Antworten auf Fragen an den Dr. Bock

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Autor: Carl Ernst Bock
Titel: Antworten auf Fragen an den Dr. Bock
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 5, S. 75–76
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Antworten auf Fragen an den Dr. Bock.


Seinen Mitmenschen zu nützen, ist die Pflicht jedes echten Menschen, sich aber von seinen Mitmenschen immerfort mit solchen Fragen über Krankheiten brieflich bestürmen zu lassen, die zu wiederholten Malen schon in der Gartenlaube behandelt worden sind, das ruhig zu ertragen verlangt denn doch etwas gar zu viel Humanität und Briefporto. Die öfters schon abgegebene Erklärung, daß ein Arzt nur dann Rath ertheilen kann, wenn er den Kranken genau untersucht hat, finden die meisten Menschen ganz in der Orduung, aber trotzdem verlangt jeder Einzelne, daß, wenn er gerade krank wird, der Arzt eine Ausnahme von seinen Grundsätzen machen soll.

Aus den Aufsätzen über Krankheiten, die übrigens von vielen Lesern der Gartenlaube, wie die Erfahrung lehrt, nur mit halben oder sogar ohne alle Gedanken gelesen werden, nehmen sich die Meisten immer nur einzelne und solche Krankheitserscheinungen heraus, welche sie gerade zur Zeit an sich merken, und dichten sich damit die eben von ihnen gelesene Krankheit an. Sie sehen gar nicht ein, daß sie auch alle die andern einer bestimmten Krankheit zukommenden und aufgeführten Symptome in und an ihrem Körper wahrnehmen müssen, um an jener Krankheit leiden zu können. So faseln z. B. Viele sofort von Rückenmarksschwindsucht, wenn sie etwas Kreuzschmerz oder müde Beine haben, blos weil sie nur diese höchst unwichtigen Symptome aus der großen Zahl von weit wichtigern, jenem Leiden zukommenden Krankheitserscheinungen herausgelesen haben. Also: wer gedankenlos und nicht mit Verstand lesen will und kann, der lese populär-medicinische Schriften und Aufsätze lieber gar nicht, damit er sich in seiner Phantasie nicht etwa eine Krankheit anängstigt. – Nun zur Beantwortung der Fragen.

1) Gegen die (tuberculöse) Lungenschwindsucht wird ein bewährtes Heilmittel gewünscht. Ein solches existirt nicht. Der Lungenkranke hat dahin zu streben, daß zuvörderst in seiner Lunge niemals Veranlassung zur abermaligen Ablagerung frischer Tuberkelmasse gegeben werde, und sodann, daß sich der Ernährungszustand des ganzen Körpers hebe. Die Regeln, welche der Schwindsüchtige deshalb genau zu beobachten hat, finden sich in Nr. 15 des Jahrg. 1855 und Nr. 47 des Jahrg. 1859 der Gartenlaube. – Nochmals sei hier Brustkranken der Respirator (s. Gartenl. 1855, Nr. 8) dringendst anempfohlen, der leider entweder aus dummer Eitelkeit oder aus der falschen Idee, als ob er verweichliche, immer erst dann in Gebrauch gezogen wird, wenn die Lungenschwindsucht schon weit um sich gegriffen hat. Dagegen ist nicht genug vor einer Reise in ein südliches Klima zu warnen, sobald Patient sehr heruntergekommen und etwa gar fiebernd ist, wenn es ihm ferner an Zeit und Geld fehlt, um längere Zeit in diesem Klima verweilen zu können, und wenn er nicht mit der größten Gemüthsruhe (ohne Heimweh, ohne nörgelnde Frau etc.) sein Leben dort zubringen kann. Uebrigens muß der Kranke auch in diesem Klima, trotz der heilsamen Luft, doch immer noch die früher angegebenen Schädlichkeilen (besonders Staub, Rauch, Aufregungen, Erkältungen) ängstlich vermeiden. – Viele Brustkranke, die sich ziemlich wohl fühlen und noch lange leben könnten, werden nicht selten dadurch [76] systematisch zu Schanden curirt, weil sie den von ihrem veralteten, ganz ungefährlichen Lungenleiden herrührenden, freilich oft das ganze Leben hindurch andauernden Husten und Auswurf nicht ertragen lernen wollen. – Die Mineralwässer, welche gegen das tuberculöse Lungenleiden empfohlen werden, helfen alle zusammen nichts; und die Badeorte, in welche die Aerzte Brustkranke schicken, sind deshalb zu verdammen, weil hier das Zusammenleben vieler solcher Kranken, denen ihr Auswurf den wichtigsten Stoff zur Unterhaltung bietet, den Aufenthalt wahrlich nicht erquicklich und gemüthlich macht. – Die Grausamkeit, unbemittelte Lungenschwindsüchtige in Hospitälern bei schlechter Luft und unpassender Kost einzusperren und nicht vielmehr in zweckmäßig gelegenen und eingerichteten Versorgungsanstalten unterzubringen, diese Grausamkeit wird wohl nicht eher aufhören, als bis die Heilkünstler einmal auf ein diätetisches Heilverfahren mehr Werth legen, als zur Zeit auf ihre Arzneien. – Daß die fast nur aus unreinem Kochsalz und einer Spur Jodnatrium bestehende Lobethal’sche essntia an iphthisica (s. Gartenl. 1855, Nr. 47), ebenso wie das Anacahuitholz (s. Gartenl. 1860, Nr. 49) bei Lungenleiden und überhaupt nichtsnutzige Dinge sind, steht fest.

2) Asthma wünscht ein Kranker brieflich gehoben zu haben. Dies ist aber ganz unmöglich, da vor allen Dingen durch eine genaue Untersuchung, vorzugsweise der Brustorgane, der Grund dieser Beschwerde, der durchaus nicht immer derselbe zu sein braucht, aufgesucht werden muß. Allerdings ist in den meisten Fällen die Ursache dieser Athembeschwerde die Lungenerweiterung (siehe Gartenl. 1859, Nr. 23); gegen diese existirt jedoch ein Heilmittel nicht, wohl aber können durch diätetische Hülfsmittel, ganz besonders durch zweckmäßige Ausathmungs-Gymnastik, die Athemnoth gemindert und die asthmatischen Anfälle verringert werden. Aber freilich muß das heilsame kräftige Ausathmen erst durch Uebung gelernt werden, und dazu gerade sind die meisten Asthmatiker zu faul, während sie alle 2 Stunden 1 Eßlöffel unnützer Arznei recht gern einnehmen.

3) Ueber Keuchhusten und Bräune (Croup), zwei Kinderkrankheiten, die weit leichter zu verhüten als zu curiren sind, wurde in der Gartenlaube 1859, Nr. 3 und 8 ausführlich gesprochen, und deswegen sei hier nur nochmals den Müttern dringendst anempfohlen, ein Kind, welches die ersten Spuren von Katarrh in den Augen, der Nase oder dem Halse zeigt (also: Thränen der gerötheten Augen, häufigeres Niesen, Verstopfung und Laufen der Nase, Schlingbeschwerden, Hüsteln, Heiserkeit), sofort in der Stube und auch bei Nacht in gleichmäßig warmer und reiner Luft zu behalten. Es ist eine unglückselige Idee vieler Mütter, daß kleine Kinder so oft als nur möglich in’s Freie, selbst bei rauher Witterung, hinaus müssen (s. Gartenl. 1859, Nr. 47), ja sogar beim Schnupfen. Als ob man nicht auch in Zimmern eine frische und reine Luft herstellen könnte! Aber auch Mütter, die ihre schnupfigen Kinder zu Hause behalten, versehen es oft darin, daß sie dieselben aus dem warmen Zimmer in kalte Loclitäten laufen oder bis zur Erhitzung herumtollen lassen. Wenn Mütter sogar beim Herrschen von Halskrankheiten ihre Kinder mit dummen, gewissenlosen Kindermädchen noch in’s Freie in rauhe, staubige Luft schicken, dann sollten solche Mütter als unzurechnungsfähig und zu Erzieherinnen unwürdig erklärt werden.

4) Magenstärkende Arznei, die ein Kranker gegen Magenschwäche empfohlen haben will, existirt nicht; ja alle Mittel, die als magenstärkend gerühmt werden, vorzüglich die so verschiedenfarbigen bittern Schnäpse, können dem kranken Magen den größten Schaden zufügen. Ein kranker Magen will nämlich ganz ausnehmend mild behandelt sein, und nur durch ein richtiges diätetisches Verfahren (s. Gartenl. 1860, Nr. 7) sind Magenleiden, selbst der chronische, in Magenverhärtung übergehende Magenkatarrh, allmählich zu heben. Aber freilich streng und consequent muß Patient jene Diät halten.

5) Der Brechdurchfall kleiner Kinder, der sehr oft tödtlich wird, ist, wie die allermeisten Kinderkrankheiten (s. Gartenl. 1851, Nr. 17), weit leichter zu verhüten als zu curiren. Da nur Erkältung des Bauches in den allermeisten Fällen die Ursache dieses gefährlichen Leidens ist, so hätte also eine vorsichtige und gewissenhafte Mutter darauf zu achten, daß ihr Kind niemals am Bauche kalt werde, wie dies z. B. beim Baden des Kindes, beim Nacktstrampeln in der Nacht, beim Tragen und Abhalten im Freien etc. stattfinden könnte. Bei den ersten Spuren von Durchfall müssen sofort warme Breiumschläge auf den Bauch gelegt und, läßt das Kind Zeichen von Leibschmerz merken, warme Klystiere mit Stärke gegeben werden.

6) Sogenannte Hämorrhoidalblutungen, wenn sie stark sind, rühren in der Regel von leicht blutenden Affectionen der Mastdarmschleimhaut und nicht von Hämorrhoiden her. Um die Ursache einer solchen Blutung gehörig erforschen und dann das Leiden durch ein örtliches Heilmittel (Höllenstein) heben zu können, ist es durchaus nothwendig, daß der Mastdarm sofort nach dem Stuhlgange besichtigt werde. – Was die mit wirklichen Hämorrhoiden zusammenhängenden Unterleibsbeschwerden betrifft, so findet man darüber Gartenl. 1854, Nr. 18 und 1860, Nr. 21 Auskunft.

7) Ueber den Aufsatz „Ekliches am Menschen“ (Gartenlaube 1858, Nr. 11) ist seiner Zeit weidlich raisonnirt worden, und doch geschehen fortwährend Anfragen: „wie ist der üble Mundgeruch und wie sind übelriechende örtliche Schweiße zu beseitigen? wie wird man eine rothe Nase und rothe Augen los? wie sind die Zähne zu behandeln? wie vertreibt man Blüthen und Mitesser im Gesichte?“ Die Frager und auch noch viele Andere, die Ekliches an sich haben, ohne es zu wissen und zu glauben, sind hiermit auf jenen Aufsatz verwiesen, erstere um ihr Ekliches los zu werden, letztere um zur Selbsterkenntniß zu gelangen. Denn unser artiger Mitmensch sagt’s uns nicht, wenn wir aus dem Munde riechen, oder beim Essen ein nervösmachendes Schmatzen hören lassen und unter ohrzerreißendem Fietschen die Zähne ausstochern, aber hinter unserm Rücken tüchtig darüber schimpfen, das thut unser artiger Mitmensch, auch wenn er selbst genug Ekliches an sich hat.

Gegen die Mitesser (schwarzen Punkte) im Gesichte ist auch folgendes Verfahren vortheilhaft: man taucht einen Rasirpinsel in warmes Seifenwasser und pinselt dann eine Zeit lang auf der garstigen Haut herum, wodurch mittels der in die Talgdrüsenöffnungen eindringenden Pinselhaare das hier widernatürlich angehäufte Hautfett und der aufsitzende schwärzliche Schmutz entfernt werden. Nach und nach ziehen sich bei dieser Pinselei die zum Theil entleerten Talgbälge und deren Mündungen zusammen, und die Mitesser, sowie die von diesen erzeugten Blüthchen schwinden vollständig.

8) Hautausschläge, wenn man sie heilen soll, wollen ordentlich untersucht sein, da die Behandlungsweise der verschiedenen Ausschläge eine ganz verschiedene ist. – Bei Ausschlägen mit Schorfen (Grinden) ist gar nicht selten folgendes einfache Verfahren heilsam: es werden die Grinde zuerst mit lauem Wasser aufgeweicht und sodann recht sanft und behutsam abgehoben; hierauf wird die von den Schorfen befreite, geröthete, wunde und vielleicht etwas blutende oder brennende Haut mit einem in kaltes Wasser getauchten und ausgerungenen Läppchen (Tuche) so lange bedeckt, bis sich die entzündete Haut beruhigt hat, und schließlich streicht man die ganze Hautstelle tüchtig mit frischem ausgelassenen Rindstalge ein. Sobald sich ein frischer Grind bildet, muß er auch sofort sanft entfernt werden.

9) Das Unterziehjäckchen (s. Gartenl. 1861, Nr. 35), auf der bloßen Haut und auch im Sommer getragen, ist trotz der Anfeindungen von Seiten der Abhärtungsfanatiker doch ein ausgezeichnetes Schutzmittel gegen eine Menge von Uebeln. Soll dieses Jäckchen aber nicht unangenehm werden, so darf es nur nicht aus dichtem wollenem Stoffe (Flanell) gefertigt, sondern es muß locker gewirkt oder gestrickt sein. Am angenehmsten und zweckmäßigsten fand Verfasser die Jäckchen und Hemden aus seidenem und halbseidenem Krepp, welche in Basel von Herrn Rumpf verfertigt werden und ziemlich dauerhaft sind.

10) Ob Findelhäuser wirkliche Humanitätsanstalten sind? Die Erfahrung spricht gegen diese Häuser (s. Gartenlaube 1859, Nr. 36) und zwar deshalb, weil durch dieselben weder das Aussetzen noch das Morden von Neugebornen verringert wird, wohl aber die Zahl unehelicher Geburten sich bedeutend vermehrt und auch eine große Menge ehelicher Kinder diesen Häusern überliefert wird. Uebrigens scheint auch bei der besten Einrichtung eines Findelhauses doch die widernatürlich große Sterblichkeit der Kinder nicht wohl verhütet werden zu können. Deshalb schlug auch ein französischer Schriftsteller als Ueberschrift über Findelhausthüren folgende Worte vor: „Hier werden Kinder auf öffentliche Kosten umgebracht.

Bock.