An den Plätzen der Frithjofsage

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Textdaten
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Autor: M. R.
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Titel: An den Plätzen der Frithjofsage
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 43, S. 719–720
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[719]
An den Stätten der Frithjofsage.
Norwegische Landschaftsskizze.


Was bei einem Besuche Norwegens in der Regel unsere Bewunderung zuerst wach ruft, das sind seine ungeheueren Raumverhältnisse. Der Westsaum der schroff in’s Meer abfallenden


Die Gartenlaube (1876) b 719.jpg

Der „Baldersten“ im Sognefjord.
Nach einer Skizze auf Holz übertragen von R. Püttner.


Gebirgsmasse Skandinaviens ist hundert Meilen länger als der äußere Bogen des mitteleuropäischen Alpenlandes von der Riviera di Ponente am Mittelmeere bis hinüber zur Donauniederung bei Wien. Thäler und Höhen, der tief in’s Land eindringende Fjord (Meerbusen), Seen und Flüsse verbreiten sich über Räume, die an Längenausdehnung die im mittleren und südlichen Theile unseres Continentes herrschenden Maße oft weit überbieten. Die Vorstellung hiervon ist bei uns zu Lande noch lange nicht allgemein geläufig. Norwegische Binnenseen, welche dem Genfer- oder Bodensee an Ausdehnung gleichkommen oder sie übertreffen, sind bei uns Vielen kaum dem Namen nach bekannt.

Ueber dreißig Meilen, also in einem Umfange wie etwa von München bis Heidelberg oder von Berlin bis an Rügens Nordküste, schneidet der Sognefjord in die hochaufgerichteten Felsmassen des westlichen Norwegens ein. Das Gulbrandsthal, von Anfang bis zu Ende ein reines Gebirgsthal, erstreckt sich über drei und einen halben Breitengrad in seiner Hauptrichtung von Nordwest nach Südost. Man vergleiche einmal damit das Inn- oder Rhonethal, soweit sie dem Alpenbereiche angehören! Das Bergrevier, welches auf der Süd- und Nordseite dem Sognefjord zugekehrt ist und mit seinen steilen Thalschluchten in [720] die große Wasserstraße einmündet, heißt Sogn. Ein Flächenraum von etwa hundert geographischen Quadratmeilen, auf welchem noch nicht vierzigtausend Menschen leben. Es ist das eine eigene Welt für sich, deren Pulsader der mit steigender Pracht seiner Felsufer bis an die Schwelle des norwegischen „Riesengebirges“, der Jotnefjelde, eindringende Fjord bildet. Nach Nord und Süd greifen seine Seitenarme in’s anlagernde Hochland. Das sind die schönsten Partien im Sogn, ein wundersamer Wechsel mannigfacher Stimmungsbilder, die bald bis zum Schreckhaften wild und gewaltig, bald mit überraschender Fruchtbarkeit und lieblicher Scenerie alle Vorurtheile von der Eintönigkeit der skandinavischen Bergwelt zu heben vermögen.

In der dreifachen Länge des Genfer Sees trägt der Sognefjord Leben und Verkehr in’s Herz der unwegsamsten Regionen Norwegens. Das ist die hohe Bedeutung der eigenartigen Verschlingung von Land und Meer an der skandinavischen Westküste. Die landschaftlichen Reize allein sind es nicht, die uns die norwegischen Fjorde interessant machen. Als wichtigste Verbindungswege sind sie von unschätzbarem Nutzen für das angrenzende Land. Ohne das belebende Eingreifen dieser Wasseradern in die Gebirgsmasse wäre Norwegen ein plumper, ungegliederter Felskoloß, ähnlich dem wüsten, flacheren Labrador jenseits des Oceans.

Der Fjord ist die große Hauptstraße für alle angrenzenden Thäler, und mehr als die unwegsamen Hochebenen der Halbinsel und die sie durchschneidenden Thäler des Binnenlandes sind die Küsten, Buchten und Vorgebirge der Fjorde und die Schären an ihren Eingängen der Schauplatz der großen Ereignisse, namentlich in der älteren Geschichte Norwegens. Die geschützteren Lagen im Innern dieser Meeresarme mußten frühzeitig zu fester Besiedelung anlocken. Aus ihnen gingen aber auch die Wikingerzüge der Vorzeit hervor; von dort kamen die Raubschiffe der gefürchteten Normannen nach Friesland und England, Irland und Schottland, nach den Küsten Frankreichs, Spaniens und Italiens. An den gesichertsten Stellen der Fjorde tagten auch in alter Zeit jene gemeinsamen Obergerichte, die „Thinge“ der norwegischen Fylke, welche letzteren unseren altgermanischen Gaugenossenschaften entsprechen. So besuchten die acht Fylke der Thrönder alljährlich das Thing zwei Meilen nördlich von Drontheim, welches auf einer tief in die Seebucht einspringenden Landzunge, Frosto, gehalten ward. Der gelehrte Erforscher der skandinavischen Alterthümer, Gerhard Schöning (gestorben 1780 zu Kopenhagen), fand dort noch sechsunddreißig große Steine im Viereck gereiht, mit zwei größeren in der Mitte.

Im Vergleiche mit den anderen größeren Fjorden Norwegens, dem Stavanger- und Hardanger-Fjord mit ihren eigenthümlich umgebogenen Querarmen, oder dem Molde- und Drontheim-Fjord, die polypenartig, wie ungeheuere Krabben, in’s Land eingreifen, hat der Sogne-Fjord eine einfachere und regelmäßigere Zeichnung. Die Länge seines Hauptarmes aber übertrifft die aller anderen. Der von Bergen abgehende Dampfer braucht vom Eingange in den eigentlichen Fjord, von Sognefest im Westen bis nach Laerdalsören im Osten, dreiunddreißig Stunden und ist dabei nicht in alle großen Nebenarme eingelaufen. Würde man in alle größeren und kleineren Seitenfjorde hinein und wieder zurück fahren, so wäre dies von Sognefest bis Skjolden im innersten Winkel des Lysterfjord eine Fahrt von mehr als sechszig norwegischen oder nahezu hundert geographischen Meilen. Die ganze Länge des Bodensees von Bregenz bis Constanz legt man mit dem Dampfer bekanntlich in drei und einer halben, die ganze Thalfahrt von Mainz bis Köln in beiläufig sieben Stunden zurück. Wo in der Mitte des Sognefjords der große Seitenarm des Fjärlandsfjord nordwärts biegt, am Balestrand, ist der angebliche Schauplatz der Frithjofssage. Dort, glaubt man, war das kleine Reich des Königs Bele gelegen. Auf dem steilen Felsvorsprung, der noch den Namen der Baldershöhe trägt, stand der Sage nach der Tempel, welchen Frithjof in Asche legte. Gegenüber aber lag Framnäs, die Wohnung Frithjof’s. Unweit davon ist auch die historische Stätte jener denkwürdigen Seeschlacht zwischen den beiden jugendlichen Kämpfern um die norwegische Königskrone, des Magnus Erlingsson und Sverrir’s, jenes Heldenkampfes in der magischen Helle einer nordischen Juninacht (1184), der mit der Niederlage des ersteren endigte. Zwei Tage nach der blutigen Schlacht zog man die Leiche Königs Magnus aus der Wassertiefe.

Jetzt zeigt die Landschaft das Bild einer großartigen Ruhe. Es ist einer der gesegnetsten Striche des Sogn; Gehöft an Gehöft, Fruchtgarten an Fruchtgarten reiht sich auf meerumrauschten Hügeln, über welchen hochgebirgige Massen aufsteigen. Und zwischen den Wohnstätten der Gegenwart ragen am Seegestade noch jene Bautasteine empor, die kunstlosen Obelisken der nordischen Vorzeit, von welchen unsere Abbildung einen der größeren, den sogenannten „Baldersten“, zeigt.

Die landschaftliche Scenerie des Sognefjord, namentlich in den inneren Verzweigungen desselben, steht an wilder Großartigkeit auch hinter den berühmtesten Partien eines Vierwaldstätter Sees nicht zurück. Ich habe diese Felsenscenerien bei strahlender Tagesbeleuchtung und in später Nachtstunde, im Sonnenroth erglühend, gesehen. Mir schien, als stiegen die Bergkolosse des Sogn in viel wuchtigeren Gebilden aus den Wassertiefen auf als jene der Alpen. Und wo sie zurückweichend dem Meeresgewässer neue Eingänge eröffnen, weit hinein in den Schooß des Gebirges, da tritt uns mitten im wilden Felsbereich oftmals eine unerwartete Anmuth und Fülle der Vegetation entgegen.

Einige Striche des Sogn sind in Norwegen als das eigentliche Revier berühmter Bäume bekannt. Ein ganzer Kirschwald breitet seinen Schatten über den grasigen Abhang bei Urnes, am Fuße der gewaltigen Felsreihen des Lysterfjord. In den Obstgärten des schönen Sognedalsfjord, einer anderen nördlichen Verzweigung des großen Sognesjords, werden unter dem 61. Grade nördlicher Breite nicht nur mancherlei Sorten von Aepfeln und Birnen, sondern auch edlere Obstarten gezogen, die auf den Markt nach Bergen wandern; in günstigen Sommern reift dort sogar die Traube am Spalier. Und doch ist man nur wenige Stunden von dem Bereiche des ewigen Schnees und der Gletscher entfernt, von der kolossalsten Firnenmasse des europäischen Festlandes, des Jostedalsbrae. Seine Eisströme reichen weit hinab, bis auf einige hundert Meter an das obere Ende der Seitenfjorde des Sogn.

Einst war auch das ganze Bett des jetzigen Sognefjords mit Gletschermassen angefüllt. Die Spuren des sogenannten „Schliff“ folgen von der Höhe des Gebirges herab den zum Hauptfjord sich hinabziehenden Thälern und den Ufern des Fjords selbst; draußen an den Suleninseln, am Eingange in denselben, sind sie heute noch erkennbar. Da und dort ziehen auf dem Grunde des Meeresarmes mächtige Barren von Ufer zu Ufer, vielleicht die Endmoränen einstiger Gletscher.

So hat denn auch diese Felsen- und Wasserwelt in ihrer erhabenen Schönheit schon die Forschung aus jenem Gebiete der naturwissenschaftlichen Erkenntniß wach gerufen, welches uns in die ungemessenen Zeiträume der Erdgeschichte hinaufführt.
M. R.