Anmerkungen zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm I/Von dem Mäuschen, Vögelchen und der Bratwurst

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Wie Kinder Schlachtens miteinander gespielt haben Anmerkungen zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm I von Johannes Bolte, Jiří Polívka
23. Von dem Mäuschen, Vögelchen und der Bratwurst
Frau Holle
Für verschiedene Auflagen des Märchens der Brüder Grimm siehe Von dem Mäuschen, Vögelchen und der Bratwurst.

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23. Von dem Mäuschen, Vögelchen und der Bratwurst. 1856 S. 40.

1812 nr. 23, nach Moscherosch, Wunderliche und warhafftige Gesichte Philanders von Sittewald, 2. Teil (Strassburg 1650), S. 927 am Schluß des 7. Gesichts ‘Reformation’. Dort wird das Märchen als ein Gleichnis vom Untergange Deutschlands durch die Zwietracht der drei Stände vorgetragen; vgl. Hamann, Die literarischen Vorlagen der KHM. 1906 S. 27. Es lautet wörtlich:

Thurmeyer erzehlete und sagte dabey, er hätte von einem redlichen Bauren im Waßgau des Teutschlandes Zustand also beschreiben hören, daß es zwar läckerlich, aber gleichwol nicht ohn nutzliches nachsinnen. Es sind, sprach derselbig Baur, der Haupt-stände drey, sie haben alle drey gefehlet und keiner dem andern zu Gebott oder Gehorsam mehr stehen wollen; daher seye einheimisches Mißtrauen, Uneinigkeit und endlich dieser Untergang so manchen schönen Staths erwachsen.

Es waren, sprach der Baur, ein Specht, ein Mauß und Bratwurst in Gesellschafft gerathen und ein Haus bestanden, lang wol und köstlich im Frieden gelebt und an Gütern zugenommen: des Spechts arbeit war, daß er täglich in Wald fliegen und Holtz beybringen muste; die [205] Mauß solte Wasser tragen, Feuer anmachen und Tisch decken; [928] die Bratwurst solte kochen. In solcher Ordnung haben sie sich dergestalt bey andern in Ansehen und Würden gesetzet, daß jhnen selbsten wol und nur gar all zu wol gewest bey disen dingen; dan wem zu wohl ist, den gelüstert immerzu nach was Neuerung. – Also eines Tags, als dem Vogel unterwegs einer aufgestossen, welchem er seine treffliche Gelegenheit erzehlet und gerühmet, hat ihn derselbe einen armen Tropffen gescholten, der grosse Arbeit, die andere beyde aber zu hauß gute tage hätten, und er solte es nicht mehr also leiden. Dan wan die Mauß jhr Feuer angemacht und Wasser getragen hatte, so begab sie sich in jhr Kämmerlein zur Ruhe, biß man sie hieße den Tisch decken. Die Wurst blieb beym Hafen, sahe zu, daß die Speise recht kochte; und wan es Essenszeit war, schlingte sie sich einmahl viere durch den Brey oder das Gemüs, so war es geschmaltzen, gesaltzen und bereitet. Kame dan der Vogel heim und legte seine bürde ab, so saßen sie zu Tisch und nach gehabtem Mahl schlieffen sie sich die haut voll biß den andern morgen. Das war ein herrlich leben, und sind wenig Bauren auf dem Westerwald, die es so gut haben. – Der Vogel anderen Tags wolte auß anstifftung nicht mehr ins holtz, sprechend, er wäre lang genug Knecht geweßt und hätte gleichsam jhr Narr seyn müssen, sie [929] solten einmahl umwechslen und es auf eine andere weise auch versuchen. Und wiewohl die Mauß hefftig dafür bate, auch die Bratwurst beförchtende, daß es je und allwegen ein zeichen untergangs geweßt, wan sich einer in seinem Stand nicht mehr benügen lassen, so war der Vogel doch meister, es mußte gewagt sein. Spieleten derowegan, und kam das Loß auf die Bratwurst, die mußte holtz tragen, die Mauß ward Koch, und der Vogel solte Wasser holen, Was geschieht? Die Bratwurst zog fort gen holtz, der Vogel machte das Feuer an, und erwarteten allein, biß Monsieur Bratwurst heim kam und holtz für den andern tag brachte. Es blieb aber die Wurst so lang unterwegen, daß jnen beiden nichts guts vorkam und jhro der Vogel ein stuck luffts hinauß entgegen floge. Unfern aber findet er einen hund am weg, der die arme Bratwurst da alß freye beut angetroffen, angepackt und nidergemacht. Der Vogel beschwert sich dessen alß eines offenbaren raubs sehr gegen dem hund; aber es halffe kein Wort. Dan, sprach der hund, er hätte falsche Brieff bey der Bratwurst gefunden, deßwegen sey sie jhm das Leben verfallen. Der Vogel traurig, nahm das holtz auf sich und heim und erzehlet, was er gesehen und gehöret. Sie waren sehr betrübt; doch damit jhr Stath desto besser erhalten wirde, verglichen sie sich, das beste zu thun und beysammen zu bleiben, wolten sich auch nach Essens fernerer anstellung vergleichen. Deßwegen so deckte der Vogel den Tisch, die Mauß rüstet das Essen und wolte anrichten und in den Hafen, wie zuvor die Bratwurst, [206] und durch das Gemüs schlingen und schlupffen, dasselbige zu schmältzen. Aber ehe sie in die mitte kam, ward sie angehalten und mußt haut und [930] haar und dabey das Leben lassen. Alß der Vogel kam, wolte das Essen auftragen, da war kein Koch vorhanden. Der Vogel bestürzt warff das holtz hin und her, raffte und suchte, kunte aber seinen Koch nit mehr finden. Auß Unachtsamkeit kam das Feur in das holtz, also daß eine brunst entstunde. Der Vogel eilte wasser zu holen, da entfiel jhm der Eymer in den Brunnen, und der Vogel mit hinab, daß er sich nit konte mehr erholen und da ersauffen mußte. – Also gung diser schöne Stath allein auß Mißtrauen und Neid eines gegen dem andern, und daß je eines dem andern sein glück vergönnet, zu grund.


Das Märchen lebt aber auch noch mündlich fort, doch mit veränderten Umständen; namentlich wird es bloß vom Mäuschen und Bratwürstchen erzählt, ohne das Vögelchen; das eine muß diese Woche kochen, das zweite die andere. Aus dem Elsaß bei Stöber, Volksbüchlein 1842 S. 99 nr. 241 ‘Gevatter Mysel und Gevatter Läwwerwirstel’. Aus Schwaben bei Birlinger, Nimm mich mit 1871 S. 216 ‘Das Würstlein und das Mäuslein’. Aus Niederösterreich in Pommers Zs. Das deutsche Volkslied 11, 184f. (1909): ‘Vom Haserl und Mauserl’. Ebd. 12, 5 ‘Mauserl und Würschterl.’ Aus Österreichisch-Schlesien bei Peter 2, 208 ‘Das Würstel und das Mäusel’. Aus Ostpreußen ZfVk, 15, 344 ‘Mauschen und Wurstchen’. Um eine Erbse ist das Personal vermehrt in der ostpreußischen ‘Geschichte von einem Bratwürstchen, einem Mauschen und einer Erbse’ bei A. W. Funk, Neue preuß. Provinzialblätter 1, 226 (1846. Nacherzählt von R. Reinick, Märchen-, Lieder- und Geschichtenbuch, 4. Aufl., 1878 S. 168 und gereimt von J. G. Thiele, vgl. Altpreuß. Monatschrift 35, 147). Mecklenburgisch bei Wossidlo, Aus dem Lande F. Reuters S. 161 ‘Müüschen un Mettwüüschen’. – Friesisch in Ehrentrauts Friesischem Archiv 2, 81 (1884) ‘Müsken un Métwurst’ = Strackerjan ² 2, 149 § 376a. – Niederländisch Volkskunde 2, 152. – Dänisch bei Kristensen, Dyrefabler S. 85 nr. 149 ‘Mus, Pølse og Aert’. – Französisch bei Marelle, Éva Affenschwanz Queue-d’chat 1888 S. 35 ‘Encore un conte’. – Griechisch aus Unteritalien bei Morosi, Studi sui dialetti greci 1870 p. 73 = Crane, Italian tales p. 376 ‘The ant and the mouse’. – In einer Erzählung der Wapogoro in Deutsch-Ostafrika [207] (Archiv f. d. Studium deutscher Kolonialsprachen 6, 67 nr. 8) bewirten der Elefant und der Stieglitz einander; der Elefant setzt seinen Fuß auf den Kochtopf, da strömt Fett heraus, als aber der Stieglitz dasselbe versucht, verbrennt er; vgl. A. v. Lewinski, Kamba-Märchen 1905 nr. 1.

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