme des Prälaten unterbrach ihn, er sprach die Worte des Segens, die beiden Priester schwiegen, Todtenstille legte sich über die ganze Versammlung.

Das Hochamt war zu Ende, die Menge drängte nach den Kirchthüren und auch die vornehmeren Zuhörer erhoben sich aus ihren Stühlen, während der Prälat mit seiner Geistlichkeit sich zurückzog. In der gleichfalls leeren Sacristei lehnte Benedict am Fenster, er trug noch die kirchlichen Gewänder und schien gar nicht daran zu denken, daß er sie ablegen mußte. Den Kopf in die Hand gestützt, blickte er hinaus in die sonnige Welt da draußen, nach den Bergen hinüber, die in voller Majestät dort in der Ferne aufstiegen; da ward eine der Seitenthüren geöffnet und der Prior trat ein.

„Wie, Pater Benedict, noch im vollen Ornate?“ fragte er scharf. „Die Messe ist längst vorüber, warum legen Sie die Gewänder nicht ab?“

„Ich hatte es vergessen. Ich werde sogleich –“ Benedict wollte sich entfernen, doch der Prior hielt ihn zurück.

„Sie haben vorhin den Herrn Prälaten um eine Unterredung ersucht?“

„Ja!“

„Und das gerade heut an diesem vielbeschäftigten Tage? Ihr Anliegen scheint sehr dringender Art zu sein.“

„Interessirt Sie das, Hochwürden?“ fragte der junge Priester ruhig.

[101] Der Prior sah mit der ganzen hochmüthigen Ueberlegenheit des Vorgesetzten auf Benedict nieder. „Sie scheinen zu vergessen, daß ich das vermittelnde Glied zwischen dem Abte und den Klostergeistlichen bin,“ sagte er streng. „Es ist durchaus unstatthaft, daß man sich mit Umgehung meiner Person direct an Seine Gnaden wendet.“

„Ich habe die Regel nicht als ein Gebot angesehen!“ erklärte Benedict noch immer gelassen; „auch scheint der Herr Prälat es nicht so aufzufassen, da er meine Bitte sofort gewährte. Euer Hochwürden mögen übrigens wegen der Audienz unbesorgt sein, sie betrifft nur meine Privatangelegenheit und nicht etwa – andere Dinge.“

Der Ton der letzten Worte war so eigenthümlich, daß der Prior aufmerksam wurde. „Was meinen Sie damit?“ fragte er noch strenger; aber ein schneller stechender Blick traf dabei die Züge des jungen Mönches.

„Ich meine gewisse Klosterangelegenheiten, zum Beispiel die Auskunft über den Verbleib eines Theiles der Stiftsgelder, die der Herr Prälat dringend wünscht und die er nicht erhalten kann, weil der Rentmeister die Bücher in einer unverantwortlich nachlässigen Weise geführt hat.“

Ueber das Gesicht des Priors flog ein plötzliches Erbleichen, seine stechenden Augen hefteten sich jetzt lauernd auf Benedict.

„Und wären Sie vielleicht im Stande, ihm diese Auskunft zu geben?“

„Die Auskunft selbst nicht, wohl aber einen Wink, wo sie zu erlangen wäre. Hochwürden werden sich erinnern, daß der Rentmeister kurz vor seiner Entlassung plötzlich schwer erkrankte. Sie, sein ausschließlicher Gewissensrath, waren gerade abwesend, und so rief man mich zur Beichte.“

Die Blässe auf dem Gesichte des Priors war fahler geworden. „Ah so! Er hat Ihnen Geständnisse gemacht?“

„Genannt hat er Niemanden!“ sagte Benedict kalt. „Der Mann ist zu gut geschult, und ich mochte nicht noch mit weiteren Fragen in den Schwerkranken dringen, sein Zustand war ohnehin gefährlich genug. Ich habe aber bei der Gelegenheit den Eindruck empfangen, daß der Rentmeister nur das Werkzeug in fremder Hand war und die fehlenden Gelder nicht in seinem Interesse verwendet sind. Ich bin überzeugt, wenn der Prälat mit der vollen Macht seiner Persönlichkeit einen Druck auf ihn übte, so wäre es nicht schwer, umfassende Geständnisse von ihm zu erlangen.“

„Da haben Sie in der That wichtige Entdeckungen gemacht!“ Der Prior vermochte es doch nicht, das Auge seines jungen Untergebenen auszuhalten, das fest und drohend auf ihn gerichtet war. Seine Stimme klang heiser, als er schnell hinzu setzte:

„Ich bewundere nur, daß Sie den Herrn Prälaten nicht sogleich davon unterrichtet haben, die Sache ist ja schon wochenlang her.“

„Wenn es mir nicht so sehr widerstrebte, den Angeber zu machen, so hätte ich es gethan. Ich beschloß, die Angelegenheit ruhen zu lassen, als ich sah, daß der Schaden nicht zu ersetzen war, und daß das sofortige energische Einschreiten unseres Abtes das Stiftsvermögen vor weiteren Angriffen sicherstellte. Der Punkt wäre auch heute nicht berührt worden, sähe ich mich nicht zu der Bitte gezwungen, daß Euer Hochwürden endlich einmal mit den kleinlichen Quälereien und endlosen Verfolgungen aufhören mögen, deren Zielpunkt ich seit der ganzen Zeit meines Hierseins bin und zu denen Sie Ihre Macht als mein Vorgesetzter mißbrauchen. Es sind allerdings nur Nadelstiche, aber man kann Jemand zu Tode hetzen mit solchen Nadelstichen, und ich bin jetzt auf den Punkt gekommen, wo ich sie nicht mehr ertragen kann. Ich bitte dringend um Schonung; es giebt Manchen im Kloster, der mehr zu verantworten hat, als ich.“

Wäre Benedict nur etwas weniger stolz und menschenverachtend gewesen, so hätte er den Blick verstanden, der in giftigem, tödtlichem Haß ihm entgegensprühte. In dem Blicke stand sein Verderben; aber der junge Priester wandte sich verachtungsvoll ab und ging, das Ornat wieder mit dem Ordenskleide zu vertauschen – er ahnte doch wohl nicht, wie grenzenlos unvorsichtig er gehandelt und welchen Feind er gereizt hatte.

Der Prior blickte ihm einige Secunden lang stumm nach. „Steht es so?“ murmelte er endlich. „Du wagst es, mir zu drohen? Der Schwachkopf von Rentmeister muß ihm die Augen geöffnet haben; ich werde sorgen, daß er sich nicht noch mehr verräth. – Hüten Sie sich, Herr Pater Benedict! Bisher waren Sie nur unbequem, jetzt fangen Sie an, gefährlich zu werden; es wird Zeit, daß man Sie beseitigt!“

Die große, mit aller Pracht und allem Ueberfluß reichlich versehene Conventstafel, die dem Hochamte folgte, war vorüber. Das Stift liebte es, an solchen Tagen den vollen Glanz seines Reichthums zu entfalten und eine wahrhaft verschwenderische Gastfreundschaft gegen Hoch und Niedrig zu üben. Jetzt war die Tafel aufgehoben, die Gäste hatten sich zum größten Theil bereits [102] entfernt und auch der Prälat hatte sich zurückgezogen, da der weit einfachere Nachmittagsgottesdienst von den untergeordneteren Geistlichen celebrirt ward.

Zur festgesetzten Stunde betrat Benedict die Gemächer des Abtes; aber der Kammerdiener führte ihn nicht dort hinein, sondern in den Garten hinunter, wo der Prälat nach den mancherlei Anstrengungen des Tages sich im Freien erging. Langsam wandelte die hohe Gestalt in den Gängen auf und nieder; auf dem schwarzen Talar blitzten die Diamanten des großen Kreuzes, das er auf der Brust trug, während ein schwarzes Sammetkäppchen die Tonsur und das bereits ergraute, aber noch volle Haupthaar bedeckte. Der weite, reichgepflegte Stiftsgarten mit seinen parkartigen Anlagen war in ebenso großartigem Stile angelegt wie die Abtei selbst, die einem königlichen Schlosse keine Schande gemacht hätte. Es gab überhaupt nur wenige Schlösser im Lande, die sich mit ihr messen konnten, und es lag auch etwas von beinahe königlichem Bewußtsein in der Haltung des Prälaten. Der ehemalige Graf Rhaneck hatte wahrlich keine Erniedrigung gewählt, als er sein Leben der Kirche weihte; selbst die Ehren und Güter seines Bruders, des jetzigen Majoratsherrn, reichten nicht an die Machtvollkommenheit und an das souveraine Bewußtsein des Abtes, der sich als unumschränkter Herr und Herrscher fühlte auf dem Boden, wo er stand.

Nicht Jeder ist empfänglich für Eindrücke, wie sie der Prälat in diesem Moment augenscheinlich empfand. Zum mindesten schien es Benedict nicht zu sein, obgleich man gerade ihm die Macht und den Glanz einer solchen Stellung von jeher als Zielpunkt seiner Laufbahn gezeigt hatte. War vielleicht die Zeit schon vorüber, wo Ehrgeiz und Schwärmerei ihm dies Ziel begehrenswerth erscheinen ließen – er blickte so kalt und unbewegt auf die stolze Umgebung und auf seinen Abt, wie am heutigen Morgen auf die Menge, die knieend vor ihm niedersank, um seinen Segen zu erbitten.

Der Prälat schien heute sehr gnädig; er winkte den jungen, in ehrfurchtsvoller Haltung vor ihm stehenden Mönch an seine Seite und setzte langsam den Weg mit ihm fort.

„Sie haben eine Unterredung mit mir gewünscht, Pater Benedict. Betrifft es irgend ein Anliegen? Ich bin bereit, Sie zu hören!“

„Ich habe eine Bitte an Sie, Hochwürdigster!“

Der Prälat sah mit einer leichten Befremdung auf; es war das erste Mal, daß eine Bitte aus diesem Munde kam, der sich stets nur zu den nothwendigsten Antworten öffnete und sonst immer in stummem Gehorchen schwieg.

„Nun, so reden Sie!“

„Der Herr Pfarrer Clemens war vor einigen Wochen hier, um eine zeitweilige Unterstützung in seiner Seelsorge zu erbitten, die er bei zunehmendem Alter und Kränklichkeit nicht mehr allein verwalten kann. Noch ist nichts darüber bestimmt, wer die bereits bewilligte Aushülfe zu leisten hat –“

„Nein! Ich habe mir die Entscheidung noch vorbehalten.“

„So bitte ich, mir dies Amt zu übertragen.“

Der Prälat blieb plötzlich stehen: „Ihnen? Weshalb? Aus welchem Grunde?“

Benedict sah zu Boden; er konnte es nicht hindern, daß ihm unter den forschenden Blicken die helle Flamme in’s Antlitz schlug.

„Ich – ich sehne mich nach Thätigkeit. Das Leben im Stifte bietet mir wenig Gelegenheit dazu, da ich als der Jüngste meist von den priesterlichen Verrichtungen ausgeschlossen werde, und die Klosterregel läßt mir so viel Zeit übrig –“

„Die Sie doch gerade am besten auszufüllen wissen!“ unterbrach ihn der Prälat. „Das Studium beschäftigt Sie ja Tag und Nacht. Haben Sie auf einmal den Geschmack daran verloren?“

Benedict gab keine Antwort, aber die Flamme loderte noch immer auf seiner Stirn. Er konnte und durfte ja den Grund nicht sagen, der ihn das Stift und seine Umgebung fliehen hieß; er fühlte nur, daß er fort mußte, fort um jeden Preis.

„Es ist die elendeste von all’ unseren Stiftspfarren,“ fuhr der Prälat fort. „Sie sind dort hoch oben im Gebirge, abgeschnitten von Welt und Menschheit, nur auf den Verkehr mit einem armseligen Dorfe angewiesen, und müssen auf jeden Umgang, auf jede Bequemlichkeit verzichten, an die Sie hier im Stifte gewöhnt sind, Pfarrer Clemens ist gering dotirt, er wird Ihnen kaum das Nothwendigste gewähren können.“

„Ich bin jung und nicht verweichlicht, auch handelt es sich vorläufig nur um die Aushülfe während einiger Monate, zumal beim Eintritt der rauheren Jahreszeit,“ sagte der junge Priester leise.

„Seltsam!“ Der Blick des Prälaten forschte noch immer in seinen Zügen. „Ich beabsichtigte das Amt vorkommenden Falles als eine Art von Strafe zu dictiren, und dachte wahrlich nicht, daß einer meiner Geistlichen sich dazu drängen würde. Ich werde die Sache in Ueberlegung ziehen!“

Benedict verneigte sich stumm; da er kein Zeichen der Entlassung erhielt, so blieb er an der Seite des Prälaten und schweigend setzten Beide ihren Weg einige Minuten lang fort. Doch der junge Mönch schien noch etwas auf dem Herzen zu haben, er kämpfte augenscheinlich mit sich selber, endlich begann er doch.

„Hochwürdigster!“

„Wünschen Sie noch etwas?“

„Die Frau des Ignaz Lank war heute Morgen bei mir. Ihr Mann ist auf den Tod erkrankt und sehnt sich nach Spendung der heiligen Sacramente, das arme Weib bat und flehte in Todesangst, nur diesmal eine Ausnahme zu machen.“

„Sie haben sie doch mit vollster Strenge zurückgewiesen?“ fragte der Prälat kalt. „Sie wissen, der Mann ist ein Abtrünniger, er hat sich als einer der Ersten der Bewegung angeschlossen, die gegen uns gerichtet ist.“

„Ignaz Lank ist der bravste Bauer weithin in der Runde,“ es bebte eine unterdrückte Bewegung in dem Ton des Sprechenden, „er hat dem Stift stets Ehrfurcht bewiesen und noch kürzlich dem Pater Eusebius das Leben gerettet, als dieser in Gefahr des Ertrinkens kam.“

„Hat er sich bekehrt?“

„Nein!“

„So versagen Sie ihm die Sacramente, und wenn er sterben sollte, verweigern Sie ihm auch den Segen und das Geleit zum Grabe.“

„Hochwürdigster!“

„Pater Benedict, Sie gehorchen und schweigen!“

Benedict schwieg in der That, aber seine Hand ballte sich krampfhaft in den Falten des Talars, dem Auge des Prälaten entging auch diese Bewegung nicht.

„Wie kommt es denn,“ begann er wieder, „daß man sich bei all’ solchen Vorkommnissen immer gerade an Sie wendet? Warum nicht an den Pater Eusebius, warum nicht an die anderen Geistlichen, von denen doch keiner so finster und unzugänglich ist den Leuten gegenüber, als gerade Sie?“

„Vielleicht weil sie trotz alledem fühlen, daß ich der Einzige bin, der hier ein Herz hat!“

Das unvorsichtige Wort war heraus. Dem Prior und jedem Anderen gegenüber hätte es Benedict die schönste Rüge zugezogen, der Prälat blickte gelassen auf ihn nieder, aber es lag Schlimmeres in dem Ton seiner Antwort, als bloße Rüge.

„Nehmen Sie sich vor Ihrem Herzen in Acht, und ich möchte hinzufügen, auch vor Ihrem Kopfe! Das erste ist hier nicht von Nöthen, und der zweite nur da, wo er im Dienste der Kirche gefordert wird. Vergessen Sie nicht, daß Sie dieser unbedingten Gehorsam gelobten, und lehren Sie bei Zeiten Kopf und Herz sich diesem Gelübde beugen, ehe man sie dazu zwingt.“

Benedict erwiderte nichts, was hätte er auch sagen sollen! Der Prälat aber brach plötzlich von dem Gegenstande ab.

„Was die Sache mit dem Pfarrer Clemens betrifft, so habe ich sie mir bereits überlegt und bin geneigt, Ihren Wunsch zu erfüllen. Sie mögen ihm die erbetene Unterstützung leisten, machen Sie sich bereit, übermorgen in das Gebirge abzugehen.“

„Ich danke, Hochwürdigster!“ Der junge Priester wollte sich zurückziehen, als der Prälat plötzlich dicht vor ihn hintrat.

„Ich entlasse Sie damit vorläufig aus meiner Aufsicht und aus der des Klosters überhaupt. Sie kennen die Hoffnungen, die mein Bruder und auch ich auf Ihre Zukunft setzen, Sie sind die jüngste, sind weitaus die bedeutendste Kraft des Stiftes, ich wünschte nicht, daß sie uns verloren ginge. Pater Benedict!“ – er legte schwer die Hand auf dessen Schulter und sah ihm fest in’s Auge, „dort drinnen am Altar haben Sie sich der Kirche zugeschworen mit Leib und Seele, der Eid bindet Sie für Zeit und Ewigkeit. [103] Gedenken Sie dessen, wenn die Versuchung Ihnen nahe tritt, ich lasse Sie gehen, denn ich weiß, daß Sie zu Allem fähig sind, nur nicht zum Meineid!“

Benedict war todtenbleich geworden, aber er hielt den Blick aus. Es geschah selten, daß der Prälat Jemand in solcher Weise lobte, noch seltener, daß er zu Jemand in diesem feierlich mahnenden Tone sprach; der stolze Abt begnügte sich gewöhnlich, Befehle zu ertheilen oder Vergebungen zu strafen, zu Warnungen ließ er sich fast nie herab. Der junge Priester fühlte mitten durch die finstere Drohung hindurch, daß sie mehr bedeutete, als die leutseligste Herablassung gegen Andere, es war darin etwas von der Art, wie man zu Ebenbürtigen spricht.

„Ich weiß, was ich geschworen,“ sagte er dumpf, „und was ich zu halten habe!“

„Es ist gut!“ Der Prälat fiel wieder in seinen gewöhnlichen Ton zurück. „Ich erwarte den Pater Prior und werde ihn von Ihrer veränderten Bestimmung benachrichtigen. Gehen Sie jetzt und halten Sie sich übermorgen zu der Reise bereit.“ –

Benedict hatte erst wenige Minuten den Stiftsgarten verlassen, als der Pater Prior dort eintrat und sich mit viel größerer Demuth und Unterwürfigkeit, als sie seinem Amte zukam, dem hohen Vorgesetzten näherte. In seinem Gesicht stand noch der lauernde Zug, er mochte doch wohl fürchten, daß in der Audienz von „gewissen anderen Dingen“ die Rede gewesen sei, aber seine Besorgniß schwand bald. Der Prälat zeigte sich auch gegen ihn sehr gnädig, redete gleichgültig von einigen Vorkommnissen des Tages, ließ sich über verschiedene Dinge Bericht erstatten und sagte endlich wie beiläufig: „Noch Eins! Pater Benedict wird uns in diesen Tagen verlassen, er geht in’s Gebirge, um auf seinen Wunsch dem Pfarrer Clemens die erbetene Aushülfe in der Seelsorge zu leisten.“

„Auf seinen Wunsch?“ Dem Prior blieb vor Erstaunen das Wort im Munde stecken.

„Sie sind überrascht? Ich war es gleichfalls, der Posten ist nicht danach, daß ihn Jemand wünschen sollte! Haben Sie irgend eine Ahnung, welches der Grund dieser seltsamen Bitte sein könnte?“

„Nicht die geringste! Es müßte denn sein“ – der Prior konnte unmöglich die Gelegenheit vorbeilassen, dem Gehaßten hinterrücks einen Hieb zu versetzen – „es müßte denn sein, daß ihm die strenge Klosterzucht unbequem wäre, und er sich nach einer größeren Freiheit sehnte.“

Der Prälat schüttelte den Kopf. „Das ist’s nicht! Daher stammte nicht die Flamme auf seiner Stirn. Haben Sie bemerkt, daß er sich in letzter Zeit an irgend Jemand näher anschloß, daß er Umgang mit den Familien der Nachbarschaft hatte, vielleicht mit Frauen in Berührung kam?“

„Nein, durchaus nicht. Er sucht auf seinen Spaziergängen geflissentlich die Einsamkeit und betritt nie eine fremde Schwelle, wenn man ihn nicht in seiner priesterlichen Eigenschaft verlangt.“

„Ich kann mich irren,“ sagte der Prälat gedankenvoll. „Möglicherweise will er sich eine neue Art von Pönitenz damit auferlegen, Entsagung genug fordert jene Stellung.“

„Mit der Pönitenzsucht des Paters Benedict ist es schon längst vorbei!“ warf der Prior hämisch ein. „Schon seit Wochen hat er alle die Buß- und Betübungen, denen er sonst so eifrig oblag, völlig aufgegeben. Das nahm alles wie mit einem Schlage ein Ende.“

„Er wird eingesehen haben, daß sie nutzlos und,“ meinte der Prälat kühl, „und er hat Recht, ich tadle gerade das am wenigsten. Sonst haben Sie keine Klage über ihn?“

Der Prior zögerte, gern hätte er seinem Hasse Luft gemacht, aber er wußte zu gut, daß er für jedes seiner Worte einzustehen hatte. Der Prälat war nicht der Mann, ihnen blindlings zu glauben, ohne Untersuchung. „Nein!“ sagte er endlich.

„So mag die Sache vorläufig auf sich beruhen. Benachrichtigen Sie inzwischen den Pfarrer.“

„Hochwürdigster,“ begann der Prior wieder mit seiner kriechenden Demuth. „Es ziemt mir freilich nicht, einen Rath ertheilen zu wollen, wo Reverendissimus bereits entschieden haben, aber diese Bestimmung – ohne dem Pater Benedict nahe treten zu wollen – ich zweifle dennoch an seiner Zuverlässigkeit.“

„Ich habe längst daran gezweifelt!“ sagte der Prälat kalt, „und eben deshalb soll er fort. Hier im Convent hütet er Blick und Wort wohlweislich, weil er weiß, daß jede Miene beobachtet wird; hier ist dieser Verschlossenheit nichts zu entreißen. Wir wollen es einmal mit der Freiheit versuchen, vielleicht zeigt sich da eher, was eigentlich an ihm ist. Selbstverständlich wird für die nöthige Ueberwachung gesorgt. Sie haben doch zuverlässige Leute an jenem Orte?“

„Den Schullehrer, auf den ich mich in jeder Hinsicht verlassen kann. Von dem alten schwachköpfigen Pfarrer Clemens konnte er freilich nicht viel berichten, in Bezug auf Pater Benedict stehe ich dafür, daß uns auch nicht eine Silbe von seinem Thun und Lassen verborgen bleibt.“

„Es ist gut. Instruiren Sie den Mann genau, ich werde persönlich seine Berichte empfangen. Sollte Benedict seine Freiheit mißbrauchen, so nehme ich ihn wieder in strenge Zucht.“

„Wenn es nur dann nicht zu spät ist!“ wagte der Prior zu bemerken. „Das Nachbarstift hat in dieser Beziehung schlimme Erfahrungen mit einem seiner jungen Mönche gemacht, dem eine ähnliche Stellung zur heimlichen Flucht aus dem Orden verhalf.“

„Das Nachbarstift verdankt diese Erfahrung seiner laxen Zucht und der Schwäche seines Prälaten, ich habe meine Mönche besser im Zügel!“

„Aber gerade Benedict –“

„Herr Pater Prior,“ unterbrach ihn der Prälat mit stolzer, beinahe verächtlicher Ueberlegenheit, „wenn Sie es doch mir überlassen wollten, für die Richtigkeit meiner Maßregeln einzustehen. Gerade bei Benedict kann ich das wagen, denn er besitzt etwas, das freilich Sie gewohnt sind immer in den Hintergrund zu stellen, das aber bei solchen Experimenten schwer in’s Gewicht fällt, ein Gewissen. Ihm sind Gelübde und Eidschwur nicht bloße Worte, wie so vielen Anderen, er ist noch Schwärmer genug, ihre ganze Wucht zu empfinden. Der vernichtet sich vielleicht selbst, wenn es zum Aeußersten kommt, oder liefert sich in offenem Trotz in unsere Hände, in feiger heimlicher Flucht wird er uns niemals den Rücken kehren, darauf kenne ich ihn!“

Der Prior verneigte sich unterwürfig, er schluckte die bittere Pille hinunter, die der Prälat mit dem „Gewissen“ auch ihm zu kosten gegeben, im Grunde war es ja sein Vortheil, wenn Benedict auf einige Zeit entfernt ward, er hatte mehr der Form wegen opponirt. –

Der junge Priester stand in seinem Gemach und blickte hinüber, wo aus den Laubkronen der Bäume das Dach des Schlosses von Dobra auftauchte. Ob er sich wirklich eine Pönitenz auferlegte mit dem rasch gefaßten Entschluß? Der Prior hatte Recht: es war längst vorbei mit den früheren Bet- und Bußübungen; den Kopf hatte er zur Noth noch damit betäuben können, als aber das Herz sich zu regen begann, sah er ein, daß „sie nichts mehr nützten“. Der Kampf war ein anderer geworden von dem Tage an, wo er am Rande des Baches liegend zum ersten Male jene rosige kleine Elfengestalt erblickte, freilich leichter war er darum nicht geworden, und jetzt galt es sich ihm mit einem Gewaltstreiche zu entreißen. Benedict setzte energisch das Messer an die Wunde; mochte sie zucken und bluten, gleichviel, wenn er nur den Pfeil mit herauszog. Dort oben im Gebirge war er sicher vor einem erneuten Zusammentreffen und vor der gefährlichen traumhaften Poesie der Waldeinsamkeit, sicher hoffentlich auch vor den Träumen, vor denen er selbst an den Stufen des Altars vergebens Rettung gesucht, denn auch der schützte ihn nicht mehr – da galt es, sich selbst zu helfen!




„Und ich sage Ihnen, irgend etwas ist mit dem Kinde vorgegangen! Und wenn sie es mir zehnmal in’s Gesicht hineinleugnet, und wenn Sie noch so spöttisch die Achseln zucken, ich bleibe dabei!“ Mit diesem Satze, augenscheinlich dem Schluß einer längeren Rede, setzte sich Fräulein Reich nieder, warf dem ihr gegenübersitzenden Günther einen herausfordernden Blick zu und nahm ihre Handarbeit mit einem solchen Eifer wieder auf, als gelte es, die mit Sprechen verlorene Zeit im Sturm wieder einzubringen.

Günther sah in der That etwas spöttisch drein, und er zuckte auch die Achseln, als er gleichgültig erwiderte: „Aber, bestes Fräulein, wozu die lange Rede und dies Echauffement, um die einfache Thatsache festzustellen, daß Lucie endlich anfängt vernünftig zu werden.“

[104] „Vernünftig?“ Jetzt war die Reihe an Franziska die Achseln zu zucken. „Unglücklich ist sie! Seit dem Tage, wo sie mit verweinten Augen aus dem Walde zurückkam, ist es vorbei mit dem alten Uebermuth. Es ist da irgend etwas passirt, ich wette meinen Kopf, daß etwas passirt ist, aber ich kann es nicht herausbekommen. Die Plaudertasche, die sonst nicht zehn Minuten lang über die geringste Kleinigkeit schweigt, setzt all meinem Fragen und Forschen eine so hartnäckige Verschlossenheit entgegen, wie ich sie ihr nun und nimmermehr zugetraut hätte.“

Der spöttische Ausdruck verschwand aus Günther’s Zügen und machte dem der Besorgniß Platz. „Wenn nur der Graf Rhaneck nicht irgendwie dahinter steckt!“ sagte er ernster.

„Warum nicht gar! Sie macht sich nicht so viel aus ihm!“ Franziska schnellte mit den Fingern.

„Ich fand im Gegentheil, daß sie sich an jenem Festabend nur allzuviel aus ihm machte, und auch mein Verbot, so streng ich es aussprach, scheint nicht allzutief gegangen zu sein, sie trotzte mir ja ganz offen am nächsten Tage.“

„Wenn ich Ihnen aber sage, daß sie jetzt nichts mehr nach dem Grafen fragt,“ beharrte Franziska, „daß sie ihm geflissentlich ausweicht! An ihm liegt die Schuld wahrhaftig nicht, er streift beständig mit Flinte und Jagdtasche auf dem Gebiet von Dobra herum, und taucht bald hier, bald dort auf. Zum Glück wissen wir jetzt, welche Jagd dem jungen Herrn belieben würde, und nehmen unsere Maßregeln darnach. Gnade Gott dem Patron, wenn er mir einmal in die Hände fällt, ich wollte ihn in’s Gebet nehmen, daß ihm die Lust zum Wiederkommen ein für alle Mal vergehen sollte! Aber er hütet sich wohlweislich, mir nahe zu kommen, kaum daß ich ihn einmal von fern sehe!“

„Sind Sie gewiß, daß Lucie ihn nicht dennoch gesprochen hat?“

Franziska hob mit großem Selbstgefühl den Kopf. „Herr Günther, Sie haben Ihre Schwester meinen Händen anvertraut, und da dächte ich, wären solche Fragen wohl überflüssig. Lucie ist seit jenem Tage, wo sie ohne Erlaubniß nach dem Walde lief, nicht von meiner Seite gekommen, ich bewache sie seit der Eröffnung, die Sie mir machten, wie – wie –“

„Wie ein Cerberus!“ ergänzte Günther.

„Das ist ja eine höchst liebenswürdige Bezeichnung meiner Persönlichkeit!“ rief das Fräulein, sich verletzt erhebend. „Also in der Eigenschaft gelte ich Ihnen bei Ihrer Schwester?“

„Mein Gott, es sollte in diesem Falle ein Compliment sein. – Wo wollen Sie denn hin?“

„Ich fürchte, noch weitere derartige Complimente zu bekommen, und überdies ist Lucie allein im Garten, ich muß wohl meinen Posten als Cerberus wieder bei ihr einnehmen.“

„Aber bestes Fräulein!“

„Adieu!“

„Franziska!“

Die Gerufene blieb stehen, aber sie wendete grollend den Kopf zur Seite, Bernhard stand auf und trat zu ihr.

„Sind Sie mir böse?“

„Ja!“ erwiderte Franziska sehr energisch, aber anstatt hinauszugehen, kehrte sie um und nahm ihren Platz am Tische wieder ein. Ruhig, als wäre nichts vorgefallen, setzte sich Günther ihr, wie vorhin, gegenüber.

„Es ist doch merkwürdig,“ begann er nach einer Pause phlegmatisch, „daß wir nicht fünf Minuten lang mit einander sprechen können, ohne uns zu zanken.“

„Das ist gar nicht merkwürdig,“ erklärte Franziska noch immer gereizt, „es ist mit Ihnen eben nicht fünf Minuten lang auszukommen!“

„Ich dächte doch, ich käme mit allen Anderen aus,“ meinte Bernhard noch immer mit demselben Phlegma.

„Weil sich alle Anderen von Ihnen maltraitiren lassen! Ich bin nahezu die Einzige, die Ihnen bisweilen noch Opposition macht!“

Der Ton des Fräuleins verrieth deutlich, daß sie den „Cerberus“ noch nicht verwunden hatte; trotzdem fand es Günther durchaus nicht angezeigt, sich aus seiner Ruhe bringen zu lassen. Sie sind,“ meinte er trocken, „noch gerade so ausfallend wie daheim in unserem Dorfe.“

„Und Sie gerade so rücksichtslos wie damals!“

„Möglich! Wir waren immer in Hader und Streit mit einander, das Eigenthümliche war nur, daß wir trotzdem nicht von einander bleiben konnten.“

„Wir wollten ja wohl von Lucie sprechen!“ unterbrach ihn Franziska.

Bernhard runzelte leicht die Stirn. „Sie haben eine merkwürdige Art, das Gespräch immer dann abzubrechen, wenn es anfängt, interessant zu werden.“

„Was für Sie interessant ist, ist es darum noch nicht für mich.“

„Weshalb?“ Er sah sie fest an, Franziska bekämpfte eine gewisse Verlegenheit, aber sie überwand sie rasch.

„Ich finde es begreiflich, daß Sie gern auf die Jugendzeit zurückblicken“, sagte sie ausweichend. „Sie sind hoch genug gestiegen für einen einfachen Förstersohn. Ich – nun, ich habe es mir auch redlich sauer werden lassen im Leben, und es dennoch nicht weiter gebracht, als zur Gouvernante Ihrer Schwester. Ich vergesse meine Stellung sicher nicht, Herr Günther, ich wünschte nur manchmal, daß – auch Sie sie nicht vergäßen.“

Es lag ein eigenthümlich herber Stolz in der offenen Mahnung, und jetzt begegnete ihr Blick so fest und ernst dem seinigen, als erwarte sie, er werde das Auge niederschlagen, doch dies geschah nicht. Günther erhob sich plötzlich und trat an ihre Seite.

„Das hätten Sie mir nicht sagen sollen, Franziska!“ sagte er ruhig, „und Sie brauchen mir auch meine Erfolge nicht vorzuwerfen, ich habe es mir gleichfalls ‚sauer genug im Leben werden lassen.‘ Sie wissen, daß mich die zweite Ehe meines Vaters aus dem Hause trieb. Er fand in der neuen Gattin nicht das gehoffte Glück, und ich nicht die Mutter in ihr, auch unser geringes Vermögen ging dabei zu Grunde; als die Eltern starben, da mußte ich mit meinen ersten mühsam erworbenen Ersparnissen die verwaiste kleine Schwester erhalten. Die Welt freilich sieht nur den Emporkömmling, sieht nur die Höhe, auf welcher der ehemalige Förstersohn steht; die zwanzig Jahre, die dazwischen liegen, Jahre voll Sorge und Arbeit, voll endlosen Mühens und rastlosen Ringens, die sieht sie nicht. Mir hat das Glück wahrlich nichts mühelos in den Schooß geworfen, Schritt für Schritt habe ich mir meinen Weg zu Besitz und Reichthum erkämpfen müssen, ein halbes Menschenalter habe ich dazu gebraucht – wollen Sie es mir verargen, wenn ich da gern wieder an die Kinderzeit anknüpfe? Aber es scheint, ich darf bei Ihnen diesen Punkt nicht berühren. Sie fliehen ihn ja förmlich.“

Franziska neigte etwas betroffen den Kopf. „Sie haben Recht, Herr Günther, aber –“

„‚Herr Günther!‘ Das heißt mit anderen Worten, ich soll gleichfalls auf das vertrauliche ‚Franziska‘ und damit auch auf die Jugenderinnerungen verzichten?“

„Ich glaube, es ist besser, wir thun das beiderseitig!“ sagte Franziska wie beklommen, indem sie rasch an’s Fenster trat und angelegentlich in den Garten hinausblickte.

Ohne ein Wort zu sagen, wendete sich Günther zu seinem Platze zurück und nahm die Zeitungen wieder auf, in denen er vorhin gelesen. Es lag eine Wolke auf seiner Stirn, obgleich die ruhigen Züge sich nicht veränderten; zum Glück machte Luciens Eintritt dem nun folgenden unbehaglichen Schweigen ein Ende. Sie kam, noch ganz erhitzt vom Spiel mit den Kindern, warf mit ihrem ganzen früheren Ungestüm den Hut auf den Tisch, sich selber in einen Lehnstuhl, und vergrub den Kopf tief in die Polster desselben.

„Nun, hast Du endlich ausgetollt?“ fragte Bernhard, von seiner Zeitung aufsehend, dabei aber glitt ein forschender Blick über das Gesicht des jungen Mädchens.

„O, ich that es nur den Kindern zu Gefallen!“ – in Luciens Stimme lag etwas wie tiefe Müdigkeit, „und überdies wußte ich, daß Du hier eine wichtige Conferenz mit Fräulein Reich hieltest, bei der ich wahrscheinlich doch nicht geduldet worden wäre.“

„Möglich, da Du der alleinige Gegenstand der Conferenz warst.“

„Ich?“

„Aber Herr Günther!“ unterbrach ihn Franziska, indem sie ihren Platz am Fenster aufgab und sich gleichfalls dem Tische näherte.

„Ich sehe nicht ein, Fräulein Reich,“ er legte einen unmerklichen, aber ihr doch verständlichen Nachdruck auf die Anrede, „weshalb wir uns noch länger mit Vermuthungen und Befürchtungen [106] abgeben wollen, da wir in Lucie doch jedenfalls die rechte Quelle vor uns haben. Mag sie immerhin eigensinnig sein, eine Unwahrheit ist noch nie über ihre Lippen gekommen, und zur Lüge halte ich sie unter keinen Umständen fähig. Komm zu mir, Lucie!“

Die Augen des jungen Mädchens gingen verwundert und etwas mißtrauisch von der Erzieherin zum Bruder hinüber, aber sie folgte sofort dessen Aufforderung und kam an seine Seite.

„Hast Du seit jenem Abende bei Baron Brankow den Grafen Rhaneck gesprochen?“

[117] Bernhard überstürzte Lucie ganz plötzlich und ohne alle Vorbereitung mit der Frage. Lucie erröthete tief und glühend, aber der Bruder hatte Recht, sie war zu einer Lüge nicht fähig.

„Nur einmal, am Tage darauf!“ sagte sie leise.

„An jenem Tage also, wo Du allein im Walde warst?“ Günther schickte einen bedeutsamen Blick zu Franziska hinüber, die sich ärgerlich abwandte, denn Luciens Benehmen stimmte freilich verzweifelt wenig zu ihrer Behauptung, der Graf sei dem jungen Mädchen gleichgültig.

„Hat er Dir wieder von Liebe gesprochen?“ fuhr Bernhard fort.

„Nein!“ Es war augenscheinlich, daß das Examen Lucie bereits zu peinigen begann und daß sie es nicht lange aushalten werde. „Wir sprachen überhaupt nur wenige Worte zusammen. Er bot mir seine Begleitung an.“

„Die Du annahmst?“

Die Gluth floß noch heißer als vorhin über Luciens Wangen. „Ich bin nicht mit ihm gegangen!“ sagte sie kurz mit fliegendem Athem, „er blieb auf der Bergwiese zurück – und nun, Bernhard, frage mich nichts mehr, Du siehst, Dein Verbot ist befolgt worden, ich antworte jetzt keine Silbe mehr!“

Sie preßte trotzig die Lippen zusammen, Bernhard sah wohl, daß ihr kein Wort mehr zu entreißen war, und er kannte seine eigensinnige Schwester zu gut, um hier Strenge anzuwenden.

„Es ist gut!“ sagte er ernst. „Mir genügt es, daß der Graf Dich nicht begleitete und daß Du ihn seitdem nicht wieder gesprochen hast. Letzteres ist doch nicht der Fall gewesen?“

„Nein!“

„Nun höre einer das Kind an!“ sagte Franziska mit unverhehltem Erstaunen. „Wie kommen Sie auf einmal zu diesem energischen Nein, Lucie? Man glaubt Ihren Bruder zu hören!“

Das junge Mädchen wandte sich ab, aber die eben noch so energisch zusammengepreßten Lippen bebten leise, es war unverkennbar, daß es sie unendlich quälte, jene Begegnung von Anderen auch nur berührt zu sehen, und nun goß Franziska mit dem besten Willen von der Welt auch noch Oel in’s Feuer.

„Aber weshalb wollen Sie uns durchaus nicht sagen, was zwischen Ihnen und dem Grafen –“

„O mein Gott, so quälen Sie mich doch nicht immer und ewig mit dem Grafen!“ brach Lucie mit einer so leidenschaftlichen Heftigkeit aus, daß Franziska, ganz die Unart der Antwort übersehend, erschreckt auf sie zueilte.

„Dacht’ ich’s doch, da sind die Thränen wieder!“ sagte sie halblaut und wollte das junge Mädchen in ihre Arme nehmen. Aber Lucie schien wenig empfänglich für diese Theilnahme, sie machte sich hastig los, die Thränen versiechten plötzlich und der Mund zwang sich zu einem Lächeln.

„Ich weine ja gar nicht, durchaus nicht! Aber ich muß jetzt hinüber, mich umzukleiden, da Bernhard in einer halben Stunde mit mir nach C. fahren will. Er zuckt immer so spöttisch die Achseln, wenn ich nicht pünktlich bin; diesmal soll er gewiß nicht auf mich warten!“

Sie war aus dem Zimmer, kopfschüttelnd blickte ihr Franziska nach.

„Jetzt wirft sie sich wieder drüben auf’s Sopha und weint! Wollen Sie mir nun endlich glauben, daß das Kind unglücklich ist, ohne es sich und uns eingestehen zu wollen?“

Günther war aufgestanden und ging gedankenvoll im Zimmer auf und nieder. „Sie haben Recht! Ich glaubte nicht, daß die Sache so ernst sei! Ihr Interesse für den Grafen scheint mehr zu sein, als eine flüchtige Regung der Eitelkeit, und doch wies sie seine Begleitung zurück! Ich hätte nie geglaubt, daß meine Warnung so tief bei ihr gehen würde.“

„Ich auch nicht!“ sagte Franziska sehr aufrichtig. „Lucie pflegt gewöhnlich das Gegentheil von dem zu thun, was man ihr anempfiehlt.“

„Gleichviel! Ich hätte am liebsten jede Berührung mit den Rhanecks vermieden, indessen der Sache muß ein Ende gemacht werden, ich sehe es jetzt ein! Ich werde mir schriftlich jede fernere Annäherung des Grafen an Dobra und an meine Schwester verbitten. Sein Benehmen auf dem Balle giebt mir das Recht dazu und raubt ihm den Vorwand, sein fortwährendes Erscheinen hier für eine Zufälligkeit auszugeben.“

„Thun Sie das!“ stimmte Franziska eifrig bei. „Ich wollte, ich könnte Ihnen den Brief dictiren, der Graf sollte da etwas zu lesen bekommen, wie es ihm wahrscheinlich in seinem ganzen Leben noch nicht geboten worden ist!“

Trotz seiner umwölkten Stirn flog dennoch ein Lächeln über Günther’s Gesicht. „Ich glaube, es ist doch besser, ich schreibe diesmal ohne Dictat. Fürchten Sie übrigens nicht, daß der Brief zu zahm ausfällt, man kann sehr ruhig und sehr vernichtend sein, und ich habe jetzt keinen Grund mehr, den Grafen zu schonen, seit ich Luciens sicher bin. Sie sorgen doch, daß Lucie zur bestimmten [118] Stunde fertig ist? Die Zerstreuung der Fahrt wird ihr wohl thun.“

Franziska nickte blos, als aber Günther das Zimmer verließ, fuhr sie wie aus tiefen Gedanken auf, schlug mit der Hand so heftig auf den Tisch, daß die Blumenvasen klirrten, und sagte im Tone unumstößlicher Ueberzeugung:

„Und sie macht sich doch nichts aus ihm!“ –

Eine halbe Stunde darauf saß Lucie im Wagen an der Seite des Bruders, der öfter Geschäfte in C. hatte und, da der Weg dorthin durch die reizendste Gebirgslandschaft führte, seine Schwester bisweilen mitzunehmen pflegte. Nur an einer einzigen Stelle war dieser Weg unbequem und beschwerlich; er stieg hier in steilen Windungen bis zur Höhe des Berges empor, an dessen jenseitigem Fuße die Straße sich theilte, um rechts in die Ebene nach C., links hinein in’s Hochgebirge zu führen. Die Pferde, obgleich jung und kräftig, keuchten und dampften doch von der Anstrengung. Bernhard ließ halten und stieg mit Lucie aus; die Thiere hatten genug zu thun, den leeren Wagen bis zur Höhe zu bringen, während dessen Insassen zu Fuße folgten. Lucie, der das Steigen nicht die geringste Mühe verursachte, war leichtfüßig voraus; Bernhard folgte langsamer; plötzlich blieb das junge Mädchen stehen, ohne einen Schritt weiter vorwärts zu thun.

„Was hast Du?“ fragte Günther, als er sie erreichte.

„O, nichts! Ich meine nur, wir könnten etwas langsamer gehen.“ Sie hing sich an den Arm des Bruders und drängte sich dicht an seine Seite; dieser achtete nicht darauf. Er bemerkte jetzt in der Windung des Weges einen zweiten Wagen; es war eine geschlossene Stiftskutsche, deren Insasse, ein Benedictiner, gleichfalls ausgestiegen war und zu Fuß nebenherging.

Bernhard liebte es sonst durchaus nicht, mit den nachbarlichen Bewohnern des Stiftes irgendwie in Berührung zu kommen. Diesmal jedoch schien er eine Ausnahme machen zu wollen; er hatte kaum einen raschen Blick auf den Geistlichen geworfen, als er auch seine Schritte beschleunigte. Lucie klammerte sich fester an seinen Arm.

„So eile doch nicht so, Bernhard! Laß uns lieber zurückbleiben!“

Günther sah sie befremdet an. „Weshalb? Es ist Pater Benedict. Ja so, Du kennst ihn nicht! Du hast ihn schwerlich an dem Abende bei Brankow bemerkt.“

„Doch!“ sagte das junge Mädchen leise mit halb erstickter Stimme. „Ich – ich fürchte mich so vor ihm, vor seinen Augen – laß uns lieber zurückbleiben.“

„Sei nicht kindisch, Lucie!“ unterbrach sie Bernhard ungeduldig, indem er sie ohne Weiteres mit sich fortzog. In einigen Minuten hatten sie den jungen Geistlichen erreicht, den Günther ganz gegen seine Gewohnheit diesmal zuerst grüßte.

„Sie wollen es Ihren Pferden auch leichter machen, Hochwürden!“ begann er in unbefangenem Tone. „Der Weg ist freilich steil genug und die Thiere haben hinreichend an dem leeren Wagen zu schleppen, man muß ihnen schon einmal das Opfer bringen.“

Benedict hatte sich beim Nähern der Schritte umgewandt und war dann regungslos wie eine Bildsäule stehen geblieben. Vielleicht war es die Anstrengung des Steigens, die ihm den Athem versagte und ihm das Blut so glühend in’s Antlitz trieb, und doch widersprachen dem seine Worte, als er nach stummem Gegengruß erwiderte:

„Ich meinestheils gehe sehr gern zu Fuße.“

Das könnte ich von mir nun gerade nicht behaupten!“ meinte Bernhard. „Aber wir sind nun einmal im Gebirge, da geht es nicht immer so bequem wie daheim auf unseren ebenen Chausseen.“

Er schritt langsam vorwärts, während sich der junge Priester, wie es schien halb gezwungen, ihm anschloß; es wäre auch gar zu auffällig gewesen, zurückzubleiben, während sein Wagen schon weit voraus war. Lucie hing stumm am Arme des Bruders, ohne sich mit einer Silbe an der Unterhaltung zu beteiligen; Benedict sah unverwandt vor sich hin, auch nicht ein einziger Blick fiel nach jener Seite hinüber.

Bernhard fiel es nicht ein, seine Schwester zu beobachten; dagegen grub sich sein Auge wieder in die Züge des jungen Mönches, genau so forschend tief wie an jenem Abende, als er ihn zum ersten Male erblickte.

„Ich weiß nicht, Hochwürden, ob Sie sich meiner erinnern!“ begann er von Neuem. „Wir sahen uns beim Baron Brankow, freilich ohne einander vorgestellt zu werden.“

„Doch! Ich kenne den Gutsherrn von Dobra!“ gab Benedict leise zur Antwort.

Günther verneigte sich leicht. „Wir sind auf einer Fahrt nach C. begriffen,“ warf er hin. „Sie scheinen gleichfalls eine Reise vorzuhaben.“

„Ich gehe in’s Gebirge, nach N.“

„So hoch hinauf? Da haben Sie einen weiten und beschwerlichen Weg vor sich. Jedenfalls wollen Sie dem dortigen Pfarrer einen Besuch machen?“

„Nein. Ich gehe, ihm Caplansdienste zu leisten, und werde wohl Monate, vielleicht den ganzen Winter hindurch dort bleiben.“

„Das ist in der That kein beneidenswerther Posten!“ sagte Bernhard mit unverkennbarer Theilnahme. „N. liegt im unwirthlichsten, unzugänglichsten Theile des Gebirges; es gehört ein wahrer Heroismus zu dem Gedanken, den Winter dort aushalten zu wollen.“

Die Lippen des jungen Mönches zuckten; er hatte es trotz des abgewandten Blickes doch gesehen, wie ein tiefer erleichternder Athemzug Luciens Brust hob, als er von seiner Entfernung sprach.

„Es giebt Feinde, die schlimmer zu überwinden sind als Eisnächte und Schneestürme!“ erwiderte er kalt.

Bernhard sah überrascht auf. Sollten die Worte salbungsvoll sein? Dann hätten sie nicht mit einer so unendlichen Bitterkeit gesprochen werden müssen.

„Verzeihen Sie, Hochwürden, wenn ich eine etwas indiscrete Frage an Sie richte,“ sagte er rasch. „Sie sind in B. geboren?“

Benedict blickte ihn befremdet an. „Nein! Ich stamme aus Süddeutschland.“

„So? Dann war meine Voraussetzung eine irrthümliche. Mir fiel eine gewisse Aehnlichkeit auf; ich glaubte, Ihre Mutter gekannt zu haben.“

„Schwerlich! Sie starb schon während meiner Knabenzeit, ebenso wie der Vater, auf den Gütern des Grafen Rhaneck.“

„Ich sehe meinen Irrthum ein. Verzeihen Sie die Frage!“

Benedict machte eine ablehnende Bewegung. „O, ich bitte!“

„Er weiß also nichts!“ murmelte Bernhard. „Sie haben ihn wirklich in vollster Unkenntniß gelassen!“

Sie schritten schweigend weiter, Benedict schien es schon halb zu bereuen, daß er sich so weit aus seiner Verschlossenheit hatte treiben lassen; übrigens lag jetzt bereits der Gipfel des Berges vor ihnen, wo die Wagen sie erwarteten. Günther’s Kutscher legte soeben den Hemmschuh ein, aber er benahm sich ungeschickt dabei, die Kette gerieth zwischen die Räder und wurde von ihnen erfaßt und zerrissen, als die Pferde unversehens anzogen; der Gutsherr, den Vorfall schon von fern bemerkend, runzelte die Stirn.

„Der Joseph ist heute wieder einmal die Ungeschicklichkeit in Person! Ich muß wohl selbst nachsehen, sonst kommen wir kopfüber den Berg hinunter!“ Er erstieg rasch vollends die Höhe, seine Schwester und Pater Benedict allein lassend.

Lucie war an dem Orte stehen geblieben, wo der Bruder ihren Arm losgelassen, Benedict schien ihm folgen zu wollen; aber auch er verharrte jetzt wie gefesselt auf seinem Platze, einige Secunden lang herrschte ein beängstigendes Schweigen, das wie mit Bergeswucht auf den Beiden lastete.

„Gehen Sie weit fort?“ begann Lucie endlich, die dies stumme Gegenüberstehen nicht mehr zu ertragen vermochte und, um es nur zu brechen, nach der ersten besten Frage griff, die ihr gerade beifiel.

Benedict hob langsam das Haupt. „Weit genug für Ihre Wünsche, mein Fräulein! Sie fürchten wohl, daß der unbequeme Warner wieder in Ihren Weg treten könnte? Beruhigen Sie sich, ein einziges Mal habe ich das gethan, zum zweiten Male wäre es sicher nicht geschehen.“

„Ich – ich meinte das nicht in der Art,“ sagte Lucie, zaghaft zu Boden blickend.

„Nicht? Und doch athmeten Sie mit einer so unendlichen Erleichterung auf, als Sie von meiner Entfernung hörten?“

Das junge Mädchen erröthete. Ja freilich, sie hatte aufgeathmet bei der Nachricht, denn mit seiner Entfernung mußte [119] sich doch der Bann lösen, den dieser Mann die ganze Zeit über auf sie ausgeübt, selbst wenn er nicht an ihrer Seite war. Franziska hatte Recht, sie hatte oft genug zornig und – ohnmächtig dagegen gekämpft; wie ohnmächtig, das fühlte sie erst wieder in diesem Augenblick, und dennoch war etwas von dem alten Trotz in ihrem Tone, als sie jetzt heftig fragte:

„Wie können Sie das wissen? Sie haben mich ja nicht ein einziges Mal angesehen während des ganzen Weges!“

Benedict sah sie auch jetzt nicht an, aber die fliegende Röthe kam und ging in seinem Antlitz, als er gepreßt antwortete:

„Wozu. Ich weiß es ja ohnedies, daß Sie mich fürchten – und hassen!“

Es war derselbe Vorwurf, den Lucie ihm damals im Walde entgegengeschleudert, und sie ließ ihn ebenso widerstandslos über sich ergehen, wie er es gethan hatte. Aber der junge Priester schien doch eine Abwehr, einen Widerspruch erwartet zu haben, seine Lippen zuckten wie vorhin, als keine Antwort erfolgte.

„Sie sehen, wie gut es ist, daß ich gehe! Leben Sie wohl!“

Die tief aufquellende Bitterkeit in diesen Worten traf Lucie doch, sie machte unwillkürlich eine Bewegung, ihn zurückzuhalten. Die blauen Augen blickten ihn wieder bestürzt und fragend an, sie mußten eine eigenthümlich zwingende Gewalt auf den finstern Mönch ausüben, er stand regungslos und langsam schwand die Härte von seiner Stirn und von seinen Lippen.

„Habe ich Sie gekränkt? Wir wollen doch nicht so scheiden! Ich kehre lange, kehre vielleicht niemals zurück. – Leben Sie wohl!“

Das klang freilich anders, als das Lebewohl, welches er vorhin gesprochen. Es war wieder die ganze Weichheit in seinem Tone, der düster milde Blick in seinen Augen, die Lucie schon einmal so räthselhaft getroffen. Mußte ihr denn jede Begegnung mit ihm den dunkeln unerklärlichen Schmerz bringen, der sich jetzt wieder regte und sie mit einer wahrhaft vernichtenden Gewalt überkam, als er sich von ihr wandte? Das Trennungsweh, das in der Brust des Mannes stürmte, schien ein Echo gefunden zu haben, das junge Mädchen preßte leise die Hand auf ihr Herz, das sie noch so wenig verstand, und von dem sie nur wußte, daß es ihr wehe that.

Günther hatte inzwischen seinen Hemmschuh in Ordnung bringen lassen und selbst mit Hand angelegt; er blickte etwas überrascht auf, als er den jungen Geistlichen allein ankommen sah, es schien ihm doch etwas rücksichtslos, daß dieser seine Schwester so ohne Weiteres allein auf der Straße zurückgelassen hatte. Benedict ging mit einem kurzen hastigen Gruße an ihm vorüber, stieg in seinen Wagen und rollte bereits in der nächsten Minute bergabwärts. Jetzt endlich erschien auch Lucie.

„Nun, das muß man sagen, einer besondern Höflichkeit den Frauen gegenüber macht sich Pater Benedict nicht schuldig!“ sagte Bernhard, während er ihr heim Einsteigen hehülflich war. „Er hätte wohl auch noch die wenigen Schritte bis zur Höhe mit Dir gehen können, da er einmal in unserer Gesellschaft war!“

„Ich frage gar nichts nach seiner Höflichkeit!“ erklärte Lucie, sich heftig in die Wagenecke werfend.

„Das glaube ich Dir, Kind! Sein Wesen ist viel zu abstoßend, um Dir gefallen zu können, übrigens wäre das auch gar nicht von Nutzen, da er nun einmal ein Mönch ist.“

Lucie gab keine Antwort, zum Glück achtete Bernhard nicht weiter auf sie, der nur nothdürftig ausgebesserte Hemmschuh nahm seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch, er mahnte während der Hinunterfahrt den Kutscher unausgesetzt zur Vorsicht. Lucie war gegen die Gefahr vollkommen gleichgültig, ihr wäre es jetzt auch gleichgültig gewesen, wenn der Hemmschuh aufs Neue gerissen und der Wagen hinabgestürzt wäre, sie lag, den Kopf tief in die Polster gegraben, und kümmerte sich um nichts mehr auf der Welt.

Inzwischen fuhr Benedict in entgegengesetzter Richtung weiter, immer tiefer hinein in’s Hochgebirge. Er hatte sich weit aus dem Wagenfenster gebeugt und die freie frische Bergluft umspielte kühl die bleiche Stirn des jungen Priesters, auf der noch die Spuren des letzten Kampfes zu lesen waren. Noch einmal hatte er am Scheidewege gestanden, noch einmal das berauschende Gift jener Nähe gekostet, jetzt war es überwunden! Näher und dunkler stiegen die Berge vor ihm auf, die riesigen Schneehäupter legten sich zwischen ihn und die Versuchung, ihre starren Felswände sollten ihn auf ewig davon scheiden. Er wähnte den Kampf geendigt, wähnte sich hinter Schneegipfeln geborgen, während doch ein junges, heißes Herz wild und glühend in seiner Brust pochte, er kannte noch nicht die Gewalt der echten Leidenschaft, vor der Ferne und Schranken machtlos zusammensinken, die sich mit verheerender Kraft Bahn bricht durch Bergesweiten und durch Menschensatzungen, bis hin zu ihrem Ziele – oder ihrem Verderben!




Mehr als drei Monate waren vergangen, der Sommer hatte Abschied genommen und die Herbststürme brausten rauh und wild über das Gebirge hin. Was nicht jahraus jahrein auf seinen Gütern lebte, machte Anstalt wieder in die Stadt zurückzukehren, und auch auf Schloß Rhaneck traf man Vorbereitungen zur Uebersiedlung der gräflichen Familie in die Residenz; der Graf war ohnehin in der letzten Zeit nicht hier gewesen, schon im vergangenen Monat hatte seine Stellung ihn an die Seite seines Souverains gerufen, von wo er erst jetzt zurückkehrte, nur auf einige Tage, um Gemahlin und Sohn abzuholen.

Er war gleich am Morgen nach seiner Ankunft nach dem Stifte geritten und die Brüder befanden sich wieder im Arbeitszimmer des Prälaten. Wie damals saß der Abt im Lehnstuhl und der Graf stand ihm gegenüber, auf seinen Sessel gestützt, es war dasselbe Gemach mit den dunklen, sammetüberzogenen Möbeln und den schweren purpurrothen Seidenvorhängen, aber es fehlte die Sonnengluth, die damals auf dem Thale ruhte und bis in die geschützten Räume der Abtei drang, es fehlte der Sommerglanz und die Sommerfülle auf der Landschaft draußen, jetzt lag sie düster, nebelumschleiert da und das Gebirge, das einst so duftig blau emporstieg, verschwand heute ganz in den Wolken.

„Nun aber genug von der Politik und der Residenz!“ brach der Graf das eben geführte Gespräch ab. „Ich komme mir Nachrichten über Bruno zu holen. Er ist doch noch in N.? Wie geht es ihm?“

„Er ist gesund!“ erwiderte der Prälat lakonisch.

„Und eifrig in seinem neuen Amte?“

„Sehr eifrig!“

Rhaneck stutzte bei dem Tone. „Was hast Du? Was ist mit Bruno? Soll ich etwa Schlimmes hören?“

„Auf Gutes mache Dich nicht gefaßt.“

Der Graf richtete sich heftig empor. „Nun, was ist’s mit ihm? Ich bitte Dich, rede!“

„Pater Benedict hat all Deine und meine Erwartungen weit hinter sich zurückgelassen!“ sagte der Prälat mit unverkennbarem Hohne. „In den drei Monaten, während welcher er den Pfarrer Clemens vertritt, hat er sich bereits zum Apostel des Gebirges aufgeschwungen und das abgelegene N. zu einem Wallfahrtsorte gemacht, wohin man stunden- und tageweit wandert, und ihn nur zu hören. Er predigt aber auch in der That ganz wundersame Dinge, es bedarf nur noch eines Anstoßes, und unsere Gegenpartei begrüßt ihn als einen der Ihrigen und hebt ihn als solchen auf den Schild.“

„Um Gotteswillen!“ fiel der Graf ihm entsetzt in’s Wort, „und das duldest Du? Warum hast Du ihm nicht Einhalt gethan?“

„Weil ich die Größe der Gefahr verkannte! Für gefährlich hielt ich Benedict immer; daß er mir so schnell, so riesig entwachsen würde, habe ich doch nicht gedacht.“

„Und Du bist nicht eingeschritten?“

„Das Nothwendige ist geschehen,“ sagte der Prälat finster, „aber es ist zu spät geschehen, er hatte Zeit den Zündstoff in’s Volk zu werfen. Ich schonte ihn zu lange, um Deinetwillen und auch um meiner selbst willen, denn ich wollte dem Orden um jeden Preis diese Kraft erhalten. Es ist das erste Mal in meinem Leben, daß ich einen derartigen Fehler beging, er hat sich bitter gerächt.“

„Aber was hat denn Bruno eigentlich begangen?“ fragte der Graf unruhig. „Als ich abreiste, schienst Du ja ganz einverstanden mit seinem Auftreten.“

„Ich war es auch anfangs. Er bestand seine ersten Rednerproben glänzend, etwas zu kühn vielleicht, aber ich hatte es so erwartet und gewünscht. Unsere Art zu predigen hat sich längst überlebt, es nützt nichts mehr, dies starre Festhalten an den alten Traditionen. Wir brauchen mehr als je feurige energische Redner, die es verstehen, sich die jetzige Richtung, vor der das Volk nun [120] einmal nicht mehr zu schützen ist, dienstbar zu machen, um uns in der neuen Zeit die alte Macht zu wahren, und Benedict wäre der Mann dazu gewesen, zumal er die seltene Gabe besitzt, auf die Massen zu wirken und, trotz seiner geistigen Ueberlegenheit, sich in Verständniß mit ihnen zu setzen. Ich sah das mit steigendem Interesse, aber bald ging er zu weit; ich warnte ihn, einmal, zweimal, er ließ sich immer wieder fortreißen; ich beschloß endlich ihn zurückzurufen, denn die Sache wurde mir bedenklich, da kommt er mir zuvor und schleudert am letzten Kirchentage, wo das ganze Gebirge zum alljährlichen Wallfahrtsfeste in N. zusammenströmt, eine Predigt in das Volk, eine Predigt –“ der Prälat ballte unwillkürlich die Hand. „Was hat sich der Tollkopf eigentlich gedacht, als er es wagte, das auf der Kanzel zu sprechen, er mußte doch wissen, daß es ihn in’s Verderben bringt!“

Der Graf entfärbte sich leicht. „Die Rede war – ketzerisch?“

„Schlimmer als das, sie war revolutionär. Die Empörung, die ihm sein Eid verbietet, die predigt er den Anderen, und ich fürchte, es hat bereits gezündet. Die Aelpler da oben sind eine trotzig wilde Race, die wir immer nur mit Noth und Mühe zu zügeln vermochten. Im ewigen Kampf mit ihrer Bergnatur lernen sie den Widerstand gegen Alles, selbst gegen Beichtstuhl und Kirche; der schwachköpfige Clemens hat ihnen allzu viel Willen gelassen, ebenso wie die übrigen Pfarrer, und nun noch dazu ein Lehrmeister wie Benedict – es sollte mich gar nicht wundern, wenn es einmal unter ihnen losbräche, und wenn, während wir hier alle Kräfte anspannen müssen, um die gährenden Elemente niederzuhalten und der immer mehr herandrängenden Bewegung die Stirn zu bieten, sich dort oben der Abfall in Masse vollzieht!“

Der Prälat hatte sich erhoben und schritt in unverkennbarer Erregung im Zimmer auf und nieder, seine ganze Ruhe schien ihn verlassen zu haben, der Graf stützte sich schwer auf den Sessel.

„Und was hast Du hinsichtlich Bruno’s beschlossen?“ fragte er scheinbar gelassen, aber sein Auge folgte unruhig dem auf- und abschreitenden Bruder.

„Ich habe ihm natürlich sofort jedes fernere Predigen untersagt und ihn zur Verantwortung hergerufen. Ich zweifle nicht, daß er gehorchen wird, und erwarte ihn in einigen Tagen; ihn sofort zurück zu fordern, wagte ich nicht, die Bauern hängen mit einer förmlich fanatischen Begeisterung an ihrem Caplan, sie wären im Stande, sich zusammen zu rotten und mit Gewalt zurückzuhalten, ahnten sie, was ihm bevorstände.“

Der Graf zuckte leise zusammen bei den letzten Worten. „Was willst Du thun?“ fragte er gepreßt.

„Was die Ordensregel in diesem Falle befiehlt. Benedict hat das geistliche Gericht herausgefordert, er wird seine ganze Strenge empfinden.“

„Bruder, um Gottes willen, Du wirst doch nicht – ?“

„Was werde ich nicht?“ fragte der Prälat stehen bleibend.

„Meinst Du vielleicht, ich könnte jetzt noch irgend eine Rücksicht walten lassen? Dir freilich ist dieser Bruno von jeher Alles gewesen – Deinen Ottfried hast Du nie geliebt!“

Rhaneck wendete sich ab.

„Daß die Gräfin Dir keine Neigung einflößte, habe ich begreiflich gefunden,“ fuhr Jener fort; „sie war nicht die Frau, die Dich fesseln konnte, und Du brachtest dem Glanz unseres Hauses ein Opfer mit der Verbindung; daß Du aber für den einzigen Sohn und Erben, den sie Dir schenkte, für Deinen Sohn immer nur diese tödtliche Gleichgültigkeit hattest, das ist’s, was ich Dir zum Vorwurf mache, was ich nicht begreifen kann.“

„Ottfried’s verweichlichte egoistische Natur ist mir nicht sympathisch,“ vertheidigte sich der Graf finster, „er trägt meine Züge, aber er hat auch nicht eine Ader von meinem Temperament in sich.“

Der Prälat trat ihm einen Schritt näher und stützte die Hand auf den Tisch. „Ich weiß, wer Dein Temperament hat, wenn er auch Deine Züge nicht trägt! Nimm Dich in Acht, Ottfried! Dies Temperament stürzte Dich einst in endlose Verirrung, aus der nur meine Hand Dich emporriß, es wird auch sein Verderben! Wenn jene Liebschaft Dich früher –“

„Schweig!“ fuhr Rhaneck heftig und drohend auf, „sprich das Wort nicht aus, Du weißt es, Du am besten, daß es eine Ehe war!“

Der Prälat zuckte verächtlich die Achseln. „Eine Ehe! Zwischen verschiedenen Confessionen, im Auslande geschlossen, ohne Einwilligung des Vaters, ohne die in solchem Falle nöthigen Formalitäten! Die Kirche hat diese protestantische Trauung nie anerkannt, das Gesetz erklärte sie später für nichtig!“

„Gleichviel, ich dulde es nicht, daß Du einen Schatten auf Anna wirfst! Sie ward mein vor dem Altar, mir durchs Priesterhand vermählt. Was wußte das achtzehnjährige Mädchen davon, daß das Gesetz bei uns noch andere Formalitäten verlangte? Was ich später that, gezwungen durch die Verhältnisse, getrieben von Deinem unaufhörlichen Drängen, aufgestachelt durch jenes furchtbare Ereigniß, das fällt nicht auf sie, das – mag mir Gott verzeihen!“

Er preßte leidenschaftlich die Hand gegen die Stirn, der Prälat blickte völlig unbewegt auf ihn hin.

„Du thatest, was der Name und die Ehre unseres Hauses gebieterisch von Dir forderten. Was bei dem jungen unbedeutenden Officier in fremden Diensten eine Thorheit war, das wurde zum Verbrechen, als das Schicksal Dich unerwartet zum Erben und Herrn von Rhaneck machte. Warum wagte es das Bürgermädchen, die Hand nach einer Grafenkrone auszustrecken! Sie ging zu Grunde daran! Ein Glück für Dich, daß sie starb, Du hattest ohnehin genug an dem Kinde.“

„Ich habe es ja nie besitzen dürfen!“ brach der Graf in überwallender Bitterkeit aus. „Du fordertest ja den Knaben sofort für die Kirche, Du übernahmst die Sorge für seine Erziehung, seine Ausbildung, kaum, daß ich ihn hin und wieder einmal sehen durfte!“

„Sollte ich ihn Dir vielleicht lassen, damit Deine wahnsinnige Zärtlichkeit für den Buben aller Welt das Geheimniß verriethe, dessen Schleier schon allzu sehr gelüftet war? Welche Stellung hätte er Deiner Gemahlin, Deinem Sohne gegenüber eingenommen? Die Kirche war der einzige Ort, wo seine Geburt gesühnt werden konnte, die einzige Bahn zu Ansehen und Ehre, die Du nun einmal durchaus für ihn haben wolltest. Du weißt, welche Pläne wir mit ihm hatten! Ist es unsere Schuld, wenn er in seiner Verblendung die Hand zurückstößt, die ihn erbeben wollte, und sich in den Abgrund stürzt?“

„Er hat sich in einem unglücklichen Augenblick hinreißen lassen, er wird sich besinnen, wird umkehren –“

Der Prälat schüttelte den Kopf. „Der kehrt nicht mehr zurück, der ist uns unwiederbringlich verloren! Zu sehr hat er sich verrathen – das ist das alte trotzige Protestantenblut, das uns einst die Reformation schuf und uns durch Jahrhunderte zu schaffen machte, es fließt auch in seinen Adern und es rächt sich jetzt dafür, daß wir es in die Kutte gezwungen haben.“

Er nahm seinen Gang durch das Zimmer wieder auf, Rhaneck folgte ihm und legte wie beschwörend die Hand auf seinen Arm.

„Schone ihn! Noch kannst Du es, denn noch bist Du der alleinige Richter. Schone,“ seine Stimme sank zum Flüstern herab, „mein Blut in ihm, es ist ja auch das Deine.“

„Ich würde Dich nicht schonen, Ottfried, ständest Du mir so gegenüber!“ sagte der Prälat eiskalt. „Du weißt nicht, wie weit er bereits gegangen ist. Da lies,“ er zog rasch aus einer auf dem Schreibtisch liegenden Mappe einige Papiere hervor und hielt sie dem Bruder hin, „hier hast Du seine letzte Predigt Wort für Wort, hier das Verzeichniß der Bücher, in denen er Nachts studirt, der ganze Index ist darauf zu finden!“

Der Graf schob mit einer heftigen Bewegung die Papiere zurück. „Ich sehe wenigstens, daß Ihr ihn hinreichend mit Spionen umgeben habt!“ entgegnete er bitter.

„Traust Du mir im Ernst die Thorheit zu, einen solchen Charakter unbeobachtet zu lassen? Und meinst Du, ich könnte jetzt noch diese Kraft in die Welt hinauslassen, damit sie sich gegen uns wendet? Benedict in den Reihen unserer Gegner ist eine unberechenbare Gefahr: mit seinem Beispiel, mit seiner glühenden Rednergabe wird er Hunderte uns entreißen, er hat den Haß gegen Mönchthum und Kirche auf der hohen Schule studirt – im Kloster selber.“

„Was hast Du vor mit Bruno?“ fragte der Graf in steigender Angst.

Der Prälat lächelte unheimlich. „Lebst Du schon in Todesangst um Deinen Liebling? Beruhige Dich, wir sind nicht mehr im Mittelalter; die Zeit ist vorbei, wo man ungehorsame Mönche einmauerte oder mit der Folter zum Widerrufe zwang, wir müssen der weltlichen Macht jetzt Rechenschaft ablegen über jedes Mitglied [122] unseres Ordens, sie hat uns die Grenzen eng genug gezogen.“

„Ich weiß es,“ sagte Rhaneck düster, „aber ich weiß auch, daß Ihr Mittel genug habt, Eure Opfer dieser weltlichen Macht zu entziehen. Ihr erklärt es einfach für wahnsinnig und laßt es dann aus den Augen der Menschen verschwinden. Der Vorwand deckt ja jede Grausamkeit, jede Körper- und Geistesfolter. Wie viele von denen, die Ihr für wahnsinnig ausgebt, waren es wirklich, wie viele wurden es erst unter Euren Händen? Sprich mir nicht von der Barmherzigkeit der Klöster! Ich frage Dich noch einmal, was willst Du thun?“

Der Prälat sah ihn an, es war ein eisiger, mitleidloser Blick. „Was ich auch über Benedict beschlossen habe, Du wirst mich an Nichts hindern. Du begabst Dich Deiner Rechte auf ihn, als Du ihn der Kirche weihtest, das Mönchsgelübde zerreißt jedes andere weltliche Band. Jetzt gehört er mir, seinem Abte, und ich werde mit ihm verfahren, wie es mir gut dünkt.“

„Nun und nimmermehr!“ rief der Graf auflodernd. „Ich dulde es nicht, daß er geopfert wird! Zu viel schon habe ich mich von Dir leiten lassen, zu oft schon mich Deinem starren Willen gebeugt, aber jetzt stehen wir an der Grenze. Ich sage Dir, rühre mir Bruno nicht an, oder ich nehme vor aller Welt mein Recht in Anspruch, ihn zu schützen, und gebe Dich und Dein ganzes Kloster preis!“

Der Prälat trat zurück, auch auf seiner Stirn erschien jetzt die Falte, die längst drohend auf der Rhaneck’s stand, aber seine Stimme klang noch in vernichtender Ruhe.

„Du bist von Sinnen, Ottfried, sonst würdest Du mir nicht so drohen. Wer wird in solchem Falle preisgegeben? Bin ich es etwa, dessen Name und Ehre auf dem Spiele steht, wenn Du eine Sache an’s Licht ziehst, die jetzt schwerlich so beurtheilt werden würde, wie vor fünfundzwanzig Jahren? Versuche es doch, entdecke Dich zuvörderst Deinem Bruno – die erste Frage wird nach seiner Mutter sein!“

Der Graf erbleichte, langsam ließ er die drohend erhobene Hand wieder sinken.

[133] „Bruno hat Dich nie geliebt!“ fuhr der Prälat erbarmungslos fort, „all Deine Sorge, Deine Zärtlichkeit für ihn hat immer nur dies scheue Ausweichen, diese instinctmäßige Abneigung gefunden. Sprich das verhängnißvolle Wort aus, und sein Haß ist Dir gewiß!“

Der Prälat hatte das rechte Mittel ergriffen, den Ungestüm des Bruders zu zügeln, durch die Züge des Grafen ging ein schmerzliches Zucken.

„Ich weiß es!“ sagte er tonlos, „und das ist’s, was ich nicht ertragen kann. Du hast mir von jeher diese Liebe zum Vorwurf gemacht, es ist das Einzige, was ich mir aus jenem Jugendtraum gerettet habe, und, was Du auch sagen magst, es ist das Beste an mir. Aber noch einmal, Bruder,“ er richtete sich hoch und fest auf, hier ist die Grenze, wo ich Dir Trotz biete. Wenn Bruno gefehlt hat, so laß ihn sich verantworten, strafe ihn, so weit Deine Stellung als Abt und die weltliche Macht es erlaubt, aber hüte Dich, ihn dem Arme dieser Macht zu entziehen, der ihn vor dem Schlimmsten schützt. Euerer Mönchsrache werde ich ihn nie auf Gnade und Ungnade preisgeben! Hüte Dich, ihn aus meinen Augen verschwinden zu lassen; ich werde seine Spur finden und will dann nicht umsonst der mächtige einflußreiche Graf Rhaneck sein. Auch Deine Priestergewalt hat ein Ende, und ich schone nichts mehr, wenn Du mich zum Aeußersten treibst! Leb wohl!“

Er ging, er hatte ruhiger gesprochen als vorhin, ohne jenes wilde Aufbrausen, aber eben deshalb wirkte die Drohung diesmal mehr. Der Prälat blickte ihm finster nach, er sah die Macht, die er mit der Ueberlegenheit eines kalten unbewegten Charakters von jeher über den leidenschaftlichen Bruder ausgeübt, in Trümmer gehen, er wußte besser als der Graf selbst, daß hier ihre Grenze war. Er war noch ganz in dies finstere Nachdenken versunken, als der Pater Prior gemeldet ward, der gleich darauf eintrat und sich mit seinem gewöhnlichen schleichend demüthigen Wesen ihm näherte.

„Ich komme, die Befehle meines hochwürdigsten Abtes in Bezug auf Pater Benedict in Empfang zu nehmen,“ begann er feierlich. „Wir können ihn von morgen an jeden Tag erwarten. Reverendissimus wünschen wohl jedenfalls erst seine Verantwortung zu hören?“

„Verantwortung?“ fragte der Prälat scharf; „deren bedarf es hier nicht mehr! Wenn er sich, wie ich nicht zweifle, zu seinen Worten bekennt, so bleibt nur noch übrig, Gericht über ihn zu halten. Ich habe über den Fall bereits an den Erzbischof berichtet und erwarte stündlich seine Antwort. Indeß ich weiß im Voraus, was ich zu thun habe, und daß man mir vollkommen freie Hand lassen wird.“

„Auch ich bin überzeugt, daß man uns die unbeschränkteste Vollmacht ertheilt!“ bestätigte der Prior mit einem frommen Aufblick nach oben. „Es gilt, den Frechen zu strafen, und die schwer beleidigte Kirche durch Reue und Büßung wieder zu versöhnen, damit ihr Heil –“

Der Prälat machte eine ungeduldige Bewegung. „Lassen Sie den salbungsvollen Ton! Sie wissen, ich liebe das Frömmeln nicht, am wenigsten, wenn wir unter uns sind. Es handelt sich nicht darum, die Kirche zu versöhnen, sondern sie vor einer Gefahr zu schützen, hier wo das Beispiel des Einzelnen verhängnißvoll werden könnte für den ganzen Stand. Ich bin entschlossen, die vollste Strenge walten zu lassen!“

Ein triumphirender Blick schoß aus den Augen des Priors, aber er senkte sie sofort wieder demüthigst zu Boden. Man durfte heute dem Prälaten nur mit Vorsicht nahen, es geschah selten, daß er sich in so scharfen rücksichtslosen Worten gehen ließ, wie eben jetzt, irgend etwas mußte ihn furchtbar gereizt haben und es ward dem schlauen Mönche nicht schwer, diese Gereiztheit mit dem vorhergegangenen Besuch des Grafen und dem wahrscheinlichen Gegenstande der Erörterung zwischen den Brüdern in Verbindung zu bringen.

„Die vollste Strenge!“ wiederholte er langsam. „Ohne Zweifel! Wenn nur der Herr Graf Rhaneck nicht Einspruch thut! Ich meine,“ verbesserte er sich schnell, „er wird seinen ganzen Einfluß zu Gunsten seines Schützlings aufbieten.“

„Ich bin in solchen Dingen dem Einfluß meines Bruders nicht zugänglich!“ erklärte der Prälat hart und entschieden.

„Ich weiß, Hochwürdigster, ich weiß!“ stimmte der Prior bei. „Aber es könnte doch sein. Der Herr Graf hegt ein großes, ein ganz ungewöhnliches Interesse für Pater Benedict – wenn er es versuchte, gegen Ihren Willen –“

Weiter zu gehen in seinen Andeutungen wagte er nicht, ihm war es schon genug, daß der Prälat schwieg und ihn nicht vornehm zurückwies, was sonst unfehlbar geschehen wäre. Also, schloß der Prior weiter, es hatte bereits Streit deswegen zwischen den Brüdern gegeben, Rhaneck hatte vermuthlich gedroht, da galt es zu stacheln, der Prior kannte seinen Abt.

„Der Herr Graf weiß oder ahnt doch wenigstens, was [134] seinem Schützlinge bevorsteht,“ fuhr er leiser fort, „er wird ihn schwerlich preisgeben, und wenn er nicht will –“

„Wenn mein Bruder nicht will?“ der Prälat hob mit einem zornigen Aufblick das Haupt. „Sie vergessen wohl, daß ich hier allein zu wollen habe!“

„Keineswegs, Hochwürdigster! Es handelt sich ja auch nur darum, was dem Pater Benedict eigentlich auferlegt wird, und wie weit Reverendissimus zu gehen beabsichtigen. Uebergriffe freilich könnten jetzt bedenklich, ja gefährlich werden. Was man hin und wieder einzelnen ungehorsamen Mönchen gegenüber wagte, nach denen Niemand fragte, und deren fromme Angehörige sich auf das bloße Zeugniß des Klosters hin beruhigten, das dürfen wir hier nicht wagen, wo ein so mächtiger Protector wie Graf Rhaneck im Wege steht. Der Graf ist sehr angesehen, sehr einflußreich bei Hofe und unser allergnädigster Souverain sehr bedenklich freisinnig in solchen Dingen; wenn die Sache dort zur Sprache käme – ein einziger Schritt über die uns gezogenen Grenzen hinaus könnte verderblich werden.“

Der Prior wußte sehr wohl, was er that, als er langsam einen Stachel nach dem andern in die Seele des Prälaten senkte. Er konnte ihm freilich nichts sagen, was jener nicht schon längst bei sich selber erwogen hatte, aber es klang ihm doch anders aus fremdem Munde, mit dieser leisen Beimischung von Hohn, mit diesem fortwährenden Herausheben des Bruders als einer überlegenen Macht, der man sich zu beugen habe – der stolze Priester richtete sich hoch auf.

„In dem Punkte, wo es sich um meine geistliche Obergewalt handelt, weiche ich weder meinem Bruder, noch weiche ich überhaupt Jemandem, er stehe so hoch er wolle! Dreißig Jahre lang habe ich dies Stift geleitet, und dreißig Jahre lang ist es dem Lande ein Vorbild gewesen, auf das auch nicht der leiseste Schatten fiel! Wenn in den anderen Klöstern ringsum sich Schwäche, Abfall und Verrath kund gab, ich habe das meinige rein zu erhalten gewußt und, was auch geschehen mag, ein Abtrünniger wird aus seinen Mauern nie hervorgehen! Nie, sage ich! Benedict widerruft entweder, oder er verfällt seinem Schicksal! An dem Beschluß wird Graf Rhaneck, wird selbst der Souverain nichts ändern, sie sind nur Menschen, und in unseren Händen liegt die höchste Gewalt auf Erden, die des Priesters, der auch sie sich zu beugen haben – ich erkenne nur Rom als meinen Herrn an!“

Er stand hoch aufgerichtet da, in beinahe königlicher Haltung. Das war wieder der allmächtige gebietende Abt, der nichts über sich erkennen wollte, und im Vollbewußtsein seiner Herrschaft Allem Trotz zu bieten bereit war; der Prior senkte in einer Art von scheuer Bewunderung die Augen.

„Es wäre aber doch zu viel gewagt,“ begann er von Neuem, „wollte man den Ruf, vielleicht die Existenz des ganzen Klosters auf’s Spiel setzen, eines Einzigen wegen! Pater Benedict stürzt uns ist einen schweren Conflict bei seiner Rückkehr, das Beste wäre – er käme gar nicht wieder.“

„Er wird kommen!“ sagte der Prälat entschieden. „Er wird mir gegenüber treten und sich zu jedem einzelnen seiner Worte bekennen. Ich weiß es!“

„Wenn es in seinem Willen liegt, gewiß! Aber könnte nicht irgend ein Zufall – das Gebirge ist jetzt sehr gefährlich, die Regengüsse der letzten Wochen haben die Bergströme entfesselt und die Stürme einzelne Punkte vollends unwegsam gemacht. Pater Benedict kümmert sich sehr wenig um solche Gefahren, er geht stundenweit allein, wenn seine Pflicht ihn zu einem Kranken oder nach der fernen Wallfahrtscapelle ruft … wenn er einmal dabei – verunglückte!“

Der Prälat sah den Sprechenden einen Moment lang groß und starr an, dann plötzlich wendete er ihm den Rücken und trat an’s Fenster, wo er stehen blieb, die Arme verschränkt und das Auge auf die umschleierte Landschaft draußen gerichtet. Der Prior folgte ihm.

„Ich spreche natürlich nur von einem Zufall, von einer bloßen Möglichkeit aber es ist nicht zu leugnen, daß sie uns einer schweren Bedrängniß entreißen würde. Zum Widerruf wird unser junger Mitbruder unter keinen Umständen zu bewegen sein; ihn gewähren lassen oder mit einer vorübergehenden Buße abfinden, hieße der Ketzerei Thür und Thor öffnen; wenn wir ernstlich einschreiten wollen, steht uns Graf Rhaneck im Wege – es ist eine böse, böse Sache! Ich sehe in der That keinen Ausweg daraus!“

Der Prälat antwortete nicht, der Prior trat ihm noch einen Schritt näher.

„Ein Unglück freilich, das zur rechten Zeit käme, würde viel, würde Alles lösen. Es befreite unser Kloster von der noch nie erlebten Schande, einen Abtrünnigen unter die Seinigen zählen zu müssen, es ersparte uns die Nothwendigkeit, durch allzu strenges Gericht mit der weltlichen Macht in Conflict zu gerathen. Auch Graf Rhaneck würde sich zufrieden geben müssen, denn wer kann am Ende für einen Zufall! Es wäre hier von unberechenbarem Vortheile.“ Er sprach langsam, leise, aber jedes Wort betonend, der Prälat stand noch immer unbeweglich, die eiserne Ruhe seiner Züge verrieth nichts, aber es war doch etwas wie innerer Kampf in dem Blicke, der auf dem wolkenumhüllten Gebirge in der Ferne haftete.

„Wann kommt Benedict zurück?“ fragte er endlich.

„Ich denke, übermorgen!“

Eine lange schwere Pause! Der Prälat wendete sich langsam um, auf seinem Antlitz lag ein starrer, eisiger Ausdruck.

„Sie haben Recht! Es wäre die beste Lösung von allen. Aber können wir dem Zufall gebieten?“

„Hochwürdigster –“ Der Prior sagte nichts weiter, aber sein Auge heftete sich wie in gierigem Forschen auf das Gesicht seines Oberen, als wolle er jedes Wort, jeden Gedanken von dessen Lippen ablesen. Der Blick des Abtes glitt unwillkürlich nieder auf den neben ihm befindlichen Schreibtisch, wo noch die Papiere lagen, die er vorhin dem Grafen entgegengehalten, er stützte die Hand schwer auf die letzte Rede Benedict’s – der stolze Priester hatte nicht umsonst das Bewußtsein, daß „die höchste Gewalt auf Erden in seine Hände gelegt war“, er fühlte sich als Richter über Leben und Tod.

„Herr Pater Prior! Ich befehle nichts und lasse nichts zu! Merken Sie sich das! Was zum Heile der Kirche geschieht, werde ich – absolviren.“

Der Prior verneigte sich stumm, er wußte genug. Er eilte, mit einigen gleichgültigen Reden sich zu verabschieden, und verließ dann das Gemach. Der Prälat stand noch immer am Schreibtisch, die Hand auf den verhängnißvollen Bericht gestützt, als aber die Thür hinter Jenem zufiel, zuckte der Ausdruck einer grenzenlosen Verachtung durch seine Züge.

„Elender! Wolltest Du mich zum Werkzeuge Deines Privathasses machen? Nimm es auf Dein Herz allein! Und wenn Benedict uns verloren ging, und wenn er fallen muß, er wiegt im Falle noch zehn Deinesgleichen, ich hätte sie mit leichterem Herzen geopfert als gerade ihn!“ –

Draußen in dem Kreuzgange, der die Prälatur mit dem Kloster verband, stand der Prior. Auch er sah nach den wolkenumlagerten Bergen hinüber und sein Blick sprühte wieder in jenem giftigen, tödtlichen Hasse, wie damals in der Sacristei.

„Also endlich wären wir so weit! Es war keine gute Stunde, in welcher er es wagte, mir zu drohen. Soll ich ihn vielleicht zurückkehren lassen, damit er noch im Sturze mich verräth? Lieber mag der Sturz – anderswo erfolgen. Der Prälat will sich decken, einerlei! er muß mich im schlimmsten Falle schützen, er schützt in mir die Ehre seines Stiftes. Herr Pater Benedict, Sie haben so großartige Anlagen zum Freiheitsapostel – ich fürchte, Sie werden zum Märtyrer Ihrer Lehre!“




Auch im Hochgebirge hatte der Herbst seinen Einzug gehalten. Hier freilich erscheint er anders als drunten in der Ebene, wo sich die Natur so müde und langsam ihrem Grabe entgegenneigt, über das der Winter bald die weiße Leichendecke breitet. Dort hängt der Himmel schwer und grau über der verschleierten Erde, in endlos eintönigem Braun dehnen sich die Felder aus, still und dunkel zieht der Fluß dahin, und was noch von Farben und Formen übrig ist, das hüllt der Nebel in seine dichten feuchten Schleier. Leise und einförmig rauscht der Regen nieder, leis und matt sinken die Blätter von den Bäumen, schwermüthig rauscht der Wind darein, bis auch das letzte welk zu Boden flattert und der Wald entlaubt und öde steht – überall langsames Vergehen, stilles widerstandloses Sterben.

Anders im Gebirge. Hier ist Alles wilde Bewegung, Alles trotziger, verzweifelter Kampf um’s Dasein. Stürme, wie sie die Ebene gar nicht kennt, entfesseln sich hier oben und rasen, einmal losgelassen, mit verheerender Gewalt, gährende Wolkenmassen [135] wogen in den Thälern auf und nieder oder jagen sturmgepeitscht um die höchsten Gipfel, und von den Regengüssen geschwellt toben die Bergwasser in ungezügelter Wildheit dahin. Auch hier hängen die Nebelschleier feucht und dicht an Wald und Fels, aber aus ihnen hervor heben die dunkeln Tannen nur trotziger ihre starren Häupter, denen all’ das eisige Wehen den grünen Schmuck nicht zu rauben vermag, und aus dem Wolkengewande ragen die schroffen Zacken und Klippen nur mächtiger empor. Der Herbst hat dem Gebirge den Blumenkranz vom Haupte gerissen, aber damit endet auch seine Macht, die sich ohnmächtig an diesen Wäldern und Felsen bricht, die nicht zu entblättern und nicht zu erschüttern sind. Wird doch selbst der Winter nie ganz Meister dieser starren Natur, und wenn er mit seinen Schneelasten auch Alles begräbt und niederzwingt, die lebendige, ewig klopfende Ader des Gebirges vermag er nicht zu schließen; den Bergstrom legt er doch nie in seine Eisfesseln, und wenn alles Andere ringsum in Schnee und Eis erstarrt, rettet sich dies Leben, das ewig neu und ewig bewegt aus dem tiefsten Grunde des Gebirges hervorquillt, allein unbezwungen hinüber in’s neue Frühlingsgrün.

Das Dorf N., der Bezirk des Pfarrers Clemens, war einer jener einsamen hochgelegenen Bergorte, die nur während der einen Hälfte des Jahres im Verkehr mit der Ebene drunten stehen, während der anderen aber durch Herbststürme, Winterschnee und Frühjahrswasser fast gänzlich davon abgeschnitten, ja zeitweise gar nicht zu erreichen sind. Eng zusammengedrängt lag das Dörfchen auf seinem Hochplateau da, dicht um die in der Mitte befindliche Kirche geschaart, als sei es des Schutzes derselben bedürftig, und in der That klein und schutzlos genug sah es aus, inmitten der hohen Schneegebirge, die es rings umlagerten und so riesengroß auf die winzigen Menschenwohnungen herabblickten, die ein einziger ihrer Stürme vernichten konnte. Spärliches, verkrüppeltes Tannengehölz säumte den Rand des Plateaus, die Wälder begannen erst weiter unten, wo der Weg sich in’s Stromthal hinabneigte, es war freilich keine Poststraße, und es hatte selbst in der guten Jahreszeit seine Schwierigkeit, N. anders als zu Fuße zu erreichen.

Aus der Thür des Pfarrhauses, dessen Aeußeres hinreichend verrieth, daß es nur eine sehr arme Gemeinde war, die man dem Pfarrer Clemens zugewiesen, traten zwei Geistliche und schritten langsam durch’s Dorf, hin und wieder einen ehrfurchtsvoll gespendeten Gruß erwidernd, oder ein Kind segnend, das herbeigelaufen kam, den hochwürdigen Herren die Hand zu küssen; als sie die Häuser hinter sich hatten und in’s Freie traten, überfiel sie der kalte Bergwind mit doppelter Gewalt.

„Sie sollten umkehren, Hochwürden!“ sagte der Jüngere, seinen Mantel fester um die Schultern ziehend. „Die Luft ist allzu rauh; es sieht aus, als sollten wir wieder Sturm bekommen.“

Der Aeltere schüttelte das Haupt. „Bis zum Crucifix begleite ich Sie jedenfalls, lieber Benedict. Ich schone mich schon über die Gebühr, seit Sie hier sind. Der kurze Gang wird mir wohlthun.“

Benedict erhob keinen Einwand weiter und sie schritten einige Minuten lang schweigend vorwärts, dann begann der Pfarrer von Neuem das Gespräch.

„Wenn nur dieser tägliche Gang nach der Wallfahrtscapelle nicht wäre! Ich kann mich dabei nie einer gewissen Sorge um Sie erwehren.“

„Weshalb? fragte Benedict gelassen. „Der Weg ist nicht allzu weit.“

„Aber gefährlich! Sie müssen dabei stets die ‚wilde Klamm‘ passiren, einen der schlimmsten Punkte des ganzen Gebirges. Im Sommer mochte das noch hingehen, aber jetzt, wo die fortwährenden Regengüsse den Felsboden glatt und schlüpfrig machen, wo man nie wissen kann, ob die Brücke auch wirklich den letzten Stürmen Widerstand geleistet hat –“

„Die Bauern wählen ja stets diesen Pfad, um den Weg in’s Thal abzukürzen!“ unterbrach ihn der junge Priester gleichgültig.

„Ja, unsere Bauern! Die sind im Gebirge geboren und aufgewachsen. Solch ein Fuß gleitet nicht so leicht und weiß sich selbst im Sturze noch zu halten und anzuklammern; der Ihrige dagegen – ich kann mir nicht helfen, ich sehe Sie jedesmal mit Sorge gehen und bin erst ruhig, wenn ich Sie sicher wieder im Pfarrhause weiß.“

„Ich bin schwindelfrei,“ sagte Benedict ruhig, „und überdies kann ich den Leuten deswegen nicht eine Gewohnheit nehmen, die ihnen seit Monaten ein Bedürfniß geworden ist, wie diese tägliche Messe in der Wallfahrtskirche.“

„Vorgeschrieben ist sie aber keineswegs!“ wandte der alte Pfarrer schüchtern ein. Ich selbst – nun freilich, meine Kräfte hätten schon längst nicht mehr ausgereicht zu solchen täglichen Strapazen, ich mußte sie für die nothwendigen Gänge zu Kranken und Sterbenden schonen – ich selbst habe nur an Wallfahrtstagen dort Gottesdienst gehalten.“

Es ist aber eine unendliche Erleichterung für die Bewohner all der einzelnen und zerstreuten Gehöfte, wenn sie nicht jedesmal den beschwerlichen Weg bis N. zu machen brauchen. Sie sparen Zeit und Kräfte, die ihnen beide für die Arbeit so nothwendig sind, und ich habe Muße genug, zumal jetzt, wo“ – hier zuckte ein bitterer Ausdruck um seine Lippen – „wo mir das Predigen untersagt ist und ich höchstens noch die Ceremonien ausüben darf. Ueberdies gehe ich ja morgen den Gang zum letzten Male.“

Der Pfarrer blickte wie erschreckt auf. „Zum letzten Male?“

„Nun, Sie wissen doch, daß ich nach dem Stifte zurückberufen bin?“

„Aber hoffentlich nur auf einige Tage.“

Benedict schüttelte finster das Haupt. „Man wird mich schwerlich zurückkehren lassen, ich kenne den Prälaten! Das geringe Maß von Freiheit, welches dies Amt mir ließ, hat sich doch noch als zu groß erwiesen; er wird nicht säumen, es mir zu entziehen.“

„Sie meinen Ihre Predigt am letzten Kirchentage? Herr Bruder, Herr Bruder!“ Die Stimme des Greises zitterte, aber er brach ab, als er das Stirnrunzeln des jungen Priesters gewahrte. „Nun, ich mag Sie nicht auch noch damit quälen; aber ich kann mich im tiefsten Innern der Angst nicht erwehren. Bleiben Sie hier, Benedict! Schützen Sie Krankheit vor, oder suchen Sie die Rückkehr unter irgend einem andern Vorwande hinauszuschieben; es ist nichts Gutes, was man im Stifte gegen Sie braut! Hier sind sie sicher, die Gemeinde hängt mit Begeisterung an Ihnen und würde Sie nöthigenfalls vertheidigen; in unserer Mitte wird man es nicht wagen, Sie anzugreifen.“

„Ich gehe!“ erklärte Benedict entschieden.

„Aber man hegte schon längst Mißtrauen gegen Sie,“ fuhr Jener dringender fort. „Unser Schullehrer – ich mag dem Manne nichts Uebles nachreden, da ich keine Beweise habe; aber es hat mir nie gefallen, daß er sich gleich vom ersten Tage an mit so auffallender Dienstbeflissenheit an Sie drängte. Sie waren nie vorsichtig genug mit Ihren Büchern, Ihren Schreibereien; ich fürchte, sie sind mehr als einmal untersucht worden. War doch auch mir befohlen –“ er stockte und sah verlegen zu Boden.

„Hat man auch Sie zum Spion erniedrigen wollen?“ fragte der junge Priester bitter. „Ein trauriges Amt, zumal wenn es gegen den Gast geübt wird, der seit Monaten unter dem Dache des Hauses schläft!“

„Was ich berichte, schadet Ihnen nichts, Herr Bruder,“ entgegnete der Greis sanft. „Mögen sie mich immerhin im Stifte einen alten Schwachkopf nennen, der nicht sieht und hört, was um ihn her vorgeht, ich will das lieber ertragen, als Sie mit einem unvorsichtigen Worte in Gefahr stürzen.“

Benedict antwortete nicht, er streckte ihm nur stumm die Hand entgegen.

„Nicht wahr, Sie bleiben?“ hob der Pfarrer nach einer kurzen Pause wieder bittend an.

„Ich kann nicht! Glauben Sie nicht, daß ich der Milde des Prälaten allzusehr vertraue. Ich weiß, was mich erwartet, oder ahne es wenigstens, aber um Ihren Rath zu befolgen, müßte mir mehr am Leben liegen. Ich versichere Ihnen, es ist mir sehr, sehr gleichgültig, ich mag auch nicht einmal die Hand rühren, um es zu retten!“

Sie hatten inzwischen das Crucifix erreicht, das am Rande des Plateaus stand, gerade dort, wo der Weg nach der Wallfahrtskirche sich abneigte, die beiden Geistlichen blieben stehen.

„So sollten Sie nicht sprechen, Herr Bruder,“ sagte der Pfarrer mit sanftem Vorwurf, „Sie sind noch so jung!“

„Und Sie sind schon so alt, Hochwürden!“ in Benedict’s Stimme klang ein leiser Hohn, „und hängen immer noch an diesem Dasein, das für Sie doch wahrlich entsagungsvoll genug gewesen ist? Was haben Sie denn erreicht mit dieser elenden [136] Pfarre hier oben, die Sie eben nur vor dem Hunger schützt, die Sie seit zwanzig Jahren von Welt und Menschheit abschneidet, und Sie nur Scenen der Armuth und des Elendes schauen läßt? Darum mit dem Leben gebrochen, die Zukunft verschüttet, das Glück abgeschworen – der Tausch ist doch zu ungleich!“

Die hellen milden Augen des Greises begegneten ruhig dem düster flammenden Blick seines jungen Mitbruders. „Darnach habe ich nie gefragt!“ sagte er einfach. „Ich habe es als eine mir zugewiesene Pflicht genommen, und mich redlich bemüht, sie zu erfüllen. Leicht freilich ist sie mir nicht immer geworden. Ich habe schlimme Zeiten hier oben durchlebt; es hat Tage und Wochen gegeben, wo ich mit meinen armen Dörflern gedarbt habe, weil ich’s nicht über’s Herz bringen konnte, mit Härte meine schmalen Einkünfte einzutreiben, die sie beim besten Willen nicht schaffen konnten, und noch schwerer ist’s mir oft geworden, wenn ich nur geistlichen Trost spenden konnte, wo ich so gern mit der That geholfen hätte, und wo die Hülfe so nothwendig gewesen wäre. Wie der Herr will! Ich bin nun über die Siebenzig hinaus, lange kann es ja doch nicht mehr währen, bis ich mein Haupt zur Ruhe lege. Hat mir das Leben auch nicht viel Gutes gegönnt, ich nehme doch die Ueberzeugung mit, daß ich mich auf meinem geringen Acker redlich gemüht habe; Gott weiß es – ich war ja wohl keines besseren werth!“

Es lag eine rührende Resignation in den einfachen Worten, Benedict blickte schweigend auf das greise, müde Leben, das sich so still und geduldig dem Grabe zuneigte, so ohne alles Murren und Klagen auf das Loos zurückblickte, das ihm gefallen war; aber für den jungen Priester war diese stille Ergebung nur ein Stachel mehr, er hatte noch den ganzen Trotz der Jugend, die wohl unterzugehen, aber nicht zu entsagen versteht, und er war im Begriff eine leidenschaftliche Antwort zu geben, als in ihrer Nähe Schritte ertönten; vom Dorfe her kamen zwei Freunde, gleichfalls in ihre Mäntel gehüllt, auf sie zu.

Die Erscheinung Fremder war hier etwas so Ungewöhnliches, daß die beiden Geistlichen ihr Gespräch unterbrachen und ihnen überrascht entgegenblickten. Benedict schien sie zu erkennen, und sofort verschwand die kurze Offenheit, die er dem Pfarrer gegenüber gezeigt hatte, um der alten Verschlossenheit Platz zu machen, als er den Ankommenden entgegenging und den Aelteren von Beiden artig, aber eisig begrüßte.

„Herr Graf Rhaneck, Sie hier?“

Der Graf bot ihm die Hand und wandte sich dann an den Pfarrer. „Verzeihen Sie, Hochwürden, mein Hiersein gilt nur Ihrem Caplan, den ich dringend zu sprechen wünschte. Man sagte uns im Pfarrhause, daß er soeben fortgegangen sei, und daß wir ihn noch einholen würden.“

Der Greis verneigte sich höflich vor den beiden vornehmen Herren, die Benedict ihm nannte. „Wollen der Herr Graf nicht mit uns umkehren? Der Ort und das Wetter ist wenig geeignet zu einer Unterredung im Freien.“

„Ich danke!“ unterbrach ihn Rhaneck schnell. „Unser Gespräch wird nur kurz sein; überdies ist Pater Benedict, wie ich höre, auf einem Amtswege begriffen, ich möchte nicht die Schuld einer Verspätung auf mich nehmen.“

Der Pfarrer mochte wohl an dem Wesen des Fremden sehen, daß es sich hier um eine Unterredung von Wichtigkeit handelte, er verabschiedete sich daher, indem er die Hoffnung aussprach, die Herren würden ihm bei der Rückkehr die Ehre erweisen, noch auf einige Minuten in’s Pfarrhaus zu treten. Der Graf sagte zerstreut zu, er wartete mit offenbarer Ungeduld, bis der Geistliche außer Gehörweite war, und wandte sich dann rasch zu Benedict.

„Wir suchten Dich, Bruno! Wie Du siehst, hat Ottfried mich begleitet. Ihr seid im Grolle geschieden und schuldet einander noch die Aussöhnung, die ich von Euch verlangte. Was Ihr damals in der Hitze des Streites verweigertet, werdet Ihr mir jetzt gewähren. Ottfried bietet Dir die Hand zur Versöhnung, Du wirst sie annehmen.“

Die Worte waren milde, aber doch im Tone eines unbedingten Befehls gesprochen. Ottfried’s Antlitz verrieth deutlich genug, daß sein Entgegenkommen ein erzwungenes war, dennoch streckte er gehorsam die Hand aus, Benedict rührte sich nicht.

„Nun?“ fragte der Graf noch ruhig, aber doch in schärferem Tone.

Der junge Priester trat zurück. „Ich bitte, ersparen Sie dem Grafen und mir eine Ceremonie, die uns Beiden gleich peinlich ist und in unserer gegenseitigen Stellung nicht das Geringste ändert!“ entgegnete er kalt.

Ottfried ließ wie erleichtert die Hand wieder sinken, aber trotzdem schoß ein Blick tiefen Hasses aus seinem Auge auf den „Bedientensohn“, der es wagte, sein Entgegenkommen in dieser Weise abzulehnen.

Das Auge Rhaneck’s glitt langsam von Einem zum Anderen. Man konnte nicht Verschiedeneres sehen, als diese Beiden, wie sie so nebeneinander standen. Der junge Graf mit dem blonden Haar, den hellen Augen und den matten, leblosen Zügen, die, so deutlich sie auch seine Rhaneck’sche Abstammung bekundeten, so sehr sie denen des Vaters glichen, doch nicht das Geringste von jenem charakteristischen Ausdruck zeigten, der dem stolzen Geschlecht eigen war, und das bleiche, energisch gezeichnete Antlitz des jungen Priesters mit dem schwarzen Lockenhaar und den tiefdunklen Augen. Nicht in einem Zuge, nicht in einer Linie glichen sie sich und doch hatten sie Eins gemeinsam, die hohe schlanke Gestalt, die eigenthümlich stolze Wendung des Kopfes, den Gang und die Haltung. Die Aehnlichkeit trat heute, wo auch Ottfried einen dunklen Mantel trug, auffallender als je hervor; von ferne gesehen hätte man sie mit einander verwechseln können. Auch dem Grafen schien sich diese Wahrnehmung aufzudrängen, sein Blick lag schwer und düster auf den beiden jungen Männern und blieb zuletzt auf dem Aeltesten haften.

„Diesmal bist Du es, Bruno, der den alten, unheilvollen Riß noch erweitern will!“ sagte er vorwurfsvoll. „Sei’s darum! in einer Stunde wirst Du anders denken, Du wirst dann selbst die Hand zur Versöhnung bieten, ich weiß es. Laß uns allein, Ottfried!“

Der junge Graf gehorchte, aber der alte Groll wallte wieder heiß in ihm auf, als er sich zurückzog. Die Vorgänge der letzten Zeit waren ihm nicht verborgen geblieben und er errieth nur zu gut, was der Vater mit dieser plötzlichen Fahrt in’s Gebirge beabsichtigte. Er wollte seinen Schützling warnen, ihn retten vielleicht vor dem drohenden Zorne des Bruders, aber weshalb er dabei den Sohn mit sich nahm, weshalb er auf einmal so hartnäckig auf einer Aussöhnung bestand, nachdem Monden seit jenem Streite vergangen waren, das wußte sich Ottfried nicht zu erklären. Gereizt, wie er schon war, verletzte es ihn noch tiefer, daß der Graf ihn so ohne Weiteres fortschickte, weil er mit Pater Benedict zu reden hatte, verletzte es ihn um so mehr, als er sich sagen mußte, daß diesem gegenüber eine gleiche Rücksichtslosigkeit nie stattgefunden hätte. Freilich, dieser Mönch durfte sich ja Alles erlauben, er bewies es eben wieder auf’s Neue, wo er dem Befehl seines hohen Gönners so entschieden den Gehorsam versagte, und der Graf, der bei dem eignen Sohne so energisch jede Regung des Ungehorsams zu unterdrücken wußte, schien diesem Trotz gegenüber machtlos. Das räthselhafte Verhältniß, in welchem sie Beide zu einander standen und das Ottfried schon seit jener Begegnung im Walde beschäftigte, trat ihm jetzt auf’s Neue vor Augen, aber er fand heute so wenig eine Erklärung dafür wie damals.

Rhaneck befand sich jetzt allein mit Benedict, der ihm gegenüberstand wie gewöhnlich, stumm, finster und ohne die geringste Empfindung für den augenscheinlichen Beweis der Theilnahme, den sein Beschützer ihm mit diesem Erscheinen hier wiederum gab.

„Bruno, um Gotteswillen, was hast Du gethan!“

Der Gefragte hob mit kaltem Trotze das Haupt. „Was ich gethan habe, werde ich zu vertreten wissen! Jedenfalls steht nur meinem Abte das Recht zu, Rechenschaft darüber zu fordern – ihm werde ich sie geben, sonst Keinem!“

In dem Antlitz des Grafen kämpfte der ansteigende Zorn über die schroffe Antwort mit einer anderen schmerzlicheren Empfindung.

„Das also ist der Dank für all meine Sorge und Angst um Dich!“ sagte er bitter. „Dein Vertrauen habe ich freilich nie besessen, seit einiger Zeit aber scheinst Du Dich förmlich feindselig von mir abzuwenden.“

Benedict senkte das Auge, der Vorwurf rief wieder jenes Gefühl der Beschämung in ihm wach, das immer und immer mit der geheimen Abneigung kämpfte, deren er sich nun einmal nicht erwehren konnte, dem Manne gegenüber, dem er doch so Vieles dankte.

[149] „Ich habe Ihnen schon einmal bekannt, Herr Graf, daß ich Ihrer Güte nur Undank entgegen setze,“ erwiderte Bruno leise. „Verzeihen Sie mir und – geben Sie mich auf!“

Bei der geringsten Nachgiebigkeit von Seiten seines Schützlings verschwand sofort aller Zorn aus dem Wesen des Grafen.

„Dich aufgeben! Also weißt Du wenigstens, daß Du in Gefahr schwebst! Bruno, wie konntest Du diese unselige Predigt wagen! Du mußtest doch wissen, mußtest doch berechnen, welche Folgen sie auf Dein Haupt herabzieht.“

Der junge Priester hob düster das Auge wieder empor. „Wenn ich überhaupt berechnet hätte, so wäre das Ganze unterblieben. Ich bin doch noch Mönch genug, den Gehorsam zu halten, den ich meinen Oberen gelobt habe, und ich weiß, daß jene Rede furchtbar dagegen stritt. Aber als ich mich inmitten all der versammelten Wallfahrer sah, die sich in blinder Andacht vor mir neigten, als ich denken mußte, daß vielleicht Hunderte von ihnen ihre Kinder einst in dieselben Fesseln zwingen, die jetzt mich zu Boden drücken, da übermannte es mich mit unwiderstehlicher Gewalt und riß mich fort wider meinen Willen, ich konnte die Worte nicht mehr zügeln – erst als ich von der Kanzel zurücktrat, kam mir zum Bewußtsein, was ich eigentlich gesprochen.“

Rhaneck schüttelte das Haupt. „Das Unglück ist der Ort, wo Du es gesprochen. Wäre es hier in N. geschehen, vor der kleinen Pfarrgemeinde, die Sache ließe sich vielleicht noch ausgleichen, aber vor dem zusammengeströmten Volke, vor den Tausenden von Wallfahrern, die jedes Deiner Worte bis in die fernsten Punkte des Gebirges tragen – das verzeiht Dir mein Bruder nie!“

„Ich weiß es!“

„Warum hast Du mir nicht bekannt, daß Du den Stand hassest, dem ich Dich weihte?“ fragte der Graf gepreßt. „Ich hätte Dich nicht gezwungen, beim Himmel, ich hätte es nicht gethan, trotz alles Drängens meines Bruders! Aber ich glaubte Dich ja im vollsten Einklange mit Dir selbst und mit Deiner Zukunft.“

Benedict lächelte bitter. „Hätte ich am Tage der Priesterweihe empfunden, wie ich jetzt empfinde, keine Macht der Erde hätte mich in dies Gewand gezwungen. Sie vergessen, daß ich im Priesterseminar erzogen bin, wo alles Wollen und Können immer nur blind in die eine Richtung geleitet wird, wo keine Minute unbewacht und keine unbenutzt bleibt. Erst im Kloster fand ich Zeit zum Denken, fand ich mitten unter all dem äußeren Zwange Freiheit genug, mir selbst zu leben, und da erst kam das Erwachen – zu spät!“

Mit einem schweren Seufzer schien sich Rhaneck von dem peinigenden Gedanken losreißen zu wollen. „Wir wollen nicht um Vergangenes streiten!“ sagte er entschlossen, „die Gegenwart ist drohend genug. Du bist nach dem Stifte zurückberufen?“

„Ja.“

„Und Du wirst dem Rufe folgen?“

„Dem Befehle meines Abtes? Gewiß!“

Der Graf trat ihm hastig einen Schritt näher. „Du darfst nicht zurück, unter keiner Bedingung! Muß ich Dir erst sagen, was Dich dort erwartet? Warnt Dich nicht das Schicksal so manches Deiner Gesinnungsgenossen und bist Du nicht lange genug Mönch gewesen, um zu wissen, welcher Rache ein Kloster, welcher Rache Deine Brüder fähig sind? Und Du hast sie furchtbar gereizt, Bruno, Du hast ihnen den Fehdehandschuh ingeworfen – sie können Dir nicht verzeihen!“

Der junge Caplan lehnte sich mit verschränkten Armen an den Stamm des Kreuzes und richtete das Auge fest auf den Sprechenden.

„Und was verlangen Sie denn, Herr Graf, daß ich thun soll? Wollen Sie etwa, daß ich dem bestimmten Befehl zur Rückkehr offenen Widerstand entgegensetze und es auf Gewaltmaßregeln ankommen lasse?“

Der Graf warf einen raschen Blick umher, Ottfried war weit genug entfernt, um keine Silbe des Gespräches auffangen zu können, dennoch sank seine Stimme zum Flüstern herab, aber sie bebte selbst in diesem Flüstern.

„Nein! Dir bleibt nur eins übrig, die Flucht! Schnelle, unverweilte Flucht – in ein anderes Land, wenn es sein muß,“ er schwieg einen Moment lang und ein schwerer Athemzug rang sich qualvoll aus seiner Brust empor, „wenn es sein muß – in ein anderes Bekenntniß.“

Benedict fuhr auf. „Und das sagen Sie mir, Graf Rhaneck? Der Bruder meines Prälaten, das Haupt des alten, streng katholischen Geschlechtes, das von jeher seine Ehre darin suchte, eine Stütze der Kirche zu heißen? Ein solcher Rath von Ihnen?

„Wenn ich ihn Dir gebe, so magst Du die Größe der Gefahr daraus ermessen,“ sagte Rhaneck tonlos. „Was er mich [150] kostet, das kannst Du nicht ahnen, Bruno, aber es gilt Deine Rettung, da ist mir kein Preis zu hoch.“

Es wehte aus diesen Worten wieder etwas von jener „wahnsinnigen Zärtlichkeit“, die der Prälat so oft schon seinem Bruder zum Vorwurf gemacht, auch Benedict fühlte das; aber sie fand keinen Anklang in seinem Innern. Befremdet, mißtrauisch trat er einen Schritt zurück und wieder traf jener große, verwunderte Blick den Grafen, aber diesmal lag ein entschiedener Argwohn darin.

„Ehe wir weitergehen, Herr Graf, möchte ich Sie bitten, mir diese ungewöhnliche Theilnahme an meinem Schicksale zu erklären!“ entgegnete er forschend. „Ich habe mich oft genug gefragt, welcher Beweggrund Sie zu so langjähriger und eingehender Fürsorge für einen fremden, armen Knaben veranlassen konnte, und habe nie eine Antwort darauf gefunden. Jetzt aber, wo Sie Ihre eigene Ueberzeugung zum Opfer bringen, wo Sie mit allen Traditionen Ihrer Familie brechen um meinetwillen, jetzt, scheint es mir, habe ich ein Recht auf diese Antwort. Ich bitte dringend darum.“

Die Haltung des jungen Priesters verrieth hinreichend, daß er trotz alledem nicht die geringste Ahnung von der wahren Beschaffenheit des Geheimnisses hatte, in das er einzudringen versuchte; der Graf sah ihn schweigend und unverwandt an.

„Du sollst es erfahren!“ sagte er endlich. „Es war beschlossen, ehe ich hierher kam, und es muß geschehen, ehe wir scheiden. Erst aber antworte mir, wirst Du fliehen?“

„Nein!“

„Bruno, ich beschwöre Dich –“

„Ich bleibe!“

Rhaneck machte eine heftige Bewegung. „Dieser unselige Starrkopf! Ich habe ihn so oft an mir selbst –“ er brach plötzlich ab. „Warum willst Du das Mittel nicht ergreifen, das ich Dir biete? Ich sage Dir doch, es ist das einzige.“

Benedict richtete sich hoch und fest auf. „Weil es mir mein Gewissen und mein Eid verbieten! Der Prälat mag mitleidlos sein bis zur Grausamkeit, aus gemeinen, aus persönlichen Beweggründen handelt er nie, und dem, was er im Namen des Ordens über mich beschließt, muß ich mich beugen. Ich habe den unseligen Schwur am Altare nun einmal geleistet, und wurde er mir auch längst zum Fluche, und stürzt er mich auch jetzt in’s Verderben, brechen kann ich ihn nicht! Mit demselben Rechte könnte sich ja auch der Gatte von der Gattin reißen, der er an jenem Orte Treue geschworen, könnte jedes Wort gebrochen, jedes Band gelöst werden, das die Menschheit in Liebe und Vertrauen aneinander fesselt. Was auf der Welt ist noch heilig, wenn es Altar und Eidschwur nicht mehr sind! Und müßte ich den meinen mit dem Leben bezahlen – ich bleibe und erwarte mein Geschick!“

Es war ein stolzes leidenschaftliches Aufflammen in diesen Worten, etwas von jener Gewalt der Rede, mit welcher der junge Priester neulich die versammelten Wallfahrer hingerissen, aber auf den Grafen übte das einen anderen Eindruck. Er stand da wie ein Verurtheilter. Das Auge am Boden, die zuckenden Lippen fest aufeinandergepreßt, das Antlitz war todtenbleich, aber über die Stirn lief wieder jener flammende Schein, der dunkler und dunkler ward bei jedem dieser Worte, die den stolzen Mann bis in’s innerste Herz hinein zu treffen und niederzuschmettern schienen – es sah aus, als wolle er zusammenbrechen unter ihrer Wucht.

Benedict fuhr mit der Hand über die Stirn und zog den Mantel, der bei der raschen Bewegung herabgeglitten war, wieder um die Schultern.

„Sie kennen jetzt meinen Entschluß, Herr Graf, er ist unwiderruflich. Und nun bitte ich meinerseits um die verheißene Antwort.“

Langsam hob der Graf das Auge vom Boden und heftete es mit einem unbeschreiblichen Ausdruck auf die gespannten Züge des Fragenden; Schmerz, Scham, verzweifelnde Bitterkeit, das Alles lag in dem einen Blick, dann wandte er sich stumm zur Seite.

„Ich bitte Sie!“ mahnte Benedict dringender.

„Nein!“ sagte Rhaneck dumpf „Jetzt nicht!“

„Aber Sie versprachen mir doch –“

„Nie!“ wiederholte der Graf leidenschaftlicher. „Ich sage Dir, Du erfährst es niemals, wenigstens von meinen Lippen nicht – Du selbst hast sie mir geschlossen.“

Der junge Priester schwieg. Er machte keinen Versuch weiter, in das Geheimniß einzudringen, dessen schon verheißene Enthüllung man ihm auf einmal so hartnäckig weigerte, aber der Argwohn lag wieder finster auf seiner Stirn und fremder und kälter als je trat er vor seinem Beschützer zurück.

Dieser strebte sichtbar, die Fassung wieder zu gewinnen, die ihm die leidenschaftliche Erklärung Benedict’s völlig geraubt hatte, er rief Ottfried herbei, aber als dieser, dem Rufe folgend, an seine Seite trat, schien er noch einmal zu schwanken. Es war, als dränge sich das verhängnißvolle Wort trotz alledem wieder auf seine Lippen, als wolle er dennoch einen Versuch der Versöhnung wagen; er wandte sich zu Benedict.

„Du bestehst also darauf, nach dem Stifte zurückzukehren?“

„Morgen Abend bin ich dort. Sagen Sie dem Prälaten, die Kraft, die er dem Orden erhalten wollte, sei ihm verloren auf ewig, aber ich wäre trotzdem des Wortes eingedenk gewesen, mit dem er mich beim Abschiede entließ: Ich sei zu Allem fähig, nur nicht zum Meineide!“

Der Graf zuckte wieder leise zusammen und die schon gehobene Hand, mit welcher er die des jungen Priesters ergreifen wollte, um ihn zu seinem Sohne zu führen, sank schlaff hernieder, stumm preßte er die Lippen zusammen. Von den beiden jungen Männern redete keiner ein Wort, sie standen sich gegenüber, finster, feindselig von einander abgewendet, nur mühsam den innern Groll zügelnd. Noch hielt die Gegenwart des Grafen sie in Schranken. Wenn diese Schranke fiel, so wiederholte sich vielleicht jene Scene im Walde, deren furchtbaren Ausgang er einst mit Mühe verhindert hatte. Er kannte freilich nicht die geheime Quelle, aus der jener Haß stammte, der den Beiden schon einmal die Waffen in die Hand gezwungen, und eben deshalb unterschätzte er die Gefahr, er ließ es bei seinem frühern Verbote bewenden, einander nicht feindlich zu nahen: ein ohnmächtiges Wort, ein Verbot sollte die volle heiße Leidenschaft der Jugend dämmen. Das eine Wort, welches allein der Feindseligkeit zwischen ihnen ein Ende machen und sie zur Versöhnung hätte zwingen können, blieb ungesprochen – der Graf ahnte nicht, was ihm dies Schweigen kosten sollte, und welche Qualen er damit auf sein eigenes Haupt herabrief.

Der Abschied war hastig und kurz von seiner Seite, eisig von Seiten Benedict’s. Rhaneck schlug, von seinem Sohne begleitet, den Rückweg nach dem Dorfe ein, während Jener den verspäteten Gang nach der Wallfahrtskirche antrat.

Pfarrer Clemens hatte nicht Unrecht, bei diesem täglichen Gange für seinen jungen Mitbruder zu fürchten, zumal in der jetzigen Jahreszeit. Es war ein einsamer und gefährlicher Weg, der nur Raum für die Schritte eines Wandernden bot. Rechts stieg der Fels jäh empor, links fiel er jäh ab in die Tiefe, steil bergabwärts wand sich der Pfad, über glattes Steingeröll, vorüber an stürzenden Bächen, an abgestorbenen Tannen bis zur „Wilden Klamm“. Schon in einiger Entfernung vernahm man das Rauschen und Tosen des Gewässers, das sich tief unten im Grunde sein felsiges Bett wühlt, zu beiden Seiten desselben stiegen die nackten Klippen schroff und steil empor, die Häupter so nahe zu einander geneigt, als wollten sie sich berühren. Es sah aus, als habe eine vulcanische Gewalt die mächtige Felswand gespalten und in zwei Hälften auseinander gerissen, zwischen denen nun der Fluß dahintobte. Eine schmale Brücke, roh aus Baumstämmen gezimmert, und mit einem schwachen Geländer nur als Stützpunkt für die Hand versehen, hing in halber Höhe der Felsen über der Schlucht. Nur ein matter Strahl des Tageslichts fiel von oben herein, gerade hell genug, um zu erkennen, daß die „Wilde Klamm“ ihren Namen mit Recht führte, man konnte nichts Wilderes sehen, als diese Scenerie von der Brücke aus. Der Blick schwindelte, wenn er oben in der Höhe das dunkle zerklüftete Gestein zu umfassen strebte, das, schwer niederhängend, jeden Augenblick bereit schien, herabzustürzen und den schwachen Steg zu zerschmettern; und er schwindelte, wenn er hinabsank im die Tiefe, wo das Wasser brausend und zischend dahinschoß, die schaumgepeitschten Wellen ewig am Fuße der Klippen brechend, die jäh ansteigend auch nicht einen Fuß breit Raum zwischen sich und dem wilden Elemente ließen. Wie Eiseshauch umfing hier die Luft den einsam Wandernden, sie legte sich feucht und kalt auf seine Stirn und wehte ihn an wie mit Grabesodem; hier galt es, nicht aufwärts und nicht niederwärts [151] zu schauen, sondern fest und unverwandt auf den Steg vor sich zu blicken, wollte man ungefährdet hinüber.

Furchtlos betrat Benedict die Brücke, er ging den Weg ja seit Monden beinahe Tag für Tag; ohne das Geländer zu berühren, ohne auch nur die allergewöhnlichste Vorsicht zu brauchen, schritt er rasch vorwärts. Vielleicht gab sein schwindelfreies Auge ihm diesen Muth, vielleicht auch die Gleichgültigkeit gegen das Leben, die er vor Kurzem noch dem alten Pfarrer gegenüber ausgesprochen; und es war wohl Schlimmeres als bloße Gleichgültigkeit dagegen, was, in der Mitte der Brücke angelangt, seinen Schritt bannte und ihn so unverwandt niederschauen ließ in den kochenden Gischt da unten. Leise kam die Versuchung herangeschlichen, es war nicht das erste Mal, daß sie ihm an dieser Stelle nahte, er hatte sie bisher noch immer überwunden, aber heute, nach jenem Gespräch mit dem Grafen, das ihm deutlich verrieth, was er bisher doch nur dunkel geahnt, welches Schicksal seiner wartete, heute setzte er ihr nicht den alten Widerstand entgegen. Wie festgebannt hing sein Auge an dem finstern Schlunde, an dem Gewässer, das sich zischend und schillernd wie eine Schlange dahinwand, und leise wie mit Schlangenlauten tönte dies dumpfe Zischen zu ihm herauf, es gewann eine Sprache, die immer deutlicher, immer vernehmlicher an sein Ohr schlug, war sie doch nur das Echo seiner eigenen wühlenden Gedanken.

„Wozu dich in die Hand der Menschen geben, wenn die eigene das Geschick vollenden kann, dem du nun einmal unwiderruflich verfallen bist? Ein Sturz, ein letzter Aufschrei vielleicht – und die kalten Wellen schäumen hinweg auch über die heiße Stirn, die das Denken nun einmal nicht verlernen will, über das wilde glühende Herz, das nicht kühl und still schlagen kann unter dem heiligen Gewande. Und es ist doch Alles, Alles umsonst durch das eine unselige Wort, mit dem du dich der Kirche gelobtest, das dich bindet für Zeit und Ewigkeit! Es reißt dich los von dem Leben, das mit all’ seinen reichen Schätzen, mit all’ seinem sonnigen Glanze wie ein fernes erträumtes Wunderland einst vor dir auftauchte, um auf immer wieder zu versinken, es zieht dich wieder zurück in die alte Knechtschaft, in die dumpfen Hallen des Klosters. Gehorsam heißt ja das erste, das oberste Gelübde des Ordens, und der Mönch muß ihm folgen, wüßte er auch, daß der Weg, den man ihn gehen heißt, am Abgrunde endigt! Wozu den endlosen nutzlosen Kampf erneuern, dem doch nie der Sieg beschieden ist? Ein entschlossener Schritt, und die Kette ist gesprengt, die Last sinkt von deinen Schultern für ewig! Hinab!“

Benedict starrte noch immer unbeweglich hinunter in die Tiefe, aber schwer und schwerer stützte er sich auf das Geländer, das schon wankte und zitterte unter seiner Hand, es legte sich feucht und eiskalt auf seine Schläfe, tief und tiefer senkte er das Haupt – noch eine Secunde, und die weißen Wellenarme drunten, die sich so gierig nach ihm ausstreckten empfingen ihr Opfer.

Da auf einmal klang ein fremder Ton herüber, ferne, leise, halb verweht, aber er drang dennoch zu seinem Ohr, unwillkürlich hob er das Haupt und lauschte. Jetzt trug der Wind die Töne voller, mächtiger herüber, drüben in der Wallfahrtskirche hallten die Glocken und riefen zur Vesper,[WS 1] die Kirche rief ihren Priester. Dort harrten die Andächtigen seines Erscheinens, und die geweihte Hand, die ihnen den Segen spenden sollte, hob sich in diesem Augenblick zum Selbstmorde!

Langsam zog Benedict den Arm zurück von dem Geländer, das in der nächsten Minute gebrochen wäre unter der Wucht seines Körpers, langsam richtete er sich empor und wandte das Auge weg von der verlockenden Tiefe. Die eherne Stimme der Pflicht suchte und fand ihn auf dem gefährlichsten Wege; diese längst ihres Zaubers entkleidete, so tief gehaßte und doch beschworene Pflicht, sie ward jetzt seine Retterin. Vergebens streckten die Wellen ihre Arme auf’s Neue nach ihm aus, vergebens lockten und winkten sie ihn zu sich nieder, der helle Glockenklang übertönte die dunklen Stimmen aus der Tiefe, mit einem schweren tiefen Aufathmen rang sich der junge Priester los von der Versuchung und schritt entschlossen weiter, die verhängnißvolle Brücke blieb hinter ihm, hinter ihm verhallte das unheimliche Brausen und Zischen, nur die Glockentöne zogen weithin durch die Luft, weithin über das Gebirge, und hochaufgerichtet festen Schrittes ging er den Weg, den sie ihm zeigten – zum Altar.




„Nehmen Sie es mir nicht übel, Herr Pfarrer, aber das ist ja ein ganz schändliches Wehen hier oben auf Ihren Bergen! Man möchte zehn Hände haben, um Hut und Shawl und Schirm, und noch zehn andere Dinge fest zu halten, sonst tanzen sie in der nächsten Minute um die Schneegipfel droben. Und seine eigene Person auf den Füßen zu erhalten hat man auch Mühe genug, sonst nimmt sie der Wind und setzt sie ohne Weiteres in eine von den verhexten Schluchten nieder, wohin nicht Sonne noch Mond scheint, und wo man sich, wie Ihre frommen Kalenderheiligen, von Eidechsen und Tannenzapfen ernähren muß, bis einen endlich irgend ein mitleidiger Bauer findet und wieder zur Menschheit zurückbringt. Die abscheulichen Wege hier haben uns schon unseren Wagen gekostet, die Räder waren vernünftiger als wir, sie wollten nicht weiter und zogen es vor, entzwei zu brechen, wir selbst sind halbtodt von dem Heraufklettern auf diesem Dinge, das sich ein Fahrweg nennt, und dabei Löcher und Untiefen hat, groß genug, um eine vierspännige Extrapost mit Mann und Maus zu verschlingen. Geh mir einer mit der Schönheit der Gebirge! Ich bleibe dabei, sie sind vom lieben Herrgott eigens erschaffen, um seinen Creaturen das Leben schwer zu machen, was nun einmal hier auf Erden nothwendig zu sein scheint.“

Pfarrer Clemens, der, im Begriff wieder in sein Haus zu treten, sich plötzlich vom Rücken her in dieser Weise anreden hörte, wendete sich hastig um und blickte erschrocken die Dame an, welche ihm im Tone einer nachdrücklichen Strafpredigt diese Rede hielt. Ihr Gesichtsausdruck war dabei so zornig, ihre Bewegungen so energisch, als sei der arme Geistliche allein verantwortlich für alle die eben geschilderten Unannehmlichkeiten, und dieser fühlte sich wirklich in der ersten Ueberraschung und Bestürzung als der schuldige Theil.

„Ich bedauere sehr –“ sagte er verlegen und ängstlich, „es thut mir leid, aber ich – ich kann wirklich nicht dafür, daß das Klima auf unseren Bergen so rauh ist.“

Die Dame lachte laut auf bei dieser Entschuldigung und trat ihm vertraulich einen Schritt näher.

„Nein, Hochwürden, dafür können Sie in der That nicht!“ sagte sie gutmüthig. „Ich meinte auch nicht Sie, Gott behüte! Nichts für ungut, daß ich Sie so anfuhr. Wir kommen als zwei hülflose Frauen zu Ihnen und bitten um Schutz und Obdach für einige Stunden. Sie brauchen sich nicht zu ängstigen.“

Trotz dieser Versicherung retirirte der Pfarrer doch etwas näher nach der Thür hin, während er schüchtern zu der Erscheinung emporblickte, die allerdings dem Bilde, das man sich von einer „hülflosen Frau“ zu machen pflegt, so wenig entsprach, als der Ton, mit dem sie sich eingeführt, der Bitte.

Es war eine große, kräftige Gestalt, sie trug einen eleganten dicken Reiseshawl, der in allerdings mehr stürmischer als malerischer Drapirung um die Schultern geworfen war. Mit der Linken hielt sie ihren Hut, der, seiner schiefen Stellung und den bedenklichen Wellenlinien seines Schirmes nach zu urtheilen, schon mehrmals den Versuch gemacht hatte, dem Orte, an den er von Rechtswegen gehörte, zu entfliehen, an beiden Bändern auf dem Kopfe fest, mit der Rechten stützte sie sich auf einen großen Regenschirm, der auch schon vom Sturme arg mitgenommen war, und überdies die Spuren des lehmigen Felsbodens zeigte, auf dem er als Alpenstock gedient hatte. Hinter ihr ward jetzt eine kleinere, zartere Figur sichtbar, ganz in einen grauen Regenmantel gehüllt, der die feine Gestalt vom Halse an bis herab zu den Füßen umschloß. Sie hatte es vorgezogen, ihren Hut ganz abzunehmen, statt ihn fortwährend festhalten zu müssen, und während sie ihn in der Hand trug, flatterten die Locken, dem Winde preisgegeben, nach allen Richtungen. Das „schändliche Wehen“, das ihre Gefährtin so aufbrachte, schien ihr weit weniger Kummer zu verursachen, das frische, von der scharfen Bergluft angehauchte Gesichtchen drückte eher Vergnügen aus über die ganze abenteuerliche Fahrt, und es zuckte wie mühsam unterdrücktes Lachen um den kleinen Mund bei den komischen Vorwürfen, mit denen ihre Begleiterin auf den armen Pfarrer einstürmte, und bei der sichtbaren Angst des hochwürdigen Herrn vor der resoluten Dame.

Er lud sie nichtsdestoweniger ein, in’s Haus zu treten, und [152] sie folgte auch dieser Aufforderung, blieb aber plötzlich auf der Schwelle stehen und sagte in scharfem Tone:

„Ehe wir aber eintreten, möchte ich Ihnen doch mittheilen, daß wir Protestanten sind. Verstehen Sie? Ketzer von der echtesten Sorte, da oben aus Norddeutschland! Täuschen wollen wir Sie nicht und bekehren lassen wir uns auf keinen Fall. Wenn Sie uns also darauf hin hinauswerfen wollen, so sagen Sie es lieber gleich, wir müssen dann zusehen, ob wir in dem sogenannten Wirthshause ein Unterkommen finden, obgleich ein anständiger Mensch es nicht ansehen, geschweige denn betreten kann, ohne daß sich sein ganzes Reinlichkeitsgefühl dagegen empört.“

Der Pfarrer mußte doch lächeln über dies seltsame Glaubensbekenntniß zwischen Thür und Angel. „Ich pflege meine Gäste nicht nach ihrer Religion zu fragen,“ entgegnete er freundlich, „und stelle mein einfaches Haus gern jedem Fremden zur Verfügung, weß Glaubens er auch sei.“

„So? Nun da sind Sie eine Ausnahme von Ihren Collegen!“ meinte die Dame trocken. „Entschuldigen Sie, daß es mir so herausfuhr, aber wie gesagt, bekehren lassen wir uns nicht, und man muß sich vorsehen hier zu Lande, ich traue den Katholischen nun einmal nicht. – Wenn ich nur wüßte, was es wieder dabei zu lachen giebt, Lucie! Ich glaube, Sie sind unvernünftig genug, an der ganzen abscheulichen Partie noch Vergnügen zu finden. Wie eine Gemse sind Sie vor mir her den Berg heraufgesprungen, während ich –“ sie sah wehmüthig herab auf die Trümmer ihres Regenschirms – „ohne den da wäre ich verloren gewesen!“

Man war inzwischen in’s Haus getreten und Franziska begann sogleich Shawl und Hut abzulegen, wobei sie ihrem Wirthe ausführlicher erzählte, daß sie von einer kleinen Reise nach A. zurückkäme, daß sie der Kürze wegen den Weg über das Gebirge gewählt hätten, und daß ihr Begleiter, der sich noch unten bei dem übel zugerichteten Wagen befinde, seine Schwester und sie einstweilen vorausgesandt habe, um im nächsten Dorfe auf ihn zu warten, wo sie ein Fuhrwerk zu erhalten hofften, das, da die Pferde zum Glück unverletzt seien, sie noch heute bis Dobra bringen könne.

„Das Fuhrwerk wird wohl zu erhalten sein,“ erklärte der Pfarrer bereitwillig, „vorausgesetzt, daß Ihr Begleiter bald eintrifft, sonst möchte es nicht rathsam sein, noch heute den Rückweg anzutreten, da die Nacht Sie noch im Gebirge überfallen würde. Sie müßten in diesem Falle mit meiner Gastfreundschaft fürlieb nehmen. Das Gastzimmer ist zwar schon seit einigen Monaten von meinem jungen Caplan eingenommen, indeß er wird gern den Damen weichen, und auch für den fremden Herrn wird Unterkommen geschafft werden.“

Lucie hatte bisher ihren Mantel noch nicht abgelegt, sondern sich mit großen Augen in der Studirstube umgesehen, die zugleich das Staats- und Empfangszimmer des hochwürdigen Herrn bildeten. Sie musterte unbefangen die alten einfachen Möbel, die nicht allzu zahlreichen Bücher und die vergilbten Stahlstiche an den Wänden, welche Heiligenbilder oder Scenen aus Legenden darstellten, bei den letzten Worten aber wurde sie plötzlich aufmerksam.

„Wo befinden wir uns denn eigentlich, Hochwürden?“ fragte sie schnell, und der Pfarrer wunderte sich, weshalb das junge Mädchen bei der so einfachen Frage bis an die Schläfe erröthete.

„Ja wohl, wie heißt denn das Nest? – ich bitte um Entschuldigung, ich meine Ihren Pfarrbezirk,“ fiel auch Franziska jetzt ein. „Man hat uns nur nach dem nächsten Dorfe gewiesen, ohne uns den Namen zu nennen.“

„Sie befinden sich in N.“

Es war gut, daß der Pfarrer sich dabei an Franziska wandte, und diese ihn wieder ansah, so entging Beiden die Purpurgluth, welche jetzt das Antlitz Luciens noch dunkler färbte. Sie gab auf einmal all’ ihre kleinen Beobachtungen im Zimmer auf und flüchtete an’s Fenster, wo sie verharrte, den Blick fortwährend auf die Thür gerichtet, als erwarte sie jeden Augenblick dort etwas eintreten zu sehen, das ihr Angst mache.

Fräulein Reich hatte sich indessen bequem im Lehnstuhl zurechtgesetzt und begann nun mit ihrem Wirthe eine Art von Verhör anzustellen, wie lange er schon hier wohne, welches Einkommen er habe, wie er mit seiner Gemeinde stehe und dergleichen. Der alte Pfarrer, völlig eingeschüchtert durch den inquisitorischen Ton der Dame, stand demüthig und ängstlich vor ihr, und bemühte sich, auf all ihre Fragen so genau und pünktlich zu antworten, als stehe er vor seinem Decan, von dessen Wohlwollen seine ganze Stellung abhinge. Das Resultat des Examens war endlich ein halb ärgerliches, halb mitleidiges Kopfschütteln von Seiten Franziska’s.

Ich möchte nicht an Ihrer Stelle sein, Hochwürden!“ erklärte sie sehr entschieden. „Im Sommer mag das noch zu ertragen sein, aber wie halten Sie nur den ganzen langen Winter hier oben aus, so mutterseelenallein, ohne Weib und Kind?“

Der alte Priester lächelte, aber diesmal war es ein trauriges Lächeln und es lag etwas wie schmerzliche Resignation in dem Blicke, der über die kräftige lebensvolle Gestalt der vor ihm Sitzenden hinglitt und dann auf dem lieblichen Antlitz des jungen Mädchens haften blieb, das in diesem Augenblick zu ihnen herüberschaute. „Das bringt unser Stand so mit sich,“ entgegnete er sanft.

„Das ist aber, nehmen Sie mir’s nicht übel, eine höchst langweilige Einrichtung Ihrer Kirche,“ fuhr Franziska mit ihrer entsetzlichen Aufrichtigkeit ganz ungenirt fort. „Bei uns daheim hat jeder rechtschaffene Pfarrer Frau und Kinder, ein halbes Dutzend von den letzteren gewöhnlich! Wir haben es noch weiter gebracht: wir waren unser Zwölf im Pfarrhause, und wenn die heilige Apostelzahl meinem Vater auch oft genug Kopfzerbrechen machte – ein Landpfarrer hat bei uns gerade auch kein Ministereinkommen –, ich versichere Sie, es lebt und predigt sich so doch besser, wenn auch die ganze geistliche Nachkommenschaft neben dem Studirzimmer lärmt, als in solchem öden todtenstillen Hause, wo keine Maus sich regt. Mein Vater hätte kein einziges von uns missen mögen; wir sind ja auch Gott sei Dank Alle gerathen und wie gerathen!“

Bei den letzten Worten richtete sie sich zu ihrer ganzen stattlichen Höhe empor und blickte den vor ihr stehenden hochwürdigen Herrn so herausfordernd an, als wolle sie fragen, ob er nicht meine, sie ihrerseits sei außerordentlich gut gerathen, und ob er sich etwa erlaube, nach diesem Beispiele noch an dem exemplarischen Gedeihen der übrigen elf Pfarrerssprößlinge zu zweifeln. Zum Glück fiel dem guten Geistlichen Dergleichen nicht entfernt ein. Er machte eine tiefe höfliche Verbeugung, welche mehr als Worte seinen großen Respect vor der Dame und ihrer ganzen Familie auszudrücken bestimmt war, und dadurch zufriedengestellt, setzte sich diese wieder nieder.

„Ich begreife nicht, weshalb Bernhard noch immer nicht kommt!“ mischte sich jetzt Lucie in’s Gespräch. „Er müßte längst hier sein; ich möchte ihm lieber entgegengehen.“

Die Erzieherin schüttelte mißbilligend den Kopf. „Warum nicht gar! Haben Sie etwa noch nicht genug an unserer Kletterpartie, Lucie? Wollen Sie sich durchaus fortwehen lassen?“

„Ich gehe ja nicht weit,“ versicherte das junge Mädchen, „und verfehlen kann ich ihn nicht, wenn ich dem Wege folge, den wir heraufgekommen sind.“

Franziska blieb bei ihrem Kopfschütteln. Der Pfarrer aber, dem die geheime Unruhe der Dame nicht entging und der sie natürlich der Sorge um den abwesenden Bruder zuschrieb, legte sich jetzt in’s Mittel.

„Lassen Sie das Fräulein immerhin gehen,“ sagte er freundlich. „Es geschieht ihr nichts hier oben auf unseren Bergen, und Schluchten und Abgründe, in die sie stürzen könnte, giebt es auch nicht in unmittelbarer Nähe von N., vorausgesetzt, daß die Dame den Fahrweg nicht verläßt.“

Franziska zuckte die Achseln. „Da sehen Sie das sechszehnjährige Blut, Hochwürden! Nicht eine Viertelstunde lang kann es im Zimmer aushalten, das muß durchaus wieder hinaus in Wind und Wetter! Meinetwegen denn, aber gehen Sie ja nicht zu weit. Herr Günther wird Sie auslachen bei seiner Ankunft; er ist auch gerade der Mann, um den man sich ängstigen müßte!“

Lucie hörte die letzten Worte gar nicht mehr, sie war schon aus der Thür, auf der Schwelle hielt sie noch einmal zögernd inne; aber ein Schritt, der die Treppe herunterkam und von dem sie freilich nicht wissen konnte, daß es nur der der alten Magd war, scheuchte sie rasch in’s Freie an den wenigen Häusern vorüber, bis zum Ausgange des Dorfes.

[169] Erst am Ausgange des Dorfes hielt Lucie in der halb unwillkürlichen Flucht inne, wußte sie doch selbst kaum, wovor sie eigentlich floh, oder wollte es sich vielmehr nicht eingestehen; aber die bloße Vorstellung schon, daß die scharfen Augen Franziska’s und die des Pfarrers auf ihr ruhen würden, wenn die Thür sich öffnete und jene hohe finstere Gestalt eintrat, drohte sie um alle Fassung zu bringen. Der bloße Gedanke an die Nähe dieses Mannes weckte Alles wieder auf, was im Laufe der letzten Monate eingeschlummert war, so daß sie nur noch bisweilen, wie an einen schweren, ängstlichen Traum daran zurückdachte, die räthselhafte Angst, das quälende Weh, den ganzen finsteren Bann, der sie bereits wieder magnetisch umfing. Sie wollte diesem Banne entfliehen und ahnte nicht, daß sie eben dadurch erst in den gefürchteten Zauberkreis eintrat, daß die Gefahr, die sie hinter sich wähnte, vor ihr lag.

Am Fahrwege angelangt überblickte Lucie vergeblich die ihr sichtbaren Windungen desselben, weder Bernhard, noch der Kutscher mit den Pferden war zu entdecken. Sie beschloß, dem Bruder ein Stück entgegenzugehen, verfehlen konnte sie ihn ja hier nicht und es lag ihr vor allen Dingen daran, dem Pfarrhause so lange als möglich fern zu bleiben.

Das junge Mädchen war schon einige Minuten lang bergabwärts gestiegen; der Weg, der Fräulein Reich so viele Mühe gekostet, machte ihren leichten Füßen nicht die geringste Beschwerde, als sie auf einmal Schritte hinter sich vernahm. Sie wandte sich um und blieb einen Moment lang in zitterndem Schreck stehen, aber auch nur einen Moment, da entdeckte sie bereits, daß es blonde Haare seien, die auf den dunklen Mantelkragen des Fremden herabfielen, der in diesem Augenblick, schon aus der Ferne grüßend, den Hut zog. Lucie athmete tief auf. Graf Rhaneck! Sie hatte ihn, durch Gang und Haltung getäuscht, für einen – Anderen gehalten, es war seltsam, wie er in Beidem diesem Anderen glich.

Mit wenigen raschen Schritten war Ottfried an ihrer Seite. „Das sind in der That halsbrechende Bergpartien hier oben! Wer doch auch Ihren Elfenfuß hätte, mein Fräulein, der so leicht über diese Steine hinweggleitet, wie über eine bethaute Wiese. Wir armen Sterblichen haben es nicht so gut wie die Elfen, uns hält die nasse Erde unerbittlich fest, und wahrlich, nur die Hoffnung, ein solches Feenkind zu erreichen, konnte mich veranlassen, Ihnen auf diesem entsetzlichen Wege zu folgen.“

Mit dieser kecken Galanterie schloß er sich ihr ohne Weiteres an und blieb, als habe er ein Recht dazu, dicht neben ihr. Lucie wich unwillkürlich etwas seitwärts, so daß der Raum zwischen ihnen weiter ward.

„Mich erreichen?“ fragte sie ziemlich kühl. „Wußten Sie denn überhaupt, daß ich hier sei?“

Der Graf lächelte. „Ich sah Sie bereits vor einer halben Stunde, Sie traten soeben mit ihrer Begleiterin in’s Pfarrhaus, als wir nach dem Dorfe zurückkehrten. Schon hatte ich alle Hoffnung aufgegeben, Sie zu sprechen, als mir der Zufall unerwartet sich so hold erwies.“

Er hätte hinzufügen können, daß er sich in der Nähe Franziska’s, die er in gleicher Weise wie Bernhard, aber mit größerem Rechte den „Cerberus“ nannte, nicht an sie gewagt, dagegen den ersten besten Vorwand erfunden hatte, seinen Vater zu bestimmen, allein vorauszufahren, und ihn noch einige Stunden in N. zu lassen, aber er unterließ wohlweislich diese Auseinandersetzungen und begehrte statt dessen, zu wissen, welchem Zufall er das Glück verdanke, Fräulein Günther hier zu sehen.

Lucie erzählte, etwas einsilbig und zurückgehalten, daß sie von A. kämen, welcher Unfall sie betroffen und daß sie im Begriff stehe, ihren Bruder aufzusuchen, der wahrscheinlich noch drunten im Thale sei. Bei der Erwähnung Bernhard’s verfinsterten sich die Züge des Grafen auffallend, und er warf höhnisch die Lippen auf.

„In Bezug auf Herrn Günther erlauben Sie mir wohl eine Frage, mein Fräulein. Ihr Herr Bruder hat mich vor einiger Zeit mit einem Briefe beehrt, der – darf ich fragen, ob Sie überhaupt davon unterrichtet sind?“

„Ich? Nein!“ Lucie sah ihn verwundert an; sie begriff nicht, wie Bernhard, der sich bei jeder Gelegenheit so eingenommen gegen den Grafen zeigte, dazu kam, an ihn zu schreiben. Ottfried lächelte wieder, diesmal aber mit dem Ausdrucke tiefster Befriedigung.

„Ich ahnte es! Dann fällt die Sache natürlich nicht auf Sie, und ich will Sie nicht weiter damit behelligen, obgleich ich allen Grund hätte, die Grausamkeit anzuklagen, die mir Ihren Anblick Monate lang entzog! O mein Fräulein –“

Er war jetzt völlig wieder in dem alten Fahrwasser und ließ auf’s Neue alle jene Künste der Schmeichelei und Galanterie spielen, mit denen er einst auf dem Balle das sechszehnjährige [170] Mädchen bezaubert hatte. Aber seltsam, das einst so bewährte Mittel wollte nicht mehr wirken, seit damals im Walde eine fremde Hand das Netz zerrissen, das er mit seinen Schmeichelworten um das Herz des unerfahrenen Kindes gewoben, seit diese Hand sich so ernst gebietend auf ihren Arm gelegt und sie weggerissen hatte aus der gefährlichen Nähe. Vielleicht war es auch eine unbewußte Vergleichung, bei der Ottfried verlor, denn wenn er auch jetzt das ganze Feuer verschwendete, das seinen matten Augen noch zu Gebote stand, sie kamen doch nicht auf gegen jenen dunkelglühenden Blick, der sich strafend, und doch mit so räthselhaft zwingender Gewalt in das Innere des jungen Mädchens gesenkt. Franziska hatte Recht. Lucie war eine Andere geworden seit jenem Tage; mit Gleichgültigkeit, ja mit Widerwillen wendete sie sich von einer Sprache ab, die sie einst mit so vielem Vergnügen angehört.

Dem Grafen entging es nicht, daß die junge Dame heute auffallend kühl und ernst aus den blauen Augen schaute, daß sie ihren Schritt auffallend beschleunigte und nur sehr einsilbige Antworten gab; aber an dem Eindrucke seiner Persönlichkeit zu zweifeln, fiel ihm natürlich nicht ein. Er schob dies veränderte Wesen gänzlich auf Einschüchterung von Seiten des Bruders und der Erzieherin und wurde allmählich kecker in Ton und Worten. Er klagte leidenschaftlich über die lange Trennung, verschwur sich hoch und theuer, daß keine Macht der Erde ihn zwingen werde, Rhaneck zu verlassen und nach der Residenz zurückzukehren, wenn er nur die Hoffnung habe, sie öfter sehen und sprechen zu dürfen, und war eben im Begriff, seine frühere Liebeserklärung, wenn auch mit Rücksicht auf den feuchten Lehmboden diesmal ohne Fußfall, zu wiederholen, als Lucie ihn auf einmal unterbrach.

„Ich bitte, schweigen Sie davon, Herr Graf! Ich will das nicht hören!“

Ottfried stutzte, er hatte diesen entschiedenen Ton gar nicht in dem jungen Mädchen gesucht. „Sie wollen es nicht hören?“ wiederholte er langsam, während sich ein leiser Hohn in seine Stimme mischte. „O mein Fräulein, könnten Sie wirklich so hart sein, mir jetzt ein Gehör zu verweigern, das ich doch einst bei Ihnen fand?“

Lucie erröthete, aber es war die Röthe der Scham und des Unwillens, die ihr das Blut in die Wangen trieb; zum ersten Male empfand sie jetzt das Beleidigende in dieser Art von Annäherung, das bisher ihrer Unerfahrenheit völlig entgangen war; aber mit dem Bewußtsein der Beleidigung kam auch der Stolz.

„Ich werde doch wohl die Freiheit haben, zu thun, was mir beliebt!“ entgegnete sie mit vollster Heftigkeit, „und ich erkläre Ihnen jetzt, Herr Graf, daß ich Sie nicht länger anhören mag. Verlassen Sie mich!“

Lucie irrte sehr, wenn sie glaubte, den Grafen dadurch zurückzuscheuchen; er war nicht der Mann, sich durch eine wenn auch noch so entschiedene Abweisung schrecken zu lassen, und der unerwartete Widerstand, der plötzlich hervorbrechende Trotz des jungen Mädchens, das er schon ganz in seinen Banden wähnte, gab ihr nur einen Reiz mehr in seinen Augen.

„Wie allerliebst Ihnen der Trotz zu Gesichte steht!“ sagte er mit malitiösem Lächeln. „Sie vergessen nur, daß wir allein sind und daß ich nicht der Thor sein werde, Ihnen zu gehorchen, wenigstens nicht, ohne vorher diesen reizenden kleinen Mund geküßt zu haben, der auf einmal so harte Worte spricht.“

Er beugte sich zu ihr nieder; aber in demselben Moment war Lucie auch schon drüben auf der andern Seite der Straße; glühend vor Zorn und Entrüstung blieb sie hier einen Augenblick stehen. Sie befanden sich gerade in jenem Punkte, wo der kürzere und freilich auch gefährlichere Weg, der von N. herab über die „Wilde Klamm“ führte, in die Fahrstraße mündete; seitwärts durch die Tannen schimmerten die weißen Mauern eines Gebäudes, der Wallfahrtskirche, die sie schon beim Heraufsteigen bemerkt hatten und die kaum hundert Schritte abseits vom Wege lag. Der Blick des jungen Mädchens überflog den letztern, ob der Bruder noch nicht nahe, und als nichts dort zu erblicken war, faßte sie rasch ihren Entschluß. Ohne ein Wort, ohne einen Blick weiter kehrte sie plötzlich dem Grafen den Rücken und schlug den Seitenpfad ein.

Ottfried stand anfangs betroffen von dieser Bewegung, die er sich nicht zu erklären wußte; gereizt folgte er ihr nach Verlauf von einigen Secunden, aber es war bereits zu spät. Aus den Tannen heraustretend, gewahrte auch er die vor ihm liegende Kirche und sah gerade noch, wie Lucie die Stufen hinaufschritt und in das offene kleine Gotteshaus eintrat.

Der junge Graf biß sich auf die Lippen. Er war doch zu sehr Katholik, zu sehr von Vater und Oheim in den Formen seiner Religion geschult, um nicht, wenn auch nur äußerlich, den Ort zu respectiren, wohin sich das junge Mädchen vor ihm geflüchtet. Mußte diese – unbequeme Kirche auch gerade hier am Wege liegen! Aber das Zurückbleiben hätte der Niederlage auf ein Haar gleich gesehen, und diesen Gedanken ertrug Ottfried nicht. Seine Weltgewandtheit kam ihm dabei zu Hülfe; er trat gleichfalls ein, bekreuzigte sich in vorgeschriebener Weise, machte dem Hochaltar eine ehrfurchtsvolle Verbeugung und gesellte sich dann zu Lucie, indem er ruhig und artig, als sei nicht das Geringste vorgefallen, als sei ihr Gespräch nur eine harmlose Plauderei und das Benehmen, das er sich erlaubt, nur ein flüchtiger Scherz gewesen, fragte, ob Fräulein Günther nicht auch finde, daß die Kirchen hier zu Lande sehr schön seien.

Sie sah ihn im ersten Augenblick ganz fassungslos an. Wenn sie auch fühlte, daß er sofort den Ton geändert und daß sie hier wohl vor weiteren Zudringlichkeiten sicher war, diese Art, das Vorgefallene gänzlich zu ignoriren, verletzte sie fast noch mehr, als eine Erneuerung seiner Unverschämtheit es gethan hätte; ohne ihn einer Antwort zu würdigen, wendete sie ihm den Rücken.

Die Kirche war völlig leer, die Andächtigen hatten sie bereits sämmtlich verlassen und soeben trat auch der Priester aus der Sacristei, wo er die gottesdienstlichen Gewänder abgelegt hatte, hinter ihm kam der Meßner, der mit einem verwunderten Blick die Fremden maß und dann an ihnen vorüberging, um die Kirche zu verlassen und sich in seine dicht daneben gelegene Wohnung zu begeben; Benedict, der noch einige Minuten in der Nähe des Altars verweilte, wendete sich jetzt ebenfalls dem Ausgange zu.

Als sei der Blitz vor ihm niedergefahren und habe ihm für Minuten Sprache und Bewegung geraubt, so regungslos stand er da beim Anblick der Beiden, die er wohl unter Allen auf Erden hier am wenigsten vermuthet. In dem Moment, wo er Lucie erblickte, sah er auch den Grafen an ihrer Seite, und Alles, was dies Wiedersehen sonst vielleicht wach gerufen, erstarrte in einer tiefen tödtlichen Bitterkeit, aber die Hand ballte sich krampfhaft unter dem dunklen faltigen Gewande Das also hatte seine Warnung gewirkt!

Ottfried war nicht minder peinlich berührt durch das unerwartete Zusammentreffen. Der Zufall schien sich heute ganz und gar gegen ihn verschworen zu haben, aber er war gewohnt sich in ähnlichen Lagen rasch zu fassen und fühlte, daß er seine Niederlage hier um keinen Preis verrathen dürfe. Auf Luciens eigene ihm wohlbekannte Scheu vor dem düsteren Mönche bauend, grüßte er nachlässig und sagte scheinbar mit vollkommener Ruhe:

„Entschuldigen Sie, Hochwürden! Fräulein Günther wünschte auf einige Minuten hier einzutreten, Sie gestatten uns doch die Besichtigung Ihrer Kirche?“

Lucie erbleichte, diese kecke Unverschämtheit raubte ihr für den Augenblick nicht allein die Fassung, sondern auch die Kraft, sich dagegen zu erheben. Noch bleicher als sie aber war der junge Priester geworden, der Blick, der sie jetzt traf, war voll eisiger niederschmetternder Verachtung und doch barg sich tief dahinter etwas wie verzweifeltes Weh. Ohne auch nur ein einziges Wort an sie zu richten, wandte er sich dem Grafen zu.

„Unser einfaches Gotteshaus bietet keine Merkwürdigkeiten! Mir scheint, Herr Graf, Sie hätten draußen hinreichende und für Sie passende Unterhaltung genug gefunden, um die Kirche entbehren zu können!“

Was der Blick begonnen, das vollendete der schneidende Ton dieser Worte, sie gaben Lucie die Besinnung und die Sprache zurück, sie fühlte dunkel, daß sie Alles ertragen könne, nur nicht die Verachtung auf diesem Antlitz.

„Graf Rhaneck spricht die Unwahrheit!“ erklärte sie entschlossen, aber mit bebender Stimme, und es war nicht Ottfried’s Nähe, die sie jetzt erbeben machte. „Ich habe mich hierher flüchten müssen vor seiner Zudringlichkeit. Ich hoffte, die Kirche würde mir Schutz gewähren – Graf Rhaneck ist mir dennoch gefolgt!“

Ein Aufflammen brach glühend und leidenschaftlich hervor [171] aus den Zügen, die eben noch wie zu Stein erstarrt schienen, in der nächsten Secunde stand Benedict bereits neben dem jungen Mädchen und legte schützend die Hand auf ihren Arm.

„Mein Fräulein!“ rief Ottfried, schwankend zwischen Zorn und Verlegenheit, „Sie geben meinen harmlosen Galanterien eine eigenthümliche Auslegung. Hätte ich ahnen können, daß Sie einen Scherz –“

„Genug!“ unterbrach ihn Benedict mit dumpfer, noch mühsam beherrschter Stimme. „Das Fräulein steht unter meinem Schutze. Verlassen Sie die Kirche, Graf Rhaneck!“

Ottfried wurde blaß vor Wut bei diesen im Tone eines Befehls ihm zugeschleuderten Worten.

„Herr Pater Benedict,“ Sie haben das seltene Glück, stets unangreifbar zu sein, und pochen darauf, wie es scheint. Früher schützte Sie das Gewand, jetzt der Ort, wo wir stehen. Hüten Sie sich, auch meine Geduld könnte ein Ende erreichen.“

Benedict trat dicht an ihn heran. „Sie werden dies Gewand und diesen Ort ehren, wenn Sie auch die Nähe einer Frau nicht zu ehren wußten. Noch bin ich Priester und ich weise Sie als solcher von der Schwelle meiner Kirche, sie dient nicht Ihrem Zeitvertreib.“

„Noch sind Sie es!“ Ottfried nahm seine Zuflucht zum Hohne, denn er wußte aus Erfahrung, daß diese Waffe den Gegner am schärfsten traf. „Ueben Sie nur ja noch heute Ihre Priestergewalt, es möchte das letzte Mal sein, daß man Ihnen erlaubt, im Namen der Kirche zu sprechen, die Sie in Ihren Predigten so unverantwortlich preisgaben, und die mein Oheim hoffentlich vor Angriffen zu schützen wissen wird.“

Die Lippen des jungen Priesters zuckten verächtlich. „Das Strafgericht des Prälaten kommt Ihnen wohl sehr gelegen, Graf Rhaneck? Lassen Sie den Hohn! Wir stehen hier auf geweihtem Boden, sonst –“ er vollendete nicht, aber der Blick, der die Worte ergänzte, machte Lucie zusammenschauern, das war wieder jenes furchtbare Auflodern, das sie einst im Tanze von der Seite des Grafen emporgeschreckt und von dem Ottfried spottend behauptet, „der Fanatiker wolle ihn damit in die fernste Tiefe schleudern.“ Jetzt flammte jener Blick wieder in dem dunklen Auge und die Tiefe – war nicht weit!

Ottfried mochte wohl fühlen, daß er in diesem Streite den Kürzeren ziehen werde, und zog es deshalb vor, ihn zu endigen. Er erklärte kurz und hochmüthig: „Wir sprechen uns noch, Herr Pater Benedict!“ und verließ dann wirklich die Kirche, erst draußen ließ er seinem Grimm die Zügel schießen. Der Wind hatte sich inzwischen gelegt, aber das Gebirge begann sich zu umschleiern. Tief und tiefer senkten sich die Wolken in’s Thal herab, während die höher gelegenen Berge schon in einer dichten Nebelschicht verschwanden. Der Graf blickte den Weg hinunter, es fehlte nur, daß jetzt auch noch dieser Günther erschien, um ihn zur Rede zu stellen! Wenn Ottfried ein solches Zusammentreffen auch nicht gerade fürchtete – als er Lucie hinabbegleitete, stand es ja jeden Augenblick zu erwarten – so wünschte er es doch jetzt noch viel weniger. Was blieb denn am Ende diesem Menschen gegenüber übrig, wenn er sich mündlich Unarten erlaubte, wie er es bereits schriftlich gethan! Fordern konnte man ihn doch nicht. Graf Rhaneck und der Sohn eines Unterförsters! Also that man am besten, die etwaige Begegnung zu vermeiden, besonders nach dem, was jetzt geschehen war. Mit einem erbitterten Blick nach der Kirche zurück wandte sich der junge Graf an den Meßner, der vor seinem Hause stand und nach dem Wetter sah. „Giebt es keinen Weg nach N. zurück, als diesen hier?“

Der alte Mann kam näher. „Gewiß, Euer Gnaden! Der Fußweg da bringt Sie in der halben Zeit nach dem Dorfe.“

Der Gebirgsbewohner dachte natürlich nicht daran, daß der Weg, den er stets mit solcher Gemüthsruhe ging, für die verwöhnten Füße eines Städters bedenklich sein könnte. Ottfried war aber nicht in der Stimmung, viel danach zu fragen, ob der Pfad bequem oder unbequem sei, er winkte dem Meßner mit der Hand einen vornehm nachlässigen Dank zu und verschwand zwischen den Felsen, in der angewiesenen Richtung.

Benedict war an der Seite des jungen Mädchens in der Kirche zurückgeblieben. Er hatte Recht, es war nur ein einfaches kleines Gotteshaus, gleichwohl hatte es die Andacht der armen Gebirgsbewohner mit Allem geschmückt, was ihren dürftigen Mitteln nur zu Gebote stand. Noch schwebte der Weihrauchsduft durch den dämmernden Raum, das trübe Tageslicht draußen fiel gedämpft durch die schmalen, längst erblindeten Kirchenfenster und hüllte Altar und Seitenpfeiler in ein mystisches Halbdunkel, während die Wölbung oben schon im tiefen Schatten verschwamm. Verblaßte Bilder, halbverwischte Inschriften ringsum an den Wänden, dazwischen Todtenkränze, reich mit Bändern und Flittergold aufgeputzt, und statt der Blumen, die der rauhe Herbst hier oben nicht mehr zu geben vermochte, frisches Immergrün zu den Füßen des Madonnenbildes. Ueber dem Hochaltar aber schwankte dunkelroth die Ampel mit dem ewigen Lichte, die Ketten, welche sie trugen, verschwanden im Dunkel der Wölbung, es sah aus, als schwebe ein großes glühendes Auge da oben, das unverwandt auf die Beiden niederblicke.

Der junge Priester hatte nicht gefragt, wie Lucie hierhergekommen und welcher Zufall sie allein mit dem Grafen zusammengeführt, ihm genügte es, daß dies Beisammensein ein erzwungenes war, und daß sie sich davor in seinen Schutz geflüchtet. Dies Wiedersehen riß ja ohnedies die letzte Hülle von der Wahrheit, die mit jeder Stunde, mit jedem Tage hier oben sich deutlicher vor ihm erhob, daß es umsonst gewesen war, all dies Fliehen und Kämpfen, daß er hier in der Ferne und Einsamkeit noch tiefer im Banne der Leidenschaft lag, als drunten im Stifte. Dies junge Wesen, das so gar nicht fähig schien, die Tiefen seines Innern zu verstehen oder auch nur zu ahnen, das mit seinen blauen Kinderaugen nur in eine Welt voll Sonnenschein und Freudenglanz blickte, dessen blumiger Weg so weit ab lag von der Bahn, die der finstere einsame Mönch von jeher gegangen, es hatte gleichwohl eine Gewalt über ihn errungen, vor der jede andere Empfindung machtlos zusammensank, vor der jede Willenskraft sich ohnmächtig beugte.

Lucie stand scheu und ängstlich neben ihm, sie ahnte freilich nichts von dem Sturme, der sich unter dieser kalten Verschlossenheit barg, aber sie hatte freier geathmet in der Gegenwart Ottfried’s, selbst da, wo sein Wesen sich ihr in seiner ganzen Widerwärtigkeit enthüllte. Die Empörung darüber rief ihren ganzen Trotz und Stolz wach, gezittert hatte sie vor ihm auch in jenem Augenblicke nicht, aber hier, in dem sichern Schutz des blassen strengen Priesters, da zitterte sie. Es gab nur ein Auge, das im Stande war, ihr Furcht zu machen, und das Auge war jetzt wieder auf sie gerichtet, und sie wieder in dem alten Bann.

Das leise Beben des jungen Mädchens entging Benedict nicht.

„Fürchten Sie nichts, mein Fräulein!“ sagte er fest. „Ich bleibe an Ihrer Seite, bis ich Sie in sicherer Obhut weiß. Der Graf wird Sie nicht weiter behelligen!“

Lucie hob unwillkürlich das Auge empor, es war etwas in seiner Stimme, was ihr Angst einflößte, und in seiner Miene fand sie denselben Ausdruck wieder, der sie in den Worten erschreckt hatte; stand doch eine tiefe drohende Falte auf seiner Stirn, die sie niemals dort gesehen.

„Es thut mir leid, daß Sie dem Grafen meinetwegen so feindlich gegenübertraten,“ sagte sie leise. „Er wird es Ihnen schwerlich verzeihen.“

Benedict lächelte verächtlich. „Beruhigen Sie sich! Die Feindschaft zwischen Graf Rhaneck und mir datirt nicht erst von heute. Er hat mich von jeher mit seinem Hasse beehrt!“

„Aber“ – Lucie stockte und sie konnte doch die Frage nicht zurückhalten – „was meinte er mit seinen räthselhaften Worten, es sei zu Ende mit Ihrer Priestergewalt? Wollen Sie nicht mehr Priester bleiben?“

Ein Ausdruck tiefster Bitterkeit überflog seine Züge. „Ob ich will? Meine Gelübde sind unauflöslich! Unsere Kirche giebt ihre Geweihten niemals frei, es ist nur die Frage, ob ich mich noch ferner zu ihnen zählen darf!

Erschreckt und fragend richteten sich die Augen des jungen Mädchens auf ihn, er schüttelte finster das Haupt.

„Meinen Sie etwa, ich hätte eine Todsünde begangen? Ich habe gepredigt, wie es mich die Begeisterung des Augenblicks und ein warmes Herz für meine unterdrückten Brüder lehrte, nicht wie Roms Kirche es vorschreibt. Das fordert Sühne, man hat im Stifte bereits über mich zu Gericht gesessen, ich weiß es! Ich habe nur noch mein Urtheil zu empfangen.“

„Und was kann man Ihnen denn anthun?“

„Alles!“

Lucie machte eine unwillkürliche Bewegung des Schreckens. [172] „Mein Bruder sagt,“ begann sie schüchtern, „es sei gefährlich, die Herren im Stifte zu reizen. Wenn Sie sie gereizt haben – o mein Gott, so kehren Sie doch nicht zu ihnen zurück! Bleiben Sie hier oder fliehen Sie! es kann Sie ja in’s Verderben bringen.“

Sie hatte keine Ahnung davon, daß die unbewußte Angst, welche sie auf einmal mit dem Gedanken seiner Gefahr überkam, sich auch in ihrer Stimme verrieth, daß sie dabei die Hand wie flehend auf seinen Arm gelegt; erst als die seinige diese Hand plötzlich umschloß, wollte sie zurückweichen, aber er gab sie nicht mehr frei.

„Schon zwei Mal habe ich heute die gleiche Warnung erhalten, die dritte und letzte kommt aus Ihrem Munde. Ich kann auch dieser letzten nicht folgen, ich kann nicht, Lucie! Aber – ich danke Ihnen!“

Das junge Mädchen schauerte leise zusammen unter diesen weichen bebenden Lauten, unter dem Klange ihres Namens, den sie zum ersten Male von diesen gefürchteten Lippen vernahm, sie hatte nicht den Muth, ihm die Hand zu entziehen.

„Herr Pater Benedict –“

Sie vollendete nicht, denn sie fühlte, wie seine Hand zuckte und die ihrige plötzlich fallen ließ.

„Pater Benedict!“ wiederholte er langsam. „Sie haben Recht, mein Fräulein, mich daran zu erinnern, wer ich bin. Ich stand im Begriff, es zu vergessen!“

„Heißen Sie denn nicht so?“ fragte Lucie betreten.

„Im Kloster, im Mönchsgewande – ja! Man läßt uns ja nicht einmal den Namen, der uns an die Zeit der Freiheit erinnern könnte! Auch ich habe den weltlichen Namen ‚Bruno‘ mit dem heiligen ‚Benedictus‘ vertauschen müssen, gesegnet ist dieser Tausch für mich nicht gewesen!“

Er schwieg plötzlich, auch Lucie wagte keine Erwiderung. Draußen jagten düstere Wolkenschatten vorüber und die Nebel legten sich dicht und dichter um das kleine Gotteshaus. Durch eines der offenen Kirchenfenster wehte der Luftzug herein und flüsterte leise in den welken Blättern der Todtenkränze, dunkler glühte das ewige Licht in der zunehmenden Dämmerung und warf seinen rothen Schein auf die Stufen des Altars, an dem die Beiden standen.

„Sie lieben das Kloster nicht?“ fragte Lucie endlich leise.

„Ich hasse es!“

Das junge Mädchen hob mit einem Anfluge von ihrem früheren Trotze das Haupt. „Und warum sagen Sie sich denn nicht los davon?“

Die dunkeln Augen des jungen Priesters hefteten sich fest auf ihr Antlitz, noch ahnte sie nicht, was diesen Blick so seltsam aufglühen machte.

„Würden Sie sich so leicht von einem Bande lossagen, an das ein Schwur Sie fesselt, oder einem Manne vertrauen, der es gethan? Würden Sie zum Beispiel diesem Manne hier am Altare Ihre Hand reichen für das Leben?“

Lucie schwieg, betroffen durch die seltsame Frage und mehr noch durch den Ton derselben. Es klang etwas daraus wie Todesangst, wie das athemlose Forschen eines Verurtheilten, der in einem einzigen Worte Begnadigung oder Verdammniß erwartet.

„Ich weiß nicht!“ stammelte sie endlich. „Ich –“

„Sie würden es nicht thun!“ ergänzte er, aber die Stimme war auf einmal matt und klanglos geworden. „Ich wußte es! Schrecken Sie doch nicht so vor mir zurück!“ fuhr er mit ausbrechender Heftigkeit fort, als sie in der That, erschreckt durch sein räthselhaftes Wesen, einen Schritt zurückwich. „Ich will ja diese Hand nicht an mich reißen! Dem Priester Roms ist ja ewig versagt, was den Dienern Ihrer Kirche gewährt wird. Der Altar, an dem sie frei und offen vor aller Welt ihr Weib empfangen, er steht auf ewig zwischen uns und jedem Lebensglück. Uns ist nur die Wahl gestellt zwischen Entsagung oder Verbrechen, und wenn man nicht entsagen kann und das Geliebte nicht entweihen will, dann bleibt nur Eines übrig – der Untergang!“

Regungslos stand Lucie vor ihm, entsetzt, betäubt von der Ahnung, die jetzt endlich in ihr aufdämmerte. Allmächtiger Gott, was war das? Sollten diese Worte ihr gelten?

Sie blieb nicht lange im Zweifel, der Strom hatte seine Ufer einmal gebrochen, und nun zwang ihn auch nichts mehr zurück in die alten Grenzen, aber selbst in diesem jähen Hervorbrechen eines mondenlang streng behüteten Geheimnisses war noch etwas von dem Zügel, den die Nähe des Altars und die Gewohnheit steter Beherrschung dem Priester auferlegte. Wie fest gewurzelt stand er auf seinem Platze, drei Schritte von ihr entfernt, und machte auch nicht den leisesten Versuch, sich ihr zu nähern.

„Ich habe Sie geliebt, Lucie, von dem ersten Moment an, wo Sie ahnungslos, wie ein jauchzendes Kind, an mir vorüberflogen. Was es war, das mich wie mit Naturgewalt gerade zu Ihnen zog, deren ganzes Sein und Wesen so fernab liegt von dem meinen, ich weiß es nicht, aber diese Liebe ist mir zum Verhängniß geworden. Ich habe dagegen gekämpft mit der ganzen Willenskraft des Mannes, mit der ganzen Gewissensangst des Priesters, ich bin davor geflohen bis in die fernste Einsamkeit, es war alles umsonst! wie ein Dämon hing sich diese Leidenschaft an jeden meiner Gedanken, stahl sie sich in jeden meiner Träume und wühlte jede Faser meines Innern auf, wenn ich scheinbar kalt und verschlossen meiner Umgebung gegenüberstand. Was ein Mensch nur ringen und streiten kann, das habe ich gethan, aber es giebt eine Grenze auch für die menschliche Willenskraft, und die meinige hat jetzt ihr Ende erreicht! Ich unterliege!“

Er wartete vergebens auf eine Antwort. Lucie hatte beide Hände vor das Gesicht geschlagen, die blendende Helle, welche auf einmal niederfloß, traf sie mit der ganzen schmerzenden Gewalt wie der erste Lichtstrahl den blind Gewesenen. Geliebt von diesem Manne! Ihr galten die Regungen dieser dämonischen Tiefe, die sich so jäh ihr und nur ihr allein entschleierte! Es war das zweite Mal in ihrem Leben, daß man es wagte, dem jungen Mädchen von Liebe zu sprechen. Einst hatte Graf Ottfried vor ihr auf den Knieen gelegen und um Erhörung gefleht, und während seine Schmeichelworte ihr Ohr betäubten und ihre kindische Eitelkeit in dem Triumphe schwelgte, tönte die rauschende Musik aus dem hell erleuchteten Ballsaal herüber, wo die Paare vorüberschwebten. Hier – rauschte nur der Wind in den Todtenkränzen und das ewige Licht glühte nieder auf die Beiden, die eben jener Ort für ewig trennte, der sonst zwei Menschen eint für das ganze Leben. Hier kniete Niemand vor ihr, aufrecht stand jene hohe Gestalt ihr gegenüber, und die dunkelglühende Leidenschaft, welche ihr entgegenfluthete, hatte nichts gemein mit den Tändeleien des Grafen. Schien es doch fast, als sei sie dem Hasse verwandt, als sei jedes dieser Worte, die dumpf und gepreßt von seinen Lippen kamen, nur dem innern Widerstreben abgerungen, das sich noch immer empörte gegen die „Naturgewalt“, die ihn zu ihr zog. Und doch wühlte es ihre ganze Seele auf bis in die tiefsten Tiefen. Ihr war, als sänke die ganze Vergangenheit hinab auf Nimmerwiederkehr und mit ihr auch das Kind, das bisher spielend Alles hingenommen, Alles weggelacht und weggescherzt hatte, als sei das ganze Leben nur eine sonnige Wiese, über die man hinwegtanzen könne, und was sich statt dessen vor ihr erhob, so ernst, so geheimnißvoll und feierlich, das war nicht jene Liebe, die sie sich geträumt, aber es nahm mit räthselhafter Gewalt ihr ganzes Wesen gefangen. Der Schatten, den jene dunkle Gestalt von jeher auf ihren Weg geworfen, gewann jetzt Form und Leben, sie wußte jetzt auch, weshalb sie diese Augen geflohen hatte und daß die Flucht umsonst gewesen war. – Es war todtenstill in dem düstern Raume, langsam verließ Benedict seinen Platz und trat an ihre Seite.

„Sie schweigen?“ sagte er ruhiger, aber tonlos. „Ich wußte es, daß mein Bekenntniß Ihnen nur Schrecken und Abscheu einflößen konnte, aber einmal mußte die Last herunter von der Brust! Vielleicht gehe ich nun leichter in die Entscheidung, die meiner wartet, und dem Verurteilten ist ja noch ein letztes freies Wort erlaubt. Ich habe Ihren Frieden gestört, aber glauben Sie mir, Lucie: was ich ertragen habe, ehe es so weit kam, ist wohl die paar Thränen werth, welche Ihnen diese Stunde kostet, die vielleicht schon morgen vergessen ist. Leben Sie wohl!“

Es schien, als wolle sich beim Abschied die frühere Weichheit noch einmal Bahn brechen, aber das Lebewohl überfluthete schon wieder die ganze Bitterkeit des Mannes, der sich unverstanden wähnte. Er wandte sich stürmisch ab und ließ sie allein. Aber mit seiner Entfernung löste sich auch der Bann, der das junge Mädchen regungslos gefesselt hielt, sie fuhr auf und machte eine Bewegung, ihm nachzueilen.

„Bruno!“

[185] Es war ein Laut flehender, unaussprechlicher Angst, mit welchem Bruno’s Name an die Wände schlug, ein Ton, wie er noch niemals aus diesem Kindesmunde gekommen; aber es war zu spät, der junge Priester befand sich bereits draußen im Freien. Sie sah sich allein in der dämmernden Kirche, stärker schwankte die Ampel über dem Hochaltar, stärker wehte der Luftzug herein und wie von Geisterhand berührt löste sich einer der Todtenkränze von der Wand und fiel schwer zu Boden – Lucie schauerte zusammen. –

Eine fremde Gestalt erschien nunmehr in der Kirchenthür und in der nächsten Minute stand ein kleiner alter Mann an der Seite des jungen Mädchens.

„Wenn es dem Fräulein jetzt gefällig wäre, ich stehe zu Diensten,“ begann er höflich.

Lucie sah ihn verstört an. „Wer sind Sie?“

„Ich bin der Meßner! Hochwürden der Herr Caplan hat mir befohlen, bei dem jungen Fräulein zu bleiben und es sicher zurückzubringen nach –?“

„Nach N.!“ war die leise halb erstickte Antwort.

„Nach N.?“ wiederholte der Alte verwundert. „Dahin geht der Herr Caplan ja eben auch, da hätte er das selbst thun können! Nun, er meint vielleicht, der Weg über die wilde Klamm ist nicht für solche Füßchen, wie die Ihrigen; wir gehen natürlich die Fahrstraße.“

Lucie erwiderte nichts, mechanisch folgte sie dem Manne, in dessen Schutz sie Benedict gegeben, aber sie ging wie im Traume befangen an seiner Seite und hörte kein Wort von allem, was ihr der redselige Alte über das Gebirge und den Herbst und Winter hier oben erzählte – Er kehrte also auch nach N. zurück! –

Benedict hatte in der That den Felspfad eingeschlagen, den vor ihm auch Ottfried gegangen war. Er freilich kam auf diesem Wege schneller vorwärts, als die verwöhnten und unsicheren Füße des jungen Grafen es vermochten, schon nach wenigen Minuten lag die Wallfahrtskirche hinter ihm.

– – Die hohen Gebirgshäupter haben sich längst wieder in ihr Nebelgewand gehüllt, nur bisweilen schimmern die weißen Schneegipfel hindurch, um sich gleich darauf wieder zu verschleiern. Aus den Schluchten heben sich die Wolken empor, und ziehen hin und her, und lagern sich auf den Pfad des Wanderers, als wollten sie ihn zurückscheuchen. …

Ueber der „wilden Klamm“ zieht es sich drohend zusammen, und das düstere Sturmgewölk, das langsam am Horizonte emporsteigt, hüllt die schon dämmernde Schlucht in noch tiefere Schatten. Als wolle der ganze Himmel herabstürzen in jenen Schlund, so schwer und düster hängt es über jenen Klippen, und unten in der Tiefe kocht und zischt das Gewässer und rauscht triumphirend auf – das ersehnte Opfer ist ihm ja nun endlich geworden! Zerbrochen hängen die Trümmer des Geländers herab von der Brücke und die Wellen schäumen hinweg über ein jugendliches Haupt, das blutig, zerschmettert im Sturze, in ihrem kalten Schooße sein Grab gefunden!




Die Nachricht von dem jähen und schrecklichen Tode des jungen Grafen Rhaneck machte ungeheueres Aufsehen in der ganzen Umgegend. Der einzige Sohn! der Majoratserbe! der letzte Sproß des alten berühmten Geschlechts, auf dem die ganze Hoffnung der Familie ruhte! Was dem Hause Rhaneck nur irgendwie nahe stand, wurde mitbetroffen von dem furchtbaren Geschick, das so unerwartet die beiden Eltern heimgesucht hatte. Die Gräfin, so unbedeutend und unempfindlich für alles Tiefere sie auch sonst sein mochte, hier war sie nur Mutter, und der Verlust des einzigen Kindes raubte ihr fast die Besinnung, der Graf war unmittelbar nach Empfang der Unglücksbotschaft in’s Gebirge zurückgereist und die Verstörung, die im ganzen Schlosse herrschte, steigerte sich womöglich noch am folgenden Tage, wo er mit der Leiche seines Sohnes wieder eintraf. Selbst die Dienerschaft, obgleich sie sonst gerade nicht mit besonderer Liebe an dem jungen Herrn hing, dessen hochmüthiges, verletzendes Wesen sie so oft hatte empfinden müssen, trug mit an dem Schmerze der Herrschaft. Der jähe Tod hatte all die Fehler des Lebenden verwischt und ausgelöscht, man vernahm nur Stimmen des Entsetzens und des Mitleids.

„Ich hab’s ja gesagt!“ jammerte Florian, der alte Reitknecht. „Ich hab’s gewußt, daß es ein Unglück geben würde, schon damals, als wir im Frühjahr hierherkamen und der junge Herr den ersten Ritt in die Berge machte, bei dem der Almansor ihn abwarf. Almansor scheut sonst nie und gehorcht auf’s Wort, aber auf der Brücke stand er mit einem Male wie festgemauert und zitterte am ganzen Leibe, während der Schweiß ihm nur so niederfloß, und kein Sporn und keine Peitsche brachte ihn auch [186] nur einen Schritt vorwärts. Solch ein Thier sieht und weiß oft mehr als Unsereiner! Er scheute immer nur vor der Schlucht drüben, als wenn er den Herrn damals gesehen hätte, so wie sie ihn heute brachten!“

„Der Gräfin wird die Geschichte noch das Leben kosten!“ meinte einer der Lakaien. „Die Aerzte und Kammerfrauen wissen nicht mehr, was sie anfangen sollen, sie fällt von einer Ohnmacht in die andere.“

Der gleichfalls schon bejahrte Kammerdiener des Grafen schüttelte ernst den Kopf! „Ich will denn doch lieber die Krämpfe und Ohnmachten der Gnädigen mit ansehen, als das Gesicht unseres Grafen, wie der Pfarrer von N., der die Nachricht brachte, aus seiner Thür trat. Und vollends heute, als er aus dem Gebirge zurückkam – Jesus Maria! Wie sah der Herr aus! Als hätte er einen Blick in die leibhaftige Hölle gethan. Ich wagte nicht, ihm nahe zu kommen.“

„Bei unserem Prälaten ist die Sache auch tiefer gegangen, als wir’s alle für möglich hielten,“ mischte sich jetzt ein Diener des Abtes ein, der seinen Herrn nach Rhaneck begleitet hatte, und nun des Befehls zur Abfahrt harrte. „Der Hochwürdigste hat sonst ein Gesicht wie aus Eisen gegossen. Man sollte meinen, es könnte sich überhaupt nichts darin rühren, und es rührte sich auch wirklich nichts, selbst als der Pfarrer Clemens zu ihm kam – er saß grade mit den übrigen Herren Paters bei Tische – und gleich beim Eintritt meldete, er brächte eine Unglücksbotschaft. Aber als es nun hieß ‚Graf Ottfried‘, da fuhr er doch vom Stuhle auf, weiß wie die Wand, und schrie dem Pfarrer zu: ‚Sie lügen! Das ist nicht möglich! Das kann nicht sein!‘ Heiliger Benedict! In meinem ganzen Leben vergesse ich den Ton nicht.“

Während die Dienerschaft so ihrer Theilnahme Luft machte, herrschte in den oberen Räumen des Schlosses eine unheimliche Stille. Die Gräfin war in ihren Gemächern, von all der äußeren Hülfe umgeben, die ihr Zustand nothwendig machte, der Graf befand sich in seinem Wohnzimmer allein mit dem Bruder, der sofort an seine Seite geeilt war.

Auch der Prälat schien von dem furchtbaren Ereigniß härter getroffen, als man es bei seinem stählernen Charakter hätte voraussetzen sollen, er raffte offenbar all seine Kraft und Energie zusammen, um eine Fassung zu erkünsteln, die er in Wirklichkeit nicht besaß, aber er hielt sich wenigstens noch aufrecht, während der Graf wie gebrochen in seinem Armsessel lag.

„Ermanne Dich, Ottfried! Du darfst Dich von dem Schlage nicht so ganz niederwerfen lassen, Du mußt Besinnung behalten!“

Rhaneck ließ die Hand sinken, mit welcher er das Gesicht verdeckte.

„Warum ließ ich mich auch überreden, ihn allein zurückzulassen! Er wollte durchaus noch bleiben, und doch widerstrebte er anfangs der ganzen Fahrt in’s Gebirge. Ich mußte schließlich befehlen und zwang ihn dazu – zwang ihn zu seinem Verderben!“

Der Prälat machte eine ungeduldige Bewegung. „Du quälst Dich mit selbstgeschaffenen Schreckbildern! Konntest Du ahnen, was bevorstand? Nur was wir wollten, fällt auf uns mit der Last seiner Verantwortung, nicht was der tückische Zufall aus unseren Plänen und Absichten macht.“

Es war eine eigenthümliche Heftigkeit in diesen Worten, fast als wolle der Sprechende damit eine Last von der eignen Seele wälzen. Der Graf sprang plötzlich auf.

„Laß mich! Den Verlust meines Kindes würde ich ertragen, aber – Du ahnst nicht, was es ist, das mich bei diesem Unglück dem Wahnsinn nahe bringt!“

Der Prälat sah ihn befremdet an, er verstand die Worte nicht, aber er begriff die Nothwendigkeit, den Bruder von solchen Gedanken abzulenken.

„Hast Du Benedict gesprochen?“ fragte er. „Wie ich höre, war er ja der Erste, der den Gestürzten entdeckte und die Bewohner von N. zur Hülfe aufrief.“

Es vergingen einige Secunden, ohne daß der Graf antwortete; endlich wandte er ihm das Antlitz wieder zu, in dem die tiefste Seelenqual zuckte.

„Ich sah ihn nur einige Minuten – er war todtenbleich, verstört, und wich mir scheu aus, wie ein Verbrecher – vergebens wartete ich in Todesangst auf einen Blick, auf ein Wort der Theilnahme aus seinem Munde, er blieb stumm und hob das Auge nicht vom Boden. Warum konnte es dem meinen nicht begegnen?“

„Du träumst!“ fiel ihm der Prälat erblassend in’s Wort. „Was konnte Benedict mit Deinem Sohne haben? Sie kannten sich ja kaum!“

„Sie haßten sich!“ sagte Rhaneck dumpf, „schon seit Monden. Schon einmal habe ich Ottfried die geladene Büchse und Bruno das Messer aus der Hand gerissen. Dort freilich brauchte es keine Waffe zwischen ihnen, Bruno ist der Stärkere – o mein Gott!“

Er hielt inne, überwältigt von der Vorstellung, auch der Bruder war bleich geworden, als habe sich plötzlich ein Abgrund vor ihm aufgethan.

„Unmöglich! Das wäre noch entsetzlicher!“

Noch entsetzlicher? Als was?“

„Nichts, nichts!“ Dem Prälaten wollte die Stimme doch nicht mehr gehorchen, wenn er auch die Züge noch beherrschte. „Ich muß Licht in die Sache bringen! Benedict trifft heute wieder im Stifte ein, ich finde ihn vermuthlich schon bei meiner Rückkehr. Mir, seinem Abte, kann er die Beichte nicht verweigern.“

Der Graf sah auf, und mitten durch all seine Gebrochenheit und all sein Entsetzen flammte wieder ein Hauch der alten Angst und Zärtlichkeit. „Schone ihn!“ bat er tonlos, „und schone mich mit der Enthüllung. Ich stehe an der Grenze meiner Kraft.“

Erschüttert legte der Prälat die Hand auf seine Schulter. „Was in dieser unglückseligen Sache jetzt noch zu tragen ist, Ottfried, das will ich Dir abnehmen, verlaß Dich darauf. Und jetzt suche Dich zu fassen und geh zur Gräfin hinüber. Was auch zwischen Euch stand und Euch einander entfremdet hat jahrelang, heute ist Dein Platz an ihrer Seite, Du darfst sie nicht so ganz allein lassen.“

Halb willenlos folgte Rhaneck, er stand auf und ging zu seiner Gemahlin, wenige Minuten darauf kehrte auch der Prälat nach Hause zurück. –

Es war Abend geworden, auch im Stifte herrschte jene Unruhe, welche ein ungewöhnliches Ereigniß hervorzurufen pflegt. Der Abt stand dem Rhaneck’schen Hause zu nahe, als daß das Unglück desselben nicht auch in seiner Umgebung Aufregung und Theilnahme hätte wachrufen sollen. Schon gestern hatte man den Pfarrer Clemens, der die Nachricht brachte, umringt und mit Fragen bestürmt, er konnte freilich nicht allzuviel berichten und war auch nach wenigen Stunden in Begleitung des Grafen wieder nach N. zurückgekehrt. Heute aber traf Benedict ein, und nun galt es seiner Verschlossenheit alle die Details zu entreißen, die er am besten geben konnte.

Aber die Herren Paters irrten sämmtlich, wenn sie von dieser Seite auf irgend eine Mittheilung hofften. Der junge Priester hatte kaum den Fuß auf die Schwelle des Klosters gesetzt, als er auch schon den Prälaten zu sprechen verlangte, der sich noch in Rhaneck befand. Vergebens war alles Drängen und Forschen, stumm und finster wich er jeder Frage aus, erklärte, in den Gemächern des Abtes auf dessen Rückkehr warten zu wollen, und zog sich, ohne irgend Jemandem Rede zu stehen, auch wirklich dahin zurück. Gleich darauf fuhr der Prälat vor, auch seine erste Frage war nach Benedict, zu dem er sich sofort begab. Seine Gnaden hatten darauf, wie der Kammerdiener erzählte, Befehl gegeben, sie unter keiner Bedingung zu stören, eigenhändig hatte er die beiden Thüren des Vorgemachs abgeschlossen, das zum Arbeitszimmer führte, und befand sich nun bereits über eine Stunde dort allein mit dem jungen Mönche.

Die von der Decke niederhängende, reichvergoldete Lampe warf ihr volles Licht auf die Beiden. Das Gesicht des Prälaten war wieder „wie aus Eisen gegossen“, aber es lag eine fahle Blässe darauf. Dennoch beherrschte er Blick und Stimme mit der alten Energie; erschüttert konnte diese eherne Natur wohl werden; sie zu brechen, dazu gehörten noch andere Schläge, als die, welche sie bis jetzt getroffen.

Ihm gegenüber stand Benedict, auch sein Antlitz war todtenbleich, aber es hatte doch jetzt wieder einen Schein von Ruhe, und die Brust athmete freier, als sei die Felsenlast, welche [187] sie bisher gedrückt, von ihr gesunken. Unbeweglich, die tiefen dunklen Augen auf seinen Abt gerichtet, wartete er auf dessen Spruch.

„Ihre Beichte ist vollständig, Pater Benedict, Sie gaben mehr, als ich verlangte! Jetzt gilt es, das Beichtgeheimniß zu wahren. Hat außer mir Niemand die Wahrheit erfahren oder eine Andeutung darüber empfangen? Auch Pfarrer Clemens nicht?“

„Niemand!“

„Sie thaten Recht, sich mir allein anzuvertrauen. Was auch geschehen ist, die Ehre des Klosters muß gewahrt werden, um jeden Preis. Sie werden auch fernerhin schweigen gegen Jeden.“

Der junge Priester wich mit dem Ausdruck des Entsetzens zurück. „Schweigen? Ich soll die Last, die ich eben von mir gewälzt, wieder aufnehmen und mit mir herumtragen mein Lebenlang? Niemals!“

„Sie werden thun, was die Nothwendigkeit gebietet!“ sagte der Prälat unbewegt. „Mein Neffe“ – hier wurde ihm doch die Stimme treulos, sie bebte hörbar und die Hand, die er auf die Lehne des Sessels stützte, zitterte krampfhaft – „mein Neffe ist nun einmal das Opfer geworden, und keine Reue und Buße hebt ihn wieder aus seinem Grabe ober giebt ihn seinen Eltern zurück. Jetzt gilt es nur noch unser Stift zu retten vor der Schande, daß die weltliche Gerechtigkeit hier eindringt und den Schuldigen aus den geweihten Mauern reißt, um ihn den Gerichten zu überantworten. Solch ein Schauspiel ist in jetziger Zeit gleichbedeutend mit unserer Vernichtung; ich werde den Orden vor diesem Schlage zu schützen wissen, sobald ich nur Ihres Schweigens gewiß bin.“

„Hochwürdigster!“ Benedict richtete sich leidenschaftlich auf, „wenn Sie es vermögen, das auf Ihr Gewissen zu nehmen, ich kann es nicht. Fordern Sie von mir, was menschlich ist, aber nicht diese ewige Lüge!“

„Ich fordere von Ihnen, was jeder Obere von einem Mönche heischen darf, unbedingten Gehorsam. Finden Sie sich mit Ihrem Gewissen ab, wie Sie können, wir haben hier höhere Rücksichten zu nehmen. Als Ihr Abt befehle ich Ihnen zu schweigen, Sie werden gehorchen, Benedict!“

„Ich werde nicht! Treiben Sie mich nicht auf’s Aeußerste, es giebt eine Grenze auch für meine Gelübde!“

Der Prälat blickte ihn finster und drohend an, aber die dunkelglühenden Augen des jungen Priesters wichen den seinigen auch nicht um eines Haares Breite; und auch auf dessen Stirn stand die Falte, die sich so tief in die seinige grub, der schreckensvolle Zug, der den Beiden eine Aehnlichkeit gab, als fließe das gleiche Blut in ihren Adern. Der stolze Abt fühlte, daß er hier einem Gleichartigen gegenüberstand, den er mit dem bloßen Gebot seines Willens niemals beugte.

„Und soll es vielleicht das Ende dieser Gelübde sein,“ fragte er, dicht an ihn herantretend, „daß Du mit Deinem unseligen Geheimniß zugleich das ganze Kloster preisgiebst und in’s Verderben reißest? Du hassest es, ich weiß es längst, und doch verdankst Du ihm Alles, was Du geworden. Es hob den Knaben empor aus dem Staube der Armuth und Niedrigkeit und machte ihn zum Herrn über seines Gleichen, es öffnete dem Jüngling die Schätze des Wissens, die ihm sonst verschlossen geblieben wären, und bot dem Manne eine geehrte sichere Heimath. Willst Du es zum Danke dafür entehren? Willst Du Deine geistige Mutter beschimpfen und sie dem Hohne ihrer Feinde preisgeben? Achte wenigstens, was Du nicht mehr lieben kannst, was allein die Kraft in Dir erzog und nährte, die Du jetzt in offener Empörung gegen uns wendest. Ich sage Dir, Knabe, Du wirst den Leu nicht erschüttern, an dem schon Stärkere als Du ihre Macht erprobten, und der durch Jahrhunderte allen Stürmen widerstanden hat, Du ladest nur den Fluch der Undankbarkeit auf Dich selber – laß Deine Hand davon!“

Benedict stand stumm mit heftig arbeitender Brust vor ihm, der Prälat hatte es verstanden, die rechte Seite zu berühren, er sah den trotzigen Widerstand erlahmen und zögerte nicht, seinen beginnenden Sieg weiter zu verfolgen.

„Mein Bruder ahnt, was geschehen ist!“ sagte er, die Stimme senkend. „In seinem und meinem Namen erkläre ich Dir, daß wir auf die Sühne für das Blut Ottfried’s verzichten. Außer uns aber hat Niemand auf der Welt ein Recht, sie zu fordern; wenn wir die That begraben wollen, so ist sie begraben für alle Zeit.“

Benedict senkte das Haupt. „Wenn auch Graf Rhaneck mein Schweigen fordert – sei es!“ entgegnete er dumpf.

Der Prälat wandte sich rasch zum Tische und legte die Hand auf das dort befindliche silberne Crucifix. „Du gelobst es mir?“

Der junge Priester trat finster zurück. „Nein! Nur keinen neuen Schwur, ich habe genug an dem einen, der mich willenlos in Eure Hände gab. Ich werde schweigen, so lange ich kann, aber sorgen Sie dafür, daß man mich nicht zum Zeugniß aufruft, denn beim ewigen Gott, geschieht es, so stehe ich für nichts mehr ein!“

„Ich werde es zu verhindern wissen! Gehen Sie jetzt, Pater Benedict, und kehren Sie morgen mit dem Frühesten nach N. zurück. Dort bleiben Sie vorläufig, bis ich weiter über Sie bestimme. Noch Eins! Wenn es Ihr Gewissen beruhigt, ich werde Ihnen die Absolution nicht verweigern.“

Ein Ausdruck tiefster Verachtung zuckte durch das Antlitz Benedict’s. „Wenn ich überhaupt noch an die Wirkung derselben glaubte – daß sie mir in dieser Stunde geboten wird, genügte, um mir den letzten Rest von Achtung davor zu nehmen. Ich bedarf ihrer nicht!“

Der Prälat kreuzte die Arme und blickte ihn fest an. „Sie glauben nicht mehr an die Lehren unserer Kirche, Sie sinnen auf Abfall! Verantworten Sie sich nicht,“ fuhr er mit vernichtender Ruhe fort, als der junge Priester ihn heftig unterbrechen wollte, „ich weiß, wohin der Weg führt, den Sie eingeschlagen haben, auch wenn Sie es selbst noch nicht wissen sollten. Aber der Streit darüber muß ruhen bis auf spätere Zeiten, das vorgestrige Ereigniß hat ihn für den Augenblick unmöglich gemacht. Wir haben jetzt allen Grund, die Blicke der Welt von unserem Kloster abzulenken, ein Strafgericht, das über eins unserer Mitglieder erginge, könnte – falsch gedeutet, könnte uns gefährlich werden.“

„Und diese Rücksicht geht Allem voran!“ ergänzte Benedict mit schwerer Betonung. „Ich habe es erfahren!“

Der Prälat fuhr auf und warf einen raschen, funkelnden Blick auf den jungen Mönch, aber die dunklen Wimpern desselben hatten sich bereits wieder gesenkt. Er verneigte sich in vorgeschriebener Weise und ohne das übliche Entlassungszeichen abzuwarten, wandte er sich um, öffnete die von innen verschlossene Thür und verschwand im anstoßenden Gemach.

Düster blickte der Prälat ihm nach. „So lange er kann! Eine treffliche Bürgschaft für sein Schweigen! Aber dem Starrkopf ließ sich nichts weiter abzwingen, ich sah es an seiner Stirn, sie trägt zu deutlich den Stempel unseres Geschlechts! Hier wäre jedes fernere Wort vergebens gewesen.“

Er begann, in tiefes Nachdenken verloren, im Zimmer auf- und abzuschreiten. „Er muß fort, fort aus der Umgegend, sobald es nur ohne Aufsehen geschehen kann und noch ehe Ottfried sich von der Betäubung des Schlages erholt, der ihn getroffen. Er wäre im Stande gewesen, den wahnsinnigsten aller Schritte zu thun, wenn ich seinen Abgott angerührt hätte; jetzt wird er es nicht mehr wagen, ihn zu verteidigen oder meinen Maßregeln Widerstand entgegenzusetzen. Ich muß mich wenigstens nach dieser Seite hin sichern, sie ist die einzige, die ich zu fürchten habe.“

Rasch entschlossen trat er zum Schreibtisch, ließ sich davor nieder und warf, die Feder ergreifend, mit festen kräftigen Zügen einige Zeilen auf’s Papier.

„Ich habe Benedict gesprochen! – Er kehrt morgen früh nach N. zurück, um von da aus, sobald es nur ohne Aufsehen möglich ist, in ein entferntes Kloster abzugehen. Du wirst Dich der Nothwendigkeit fügen und ihn bis dahin nicht wiedersehen. Der Inhalt seiner Beichte mag auch zwischen uns unerörtert bleiben – ich schone Dich, wie Du es verlangtest.“

Er faltete das Papier zusammen, machte die Aufschrift an den Grafen Rhaneck und drückte sein Siegel auf den Brief, dann zog er die Klingel und übergab ihn dem Kammerdiener. Das Alles geschah rasch, heftig, als sei er seines Entschlusses nicht sicher oder fürchte für die Ausführung desselben; erst als der Diener mit dem Schreiben das Gemach verlassen hatte, kehrte die Ruhe des Prälaten zurück. Das Antlitz hatte noch die ganze fahle Blässe von vorhin, aber auch wieder die ganze eiserne Bestimmtheit, als er an’s Fenster trat und hinüberblickte, wo im unsichern [188] Mondesschimmer Schloß Rhaneck sich undeutlich und finster aus den Tannenwipfeln hob.

„Ich kann Dir’s nicht ersparen, Ottfried!“ sagte er dumpf. „Es muß sein, und wenn Du zehnfach darunter leidest. Hier steht mehr auf dem Spiele, als ein blutendes Vaterherz!“




Noch hatte die Familiengruft der Rhaneck ihren jüngsten Sprossen nicht empfangen, und schon gewann das dunkle Gerücht, das vom Gebirge herabgekommen war und seit zwei Tagen leise und unheimlich umherschlich, Form und Gestalt. Was man dem Grafen und seiner Gemahlin noch aus Schonung verschwieg, das flüsterte die Dienerschaft des Schlosses einander bereits in die Ohren, das ward lauter in der ganzen Umgegend verhandelt und bildete das offene Tagesgespräch in E., daß Graf Ottfried nicht eines natürlichen Todes gestorben, daß er das Opfer eines Verbrechens geworden sei.

Es war freilich nur ein einziger Umstand, der diesen furchtbaren Verdacht hervorrief; aber dieser Umstand war entscheidend, er stellte mit unumstößlicher Gewißheit fest, daß im Moment des Sturzes sich ein Anderer an der Seite des jungen Grafen befunden. Der Arzt, den man noch zu einer freilich vergeblichen Hülfeleistung nach N. berief, hatte in der erstarrten, krampfhaft geschlossenen Hand des Todten ein Stück dunkles Tuch gefunden, das augenscheinlich von einem Mantel oder dergleichen abgerissen war; an dem Mantel Ottfried’s aber fehlte jenes Stück nicht, er war unversehrt, also mußte es das Gewand eines Fremden sein, das er im Falle ergriffen Und zerrissen hatte. Die Möglichkeit eines Raubanfalls war durch den Ort der That von vornherein ausgeschlossen, denn abgesehen davon, daß man unmöglich zu der Leiche gelangen konnte, brachte ein Ueberfall, vielleicht ein Ringen am Rande der Schlucht, den Angreifer in mindestens ebenso große Gefahr wie den Angegriffenen; es konnte also nur Rachsucht oder Feindschaft als Motiv angenommen werden. Aber soviel man wußte, besaß der Graf keinen Feind in der Umgegend, wenn auch sein hochfahrendes Wesen Manchen verletzt haben mochte. Es blieb nichts übrig, als sich um weitere Fingerzeige an den Vater zu wenden, was auch so schonend wie nur möglich geschah.

Seltsamer Weise nahm Graf Rhaneck die Eröffnung ganz anders auf, als man erwartete. Anstatt außer sich zu gerathen bei dem Gedanken, daß sein einziger Sohn einem Verbrechen zum Opfer gefallen sei, anstatt die Beamten zu einer Thätigkeit anzuspornen, die das Einzige geben konnte, das hier noch zu erlangen war, Sühne für den Gemordeten, schien es, als wolle er vielmehr die ganze Angelegenheit begraben und zu vergessen suchen. Er wollte durchaus nicht an die Wahrscheinlichkeit jenes Verdachtes glauben, wollte den Sturz Ottfried’s nur einer Unvorsichtigkeit desselben zuschreiben und verweigerte, unter dem Vorwande körperlicher und geistiger Gebrochenheit, jede nähere Auskunft über den Umgang und die Beziehungen seines Sohnes. Sein ganzes Wesen dabei war so verstört so seltsam abweisend, daß sich den Beamten bisweilen unwillkürlich der Gedanke aufdrängte, er fürchte die Untersuchung und wolle sie um jeden Preis verhindern. Jetzt trat auch noch der Prälat in die Sache ein, ruhiger, aber entschiedener als sein Bruder, und versuchte nun seinerseits einen Druck auf die betreffenden Personen auszuüben, damit die Angelegenheit nicht weiter verfolgt und wo möglich niedergeschlagen werde. Das war höchst befremdend und unerklärlich, aber der mächtige Einfluß des Abtes begann bereits zu wirken, und er wäre auch sicher durchgedrungen, hätte die Untersuchung nicht zufällig in den Händen eines jungen Richters gelegen, der, sehr ehrgeizig und eifrig im Amte und vollkommen unabhängig, nicht geneigt war, sich hier von einem fremden Willen leiten zu lassen. Ohnehin kein allzu eifriger Katholik, witterte er hinter dieser unerklärlichen Einmischung etwas wie ein Klostergeheimniß und war fest entschlossen, in diesem Falle streng und unnachsichtlich seine Pflicht zu thun. Alles, was der junge Graf in seiner Todesstunde an und bei sich getragen, wurde einer nochmaligen genauen Untersuchung unterworfen, und da fand sich denn allerdings etwas, das auf eine Spur zu leiten schien, eine Spur freilich, die Niemand von Allen geahnt.

In der Brieftasche Ottfried’s fand sich unter anderen unbedeutenden Papieren auch ein Brief vor, der wahrscheinlich schon vor längerer Zeit in einer der Seitentaschen gesteckt und dort vergessen worden war, denn er trug ein älteres Datum. Der Schreiber dieses „Bernhard Günther auf Dobra“ unterzeichneten Briefes verbat sich darin in den härtesten Ausdrücken jede fernere Annäherung des Grafen an seine Schwester, erklärte, sein Gebiet vor künftigem Eindrängen sichern zu wollen, und drohte schließlich, wenn diese schriftliche Mahnung nichts fruchte, persönlich einzutreten. Das Schreiben war sehr ruhig, aber auch sehr rücksichtslos gehalten, der Schluß geradezu beleidigend, jedenfalls hatte es den Empfänger auf’s Höchste gereizt – da war auf einmal der lange gesuchte Grund zu einer Feindschaft, deren weiterer Verlauf sich jeder Berechnung entzog.

Die sofort angestellten Nachforschungen dienten nur dazu, den aufkeimenden Verdacht zu bestärken; sie ergaben, daß sich Günther zur Zeit der That nicht allein im Gebirge, sondern auch in unmittelbarer Nähe des verhängnißvollen Ortes befunden hatte. Kurz zuvor hatte seine Schwester eine nochmalige, wie es schien, halb erzwungene Begegnung mit dem Grafen gehabt, der Meßner hatte Beide in der Wallfahrtskirche gesehen, wo sie mit dem Pater Benedict zusammentrafen, und war dann freilich sofort nach seiner Wohnung gegangen, die er erst wieder verließ, als der Caplan ihm befahl, das junge Mädchen nach N. zurückzubringen. Dort fanden Beide Günther schon vor, aber gerade in jener Zwischenzeit mußte die That verübt sein, denn Pater Benedict entdeckte, als er die „Wilde Klamm“ passirte, bereits den Gestürzten und eilte sofort nach den nächstliegenden Gehöften, um Hülfe herbeizurufen. Freilich erschien es befremdlich, daß er tief unten in der dämmernden durch das Sturmgewölk noch mehr verfinsterten Schlucht den Körper gesehen hatte, von dessen Dasein er doch keine Ahnung haben konnte, und den die Wellen fast ganz bedeckten, auch war die Verstörung und Todtenblässe des jungen Priesters allen Denen aufgefallen, an die er sich zuerst um Hülfe wandte. Aber man wußte ja, daß er dem Rhaneck’schen Hause eng befreundet war, daß er ihm seine ganze Erziehung verdankte, wenige Stunden vorher hatte er noch den Besuch des Grafen und seines Sohnes empfangen, da war es wohl natürlich, daß der jähe Tod des letzteren ihn aufregte, überdies hob gerade ihn natürlich sein geistlicher Stand über jeden Verdacht hinaus. Als man endlich nach stundenlangem Mühen und nicht ohne Lebensgefahr von unten her in die Schlucht gedrungen war und die Leiche nach N. brachte, war Günther mit den Seinigen längst abgefahren. Nahm man nun an, daß er auf dem Hinwege, den er allein unternahm – denn der Kutscher blieb mit den Pferden im Thale zurück – statt der Fahrstraße den Fußweg einschlug, daß er in der Nähe der Brücke mit dem Grafen zusammentraf, daß der seit jenem Briefe wahrscheinlich schon öfter ausgebrochene Streit sich hier erneute und in Thätlichkeiten ausartete, bei denen der Stärkere Sieger blieb, so hatte man auf einmal die Lösung des schreckensvollen Räthsels vor sich – es war genug, um ein sofortiges Einschreiten des Gerichts zu rechtfertigen.

In Dobra ahnte man inzwischen nichts von dem Unwetter, das sich dunkler und dunkler darüber zusammenzog, obgleich auch dorthin die Gerüchte über den Tod Ottfried’s gedrungen waren. Man hatte hier freilich keinen Grund, diesen Todesfall besonders zu beklagen, aber seine Folgen äußerten sich doch in einer Weise, die Bernhard sowohl als Franziska ebenso beängstigend als unerklärlich erschien.

[201] Es war gegen Abend, als Günther in das erleuchtete Wohnzimmer trat, wo Fräulein Reich ihn allein am Theetisch erwartete.

„Wo ist Lucie?“ fragte er mit einem raschen Umblick durch das Gemach, in dem das junge Mädchen nicht zu entdecken war.

Franziska zuckte die Achseln und deutete auf das Nebenzimmer, dessen Thür geschlossen war.

„Lassen Sie sie allein, es ist am besten so! Sie erträgt den Zwang nicht, den unsere Nähe ihr auferlegt.“

Günther legte Hut und Handschuhe bei Seite und trat näher zum Tische, seine Stirn war umwölkt.

„Ich habe dem Kinde diese Tiefe der Empfindung nicht zugetraut, am allerwenigsten einem Manne wie dem Grafen gegenüber. Sie muß mit förmlicher Leidenschaft an ihm gehangen haben, daß ihr sein Tod mit solcher Verzweiflung an’s Herz greift.“

Franziska schüttelte den Kopf; sie wagte es jetzt freilich nicht mehr, ihre frühere Behauptung aufrecht zu erhalten, und doch stand die alte Ueberzeugung in ihr fester als je.

„Wenn es nur auch wirklich dieser Tod ist,“ sagte sie kurz, „und nicht am Ende nur die Umstände, die ihn begleiteten!“

Bernhard, der im Begriff war, sich niederzulassen, hielt plötzlich inne und blickte sie überrascht an.

„Wie meinen Sie?“

„Ich meine“ – die Gefragte warf einen Blick auf die Thür des Nebenzimmers und senkte dann die Stimme – „ich meine, daß mir aus Luciens ganzem Wesen weit weniger Schmerz als Angst zu sprechen scheint, geheime, mühsam verhaltene Angst. Ich fürchte, sie weiß mehr von der unglückseligen Geschichte als wir allesammt, die Herren vom Gericht mit eingeschlossen.“

„Unmöglich!“ erklärte Günther entschieden. „Sie war ja mit uns in N., als die That geschah. Freilich auch mir ist in ihrem Benehmen Manches dunkel! Ich habe sie bisher geschont, und die Schonung war auch nothwendig; jetzt aber wird doch nichts Anderes übrig bleiben, als daß ich einmal ernstlich mit ihr spreche und sie auf irgend eine Weise zum Antworten zwinge.“

Franziska machte eine halb verächtliche Bewegung. „Das versuchen Sie einmal! Auch nicht eine Silbe werden Sie ihr abzwingen! Was dem Kinde plötzlich diesen furchtbaren Ernst, diese leichenhafte Starrheit gegeben, mag der Himmel wissen! Etwas Gutes ist es sicher nicht gewesen; aber ich sage Ihnen, sie versteht mit einer Energie zu schweigen, die nichts erschüttert, und wenn das noch länger so fortdauert, dann geht sie uns dabei zu Grunde. Ihre ganze Natur ist wie aus den Fugen gerückt.“

Bernhard gab keine Antwort, aber seine Stirn umwölkte sich noch mehr, während er nachdenkend den Kopf in die Hand stützte. Das plötzlich eingetretene Stillschweigen ward durch den Diener unterbrochen, der den Herrn Landrichter aus E. meldete.

Günther erhob sich rasch. „Sehr angenehm! Fräulein Reich,“ wandte er sich an diese, „bitte, gehen Sie zu Lucie und sagen Sie ihr, daß ich sie für den heutigen Abend dispensire. Ich will sie nicht der Marter einer Unterhaltung aussetzen, deren Hauptgegenstand jedenfalls wieder das unglückliche Ereigniß ist, das nun einmal die ganze Umgegend beschäftigt. Schicken Sie sie zu Bett, morgen werde ich mit ihr reden. Sie kommen aber doch jedenfalls zu uns zurück?“

Franziska nickte zustimmend und verschwand im Nebenzimmer, dessen Thür diesmal nur angelehnt blieb, während Günther dem Besuche, wie er meinte, entgegenging. Er war mit dem Landrichter bekannt und dieser bereits öfter als Gast in Dobra gewesen; er empfing ihn also auch heute in dieser Eigenschaft und lud ihn nach der üblichen Begrüßung ein, Platz zu nehmen. Der Beamte aber blieb diesmal stehen und sagte steif ablehnend.

„Ich danke! Ich komme in amtlicher Eigenschaft.“

„In der That?“ fragte Günther ruhig und völlig unbefangen, denn bei der Menge von Leuten, die er auf seinen Gütern commandirte, konnte allerdings leicht etwas vorkommen, das ein amtliches Einschreiten nothwendig machte. „Aber wir brauchen das doch hoffentlich nicht stehend abzumachen. Darf ich bitten?“

Der Landrichter wies auf’s Neue den dargebotenen Stuhl zurück. „Herr Günther, ich komme in einer sehr ernsten Angelegenheit. Meine Pflicht zwingt mich diesmal zu einem peinlichen Amte. Ich habe den Auftrag, Sie zu verhaften.“

Günther trat zurück und sah den Beamten an, als habe er nicht recht gehört. „Mich verhaften? Mich? Sie sind im Irrthum, Herr Landrichter!“

„Ich bedaure,“ sagte dieser gemessen, „aber hier kann von keinem Irrthum die Rede sein. Der Befehl lautet ausdrücklich auf Ihre Person; ich muß Sie bitten, sich der Nothwendigkeit zu fügen und mir zu folgen.“

[202] Bernhard war an den Tisch zurückgetreten; noch behauptete seine ruhige Natur ihr Recht einem Schlage gegenüber, der vielleicht jeden Andern außer Fassung gebracht hätte; nur etwas bleicher war er geworden.

„Und wessen beschuldigt man mich?“ fragte er langsam.

„Das werden Sie in E. erfahren.“

„Mein Herr!“ In Günther’s Stimme gab sich jetzt doch die verhaltene Aufregung kund. „Ich werde doch wohl das Recht haben zu fragen, weshalb man mich plötzlich aus meinem Hause reißen und in’s Gefängniß schleppen will! Ich gebe Ihnen mein Wort darauf, daß ich auch nicht die leiseste Ahnung davon habe.“

Der Beamte zögerte. Vielleicht siegte die Rücksicht gegen den Mann, der ihm bekannt, ja fast befreundet war, vielleicht glaubte er auch durch Ueberraschung zu wirken und ein Geständniß zu erpressen, genug, er setzte die Amtsformalitäten, die hier ohnedies nicht so streng gehandhabt wurden, auf einen Augenblick aus den Augen und entgegnete ernst:

„Der gegen Sie schwebende Verdacht hängt mit der Ermordung des Grafen Rhaneck zusammen.“

Bernhard richtete sich heftig auf. „Hält man mich etwa für den Mörder des Grafen?“

Der Landrichter schwieg und sah ihn fest an. „Die Untersuchung wird das Nähere ergeben,“ sagte er endlich ausweichend. „Für jetzt ersuche ich Sie, mir unverzüglich zu folgen; mein Wagen wartet draußen; die Abfahrt wird in aller Stille und vorläufig noch ohne jedes Aufsehen geschehen.“

„Nein, das wird sie nicht!“ tönte plötzlich eine fremde Stimme dazwischen. Die Thür des Nebenzimmers war aufgeflogen, und auf der Schwelle stand, außer sich, hochroth im ganzen Gesichte, Fräulein Reich; hinter ihr erschien das bleiche Antlitz Luciens.

Franziska begnügte sich keineswegs mit diesem Proteste aus der Entfernung. Rasch schritt sie durch das Zimmer und stellte sich dicht an Günther’s Seite, als sei dies der Platz, der ihr von Rechtswegen gehöre und den sie sich von Niemandem auf der Welt streitig machen lasse.

„Nein, das wird sie nicht!“ wiederholte sie zornbebend. „Glauben Sie etwa, wir lassen uns hier in Dobra so ohne weiteres überfallen und wegschleppen, blos weil es Ihren Gerichten einfällt, einen geradezu lächerlichen Verdacht auf uns zu werfen? Herr Günther, Gott im Himmel! so stehen Sie doch nicht da mit dieser entsetzlichen Gelassenheit, als ob man Sie zu einer Spazierfahrt aufforderte! Gebrauchen Sie doch Ihr Hausrecht und zeigen Sie, wer hier Herr auf diesem Grund und Boden ist!“

„Mein Fräulein,“ sagte der Landrichter sehr höflich, aber sehr bestimmt, „ich begreife, daß Sie in der Aufregung und dem Schreck des Augenblickes Ihre Worte nicht allzu genau wägen. Das Gesetz muß seinen Lauf haben, und ich habe für alle Fälle zwei meiner Leute draußen, ich hoffe nicht in den Fall zu kommen, sie herbeirufen zu müssen.“

Franziska zuckte zornig die Achseln. „Es ist ihr Glück, wenn sie nicht in den Fall kommen, versichere ich Ihnen. Herr Günther wirft sie alle beide zum Fenster hinaus, wenn es ihm sonst beliebt, und Sie, Herr Landrichter,“ sie blickte sehr verächtlich auf den kleinen schwächlichen Beamten, „Sie nehme ich nöthigenfalls auf mich!“

Der also Bedrohte wich zurück und warf einen Blick auf die Thür. Er kannte das sehr entschiedene Wesen der Dame schon von früheren Begegnungen her, und zweifelte nicht, daß sie im Stande sei, ihre Drohung im Nothfall auch auszuführen. Er hatte bei anderen Verhaftungen schon genug Scenen des Schreckens und Entsetzens von Seiten der Angehörigen erlebt, aber solch eine rücksichtslose Empörung gegen die gesetzliche Gewalt war ihm denn doch nicht vorgekommen. Zum Glück kam ihm Günther zu Hülfe.

„Ruhig, ich bitte Sie!“ sagte er gelassen, aber fast befehlend, indem er die Hand auf den Arm seiner energischen Vertheidigerin legte. „Ich wiederhole Ihnen, es ist ein Irrthum, der sich aufklären muß. Der Thäter muß über kurz oder lang gefunden werden, ich nehme Ihren ganzen Amtseifer dafür in Anspruch, mein Herr, denn geschieht es nicht, so würde mit dem Verdachte auch ein Flecken auf meiner Ehre haften bleiben, der nie auszulöschen wäre, selbst wenn man sich gezwungen sieht, mich freizusprechen.“

Es lag doch eine tiefe Blässe auf dem Gesicht des Mannes bei diesen Worten, sie verrieth, wie furchtbar er trotz alledem erregt war. Dem Beamten imponirte diese Haltung doch.

„Von unserer Seite wird selbstverständlich Alles geschehen, was im Bereiche der Möglichkeit liegt,“ entgegnete er, „und nun –“

„Sie werden mir doch erlauben, von meiner Schwester und meiner Hausgenossin Abschied zu nehmen?“ unterbrach ihn Bernhard.

Der Landrichter verneigte sich zustimmend und zog sich bis an die Thür zurück, aber ohne seinen Gefangenen aus den Augen zu lassen; dieser wandte sich um.

„Komm zu mir, Lucie!“

Lucie stand noch immer auf der Schwelle des Nebenzimmers. Es war in der That eine furchtbare Veränderung mit ihr vorgegangen und es schien nicht blos die letzte Viertelstunde zu sein, die diese Veränderung hervorgebracht. Das liebliche, einst so rosige Antlitz war bleich wie der Tod, die Lippen krampfhaft geschlossen, als müßten sie gewaltsam eine innere Qual verbergen, die sonst so weichen Züge schmerzvoll gespannt, und in den blauen Augen stand nichts mehr von Kinderglück und Kinderfrohsinn zu lesen. Franziska hatte Recht, es lag eine leichenhafte Starrheit in diesem Blick und dem ganzen Wesen des jungen Mädchens.

Erst der Ruf des Bruders schien sie wieder zu sich zu bringen, sie flog auf ihn zu und legte den Kopf an seine Schulter, aber die Thränen, die sonst immer so leicht und reichlich flossen, kamen diesmal nicht, das Auge blieb trocken, wie es die ganze Zeit über gewesen.

Bernhard beugte sich beruhigend zu ihr nieder. „Aengstige Dich nicht, Lucie! Ich hoffe bald zu Euch zurückzukehren, bis dahin bleibst Du in der Obhut von Fräulein Reich, ich kann Dich keinen besseren Händen anvertrauen. Lebe wohl.“

Lucie hob das Auge zu ihm empor, aber es war ein Blick so grenzenloser Angst, so hoffnungsloser Verzweiflung, daß seine Stirn sich plötzlich umdüsterte.

„Kind!“ fragte er vorwurfsvoll. „Hältst Du Deinen Bruder für einen Mörder?“

Das junge Mädchen zuckte zusammen bei diesem Worte, in der nächsten Secunde aber schlang sie leidenschaftlich beide Arme um seinen Hals.

„Nein, mein Bernhard! Dich nicht!“

Es war ein herzzereißender Ausdruck in diesem Tone, der Bruder verstand ihn nicht, er sah darin nur die Angst um ihn selber; aber Franziska ahnte mit dem Instinct der Frau, der geängstigten Frau, die jetzt für ein fremdes Leben zitterte, die wahre Bedeutung. Sie wollte auffahren, wollte eine heftige Frage an Lucie richten, zwang sich aber mit einem Blick auf den Beamten zum Schweigen.

Günther ließ mit anscheinender Ruhe seine Schwester aus den Armen und wandte sich zu ihr, aber jetzt senkte er die Stimme so, daß nur sie allein ihn verstehen konnte.

„Ich muß nun auch Ihnen Lebewohl sagen, hoffentlich nicht auf lange. Es war sehr thöricht und nutzlos, daß Sie es wagten, sich dem Beamten zu widersetzen, sehr! Aber es geschah um meinetwillen – ich danke Ihnen, Franziska!“

Es war das erste Mal, daß er den Namen wieder aussprach seit jener Unterredung zwischen ihnen, unwillkürlich senkte Franziska das Auge. Das energische trotzige Fräulein, das eben noch bereit war, es mit allen Gerichten der Welt aufzunehmen, zitterte leise, als seine Hand die ihrige faßte, noch ein fester verständnißvoller Druck, dann ließ er sie wieder sinken.

„Und jetzt keine Abschiedsscenen weiter! Ich stehe zu Ihrer Verfügung, Herr Landrichter!“ –

Die beiden Frauen blieben allein zurück. Franziska eilte an’s Fenster und sah Günther mit seinen Begleitern einsteigen, Lucie verharrte unbeweglich auf ihrem Platze, sie regte sich nicht. Erst als der Wagen den Hof verlassen hatte und sein Rollen ferner und ferner verhallte, wandte sich die Erstere wieder um, ein paar große Thränen standen in ihren Augen, aber es war jetzt keine Zeit zum Weinen. Sie näherte sich rasch dem jungen Mädchen, zog sie an sich und blickte ihr fest in’s Gesicht.

„Und nun stehen Sie mir einmal Rede, Lucie! Vorhin in Gegenwart des Richters konnte ich Sie nicht fragen, es hätte den albernen Verdacht vielleicht bestärken können, jetzt aber sind [203] wir allein und jetzt frage ich Sie, was meinten Sie mit Ihrem angstvollen ‚Dich nicht, Bernhard‘? Daß Sie ihn nicht für den Mörder halten konnten, weiß ich, Sie aber wissen mehr, Sie meinten irgend einen Anderen, ich hörte es an Ihrem Tone!“

Mit einer heftigen Bewegung machte sich Lucie frei, aber sie schwieg, die Lippen preßten sich nur fester zusammen und das Antlitz nahm wieder jenen Ausdruck an, dem man es ansah, daß sich ihm weder mit Güte noch mit Gewalt etwas abzwingen ließ. Franziska wartete vergebens auf einen Laut aus ihrem Munde.

„Kind, jetzt fange ich wirklich an, mich vor Ihnen zu fürchten!“ sagte sie ernst, „denn menschlich und natürlich ist dies Wesen nicht. Sie hören, daß man Ihren Bruder der That beschuldigt und ihn deswegen verhaftet, Sie wissen, daß seine Ehre, sein Leben auf dem Spiele steht, und schweigen, während ein Wort von Ihnen vielleicht Licht in die Sache bringen und ihn frei machen kann! Lucie, um Gotteswillen, was können Sie denn noch zu schonen oder zu verschweigen haben nach dieser letzten Viertelstunde?“

Es erfolgte auch jetzt keine Antwort, aber die letzte Mahnung schien doch tiefer gegangen zu sein. „Bernhard’s Leben?“ fragte Lucie leise mit halb erstickter Stimme, „Sie glauben, daß sein Leben in Gefahr ist?“

„Ich meine, daß die Gerichte gegen einen Mann von seiner Stellung nicht so vorgehen würden, wenn sie nicht dringende Verdachtsgründe hätten,“ Franziska war jetzt plötzlich ganz auf Seiten des vorhin so geschmähten Gerichtes, „und wenn sie verhaften, können sie auch verurtheilen. Bei einer Anklage auf Mord handelt es sich immer um Leben und Tod.“

Das junge Mädchen bebte wieder zusammen, wie vorhin bei dem Worte des Bruders. „Bernhard wird nicht verurtheilt werden!“ sagte sie tonlos, aber fest.

Franziska fuhr vom Stuhle auf. „Nicht? Und das wissen Sie mit solcher Bestimmtheit? Also können Sie ihn retten, Lucie, in’s Himmels Namen, sagen Sie mir nur das eine Wort, können Sie es?“

„Ich –“ hoffe es, wollte sie antworten, aber das Wort erstarb ihr auf den Lippen, hoffen konnte sie diese Rettung nicht. „Ich – will es versuchen!“

„Gott sei Dank!“ rief Franziska aufathmend. „Endlich ist das Eis gebrochen! Und nun vertrauen Sie sich mir an, Kind, was haben Sie vor?“

„Morgen! Heute kann ich nicht.“

„Aber –“

„Ich kann nicht!“ wiederholte Lucie entschieden und machte der Unterredung dadurch ein Ende, daß sie nach ihrem Zimmer schritt.

Franziska folgte ihr zwar, aber sie mußte bald genug einsehen, daß heute wirklich nichts mehr von dem jungen Mädchen zu erreichen war, sie gab endlich die nutzlosen Versuche auf.

Von Schlaf war bei den beiden Frauen in dieser Nacht nicht viel die Rede. Lucie hatte sich angekleidet niedergelegt, aber ihre Gefährtin sah nur zu gut, daß sie das Auge auch nicht einen Moment lang schloß. Franziska selbst ließ sich erst gegen Morgen von einem leichten Schlummer überraschen, zu ihrem Schaden, denn als sie erwachte, war ihre junge Pflegebefohlene von ihrer Seite verschwunden und im ganzen Zimmer nicht zu entdecken.

Erschreckt sprang die Erzieherin auf und eilte hinaus, aber dort traf sie bereits das ganze Haus in Aufruhr: die Nachricht von Günther’s Verhaftung, die gestern Abend noch verborgen geblieben, war heute in aller Frühe bereits durch den Briefboten aus E. nach Dobra gebracht worden und hatte dort leicht begreifliches Entsetzen erregt; Franziska hatte Mühe, sich in dem allgemeinen Durcheinander Luft zu einer Frage nach Lucie zu schaffen.

„Fräulein Lucie ist schon vor einer Stunde abgereist!“ erklärte das Mädchen, welches sie Beide bediente, „sie läßt aber das Fräulein bitten, sich nicht zu ängstigen, sie würde vor Abend wieder zurück sein.“

Franziska stand da wie vom Donner gerührt. „Abgereist! Wohin?“

Das Mädchen zuckte die Achseln. „Das weiß ich nicht! Wahrscheinlich weiß es nur der alte Joseph, der das Fräulein führt; sie hat Niemandem ein Wort davon gesagt.“

„Nun, das ist ja eine schöne Geschichte! Herr Günther vertraut sie ausdrücklich meinen Händen an, und jetzt geht sie mir heimlich auf und davon! Wo kann sie hin sein? Natürlich nur nach E. zum Bruder, um ihm mitzutheilen, was sie mir verschwieg. Und man wird sie nicht einmal zu ihm lassen! Konnte das thörichte Kind mich nicht mitnehmen? ich hätte mir den Weg in’s Gefängniß gebahnt, und wenn zwölf Landrichter und vierundzwanzig Gerichtsdiener davor Posto gefaßt hätten, um mir den Eingang zu wehren!“

Franziska wurde in ihrem zum Glück nicht laut geführten Selbstgespräch unterbrochen, denn von allen Seiten stürmten jetzt Fragen, Erkundigungen, Bitten auf sie ein. Die Beamten kamen mit schreckensbleichen Gesichtern, die Dienerschaft lief verstört und rathlos durcheinander, der ganze Haushalt schien aus den Fugen gegangen, da galt es energisch einzugreifen und den sämmtlichen Untergebenen zu zeigen, daß wenigstens noch eine leitende Hand da war, die Ordnung in das so plötzlich entstandene Chaos zu bringen wußte.

„Das Fräulein steht ihren Mann!“ sagte der unter Günther’s Leitung sehr tüchtige, aber nichts weniger als selbstständige Oberinspector, als er nach Verlauf einer Stunde von ihr zurück kam. „Die versteht sich auf’s Commandiren fast so gut, wie der Herr selber. Gott sei Dank, daß wir wenigstens noch Einen haben, der den Kopf nicht verliert. Wenn sie nicht wäre, ich glaube, es ginge jetzt in Dobra Alles drunter und drüber!“




Im Hochgebirge hatten die Stürme während der letzten Tage wieder mit verheerender Gewalt gewüthet. Ausgetretene Bergwasser, entwurzelte Bäume, niederstürzendes Felsgeröll hatten die Wege unpassirbar gemacht und die höher gelegenen Bergorte, wie N., gänzlich von der Ebene abgeschnitten. Die Verbindung damit war fast ganz abgebrochen, denn die Gebirgsbewohner, die allenfalls noch zu Fuße hinauf- oder heruntergelangen konnten, scheuten sich, ohne Noth den gefährlichen und mühseligen Weg zu machen.

Um so mehr wunderte sich der rüstig voransteigende Bauer, daß die junge Dame, welche ihm folgte, dies Wagniß unternehmen wollte. Sie war mit ihrem Wagen nur ungefähr bis zur Hälfte des Weges gekommen, da erwies sich die Weiterfahrt als unmöglich, aber vergebens bat sie der alte Kutscher mit Thränen in den Augen, zurückzubleiben, vergebens warnten die Dorfleute, sie hatte erklärt vorwärts zu müssen, nach N. hinauf zum Pfarrer Clemens, wie sie sagte, hatte einen der Männer durch das Anerbieten eines reichlichen Lohnes bewogen, ihren Führer zu machen, und setzte nun wirklich die Reise mit ihm zu Fuße fort.

Es war ein arger Weg, er zeigte überall noch die Verheerungen des Sturmes, der sich glücklicherweise während der Nacht gelegt hatte. Der Führer blickte sich oft genug besorgt um nach seiner schweigsamen Begleiterin, ob sie auch überhaupt zu folgen vermöge, woran er ernstlich zweifelte; freilich sie war jung und leichtfüßig, aber doch gar zu zart für solchen Gang und für solches Wetter, zudem waren ihre Schuhe so entsetzlich dünn und fein, jeder Tritt mußte sie ja schmerzen hier auf den scharfen Steinen, und der Regenmantel, der über die leichte Kleidung geworfen war, schützte sie auch nicht viel vor dem noch immer scharfen Bergwinde. Sie schien aber Beides nicht zu empfinden, sondern folgte unverdrossen, ohne Ausruhen und ohne Klage, als kenne sie weder Ermüdung noch Furcht.

Ungefähr eine Stunde lang waren sie so vorwärts gegangen und erreichten jetzt eine freiere Höhe. Zur Seite des Weges stand ein roh geschnitztes Heiligenbild, das auch dem Sturme zum Opfer gefallen war, das hölzerne Schutzdach war zertrümmert, das Bild selbst lag zerschmettert am Boden, nur der Pfahl, der es getragen, stand noch zur Hälfte aufrecht, von dem moosigen Felsstück gehalten, an das er sich lehnte. Unten am Abhange, nur einige hundert Schritte entfernt, lag ein einsames, armseliges Gehöft, das halb verdeckt durch die Tannen gänzlich öde und ausgestorben schien.

Auf der Höhe angelangt blieb das junge Mädchen plötzlich stehen und berührte den Arm ihres Begleiters.

„Wir müssen ausruhen! – Ich kann nicht weiter!“

Der Bauer sah sich um und erschrak, denn er gewahrte jetzt erst die tiefe tödtliche Erschöpfung in ihren Zügen und in [204] ihrer ganzen Haltung, die Brust hob und senkte sich schwer von der ungewohnten Anstrengung, das Gesicht unter den braunen Locken war erschreckend bleich – sie hatte augenscheinlich ihre Kräfte auf’s Aeußerste angespannt, bis sie ihr versagten.

Der gutmüthige Führer geleitete sie rasch zu dem moosbedeckten Felsstück und ließ sie niedersitzen, aber er schüttelte bedenklich den Kopf.

„Das wird nimmermehr gut, Fräulein, Sie kommen nicht weiter! Wir wollen lieber umkehren, Sie halten’s nicht aus!“

Sie machte eine heftig verneinende Bewegung. „Nein, nein, es geht vorüber! Ich bin nur müde, lasten Sie mich einige Minuten ausruhen! Haben wir noch weit bis N.?“

„Zwei volle Stunden bis zur Wallfahrtskirche, und dann noch ein gutes Stück bis zum Dorfe hinauf, denn die ‚wilde Klamm‘ ist jetzt nicht zu passiren. Das Schlimmste vom ganzen Wege haben wir noch vor uns!“

Das junge Mädchen schauerte leise zusammen, ob vor dem Wege oder vor dem Orte, den er nannte, sie gab keine Antwort. Der Bauer begriff trotzdem, daß von Umkehr nicht die Rede sei, er blieb also an ihrer Seite stehen und wartete geduldig auf den Wiederaufbruch.

„Hab’ ich doch gemeint, wir Zwei seien die Einzigen unterwegs!“ begann er plötzlich wieder, „und da kommt Hochwürden der Herr Caplan grade vom Ecken-Hof herunter! Der scheut auch nicht Weg, nicht Wetter, er ist wahrhaftig heute von N. gekommen, weil im Ecken-Hof ein Krankes liegt!“

Es war in der That der junge Caplan des Pfarrer Clemens, der aus dem Gehöfte hervorkam und gleichfalls die Höhe erstieg, er blickte flüchtig auf den Bauer, der ehrfurchtsvoll grüßend am Wege stand, und mit seiner breiten Gestalt völlig die des jungen Mädchens verdeckte.

„Bist Du auch unterwegs, Ambros?“ fragte er im Vorübergehen.

„Ja, Hochwürden, aber nicht allein! Ich verdiene mir ein Führerlohn bei der Dame da –“ er wich bei den letzten Worten seitwärts und gab den Anblick seiner Begleiterin frei, kam aber nicht weiter in seinen Auseinandersetzungen, denn was er sah, dünkte ihm doch etwas befremdlich.

Der Caplan stand da – als habe einer der Berggeister, von denen die Sagen des Gebirges erzählen, ihn auf einmal berührt und in Stein verwandelt, nur das Auge flammte auf, groß und dunkel, und nur der Blick allein redete, aber er sagte genug. Sie war wohl mehr dämonisch als zärtlich, diese Gluth, die so plötzlich wieder aus der Tiefe hervorbrach, aber sie schien auch das einzige Leben zu sein in diesen starren Zügen.

Auch das junge Mädchen war aufgezuckt bei seinem Erscheinen und einen Augenblick schien es, als wolle der heiße Purpur wieder ihr Antlitz überfluthen, doch es kam nicht dazu, kaum daß ein schwacher Hauch von Röthe es überflog, und auch der schwand schon in der nächsten Minute, um der früheren tiefen Blässe wieder Platz zu machen. Ihre Kräfte hätten doch wohl nicht ausgereicht zu dem ganzen Wege, aber wenn diese unerwartete Begegnung, die sie ja allein nur suchte, ihr auch erwünscht kam – leichter war ihr dabei nicht geworden.

„Das Fräulein will nach N. zum Pfarrer Clemens,“ nahm der Bauer endlich das Wort, als er sah, daß Niemand von den Beiden redete.

„Das ist jetzt nicht mehr nöthig!“ unterbrach ihn seine Begleiterin leise, aber mit sichtbarer Anstrengung. „Ich kann auch – ich werde es auch dem Pater Benedict mittheilen können, was mich herführte. Erwarten Sie mich dort unten im Gehöft, in einer Viertelstunde bin ich wieder bei Ihnen.“

Der Bauer nickte und nach nochmaligem ehrfurchtsvollem Gruße gegen den Caplan trollte er ab. Er war sehr froh, sein Führerlohn so leichten Kaufes verdient zu haben, ohne den beschwerlichen Weg machen zu müssen, und fand es gar nicht auffallend, daß auch die junge Dame diesen scheute und es deshalb vorzog, sich dem Caplan anzuvertrauen, der ihre Botschaft oder ihr Anliegen ja jedenfalls dem Pfarrer überbrachte. Er sprach einstweilen in dem Gehöfte ein und wartete dort verabredetermaßen.

Benedict und Lucie waren allein zurückgeblieben. Sie befanden sich hier in halber Höhe des Gebirges, das einen seiner großartigsten Punkte vor ihnen aufrollte. Dort drüben thürmten sich in schwindelnder Höhe die riesigen Gipfel der „steilen Wand“ empor; sie war völlig klar heute, weißleuchtend lag der Schnee auf den Spitzen, in den Schluchten und Scharten des gigantischen Felskolosses, aber noch jagte graues Sturmgewölk darüber hin und warf ein trübes, mattes Licht auf ihn und auf die ganze Umgebung. Ringsum nur Tannenwipfel, so weit das Auge reichte, an den Bergen, an den Felswänden, bis dort hinauf, wo der Schnee begann, überall nur das einförmige ewig dunkle Grün und tief unten im Thale der Bergstrom, der wie ein kochender Strahl aus den Tannen hervorbrach, zwischen ihnen verschwand und sich dann weiß schäumend auf’s Neue hervorwand, sein dumpfes Brausen drang fern und undeutlich herauf, der einzige Laut in der großartigen schweigenden Einsamkeit.

„Sie wollten zu Pfarrer Clemens, mein Fräulein?“ begann Benedict endlich die Unterredung.

Lucie schüttelte das Haupt. „Nicht zu ihm,“ entgegnete sie leise; „ich hoffte, Sie am sichersten dort zu finden. – Ich suchte Sie allein!“

„Mich!“ Es war ein stürmisches Aufwogen in seiner Stimme, aber es sank sofort wieder bei dem Blick auf ihr Gesicht. Was war aus diesem Kinderantlitz geworden, seit er es zum letzten Male gesehen! „Mich!“ wiederholte er langsam, „und was konnte Sie zu mir führen?“

Lucie schwieg. Jetzt, wo sie vor der Entscheidung stand, drohte der Muth zusammenzubrechen, der sie bisher aufrecht erhalten, sie hatte den Bruder retten wollen und fühlte doch jetzt, daß sie zu viel unternommen, daß sie eher seine Gefangenschaft, seine Gefahr ertragen hätte, Alles – nur nicht seine Rettung um diesen Preis!

Benedict sah den Kampf in ihren Zügen. „Kostet es Ihnen so schwere Ueberwindung, auch nur das Wort an mich zu richten?“ fragte er bitter. „Ich begreife es, nach dem, was geschehen ist, aber Sie werden sich doch wohl entschließen müssen, noch einmal zu dem Verhaßten zu sprechen, wenn ich anders Ihren Wunsch erfahren soll!“

Er zog den Mantel fester um die Schultern. Luciens Blick heftete sich wie in angstvollem Forschen auf diesen Mantel von dunklem einfachen Tuche, als suche oder – fürchte sie dort etwas, aber der Saum verschwand völlig in den Falten, er ließ sich nicht verfolgen.

„Ich habe eine Frage an Sie,“ sagte sie endlich fast unhörbar, „und eine Bitte!“

„Nun wohl, ich warte.“

Es lag eine seltsame Härte in dem Ton, es war überhaupt etwas Hartes, Starres in seinem ganzen Wesen; Lucie wußte wohl, daß es schwinden würde, wenn sie das Auge zu ihm emporhob, aber sie wußte auch, daß es um ihre Fassung geschehen war, wenn er sich jetzt nicht herb und hart zeigte, ihr Blick blieb an den Boden geheftet.

„Es betrifft den Tod des Grafen Rhaneck –“

Sie schwieg plötzlich, es schien ihr, als sei er aufgezuckt bei dem Namen, aber eine Antwort erfolgte nicht.

„Man sagt, er sei –“ sie hielt wieder inne, das entsetzliche Wort konnte nicht über ihre Lippen, „es sei kein bloßes Unglück gewesen, dem er zum Opfer gefallen.“

Wieder dies entsetzliche Schweigen. Benedict blieb stumm, Lucie wagte es noch immer nicht, ihn anzublicken, aber sie raffte den letzten Rest ihrer Kraft zusammen.

„Die Gerichte haben sich bereits der Sache bemächtigt. Man beschuldigt meinen Bruder – er ist gestern verhaftet worden.“

Jetzt zum ersten Male zuckte er wirklich auf, sie sah, wie seine Hand sich krampfhaft ballte.

„Günther? Ah!“

Es war ein Ausruf halb der Wuth und halb des Entsetzens, aber es blitzte dabei etwas wie ein Hoffnungsstrahl auf in der Seele des jungen Mädchens.

„Sie wußten es nicht?“

„Wir sind seit drei Tagen abgeschnitten von der Ebene, selbst die gewöhnlichen Boten kommen nicht mehr zu uns herauf. Ich ahnte nicht, daß man überhaupt Verdacht hegte, sonst –“

„Sonst wären Sie gekommen und hätten Bernhard gerettet – ich wußte es!“

[206] Benedict trat zurück und sah sie starr an, aber das vollste Entsetzen lag in diesem Blick. „Ich? Lucie, allmächtiger Gott, wer hat Sie gelehrt die Rettung bei mir zu suchen?“

Die bebenden Lippen des jungen Mädchens versagten ihr fast die Worte. „Ich – ich ahnte es, daß die Hülfe nur hier zu finden sei. Mein Bruder ist gefangen, seine Ehre, sein Leben steht auf dem Spiel. Retten Sie ihn!“

[232] Jetzt endlich sah Lucie Benedict an, aber es war ein Ausdruck der Todesangst in diesem Blick, und doch galt ihr Flehen in diesem Augenblick nicht dem Bruder. Nicht die Verweigerung, die Gewährung der Bitte war es ja, die sie fürchtete. Wäre er jetzt befremdet zurückgetreten, hätte er gesagt: „Ich kann nicht, mein Fräulein, mir fehlt jede Macht dazu“ – ihr eignes Leben und Bernhard’s Freiheit hätte sie hingegeben für das eine Wort aus seinem Munde, aber dies Wort kam nicht, er sah sie an, nur einen Moment lang, dann wandte er sich plötzlich ab und – schwieg.

Lucie wußte genug! Sie schlang den Arm um den noch aufrecht stehenden Stamm des gestürzten Heiligenbildes und lehnte halb bewußtlos das Haupt an das feuchte Holz. Einige Secunden vergingen so, sie standen so nahe bei einander und doch gähnte eine Kluft zwischen ihnen, tiefer als jene, in der Ottfried den Tod gefunden. Ueber ihnen der graue Himmel mit den jagenden gährenden Wolkenmassen, um sie her die rauschenden Tannenwipfel und tief unten der Fluß mit seinem dumpfen Brausen.

Erst Benedict’s Stimme rief das junge Mädchen wieder zur Besinnung zurück, er stand jetzt neben ihr.

„Ich will nicht fragen, wer Ihnen das Geheimniß verrathen hat, das Sie wissen müssen, um so mit mir zu sprechen, aber Sie kamen zur rechten Zeit. Zittern Sie nicht so angstvoll um den Bruder, Lucie, seine Gefahr ist zu Ende mit meinem Schweigen! Hätte ich gewußt, daß der Verdacht sich auf einen Unschuldigen richtet, es wäre längst gebrochen. Ich habe jetzt nichts mehr zu schonen.“

Lucie ließ die Stütze fahren und richtete sich empor. „Sie kennen also – den Thäter?“

Es folgte eine secundenlange Pause. „Ja!“ sagte er endlich schwer.

„Und Sie werden ihn nennen?“

„Ich werde!“

„Ich danke Ihnen!“ Sie wandte sich um und wollte gehen, aber es war jetzt zu Ende mit ihrer Kraft. Die Last war auch zu schwer für das junge Wesen, das bis vor wenig Tagen noch kaum gewußt hatte, was Schmerz sei, sie schwankte und war im Begriff zu sinken, doch in demselben Moment war Benedict auch schon an ihrer Seite und fing sie in seinen Armen auf.

„Lucie!“

Sie zuckte zusammen bei der Berührung seiner Hand, als habe die Spitze eines Messers sie getroffen; ihre ganze Gestalt bebte krampfhaft in seinen Armen und doch entzog sie sich ihnen nicht.

„Lucie, verdammst Du mein Schweigen? Es war das letzte Opfer, das ich Jenen brachte! Der Orden befahl und ich gehorchte, aber jetzt werde ich reden, und brächte das Wort mir auch zehnfaches Verderben. Ich habe den Muth, die ganze Wuth des Klosters herauszufordern, aber ich ertrage es nicht, daß Du, Du Dich so von mir wendest!“

Mitten durch die starre Härte seines Wesens brach wieder der Ton der alten Weichheit, brach ein Strahl heißer, leidenschaftlicher Zärtlichkeit, und der Ton, der Blick, sie scheuchten Alles weg, was so drohend zwischen ihnen stand; stumm, bebend noch, aber mit dem Ausdruck unendlicher Hingebung legte Lucie das Haupt an seine Schulter und sah zu ihm auf – er las es jetzt auch in diesen Augen, daß er nicht mehr gehaßt wurde.

Er hatte nichts von dem berauschenden Glück der Liebe, dieser Augenblick, wo sich zwei Herzen endlich fanden. Wohl wollte es aufglühen in den Zügen des jungen Priesters, aber eine Eiseshand schien dort Alles niederzuhalten und das liebliche Antlitz, das zu ihm emporblickte, war bleich wie der Tod. Und dennoch, für den Moment versank alles Andere um sie her, selbst die düstere Felsenkluft mit den unheimlich zischenden Wellen und ihrem gespenstigen Drohen. Fern und ferner verklang jenes Zischen und Tosen und endlich löste es sich auf in das leise melodische Rieseln einer Quelle. Die starren Felsen wichen zurück und statt ihrer umrauschte sie wieder der sonnige Wald, umdufteten sie die weißen Blüthen. Der Waldeszauber von damals hatte doch Recht behalten, die unsichtbaren Fäden, welche er gesponnen, hielten fest für alle Ewigkeit, selbst diese furchtbare Stunde hatte nicht vermocht, sie zu zerreißen.

Langsam ließ Benedict das junge Mädchen aus den Armen, nur ihre Hand behielt er noch fest in der seinigen. Der Moment des Traumes war vorüber und der drohende Ernst der Gegenwart forderte gebieterisch sein Recht.

„Ich kann Sie nicht sofort begleiten, ich muß zurück zum Pfarrer Clemens, aber heute Abend noch bin ich in E. und morgen ist Ihr Bruder frei. Fürchten Sie nicht, daß mich etwas zurückhalten könnte, ich weiß jetzt, wo allein meine Pflicht liegt.“

Lucie erwiderte nichts, es giebt Minuten wo selbst die Kraft zum Leiden fehlt, und die ihrige hatte sich in dieser letzten Viertelstunde erschöpft, sie folgte ihm willenlos, als er, ihre Hand noch immer festhaltend, sie zu dem Gehöfte hinunterführte, wo der Bauer ihnen bereits entgegentrat.

„Ambros, ich kann mich darauf verlassen, daß Du die Dame sicher bis zu ihrem Wagen zurückbringst?“

„Keine Sorge, Hochwürden, ich stehe ein für das junge Fräulein.“

Benedict ließ ihre Hand fahren. „So leben Sie wohl!“

Die Gegenwart des fremden Mannes verbot jedes fernere Abschiedswort, gleich darauf befand sich Lucie an seiner Seite und trat mit ihm den Rückweg an.

Nach einer Weile wandte der Bauer sich um. „Der Herr Caplan scheint große Sorge zu haben, wie wir hinabkommen,“ sagte er gutmüthig, „er steht noch immer und schaut uns nach!“

Lucie blieb gleichfalls stehen und folgte der Richtung seines Armes. Da stand die hohe Gestalt noch immer auf der Höhe, neben dem zerschmetterten Heiligenbilde, ihr unverwandt nachschauend, und von den Schultern flatterte der verhängnißvolle dunkle Mantel, dessen Falten jetzt dem Winde preisgegeben waren. Morgen war Bernhard frei, er hatte es ihr versprochen – aber um welchen Preis!




Am nächsten Morgen erschien ein junger Geistlicher, der schon am Abend vorher spät in E. angelangt war, vor dem dortigen Gefängnisse und verlangte den in Untersuchungshaft befindlichen Gutsherrn von Dobra zu sprechen. Das Benedictinergewand und die Abzeichen des hochverehrten Stiftes, welche er trug, öffneten ihm sofort alle Thüren. Man befürchtete nur, daß sich Günther schwerlich bereit finden lassen werde, einen katholischen Priester zu empfangen; wider Erwarten aber willigte er sofort ein, als ihm Pater Benedict genannt ward, und diesem, der, wie man glaubte, im Auftrage des Prälaten kam, gelang es auch, ein ungestörtes Alleinsein mit dem Gefangenen durchzusetzen.

Die Unterredung war lang und inhaltvoll gewesen, man sah es an dem Gesicht Günther’s, das seinen sonst so ruhigen gleichgültigen Charakter völlig verleugnete, es sprach ein unverhülltes Grauen, zugleich aber auch eine tiefe Bewegung daraus, als er dem jungen Priester die Hand reichte und einfach sagte: „Ich danke Ihnen!“

Benedict’s Züge waren unbewegt geblieben, stumm und düster nahm er den Dank in Empfang und wandte sich dann zum Gehen, Bernhard hielt ihn zurück.

„Sie wollen nach dem Stifte?“

[233] „Zum Prälaten! Er vertraut bei alledem noch meinem Schweigen, ich mag es nicht heimlich, nicht hinterrücks brechen, er soll wissen, was er von mir zu erwarten hat. Sie haben mein Bekenntniß, haben es schriftlich für alle Fälle, machen Sie davon Gebrauch zu Ihrer Rettung, wenn man etwa Lust zeigen sollte, mich – verschwinden zu lassen.“

„Und warum stellten Sie es dann nicht zuerst in den Schutz der Gerichte?“ fragte Günther rasch.

Ein Ausdruck des Hohnes überflog Benedict’s Züge. „Weil ich weiß, wie weit die Macht unseres Stiftes reicht! Der Prälat würde den ersten Wink erhalten! Ich ziehe es denn doch vor, ihm freiwillig gegenüberzutreten, als ihm als ‚geisteskrank‘, wie es heißen würde, ausgeliefert zu werden. Hier giebt es nur ein Mittel, die vollste Oeffentlichkeit und das Zeugniß von Hunderten. Und müßte ich auch die Kirche entweihen mit meiner Anklage, die Schuld fällt auf Jene, die mir keinen andern Ausweg übrig ließen.“

Er wandte sich von Neuem der Thür zu, Günther hielt ihn zum zweiten Male zurück.

„Der Prälat ist ein ehemaliger Graf Rhaneck?“

„Der Bruder des Majoratsherrn.“

„Und wann sahen Sie diesen zum letzten Male?“

Das Auge des jungen Priesters sank zu Boden. „An der Leiche seines einzigen Sohnes!“ entgegnete er tonlos.

„Seines einzigen? Er hatte zwei Söhne!“

Benedict schüttelte den Kopf. „Graf Ottfried besaß keinen Bruder, so viel ich weiß.“

„Sie können es auch nicht wissen, Bruno!“ sagte Günther plötzlich fest und scharf. „Man hat es gerade Ihnen von jeher auf das Sorgfältigste verhehlt.“

„Woher kennen Sie meinen früheren Namen?“ fragte Benedict befremdet aufblickend. „Wir sind einander nie begegnet, bevor ich in den Orden trat.“

Günther umging die Antwort. „Sie sind dem Grafen Rhaneck befreundet?“ fragte er seinerseits.

„Ich verdanke ihm Alles, meine Erziehung, meine Ausbildung; er nahm sich des armen Knaben an –“

„Des armen Knaben!“ unterbrach ihn Jener bitter. „Sie waren nicht arm, Bruno, wenigstens von Vaters Seiten nicht, und Sie brauchten dem Grafen nicht zu danken für das, was er Ihnen gab. Anklagen hätten Sie ihn sollen, wegen des armseligen Almosens, mit dem er den Diebstahl wieder gut machen wollte, den er an dem Namen und Recht seines ältesten Sohnes beging!“

Benedict fuhr mit dem Ausdruck des vollsten Entsetzens zurück. „An mir?“

„An Ihnen, Bruno Rhaneck! Ihnen allein gebührte die Stellung, die Graf Ottfried in der Welt einnahm.“

Der junge Priester stand da, wie vom Blitze getroffen, jeder Blutstropfen war aus seinem Antlitz gewichen, plötzlich schlug er beide Hände vor das Gesicht und sank wie vernichtet in einen Stuhl.

Günther war zu ihm getreten und wartete schweigend einige Minuten lang den Ausbruch der Erschütterung ab, endlich legte er die Hand leise auf seine Schulter.

„Und Sie fragen mich nicht nach Ihrer Mutter?“ sagte er vorwurfsvoll.

Benedict ließ die Hände sinken, das Antlitz war noch so farblos als vorhin.

„Ich weiß, daß es von jeher nur eine Gräfin Rhaneck gab,“ entgegnete er dumpf, „und daß diese meine Mutter nicht ist. Ersparen Sie es mir, die meinige – verachten zu müssen.“

Günther’s Stirn umwölkte sich. „Werfen Sie Ihre Verachtung nach einer anderen Seite, die Mutter verdient sie nicht! Vor Gott war sie die einzig rechtmäßige Gemahlin, Sie waren der einzig legitime Sohn des Grafen; Ihrem Oheim, dem Prälaten, gebührt das Verdienst, den Altar, den er in seinem Glauben vertritt, in einem anderen verleugnet und das Band zerrissen zu haben, das dort geknüpft ward. Jetzt freilich würde ihm nicht mehr gelingen, was er damals mit dem Gesetze in der Hand vollbrachte.“

Benedict sprang auf, aber die dumpfe Verzweiflung in seinen Zügen machte jetzt einer anderen, drohenderen Empfindung Platz.

„Meine Eltern waren – vermählt?“

„Ja! Aber werden Sie erst ruhiger, Bruno, so können Sie mich ja weder fassen noch verstehen.“

Die Ermahnung war nothwendig, aber sie nützte nichts, Benedict rang vergebens mit seiner furchtbaren Aufregung, er vermochte nicht ihrer Herr zu werden. Günther trat ihm beschwichtigend näher.

„Ich fragte Sie schon einmal nach Ihrer Herkunft, nach einer Aehnlichkeit, die mir auffiel. Ich wußte, woher sie stammte, aber ich wollte wissen, ob auch Sie eine Ahnung davon hätten. Ihre Antwort zeigte mir, daß es nicht der Fall sei, damals mochte ich Ihnen mein Geheimniß nicht aufdringen, den jungen Mönch, den ich fanatisch begeistert wähnte für seinen Beruf, hätte es nur unglücklich gemacht, jetzt habe ich keinen Grund mehr zu schweigen. Wollen Sie mich hören?“

Der junge Priester entzog ihm heftig seine Hand und machte rasch einen Gang durch das Gemach. Als er zurückkehrte, war die Ruhe, äußerlich wenigstens, erzwungen, er blieb dicht vor Günther stehen.

„Ich höre!“

„Vor etwa vierundzwanzig Jahren,“ begann dieser, „machte mich der Zufall zum Zeugen eines Duells. Ich half, das Opfer desselben in seine Wohnung bringen und erlebte dort eine herzzerreißende Scene, die Verzweiflung einer jungen Frau, die mit dem Todten ihren einzigen Schutz und Beistand auf Erden verlor. Der Arzt, der jenem Zweikampfe beigewohnt, nahm sich später der ganz Verlassenen an und gewährte ihr eine Zuflucht in seinem Hause. Dort sah ich sie öfter und dort erfuhr ich schließlich auch die Namen und die näheren Umstände, die in den betreffenden Kreisen kein Geheimniß waren.“

Benedict hörte schweigend zu, ohne durch einen Laut oder eine Bewegung die Erzählung zu unterbrechen, aber sein Auge hing unverwandt an den Lippen des Sprechenden.

„Damals war Graf Rhaneck noch keineswegs der voraussichtliche Majoratserbe,“ fuhr dieser fort. „Als jüngster Sohn des Hauses war er größtentheils auf seine eigene Laufbahn angewiesen, und aus diesem Grunde in die Armee unseres Staates übergetreten, um schneller Carrière zu machen. Er lernte ein achtzehnjähriges Mädchen kennen, eine Waise aus bürgerlicher protestantischer Familie, die bei ihrem Bruder, einem Arzte, lebte, der mit angestrengter Thätigkeit sich und die Schwester erhielt. Der junge Officier mit seiner bestechenden Persönlichkeit und seinen glänzenden Eigenschaften errang bald genug den Sieg, aber er wußte, daß er die Geliebte nur als Gattin besitzen konnte, und er war jung und leidenschaftlich genug, sie auch wirklich zum Altare zu führen. Seine ahnenstolze, streng katholische Familie durfte natürlich von diesem Schritt nichts wissen, der ihr bei der Entfernung auch leicht zu verbergen war, und da ein katholischer Priester sich geweigert hätte, die Ehe einzusegnen, so vollzog ein protestantischer Geistlicher, dessen Bedenken man zu besiegen gewußt hatte, die Trauung, welcher nur der Bruder der Braut und ein Freund desselben als Zeugen beiwohnten. Es mögen dabei wohl manche von den Förmlichkeiten, welche die Gesetze damals noch bei einer Verbindung zwischen dem hohen Adel und dem Bürgerthum, zwischen Katholik und Protestantin, zwischen den Angehörigen verschiedener Staaten verlangten, unterblieben sein. Man scheute vermuthlich das Aufsehen, die Streitigkeiten mit den Priestern, mit der Familie; Absicht war es wohl nicht, einer solchen Niederträchtigkeit möchte ich den Grafen denn doch nicht zeihen. Genug, man ließ es bei der einfachen kirchlichen Trauung bewenden, der jungen Frau war es genug, daß die Hand des Geistlichen sie am Altar ihrem Gatten vermählte, diesem schien es genügend, und die Ehe dauerte ungefähr ein Jahr lang.

Da plötzlich starb der älteste Bruder des Grafen, der Majoratserbe, der zweite war bereits im Kloster, und Titel und Güter der Familie fielen so dem jüngsten zu, der sofort nach Rhaneck berufen wurde. Die drei Monate, welche er dort zubrachte, wurden verhängnißvoll für drei Menschenleben. Er wagte es nicht, seine Vermählung dem Vater einzugestehen, und vertraute sich dem Bruder an. Der Prälat, von seinem Standpunkte aus, sah in dieser Ehe eines Rhaneck mit einer Bürgerlichen, eines Katholiken mit der Protestantin ein Verbrechen; er ist eine eiserne, mitleidslose Natur, ich habe es gesehen bei unserer ersten Begegnung. In der Minute, in welcher er von der Verbindung [234] erfuhr, war auch ihr Todesurtheil gesprochen. Ob und welche Kämpfe es gegeben, ob man Bitten, Drohungen oder Ueberredung angewendet, mag dahin gestellt bleiben; genug, die Familie siegte, der Graf trennte sich von seiner Gemahlin und diese erhielt zugleich mit der Nachricht, daß er seine Ehe für nichtig erkläre, das Anerbieten einer Entschädigung, wenn sie freiwillig zurücktrete. Beides kam von der Hand des Prälaten, Graf Ottfried hatte denn doch nicht die Stirn gehabt, sein Weib in solcher Weise zu beschimpfen.“

Benedict schwieg noch immer, nur in seinem Auge glühte es seltsam und unglückverheißend: was er auch empfinden mochte bei diesen Aufschlüssen über das Geschick seiner Mutter, Weichheit war diese Empfindung sicher nicht.

„Ich will Ihnen die ausführliche Beschreibung dessen, was nun folgte, ersparen,“ sagte Günther rascher, denn er mochte wohl fühlen, daß seine Erzählung einer Folter gleichkam. „Die Gräfin vertheidigte vergebens ihr und ihres Sohnes Recht, sie mußte jetzt das Vertrauen büßen, das sie einst in argloser Liebe dem Gatten entgegengetragen. Der Graf und der Prälat siegten, denn sie hatten den Buchstaben des Gesetzes für sich. Die einseitig protestantische Trauung ward nicht anerkannt, die ohne Einwilligung der Familie geschlossene, im Auslande vollzogene Ehe für nichtig erklärt, und der Spruch der Gerichte raubte der Mutter und ihrem Kinde Namen und Ehre. Ihr Bruder hatte bis zum letzten Augenblicke dafür gekämpft, jetzt schlug er das Einzige in die Schanze, was ihm noch übrig blieb, sein Leben. Er forderte den Grafen und dieser stellte sich ihm; aber die Hand des Arztes wußte nur schlecht mit Pistolen umzugehen, er fehlte.“

„Und Graf Rhaneck?“

„Der Graf – schoß den Bruder seines Weibes nieder!“

Es entstand eine Pause, aber Bernhard trat plötzlich auf den jungen Priester zu und legte, wie in erwachender Besorgniß, die Hand auf dessen Arm.

„Wischen Sie den Zug da weg von Ihrer Stirn, Bruno!“ sagte er ernst, „er verheißt immer nur Unglück oder Verbrechen. So, gerade so sah Ihr Vater aus, als Ihr Oheim von seiner Hand fiel. Dem geübten Schützen wäre es ein Leichtes gewesen, den Gegner nur zu verwunden; aber dieser Rhaneck’sche Zug stand auch auf seiner Stirn, und er forderte gebieterisch den Tod Dessen, der ihn öffentlich einen Schurken genannt. Hüten Sie sich vor dieser Ader Ihres Geschlechts; es ist das Einzige, was Sie von ihm ererbt haben, aber Sie kann auch Ihnen zum Verhängniß werden.“

Benedict fuhr langsam mit der Hand über die Stirn. „Fürchten Sie nichts! Sie soll sich gegen dies Geschlecht wenden, so wahr – so wahr ich meine Mutter an ihm zu rächen habe! Es hat auch ihren Tod auf dem Gewissen, nicht?“

„Sie überlebte den doppelten Schlag nicht lange. Das Kind wurde von dem Vater in Anspruch genommen. Er hatte jenem zwar Alles geraubt, worauf ihm die Geburt ein heiliges Recht gegeben; aber ihm ließ man nichtsdestoweniger das Recht, den Knaben seiner Heimath und dem Glauben, in dem er auf Wunsch der Mutter getauft war, zu entreißen, um ihn den Händen seines Bruders zu übergeben und endlich in’s Kloster zu stecken. Die Kirche forderte wohl diese Sühne für jene ‚Vereinigung‘, und die ‚Priesterweihe‘ sollte den letzten Rest des ‚Ketzerblutes‘ tilgen, das es gewagt hatte, sich mit dem Rhaneck’schen zu vermischen.“

„Sie sollen dies Blut kennen lernen! Noch Eins – was Sie mir sagten, ist nicht nur gehört, sondern verbürgt?“

„Ich stehe für jedes Wort ein, das ich gesprochen, wenn es sein muß, mit meinem Schwur.“

„So haben Sie Dank für Ihre Mittheilung. Mein Entschluß war vorher gefaßt, aber Sie nehmen ihm das Schwerste. Das Gefühl der Dankbarkeit machte mich immer noch feig den Beiden gegenüber; jetzt weiß ich, daß der Haß Recht behalten hat, der sich immer und immer in mir gegen sie aufbäumte, weiß, wer hier zu richten hat – ich gehe zum Prälaten.“

[237] Im Stifte sollte das feierliche Todtenamt für den jungen Grafen Rhaneck gehalten werden. Der Rang und Name des Verstorbenen und die Umstände seines Todes erhoben diese Feier zu einer außergewöhnlichen, die selbstverständlich all den kirchlichen Pomp und Glanz beanspruchte, den ihr düsterer Charakter nur gestattete. Der ganze Adel der Umgegend erschien, um den Eltern seine Theilnahme zu beweisen, aber auch die sämmtlichen Dorfschaften, welche unter der Herrschaft des Stiftes oder des Schlosses Rhaneck standen, hatten ihre Bewohner gesandt, es galt ja dem Neffen des Prälaten und dem Sohne des Majoratsherrn. Die Landleute drängten sich noch sämmtlich in dem Klosterhofe, um zu sehen, wie der Prälat an der Spitze seiner Geistlichkeit und begleitet von dem Adel und den Beamten der Umgegend sich in die Kirche begeben werde.

Die Gräfin Rhaneck hatte den ersten furchtbaren Schlag einigermaßen überwunden, aber ihr Zustand gestattete ihr noch immer nicht, einer so aufregenden Feier beizuwohnen, der Graf dagegen war erschienen und hatte sich bis zum Beginn derselben in die Gemächer seines Bruders zurückgezogen.

Seine Uniform trug heute die Abzeichen tiefer Trauer, und wer ihn so sah, wie er im Armsessel saß, den Kopf in die Hand gestützt, das Auge düster vor sich hinstarrend, der hätte in ihm kaum den noch immer schönen, lebenskräftigen Mann wiedererkannt, die wenigen Tage hatten ihm etwas Greisenhaftes gegeben. Der Prälat, der kalt, selbstbewußt und energisch wie immer neben ihm stand, erschien heute als der Jüngere von Beiden.

„Quäle Dich und mich doch nicht mit solchen Sorgen, Ottfried!“ sagte er nachdrücklich. „Die Beweise gegen diesen Günther sind nicht erschöpfend genug, um ihm ernstlich etwas anzuhaben. Wir können ruhig der Untersuchung zusehen, im schlimmsten Falle bleibt es uns immer noch, unseren Einfluß geltend zu machen, um das Aeußerste zu verhüten.“

Rhaneck’s Antlitz hellte sich nicht auf, trotz dieses Zuredens. „Du hast ihn schon einmal vergebens geltend gemacht, als es sich darum handelte, die Untersuchung überhaupt zu verhindern, es gelang Dir nicht.“

Der Prälat zog die Stirn in Falten. „Dieser neue Landrichter ist eine höchst unbequeme Persönlichkeit, die erste dieser Art, die man uns nach E. schickte; ich werde sorgen, daß er nicht allzulange dort bleibt. Aber ich wiederhole es Dir, diese Kette von Zufälligkeiten war genug, Günther zu verhaften, nicht ihn zu verurtheilen, dazu gehören andere Beweise, man wird ihn wegen Mangels derselben freisprechen müssen.“

„Und damit einen ewigen Makel auf seine Ehre werfen.“

„Willst Du es unternehmen, ihn davon zu reinigen, so thue es!“ sagte der Prälat scharf.

Der Graf machte heftig eine abwehrende Bewegung und wandte sich nach dem Fenster, seine Augen schweiften theilnahmlos über die Landschaft draußen, aber man sah es, seine Gedanken waren ganz wo anders. Der Prälat schwieg, doch ein leiser Ausdruck von Befriedigung lag in seinem Blick; ihm war es vielleicht nicht unlieb, daß die Untersuchung gerade diese Wendung genommen; wurde damit doch ein Feind unschädlich gemacht, der mit seinen Neuerungen und seiner Autorität die ganze Gegend bedrohte; was galt ihm die bedrohte Freiheit und Ehre dieses Mannes! Er war künftig machtlos dem Volke gegenüber, wenn ein solcher Flecken an seinem Namen haften blieb.

„Hast Du – hast Du die Maßregeln ausgeführt, von denen Du mir schriebst?“ fragte der Graf plötzlich. Die Frage kam bebend und leise von seinen Lippen und er wandte sich dabei nicht um, um dem Auge des Bruders begegnen zu müssen.

„Ich habe!“ erwiderte dieser ruhig. „Das Hochgebirge war seit drei Tagen abgeschnitten von uns, erst seit gestern sind die Wege wieder passirbar, ich habe das sofort benutzt, um einen Boten hinaufzusenden. Er bringt Benedict meinen Befehl, N. unverzüglich zu verlassen und nach dem Kloster abzureisen, das ich ihm bezeichnete. Der Bote muß ihn gestern noch erreicht haben, und jetzt ist er jedenfalls schon auf dem Wege nach seinem neuen Bestimmungsorte.“

„Und nach welchem Kloster hast Du ihn gesandt?“ Es klang durch die Frage wieder etwas von der früheren Angst hindurch.

„Ottfried, die Angelegenheit liegt in meinen Händen,“ sagte der Prälat kalt, „laß sie mich auch allein zu Ende führen. Es handelt sich jetzt nur darum, Benedict fern zu halten, und zu verhindern, daß man ihn zu einem Zeugniß herruft, ich werde es verhindern – wegen des Weiteren frage mich nicht.“

Mit einem schweren Seufzer ließ sich der Graf wieder nieder. Sein Bruder hatte richtig gerechnet, er ließ den einst so leidenschaftlich vertheidigten Schützling widerstandlos in seinen Händen – der Schlag hatte zu hart getroffen.

[238] Die Thür ward leise geöffnet und der Kammerdiener erschien in derselben.

„Ist es schon Zeit für die Kirche?“ fragte der Prälat sich umblickend.

„Noch nicht, Euer Gnaden, aber der Herr Pater Benedict wünscht –“

„Wer?“ fuhr der Prälat auf, während auch Rhaneck bei dem Namen emporzuckte.

„Herr Pater Benedict wünscht, sofort vorgelassen zu werden und –“ weiter kam der Meldende nicht, denn der Genannte stand bereits neben ihm auf der Schwelle und sagte fast gebietend:

„Lassen Sie es gut sein! Der Herr Prälat wird mich empfangen!“

Der Kammerdiener erschrak beinahe vor diesem Tone, er hatte so gar nichts mehr von der Art, mit der ein Mönch bei seinem Oberen eintritt. Pater Benedict that ja, als hätte er hier zu befehlen, und er drängte auch wirklich den Mann zurück in’s Vorzimmer, schloß die Thür und schritt rasch durch das Gemach auf den Prälaten zu.

Der Graf war bei seinem Erscheinen aufgesprungen und schaute ihn mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Angst und Schmerz an, aber der junge Priester sah das nicht, oder wollte es nicht sehen, er streifte fast den Arm Rhaneck’s, ohne auch nur mit einem Blicke von ihm Notiz zu nehmen.

Vor dem Abte blieb er stehen und verneigte sich, es war noch der übliche Klostergruß, aber es schien, als habe der Nacken des Mönches es auf einmal verlernt, sich zu beugen, so gezwungen war die Bewegung. Der Prälat schaute ihn streng an.

„Sie hier, Pater Benedict? Haben Sie meine Botschaft nicht erhalten?“

„Welche Botschaft?“

„Den Befehl, unverzüglich den Pfarrer Clemens zu verlassen und sich nach dem Kloster zu begeben, das ich Ihnen nannte, vor allen Dingen aber das Gebiet von E. nicht wieder zu betreten. Der Brief muß schon gestern Abend in Ihren Händen gewesen sein.“

„Gestern Abend war ich bereits in E.,“ sagte Benedict kalt.

„Und was führte Sie ohne Erlaubniß dorthin?“ frug Jener drohend.

„Die Verhaftung Bernhard Günther’s!“

Der Prälat ballte unwillkürlich die Hand. „Sie wissen –“

„Ich erfuhr, was man mir um jeden Preis verbergen wollte, weshalb ich heimlich entfernt werden sollte, und ich komme, um Sie jetzt zu fragen, Hochwürdigster: verlangen Sie noch mein Schweigen?“

Es kam zu keiner Erwiderung, denn der Graf, der bisher regungslos der Unterredung zugehört, trat jetzt dazwischen.

„Wenn mein Bruder Dein Schweigen forderte,“ sagte er gepreßt, „er hatte Recht, Bruno. Ich verlange es auch von Dir!“

Benedict hatte sich bei dem Klange der Stimme umgewandt, und der unglückverheißende Ausdruck trat wieder in sein Auge.

„Sie auch, Herr Graf? Also wirklich!“

„Laß es an dem einen Opfer genug sein!“ fuhr Rhaneck dumpf, aber fest fort. „Ich will kein zweites, Du sollst Dich nicht auch noch in’s Verderben stürzen!“

Einige Secunden lang stand der junge Priester da und sah ihn völlig verständnißlos an, dann auf einmal blitzte die Wahrheit in ihm auf.

„Ich mich in’s Verderben stürzen?“ brach er heftig aus. „Halten Sie etwa mich, mich für den Mörder Ihres Sohnes?“

„Du bist es nicht?“ schrie der Graf auf und es klang wie der Jubel eines Erlösten von Todesqualen.

„Nein!“

„Gott sei gelobt! – Und Du,“ wandte sich Rhaneck jetzt sprühenden Auges an seinen Bruder, „Du sagtest mir –“

„Ich sagte Dir nichts!“ unterbrach ihn der Prälat finster. „Erinnere Dich, daß Du es warst, der den ersten Argwohn weckte, nicht ich!“

„Aber Du nährtest ihn absichtlich mit Deinem Doppelsinn! Du wußtest, in welche Verzweiflung er mich stürzte, ein Wort von Dir hätte sie lösen können, und Du schwiegst!“

Es war, als sei mit der furchtbaren Last, die von seiner Seele gesunken war, auch die Gebrochenheit verschwunden, er stand wieder aufrecht und fest, das Auge flammte wieder in der alten Leidenschaftlichkeit, und die Stimme klang voll und drohend.

„Der Herr Prälat konnte Ihnen den Thäter nicht nennen!“ sagte Benedict fest. „Sie hätten alsdann Aufschluß über die völlig räthselhafte That verlangt. Er hätte Ihnen zugleich bekennen müssen, wem sie galt und – wer sie befohlen.“

Das Antlitz des Prälaten wurde wieder fahl wie damals, als er die Beichte des jungen Mönches empfing, aber er richtete sich stolz empor.

„Pater Benedict, Sie vergessen, daß Sie vor Ihrem Abte stehen!“

„Vor dem Manne, der meinen Tod beschloß! Ich klage Sie nicht an deswegen, denn ich weiß, es war kein persönlicher Haß. Sie opferten den Ungehorsamen, den Abtrünnigen, der den Orden bedrohte, und es ward Ihnen vielleicht schwer, daß Sie damit gerade mein Todesurtheil aussprechen mußten. Ein Höherer hat Ihnen gezeigt, wer allein Herr ist über Leben und Tod! Der Schlag, der mich vernichten sollte, er traf Ihren Neffen, den Letzten Ihres Stammes und Namens, vor der Welt wenigstens, und vor ihr geht auch das Geschlecht der Rhaneck mit ihm zu Grabe. Sie werden auch das überwinden, denn Sie stehen auf einer Höhe, bei der einem Andern das Blut zu Eis erstarrt, aber es ist eine Höhe, weil ihr nichts Gemeines anhaftet. Wenn Sie noch menschlich fühlten, so hätten Sie dem Grafen wenigstens die Qual ersparen müssen, zu glauben, der Bruder sei von der Hand des eigenen Bruders gefallen!“

Die Wirkung dieser letzten Worte war eine unendlich verschiedene bei den beiden Zuhörern. Der Prälat ließ einen unterdrückten Ausruf der Wuth hören, bei dem Grafen aber rissen sie die letzte Schranke nieder, mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit streckte er beide Arme nach seinem Sohne aus.

„Bruno, Du weißt –?“

Benedict wich finster zurück vor der Umarmung und ein Eisesblick traf den Vater.

„Wer meiner Mutter die Treue brach und sie und mich dann verrieth und verließ? Wer meinen Oheim niederschoß? Ja, das weiß ich, Herr Graf Rhaneck!“

Wenn der Graf Alles ertragen hatte, die schneidende Verachtung in diesen Worten ertrug er nicht. Die Verurtheilung aus dem Munde des Einzigen, was er auf Erden wahrhaft geliebt, warf ihn nieder, wie vernichtet sank er in den Sessel.

Der Prälat behauptete allein seine eiserne Ruhe, dieser Mann war nun einmal nicht zu erschüttern. Er erkannte klar die Gefahr, die diese Entdeckung gerade in solchem Augenblicke brachte, er sah die Macht seinen Händen entgleiten und machte noch einen letzten gewaltsamen Versuch, die Zügel wieder an sich zu reißen.

„Bruno, Du vergißt, daß sich diese Sprache dem Vater und dem Oheim gegenüber nicht ziemt!“ sagte er mit der vollen gebietenden Macht seiner Persönlichkeit. „Dem Sohne meines Bruders und meinem Neffen will ich sie verzeihen. Jetzt aber erinnere Dich, daß Du dem Orden angehörst, und was er von Dir verlangt.“

Benedict kreuzte die Arme, wie um sich zur Ruhe zu zwingen, und wandte seinem Vater den Rücken.

„Sie haben Recht, Hochwürdigster, und deshalb allein kam ich hierher. Ich frage Sie jetzt im Angesichte des letzten Ereignisses: was haben Sie beschlossen?“

„Mein Verbot bleibt in vollster Kraft bestehen! Was zwischen uns Dreien verhandelt ward, bleibt begraben für immer. Du schweigst auch ferner gegen Jeden!“

„Auf die Gefahr von Günther’s Verurtheilung hin?“

„Die Verantwortung fällt auf mich! Du hast nur zu gehorchen!“

Mit einer zuckenden Bewegung richtete sich Benedict auf; als werfe er eine langgetragene Fessel ab, so stand er plötzlich vor dem Abte und es loderte furchtbar auf in seinem Auge.

„Gehorchen und immer nur gehorchen! Das ist Euer ewiges Wort; aber es ist jetzt genug der Sclaverei, jetzt kann ich nicht mehr und jetzt will ich auch nicht mehr! Ihr habt mich in Fesseln geschlagen seit meiner Kindheit, habt mich in Eurem Banne gehalten mein Lebelang, habt eine Scheidewand zwischen mir und der Menschheit aufgerichtet, und wenn ich mich empörte dagegen, dann wurde mir immer und immer das Wort entgegengehalten, [239] mit dem ich mich der Kirche zugeschworen. Ich habe es gehalten unter tausendfachen Kämpfen, es gehalten bis zu diesem Augenblick, denn ich wußte, es galt nur mein Verderben, jetzt aber, wo die Ehre, das Leben eines Anderen auf dem Spiele steht, jetzt gehorche ich nicht, zum Verbrechen lasse ich meinen Eid nicht mißbrauchen! Ihr habt mir die Augen darüber geöffnet, daß ich ihn nicht Gott geschworen, sondern Euch allein, und Ihr habt ihn entweiht, nicht ich! Der Altar, der mich binden soll für alle Ewigkeit, er galt Euch nichts, als es sich darum handelte, meine Mutter von ihrem Gatten zu reißen, Ihr habt mich gelehrt, wie man Eide bricht – ich zerreiße den meinen!“

Es lag eine erschütternde Gewalt in dieser jäh hervorbrechenden Empörung, in diesem endlichen Freiwerden eines jahrelangen Ringens und Kämpfens. Der Prälat sah, daß hier Alles zu spät kam, er wahrte vielleicht nur seine Stellung, als er noch eine letzte Drohung versuchte.

„Also eine förmliche Lossagung! Wir werden Mittel finden, Dich zu zwingen, Abtrünniger!“

Bruno schüttelte die dunklen Locken und zum ersten Male hob sich seine Brust unter dem niegekannten Gefühl der Freiheit.

„Mich zwingt Niemand mehr! Was das Kloster auch beschließen mag, es droht nur dem Mönche, der sich gehorsam dem Befehl seiner Oberen beugt. Wenn ich mit meinem Wortbruch fertig werde – Eure Macht ist zu Ende in dem Augenblick, wo ich sie nicht mehr anerkenne!“

Er wandte sich und verließ das Gemach, auch nicht ein einziger Blick war mehr auf den Grafen gefallen. Der Prälat verharrte einige Minuten lang in finsterem Schweigen, plötzlich aber zuckte eine Ahnung in ihm auf.

„Der Prior! Das Volk im Klosterhofe! Er ist zu Allem fähig – wenn er dort spricht, ist nichts mehr zu retten!“

Er eilte nach, aber es war bereits zu spät. Bruno hatte in stürmischer Eile die Gemächer verlassen und durchschritt eben den Kreuzgang, der zum Klosterhofe führte.

Im Begriff aber, hinauszutreten, kam ihm schon die Geistlichkeit entgegen, den Prior an der Spitze und gefolgt von den vornehmeren Leidtragenden, um den Prälaten in seinen Gemächern abzuholen. Bruno erkannte die Gefahr, die ihn hier mitten im Kreuzgange und abgeschnitten von der Welt bedrohte. Er mußte sprechen, mußte seine Anklage in die Welt schleudern, ehe ihn der Prälat erreichte, er wußte, daß ihm nur Minuten blieben, sollte seine Stimme nicht ungehört verhallen. Das Auge flammend in leidenschaftlicher Erregung, das jugendliche Haupt aufgerichtet, als gelte es den Kampf mit einer Welt, eilte er dem Zuge der Geistlichen entgegen, schritt auf den Prior zu, legte die Hand auf seine Schulter und sagte klar, fest und laut, so daß es weithin vernommen wurde:

„Entweihen Sie das Gedächtniß des Grafen Rhaneck nicht, Pater Prior! Sie haben ihn gemordet. Ich war Zeuge davon.“

Ein Schrei des Entsetzens ließ sich ringsum hören, die furchtbare, mitten unter die Priester geschleuderte Anklage wirkte mit der Gewalt eines jäh herniederfahrenden Blitzes. Entsetzt stoben die Mönche auseinander, schreckensbleich drängten die Leidtragenden heran, und es war wohl schon zu spät, als das Thor des Kreuzganges laut krachend zufiel, von einem besonnenen Mönche rasch in’s Schloß geworfen.

Aber mehr als selbst die Anklage sprach der Anblick des Schuldigen. Er war zusammengebrochen vor dem Schlage, der ihn mitten in der vollsten Sicherheit getroffen; mit erdfahlem Gesichte, mit bebenden Lippen und zitternden Knieen stand er da, der Ueberfall kam zu plötzlich, als daß seine mönchische Gewandtheit und Verstellungskunst ihn noch hätte retten können; er besaß nicht einmal mehr die Kraft zum Leugnen.

Jetzt erschien auch der Prälat; aber ein einziger Blick auf den Prior, auf die entsetzten Gruppen ringsum sagte ihm, daß er zu spät kam. Nach dieser vor Hunderten von Zeugen geschehenen Anklage ließ sich nichts mehr verbergen und verleugnen; sie wußten es jetzt Alle, daß ein Mörder unter den Geweihten stand, – und im Ornate hatte man den Priester angegriffen!

Der ersten starren Pause folgte jetzt eine stürmische Bewegung. Die Mönche schaarten sich um ihren Abt, von ihm Rath und Hülfe verlangend, die Verwandten und Freunde der Familie drängten sich bestürzt Bruno entgegen, wie um weiteren Aufschluß zu verlangen. Der Landrichter aus E., der ebenfalls mit im Zuge gewesen, näherte sich dem Prälaten, ehrfurchtsvoll, aber mit einer Miene, welche zeigte, daß er nicht gesonnen war, den Pflichten seines Amtes auch nur das Geringste zu vergeben.

„Hochwürdigster – ?“

Der Prälat stand allein unbewegt da wie ein Fels in der Brandung. Zu ihm floh Alles, an ihn wendete sich Alles, an seinem Antlitze hingen all diese Blicke; es zuckte nicht und erbleichte nicht, als er that, was er thun mußte. Er erklärte, daß die furchtbare Anklage, die Pater Benedict allein zu vertreten habe, auch ihn schwer getroffen, verhieß die strengste Untersuchung und gab Befehl, den Schuldigen abzuführen.

Bis zu diesem Augenblicke hatte sich der Prior noch aufrecht erhalten; sein Auge hing immer nur an dem Prälaten, als solle und müsse ihm dieser Schutz und Rettung gewähren; aber als auch der Abt ihn preisgab, als der sich von ihm wandte und er sich verloren sah, da flammte der giftige tödtliche Haß wieder auf in seinen Zügen; aber diesmal richtete er sich gegen den Obern.

Bruno, der bisher fest und unverrückbar an seiner Seite gestanden, sah diesen Ausdruck und ahnte das kommende Unheil; er beugte sich herab zu ihm.

„Schonen Sie unsern Abt!“ sagte er halblaut und lateinisch. „Er muß den Schuldigen preisgeben. Schonen Sie seine und des Stiftes Ehre!“

Aber er irrte, wenn er bei dem Prior eine Handlungsweise voraussetzte, wie er sie in solchem Falle geübt hätte; bei dem Elenden siegte das Bewußtsein, verloren, aufgegeben zu sein von den Seinigen, selbst über die Gewohnheit und Erziehung des Mönches. Mit dem ganzen Haß des Gemeinen, das seine einzige Genugthuung darin findet, im Sturze noch einen Andern mit sich zu reißen, richtete er sich auf und rief höhnisch:

„Fragt den Herrn Prälaten, ob die That seinem Neffen galt oder einem Andern! Er wußte darum, er hat mich – absolvirt!“

Diesmal gab sich kein Laut des Entsetzens kund; still, todtenstill war es in der ganzen Versammlung, sie wich stumm immer weiter zurück vor dem Prälaten, selbst die Priester flohen vor ihm – er stand ganz allein.

Noch stand er; aber man sah es, der Schlag hatte ihn bis in’s innerste Leben getroffen; er wußte, daß der Eindruck dieser Worte nicht mehr zu verwischen war, und wenn sie zehnfach widerrufen wurden, und es war nur noch eine Form, die er mechanisch wie eine letzte Pflicht erfüllte, wenn er sich jetzt zum Landrichter wandte und erklärte, daß man den „Unsinnigen“ in Sicherheit bringen müsse, bevor er noch zu weiteren Lügen seine Zuflucht nehme.

Kein Laut ließ sich vernehmen, als er sich zurückzog; in dem Schweigen lag sein Urtheil. Der stolze Abt, der den Ruf und die Ehre seines Klosters über Alles gesetzt, er brach mit diesen beiden zusammen!




Noch am Abend desselben Tages kehrte Günther nach Dobra zurück. Nach dem letzten Ereigniß und der schonungslos mit allen Details gegebenen Aussage des Pater Benedict hatte man keinen Anstand genommen, ihn sofort seiner Haft zu entlassen; er befand sich jetzt auf der Fahrt nach Hause, wohin ihm die Nachricht seiner Ankunft bereits vorangegangen war.

Neben ihm im Wagen saß sein junger Befreier; er hatte Günther’s Bitte, sein Gast zu sein, entschieden abgelehnt. „Ich habe versprochen, Sie frei nach Dobra zurückzubringen, und halte mein Versprechen, mehr verlangen Sie nicht von mir!“ Das war seine ganze Antwort gewesen.

„Versprochen? Wem?“ Günther lächelte. „Ich kann es mir denken! Jedenfalls meiner tapferen Hausgenossin Fräulein Reich. Ohne Zweifel war sie es, die Ihnen die Nachricht meiner Verhaftung brachte und Sie zur Rettung anstiftete; wenn es mir auch unbegreiflich bleibt, wie sie erfuhr, daß die Macht dazu grade in Ihren Händen lag.“

Bruno senkte das Auge. „Sie irren! Ich kenne jene Dame nicht einmal. Die Nachricht und der Ruf zur Rettung kamen von – von Ihrer Schwester.“

„Von Lucien?“ rief Bernhard mit unverstelltem Erstaunen. „Hat sich das Kind in diese ernste Sache eingemischt? Wie in aller Welt –“ er schwieg plötzlich, denn die Flamme, welche [240] schon einmal den Prälaten so bedenklich gemacht, schlug wieder hell auf in dem Antlitz des jungen Mannes, und auch in Günther’s Kopf begann jetzt eine Ahnung aufzudämmern, aber er sah es an der finsteren Stirn und den festgeschlossenen Lippen Bruno’s, daß dieser sich kein Geständniß werde entreißen lassen, und entschlossen, keine Offenheit zu erzwingen, die ihm nicht freiwillig geboten ward, forschte er für jetzt nicht weiter. Dennoch war es ein fast peinliches Nachdenken, das ihm die unerwartete Entdeckung aufzwang. Seine rosige kinderfrohe Lucie und diese düstere vulcanische Natur! Unmöglich! Und doch mußte bereits ein Einverständniß zwischen ihnen bestehen, wer lehrte sie sonst im Augenblicke der höchsten Gefahr bei ihm Schutz und Hülfe suchen? Auch Bruno mochte wohl fühlen, daß er sich verrathen hatte, aber er schwieg beharrlich und so ward die Fahrt meist stumm zurückgelegt. Erst als das Schloß von Dobra vor ihnen auftauchte, wandte sich Günther wieder an seinen jungen Nachbar:

„Sie haben es mir verweigert, mein Haus als das Ihrige anzusehen, und doch hätte ich jetzt unter Allen wohl das erste Recht, Ihnen dort ein vorläufiges Asyl zu bieten. Ihre Rückkehr nach dem Stifte ist mit dem heutigen Tage eine Unmöglichkeit geworden, dies öffentliche Preisgeben der Klosterehre verzeiht man Ihnen nie. Soll ich nicht einmal wissen, wohin Sie zunächst Ihre Schritte lenken wollen?“

„Ich wollte für’s Erste nach N. zurück, und dann –“

„Nach N.?“ unterbrach ihn Günther rasch. „Um Gotteswillen nicht! Es liegt noch im Bereich des Stiftes, haben Sie nicht genug an der einen Erfahrung? Wollen Sie einen zweiten – Unglücksfall abwarten?“

Bruno schüttelte den Kopf. „Fürchten Sie nichts, die Verfolgung hat ihren Zweck verloren. Als es sich darum handelte, meinen Abfall zu verhindern, mein Schweigen um jeden Preis zu wahren, da war ich in Gefahr, da konnte man beides nöthigenfalls mit meinem Tode erkaufen; jetzt, wo der eine unwiderruflich vollzogen und das zweite öffentlich gebrochen ist, jetzt bin ich sicher!“

„Auch vor der Rache des Abtes? Sie führten einen tödlichen Streich gegen ihn, die Worte des Priors haben ihn moralisch vernichtet.“

„Ich ahnte es beinahe, wie der Elende sich rächen würde!“ sagte Bruno finster. „Hätte ich’s abwenden können, es wäre geschehen, aber ich mußte den Prälaten dem Aeußersten preisgeben, um Sie zu retten – es ist mir so schwer geworden, wie vielleicht ihm, als er mich preisgab!“

Bernhard sah ihn mit dem Ausdruck äußerster Befremdung an. „Ich begreife Sie nicht, Bruno! So sprechen Sie von dem Manne, der Ihren Tod befahl?“

„Er opferte mich seiner Ueberzeugung, wie er seinen Bruder, wie er dessen Sohn geopfert hätte, wären sie ihm feindlich in den Weg getreten. Er kennt eben nur Eins, die Macht und Ehre seiner Kirche, und vor dem Priester muß jede Regung des Menschen nieder in den Staub. Ich kann sein Handeln begreifen, auch wenn ich es verurtheilen muß, und mich wird er in Zukunft nicht mehr angreifen. Mit nutzlosen Verbrechen befleckt sich dieser Mann nicht, er steht eben so hoch über gemeiner Rache, als er von jeher über gemeinem Hasse stand.“

„Das war wieder einmal der Rhaneck, den man jetzt hörte!“ In Günther’s Stimme klang ein leiser Vorwurf mit durch. „Sie haben auch etwas von der rücksichtslosen Härte des Geschlechtes, Bruno, das alles niedertreten möchte, wo es sein eignes Wollen gilt! Sie sind weit mehr der Neffe Ihres Oheims, als Sie je der Sohn Ihres Vaters waren. Wollen Sie dem Prälaten auch die Eingriffe in das Leben Ihrer Mutter verzeihen?“

Ein Strahl von Haß blitzte wieder auf in dem Auge des jungen Mannes. „Ihm? Er hat sie nie gekannt! Ihm war sie eine Fremde, Eingedrungene in den Namen und Rang seiner Familie, er hatte keinen Schwur zu wahren, keine Gelübde zu halten; wenn er sie vernichtete, so geschah es mit jener eisernen Consequenz, die nun einmal die Grundlage seines Charakters bildet; ihn klage ich am wenigsten an. Auf den Gatten, der sein Weib zu vertreten und zu schützen berufen war, und der es statt dessen in solcher Weise preisgab, aus diesen allein fällt der größte Theil der Schuld!“

„Haben Sie eine Erklärung mit Ihrem Vater gehabt?“ fragte Günther forschend.

„Mit dem Herrn Grafen Rhaneck, meinen Sie?“ es lag eine schneidende Zurechtweisung in dem Tone. „Ich glaube, er war nicht abgeneigt, jenen Titel auch gegen mich geltend zu machen. Ich habe ihm gezeigt, daß ich das Andenken meiner Mutter zu ehren weiß und daß unsere Wege in alle Ewigkeit aus einander gehen.“

„Sie gehen zu weit! Graf Rhaneck hat dennoch –“

„Ich bitte, schweigen Sie davon!“ unterbrach ihn Bruno heftig. „Ich kann bei dem Namen nun einmal nichts fühlen als Haß und Erbitterung, und ich will keine Beziehung zu ihm anerkennen, weder dem Grafen noch einem Anderen gegenüber.“

Bernhard schwieg, er sah wohl, daß er diesen Punkt nicht berühren dürfe, wenigstens jetzt noch nicht.

„Sie werden für’s Erste doch wohl hier bleiben müssen,“ begann er nach einer Pause von neuem. „Ihr persönliches Zeugniß wird bei dem nun beginnenden Processe nicht entbehrt werden können.“

Bruno lächelte bitter. „Mein Zeugniß ist mit meinem heutigen Auftreten und meiner den Gerichtsbeamten gegebenen Erklärung zu Ende. Der Proceß wird nicht stattfinden!“

„Weshalb?“ fuhr Günther betroffen auf. „Sie wollen doch nicht behaupten, daß man es wagen könnte, jetzt noch die Sache niederzuschlagen, nun sie einmal in den Händen der Richter ist?“

„Nein! So weit reicht der Arm des Stiftes denn doch nicht, und selbst die Allmacht Roms würde daran scheitern. Aber Sie vergessen, daß der Prior sich vorläufig noch im Klostergewahrsam befindet, bis die Formalitäten seiner Auslieferung erfüllt sind. Man wird ihm gerade noch Zeit lassen, das Geständniß und vor allem die Anklage gegen den Abt zu widerrufen, und dann wird man – unachtsam sein. Er wäre der erste Mönch, der in solchem Falle nicht Thür und Thor zur Flucht offen gefunden hätte; jedes ferne Kloster öffnet dem Schuldigen seine Pforten, wenn es sich darum handelt, ihn der so sehr gehaßten weltlichen Gerichtsbarkeit zu entziehen.“

„Möglich! Man müßte also versuchen, den Landrichter –“

„Versuchen Sie nichts! Es scheitert alles, wenn der Orden ihn retten will, und er wird um keinen Preis dem Lande das Schauspiel eines solchen Processes gönnen. Glauben Sie denn, ich hätte es gewagt, die Gedächtnißfeier eines Todten mit meiner Anklage zu entweihen, hätte ich die Zeugenschaft Anderer dabei entbehren können? Er wäre vorher geflohen; nun geschieht es wenigstens nach dem Geständniß, das Ihre Ehre reinigt von jedem Verdachte.“

„Jedenfalls werde ich dennoch dem Landrichter die nöthigen Winke geben!“ sagte Bernhard lebhaft. „Uebrigens, was auch geschehen mag, der Eindruck jenes ersten Geständnisses und jener Worte gegen den Abt bleibt ungeschwächt. Das Verbrechen an sich würde man vielleicht mit der Zeit vergessen, aber daß es befohlen ward, befohlen werden konnte, das erschüttert die Macht des Stiftes bis in ihre innersten Grundvesten hinein. Die blinde Verehrung dafür ist zu Ende für alle Zeit!“

Die Ankunft in Dobra machte der weiteren Unterredung ein Ende. Hier wurde Günther bereits erwartet, der Landrichter hatte seine „Abscheulichkeit von vorgestern“, wie Fräulein Reich noch immer hartnäckig die Verhaftung nannte, dadurch wieder gut gemacht, daß er sofort vom Stifte zu den Damen herübergekommen war, ihnen die betreffenden Nachrichten zu bringen. Lucie hing noch in stürmischer Zärtlichkeit am Halse ihres Bruders, Franziska dagegen wandte sich sogleich nach der ersten warmen Begrüßung an dessen jungen Begleiter.

„Sie sind jedenfalls Herr Pater Benedict, von dem der Landrichter uns erzählt hat!“ begann sie in ihrer ungenirten Weise. „Ich kann es mir denken! Einen Anderen von der Sippschaft drüben hätte uns Herr Günther schwerlich mitgebracht. Ich habe sonst eine entschiedene Antipathie gegen Alles, was Kutten trägt, denn – entschuldigen Sie, Hochwürden – es steckt gewöhnlich nichts Gutes dahinter; Sie aber sind eine Ausnahme, Sie sind ohne Zweifel ein vortrefflicher Mensch, obgleich man es Ihrem Gesicht und Ihrer Kleidung nach eigentlich nicht vermuthen sollte; – ich freue mich außerordentlich, Ihre Bekanntschaft zu machen.“

[254] Bruno nahm diese seltsame, aus Sottisen und Complimenten gemischte Begrüßung der ihm ganz unbekannten Dame mit sichtbarer Befremdung auf. Er verneigte sich schweigend, ohne Erwiderung und näherte sich dann dem jungen Mädchen.

„Ich habe versprochen, Ihnen den Bruder frei zurückzugeben, Lucie – hier ist er!“

Franziska, die noch ziemlich entrüstet dastand ob dieser kühlen Aufnahme der Versicherung ihres Wohlwollens, fuhr jetzt plötzlich mit dem Ausdrucke grenzenlosen Erstaunens herum. Dies „Lucie“, mit dem man ihren Zögling zu tituliren wagte, und das glühende Erröthen desselben brachte sie ganz und gar aus der Fassung. Bernhard beugte sich forschend zu seiner Schwester nieder.

„Ich wußte nicht, daß ich Deinem Vorgehen allein meine Rettung danke, Lucie! Du suchtest Bruno aus und bestimmtest ihn zum Handeln, und ich ahnte kaum, daß Ihr Euch überhaupt kanntet.“

Das junge Mädchen gab keine Antwort, sie sah zu Boden, an ihrer Stelle aber nahm jetzt Bruno das Wort.

„Ich möchte Sie bitten, Herr Günther, mir noch eine Unterredung mit Ihrer Schwester allein zu gestatten. Sie brauchen den Ausgang derselben nicht zu fürchten. Lucie hat von jeher so vor mir gezittert, daß sie aufathmen wird bei der Nachricht von meiner Entfernung aus der Gegend und aus dem Lande überhaupt.“

Sie klangen wieder sehr bitter, diese letzten Worte; aber Lucie war erbleichend aufgefahren, als er von seiner „Entfernung“ sprach, und ihr Antlitz verrieth einen so tödtlichen Schrecken, eine so angstvolle Frage, daß Bernhard auch über sie nicht länger mehr im Zweifel war, als er mit einer bejahenden Bewegung ihre Hände losließ.

„Was ist denn das?“ fragte Franziska, die noch immer starr vor Staunen dastand, halblaut, während Bruno dem jungen Mädchen in’s Nebenzimmer folgte.

„Etwas, das selbst Sie mit all Ihrer Klugheit nicht herausgefunden haben!“ sagte Günther lakonisch, indem er die Thür hinter den Beiden schloß, „aber beruhigen Sie sich, Franziska, ich hatte auch keine Ahnung davon, und Lucie hat sich in der ganzen Sache von Anfang an so eigenmächtig benommen, daß ich ihr auch wohl die schließliche Entscheidung allein überlassen muß. Das ‚Kind‘, das wir Beide für so unmündig hielten, hat uns einen argen Streich gespielt. Es wußte mehr zu tragen und zu verschweigen und im gegebenen Momente richtiger zu handeln, als wir Alle zusammen. Wir wollen jetzt abwarten, ob die Unterredung drinnen wirklich nur mit einem Lebewohl endigt oder mit etwas Anderm. Ich fürchte ganz entschieden das Letztere!“ –

Bruno war inzwischen, als er die Thür geschlossen sah, rasch auf das junge Mädchen zugetreten.

„Ich habe noch eine Frage an Sie, Lucie, die Sie mir beantworten müssen, ehe ich gehe, denn noch liegt für mich ein räthselhaftes Dunkel auf Ihrem Eingreifen in das Drama, das soeben sein Ende erreicht hat. Wer wies Sie vorgestern zu mir? Sie wußten damals bereits, was alle Welt nur ahnte, daß Graf Rhaneck gemordet war, wußten, daß nur mein Zeugniß allein Ihren Bruder befreien konnte, und doch ist das Geheimniß nur einmal über meine Lippen gekommen, dem Prälaten gegenüber. Außer dem Prior und uns Beiden konnte es Niemand wissen – wer hat es Ihnen verrathen?“

Lucie hob zaghaft das Auge zu ihm empor; es lag wieder eine tiefe Blässe auf dem lieblichen Gesichte, als sie zögernd entgegnete:

„Ich wußte nichts, ich ahnte nur, und Gott sei gedankt, daß die Ahnung mich trog! Ich fürchtete ja eine andere schrecklichere Lösung – ich glaubte, Sie müßten sich selber opfern, um Bernhard zu retten.“

Bruno trat betroffen einen Schritt zurück. „Mich selbst? Das heißt also, Sie hielten mich für den Schuldigen?“

Das junge Mädchen gab keine Antwort, sondern senkte nur schuldbewußt das Haupt.

„Ich muß doch wohl etwas vom Mörder an mir haben!“ sagte er bitter. „Auch Graf Rhaneck hegte den gleichen Argwohn. Darum also bebten Sie so entsetzt zurück, als meine Hand es wagte, Sie zu berühren? Freilich in Ihren Augen war sie ja voll Blut!“

„O, Sie sahen so entsetzlich aus, als Sie damals in der Kirche von mir gingen!“ Luciens Stimme bebte wieder bei der Erinnerung an jene Stunden. „Ich konnte Ihren Blick, Ihren Ton nicht vergessen! und gleich darauf fiel der Graf, fiel auf Ihrem Wege, und dann – das Zusammentreffen aller Umstände, Ihr räthselhaftes Schweigen – wenn Sie gewußt hätten, was damals auf Ihrer Stirn geschrieben stand, als Sie mich verließen! Sie würden mich nicht schelten wegen eines Irrthums, den ich selbst am schwersten gebüßt habe!“

Sie grub sich auch jetzt wieder in seine Stirn, die drohende Falte, welche sie damals so erschreckt hatte. Die ganze Härte und Verschlossenheit des jungen Mannes schien zurückgekehrt, als er finster, halb abgewendet von ihr dastand, als könne er den Verdacht nicht verzeihen; aber als sich Lucie nun an seine Seite stahl und er seinen Namen zum ersten Male von ihren Lippen vernahm, als dies leise bittende „Bruno!“ sein Ohr berührte und ihre Augen zu ihm aufblickten, da löste sich jene Falte, der herbe Zug verschwand, und das ganze Antlitz verlor seinen Ausdruck düsterer Erbitterung, als habe eine Hand glättend und besänftigend darüber hingestrichen. Diese blauen Augen waren vielleicht das Einzige auf Erden, was Macht hatte über diese starre Natur, aber sie waren hier auch allmächtig.

„Das Verbrechen galt mir, Lucie!“ sagte er leise. „Ich war das auserkorene Opfer! Die dämmernde Schlucht führte die mörderische Hand irre und die Aehnlichkeit unserer Gestalt, der dunkle Mantel, den wir Beide trugen, wurden dem Grafen zum Verhängniß. Es war die Stunde und der Moment, wo ich die Kluft passiren mußte; wäre ich zur gewöhnlichen Zeit gegangen, hätte ich Ottfried überholt, nur um Minuten vielleicht, ich wäre an seiner Statt gefallen. Was mich in der Kirche zurückhielt, was mich rettete –“

„Ich weiß es!“ unterbrach ihn Lucie kaum hörbar. Sie wußte es freilich, jenes glühende leidenschaftliche Geständniß seiner Liebe, das allein ihm zur Rettung geworden, es war ja während der ganzen Zeit nicht einen Moment lang aus ihrer Erinnerung gewichen.

„Ich erreichte die Brücke in dem Momente, wo der Graf hinabgestürzt ward!“ fuhr er gepreßt fort. „Zu spät, um den Mord zu verhindern, und früh genug, um den Mörder noch zu erkennen, der sich beim Nahen meiner Schritte zur Flucht wandte. Es war keine Zeit, ihm zu folgen und ihn zur Rede zu stellen; ich rief die Nächstwohnenden herbei, um mit ihnen in die Schlucht einzudringen. Die Hülfe kam zu spät, ich wußte es, aber sie mußte doch wenigstens versucht werden, und ihr mußte alles Andere nachstehen. Am nächsten Tage erfuhr der Prälat aus meinem Munde, was ihm kein Geheimniß mehr sein konnte, denn ich war auch nicht einen Augenblick im Zweifel darüber gewesen, wer statt seines Neffen gemeint war. Er befahl mir zu schweigen mit dem Hinweis darauf, daß hier doch nichts mehr zu retten sei; noch einmal, zum letzten Male, schlug er mich in die Fesseln des blinden Gehorsams, und ich gehorchte ihm bis zu dem Augenblicke, wo ich durch Sie erfuhr, was auf dem Spiele stand.“

Bruno athmete tief auf und sein Antlitz verdüsterte sich wieder, während das junge Mädchen in athemloser Spannung seinen Worten zuhörte.

„Man wollte mich auch jetzt noch zum Schweigen zwingen!“ sagte er mit zusammengebissenen Zähnen. „Hören Sie, Lucie? auch jetzt noch! Und mit dieser schmachvollen Zumuthung riß denn endlich das letzte Band entzwei, mit dem mich Gewohnheit und Erziehung an Jene dort knüpften. Wir sind fertig mit einander! Sie werden mir den Wortbrüchigen, den Meineidigen [255] nachschleudern mein ganzes Leben lang – ich habe lange genug gezittert vor dem Schreckbilde dieses Wortes, jetzt will ich ihm einmal in’s Auge sehen!“

Lucie hob mit einer raschen Bewegung das Haupt empor. „Sie wollen sich lossagen? Auch von Ihrer Kirche?“

„Ich muß! Mir bleibt keine andere Wahl, will ich nicht künftig rechtlos dastehen im Leben. Die katholische Kirche erkennt meine Lossagung nie an, giebt den einmal Geweihten niemals frei, ihr bleibe ich ewig der entflohene, der verfehmte Mönch, welche Stellung in der Welt ich mir auch erobern mag. Es giebt für mich nun einmal keine Freiheit in diesem Glauben und jeder halbe Schritt wird mir zum Verderben. Ich kehre in das Bekenntniß zurück, in dem ich geboren und getauft bin; mögen es die verantworten, die mich ihm ohne mein Wissen entrissen, die mich blind machten mit ihrer Sclavenerziehung, bis ich selbst der Fessel die Hand bot – ich weiß jetzt, wohin ich gehöre – und wo allein meine Zukunft liegt!“

Lucie hatte keine Erwiderung auf diesen mit vollster Energie kundgegebenen Entschluß, aber sie widerstrebte auch nicht mehr, als er jetzt ihre Hand ergriff und sie leidenschaftlich zu sich zog.

„Lucie! In Deinem Glauben bricht mit all den anderen Ketten auch die Fessel, die mich bisher von jedem Glücke schied. Du hast vor mir gezittert, von dem ersten Augenblicke an, wo ich Dir entgegentrat, Du hast mich gemieden und geflohen, hast mich des Furchtbarsten für fähig gehalten, und doch weiß ich’s seit jener Stunde gestern im Gebirge, daß es nicht Haß war, der Dich von mir entfernte, daß ich nicht hoffnungslos liebte. Kannst Du einem Manne vertrauen, der sein neues Leben mit einem Wortbruche anfängt, anfangen muß, wenn er überhaupt noch eine Zukunft haben will? Kannst Du ein Schicksal theilen, das vielleicht emporführt, und vielleicht auch zum Untergange? Du mußt Dein frohes, sonniges Kinderglück, die sichere Heimath, den Bruder, mußt Alles aufgeben, um mir zu folgen und ich kann Dich nur mit hineinreißen in Kampf und Streit. Sie werden mich ihren Haß fühlen lassen, bei jedem Schritte auf der neuen Bahn, jeden Fuß breit werde ich mir erst erkämpfen müssen, ich hab’s nun einmal gewagt und nehme die ganze Last und die ganze Verantwortung auf mich allein; aber Du, Lucie? Wirst Du nicht zittern an meiner Seite vor einem solchen Loose und vielleicht auch wieder – vor mir?“

Sein Ton war furchtbar ernst geworden bei den letzten Worten, und sie hatten wenig von den beglückenden Verheißungen eines Liebenden, diese Zukunft, wie er sie dem jungen Mädchen ausmalte, dessen Leben bisher in so ganz anderen Bahnen dahingeflossen war. Die düstere, fast dämonische Natur dieses Mannes verleugnete sich selbst in dem Momente nicht, da er um seine Braut warb, aber er warb auch nicht um das Kind mehr, das einst in kindischer Furcht vor dem finsteren Mönche geflohen war. Jene Stunde am Altar, da sein wahres Wesen sich ihr zum ersten Male in seiner ganzen Tiefe enthüllte, hatte auch in ihr das Weib wachgerufen, und die Todesangst der letzten Tage das einmal Erweckte schneller gereift, als es Jahre ruhigen Dahinlebens vermocht hätten. Es war die ganze liebende und unerschütterliche Hingebung des Weibes, mit der Lucie jetzt zu ihm emporblickte und lächelte, während doch zugleich ein paar heiße Thränen in ihren Augen standen.

„Ich hielt Dich gestern noch für schuldig, Bruno! Ich hatte fast die Gewißheit, daß der Graf von Deiner Hand gefallen sei, und mit dem vollen Bewußtsein davon habe ich damals den Kopf an Deine Brust gelegt und nicht gezittert, als Du mich in den Armen hieltest. Willst Du noch eine andere Bürgschaft? Ich glaube doch, meine Liebe zu Dir hat in jenem Augenblick die schwerste Probe bestanden!“

Mit einer leidenschaftlichen Bewegung zog er sie fester in seine Arme, während seine Lippen zum ersten Male die ihrigen berührten. Sie hatte Recht, die Probe war bestanden, und mit der stürmischen, nie gekannten Glückseligkeit, die jetzt schrankenlos aus dem ganzen Wesen Bruno’s hervorbrach, bebte wohl noch etwas Anderes durch seine Seele bei diesem ersten Kuß. Er fühlte jetzt erst, daß die Schranke niedergerissen war, die den Mönch, den römischen Priester von den heiligsten und süßesten Banden schied, die die Menschen auf Erden aneinander fesseln, von Weib und Heimath und Familie!




Die nächsten drei Jahre waren so rasch dahingerollt, waren so inhaltsvoll und thatenreich gewesen, wie es die Jahre in unserer Zeit eben zu sein pflegen, wo all die gährenden Elemente empordrängen, um sich im Kampfe, sei’s nach innen oder nach außen, Luft und Klärung zu schaffen. Das Drama, welches sich an das einst so hochgeehrte Stift und dessen Bewohner knüpfte, hatte sich doch nicht so schnell verwischen und in Vergessenheit bringen lassen, als man es dort vielleicht gehofft. Hätte es in niederen Kreisen gespielt, es wäre vielleicht möglich gewesen, aber der Name und die Bedeutung des Grafen Rhaneck, die Stellung des Prälaten und dunkle Gerüchte von den wahren Beziehungen des jungen Pater Benedict zu dem Rhaneck’schen Hause brachten die Angelegenheit vor das Forum der Residenz und des Hofes, von dort fand es einen Wiederhall im ganzen Lande, und der Umstand, daß der mit so großer Spannung erwartete Proceß in der That nicht stattfand, erbitterte die schon aufgereizten Gemüther auf’s Höchste. Die Voraussetzung, daß der Orden dem Lande um keinen Preis der Welt ein Schauspiel gönnen werde, das in jetziger Zeit geradezu vernichtend für ihn wirken mußte, erwies sich als richtig. Man hatte nicht gezögert, dem Abte die formelle Genugthuung zu geben, und den Prior bei der nächsten Vernehmung jedes Wort, das er gesprochen, feierlichst widerrufen zu lassen, aber nur die Wenigsten ließen sich jetzt noch dadurch täuschen, und als der Schuldige in der Nacht, bevor er den Gerichten übergeben wurde, wirklich dem Klostergewahrsam entfloh, als sich jede Nachforschung nach ihm als vergeblich erwies und er verschwunden war und blieb, wahrscheinlich längst in dem Schutze irgend eines fernen Klosters geborgen, da richtete sich der Sturm des allgemeinen Unwillens gegen den Prälaten. Es war unmöglich, ihn der furchtbar erregten öffentlichen Meinung gegenüber zu halten, obgleich der Versuch dazu gemacht wurde. Das Ansehen, ja die Existenz des Stiftes, an dessen Spitze er stand, wurde dadurch auf’s Spiel gesetzt, und so entschloß man sich denn endlich widerstrebend, ihn zu entfernen, selbstverständlich nur zu einem anderen Amte, das seinem Range und seinen Verdiensten entsprach. Rom hatte der hohen Kirchenstellungen genug für einen Priester, der sich in seinem Dienste geopfert, und man war dort keineswegs gewillt, auf die fernere Thätigkeit eines Mannes zu verzichten, dessen Geist und Charakter sich von jeher als eine der festesten Stützen der Kirche erwiesen hatten. Er ward all den „gehässigen Angriffen“ entzogen, um an der Tiber einen neuen Wirkungskreis zu finden, da sich ihm der Bischofsstuhl des Landes, für den man ihn schon früher in Aussicht genommen, nach den letzten Ereignissen doch wohl für immer verschloß.

Im Stifte selbst wurde Pater Eusebius durch die Wahl der Mönche zum Abte erhoben, aber es zeigte sich bald genug, was selbst hier in dem streng geregelten Convent die Persönlichkeit eines Einzelnen vermocht hatte. Mit dem Prälaten war auch jener mächtige und trotz alledem großartige Geist gewichen, der es verstanden hatte, dem Kloster ein halbes Menschenalter hindurch die unbedingteste Verehrung zu sichern und es über alle Klippen hinweg siegreich im Kampfe gegen die Neuzeit anzuführen. Der neue Abt, ein mäßig begabter und der römischen Kirche treu ergebener Priester, hatte gleichwohl nicht einen Hauch von der Energie und dem Herrschertalent seines Vorgängers in sich, und war jedenfalls nicht der Mann, die tiefe Wunde zu heilen, welche jene Vorgänge dem Ansehen und der Ehre des Stiftes geschlagen hatten. Der Riß erweiterte sich unmerklich, aber unaufhörlich, das Kloster bestand noch, aber es war vorbei mit der alten Macht und der alten Herrschaft über die Gemüther; verstand es der jetzige Prälat doch kaum, seine eigenen Mönche zu beherrschen, die, wohl fühlend, daß sie der gewohnten festen Leitung entbehrten, sich allerlei persönliche Uebergriffe erlaubten, die sie früher nie hätten wagen dürfen und die man ihnen jetzt stillschweigend hingehen ließ, sobald sie nur ihr Verhältniß zur Kirche nicht berührten.

Auch Schloß Rhaneck lag jetzt einsam und verödet und selbst in den Sommermonaten, die ihm sonst stets den glänzenden gräflichen Haushalt zuführten, wurde es nicht mehr bewohnt. Vielleicht war es das tragische Geschick seines Sohnes oder die Entfernung seines Bruders, vielleicht auch das furchtbare Aufsehen, welches Beides in der Umgegend gemacht, was den Grafen bestimmte, sein Stammschloß fortan zu meiden, er hatte es noch nicht wieder betreten. Der Tod Ottfried’s hatte das rein äußerliche Band, [256] das zwischen ihm und seiner Gemahlin bestand, noch mehr gelockert. Die Gräfin, fast immer kränklich, lebte meistentheils ihrer Gesundheit wegen auf den anderen Gütern, der Graf nach wie vor in der Residenz, sie sahen sich oft wochen- und monatelang nicht, und wenn es wirklich geschah, so fehlte diesen flüchtigen kalten Begegnungen auch die leiseste Spur einer Zuneigung, die freilich niemals in Wirklichkeit bestanden, deren Anschein man aber doch der Welt gegenüber aufrecht erhalten hatte, so lange der Sohn und Erbe Beiden wenigstens noch ein gemeinschaftliches Interesse gab.

Jetzt zum ersten Male nach drei Jahren sah Schloß Rhaneck seinen Herrn wieder. Der Graf war unerwartet, allein und nur von einem Diener begleitet, dort eingetroffen, und hatte Befehl gegeben, seine Anwesenheit möglichst zu verschweigen, da er während der kurzen Zeit seines Aufenthaltes keine der Beziehungen zu der Nachbarschaft wieder aufzunehmen gedenke. Was ihn nach so langer Zeit wieder hergeführt, das wußte Niemand.

Rhaneck saß in seinem Arbeitszimmer vor dem Schreibtische, einen geöffneten Brief in der Hand, der soeben aus Rom eingetroffen war. Der Graf hatte sehr gealtert in diesen letzten Jahren, das Haar war grau geworden, das Antlitz tief gefaltet und auch in dem Auge sprühte nicht mehr das alte Feuer, es lag ein bitterer, tief schmerzlicher Zug darin, der einst nicht dagewesen, und er verschwand auch nicht beim Lesen des Briefes. Es waren die festen kraftvollen Schriftzüge des Prälaten, auf denen sein Blick haftete, aber er überflog schnell die Eingangsworte, um desto länger auf einer Stelle zu verweilen, die ihn augenscheinlich am meisten interessirte:

„Ich würde mich über Dein langes Schweigen beklagen, wüßte ich nicht längst, daß eine Entfremdung zwischen uns eingetreten ist, die die Zeit nicht heilen wird. Du hättest mir Alles verziehen, selbst den Tod Ottfried’s, den ich unwissentlich verschuldete. Daß ich die Hand an Deinen Bruno legen wollte, verzeihst Du mir nie. Sei’s drum! Jenes unselige Wagniß hat mich mehr gekostet als nur die Liebe meines Bruders!

Was ich von dem Stifte höre, überrascht mich nicht, wenn es mir auch bitter ist, eine Schöpfung verfallen zu sehen, an die ich dreißig Jahre lang die beste Kraft meines Lebens gesetzt habe. Unter Eusebius’ Regiment war nichts Anderes zu erwarten, und von all den Uebrigen ist Keiner im Stande, Besseres zu leisten. Du weißt, wen ich mir zum Nachfolger ausersehen hatte, wenn ich früher oder später den Bischofsstuhl bestieg. Den Mönchen imponiren und die Zügel der Herrschaft mit einer Hand festhalten, wie die meine war, konnte nur Einer, und der ist jetzt drüben im Lager unserer Feinde! Du wirfst mir mit Unrecht Haß gegen ihn vor, ich habe ihn nie gehaßt, selbst da nicht, als ich ihn opfern wollte, und in diesen letzten drei Jahren habe ich ihn fast bewundern gelernt. Was ist von unserer Seite nicht versucht worden, ihm die Bahn zu kreuzen, den Weg zu hindern und in der Dunkelheit und Vergessenheit die Gefahr zu begraben, die für uns in diesem Kopfe lag – er wußte Allem die Stirn zu bieten, Alles niederzutreten, was ihm im Wege stand, und jetzt hat er sich zu einer Bedeutung aufgeschwungen, die jeden Versuch, sie ihm noch ferner abzustreifen, thöricht erscheinen läßt. Die –sche Universität war uns von jeher ein Pfahl im Fleische; daß man ihn dorthin berufen, ihn mit solcher Acclamation dort empfangen konnte, beweist am besten, wie ohnmächtig wir geworden sind in einem Lande, wo sonst Alles in unseren Händen lag. Man konnte uns nicht offener den Krieg erklären, als indem man diesen Mann auf’s Schild hob. Ich weiß am besten, was sie an ihm besitzen, denn ich habe diese Kraft wachsen sehen und kann es noch heute nicht verschmerzen, daß sie uns verloren ging. Ottfried war der schwächliche, verweichlichte Sproß seiner unbedeutenden Mutter, Bruno war unser Blut, und wenn er zehnmal in stolzem Trotze den Namen zurückweist, er hat es gezeigt, daß er ein Rhaneck ist!

Wie ich höre, stehst Du im Begriff, nach unserem Stammschlosse aufzubrechen; ich ahne, was Dich dorthin führt, grade in dem Augenblick, wo Bruno das Siegel auf seinen Abfall drückt und Günther’s Schwester zum Altar führt. Aber nimm Dich in Acht vor Deinem Sohne, Ottfried, wenn Du etwa versuchen wolltest, den zärtlichen Vater zu spielen. Ich sage Dir, er kann seine Mutter nicht vergessen, und er wird Dir ihr Andenken wieder ebenso vernichtend in’s Antlitz schleudern, wie damals, wo Du zum ersten Male die Arme nach ihm ausstrecktest. Weichherzigkeit war nie der Fehler unseres Geschlechtes! Du wirfst mir in Deinem letzten Briefe vor, daß ich es war, der im Grunde das Ganze verschuldete; nun, so solltest Du auch bedenken, daß die Folgen mich am schwersten trafen. Ich entriß den Knaben seiner Heimath und seinem Glauben, um ihn zur Ehre der Kirche und unseres Klosters zu erziehen, und dieser Knabe stürzte mich, vernichtete die Macht des Stiftes und steht jetzt an der Spitze unserer Gegner, bereit, uns den Kampf auf Leben und Tod zu bieten. Ich dachte den angeerbten trotzigen Ketzergeist zu bändigen mit der Priestererziehung, und vergaß, daß ihm der Freiheitsdrang im Blute liegt. Das war mein Mißgriff und wurde mein Verhängniß.

Von meinem römischen Aufenthalt kann ich Dir nichts Neues berichten; auch hier wächst und drängt die Bewegung mit jedem Tage, und mit jedem Tage reißt sie uns ein Stück von dem Boden weg, auf dem wir stehen. Wir stemmen uns dagegen mit der ganzen geschlossenen Macht, die Jahrhunderte lang allen Stürmen getrotzt und die Reformation überdauert hat, aber – ich habe es stets für Schwäche gehalten, sich die Wahrheit zu verhehlen, selbst wenn sie vernichtet – ich fürchte, unsere Zeit ist vorbei! Im Einzelnen mögen wir noch die Gewalt behaupten, die Weltmacht geht uns verloren – und Dein Bruno ist auch Einer von denen, die sich einst rühmen können, sie uns entrissen zu haben!“ –

Der Graf überflog noch rasch die Schlußworte des Briefes, dann faltete er ihn zusammen und schob ihn von sich. Die Art, wie dies geschah, zeigte zur Genüge, daß die Versöhnung zwischen den beiden Brüdern nur eine äußerliche gewesen war, und daß Rhaneck wenigstens nie das tiefe Grauen überwunden hatte, das er seit jener Zeit vor dem Prälaten empfand. Er stand auf und trat an’s Fenster; es war so einsam in dem Schlosse, so gespenstig öde in all diesen düsteren Räumen und hallenden Gängen, und es war so kalt und leer in den weiten Sälen und Gemächern des gräflichen Palais in der Residenz, das der alternde Mann jetzt ganz allein bewohnte. Der schmerzlich bittere Zug in seinem Antlitz trat schärfer hervor, als er nach Dobra hinüberblickte, wo jetzt das Einzige weilte, was er auf Erden noch liebte – vielleicht hatte der Prälat dennoch Recht gehabt mit seiner Vermuthung. –

[269] Auch in Dobra hatte während der letzten Zeit eine große und tief eingreifende Veränderung stattgefunden. Fräulein Franziska Reich, gegenwärtig Frau Franziska Günther, residirte dort bereits seit länger als zwei Jahren als Gutsherrin an der Seite ihres Gatten. Die alte Jugendliebe hatte bei Beiden schließlich doch gesiegt, wenn dieser Sieg sich auch freilich auf etwas originelle Weise vollzog und jedenfalls keine Spur jener Romantik an sich hatte, an der Luciens Neigung so reich war, die aber Bernhard sowohl als Franziska für sehr überflüssig hielten. Eine jener häufigen Debatten, die, wie gewöhnlich von irgend einem geringfügigen Anlasse ausgehend, sich bis zum hitzigsten Streite steigerten, in dem Fräulein Reich die ganze Heftigkeit ihres heißblütigen Temperaments entfaltete, während Günther seinerseits es sich angelegen sein ließ, sie mit seiner spöttischen Ruhe auf’s Aeußerste zu reizen, hatte ganz urplötzlich mit einer Verlobung geendigt. Bernhard hatte mitten im ärgsten Wortgefecht plötzlich seine Hand auf die ihre gelegt und mit seiner ganzen unverwüstlichen Gelassenheit gesagt: „Franziska, wir müssen endlich einmal dem ewigen Streite ein Ende machen – das Vernünftigste wäre eigentlich, wir heiratheten uns!“

„Das nennen Sie dem Streite ein Ende machen?“ war die in höchster Entrüstung gegebene Antwort gewesen.

[270] „Sie meinen, er würde dann erst recht beginnen? Allerdings keine besonders angenehme Aussicht für mich, indessen ich will es einmal darauf hin wagen. Die Hauptfrage ist nur: wollen Sie mich, Franziska?“

Die mit diesem lakonischen Antrag Beehrte war anfangs noch immer ziemlich entrüstet über die Idee, ihr mitten im Zanke einen Heirathsvorschlag zu machen, ließ sich aber doch schließlich überzeugen, daß es wirklich „das Vernünftigste sei“, und Lucie war nicht wenig überrascht, als ihr der Bruder die Erzieherin, die sie eben noch in der hitzigsten Debatte mit ihm verlassen, zehn Minuten später als seine Braut und ihre künftige Schwägerin vorstellte. Drei Monate später hatte Franziska das Regiment in Dobra angetreten, wie es Günther spottweise nannte, indessen war es Thatsache, daß er und ganz Dobra sich nicht schlechter befanden unter diesem Regiment, obgleich die neue Herrin auch als Frau ihr früheres resolutes Wesen nicht verleugnete.

Augenblicklich befand sich der Gutsherr in seinem Zimmer und hatte sich dort in die Zeitungen vertieft, als seine Frau eintrat, sehr erhitzt, sehr eifrig, und fast erdrückt von der Last und Wichtigkeit all der Geschäfte, welche Luciens morgen bevorstehende Trauung nothwendig machte, obgleich diese Trauung in aller Stille und nur vor wenig Zeugen stattfinden sollte.

„Es ist vier Uhr, Bernhard!“ sagte sie mahnend, „Du wirst Dich wohl jetzt fertig machen müssen, um nach der Bahnstation zu fahren.“

Günther ließ etwas überrascht die Zeitung sinken. „Ich nach der Bahnstation? Weshalb?“

„Nun, Du weißt doch, daß wir den Herrn Pastor aus der Residenz heute Abend erwarten. Oder willst Du vielleicht einen der Stiftsherren von drüben zu dem feierlichen Acte morgen herüberholen lassen? Das würde einen schönen Lärm geben, wir erlebten statt der Hochzeit eine neue Auflage der Excommunication!“

„Liebes Kind, das Abholen ist Bruno’s Sache,“ erklärte Bernhard sehr gleichmüthig. „Er hat den ihm befreundeten Geistlichen gebeten, die Trauung zu vollziehen, also schickt es sich auch wohl, daß er ihn bei der Ankunft in Empfang nimmt.“

Franziska zuckte die Achseln. „Bruno? Als ob der im Stande wäre, jetzt irgend etwas Anderes zu sehen und zu denken als nur seine Lucie, oder auch nur eine Viertelstunde von ihrer Seite fortzugehen, nachdem er heute Morgen erst angekommen ist! Du wirst wohl selbst hinfahren und den geistlichen Herrn empfangen müssen, er thut es bestimmt nicht und ein Bräutigam ist ja auch immer entschuldigt.“

„Ja, Bruno ist jetzt wirklich etwas sehr langweilig für alle Anderen!“ meinte Günther trocken, indem er seine Blätter zusammenlegte.

„Ich weiß nicht, ob es gerade langweilig ist, wenn Jemand seine künftige Frau anbetet – es giebt mehrere Männer, die sich ein Beispiel daran nehmen könnten!“ sagte Frau Franziska höchst anzüglich.

„Ich hoffe, Du sprachst nur im Allgemeinen! Oder sollte mir vielleicht diese freundliche Bemerkung gelten?“

„Wie Du es nehmen willst! So viel steht fest, daß ich mich während meines Brautstandes über eine ähnliche ‚Langweiligkeit‘ Deinerseits nicht zu beklagen hatte.“

„Ja, beste Franziska, verzeih’, aber Du bist auch nicht –“

„‚Du bist auch nicht darnach, um angebetet zu werden!‘ willst Du wohl sagen?“ unterbrach ihn Franziska neckend.

„Bewahre! Wie Du mir die Worte auslegst! Ich meinte nur, ich bin nicht darnach, solche ‚Langweiligkeiten‘ zu begehen, und das wirst Du wohl selbst zugeben müssen. Stelle Dir einmal vor, ich wäre Dir zu Füßen gefallen und hätte Dir eine ideal-romantische Scene, so etwa in Bruno’s Stil, vorgespielt, ich glaube, Du hättest mir in’s Gesicht gelacht.“

Franziska wandte sich ab, um das verrätherische Zucken ihrer Mundwinkel zu verbergen, als sie sich ihren Gemahl in der eben geschilderten Situation vergegenwärtigte, wenn sie auch um keinen Preis zeigen wollte, wie unendlich komisch sie ihr vorkam.

„Du weißt nichts als spotten!“ entgegnete sie ärgerlich. „Und sogar der Landrichter sagt –“

„Schweige mir von dem Landrichter! Er vergilt die Gastfreundschaft, die er so oft hier in Dobra genießt, auf höchst abscheuliche Weise, indem er überall Verleumdungen, zumal über Dich, ausstreut. Er behauptet öffentlich, Du commandirtest ganz Dobra, mich mit eingerechnet.“

Franziska, die bei den ersten Worten sich sehr kampfbereit aufgerichtet hatte, ließ jetzt beruhigt den Kopf wieder sinken.

„So? Das ist also die ganze Verleumdung?“

„Ich hoffe, Du bist äußerst entrüstet darüber.“

Die Gefragte stieß einen kläglichen Seufzer aus. „Ich wollte, er hätte Recht! Du lieber Himmel, ich einen Mann commandiren, der mit jedem Tage unserer Ehe den Despoten mehr herauskehrt! Wenn ich sehe, wie Lucie diesen starren eigenwilligen Bruno mit einem einzigen Blicke lenkt –“

„Ich finde, es wird wirklich Zeit, daß Lucie jetzt heirathet!“ unterbrach sie Günther lächelnd. „Bruno verdirbt mir sonst mit seiner überspannen Leidenschaft noch den ganzen Hausfrieden. Du ziehst fortwährend Vergleiche, und wenn es auch fraglos ist, daß dieselben stets zu meinem Vortheil ausfallen müssen, so sind sie doch bisweilen etwas unbequem.“

Frau Franziska schien diese letzte Bemerkung ihres Gatten überhören zu wollen. „Ich habe es nie für möglich gehalten, daß Lucie sich so entwickeln könnte, wie es in diesen drei Jahren der Fall gewesen ist!“ sagte sie ernster. „Es ist kaum zu glauben, was er aus ihr gemacht hat und mit welcher Hingebung sie an diesem düstern Manne hängt. Freilich, sie vermag Alles über ihn, und er wird ja jetzt überall als etwas Großartiges und Unerreichbares gepriesen, aber –“

„Aber Dein Geschmack wäre er nicht!“ ergänzte Bernhard wieder neckend. „Sehr begreiflich, da Du mich vorher kanntest. Also gönne ihn Lucien immerhin und tröste Dich mit der unumstößlichen Thatsache, daß Du jedenfalls den besten Mann von Euch Beiden besitzest.“

Das war für Franziska zu viel, sie sprang heftig auf. „Bernhard, ich glaube, Du bist im Stande, Dir im vollen Ernste Dergleichen einzubilden! Uebrigens wollte ich Dich bei Gelegenheit des morgenden Festes doch einmal fragen, wer von uns Beiden damals Recht hatte in Bezug auf Luciens sogenannte Liebe zu dem Grafen, die Du so bestimmt behauptetest und die ich so entschieden in Abrede stellte.“

„Du hattest Recht, liebe Franziska, wie Du ja überhaupt immer Recht hast – wohin willst Du denn auf einmal?“

„Aus Deiner Nähe! Wenn Du anfängst, Complimente zu machen, kann ich stets auf irgend eine kleine Bosheit gefaßt sein. Aber ich wiederhole es Dir, Bruno ist heute zu nichts Vernünftigem fähig; also mache Dich fertig und fahre an seiner Statt nach E. hinüber. Ich kann nicht all die Last und Sorge auf mich allein nehmen; Du kannst mir auch dabei helfen!“

Mit diesen etwas dictatorischen Worten eilte Frau Franziska hinab in die Wirthschaftsräume, während Bernhard wirklich aufstand, seine Zeitungen im Stiche ließ und sich als gehorsamer Ehemann anschickte, den Anordnungen seiner Frau Gemahlin nachzukommen. –

Es war am zweiten Tage nach der soeben geschilderten Scene, noch sehr früh am Morgen, als ein leichter offener Wagen auf dem Fahrwege hielt, der nach dem Gebirgsdorf N. hinaufführte. Die Insassen des Wagens waren ausgestiegen, um den Rest des Weges zu Fuße zurückzulegen und unbemerkt das Pfarrhaus zu erreichen, wo sie schon erwartet zu werden schienen, denn Pfarrer Clemens empfing sie bereits an der Thür.

Der Greis war noch müder und hinfälliger geworden während dieser letzten Jahre, und sein ganzes Aussehen verrieth, daß ihm die fernere Lebensdauer nur auf Monate, vielleicht nur auf Wochen noch zugemessen war. Er hatte schon längst sein Amt in die Hände eines Caplans niederlegen müssen, und wenn man ihn dem Namen nach noch im Besitze seiner Pfarre ließ und ihm noch einige leichte Amtshandlungen gestattete, so verdankte er diese Vergünstigung nur seinem langjährigen Wirken und der Anhänglichkeit seiner Gemeinde, die von ihrem alten, treu bewährten Seelsorger nicht lassen wollte, vielleicht auch dem Umstande, daß es nicht Viele gab, die sich zu dieser dürftigen Stellung gedrängt hätten.

Es war wohl nicht bloßer Zufall, daß dieser Besuch gerade jetzt stattfand, wo der Caplan auf einige Tage abwesend war. In dem Studirzimmer, wo sich sonst täglich die kleine, runde und wohlgenährte Figur dieses Herrn bewegte, dem gutes Essen und Trinken über Alles ging, und der jedesmal seufzte, wenn [271] irgend eine priesterliche Verrichtung ihn hinausrief, stand jetzt die hohe Gestalt seines Vorgängers. Bruno hatte sich wenig verändert, nur ernster, ruhiger war er geworden, die düstere Gluth des jungen Mönches, dessen Inneres sich so leidenschaftlich gegen die Fesseln seines Standes aufbäumte, war der Festigkeit des Mannes gewichen, der sich bereits im Kampfe mit dem Leben versucht hatte. Die dunklen Locken bedeckten dicht und üppig auch jene Stelle des Hauptes, die einst die Tonsur getragen, und damit schien auch der letzte Rest des Mönchthums abgestreift von der stolzen Erscheinung, der man es nicht mehr ansah, daß sie sich einst im Ordensgewande mit den vorgeschriebenen Zeichen äußerer Demuth gebeugt hatte.

An der jungen, kaum neunzehnjährigen Frau an seiner Seite waren die drei Jahre fast spurlos vorübergegangen. Die langen braunen Locken wallten noch wie einst über Hals und Schultern, in den blauen Augen lächelte wieder das ganze sonnige Glück früherer Tage und das rosige Antlitz hatte den vollen Zauber der Kindlichkeit behalten, aber es lag doch ein Hauch von Ernst auf ihrem ganzen Wesen, der verrieth, daß sie jetzt wohl etwas Anderes kennen gelernt, als Kinderspiele und Kinderthorheiten, und daß sie keine unwürdige Gefährtin des Mannes sein werde, der nun wirklich gekommen war, sie „mit hineinzureißen in sein Leben voll Kampf und Streit“.

Bruno hatte ihre Hand ergriffen und führte sie dem Pfarrer zu. „Mein Weib!“ sagte er einfach, aber es lag eine ganze Welt von Leidenschaft und Zärtlichkeit in dem einen Worte. „Ich konnte nicht abreisen, Hochwürden, ohne Ihnen meine Lucie zuzuführen. Sie wollte mich nicht allein in’s Gebirge lassen, denn sie kann noch immer nicht vergessen, was mir einst hier drohte, und ich –“ er beugte sich zu ihr nieder und sah ihr tief in’s Auge, „ich wäre auch schwerlich ohne sie gegangen!“

In dem Gesichte des alten Pfarrers zeigte sich eine gewisse zaghafte Verlegenheit bei dieser Vorstellung; für den katholischen Priester haftete doch noch immer etwas von einem Sacrilegium an dieser Vermählung des einstigen Mönches, als aber Lucie halb schüchtern, halb freundlich zu ihm aufblickte und ihm mit kindlicher Vertraulichkeit die Hand hinstreckte, da siegte das Herz des alten Mannes über alle priesterliche Bedenken, er faßte die Hand der jungen Frau und drückte sie herzlich in der seinen.

„Wir sind gestern noch bis A. gefahren,“ fuhr Bruno fort, „um heute in aller Frühe hier zu sein und Sie möglichst unbemerkt aufsuchen zu können. Ihres freundlichen Empfanges war ich zwar sicher, aber ich möchte nicht, daß mein Besuch, wenn er bekannt würde, Ihnen Ungelegenheiten dem Stifte gegenüber bereitet. “

Der Greis lächelte. „Fürchten Sie nichts! Ich bin Jenen zu unbedeutend, als daß sie sich viel um mein Thun und Lassen kümmern sollten; das geschah nur, so lange Sie unter meinem Dache weilten. Ueberdies wird das Regiment im Stifte nicht mehr mit der alten Strenge gehandhabt, es wird jetzt Manches geduldet, was früher nicht ungestraft hätte hingehen dürfen.“

„Ich weiß es! Mit dem Prälaten ist die eigentliche Seele des Klosters gewichen, dessen Macht sich jetzt reißend schnell ihrem Ende zuneigt. Daß jener mächtige Arm auch noch aus Rom herüberreichen kann, habe ich erfahren! Manches Hemmniß, mancher Stein in meinem Wege kam unzweifelhaft von seiner Hand – es ist ihm dennoch nicht gelungen, mich unschädlich zu machen!“

Er wandte sich nach dem Fenster und blickte hinaus auf die Häuser des Dorfes, in die er als Priester so oft eingetreten war; der Pfarrer benutzte diese Bewegung, sich Lucie zu nähern und ihr hastig einige Worte zuzuflüstern, es schien fast eine Bitte zu sein. Die junge Frau fuhr überrascht auf und warf einen besorgten Blick auf ihren Gatten, erst nach einer wiederholten leisen Bitte des alten Geistlichen näherte sie sich ihm.

„Bruno, unser Hiersein ist doch nicht so ganz verborgen geblieben, als wir glaubten; der Herr Pfarrer hat bereits seit gestern Abend einen Gast im Hause, der Dich zu sprechen wünscht.“

„Mich zu sprechen?“ wiederholte Bruno befremdet und völlig ahnungslos, „und dazu wählt man diesen Ort und diese Stunde? Warum nicht Dobra, wo ich doch ganz offen zu finden war?“

Der Pfarrer schwieg verlegen, muthiges persönliches Eingreifen war seine Sache nicht und er mochte auch wohl von früheren Zeiten her den Starrsinn seines ehemaligen Caplans zur Genüge kennen, aber Lucie kam ihm zu Hülfe. Sie ergriff Bruno’s Hand und zog ihn rasch zu der Thür des Nebenzimmers, die in diesem Augenblick geöffnet ward – Graf Rhaneck stand auf der Schwelle.

Ein leichtes Zucken flog über sein Antlitz hin, als er die Beiden vor sich sah. Der Graf hatte vielleicht noch niemals so bitter seine Vereinsamung gefühlt, so tief die Oede und Leere seines jetzigen Lebens empfunden, wie hier beim Anblick seines Sohnes und des lieblichen jungen Wesens, das sich an dessen Seite schmiegte. Bruno dagegen war zurückgewichen, die Ueberraschung schien ihm im höchsten Grade peinlich zu sein, und als Lucie jetzt Miene machte, sich zu entfernen, hielt er sie heftig zurück.

„Du bleibst, Lucie! Ich habe keine Geheimnisse vor Dir, am allerwenigsten mit dem Herrn Grafen Rhaneck.“

Die junge Frau legte leise den Kopf an seine Schulter. „Laß mich gehen, Bruno!“ flüsterte sie bittend. „Dies einzige Mal muß ich Dich doch wohl Deinem Vater lassen, es würde ihm wehe thun, stände ich jetzt zwischen Euch!“

Ohne eine Antwort abzuwarten, zog sie ihren Arm aus dem seinigen und in der nächsten Secunde waren die Beiden allein. Der Graf kam langsam näher.

„Wir haben uns lange nicht gesehen, Bruno! Hat mein Sohn auch jetzt keinen Gruß, kein einzigem Wort für seinen Vater?“

Bruno schwieg, er schickte nur einen unruhigen und ungeduldigen Blick nach der Thür hinüber, in der Lucie mit dem Pfarrer verschwunden war, als wolle er sie selbst für diese kurze Zeit nicht im Schutze eines Anderen wissen; der Graf fing diesen Blick auf.

„Deine Gattin hat es herausgefühlt, wie furchtbar schwer es mir geworden wäre, Dir in ihrer Gegenwart zu nahen,“ sagte er ernst, „Du freilich hättest mir diese Demüthigung nicht erspart!“

Bruno sah in der That nicht aus, als wolle er dem Grafen irgend etwas ersparen oder irgend etwas gewähren. Vielleicht hätte Lucie doch besser gethan zu bleiben, der so lange verbannt gewesene feindselige Zug auf seiner Stirn regte sich wieder, auch nicht einen Schritt that er dem Vater entgegen.

„Jedenfalls habe ich diese Demüthigung nicht verschuldet!“ erwiderte er kalt, „denn ich habe diese Begegnung weder begehrt noch gesucht.“

„Ich wollte Dich wiedersehen!“ entgegnete Rhaneck weich. „Und um so mehr, als ich hörte, daß Du Dich vermähltest.“

Die Weichheit hatte hier stets die entgegengesetzte Wirkung, Bruno flammte wieder trotzig auf bei diesen Worten. „Ja, ich bin vermählt, und unsere protestantische Ehe wird nicht anzufechten sein! Wenn ich auch die Mönchsgelübde brach, meinem Weibe werde ich die Treue zu halten wissen, die ich ihr am Altare schwur!“

Die Lippen des Grafen zuckten wieder bei dieser schonungslosen Erinnerung. „Du kannst mir nicht verzeihen, was ich Dir und Deiner Mutter gethan!“ sagte er leise. „Hätte ich es wieder gut machen können, es wäre längst geschehen, aber meine zweite Ehe bindet mir ja die Hände bei jedem Schritt. Die erste anerkennen hieße Ottfried im Grabe und die Gräfin an meiner Seite rechtlos machen. Du mußt das doch begreifen.“

„Daß die hochgeborene Gräfin Rhaneck und ihr Sohn andere Rücksichten verdienen, als meine bürgerliche Mutter, die man ungestraft rechtlos machen durfte – nein, Herr Graf, das begreife ich nicht und werde es nie begreifen!“

„Bruno!“ Die ganze innere Qual lag in dem Tone, Rhaneck drängte sie nur mühsam zurück, als er gefaßter hinzusetzte: „Und wollte ich selbst das Aeußerste versuchen, Du hast den Namen Rhaneck stets von Dir gewiesen, Du würdest die Anerkennung von meiner Hand nicht einmal nehmen wollen.“

„Nein, niemals!“ erklärte Bruno mit unversöhnlicher Härte. „Was Sie mir thaten, deshalb klage ich Sie nicht an, wir waren quitt in dem Momente, wo ich die Fesseln brach, in die man schon meine Kindheit geschmiedet. Auch ohne den Grafentitel [272] der Rhaneck habe ich mir einen Namen und eine Stellung in der Welt errungen, und vielleicht wäre auch ich an den Folgen einer vornehmen Erziehung geistig zu Grunde gegangen, wie Graf Ottfried. Ich habe nichts mehr von Ihnen zu verlangen, seit ich frei bin, aber was Sie meiner Mutter thaten, läßt sich nicht mehr sühnen. Ihr ist das Herz darüber gebrochen, und das ist’s, was ewig zwischen uns steht!“

„Sie hätte die Vergeltung in keine besseren Hände legen können!“ sagte der Graf bitter, „und vielleicht war es ihre Rache, die mir diese leidenschaftliche unbezwingliche Liebe zu Dir in’s Herz senkte, der ich jetzt opfere, was ich noch Keinem auf der Welt geopfert, meinen ganzen Stolz. Ich habe Dich des Namens und Rechtes Deiner Geburt beraubt – ja! Und doch habe ich nichts so sehr auf Erden geliebt, als mein beraubtes, mein verstoßenes Kind. So oft Du äußerlich Deinem Bruder nachgesetzt wurdest, senkte sich der Stachel tief in mein Innerstes, und es blutete zehnfach unter diesem Stachel, wenn ich bei Dir nur den dunkeln instinctmäßigen Regungen des Hasses begegnete, wo ich mit der ganzen Leidenschaft des Vaters Liebe forderte. Dein mühsam verhehlter Widerwille, Dein ewiges Zurückweichen vor meiner Zärtlichkeit ist mir eine Strafe gewesen, wie sie bitterer nicht gefunden werden konnte. In Ottfried erzog ich mir den Erben meines Namens und meiner Güter – was Du mir warst, ist er mir nie gewesen! Jetzt ist auch dieser Erbe mir genommen, dem Bruder bin ich auf immer entfremdet, ein kaltes verhaßtes Band fesselt mich an eine ungeliebte Frau, während mein Name und mein [272] Geschlecht mit mir zu Grabe geht, und mein geliebtester, jetzt mein einziger Sohn wendet sich in Haß und Bitterkeit von mir – ich glaube, Bruno, Deine Mutter ist gerächt!“

Er hatte mit ruhigem, aber erschütterndem Vorwurf gesprochen und wandte sich jetzt zum Gehen. Bruno stand da im heftigsten Kampfe, plötzlich aber eilte er ihm nach.

„Mein Vater!“

Der Graf blieb wie gebannt stehen, als er zum ersten Male den Vaternamen von diesen Lippen hörte; stumm, aber mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit streckte er die Arme nach seinem Sohne aus, noch einen Moment lang zögerte dieser, dann warf er sich an seine Brust, die Versöhnung war geschlossen. –

Bruno richtete sich zuerst wieder empor, er machte sich sanft los aus den Armen, die ihn noch immer umschlungen hielten.

„Wir müssen scheiden, Vater!“ sagte er fest. „Oeffentlich können und dürfen wir einander nicht begegnen, auch um Deinetwillen. Du kennst meine Stellung Deiner Kirche gegenüber, sie bannt mich aus Deinen Kreisen, denen ich so wenig nahen kann, als Du den meinen. Laß es genug sein mit der Erinnerung an diese Stunde, bis auf bessere Zeiten!“

Rhaneck trat mit dem Ausdrucke der Resignation zurück. „Bis auf bessere Zeiten! Und Deine Gattin?“

„Lucie soll auch den Vater umarmen. Sie hat meinen Widerstand gegen Dich stets Härte genannt. Ich gehe sie zu holen!“

Eine halbe Stunde später trat das junge Paar den Rückweg an. Der Graf war im Pfarrhause zurückgeblieben. Der alte Pfarrer aber hatte es sich nicht nehmen lassen, seine Gäste zu begleiten, so weit seine schwachen Kräfte es noch zuließen. Am Crucifix angelangt, von wo aus Bruno einst den verhängnißvollen Gang nach der Wallfahrtskirche angetreten hatte, blieb dieser jetzt stehen und reichte dem Geistlichen Abschied nehmend die Hand.

„Leben Sie wohl, Hochwürden! Ich habe Lucien versprochen, daß sie im Herbste die Ihrigen wiedersehen soll. Auf Wiedersehen also auch uns Beiden!“

Der Greis lächelte traurig. „Wir werden uns schon auf längere Zeit Lebewohl sagen müssen! Im Herbste werden Sie mich wohl dort drüben finden.“ Er wies nach dem kleinen Friedhofe des Dorfes hinüber. „Ich habe wenig mehr zu schaffen auf der Welt und bin nur eine unnütze Last noch, aber es freut mich doch, daß ich vor meinem Tode noch ein volles, warmes Menschenglück gesehen habe! Sie haben sich losgerissen von unserem Stifte, von unserer heiligen Kirche sogar, und ich sollte Sie wohl auch verdammen deshalb, aber es muß ja ein Jeder selbst am besten wissen, wie er mit sich und seinem Gott fertig wird. Ich habe von jeher herzlich gern mit meinen Mitbrüdern gesegnet, mit ihnen fluchen habe ich nie gekonnt, und wenn ich Ihr junges Weib ansehe, kann ich’s vollends nicht, also – der Herr segne Euch Beide!“

Er drückte Bruno noch einmal herzlich die Hand und küßte die junge Frau auf die Stirn. Bruno’s Auge schimmerte feucht, als er das letzte Lebewohl zurückwinkte nach dem Kreuze, an dem die verfallene, schon halb gebrochene Gestalt des alten Pfarrers lehnte – auch er wußte, daß er zum letzten Male in diese freundlich milden Augen geblickt hatte.

Durch den blauen Morgennebel dämmerten jetzt allmählich die hohen Schneegebirge, noch umwoben von dem rosigen duftigen Hauch der ersten Frühe, während das einsame Dörfchen bald ihren Blicken entschwand. Der helle klare Sonnentag, den jener Morgenduft verhieß, stieg jetzt glänzend herauf über dem Gebirge, während der Wagen des jungen Paares dahinrollte, vorüber an den thaufrischen Matten, an den dunklen Tannenwäldern und den mächtigen Felsgruppen, immer an dem brausenden Bergstrom entlang, der sie hinableitete bis in die Ebene.

Als sie diese wieder erreichten und, ohne Dobra nochmals zu berühren, die Richtung nach E. einschlugen, begann der Morgen schon den heißeren Strahlen des Tages zu weichen. Langsam fuhr der Wagen die Waldhöhe hinauf, von der aus Lucie zum ersten Male das Thal gesehen. Wie damals lag es im hellen Sonnenstrahl zu ihren Füßen, mit seinen Flecken und Dörfern, seinen Bergen und Wäldern, mit dem rauschenden Strom in der Mitte und dem blauen Gebirge in der Ferne. Aus seinem Tannendunkel ragte Schloß Rhaneck empor, und ihm gegenüber lag die Benedictiner-Abtei da, in ihrer ganzen stolzen Pracht. Wieder leuchteten die weißen Thürme und glänzten die langen Fensterreihen des mächtigen Gebäudes, dessen Mauern wie für die Ewigkeit gegründet schienen, aber Einen wenigstens hatten sie frei geben müssen, und wo erst Einer die Kette bricht, da ist sie auch gebrochen für Jeden, der ein festes Wollen einzusetzen hat. Bruno blickte hinüber nach jenen Mauern und dann hinauf zu den Lerchen, die liederfröhlich über seinem Haupte schwebten, er wußte ja jetzt auch wie sie, was Freiheit hieß. An dem Orte, der ihn einst schied von Leben und Glück, am Altare hatte er gestern die Hand seiner Braut empfangen und eilte jetzt der neuen Zukunft entgegen, sein junges Weib neben sich, vor sich die blaue duftige Ferne und über sich die schmetternden Lerchen, deren Lied hoch oben verklang im blauen sonnigen Aether.*


* Auf vielfache Anfragen nur die Mittheilung, daß die früheren Erzählungen des Verfassers: „Hermann“ und „Ein Held der Feder“, soeben als Buch unter dem Titel „Gartenlaubenblüthen“ erschienen sind.

Die Redaction.




Anmerkungen (Wikisource)

  1. Entsprechend Berichtigung in Heft 11 das Wort „Messe“ durch „Vesper“ ersetzt