Anastasius Katzenschlucker, der große Zauberer/Vom Kaminfeger, der nicht schwarz sein wollte

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Das Meisterstück Anastasius Katzenschlucker, der große Zauberer
von Rudolf Slawitschek
Das Wettzaubern
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Vom Kaminfeger, der nicht schwarz sein wollte

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So kam eines Tages ein Kaminfeger zu ihm und nach langem Herumreden rückte er schließlich damit heraus, daß es ihm die ganze Freude am Leben verleide, daß er immer so schwarz herumlaufen müsse.

„Wenn es weiter nichts ist,“ sagte Anastasius, „so ist leicht Hilfe zu schaffen! Sagt mir die Farbe frei heraus, die Ihr Euch wünscht und Ihr sollt Euch allsogleich dort in jenem Spiegelglas vom Kopf bis zum Fuß umgefärbt erschauen!“

„Das wird mir wenig helfen,“ gab der Kaminfeger mit weinerlicher Stimme zurück; „sobald ich in den nächsten Kamin hineinkrieche, werde ich ja doch wieder schwarz!“

[62] „Mit nichten, lieber Freund!“ antwortete ihm Anastasius. „Wenn ich schon einmal zaubere, so mache ich gerne ganze Arbeit und darum würde ich das schon so einrichten, daß jedes Rußstäubchen, das an Euch haften bleibt, ob nun an Gesicht und Händen, am Kleid oder selbst an der Le[i]ter, allsogleich Eure Farbe annimmt. Also frisch heraus, wollt Ihr gelb, grün, rot, blau oder weiß werden?“

Da machte der Kaminfeger einen Luftsprung und sagte:

„Wenn Ihr das wirklich vermögt, Herr Zauberer, dann will ich Euch den Kamin eures Schneckenhauses mein Leben lang umsonst putzen. Und was die Farbe anbelangt, so möchte ich am liebsten um Grün bitten, und zwar um ein helles, lichtes Grün, wie es die Wiesen im Frühling zeigen!“

Anastasius wunderte sich nicht sonderlich über die Wahl des Kaminfegers, denn er fand es nur allzu begreiflich, daß ein Mensch, der täglich viele Stunden in Ruß und Rauch verbringen mußte, gerade für jene Farbe Vorliebe hatte, welche die unberührte Natur den Menschen zeigt. Und so schwang er denn seinen Zauberstab und im nächsten Augenblick war der schwarze Mann grün geworden, von der Nasenspitze bis zu den Sprossen der Leiter, die er über der Schulter trug.

Kaum daß er einen raschen Dank gemurmelt hatte, so war er auch schon draußen und sprang w[i]e ein Geißbock durch den Grasgarten der Stadt zu. Anastasius blickte ihm fast traurig nach und murmelte vor sich hin:

„Du wirst mir bald wiederkommen!“

Inzwischen war der Kaminfeger bis zum Stadttore gelangt, aber auch nicht weiter. Denn bei seinem Anblick begann der Torwächter eilig die Zugbrücke aufzuziehen und rief entsetzt:

„Wir müssen Sturm läuten lassen! Der Wassermann steht vor dem Tor und will in die Stadt!“

„Aber lieber, guter Herr Wachtme[i]ster,“ schrie der Kaminfeger, „was fällt Euch denn ein, erkennt Ihr mich denn nicht, [63] haben wir denn nicht noch gestern zusammen im „Blauen Bären“ Kegel geschoben?“

„Hoho! Er spottet noch!“ jammerte der Torwart, „er will mich bei einem hohen Rat verdächtigen, daß ich mit Gespenstern und Wassergeistern Kegel schiebe und mein Seelenheil und das mir anvertraute Wohl der Stadt durch eine so gefährliche Gesellschaft leichtsinnig aufs Spiel setze!“

„Aber so hört doch endlich einmal auf mit eurem Unsinn!“ rief es ärgerlich von draußen; „erkennt Ihr mich denn wirklich nicht? Ich bin doch Euer Freund, der Kaminfeger!“

„Alle guten Geister loben den Herrn!“ winselte oben der Torwächter. „Hat jemand schon einen grasgrünen Kaminfeger gesehen? Nein, daß müßt Ihr einem Dümmeren als mir erzählen, ich glaube Euch so etwas nie und nimmer!“

„Die Farbe macht den Menschen nicht aus, sondern das Gesicht!“ schrie wütend der Grüne. „Borgt Euch von eurer Frau die Hornbrille, dann werdet Ihr vielleicht doch die große Warze auf meinem linken Nasenflügel erkennen, um deretwillen Ihr mich so oft verspottet habt!“

Das schien dem Torwächter ein vernünftiger Vorschlag zu sein. Er kletterte die schmale Stiege vom Ausguck zu seiner Wohnung hinunter, nahm dort kurzerhand seiner besseren Ehehälfte die Brille weg, die sie sowieso gerade nicht brauchte, da sie über ihrem Strickstrumpf eingeschlafen war, dann stieg er wieder empor und betrachtete den Einlaß Begehrenden von hoher Warte. Wahrhaftig, es war der Kaminfeger! Aber so grün, so unglaublich grün, selbst seine dicke Nase und die Warze darauf waren grün! Der Torwächter mußte lachen, daß ihm das dicke Bäuchlein wackelte!

„Ja, Meister Fridolin,“ rief er, noch immer lachend, „was ist Euch denn widerfahren? Wer hat Euch denn das angetan?“

„Widerfahren? Angetan?“ gab der draußen zornig zurück. „Die Farbe habe ich mir selbst ausgesucht, daß Ihr es wißt! Wo steht es denn geschrieben, daß ein Kaminfeger schwarz sein muß?“

[64] „Ob das irgendwo geschrieben steht,“ erwiderte etwas eingeschüchtert der Torwächter, „weiß ich nicht. Das wird nur dem Herrn Stadtsekretarius bekannt sein; und wenn Ihr Euch diese Farbe selbst ausgesucht habt, so werdet Ihr auch die Folgen selbst zu tragen haben. Was mich anbelangt, so habe ich ja wohl jetzt eure Identität festgestellt und will Euch darum in Gottes Namen hereinlassen!“

„Na endlich, hat lang genug gedauert!“ brummte Meister Fridolin; die Freude über seine schöne grüne Farbe war ihm über diesem Gespräch schon halb vergangen. Doch wie sollte ihm erst zu Mute werden, als er durch das finstere Tor in die schmale Gasse hineintrat und die erste Horde von Schuljungen seiner ansichtig wurde! Einen Augenblick standen sie mit offenen Mäulern still und dachten offenbar darüber nach, ob sie sich vor dem grünen Mann fürchten oder ob sie ihn nicht lieber auslachen sollten. Nach reiflicher Überlegung entschieden sie sich für das Auslachen und fingen gleich damit an:

„Seht euch nur den großen Laubfrosch an! Der muß aus einem richtigen Wetterglas entsprungen sein, er hat sich ja sogar seine Leiter mitgebracht!“ Und andere riefen wieder:

„Der hat gewiß Hunger, weil er gar keinen richtigen Froschbauch hat. Fangt ihm doch recht viel Fliegen, aber die großen [65] Schmeißfliegen, wie sie in den Fleischbänken sind! Ob er nicht vielleicht auch Maikäfer frißt?“

Immer größer wurde die Kinderschar, die sich um den Grünen drängte, immer kecker die Spottreden, immer lauter das Gelächter, immer hilfloser und verzweifelter der Meister Fridolin. Schließlich war ihm gar das Weinen nahe. Schrittweise trat er vor der jubelnden, lachenden Menge, in die sich schon mancher Erwachsene mengte, den Rückzug an und sprang schließlich mit ein paar langen Sätzen wieder zum Stadttore hinaus.

Den ganzen Tag strich er in Feld und Wald herum, versteckte sich vor jedem Menschen, dessen er nur von weitem ansichtig wurde, und übernachtete schließlich in einem alten leeren Heuschupfen. Am liebsten wäre er gleich zu Anastasius gelaufen, aber er traute sich nicht hin. Erst als ihm am nächsten Morgen die junge Sonne warm über die nachtmüden Glieder strich, brachte er den Mut dazu auf und zog schüchtern an der Glocke des Schneckenhauses. Anastasius öffnete ihm, die Pfeife im Munde, lächelte ihn freundlich an und sagte:

„So spät erst, Meister Fridolin? Ich hatte Euch schon gestern erwartet! Also, was für eine Farbe wäre jetzt angenehm?“

Solch freundlichen Empfang hatte der Kaminfeger nicht erwartet. Er hatte sehr vor dem Zorne des Zauberers gebangt und wäre gar nicht überrascht gewesen, wenn ihn Anastasius ohne viel Federlesens vor die Türe gesetzt hätte; daß er sich noch einmal eine Farbe aussuchen dürfe, das hatte er in seinen kühnsten Träumen nicht zu hoffen gewagt. Nun aber stotterte er heraus:

„Wenn der Herr Zauberer es nicht übel vermerken würden, so möchte ich um ein schönes Himmelblau gebeten haben!“

Anastasius nickte Gewährung und über ein Weilchen marschierte ein lichtblauer Kaminfeger, vergnügt ein Liedlein pfeifend, der Stadt zu. Aber diesmal ging die Zugbrücke in die Höhe, als er noch ein beträchtliches Stück entfernt von ihr war. Der Torwächter war vom Auslug weg zum Turmfenster gestürzt, das der [66] Stadt zugewendet war, und schrie mit krebsrotem Kopfe in die enge Torgasse:

„Mordio, Feindio! Das blaue Schwedenregiment, das vor 80 Jahren die Stadt gestürmt hat, rückt wieder heran! Die Vorposten stehen schon vor dem Tor. Und Leitern haben sie mitgebracht, um gleich die Mauern zu ersteigen!“

Das gab keine geringe Aufregung in der Stadt. Keiner von den Bürgern hatte zwar die blauen Schwedenkrieger mit eigenen Augen geschaut, denn seit jener bösen dreißigjährigen Kriegszeit waren schon viele Jahre verflossen und die Enkel der Bürger von damals stolzierten heute als reife Männer durch die Straßen. Aber der Schrecken war so groß gewesen, daß der bloße Name genügte, um groß und klein zittern zu machen. Freilich, die Torwacht bestand aus lauter mutigen Männern; die traten sofort an die Schießscharten und feuerten dem Feinde eine knatternde Salve entgegen, die einem ahnungslosen Zeisig und sogar einem Maulwurf, der gerade zufällig die Nase aus der Erde gesteckt hatte, das Leben kostete. Aber auch Meister Fridolin erkannte die Gefahr und lief zurück, was ihn die Beine trugen.

Und im Davonlaufen dachte er angestrengt darüber nach, welche Farbe er jetzt wählen sollte. Was blieb denn eigentlich noch übrig? Weiß, Braun, Rot, Gelb – ja Gelb, ein richtiges Goldgelb, ein schönes Eierkuchengelb!

Anastasius stand noch mit der langen Pfeife in der Hand in der Türe des Schneckenhäuschens, so wie er hinausgetreten war, um dem blauen Kaminfeger nachzublicken, als der schon wie der Wind dahergerannt kam. Und schon von weitem rief er ganz atemlos:

„Bitte schön, jetzt goldkucheneiergelb! Nein, eiergoldgelbkuchen, nein, kuchengelbgoldeier! nein, gelbeierkuchengold, nein, gold –“

Und damit rannte er schon durch die Tür und hätte den guten Anastasius wahrhaftig umgerannt, wenn der nicht rasch beiseite gesprungen wäre. Wie aber der Meister Fridolin an ihm vorbei ins Häuschen schoß, immer wieder glucksend und stotternd: „Goldkucheneiergelb, [67] eiergoldgelbkuchen – –“ da faßte ihn Anastasius unversehens bei der Schulter, murmelte etwas vor sich hin, drehte ihn mit einem kräftigen Stoß wieder zur Tür hinaus und siehe da! Wo gerade ein himmelblauer Kaminfeger hineingelaufen war, da kam ein goldgelber mit derselben Schnelligkeit wieder heraus.

Also, war jetzt die Welt schön! Wie eine auf Erden wandelnde zweite Sonne kam sich Meister Fridolin vor oder zumindest wie der lebend gewordene Turmhahn der Stadtkirche!

Schade, daß die meisten Freuden auf dieser Welt von so kurzer Dauer sind! Schon von weitem sah er zwei Handwerksburschen des Weges kommen und freute sich schon über die Maßen, wie ihn die beiden beschauen würden. Das taten sie auch weidlich und blieben mit offenen Mäulern stehen, um das herankommende Wunder aufmerksamer betrachten zu können. Als aber der goldgelbe Kaminfeger schon ganz nahe vor ihnen stand, da rief der eine:

„Bruder Schuster, weißt du, wo der her ist? Aus dem Schlaraffenland kommt er, oder mich soll der Hahn wie ein Weizenkörnchen schlucken! Meine Muhme selig hat mir ja oft genug erzählt, daß man dort Kleider aus Eierfladen angemessen bekommt. Man spürt einen richtigen Hunger, wenn man den Kerl eine Weile anschaut! Weißt du was? Ich esse seinen Rock und du verzehrst seine Hosen! Wenn die Stiefel und die Leiter auch eßbar sein sollten, so wollen wir sie redlich teilen!“

Und mit einem fröhlichen Juchzer sprang er den armen Fridolin an und biß ihn kräftig in die Schulter, während sein Genosse dem Armen mit scharfen Zähnen in die linke Wade fuhr.

„Auweh!“ schrie der Kaminfeger, aber auch die beiden Handwerksgesellen brüllten nicht schlecht, denn das, was sie so wohlgemut angebissen hatten, das schmeckte gar nicht wie ein süßer Eierkuchen, sondern eher nach Ofenruß und Straßenstaub.

Je mehr der Mensch sich auf etwas gefreut hat, um so größer ist die Enttäuschung, wenn es dann anders kommt; und da er selten darnach fragt, ob er nicht etwa selbst der Schuldige sei, sondern [68] regelmäßig die Ursache anderswo sucht, schon darum, um seinen Unmut doch an jemandem auslassen zu können, so dachten auch die beiden Wanderburschen keinen Augenblick daran, daß der gelbe Mann mit keinem Worte gesagt hatte, daß er aus dem Schlaraffenland komme und daß sein Gewand eitel Eierkuchen wäre, sondern sie fielen mit ihren Knotenstöcken zornig über ihn her und schimpften ihn einen Schwindler und Betrüger, der mit seinem Fastnachtskleid ehrliche Leute nasführen wolle.

Geschunden und zerschlagen entrann schließlich der Kaminfeger ihren Fäusten und schlich hinkend dem Schneckenhäuschen zu. Innerlich machte er sich grimmige Vorwürfe, daß er bisher in der Wahl der Farbe so ungeschickt gewesen sei, wo es doch nur eine Farbe gab, die von vornherein Respekt einflößte. Kaiser und Könige trugen sie, große Feldherren und gewaltige Krieger schmückten sich mit ihr, ja selbst der Satan – – der fromme Meister Fridolin erschrak über seine eigenen Gedanken und schlug drei Kreuze; aber als er wieder vor Anastasius trat, sagte er doch ganz mutig:

„Wenn es der Herr Zauberer nicht ungütig aufnehmen und ich mir noch eine andere Farbe aussuchen darf, so möchte ich diesmal um ein recht schönes Rot bitten. Und dann, dann hätte ich noch etwas auf dem Herzen, aber ich traue mich nicht recht – –“

[69] Schließlich aber rückte er doch damit heraus:

„Seht, Herr Zauberer, so wie es mir bisher ergangen ist, darf es mir nicht wieder geschehen. Und da frage ich mich, warum mir solche Unbilden widerfahren? Warum anders, als weil ich von draußen in die Stadt hinein will und mich darum die Leute für ein fremdes Wesen halten und sich in ihrer Dummheit die lächerlichsten Erklärungen aussuchen. Wenn ich dagegen in meiner neuen Farbe aus meinem Hause in die Stadt treten, oder noch besser aus irgendeinem Kamin geradewegs in die Küche herausrutschen würde, so würden sich die Leute zwar gewiß auch über die Veränderung wundern, die mit mir vorgegangen ist, aber sie würden doch gleich wissen, daß ich Meister Fridolin, der Kaminfeger, bin, und das Übrige könnte ich ihnen dann in recht gesetzter Rede erklären. Ich kann ihnen sagen, daß ich es nun einmal satt habe, fortwährend schwarz herumzulaufen und das wird jeder verständige Mensch einsehen.

Und darum, lieber Herr Zauberer, geht meine weitere Bitte dahin, Ihr möchtet mich nur gleich von hier in einen Kamin versetzen, am besten vielleicht in das Haus des Herrn Stadtmedikus Kernbeißer. Dort dient die Veronika als Magd, das ist ein Schwesterkind von mir und ein vernünftiges Geschöpf, die wird nicht gleich erschrecken, wenn ich in meiner roten Pracht auf einmal aus dem Kamin steige.“

Anastasius nickte seiner Rede Gewährung und sagte:

„Ich will deinem Wunsche gerne willfahren, ja ich will sogar noch ein Übriges tun. Steck’ dir diesen Ring an den linken Zeigefinger; er ist von schlichtem Messing und hat keinen Wert, für heute habe ich aber einen kleinen Zauber in ihn gebannt. Wenn du trotz all deiner Vorsicht, die ich lobe, doch wieder in Ungelegenheiten kommen solltest, so dreh’ ihn rasch dreimal nach rechts, dann wird er dir Hilfe bringen. Und nun gehab dich wohl!“

Und damit hielt ihm Anastasius mit beiden Händen Augen und Nase zu. Als Fridolin ihren warmen Druck nicht mehr verspürte, [70] riß er die Augen auf, aber er sah nichts, gar nichts! Aber seine Nase witterte einen wohlbekannten Geruch – kein Zweifel, er war in einem Kamin. Mit ein paar Griffen nach links und rechts, nach oben und unten fand er sich rasch zurecht; er kannte ja jeden Stein in allen Rauchfängen der Stadt und so war ihm im Augenblicke klar, daß er sich im Hause des Stadtarztes befand. Von unten her hörte man im Wasser plantschen und Geschirr klirren. Aha, die Veronika wäscht gerade Teller, Schüsseln und Töpfe, es mochte ja jetzt so um ein Uhr herum sein, also nach dem Mittagessen, das Fridolin über seinen farbigen Abenteuern glücklich versäumt hatte. Nun, das machte nichts aus, das ließ sich noch nachholen. Doch vorerst mußte er jedenfalls wieder ans Tageslicht! Er tastete sich also nach unten und öffnete mit kundiger Hand die eiserne Tür des Rauchfanges, die, wie er wohl wußte, in den schmalen Gang neben der Küche führte.

Aber die Veronika hatte doch das Geräusch im Kamine gehört und war, einen mächtigen Krug aus bemaltem Steinzeug abtrocknend, in die Küchentür getreten.

„Alle guten Geister, der Leibhaftige!“ schrie sie im nächsten Augenblicke auf und ließ den schönen Krug auf die Steinfliesen fallen, daß die Scherben nur so flogen.

„Aber sei doch vernünftig, Vroni, das bin doch ich!“, so rief ihr der Kaminfeger nach; aber der Ruf erreichte das Mädchen nicht mehr, die war [71] schon auf der Gasse, um jedem, der es hören wollte, das unerhörte Abenteuer zu berichten.

Statt ihrer aber stand der Herr Doktor Kernbeißer in der Tür und sah sich den roten Mann an. Daß der Gottseibeiuns in Menschengestalt auf Erden herumwandle, daran glaubte der kluge Medikus nicht, darum fand er sich eine andere Erklärung.

„Was“, rief er empört, „was will der Henker in meinem Hause? Ich lasse meine Wohnung nicht durch den Freimann verunehren! Nun, ihm soll bald an die Luft geholfen werden. Die Hunde hetze ich auf ihn!“

Jetzt hieß es aber rasch verschwinden! Fridolin kannte die zwei Rüden des Medikus und wußte, daß mit ihnen nicht gut anzubinden war. Während der Doktor die Hunde holte, war er mit einem Satz zum Fenster hinaus und stand eine Weile verschnaufend im Hühnerhof; von dort führte eine leicht verriegelte Gattertür in eine rückwärtige Gasse, das wußte er wohl. Also – die Rettung war nahe – aber zwischen ihn und sie trat im letzten Augenblick ein gewaltiges Hindernis: das war der große Truthahn, der auch im Hühnerhof hauste. Wie der die rote Gestalt sah, plusterte er sich gewaltig auf, sein Kropf schwoll an und wurde blutrot, die Flügel schlug er gewaltig und sprang mit krächzendem Geschrei den armen Fridolin an, der sich vor seinen Schnabelhieben und Flügelschlägen nicht zu retten wußte. Und zu allem Überfluß hörte er jetzt das heisere Bellen der Rüden, die, vom Doktor gehetzt, die hintere Treppe des Hauses herunterbrausten; im nächsten Augenblicke mußten sie da sein, zerreißen würden sie ihn, und der Truthahn würde ihm die Augen auspicken – – ja, du guter Herrgott, war denn da gar keine Hilfe? Da fiel ihm gerade noch zur rechten Zeit der messingene Ring ein, rasch drehte er ihn, und siehe da, wie mit einem Zauberschlag hatte sich der Truthahn beruhigt und ging seiner Wege, ohne sich weiter um seinen Gegner zu kümmern; und der Stadtmedikus, der hinter den bellenden Hunden her auf den Hof gestürzt kam, pfiff die Rüden zurück und rief ganz freundlich:

[72] „Ei steh da, Meister Fridolin, wo kommt denn Ihr daher? Habt Ihr nicht den elenden Kerl, den Henker, gesehen? Er hat sich mir ins Haus geschlichen und ich habe nur die Hunde auf ihn geholt; und jetzt ist er mir entwischt – habt Ihr ihn nicht gesehen?“

Nein, Fridolin wußte nichts vom Henker – er sah nur erstaunt an sich herunter. Er war wieder schwarz vom Kopf bis zum Fuß. Das war also die wundertätige Wirkung des Ringes gewesen!

Als der Kaminfeger ein Weilchen später seinem eigenen Häuschen zuschritt, überdachte er seine Erlebnisse und zählte die Farben zusammen, die er alle durchprobiert hatte – richtig, Weiß und Braun, die fehlten noch! Es wäre wohl ganz hübsch gewesen, durch die warme Sonnenglut wie ein Schneemann zu wandeln, ohne zu zerschmelzen, oder braun wie ein Reh daherzuspringen. Doch wer weiß, was ihm dabei noch alles widerfahren wäre! Solche Dinge konnten ihm in seinem schwarzen Gewande nicht passieren, dachte er und strich sich zufrieden lächelnd über den rußigen Ärmel.

Als er am nächsten Tag den Ring zurückbrachte, sagte Anastasius lächelnd:

„Behaltet ihn nur ruhig als Andenken! Er hat seine Schuldigkeit getan und hat Euch aus Lebensgefahr gerettet. Seine Zauberkraft ist damit erloschen, oder nein, doch nicht ganz! Wenn Euch wieder einmal der Ärger über Eure schwarze Farbe überkommt, so braucht Ihr nur den Ring anzuschauen und Ihr werdet gleich zufrieden sein. Verlaßt Euch darauf!“