Anmerkungen zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm I/Strohhalm, Kohle und Bohne

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Die weiße Schlange Anmerkungen zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm I von Johannes Bolte, Jiří Polívka
18. Strohhalm, Kohle und Bohne
De Fischer un sine Fru
Für verschiedene Auflagen des Märchens der Brüder Grimm siehe Strohhalm, Kohle und Bohne.

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18. Strohhalm, Kohle und Bohne. 1856 S. 27.

1812 nr. 18: von Frau Wild in Kassel.

Schon 1548 von Burkard Waldis, Esopus Buch 3, Fabel 97. ‘Von einer Bonen’ erzählt. In kurzer Form enthalten die Nugae venales s. Thesaurus ridendi et iocandi 1648 S. 32 unser Märchen:

Pruna, faba et stramen rivum transire laborant,
     Seque ideo in ripis stramen utrimque locat.
Sic quasi per pontem faba transit, pruna sed urit,
     Stramen et in medias praecipitatur aquas.

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Hoc cernens nimio risu faba rumpitur ima

     Parte sui; hancque quasi tacta pudore tegit.

1646 berichtet der belgische Jesuit Adrian Poirters (Het masker vande wereldt afgetrocken, 7. Aufl. 1741 S. 159) ‘het Fabeltjen van Stroyken, Kooltjenvier en Boontjen. Dese dry gaende uyt wandelen quamen aen een plasken waters; Stroyken ginck liggen als een brughsken, Kooltjenvier goncker over, Stroyken brande in twee stucken, Kooltjen viel in’t water, Boontjen begostse alle beyde te begecken.’ – Eine Erbse kommt hinzu bei dem Dramatiker Jan Vos (Klucht van Oene, 6. druck 1662 = Volkskunde 6, 85. 20, 193):

Ik zel jou et sprookje van Erritje, Boontje, Strootje en Kooltjevier zeggen,
Hoe dat Strootje, in plaats van ien brug, over ien sloot gieng leggen,
Daer Erritje over heen rolde, om niet te komen in noodt,
Maar mit dat Kooltjevier op et midden quam, branden et Strootje deur, en Kooltjevier viel in de Sloot,
Daer et zen ongeluk, as jy wel kan deinken, betreurde,
En hoe Boontje om Kooltjeviers ongeluk zoo lachte, dat zijn naersje scheurde,
Hoe dat Boontje toen, om een lapje veur zen naers te krijgen, nae ien schoenlapper tradt;
Seur die tydt hebben al die Boontjes zwart lapjes veur heur naers ehadt.

Eine geistlich ausgedeutete gereimte ‘Fabel van Stroyken ende Koltjenvier’ in ‘Den lieffelyken Paradys-voghel tot Godt omhoogh vlieghende’ (Brüssel 1681) S. 38 = Tijdschr. voor nederl. taalk. 18, 283 = Volkskunde 18, 195. – Aus Weißenfels von 1856 in Ludwig Erks Nachlaß 29, 46² ‘Kaffeebohne, Strohhalm und Feuerfunken’. – Aus Holstein bei Wisser 2, 87 ‘Strohhalm, Koll un Bohn’. – Niederländisch in Driemaandelijksche Bladen 1, 34. Dijkstra 2, 136. – [136] Vlämisch bei Coussemaker, Recherches sur le dialecte flamand de France 1859 S. 21 ‘Bontje, stroyke en koolkevier’ (Annales du Comité flamand de France 4) = Firmenich 3, 691 = Leopold, Van de Schelde tot de Weichsel 1, 2 (1862). Volkskunde 2, 86 ‘Waarom de labboonen een lidteeken hebben’. Joos 1, 23 nr. 1 ‘Van de Boon’. Teirlinck, Contes flamands S. 100 ‘Pourquoi la fève a une tâche noire’. De Mont & de Cock, Vertelsels S. 115 ‘Waarom de labboonen ean litteeken hebben.’ Auch ein Kinderreim im Biekorf 3 (1892) gehört hierher:

     Errewete, Boone,
Strooitje, koolkevier,
Hadde ik nog een oortje,
’k dronke een pintje bier.
’k wil, dat den eerste weerd,
Die van mijn geld begeert,
Ware gehangen met een tange
Op zijnen heerd.

Vgl. noch Volkskunde 20, 195. – Dänisch bei Kristensen, Dyrefabler S. 54 nr. 104 ‘Bönnen og Ildgløden’. – Wendisch bei Haupt-Schmaler, Volkslieder 2, 160 nr. 4 ‘Jemandes Schaden, jemandes Spott’ (Kohle, Blase, Strohhalm) = Haupt, Sagenbuch 2, 204 nr. 309.

In einem lateinischen Gedicht des Mittelalters (Handschrift des 15. Jahrh. zu Straßburg, Joh. C. 102) kommt die Fabel von der reisenden Maus und Kohle mit der Wendung vor, daß beide ihre Sünden zu beichten in die Kirche wallfahrten, beim Übergang die Kohle in ein Bächlein fällt, zischt und erlischt und die Maus schilt, das sei schlechter Weihrauch:

Sacrificaturus superis mus et meriturus
     Pro furtis veniam venit ad ecclesiam;
Cuius ab igne cadit, ceu carbo comes sibi vadit
     Pro facti scelere a dis veniam petere,

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Murmure lascivum prope templi limina rivum

     Mus securus adit, carbo sequendo cadit.
Quem mus exstinctum resonante gurgite tinctum
     Retro putat flare, fetida tura dare.
Nam prior emersus carbone sonante reversus:

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     ‘Digne plaga dei, quid facis!’ inquit ei.

‘Desine sic flare! Non hoc tus convenit, care,
     Nec quos [l. quod] tu quaeris, convenit hoc superis.

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Posce, miser, veniam! Prece subsidio tibi fiam,
     Si culpam flere vis neque plus facere.

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Nil defletorum prodest pietas vitiorum,

     Si redit impietas, quae facit, ut repetas.’

Eine Maus statt der Bohne tritt auch bei Sutermeister nr. 5 ‘Müsli gang du zerst’ (aus Baselland; dazu Singer 1, 46–54) und in einer bernischen Fassung (Schweiz. Archiv 15, 24 ‘La braise et la souris’) auf; in einer elsässischen Aufzeichnung in Stöbers Volksbüchlein S. 95 nr. 237 ist außerdem für die Kohle eine Katze eingetreten, unter deren Gewicht der als Brücke benutzte Strohhalm zur Freude der Maus bricht.[1] Maus und Bohne im oldenburgischen Märchen bei Strackerjan² 2, 123 § 356a. In dem siebenbürgischen Märchen bei Haltrich⁴ nr. 79 ‘Die Reise des Entleins’ nimmt die Ente den Frosch, den Mühlstein und die rotglühende Kohle mit auf die Reise; als die Ente aber nach einem Fischlein taucht, ertrinken die beiden letzten Gesellen, und Ente und Frosch lachen darüber noch heut. Drei Brüder, Wachshals, Strohbein und Kieselbrust, wollen in einer neuaramäischen Fabel bei Lidzbarski S. 185 Fleisch kochen, dabei schmilzt der erste am Feuer, der zweite bricht sich die Beine beim Holzschleppen und der dritte die Brust beim Wassertragen.

Mit einem ätiologischen Schlusse erscheint die Wanderung der Tiere bereits in der äsopischen Fabel von der Fledermaus, dem Brombeerstrauch und dem Tauchervogel (nr. 306 ed. Halm), die auf einer Seefahrt Geld, Kleider und Erz einbüßen und seitdem immer danach suchen; vgl. Kirchhof, Wendunmut 4, 160–162 und La Fontaine, Fables 12, 7.

Vgl. Wünsche, Die Pflanzenfabel 1905 S. 97 = Zs. f. vgl. Litgesch. 11, 428.


  1. An die schweizerischen und die elsässische Fassung ist ein Häufungsmärchen in der Art des Jäckel, der den Hafer schneiden soll (R. Köhler 3, 355), angehängt: die Maus will sich beim Schuhmacher den Pelz flicken lassen und wird weitergeschickt zur Sau, zum Müller, zum Acker, zur Kuh, zur Wiese, zum Bach.
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