Auber und ein musikalischer Fund

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Titel: Auber und ein musikalischer Fund
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aus: Die Gartenlaube, Heft 11, S. 176
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Blätter und Blüthen
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[176] Auber und ein musikalischer Fund. Kürzlich ging ein französischer Abgeordneter, welcher als außerordentlicher Musikliebhaber bekannt ist, durch die Straßen von Paris. Da hörte er plötzlich einen jungen Menschen, der mit einem Wagen durch die Straßen fuhr und zerbrochenes Glas zusammenkaufte, mit heller, durchdringender Stimme seinen Ruf erheben: „Wer hat zerbrochene Flaschen?“

Der Klang dieser Stimme frappirte das musikalische Ohr des Abgeordneten; er redete den Glassammler an: „Woher sind Sie?“

„Aus Aveyron.“

„Ei, da sind wir ja Landsleute. Sie haben eine schöne Stimme.“

„Ist das Ihr Ernst?“

„Ja. Kommen Sie morgen Abend zu mir; hier ist meine Adresse.“

„Sehr gern. Soll ich meinen Wagen mitbringen?“

„Ich wüßte nicht, wozu.“

Am andern Abend klingelte der junge Mensch zwischen acht und neun Uhr an der Thür des Deputirten. Derselbe hatte einige Freunde, lauter Musikdilettanten, eingeladen.

„Nun, – mein Freund,“ sagte er zu dem Glasscherbensammler, „jetzt singe uns einmal irgend ein kleines Lied.“

„Ich! Sie haben mich zum Narren, ich singe nicht.“

„Lieber Freund, ein Deputirter hat Niemanden zum Narren. Mit einer solchen Stimme müssen Sie doch singen können!“

„Wahrhaftig nicht.“

„Wie, Sie können nicht einmal das berühmte Lied: ‚Nichts ist heilig für einen Sapeur‘? oder das: ‚Beim Mondenschein‘?“ „Nein.“

Alle Anwesenden lächelten. Sie sprachen damit die Ueberzeugung aus, daß ihr Wirth, der Musikenthusiast, sich getäuscht habe und in seiner Einbildung wieder einmal zu weit gegangen sei.

„Nein,“ sagte derselbe, „so leicht lasse ich mich nicht werfen. Jetzt lassen Sie einmal Ihren Ruf hören wie gewöhnlich.“

Die Fensterscheiben zitterten, als der junge Mensch aus voller Kehle rief: „Wer hat zerbrochene Flaschen?“

Die ganze Gesellschaft war überrascht von der Frische und Stärke seiner Stimme, man rief sogar: „da capo!“

Der Abgeordnete sprach, ganz erfreut über diesen Erfolg: „Junger Mann, ich werde Ihnen einen Gesanglehrer geben. Lernen Sie irgend ein Lied, geben Sie sich aber ordentlich Mühe, und nach Verlauf von vier Wochen, wenn Sie das Lied ordentlich auswendig können, gehen Sie mit sammt Ihrem Wagen in die Rue St. George Nr. 24. Dort vor der Hausthür schreien Sie, so laut Sie können: ‚Zerbrochene Flaschen!‘ und hernach fangen Sie Ihr Lied an und singen es recht gut.“

Dies Programm wurde wörtlich befolgt. Der Glassammler stellte sich ganz gut zum Singen an; eines schönen Morgens hielt er mit seinem Wagen vor dem bezeichneten Hause und begann, nachdem er seinen Ruf sehr energisch ausgestoßen, mit heller Tenorstimme das eingelernte Lied.

Nach dem ersten Vers öffnete sich ein Fenster im ersten Stock; nach dem zweiten Vers zeigte sich oben der kleine, feine Kopf eines Greises und eine Hand winkte den Sänger herauf.

Er folgte dem Wink und erzählte dem alten Herrn oben auf sein Befragen Alles, wie es zugegangen.

„Gut gespielt!“ sagte Auber lachend.

Der junge Mensch befindet sich gegenwärtig im Conservatorium, wo er lernt, mit seinem Gesang keine Fensterscheiben mehr zu zerbrechen und sich überhaupt des Verkehrs mit zerbrochenem Glase zu überheben, nebst noch manchem Anderen.

Vielleicht hört man künftigen Winter den an Auber adressirten Zögling in den Pariser Salons in elegantester Toilette seine Lieder vortragen und hierauf in der großen Oper debutiren.