Anmerkungen zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm I/Der singende Knochen

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Der Tod und der Gänshirt Anmerkungen zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm I von Johannes Bolte, Jiří Polívka
28. Der singende Knochen
Der Teufel mit den drei goldenen Haaren
Für verschiedene Auflagen des Märchens der Brüder Grimm siehe Der singende Knochen.

[260]

28. Der singende Knochen. 1856 S. 55.

1812 nr. 28: von Dortchen Wild in Kassel am 19. Januar 1812 am Ofen im Gartenhaus, von Nentershausen. Doch sind es hier drei Brüder, von denen die beiden ältesten den jüngsten erschlagen, und in dem Reime heißt es: ‘Meine Brüder mich erschlugen, unter die Brücke begruben’. Dies ist 1819 geändert.

[261] Zwei weitere Fassungen, die den Brüdern Grimm vor 1822 aus andern Orten Niederhessens zukamen, heben an wie das Märchen vom Wasser des Lebens (nr. 97). Ein alter König wird krank, will seine Krone weggeben und weiß nicht, welchem von seinen drei (oder zwei) Söhnen. Endlich beschließt er, daß sie demjenigen zufallen soll, der einen Bären mit einem goldenen Schlößchen (oder ein Wildschwein) fangen kann. Der älteste zieht aus, bekommt ein Pferd, einen Kuchen und eine Flasche Wein mit auf den Weg. In dem Wald sitzt ein Männlein unter einem Baum, fragt freundlich ‘Wohinaus?’ und bittet um ein Stückchen Kuchen. Der Königssohn antwortet voll Hochmut, gibt ihm nichts und wird nun von dem Männlein verwünscht, daß er den Bären umsonst suchen soll. Er kehrt also unverrichteter Sache wieder heim. Der zweite wird ausgeschickt; es geht nicht besser. Nun kommt an den jüngsten, den Dümmling, die Reihe; er wird ausgelacht und erhält statt des Pferdes einen Stock, statt des Kuchens Brot, statt des Weins Wasser. In dem Wald redet auch ihn das Männlein an, er antwortet freundlich und teilt seine Speise mit ihm. Da gibt ihm das Männlein ein Seil, womit er den Bären auch fängt und ihn heimführt. – Die andere Erzählung sagt kurz, der zweite Sohn habe das Wildschwein erlegt. Der älteste Bruder sieht ihn kommen, geht ihm entgegen und ermordet ihn; das übrige stimmt überein. – Aus dem Waldeckischen bei Curtze S. 53 nr. 11 ‘Die drei Brüder’ (ein Fuchs hilft dem Jüngsten. Die Verse wie bei Grimm). – Eine Aargauer Erzählung hat Wackernagel, Zs. f. d. Altert. 3, 35 nr. 3 aus dem Wanderer in der Schweiz 1835 S. 200 abgedruckt = Colshorn nr. 71 = Rochholz, Schweizersagen 2, 126 nr. 353 = Sutermeister nr. 39 ‘s Todtebeindli’: ein Knabe und ein Mädchen werden in den Wald geschickt, eine Blume zu suchen; wer sie findet, soll das Königreich haben. Das Mädchen findet sie und schläft ein. Der Bruder kommt heran, tötet das schlafende, bedeckt es mit Erde und geht fort. Ein Hirtenknabe findet hernach ein Knöchlein, macht eine Flöte daraus, und das Knöchlein fängt an zu singen und berichtet, wie alles geschehen ist[1]. – Im siebenbürgischen Märchen bei Haltrich ⁴ nr. 43 ‘Der Rohrstengel’ wird der Jüngling, der mit einem Seidenfaden die Wildsau mit ihren [262] zwölf Ferkeln gefangen hat, von seinen beiden Brüdern ermordet; die Flöte, die ihre Untat verrät, wird aber nicht aus seinem Knochen verfertigt, sondern aus einem Rohrstengel, der aus seinem Grabe emporsprießt und in dem, nach einem weit verbreiteten Volksglauben die Seele des Verstorbenen fortlebt[2]. Als der Schäfer die Flöte zum König bringt, bläst auch dieser darauf, und sie redet ihn an; da befiehlt der König allen Leuten im Reich, darauf zu blasen, und als sie an den einen Bruder kommt, klingt es:

O Bruder mein, o Bruder mein,
Du bläst auf meinem Beinelein.
Du arger Bruder schlugst mich tot,
Es floß mein Blut so rot, so rot;
Der andre Bruder grub mich ein.
Was mochte des wohl Ursach sein?
S war um das Wild, s war um das Schwein,
S war um des Königs Töchterlein.

Im brandenburgischen Märchen bei Engelien-Lahn 1, 105 nr. 68 ‘Die drei Brüder’ erlegt der blinde Sohn den Hasen, den der alte Bauer verlangt, bevor er die Wirtschaft abgibt; von der Weide auf seinem Grabe schneidet ein Schäfer einen Zweig ab und macht sich eine Pfeife; die singt kläglich:

Ach Scheper, wat du bloasest,
Det di dien Herze krenkt.
Hiä mi mien ölster Bruoder schloech
Und mi up dissen Berch begroech.

In zwei pommerschen Fassungen bei Jahn, Volkssagen nr. 510 ‘Das Flötenrohr’, wo die Brüder entweder ein Schwein töten oder ihrem Vater eine Blume holen sollen, ist die Flöte aus Schilfrohr gemacht. Dagegen berichtet die lauenburgische Fassung bei Müllenhoff S. 495 nr. 49 ‘Es kommt doch einmal an den Tag’, wie [263] ein Hirt sein Horn an den Hollunderbaum hängt, unter dem der Erschlagene begraben liegt, und wie das Horn von selber anhebt zu blasen:

Tut, tut, tut,
Als mein Bruder mich begrub
Wohl unter dem Hollunderbaum,
Das Häslein war mein,
Das gab mir St. Petrus ganz allein.

Friesisch bei Dykstra 2, 98 ‘Twee zusters’, wo die eine Schwester die andre in ein frisches Grab stößt und Erde darauf schüttet, der Totengräber aber und der Bruder den Ruf der Halberstickten vernehmen. – Im vlämischen Märchen bei Joos 2, 15 nr. 3 ‘Van eene koningsdochter’ schnitzt ein Hirt eine Flöte aus dem Brustknochen der erschlagenen Königstochter, die Magdalenenblumen für ihre kranke Mutter geholt hatte. In den andern vlämischen Fassungen aber geht die Aufdeckung des Mordes, den der Knabe um eines Apfels, Körbchens oder Kreuzchens willen an der Schwester verübt hat, von einer Blume aus, die am Tatorte entsprießt, von einem Vorübergehenden gepflückt wird und nun zu singen beginnt:

Ach koopman lief, ach koopman lief,
Mijn broeder heeft mij vermoord
Al om mijn gouden korfken,
En daarom ben ik dood.

Gittée, Nederlandsch Museum 1888, 307 = A. de Cock, Rond den heerd S. 49 nr. 6 ‘Janneken en Mieken’. Ebenso Teirlinck, Contes flamands p. 37 ‘Janneken en Mieken’. Joos 1, 107 nr. 65 ‘Van Mieken en Janneken’. Volkskunde 1, 176. De Mont & de Cock, Wondersprookjes S. 195 ‘Het fleschje van Victoria’. Cornelissen-Vervliet 1900 nr. 4 ‘Van’t kruisken van Cecilia’ (= Revue des trad. pop. 7, 223) und nr. 29 ‘De zingende bloem’. Bulletin de folklore 2, 221 ‘Mieke en Janneke’; 2, 246 ‘Broeder en zuster’, ‘Het kruisje van Cecilia’; 2, 247 ‘Het korfje van Cecilia’ und ‘Het paarlemoeren kussentje rood’ (die eingescharrte Königstochter wird wieder lebendig). Desrousseaux, Moeurs pop. de la Flandre française 2, 312 ‘La rose paternelle’.

Im wallonischen Märchen bei Monseur, Bull. de folklore 1, 40 ‘La rose de Ste. Ernelle’ singt die aus dem Rosenzweige geschnittene Flöte:

[264]

Berger très dous,
Juwez tont douzément!
C’était mon frère qui m’a tuwée
Dedans ces grands bois
Pour la ros’ de saint’ Ernelle
Que j’avais trouvée
Dedans ces grands bois.

Ähnlich Gittée-Lemoine p. 128 ‘La fleur qui chante’ (Rose). Monseur, Bull. 3, 37 ‘Le grain d’ or’ (die weiße Grabesblume singt, als die Mutter sie pflückt). Ebd. 1, 45 ‘Les trois pepins d’ orange’. 1, 47 ‘La jufernelle’ (Eschenzweig). 1, 45 ‘La fleur de sainte Hélène’ (Knochen vom Vater gefunden). 1, 89 ‘La boîte éternelle’ (Knochen). 1, 49 ‘Le sifflet qui chante’ (die vergessene Pfeife des Mörders. In dem Lütticher Puppenspiele ‘La fleur de la ste Hélène’ fällt dem Schäfer seine Flöte in die Blutlache). In ‘Le bouquet d’éternelles’ ebd. 1, 48 singt die vergrabene Schwester selber und wird gerettet, wie in der friesischen, einer vlämischen und einer andern wallonischen Fassung (Bull. 2, 247. 3, 37).

Mehrere französische Fassungen stimmen ganz zu den wallonischen und vlämischen, insofern ein Mädchen um einer Blume[3] willen vom Bruder erschlagen wird. Aus Maine in Revue des trad. pop. 5, 178 ‘La rose d’or’ (Knochen vom Schäfer gefunden). Aus der Picardie bei Carnoy, Litt. orale p. 236 ‘Le sifflet qui chante’ (ebenso). Aus Poitou Revue 4, 463 = Pineau, Contes du Poitou p. 81 ‘Le petit doigt qui parle’ (Fingerknochen singt im Maule des Schweins). Semaine des familles 8, 709 ‘La rose de campanelle’ (1865–66. Romania 6, 565. Wie Pineau). Sébillot, Litt. orale p. 226 ‘Le sifflet qui parle’ (Mörder sind hier die beiden älteren Schwestern). A. Sylvestre, ‘La rose d’Hoël’ in Joyeusetés de la semaine nr. 168, 15. août 1891 (Bull. 1, 98. Wie bei Sébillot). Umgekehrt tötet in einer Erzählung aus Haute-Bresse ‘Les roseaux qui chantent’ (Revue des trad. 2, 365) die Schwester den Bruder. Bei Thuriet, Traditions populaires du Doubs 1891 p. 25 nr. 13 ‘La flûte accusatrice’ singt die Flöte des erschlagenen Knaben nachts von selber: ‘Bruder und Schwester haben mich ermordet um meiner Flöte willen und mich in den Graben unter der Pappel geworfen’; wie sie dem Leichnam an den Mund gesetzt wird, wird dieser wieder lebendig. Sonst aber sind es wie im Deutschen drei oder zwei Königssöhne, die dem Vater ein Heilmittel oder ein Kleinod holen sollen; der jüngste findet es, wird aber von den älteren Brüdern [265] aus Neid umgebracht. So aus den Ardennen bei Meyrac p. 486 ‘La rose de Pimperlé’, aus Lothringen bei Cosquin 1, 263 nr. 26 ‘Le sifflet enchanté’ = Romania 6, 565, aus der Bretagne bei Sébillot, Litt. orale p. 20 ‘Les trois frères’, aus dem Loire-Departement Mélusine 1, 423 = Sébillot, Contes des provinces p. 143 nr. 22 ‘Le roi et ses trois fils’, Revue des trad. 6, 500 ‘La rose pimprenelle’, aus Quercy, Dep. Lot bei Bugiel, Studya 1911 p. 271 (der jüngere Bruder findet das Blatt der Eberesche, das die Herrschaft sichert; der ältere stürzt ihn in den Brunnen), aus der Gascogne bei Bladé, Armagnac p. 3 nr. 1 = Gascogne 2, 100 ‘La flûte’. F. Maratuech, ‘Changé en arbre’ in Nouvelle revue 83, 324 (234?)[WS 1] 15. juillet 1893 (Monseur, Bull. 2, 223. Der Erschlagene wird von der Schwester wieder belebt). In einer Fassung aus Ille-et-Vilaine bei Orain p. 127 ‘La couronne du roi de Domnonée’ erfolgt die Totenerweckung durch einen Heiligen. Aus Ariège im Almanac patoues de l’Ariejo 1895, 49 ‘La feilha de Ilaurier’ (Bull. 2, 226. Der Vater läßt die Gebeine sammeln und in einem goldenen Schrein verwahren; da hört eine Magd in jenem Zimmer Schritte, schaut durchs Schlüsselloch und sieht den wiedererstandenen Königssohn).

Italienisch bei Andrews nr. 31 ‘La fleur qui chante’ (die Blume in der Hand des Schäfers singt von der Mordtat des älteren Bruders). Schneller S. 143 nr. 51 ‘Die Greifenfeder’ (der jüngste Prinz, der die verlorene Feder des Vaters wiederfindet, wird von den beiden Brüdern erschlagen; aus seinem Knochen fertigt ein Schäfer die Flöte). Imbriani, Conti pomiglianesi p. 195 ‘L’auciello grifone’ = Crane p. 40 nr. 8 (Knochen). De Gubernatis, Novelline di St. Stefano nr. 20 ‘La penna del pavone’ (Flöte aus Baumzweig). Comparetti p. 112 nr. 28 ‘La penna dell’ uccello grifone’ (aus dem abgeschnittenen Rohre, das dem Vater gebracht wird, kommt der Getötete wieder hervor). De Nino 3, 7 nr. 2 ‘La penna dell’ uccello grifone’ (Flöte aus Rosenzweig). Finamore, Archivio 3, 371 ‘Cèlle grèfone’ (Knochen im Maule des Schweins singt). Archivio 7, 93 (umbrisch. Traum des Gouverneurs; die Tote ausgegraben antwortet); 7, 267 ‘L’uccello grifon’ (aus Lucca. Ebenso). Giamb. Basile 4, 25 ‘Aucello crifone’. Corazzini p. 455 nr. 15 ‘Auciello crifone’ (aus Benevento). Ive p. 20 nr. 3 ‘El pumo de uoro’. Pitrè 2, 196 nr. 79 ‘Lu re di Napuli’, vgl. Monseur, Bull. 2, 229 (Prinz findet die Falkenfeder, die seinen blinden Vater heilen soll; Knochen). Grisanti 2, 175 ‘Un fiscaletto spia’. Gonzenbach nr. 51 ‘Vom singenden Dudelsack’ [266] (Der Schäfer macht aus den Knochen und der Haut einen Dudelsack, der singt:

Spiele mich, spiele mich, o mein Bauer,
Spiele nur immer munter fort!
Für drei Federn eines Pfauen
Ward ich getötet am Jordan dort
Von meinem Bruder, dem Verräter.
Der zweite hat keine Schuld zu tragen,
Dem großen aber geht es an den Kragen.)

Spanisch bei F. Caballero, Lágrimas 1858 S. 41 = Cuentos 1878 p. 29 ‘El lirio azul’ (jüngster Bruder, Knochen). Aus Sevilla in Bibl. de las trad. pop. esp. 1, 196 ‘La flor de lililá’ = Roméro p. 216 (ebenso). – Katalanisch bei Milá, Observaciones p. 178 ‘La caña del riu de arenas’ (Wolf, Wiener SB. 20, 53. Jahrbuch f. rom. Lit. 3, 210). Maspons, Rondallayre 1, 33 ‘La flor del penical’. – Portugiesisch bei Vasconcellos, Tradições p. 125 (Rohrflöte:

Toca, toca, ó pastor!
Os meus irmãos me mataram
Por tres maçãsinhas de ouro,
E ao cabo não nas levaram).

Braga 1, 129 nr. 54 ‘As tres maçãsinhas de ouro’ (ebenso). Revista lusitana 3, 6 ‘A gaita’. Abweichend Coelho nr. 40 ‘A menina e o figo’ (Rosenstrauch offenbart die Tat der Stiefmutter, das Mädchen wird ausgegraben und wieder lebendig); Braga 1, 60 nr. 27 ‘O figuinho da figueira’ und aus Brasilien Roméro p. 57 nr. 16 ‘A madrasta’ = Revue des trad. pop. 11, 617 (aus den Haaren der beiden von der Stiefmutter vergrabenen Mädchen wächst Gras, aus dem der Knecht mit der Sense die Worte vernimmt: ‘Mäher meines Vaters, hau mir nicht die Haare ab! Meine Mutter kämmte mich, meine Stiefmutter vergrub mich wegen der Feigen vom Feigenbaum, welche die Sperlinge fraßen’). – Rumänisch: Şăinénu p. 180. – Slovakisch aus Nordungarn bei Dobšinský 4, 42 (der Ahorn singt: ‘Herr Geigenspieler, fälle nicht! Mich hat die Schwester erschlagen, das Herzchen mir betrübt. Herr Geigenspieler, fälle nicht!’ Auch die Eltern, Bruder und Schwester kommen und hören die Worte). – Polnisch bei Polaczek S. 248 nr. 5 (der König verspricht derjenigen Tochter, die am meisten Blumen aus dem Walde bringt, sein Gut; aus der Linde auf dem Grabe der jüngeren Schwester wird ein Pfeifchen gemacht). Bei Woycicki 2, 15 = ³ 143 = Erben, [267] Slov. čít. S. 125 = Lewestam S. 105 ‘Die Pfeife’ = Monseur, Bull. 2, 233 offenbart die Weidenpfeife, die der Hirt sich geschnitten hat, daß die älteste der drei Schwestern im Walde die jüngste aus Eifersucht auf deren Geliebten ermordet hat. Abgeschwächt aus dem Radomer Lande bei Kolberg 21, 188 nr. 8 (Linde), Gonet, Materyały 4, 258 nr. 26 (Lilie), Kozłowski S. 298 = Bugiel S. 208 (ein Freier verheißt diejenige unter den drei Schwestern heimzuführen, die zuerst den Korb voll Himbeeren pflückt; ein Greis hilft der jüngsten; Weide auf dem Grabe). Bei Karol Baliński S. 130 (Bugiel S. 200) gleicht der Eingang unserm Froschkönig (nr. 1): die jüngere Schwester erhält erst, nachdem sie sich dem zur Schlange verwünschten Prinzen versprochen, Wasser aus dem Brunnen; als nach einem halben Jahre der Freier in Menschengestalt erscheint, wollen ihm die Eltern lieber die ältere Tochter vermählen und stellen beiden Töchtern Aufgaben, die nur die jüngere löst; daher erschlägt und vergräbt die andere diese; an ihrem Hochzeitstage spielt ein junger Hirt das den Mord verratende Lied. Aus Posen bei Kolberg 14, 157 nr. 30 (Mord beim Erdbeerpflücken, Birke von der mittleren Schwester gepflanzt). Aus dem Krakauer Land bei Ciszewski 1, 78 nr. 67 (Stiefmutter und älteste Tochter begehen den Mord); 1, 79 nr. 68 (Leiche in die Donau geworfen). Bei Ciszewski, Lud z okolic Sławkowa S. 259 nr. 17 trifft der Vater den Hirten im Walde und kauft ihm die Pfeife ab. Ähnlich lauten die Volksballaden bei Kolberg, Pieśni ludu polskiego 1857 S. 292–295 (Bugiel S. 204. Monseur, Bull. 2, 233); als die Schwester die Geige zornig zerschmettert, fliegt daraus eine Taube zum Himmel empor; in zwei Fassungen aus dem Gouv. Lublin bei Bugiel S. 211 f. wächst eine Eibe oder Weide auf dem Grabe; in der Bearbeitung A. Chodźkos (Woycicki³ S. 208. Zdziarski, Pierwiastek ludowy S. 231. Bugiel S. 215) schneidet sich der siebenjährige Sohn der Mörderin im Walde ein Pfeifchen. Auf dieser Ballade beruht Jul. Slowackis dramatisches Gedicht ‘Balladyna’ (Zdziarski S. 247); andere literarische Bearbeitungen erwähnt Bugiel S. 196. – Weißrussisch bei Federowski 2, 97 nr. 70–71: der Vater sagt den Töchtern, welche von ihnen zuerst ein Körbchen voll Erdbeeren bringe, solle heiraten; der Prinz, der sich vom Ahorn ein Pfeifchen schneiden läßt, gräbt das Mädchen aus, und es wird wieder lebendig. Ähnlich 2, 335 nr. 392 (Schilfrohr). Aus dem Gouv. Mogilew bei Romanov 3, 262 nr. 45 (zwei Schwestern erschlagen den Bruder; eine goldene und silberne Eiche); [268] ebenso aus dem Gouv. Smolensk bei Dobrovoljskij 1, 560 nr. 26 (Linden). Aus dem Gouv. Mogilew bei Romanov 3, 263 nr. 45b (Ahorn auf dem Grabe des Knaben, die Mörderin an einen Pferdeschweif gebunden). Verwickelter ist die Fassung bei Federowski 2, 333 nr. 391, wo zwei Schwestern durch die böse Stiefmutter und deren Tochter erschlagen werden und z. T. wieder ins Leben zurückkehren. – Kleinrussisch bei Manžura S. 58 (Hollunder aus dem Grabe des von Olenka beim Erdbeersammeln erschlagenen Bruders) und ähnlich aus dem Gouv. Černigow bei Malinka S. 289 nr. 21. Aus dem Gouv. Grodno bei Čubinskij 2, 473 nr. 144 (Kirschbaum vom Grabe des beim Erdbeersammeln von den beiden älteren Brüdern erschlagenen Knaben). Kuliš 2, 20 (Mädchen von der Stiefschwester ermordet; Schneeball). Moszyńska S. 113 nr. 12 (ein Lyraspieler nimmt die Därme als Saiten; der Mörder wirft die Lyra zur Erde, da steht das Mädchen lebendig vor den Ihrigen). – Großrussisch aus dem Gouv. Woronež bei Afanasjev ³ 2, 119 nr. 137 (1. Aufl. 5, nr. 17) = De Gubernatis, Die Tiere S. 151 (Flöte des Schafhirten aus dem Rohr auf dem Grabe des von der Schwester erschlagenen Knaben); aus dem Gouv. Saratow ebd. 2, 120 nr. 137b; aus dem Gouv. Wologda ebd. 2, 120 nr. 137c (das Mädchen ist von den kinderlosen Eltern aus Schnee geknetet: von den Gespielinnen beim Erdbeersuchen erschlagen; belebt, als der Vater die Flöte zerbricht oder in einer andern Fassung die Mutter die Rose ins Wasser stellt). Bei Bogdan Bronicyn 1838 = Afanasjev ³ 2, 120 (1. Aufl. 4, 316) = Naaké 1874 p. 170 ‘Story of Little Simpleton’ = Monseur, Bull. 2, 232 singt die Flöte:

‘Spiele, Flöte, spiele und tröste mein Väterchen und Mütterchen und meine lieben Schwesterlein! Sie brachten mich Arme um, sie erschlugen mich um das Silbertellerchen und die Glaskugel.’

Die Tote wird vom Vater erweckt und heiratet den Zaren. Aus dem Gouv. Rjäsan bei Chudjakov 2, 75 nr. 57 (ebenso). Aus dem Gouv. Samara bei Sadovnikov S. 105 nr. 21 (der Vater schneidet das Pfeifchen aus Engelwurz auf, da sitzt das Mädchen drin). Aus dem Gouv. Archangelsk bei Ončukov S. 118 nr. 44 (entstellt; der Vater, dann auch der Bruder, die Mutter und die mörderische Schwester vernehmen das Lied, dann pocht die Erschlagene an die Tür; endlich folgt der Stoff von Afanasjev ³ 1, 99 nr. 65). Von einem singenden Knochen erzählt nur ein 1859 von A. N. Wesselofsky (Jahrbücher f. russ. Lit. und Altertum 1, 113. Afanasjev 2, [269] 123) erwähntes Märchen: Als der Jäger auf dem im Walde gefundenen Knochen bläst, ertönt das Lied, daß zwei Schwestern um zweier goldenen Äpfel und einer Silberschüssel willen sie erschlagen haben.

In einigen slawischen Märchen tritt eine besondere Einleitung auf. Drei Königssöhne wachen hintereinander nachts, um das Wildschwein zu erlegen, das des Vaters Garten verwüstet. Als dies dem jüngsten, einem Dummling, gelingt, ermorden ihn die andern beiden aus Neid. Aus seinem Grabe wächst ein Baum, an dem ein Hirt eine Geige hängen sieht. So kleinrussisch bei Sadok Barącz S. 146; aus Ostgalizien bei Rozdolśkyj nr. 55 (Etnograf. Zbirnyk 7, 104), Živaja Starina 5, 460 (Flöte, der jüngste Bruder heißt Popelennik, Aschenhocker); Bugiel S. 238 = Monseur, Bull. 2, 234, Zdziarski Garść baśni S. 5 nr. 2 (Pfeife aus Schilfrohr). Aus dem Chelmer Lande bei Kolberg, Chełmskie 2, 98 nr. 10 (der Mörder wird schließlich begnadigt. Zuerst 1835 gedruckt: Naśky ukrainsky kazky zaporoźća Iśka Matyrynky; s. Jahrbücher f. russ. Lit. 1, 114. 1859 und Bugiel S. 244). Entstellt ist eine ostgalizische Variante bei Bugiel S. 239, wo das Mädchen, das den Brüdern gebietet, den Hirse vor dem Eber zu hüten, von ihnen ermordet wird. Aus dem Gouv. Kiew bei Rudčenko 1, 156 nr. 55 (Pfeife aus Kuhpetersilie, Anthriscus silvestris); aus dem Gouv. Wolhynien ebd. 2, 159 nr. 56 (Pfeife aus Schneeball). – Weißrussisch bei Federowski 2, 336 nr. 393 (mehrere Jahre vergehen bis zur Entdeckung des Mordes). Weryho S. 17 nr. 3 (der Vater öffnet das Grab und besprengt den Sohn mit Lebenswasser). Aus dem Gouv. Mogilew bei Romanov 3, 264 nr. 45c (ein Sterbender sagt seinen drei Söhnen, wer von ihnen an seinem Grabe übernachte, werde den Goldeber fangen, der des Zaren Gerten verwüste). – Masurisch bei Töppen S. 139 ‘Der goldene Apfel’; die Hirtenflöte singt:

Spiele, liebe Flöte!
Ich habe einen Stein auf meinem Herzen,
Der älteste Bruder hat mich erschlagen,
Der zweite Bruder hat ihm dazu geraten,
Und ich habe dem Vater ein Schwein getötet.

Aus der Flöte kommt nach mehreren Verwandlungen der erschlagene Jüngling lebendig zum Vorschein. – Ähnlich beginnt das Zigeunermärchen bei Wlislocki, Volksdichtungen 1890 S. 255 ‘Der Chagrin [270] und die drei Brüder’ mit der nächtlichen Lauer auf das dämonische Schwein, die dem jüngsten Hirtensohne gelingt; die Brüder erschlagen ihn, finden aber den Tod, als sie die ihm verheißenen Schätze holen wollten; die Weidenflöte belehrt den Vater, wie er den Ermordeten zum Leben erwecken kann. In einer kroatischen Ballade endlich bittet ein von ihrer Mutter verfluchtes Mädchen, Gott möge es zum Sperberbaum machen, die schwarzen Augen zur kühlen Quelle, die blonden Haare zur grünen Wiese; als ein Schafhirt sich aus dem Baume eine Flöte macht, meint die Mutter die Stimme ihrer Tochter zu hören (Andrić S. 93 nr. 62). In andern Fassungen (ebd. S. 448) erhängt sich das Mädchen, oder es will zum Baum werden, weil neun Bane sich seinetwegen bekriegen; oder es bittet in der Flöte, Gott möge es wieder beleben, damit es der alten Mutter Stütze sein könne. Auch bei Topalović S. 29.

Finnisch in Aarnes Register nr. 780. – Ungarisch bei De Gubernatis, Mythologie des plantes 2, 129 (drei Schwestern, Ahorn, Flöte). Nyelvör 4, 36 = Sklarek 1, 195 nr. 21 ‘Der Ahornbaum’ (wächst da, wo zwei Königstöchter ihre Schwester beim Erdbeerenlesen erschlugen. Ein Bettler macht sich eine Fiedel daraus, die singt:

Ich war eines Königs Tochter,
Aber jetzt bin ich aus Ahorn
Ein klein Geiglein.

Als die Mörderin die Geige fallen läßt, springt die Jungfrau daraus hervor). Erdélyi 3, 241 ‘Der Vogel Pelikan’.

Es fällt auf, daß von unserem Märchen aus Skandinavien und aus England keine Aufzeichnungen vorliegen, abgesehen von einer entstellten Erzählung aus Telemarken bei Grundtvig, DgFv. 3, 878b; dafür ist in diesen Ländern eine ergreifende Ballade von der sprechenden Harfe heimisch, über die R. Köhler (Aufsätze 1894 S. 79) ausführlich gehandelt hat. Zwei Königstöchter schreiten zum Meeresstrande, die jüngere klar wie die Sonne, die ältere schwarz wie die Erde und voll arger Gedanken. Da stößt diese die Schwester in die Flut hinab; vergeblich fleht die Ertrinkende um Hilfe und bietet ihr Goldband, ihre Goldkrone und selbst ihren Bräutigam.

‘Und nimmer helf ich zum Lande dir,
Dein junger Bräutigam wird doch mir,’

lautet die Antwort. Schiffer ziehen die Leiche ans Land. Ein Spielmann nimmt aus ihr das Brustbein zum Harfengestell, die Finger [271] zu Schrauben, das Goldhaar zu Saiten[4] und geht zum Hochzeitshause. Da ertönen aus seiner Harfe die Worte:

‘Der Bräutigam war mein Verlobter so traut,
Mein rotes Goldband trägt die Braut;
Meine Schwester stieß mich ins Meer hinab.’

Und entsetzt wagt die Verbrecherin ihre Untat nicht mehr zu leugnen. So berichtet die eine schwedische Fassung,[5] von der die norwegischen, dänischen, färöischen und isländischen[6] Versionen nicht wesentlich abweichen; nur reizt in der färöischen die jüngere Schwester die andere durch eine unbesonnene Bemerkung:

‘Und ob du dich wäschest Tag und Nacht,
Du wirst nicht weißer, als Gott dich gemacht.’

Und das Ende der Mörderin erfährt bisweilen weitere Ausmalung. [272] In den englischen und schottischen Versionen[7] wird die Königstochter durchweg nicht im Meer, sondern in einem Flusse ertränkt, und ein Müller zieht die Leiche heraus. Auch in der deutschen Sprachinsel Gottschee hat Hauffen (Gottschee 1895 s. 263 nr. 53) die Ballade von den zwei Königstöchtern aufgefunden. Sie gehen waschen zum breiten Meer, zum tiefen See; die ältere fordert die Schwester, die sie um ihren vornehmen Freier beneidet, auf:

‘Tritt her, tritt her auf den grauen Stein!
Ich will dir waschen die Füßlein weiß’

und stößt sie hinein. Als Spielleute vorüberziehen, hören sie den Ruf:

‘Ihr Geigerlein, Geigerlein, ihr Lieben mein,
Nehmt hin, nehmt hin mein Seidenhaar
Zu euren Saiten, daß sie spielen fein!
Nehmt hin, nehmt hin meine Fingerlein,
Gebrauchet sie als Wirbelein !
Geht geigen vor des Königs Tür:
Der König hatte zwei Töchterlein,
Die ältre stieß die jüngre ins Meer hinein.’

Eine solche Weisung der toten Jungfrau an die Spielleute kehrt wieder in der mährisch-schlesischen Ballade von der Erle,[8] [273] die auch čechisch und polnisch vorhanden ist. Drei Spielleute wollen sich Holz zu einer Fiedel hauen; da blutet der Erlenbaum und hebt an zu reden, er sei ein Mädchen, das die Mutter verwünscht habe, weil es am Brunnen zu lange verweilte; nun sollen die Spielleute das Lied von ihm vor der Tür der hartherzigen Mutter geigen. – Ein estnisches Märchen von der ermordeten Schwester bei Kallas nr. 50 (Verh. der estn. Gesellschaft 20, 179), dem ein entstelltes estnisches Lied bei Neus (Estnische Volkslieder 1850 S. 56) entspricht, beginnt mit der Ermordung beim Beerensammeln und schließt daran die Verfertigung der Harfe aus einer Birke, die an jener Stelle erwachsen ist. Wie in den zuletzt genannten Balladen redet die Birke den Bruder an:

‘Brüderlein, Brüderlein,
Fälle mich, fälle mich!
Hell als Harfe werd ich klingen,
Hell als Harfe, langnachhallend.
Schwestern beide bösen Sinnes
Brachten um das liebe Beerlein,
Scharrtens ein auf Bergeshöhe.’

Daheim verwandelt sich die Harfe, nachdem alle Angehörigen auf ihr gespielt, in allerlei Getier und endlich in das Mädchen. – In einem entsprechenden lettischen Liede (Dorpater Jahrbücher 2, 404. 1834. Ulmann, Lettische Volkslieder 1874 S. 199) und in drei litauischen bei Nesselmann (Dainos S. 185 = Litauische Volkslieder 1853 nr. 378} ist das Mädchen im Bache verunglückt, eine Linde wächst aus ihrem Leichnam, aus welcher der Bruder eine Harfe (Pfeife) schnitzt; aber nicht diese redet, sondern die Mutter erkennt aus ihrem Tone die verlorene Tochter. Dagegen ist es in einem litauischen Märchen bei Geitler, Litauische Studien 1875 S. 42, von dem uns auch eine hsl. Fassung vorliegt, der Sohn der Mörderin, der einen Zweig vom Grabe der Ermordeten als Fiedelbogen benutzt, und nun offenbart die Geige jene Tat.

Aus Indien bei A. Campbell, Santal folk tales 1892 p. 52 = Jacobs, Indian fairy tales p. 40 nr. 6 ‘The magic fiddle’ (Mädchen von Schwägerinnen getötet, kommt aus der Bambusfiedel des Jogi heraus und bewirtet später ihre Brüder); in einer Variante bei Campbell p. 102 ‘Two princesses’ (Monseur, Bull. 3, 46) wird die Heldin von einem Affen überfallen und gefressen. F. Hahn nr. 20 ‘Eine Metamorphose’ (Mädchen von den Brüdern getötet und verzehrt; [274] Bambus, Geige, Mädchen), nr. 24 ‘Die Geschichte zweier Kinder’ (die Geige des Bettlers singt: ‘Die Schwester ging zum Wasser, sie wurde Königin; der Bruder ist zerrissen, die Affen fraßen ihn’) und nr. 28 ‘Die Zwillinge’ (umgebracht durch die Nebenfrauen ihres Vaters, werden zu Blumen und, als der Vater naht, zu Menschen). Bei Bompas S. 388 nr. 155 wächst auf der Stelle, wo die Brüder das Mädchen dem Teichgott geopfert haben, ein Bambus, aus dem ein Mann sich eine Flöte anfertigt; ein Santal stiehlt diese und merkt, daß sie nachts sich in ein Weib verwandelt; da ergreift er sie, und sie bleibt fortan Mensch. Ebd. S. 478 nr. 20 fällt der Vater den Bambus, der auf dem Grabe seines von den Stiefbrüdern getöteten jüngsten Sohnes gewachsen ist, und der Knabe kommt hervor. Ebd. S. 472 nr. 15 macht ein Bettler aus den Bambusrohren, die aus dem Grabe zweier Knaben entsprossen sind, zwei Flöten; als der Vater diese hört, kommen die Knaben daraus hervor.

Ein berberisches Märchen bei Rochemonteix, Oeuvres div. p. 431 ‘Le roseau et le tambourin parlants’ verbindet mit unserm Stoffe den geschwätzigen Barbier des gehörnten Königs (R. Köhler 1, 587) und die dankbare Schlange (Benfey 1, 173); die mit der Haut des Ermordeten bespannte Trommel ruft: ‘Mein Bruder hat mich umgebracht wegen der Gazelle und ihres Jungen.’ – In einem Betschuanen-märchen (Casalis, Etudes sur la langue Séchuana 1841 p. 93 = Les Bassoutos 1859 p. 355 = Magazin des Auslands 1842 S. 73 = Kletke, Märchensaal 3, 387 ‘Der Mord des Massiloniane’ = E. Chasles, Contes populaires de tous pays p. 231; Revue des trad. pop. 2, 367. Monseur, Bull. 1, 109) ziehen zwei Brüder aus, ihr Glück zu versuchen. Der jüngere gewinnt einem Riesen eine große Herde Kühe ab, in der sich eine Kuh befindet, die weiß ist wie der gefallene Schnee. Er kommt mit dem älteren Bruder wieder zusammen, der nur eine Herde Hunde erworben hat. Dieser verlangt jetzt die weiße Kuh, und als sie ihm versagt wird, ermordet er hinterlistig den jüngeren bei einem Brunnen. Alsbald sitzt auf dem Horn der weißen Kuh ein Vöglein und verkündigt, was geschehen ist. Der Mörder zerschmettert das Vöglein mit einem Steinwurf, aber es erscheint wieder auf dem Horn. Er tötet es abermals, verbrennt es und zerstreut seine Asche in den Wind. Das Vöglein zeigt sich zum drittenmal und spricht: ‘Ich bin das Herz des Getöteten, mein Leichnam ist bei der Quelle in der Wüste.’ Ähnlich ‘Masilo und Masilonyane’ im South-african folk-lore Journal 1879, [275] 138 (Monseur, Bull. 3, 41) und bei Jacottet, Contes pop. des Bassoutos p. 47. – Statt des Vogels, der auch in andern afrikanischen Märchen[9] die Untat offenbart und an die unten nr. 47 folgende Erzählung vom Machandelbaum erinnert, verraten bei Chatelain, Folk-tales of Angola p. 126 nr. 12 die beiden Hunde des Erschlagenen Mutelembe und Nguaga durch ein Lied den Mord und erstehen, als der Bruder sie tötet, immer wieder zum Leben. – In einem Tiermärchen der Betschuanen (Casalis, Études sur la langue séchuana 1841 p. 100 = Casalis, Les Bassoutos 1859 p. 366 = Ausland 1841, 79 = Kletke, Märchensaal 3, 389 = Bleek, Reineke Fuchs S. 77; Revue des trad. pop. 2, 368) wird dagegen die Tat des Hasen, der den Springhasen hinterlistig verleumdet und zu Tode gebracht hat, nicht wider seinen Willen durch den singenden Knochen des Hingerichteten kund, sondern der Hase rühmt selber seine Schlauheit: ‘Dies Flötchen ist aus dem Bein des Springhasen gemacht. Häschen, was bist du geschickt! Springhase, was bist du dumm!’ – Die singende Grabespflanze, die in europäischen Fassungen vorkommt, begegnet auch in Dahomeh (P. Bouche, La côte des esclaves et le Dahomey 1885 p. 231 = Ellis, The Yoruba-speaking peoples 1894 p. 134) und im Kongostaat (Volkskunde 20, 114: Mpala); ein Pilz, den die Mutter pflücken will, ruft: ‘Mutter, reiß mich nicht ab! Ich war bei meinen Freunden, sie gaben mir zweitausend Kauris; meinem Bruder gaben sie tausend, und der Unbarmherzige schlug mich tot.’

Die hier aufgezählten Märchen von dem enthüllten Geschwistermord scheiden sich, wie auch Monseur in seiner ausführlichen [276] Untersuchung ‘L’os qui chante’ (Bulletin de folklore 1, 39–51. 89–152. 2, 219–241. 3, 35–49. 1891–1898) bemerkt, in zwei Gruppen. In der einen wird die wunderbare Flöte, die wider den Mörder Zeugnis ablegt, aus einem Knochen[10] des Erschlagenen gemacht, in der andern aus einer seinem Grabe entsprossenen Pflanze,[11] in der die Seele des Toten fortlebt,[12] um bisweilen sogar ihre leibliche Gestalt wieder zu gewinnen. Statt der Flöte erscheinen auch andre Instrumente, Harfe, Dudelsack, Fiedel. Der Ermordete ist entweder ein Jüngling, den seine Brüder beneiden, oder eine Jungfrau, deren Bräutigam von der Schwester begehrt wird, oder ein kleines Mädchen, dem der Bruder eine Blume entreißen oder eine Belohnung vorwegnehmen will. Die Mordtat geschieht meist im Walde, in der skandinavischen Ballade, die nach England wie nach Deutschland und Estland gedrungen ist, am Seestrande.[13]


  1. Aus dieser und der Grimmschen Fassung scheint Bechstein, Neues deutsches Märchenbuch nr. 3 ‘Das klagende Lied’ geschöpft zu haben. Danach Martin Greif, Gedichte 1881 S. 153 ‘Das klagende Lied’.
  2. Als Aeneas am Grabe des vom Thrakierkönige ermordeten Polydorus einen Myrtenzweig abbricht, quillt Blut hervor, und eine Stimme verkündet die hier verübte Freveltat (Vergil, Aen, 3, 26). Aus den Gräbern zweier Liebender erwachsen, wie in Volksliedern berichtet wird, ein Weißdorn und ein Rosenstrauch, die ihre Zweige zueinander neigen und ineinander schlingen (Koberstein, Aufsätze zur Literaturgeschichte 1858 S. 31. R. Köhler, Kl. Schriften 3, 274. Hauffen, Gottschee S. 178. Chlld, English ballads 1, 96. Doncieux, Romancéro français p. 36. Nigra, Canti del Piemonte nr. 19).
  3. Über die verschiedenen Namen der Wunderblume vgl. Monseur, Bulletin 1, 133.
  4. Man fertigte einst wirklich die Harfensaiten aus Frauenhaar (Michelet, Origines du droit français 1890 p. 134).
  5. Geijer-Afzelius, Svenska folkvisor 1880 nr. 16, 2 ‘De två systrarna’; verdeutscht von Uhland (Schriften 7, 413), Mohnike (Volkslieder der Schweden 1830 nr. 9), Warrens (Schwedische Volkslieder 1857 nr. 34, 1). Hoffmann von Fallersleben (Alemannische Lieder ⁵ 1843 S. 70 = Erlach, Volkslieder 4, 397 = Schnezler, Badisches Sagenbuch 1, 184).
  6. Schwedisch: Geijer-Afzelius nr. 16, 1 ‘Den underbara harpan’. Arwidsson, Svenska fornsånger 2, 139 nr. 99 (Schluß entstellt). Wigström, Skånska visor 1880 p. 4 = Folkdiktning 1, 19 nr. 7. Bidrag till Södermanlands kulturhistoria 6, 33. Lagus, Nyländska folkvisor 1, 27 nr. 7. Vgl. Mohnike 1830 nr. 8. Warrens 1857 nr. 34, 2. Lobedanz, Album nordgerman. Dichtung 1868 1, 336. Vogl, Balladen 1853 S. 691. Entstellt bei Studach, Schwedische Volksharfe 1826 S. 76 ‘Der rächende Nix’. – Norwegisch bei Landstad, Norske folkeviser 1853 S. 480 nr. 53 ‘Dei tvo systar’. Lindeman, Fjeldmelodier 1, nr. 14. Roß, Norske viser ³ 1869 S. 114 ‘Horpaa’. – Dänisch: Grundtvig, Danmarks gamle Folkeviser 2, 507 nr. 95 ‘Den talende Strængeleg’; vgl. 3, 877. Kristensen, Jyske folkeminder 1, 253. 10, 68. 375. Skattegraveren 4, 161. – Färöisch bei Hammershaimb, Færösk Anthologi nr. 7 ‘Hörpu-ríma’. Geljer-Afzelius 2, 69 = Firmenich 3, 830. Deutsch bei Mohnike 1830 S. 194 und Warrens, Schwedische Volkslieder S. 294; Norweg. Volkslieder 1866 S. 205. Französisch von Marmier, spanisch von Milá (vgl. W. Grimm, ZfdA. 11, 212 = Kl. Schriften 4, 357. R. Köhler, ZfdA. 23, 88). – Isländisch bei Grundtvig-Sigurdsson, Íslenzk fornkvæði nr. 13a, verdeutscht von Willatzen, Altisländische Volksballaden 1865 S. 59.
  7. Child, English and scottish popular ballads 1, 118 nr. 10 ‘The two sisters’; vgl. 2, 493. 4, 498. 6, 499. 8, 447. Deutsch von Henriette Schubert (Arnims Trösteinsamkeit 1808 S. 146. W. Grimm, Kl. Schr. 2, 209), Talvj (Charakteristik 1840 S. 532), Dönniges (1852 S. 81), Gerhard (Minstrelklänge 1853 S. 143), E. M. Arndt (Blütenlese 1857 S. 238), Warrens (Schott. Volkslieder 1861 nr. 15), Knortz (Lieder Alt-Englands 1872 S. 180). – Nacherzählt bei Jacobs, English fairy tales 1890 p. 44 nr. 9 ‘Binnorie’.
  8. Erk-Böhme, Liederhort 1, 26 nr. 8 (nach Meinert S. 122 und Peter 1, 209). – Čechisch bei Erben 1864 S. 466 = 1886 S. 522. Sušil S. 143 nr. 146. Bartoš, Nár. písně morav. Akad. S. 754 nr. 1427. Kollár, Zpiewanky 2, 4. Wenzig, Slawische Volkslieder 1830 S. 110 = Westslaw. Märchenschatz S. 273 = Bibliothek slawischer Poesien 1875 S. 134. Talvj, Handbuch der slaw. Sprachen 1852 S. 329. Waldau, Böhmische Granaten 2, 97. Léger, Chants des Slaves 1866 p. 264. – Polnisch bei Woycicki-Lewestam S. 151. Böckel, Mitt. der schles. Ges. f. Volkskunde 11, 42. Roger S. 70. – Als Sage von einem Ahornbaum am Millstädter See in Oberkärnten bei Vernaleken, Alpensagen 1858 S. 289 nr. 207. Ganz verschieden schildert ein Zigeunermärchen (Wlislocki 1886 S. 5 = Groome p. 131 nr. 37. Gypsy-lore Journal 2, 65) die Erschaffung der Geige aus Menschenleichen, die ein Mädchen dem Teufel übergibt, um dadurch den geliebten Jüngling zu gewinnen.
  9. Steere (Journal of the anthropological institute of Great Britain 1, CLI. 1871) teilt ein Märchen aus Zanzibar mit, wo den Brudermördern ein Vogel vorauf fliegt und singt: ‘Sie haben ihren jüngsten Bruder erschlagen und ihm all sein Gut geraubt’. Im Zulu-märchen ‘Izelamani’ (Callaway 1, 217) meldet ein Vogel den Eltern: ‘Euer Kind ist ins Wasser gestoßen’ und führt den Vater zur Grube, worauf der noch lebende Jüngling herausgezogen wird. In einer Erzählung der Ba-Ronga (Junod p. 310) verfolgt der Vogel den Menschenfresser, der seine eigne Frau getötet hat, und ruft deren Verwandte zur Rache auf. Im Mossutho-märchen bei C. Hoffmann 1907 S. 33 meldet Maschilwanes Hund seine Ermordung durch Maschilo. – Ein redendes Kleid des Erschlagenen in einem ostafrikanischen Märchen bei Steere a. a. O. Eine Schüssel aus den zerstampften Knochen in einem chinesischen Schauspiel (Journal asiatique 4. serie 18, 523. 1851).
  10. Andre Erzählungen von einem redenden Knochen handeln nicht von einer Mordsühne, so eine estnische bei Kreutzwald 2, 155 = Schiefner, Orient und Occident 2, 175 und eine indische bei Steel-Temple p. 127 ‘The little anklebone’. Auch das rumänische Märchen von den birkenen Dudelsäcken bei Obert nr. 28 ‘Die Adlerstochter’ (Ausland 1857, 1075) gehört nicht hierher. – Im bretonischen Märchen ‘Le brin éternel’ (Revue 23, 404) verrät ein Stück Fleisch vom ermordeten Mädchen, das ein Bettler im Walde gefunden hat und kocht, den Mord.
  11. Einige berberische Geschichten (Basset, Contes berbères 1, 114 nr. 57. Rivière nr. 4. Socin-Stumme, Der Dialekt der Houwâra 1894 S. 53) mischen das Motiv des Brotes ein, das sich in der Hand des Mörders in das Haupt des Erschlagenen verwandelt (R. Köhler 1, 154). In dem rumänischen Märchen bei Obert nr. 28 (Ausland 1857, 1075) werden Adlertochter und Prinzessin nicht getötet, sondern in Birken verwandelt; die aus den Birken gemachten Sackpfeifen erzählen ihre Geschichte.
  12. Über dies Fortleben vgl. Hartland, The legend of Perseus 1, 192 (1894). Macculloch p. 110.
  13. Auch W. Bugiel (Wisła 1893; vermehrt in seinen ‘Studya i szkice literackie’, Posen 1911 S. 194–400) hat, an eine polnische Dichtung von Julius Słowacki anknüpfend, unser Märchen ausführlich besprochen.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Das Märchen befindet sich ohne Titel als Nr. III auf den Seiten 323–326.
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