Am Ziel

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Autor: Robert Heck
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Titel: Am Ziel
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aus: Die Gartenlaube, Heft 44, S. 739–740
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[739] Am Ziel. Straßburg war unser! Am 27. September Abends hatte sich die Festung übergeben und schon der Morgen des nächsten Tages fand mich in den Parallelen, die so wacker und brav gegen die Wälle vor ihnen gearbeitet hatten. Wie die Mannschaft, so hatten auch die vortrefflichen Geschütze ihre ganze Schuldigkeit gethan, und jetzt, da das lange ersehnte Ziel erreicht war, umgaben mich, wenn ich zu einer Batterie trat, die braven Kanoniere und erzählten leuchtenden Auges von dem, was ihre ehernen Pflegebefohlenen geleistet. Sie hatten fast durchweg Blumensträuße in die Zündlöcher der Geschütze gesteckt; die Wachen trugen oben in den Mündungen der Gewehrläufe Sträuße; ja bei den ebenfalls blumengeschmückten Riesenmörsern, welche Sprenggranaten von hundertvierundsechszig Pfund schießen, versicherte mich der Obergefreite, indem er das blanke Ungestüm hätschelte und streichelte, die Kugeln seien so sanft dahin geflogen „wie eine Taube“. Eine schöne Taube das!

Wie vollendet gut übrigens die deutschen Geschütze bedient worden sind, mag von hundert Beispielen hier nur eins bezeugen.

In einer württembergischen Vierundzwanzigpfünderbatterie in der ersten Parallele bei Schiltigheim standen am Morgen des 27. September mehrere höhere preußische Officiere und sprachen ohne Rückhalt ihre volle Anerkennung über die Raschheit und Genauigkeit der Schüssse aus, durch welche eine gegenüberliegende französische Batterie zum Schweigen gebracht worden war. In dem Augenblicke sah einer der Herren durch sein Glas, daß auf dem Festungswalle der Versuch gemacht wurde, eine neue Kanone anstatt der zerschmetterten aufzufahren. Der Oberfeuerwerker sah seinen Hauptmann an, dieser nickte lächelnd, die Officiere legten sich mit ihren Gläsern in die Luken, nach zwei Secunden krachte der Schuß, und Kanone und Bedeckungsmannschaft auf dem jenseitigen Walle kollerten übereinander und verstummten für immer.

Aus dem Labyrinth der im Zickzack die drei Parallelen verbindenden Laufgräben gelangte ich zu den nun berühmt gewordenen Lünetten 53 und 52; beide Werke sind zwei bewaffneten Riesenfäusten vergleichbar, welche von den zwei inneren Hauptwällen aus dem Angreifer entgegengestreckt worden waren. Die Kraft und die Fülle der deutschen Kugeln hatten aber die Steinwehren dieser Vorwerke zu Mehl zerrieben und ihre Bewohner völlig daraus vertrieben. Ein paar Arme voll Sandsäcke in den Canal geworfen, bildeten nebst den Trümmern einer Mine bei Lünette 53 die Brücke; eine Reihe leerer Fässer mit aufgelegten Brettern bei Nr. 52; im Laufschritt hinüber, die Erde durchwühlt, die Angriffsseite umgestülpt gegen die zwei inneren Wälle, eine ganze Reihe von kleinen Mörsern neben- und übereinander hier aufgepflanzt: und am andern Morgen spieen die deutschen Siebenpfünder ihren Eisenhagel den Feinden zu, und über sie weg krachten aus den Batterien der ersten Parallele die brescheschießenden Kugeln.

Eine etwas mühsame Wanderung über die Trümmer der Lünetten brachte mich auf den zweiten Wall, dicht vor das Steinthor, d. h. an die Stelle, welche die Spitze des von den drei hintereinander liegenden Parallelen gebildeten Angriffskeils gewesen war. Beim Zeichnen dieses interessanten Punktes hatte ich eine Masse von Zuschauern mir gegenüber, meistens Rothhosen. Ein Hornsignal rief sie aber bald ab, wenige Zeit nachher erschienen Pickelhauben auf den Wällen und für die seitherigen Vertheidiger derselben hatte nun die schwerste Stunde geschlagen, die der Waffenstreckung.

Roth schien die Sonne durch den immer noch qualmenden Staub, welchen der fast drei Stunden dauernde Zug der Gefangenen aufgewühlt hatte, da kehrte ich noch einmal zurück zu den Laufgräben und ging im ersten derselben bis hinüber nach Königshofen, wo die beiden Riesenmörser standen, die zwei „Oberhochzeitbitter des Herrn v. Werder bei der Jungfrau Straßburg“, wie sie scherzweise in der Batterie genannt wurden. Ich wollte das Conterfei dieser beiden im Skizzenbuch für die Leserwelt der Gartenlaube haben – da sind sie. Die fröhlichen Kanoniere hatten von einem benachbarten, in Trümmer geschossenen Hause eine blaue Tafel mit weißer Schrift herübergeholt und an der Pulver- und Kugelkammer aufgehängt; „Niederlage von Feuerspritzen“ stand deutsch und französisch auf derselben.

Am nächsten Tage gelang es mir, im „rothen Haus“ am Kleberplatz ein hübsch gelegenes Zimmer, allerdings mit zerschmetterten Scheiben, zu bekommen; als ich gegen Abend ein wenig von den außerordentlichen Eindrücken, die ich im Laufe des Tages empfangen, dort ruhen wollte und vor das Fenster trat, winkte die über das Häusermeer aufragende Münsterpyramide, überglänzt vom röthlichen Abendsonnengolde, so einladend zu mir herüber, daß ich sogleich wieder aufsprang und eine Viertelstunde später auf der Plattform der Münsterterrasse stand; noch rosiger und luftiger glänzte aber dort die herrliche Pyramide, ich mußte hinauf und stieg und schraubte mich durch die engen Wendeltreppchen bis zur oberen Krone; dort lag ein besonders hübsch gemeißeltes Stück des rothen Sandsteines, aus welchem die Kirche gehauen ist, und dicht daneben eine halbe deutsche Zwölfpfündergranate. Ueber dem Eisenleiterchen am Thurmschluß angekommen und durch eine Lücke zum Kreuz mich hinausbiegend, erkannte ich sogleich die Herkunft dieser beider Stücke: Ein französischer Officier hatte, scheint es, während der Belagerung die Thurmspitze ebenfalls erstiegen, um hier nach den Arbeiten der Belagerer auszuschauen; er war aber bemerkt worden, eine deutsche Granate nahm den vierhundertfünfunddreißig Fuß hohen Flug und traf so sicher, daß sie die Hälfte des Kreuzstammes durchschlug, an den Querast desselben prallte, das äußerste Ende desselben abschlug und nun ruhig auf der obersten Krone am Fuße des Kreuzsockels liegen blieb. Der Officier mag die Ueberzeugung mit sich genommen haben, daß man auch in den höchsten Regionen jetzt nimmer sicher sei bei Spionierdiensten, welche gegen Deutschland gerichtet sind; ich aber nahm die Granathälfte und das Kreuzstück, sauber in meinen Plaid gewickelt, mit fort, nachdem ich noch oben die Zeichnung der beiden Lünetten und Wälle bei dem Steinthor gemacht, und mit meinem Taschenmesser ein Stück der weißen Uebergabsfahne wegannectirt hatte.

Am dritte Tage nach der Uebergabe hatte Straßburg schon wieder beinahe sein gewöhnliches Ansehen; die Menschenmenge fluthete auf und ab, alle Läden waren offen, nur hin und wieder huschte noch scheu ein französisches Blaßgesicht mit dunkeln Augen und Haaren (selbst Damen [740] zeigen einen bläulichen Anflug auf der Oberlippe) durch die Straßen, den Stammesgenossen rasch ein paar Worte zuflüsternd. Dagegen strömten schaarenweise zu den paar offenen Thoren die „Schlachtenbummler“ herein und füllten die Gasthöfe, Straßen und Plätze. Da schüttelte ich den Belagerungsstaub von den Füßen und schritt frischauf wieder der Heimath zu.

Robert Heck.