Amerikanische Festtage

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Titel: Amerikanische Festtage
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aus: Die Gartenlaube, Heft 29, S. 500
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[489]
Die Gartenlaube (1889) b 489.jpg

Vom Festzug der Stadt New-York am 1. Mai 1889.
Nach Augenblicksaufnahmen von Falk in New-York.

[500] Amerikanische Festtage. (Zu dem Bilde S. 489.) Seit fünfzehn Jahren reiht sich in den Vereinigten Staaten von Amerika eine Kette von Erinnerungstagen aneinander, von Feierlichkeiten, welche dazu bestimmt sind, die entscheidenden und bedeutungsvollen Marksteine in dem großen Unabhängigkeitswerke den um ein Jahrhundert von den Ereignissen getrennten Nachfahren ins Gedächtniß zu rufen. Noch jüngst hat auch die „Gartenlaube“ in ihrer Nummer 9 Veranlassung genommen, auf einen dieser Gedenktage, die Feier der Uebernahme der Präsidentschaftswürde durch ihren ersten Inhaber, George Washington, am 4. März 1789, in Worten der Erinnerung hinzuweisen, und nunmehr ist das letzte Glied der langen Kette angefügt worden, indem in den Tagen vom 29. April bis 1. Mai dieses Jahres die Einführung desselben Präsidenten in die Stadt New-York als Schluß- und Höhepunkt der ganzen Unabhängigkeitsbewegung festlich begangen wurde.

Fast überwältigend war das Bild dieses Riesenfestes in der Millionenstadt, schier endlos der Strom der Hunderttausende, der von allenthalben her sich in die Straßen New-Yorks ergoß, unerschöpflich die Kette der Veranstaltungen, in der Begrüßungs- und Redeakte, gottesdienstliche Feiern, Festmahle und Festbälle, Schiffs- und Militärparaden sich drängten, so daß an die Ausdauer des heutigen Nachfolgers von George Washington, des Präsidenten Harrison, harte Anforderungen gestellt wurden. Den Glanzpunkt des ganzen Festes brachte aber doch der dritte Tag, der 1. Mai. An ihm zog durch die menschengefüllten Straßen der von der Stadt New-York und ihren verschiedenen gewerblichen und Handelsvereinigungen veranstaltete „bürgerliche Umzug“, das Großartigste, was selbst das an massenhafte Schaustellungen gewöhnte New-York bis jetzt gesehen haben dürfte. Volle acht Stunden vergingen, bis alle die zahllosen Vereine, Gewerkschaften etc. mit ihren prächtig ausgestatteten Wagen vor dem Standpunkte des Präsidenten am Union Square vorübergezogen waren, und die 80 000 Menschen, welche in dem Aufzuge Platz gefunden hatten, waren nur ein Theil derer, die sich in patriotischem Eifer zur Theilnahme gedrängt hatten.

Innerhalb dieses Kolossalzuges aber trug nach dem einstimmigen Urtheil der Berichte die deutsche Abtheilung die Palme davon, und zu ihr führt auch unser Bild den Beschauer. Die Idee dieser Abtheilung des Zuges war, zu zeigen, was die deutsche Einwanderung den Vereinigten Staaten an Mitteln der Kultur zubrachte und welche Berufs- und Erwerbszweige hauptsächlich in den Händen der Deutschen sind. Joseph Keppler und der Bildhauer Aloys Löher, die Vorsitzenden des Künstlerkomitees, haben in diesem Zuge eine Meisterleistung vollbracht, insbesondere ist es der letztere, dessen Haupt der das Ganze tragende Gedanke entsprang. Von den beiden Gruppen, welche auf unserem nach Augenblicksaufnahmen von Falk in New-York gezeichneten Bilde sichtbar sind, ist die vordere der Wagen der deutschen Helden des Unabhängigkeitskriegs mit den Generalen von Kalb und Steuben, die Riesenerdkugel gehört der Gruppe der neuzeitlichen Presse an. Ueber ihnen wölbt sich ein gewaltiger, mit den Bildnissen Washingtons und Harrisons geschmückter Triumphbogen, ein kraftvolles Sinnbild der von Jahrhundert zu Jahrhundert sich spannenden Erinnerung.