An die Gegner der „Feuerbestattung“

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Autor: Prof. Dr. C. Reclam
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Titel: An die Gegner der „Feuerbestattung“
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aus: Die Gartenlaube, Heft 38, S. 608–610
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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An die Gegner der „Feuerbestattung“.


Das Gute kann nur durch Kampf zur Geltung gelangen. In unserer schnelllebigen Zeit sind sechs Monate ein langer Zeitraum, und fast erfüllte es mich mit Bedauern, daß er verstrich, ohne daß Jemand auf dem Kampfplatze erschienen wäre, um gegen die Feuerbestattung aufzutreten. Alle Stimmen, die ich las oder hörte, waren für die neue Forderung. So erfreulich es ist, im Sinne der Mehrheit gesprochen zu haben, so ist es doch fast erdrückend, wenn von keiner Seite Gegenrede erschallt. Endlich sind einige Gegner aufgetaucht. Wir wollen ihnen antworten. Die Herren „Gegner“ haben es uns so leicht gemacht, daß wir sie zum Theil mit ihren eigenen Waffen schlagen können. Wir haben uns vergeblich nach besseren Mannen umgesehen, von denen wir gern Lehre um Lehre getauscht hätten. Wir müssen uns eben begnügen.

Um hübsch Ordnung und Reihenfolge zu halten, wollen wir zunächst die Feinde der Feuerbestattung in’s Auge fassen, dann die Einwände der (jetzigen) Freunde beantworten und darauf uns zu denjenigen Gegnern wenden, welche wir als künftige Freunde betrachten.

1) Die Feinde. Der Herold hat zum Kampf geblasen und gespornt und gewappnet stürmt unser werther Herr College, Herr „Medicinalrath“ Mohr in Bonn, auf den Kampfplatz, um „Gründe der exacten (!) Naturwissenschaft gegen die Leichenverbrennung“ vorzubringen.

„Man kann die Leuchte der Wahrheit nicht durch das Gedränge tragen,“ sagt Lichtenberg, „ohne einige Perrücken zu versengen.“ Das scheint Herr Mohr in Bonn empfunden zu haben, und er zetert Mordio. Das Ergebniß seiner Darlegung ist: die Leichenverbrennung ist a) „unnütz“, b) „ein Raub an der Erde“, c) „unnatürlich“ und d) „sehr kostspielig“. Diese vier Qualitäten seiner Gegnerschaft wollen wir nun einzeln betrachten.

Also: a) die Leichenverbrennung ist „unnütz“. Hier giebt zuerst Herr Mohr zu, daß der Bewegung für die Leichenverbrennung die menschenfreundliche Absicht zu Grunde liege, den Nachtheil zu entfernen, welchen die verwesenden Leiber den Lebenden bringen. Hierbei widerfahren ihm folgende zwei kleine lustige Sätze, welche wir wortgetreu wiedergeben:

„Die Alten verbrannten ihre Leichen auf einem Holzstoße. Später wurde der Scheiterhaufen auch auf lebende Menschen angewendet, aber auch dadurch konnte man die Verbreitung giftiger Ansteckungsstoffe nicht verhindern.“

Wann und wo wurde der Scheiterhaufen auf lebende Menschen „angewendet“? Antwort: Im Mittelalter unter dem Einflusse der Inquisition gegen Ketzer. Wenn man „auch dadurch“ die Verbreitung „giftiger Ansteckungsstoffe“ nicht hindern konnte, worin bestanden dann diese giftigen Ansteckungsstoffe? Antwort: In Verbreitung der Wahrheit und in Vernunft. – Das sind also Ansteckungsstoffe, vor denen man sich hüten muß – lehrt uns Herr Medicinalrath Mohr.

Später spricht er auch von anderen Ansteckungsstoffen und wagt die kühne Behauptung, daß „die Ansteckung der Cholera, der Pocken, des Scharlachs, der Diphtheritis, des Typhus ‚nur von Lebenden zu Lebenden‘“ geschehe. Was soll man darauf erwidern? Sind die Arbeiten unserer bedeutendsten Aerzte und Hygieiniker vor Herrn Mohr Nichts? Weiß er denn nicht, daß jedes Lehrbuch der Pathologie oder der Hygieine ihn eines Andern belehren kann? Dann ist nur zu wünschen, daß der Herr „Medicinalrath“ Mohr sich an irgend einen „Candidaten der Medicin“ in Bonn wende, damit ihn dieser über den gegenwärtigen Stand der Wissenschaft belehre. Für uns und unsere Leser ist der Raum der Gartenlaube hierfür zu kostbar.

b) „Ein Raub an der Erde“ soll es sein, wenn die Todten nicht begraben, sondern verbrannt werden. Heiliger Liebig, hilf! Es handelt sich um „Raubbau“.

Und worin besteht der „Raub“? Das Ammoniak wird zerstört. Ammoniak ist aber (nach Mohr) die höchste Leckerei der Pflanzen; Leichenverbrennung, Schießpulver und Eisenbahnen verdienen gleichmäßig einen Kreuzzug, weil sie die Bildung des Ammoniak hindern. Die Leichenverbrennung setzt der Ammoniakverschwendung die Krone auf, und nun muß die Natur zu Grunde gehen. „Wo solch ein Köpfchen keinen Ausweg sieht, stellt es sich gleich das Ende vor.“ Zum Glück steht es nicht so schlimm. Herr Mohr, der Mann der „exacten“ Naturwissenschaft, führt nicht den Nachweis, daß das aus den begrabenen Leichen entstehende Ammoniak auch wirklich den Pflanzen zu Gute komme, Im Gegentheile, er führt Gründe an, weshalb dies nicht geschehe. Er sagt:

„Endlich ist die Beerdigung sowohl das natürlichste, als auch das sicherste Miitel, alle Effluvien (Ausströmungen) zurückzuhalten.“

Also: durch die Beerdigung werden sicher „alle Effluvien“ zurückgehalten; das Ammoniak gehört zu den „Effluvien“ der Leichen; folglich wird auch das Ammoniak zurückgehalten, – folglich ist es für die Pflanzen sehr gleichgültig, ob die Leichen verbrannt oder begraben werden. Im letzteren Falle wird das Ammoniak „zurückgehalten“, und es kommt den Pflanzen nicht zu Gute, im ersteren Falle wird es chemisch verändert und kommt ebenfalls den Pflanzen nicht zu Gute. – Jedermann wird zugeben, daß es den Pflanzen sehr gleichgültig sein kann, was mit dem Ammoniak geschieht, wenn es ihnen doch nicht zu Gute kommt.

Aber die Pflanzen erhalten ja überhaupt das Ammoniak nicht aus den Leichen der Begrabenen. Dieses könnte höchstens den Pflanzen des Friedhofes zu Theil werden. Woher erhalten es die übrigen, viel, viel zahlreicheren Pflanzen? Die zahllose kleine Thierwelt, welche unbegraben verwest, die stickstoffhaltigen Theile der abgestorbenen Pflanzen sind (wie Jedermann weiß) die eigentlichen Quellen des Ammoniak für die grüne Vegetation. Nur Herrn Mohr beliebt es für seinen Zweck, eine andere Quelle anzunehmen. Gesetzt aber, die Pflanzen erlitten im „Ammoniak“ einen Verlust, so erhalten sie dafür Ersatz in einem andern, ihnen kaum minder wichtigen Nährstoffe: in der „Kohlensäure“. Auch dies beweisen wir aus des Herrn Mohr eigenen Worten, welcher sagt:

„Die Kohlensäure findet wieder ihre Verwendung in der Pflanze, und diese Erzeugung ist ein dauernder Raub an der Erde.“

c) Allein die Verbrennung ist „unnatürlich“, denn: „diese beiden Ergebnisse der Cultur, das Schießpulver und die geruchlose Leichenverbrennung, liegen nicht im Plane der Natur, und sie hat kein Mittel, den dadurch bewirkten Verlust zu ersetzen.“

„Liegen nicht im Plane der Natur“! Herr Medicinalrath Mohr ist ein Eingeweihter. Er kennt den Plan der Natur. Wir dachten, es handelte sich (nach der Ueberschrift) um „exacte Naturwissenschaft“. Statt dessen taucht ein Stück längst vergessener Naturphilosophie auf und belehrt uns über den teleologischen „Plan“ der Natur. Der Naturphilosoph Mohr kennt auch die Schätze und Subsidien der Natur ganz genau; er weiß, daß die Natur „keine Hülfsmittel“ dagegen hat. – Arme Natur! Wir Uebrigen haben Dich bisher für reich an Hülfsmitteln gehalten. Aber Herr Mohr weiß das besser. – Weiter ist nichts zu erwidern.

Endlich d) „die Leichenverbrennung ist sehr kostspielig“. – Gegen diesen Einwand führe ich einfach die Thatsache an, daß die Kosten für Verbrennung der Weichtheile und Knochen eines menschlichen Leichnams nach dem von mir erwählten und empfohlenen System etwa drei Mark betragen. Man vergleiche damit die Kosten des „Begrabens“ und man urtheile, ob der Einwand stichhaltig ist oder nicht.

Die Gründe der „exacten“ Naturwissenschaft sind erst noch zu hören. Bis jetzt wurden, wie man sieht, keine derselben vernommen. –

Ein anderer Gegner, Professor J. P. Lange in Bonn, hat nicht die Kühnheit, die „exacte Naturwissenschaft“ als Schild vorzuhalten. Er scheint vielmehr zur theologischen Facultät zu gehören, und wir haben daher keinen Grund, ihm die Unkenntniß der Naturwissenschaften und des Verbrennungsverfahrens vorzuwerfen. Er kennt z. B. nicht die Kennzeichen des eingetretenen Todes, und alle von ihm in dieser Beziehung gegen die „Physiologie“ gerichteten Worte sind ohne jede Begründung. – Ebenso ist es unbegründet, wenn er glaubt, die Leichen, welche zu anatomischen Uebungen und Lehrvorträgen gedient haben, könnten nicht verbrannt [609] werden, da die einzelnen Leichentheile ebenso verbrannt werden können, wie die einzelnen Theile eines Holzscheites und das ungetheilte Scheit.

„Wie oft sieht sich die Criminaljustiz veranlaßt, Leichen wieder ausgraben zu lassen!“ Ja, „wie oft“? Gar nicht oft, sondern äußerst, äußerst selten. Ein seit Jahrzehnten amtirender Bürgermeister einer der größten Städte hat mir unlängst versichert, daß von den vielen Hunderttausenden von Leichen, die während seiner Amtszeit begraben wurden, auch nicht eine einzige zu Justizzwecken ausgegraben wurde. Fast von jeder Stadt, wo ich mich danach erkundigt habe – oder wo Herr Lange die Güte haben wird, sich zu erkundigen – ist Gleiches zu erfahren. Wenn also den Lebenden dadurch Nachtheil entsteht, aus welchen Gründen sollen wir um etwa möglicher Ausgrabungen willen ein altes, unrichtiges System beibehalten und ein neues, richtigeres verwerfen? „Pereat mundus et fiat justitia.“

„Die traditionelle Sitte“, – „die Symbolik“ – und „der Kirchhof“ – laufen durch Feuerbestattung Gefahr. Das mag sein. Mögen Andere es entscheiden! Ich kämpfe auf diesem Gebiete nicht, denn hier bin ich nicht zu Hause. Mir gilt nur das Eine: der Gewinn für die Gesundheit und Leistungsfähigkeit des Menschen. Ist dieser Gewinn vorhanden (und er ist es nach meiner festen, innigen Ueberzeugung), dann gebe ich „Tradition“, „Symbolik“ und „Kirchhof“ um seinetwillen auf.

„Pietät gegen das geweihte Menschenbild“. Wenn Sie, Herr Professor J. P. Lange in Bonn, jemals einen „faulenden“ und einen „verbrennenden“ Leichnam gesehen hätten, so würden Sie nicht von „Pietät“ im Interesse des Begrabens reden. Ich habe Beides gesehen. Ich habe den Begrabenen als ekles Zerrbild der Menschengestalt gesehen – ich habe den Leib sich irdisch verklärend und im Glühen unmerklich dahinschwindend gesehen. Ich habe in einem Falle Abscheu, im andern Bewunderung empfunden. Sie aber – lernen Sie doch von der Naturwissenschaft die Scheu vor Unwahrem!

„Die Leichenverbrennung als Luftvergiftung“ predigt uns Herr Lange zum Schluß. Auch hier führt er einen Kampf mit Windmühlen. „Die gewöhnliche Verbrennung“ soll „Flamme, Rauch und Asche“ geben. Das giebt nicht die gewöhnliche, sondern die unvollkommene Verbrennung. Bei der Feuerbestattung ist der Apparat aber für vollkommene Verbrennung eingerichtet. Kein Wölkchen Rauch entsteigt der Esse. Kein „Geruch brennender Knochen und Gebeine“ konnte bei den mehrmals wiederholten Versuchen wahrgenommen werden. Es handelt sich eben nicht um trockene Destillation, sondern um vollständige Verbrennung, bei welcher unter Erscheinung einer weißen Flamme der Leichnam sich in Wasser, Kohlensäure und Stickstoff auflöst. Die Lange’sche Phantasmagorie, daß man künftig unsere Abgeschiedenen „in den Nebeln der blauen Berge wieder zum Vorschein kommen sehen“ könne – ist also ein geistiges Nebelbild unseres geehrten Herrn Gegners. –

In Bonn, in der reizvoll am grünen Ufer des deutschen Stromes gelegenen Stadt, lehrten einst Männer wie Helmholtz, Max Schulze, Ritschl. Von diesen wäre sicher kein Angriff gegen die „Feuerbestattung“ gekommen. Und wäre er, – so wäre uns ihnen gegenüber die Abwehr nicht so leicht gemacht worden, sondern wir hätten dankend Neues und Wahres entgegennehmen können. –

2) Wenden wir uns nun zu den Freunden. Diese haben es uns minder leicht gemacht, denn sie haben herausgegriffen, was vielleicht Vielen auf dem Herzen lag.

Die Freunde der „Feuerbestattung“ haben Anstoß daran genommen, daß unsere Abbildung in Nr. 19 der „Gartenlaube“ von diesem Jahre den „Sarg“ als Hülle des Todten zeige. „Wenn wir mit dem Sarge verbrannt werden sollen,“ schreibt uns Einer derselben, „so ist die alte Holzvergeudung auch bei dem neuen Verfahren beibehalten, und die Hinterbliebenen haben die Asche nicht frei von fremden Bestandtheilen.“

Da sieht man wieder die leidige Gewohnheit des Regiertwerdens! Muß denn jede Einzelnheit vorher bestimmt und vorgeschrieben werden? Kann denn nicht einmal in Sachen des bürgerlichen Lebens ein wenig „Selbstregierung“ Raum gewinnen? – Auf die Anfrage: ob mit oder ohne Sarg verbrannt werden solle, haben wir nur die eine Antwort: Mache das Jeder, wie er will! Der Raum ist groß genug, um den Sarg aufzunehmen. Richtiger aber ist es gewiß, die Bestattung ohne denselben auszuführen. Man kann die mit Linnen bekleidete Leiche auf ein Brett legen, über welches der unten offene Sarg gedeckt wird. So wird der Todte zur Feuergruft gebracht und mit dem Sarge herabgelassen. Vor dem Verbrennungsraume hebt man den Sarg ab und bringt die Leiche nur auf dem Brette liegend in den Bestattungsraum. –

Ein Anderer klagt, daß die „Poesie des Grabhügels“ verloren gehe. Die Frauen lieben es, ihrem Schmerze am Grabhügel nachzuhängen; der treue Sohn ehre die Begräbnißstätte seiner Eltern und Großeltern durch Blumenschmuck. Das sei bei der Feuerbestattung unmöglich.

Weshalb ist es denn unmöglich? „Verbrennen“ und „Begraben“ sind nur die Arten der Bestattung mit Hülfe des Feuers oder der Fäulniß. Der Grabhügel aber bezeichnet die Stelle, wo die Reste des mit Fäulniß Bestatteten aufbewahrt werden. Weshalb kann man denn die Reste eines mit Feuer Bestatteten nicht ganz in gleicher Weise aufbewahren? Wo liegt die Unmöglichkeit? Die „Asche“ hat nur den Vorzug, daß sie die Erde nicht mit Fäulnißgift durchsetzt und den Lebenden schädlich wird, wie die „Leiche“; aber begraben kann sie werden, genau wie diese, und mit einem Hügel kann sie überdeckt werden, genau wie diese, und Blumenschmuck kann sie erhalten, genau wie diese. Wer also am Alten hängt und die „Poesie des Grabhügels“ nicht missen will, der kann die Urne mit der Asche in der Erde unter einem Hügel beisetzen, statt in einem Columbarium (Urnenhaus).

Aber auch die Poesie des Columbariums hat ihre Rechte. Im stillen Fache des hochgewölbten Raumes ruht die Asche; die weiße Marmortafel kündet mit goldenen Schriftzügen Namen und alles Andere, was sonst der Grabstein kündet; Kränze und Palmenwedel zeigen der Hinterbliebenen treues Erinnern; Ruhebänke nehmen die Besucher auf, welche in der Nähe der theuren Reste sich des früheren Glückes lebhafter erinnern wollen; das einer Kirche ähnliche Columbarium ladet zu ernster Betrachtung ein, verleiht weihevolle Stimmung, gebietet Ehrfurcht vor den Geschiedenen. Liegt etwa hierin keine Poesie? Ist dieser Besuch beim verlorenen Freunde nicht ein würdigerer, als wenn man jetzt auf dem offenen Felde des angeblichen und sogenannten „Friedhofes“ unfreiwilliger Zeuge des Streites zwischen den „Gießweibern“ und dem Wächter oder den Todtengräbern wird, während Geräusch und Wagengerassel der Stadt zu uns dringen? Wo ist mehr Friede, mehr Ruhe, mehr Würde? Sicher und gewiß im stillen „Urnenhause“. Aber das Neue erschreckt. Es geht den meisten Personen wie jener alten Dame, welche behauptete, die Eau de Cologne röche nicht mehr so gut, seit sie nicht mehr in den langen schmalen Flaschen verkauft wird, an die sie seit ihrer Kindheit gewöhnt war. Der Mensch ist befangen von dem, was er bisher kannte, „und die Gewohnheit nennt er seine Amme“. Ist die Macht der Gewohnheit erst einmal überwunden, dann wird die Poesie des Columbariums Jedem einleuchten. –

„Aber das kostspielige Grabgeleit mit Nachfahrkutschen hört doch nicht auf,“ wendete ein Freund mit Bedauern ein. – Auch dies ist eine Sache der Selbstregierung und hat mit der Feuerbestattung wenig zu thun. Man kann das unnütze und theure Schaugepränge ja sehr leicht beseitigen, wenn man die Gelegenheit zum Schauen beseitigt. Bringt man die Leiche, wie von Vernunft und Gesundheitspflege geboten wird, zeitig aus dem Trauerhause in einfachster Weise nach der „Leichenhalle“ auf dem Kirchhofe und läßt dort die Freunde des Todten sich zur Bestattung treffen, so ist jedes unnütze Schaugepränge vermieden. Es wäre sehr wünschenswerth, daß diese Einrichtung mit der Feuerbestattung vereinigt eingeführt würde. Gewiß könnte in der Leichenhalle der Prediger, oder wer sonst am Grabe spricht, weit gesammelter reden, als wenn er durch langen Leichenzug unwillkürlich zerstreut worden ist. Die Zuhörer brächten dann den Worten eine weihevollere Stimmung entgegen. Die Ursachen zum Erkranken fielen weg, welche bei Reden am offenen Grabe (wie sie in Leipzig zur Zeit noch üblich) so oft schon Verderben brachten. Es liegt in der Hand jedes Einzelnen, daß dabei kein unnöthiges Schaugepränge den Ernst der Handlung zur Modethorheit herabwürdige. –

3) Zum Schlusse noch ein Wort an die künftigen Freunde der Feuerbestattung.

[610] Wir verstehen darunter die Theologen. Von ihnen kommt der eigentliche Widerstand, was wir ganz begreiflich finden. Die Theologie arbeitet wesentlich nach der Richtung des Gemüthes hin, während die Anregung zur Feuerbestattung vom Verstande ausging. Das Gemüth haftet am Alten, Hergebrachten, an dem durch Gewohnheit lieb Gewordenen. Der Verstand fragt zunächst nach dem Nutzen, nach dem greifbaren Vortheile und Gewinne. Wie oft haben nicht beide Richtungen im Laufe der Zeiten sich bekämpft! Die Geschichte lehrt jedoch, daß meist der Verstand schließlich die Oberhand behielt. Zuweilen mittelst schnöder Waffengewalt, häufiger durch den Erfolg, durch die Thatsachen. Letzteres wird auch bei der „Feuerbestattung“ der Fall sein. Sobald die Herren Theologen sich überzeugen werden, daß die Feuerbestattung ein wirklicher Fortschritt im Interesse der Menschheit, der Humanität, der Pietät, der Gesundheitspflege ist, daß durch die Feuerbestattung alljährlich Gesundheit und Leben vieler Hunderte und Tausende behütet und bewahrt wird, ebenso bald wird sie auch ihr Pflichtgefühl nöthigen, die Neigung für alte Gewohnheit zu bekämpfen und für den neuen Gebrauch zu wirken. Sie werden ihn einführen und weihen helfen. Das müßte ja ein elender Baalspfaffe und kein christlicher Prediger sein, der, obgleich er die wohlthätigen Folgen der Feuerbestattung erkannt hat, gegen dieselbe ankämpfte.

Nein, ich habe besseres Zutrauen zu unseren Theologen. Sie müssen die Freunde der Feuerbestattung werden. Sie „müssen“? Weshalb? Weil, wie Lessing sagt, der Mensch das thun muß, was er für gut und recht erkannt hat.

Ich kann es mir übrigens wohl denken, daß ein großer Theil der praktischen Theologen von vornherein gegen die Feuerbestattung mit sehr ungünstigem Vorurtheile gestimmt ist. Die Zeitläufe sind ganz danach. Die „Taufe“ wird durch das Civilstandregister zu einer bloßen Form; die „Schule“, welche bisher (in Folge der Entwickelung unserer Schulen aus der mittelalterlichen Mönchsschule) eine ganz unbestrittene Domaine der Geistlichen war, soll confessionslos werden; die „Trauung“ wird durch die Civilehe in das Belieben der Einzelnen gestellt. Nun kommt auch noch eine Aenderung beim „Begräbnisse“! Kein Wunder, daß gar Viele unter den Herren Theologen sich dadurch unheimlich berührt fühlen.

Am deutlichsten fanden wir dies ausgeprägt in einem Aufsatze der „Allgemeinen Nachrichten der Brüdergemeinde“, welcher im „Württemberger Kirchen- und Schulblatte“ (1874, Nr. 23) des abermaligen Abdruckes werth gehalten wird. Der (ungenannte) Verfasser erkennt die Vortheile der Leichenverbrennung an, ist aber trotzdem gegen das Verfahren; zwar habe es mit Glauben oder Unglauben gar nichts zu thun, sondern sei „an sich etwas religiös ganz Gleichgültiges“, allein heutzutage müsse man gegen Alles „Stellung nehmen“, und da sei die Leichenverbrennung als ein „Symptom unserer radicalen Zeitströmung“ und „als eine in mehrfachem Sinne pietätslose Emancipation von einer specifisch christlichen Sitte zu beurtheilen“. Dies heißt in einfachen Worten: Die Leichenverbrennung geht mich zwar nichts an, sie ist auch nützlich und nicht unreligiös; da sie aber etwas Neues ist und möglicher Weise unser Ansehen beeinträchtigen könnte, so müssen wir Priester sie verurtheilen.

Ehe Leute von dem Schlage, wie der Herr Verfasser dieses Aufsatzes, zu Freunden werden, muß natürlich eine allgemeine Anerkennung schon vorausgegangen sein. Dann versteht sich die ihrige von selbst. Bis dahin aber helfen Vernunftgründe nicht, sondern sie sagen mit dem Patriarchen des Nathan: „Thut nichts, der Jude wird verbrannt“ – oder in diesem Falle „begraben“.

Indessen, es giebt auch wieder Starrsinnige, welche dem Neuen nicht deshalb feindlich bleiben, weil es „neu“ ist. Ich will von den Gegnern, welche ich für vorurtheilslos genug erachte, um künftige Freunde des Verfassers zu werden, nur Einen herausgreifen.

Im Juli dieses Jahres erwähnte der Hofprediger Dr. Rüling in Dresden in einer Predigt der Feuerbestattung und fand sie wenig ansprechend, weil sie eine Nachahmung des Heidenthums sei. Freilich wäre zu entgegnen, daß die Verbesserung nicht mehr noch minder „heidnisch“ sei als das Osterfest, die Pfingsten u. s. w. Ferner ist unser „Christbaum“ einfach eine Nachahmung heidnischen Gebrauches; der „Knecht Ruprecht“ vertritt den Jul-Klapp der alten Heiden. Sogar das christliche Kreuz war schon vor Jahrtausenden bei den Heiden ein religiöses Symbol. Und der Grabhügel unserer Grabstätten – ist er etwa kein heidnischer Gebrauch? Wenn wir nicht mehr das Heidenthum nachahmen wollen, dürfen wir nicht mehr mit Messer und Löffel essen, nicht mehr Stiefel und Beinkleider, noch Ringe oder Mäntel tragen. Mit Ausnahme der Stahlfedern und der Streichhölzchen wird wenig übrig bleiben von unseren täglichen Lebensbedürfnissen, das nicht eine „Nachahmung des Heidenthums“ wäre.

Daß ferner beim Verbrennen die Menschenhände einen „unberufenen Eingriff in den von Gott geordneten langsamen Proceß der Auflösung des menschlichen Leibes“ ausführen, bestreite ich so lange, bis mir nachgewiesen wird, daß „Gott“ eine „langsame“ Auflösung „angeordnet“ habe. Das sind zwei Punkte, deren Nachweis doch etwas schwer fallen dürfte. Wir wollen nur einen derselben herausgreifen. – Was heißt denn „langsame“ Auflösung? Ist sie in Indien langsam, wo die Leiche binnen drei Tagen jauchig zerfließt? Oder bei den Huancha, wo der todte Leib an sandigen Südhängen ausdörrt und sich für Jahrzehnte dann erhält? Oder in den Kalkgrüften zu Bonn, Prag, Wien, wo die modernden Leiber in Jahrhunderten sich wenig verändert haben? Oder in dem nördlichen Sibirien, wo nach Jahrtausenden im Eise noch Fleisch, Haar und Speisereste der mikroskopischen Untersuchung zugänglich sind? Ist es dieser „Langsamkeit“ gegenüber gestattet, die Leichen in lockere Erde zu betten, wo sie schneller verwesen? Oder ist es Pflicht der Christen, die Leichen in Thon, Moor und Kalkgruben unterzubringen? Und wenn dies nicht – wenn sogar die lockere Erde gestattet ist – aus welchen Gründen dann die noch schnellere Verwesung im Feuer verpönen? Wo liegt die christliche Grenze der „Langsamkeit“?

Die „Kränkung des menschlichen Zartgefühles“ kann bei der Verbrennung nur für denjenigen vorhanden sein, der die bereits erwähnten sehr wenig mit dem „Zartgefühle“ zu vereinbarenden Einwirkungen der Fäulniß nicht kennt, und auch die „völlige Umwälzung unserer kirchlichen Sprache“ zeigt sich bei näherer Betrachtung als nicht vorhanden.

„Wie sie so sanft ruh’n, alle die Seligen!“ kann kein Wahrheitsliebender heute mit gutem Gewissen aussprechen. Sie ruhen ja nicht sanft, wenigstens nicht auf lange Zeit, sondern erwarten in ihrem Miethgrabe nur die Stunde, in welcher sie wiederum höchst unsanft herausgeworfen werden, um dem Nachfolger Platz zu machen. – Ein „Gottesacker“ ist auch das Columbarium; denn hier handelt es sich nur um einen bildlichen Ausdruck. Dem „Schooße der Erde“ kann man auch die Urne anvertrauen.

Aber wenn dies Alles auch nicht wäre, der Gewinn des Besseren und Vernünftigen muß den Sieg davontragen über die Vorliebe für althergebrachten Sprachgebrauch, oder – man klammert sich an das Alte an, weil es „alt“ ist, und verneint das Neue, weil es „neu“ ist. Das wird kein Besonnener wollen, und deshalb sehen wir in einem solchen Gegner einen künftigen Freund.