Auf der Eisenbahn

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Textdaten
Autor: Friedrich Gerstäcker
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Titel: Auf der Eisenbahn
Untertitel:
aus: Berthold Auerbach’s deutscher Volks-Kalender auf das Jahr 1865. S. 107–118
Herausgeber: Berthold Auerbach
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: MDZ München und Commons
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[107]
Auf der Eisenbahn.
Humoristische Erzählung
von
Friedrich Gerstäcker.
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Wie ganz anders reisen wir jetzt, als früher; was für ein Drängen und Treiben ist das, in dieser vollkommen neuen Welt des Dampfes und der Elektrographen. Wie schnell fliegen wir, wie schnell fliegt die Zeit – und wie langsam gehen doch noch so viele Menschen in ihrem alten, ausgetretenen Gleis neben der Eisenbahn her, ja hielten uns wohl gern noch auf, um mit ihnen in Einem Tempo zu bleiben, denn jeder rasche Fortschritt ist ihnen zuwider. Aber eben so machtlos griffen sie in die Speichen der Zeit, wie in die Dampfräder des Fortschritts, und wir fliegen keck und freudig an ihnen vorbei, und lassen sie nachkeuchen.

[108] Die Fahrt mit dem Dampfwagen ist freilich nicht mehr so gemüthlich, wie die frühere alte Postfahrt. In unserer praktischen Zeit hat die Gemüthlichkeit überhaupt erstaunlich abgenommen. Jetzt regiert der Eigennutz in der Welt, und wer einen Eckplatz im Coupé bekommen kann, lehnt sich behaglich hinein, streckt die Beine vor sich hin, und kümmert sich nicht um den Nachbar.

Das ganze Reisen ist auch ein anderes geworden. Früher gehörte ein Entschluß dazu, den alten Wohnsitz zu verlassen, um irgend einen entfernten Ort zu erreichen. Vor allen Dingen mußte man sich einen Paß mit genauer Personalbeschreibung verschaffen – Tagelang vorher eingeschrieben sein, um nicht in einem lästerlichen Beiwagen befördert zu werden – und dann die Abschiedsvisiten. – Jetzt dagegen trägt man die Paßkarte fix und fertig in der Tasche – oder braucht sie auch nicht einmal, und ist aus irgend einem entfernten Theil Deutschlands zurückgekehrt, ehe nur irgend ein Mensch eine Ahnung hatte, daß man überhaupt fortgewesen.

Die Reisenden selber verband früher auch schon der gemeinsame Entschluß – die lange Fahrt mit einander. Wo zum ersten Mal Mittag gemacht wurde, saßen die „Passagiere“ von den „Gästen“ des Orts getrennt, im „Passagierzimmer“ allein und abgeschieden, oder im Gastzimmer an einem besonderen Theile des Tisches. Abends kehrten sie zusammen ein; Morgens tranken sie gemeinschaftlich Kaffee, und hatten im Postwagen wieder ein gemeinsames Leiden zu besprechen, das sie enger verband: die Klage über das letzte Nachtquartier.

Wie hat sich das in unserer Zeit geändert. Jetzt werden wir mit einer Anzahl von Personen zusammengeworfen, die uns nicht interessiren können, da sie vielleicht schon auf der nächsten Station aussteigen – selbst das wohin bleibt sich gleich, da sie uns wahrscheinlich nie im Leben mehr begegnen. „Reisegefährten“ – das Wort existirt gar nicht mehr; man grüßt sich höchstens, wechselt vielleicht ein paar Worte mitsammen, und kennt sich nicht mehr, sobald man aussteigt, trotzdem man vielleicht eine Strecke gemeinschaftlich zurückgelegt hat, die unter früheren Verhältnissen eine feste und dauernde Freundschaft begründet hätte.

Das macht der Dampf: die Concentration der Zeit, wie man es nennen könnte, mit der wir in ein Coupé erst zusammengepreßt, und dann wieder gewaltsam auseinander geschnellt werden. Wer kann sich dabei gemüthlich fühlen? Wo ist die beschauliche Ruhe beim Reisen geblieben, mit welcher der „Schwager“ vor der Abfahrt ein paar Stücke auf seinem Horn [109] blies und das durch Verspätung eingetretene Zurücklassen eines Passagiers ein Ereigniß gewesen wäre, von dem man auf der Strecke noch Monate lang gesprochen hätte. – Jetzt dagegen ein rasches Läuten, ein Pfiff, und fort geht der Zug, ein unglückseliges Menschenkind aber, das in diesem Augenblick noch vielleicht verzweifelnd aus dem Wartesaal stürzte, kann nur mit bestürztem Gesicht hinter dem Davonbrausenden drein sehen, wird noch dazu ausgelacht, und ist von seinen früheren Mitpassagieren im nächsten Augenblick vergessen.

Und wie oft geschieht das. Der alte faule Schlendrian steckt da noch in einer Menge von Menschen, und kommen sie einmal hinaus in’s Leben, treten sie aus ihrer Studirstube oder Werkstatt in’s Freie, so hält es ungemein schwer, ihnen begreiflich zu machen, daß die übrige Welt nicht auf sie wartet oder ihretwegen da ist – aber der Dampfwagen bringt’s fertig.

Und was für wunderliche Leute führt er zusammen.

Es war im August vorigen Jahres, daß ich mit dem Schnellzug von Leipzig nach Coburg über Eisenach fuhr, und zwar die ersten Stationen mit einem Fremden allein im Coupé, der sich trotz der warmen Witterung in einen ziemlich dicken Mantel gehüllt, und seine Reisemütze fast bis über die Ohren gezogen hatte. Vom Gesicht war dabei nur sehr wenig frei, und das Wenige selbst ununterbrochen in eine dichte Wolke von Cigarrendampf gehüllt.

Da ich selber unterwegs nur höchst ungern spreche und nie selber eine Unterhaltung anknüpfe, mein zeitweiliger Reisegefährte aber die nämliche Neigung zu stiller Selbstbeschauung zu haben schien, so nahmen wir in verschiedenen, und zwar gerade den entgegengesetzten Ecken des Coupés Platz und qualmten um die Wette.

In Naumburg bekamen wir einen Mitgenossen, der aber, während er sich dem Dicken gegenübersetzte, ganz das Gegentheil von diesem zu sein schien.

Es war ein dünnes, kleines Männchen, nicht älter vielleicht wie dreißig Jahr, aber seinem Gegenüber ordentlich wie zum Trotz ganz in Nanking gekleidet, ja hatte noch dazu seine Weste aufgeknöpft, und ging dadurch auch sogleich zu Feindseligkeiten über, daß er das bis jetzt fest verschlossene Fenster, ehe es der Dicke verhindern konnte, herunter ließ.

„Bitte, es zieht,“ sagte dieser – es war das erste Wort, was er bis jetzt gesprochen hatte – und beiläufig gesagt auch das letzte, das ich von ihm hörte, aber selbst das nutzlos.

[110] „Nichts geht über frische Luft“ – sagte der Kleine in Nanking – „Sie haben ja hier einen Qualm, daß man ersticken möchte.“

Er suchte jetzt auch, wie sich der Zug kaum wieder in Bewegung setzte, ein Gespräch mit Einem von uns Beiden anzuknüpfen, aber es mißlang ihm gänzlich. Eine nicht wegzuleugnende meteorologische Beobachtung über „schönes Wetter“ wurde todt geschwiegen – eine Frage wohin die Reise gehe, an den Dicken, fand keine Antwort; ich selber that als ob ich schliefe, und so rasselten wir selbander an Kösen, Sulza und Apolda vorüber nach Weimar.

Der kleine Mann war dabei völlig rastlos; unaufhörlich sah er bald nach seiner Uhr, bald nach dem Fahrplan, den er schon ganz zerknittert hatte; bald holte er ein Buch heraus zum Lesen, steckte es aber augenblicklich wieder ein. Jetzt nahm er eine Prise – die er auch dem Dicken anbot, der aber nur mit dem Kopf schüttelte, jetzt zog er sich den Schuh aus und ließ einen kleinen Stein heraus; kurz er saß keinen Augenblick still. Wo auch der Zug hielt, ließ er sich öffnen, und schoß eine Weile auf dem Perron herum.

Er suchte Jemand, aber nicht etwa einen Bekannten, sondern nur ein menschliches Wesen, mit dem er sich unterhalten konnte, ja in letzter Verzweiflung griff er sich sogar den Schaffner auf, der aber nur so lange bei ihm aushielt, als er Zeit gebrauchte seine Dose zu öffnen und ihm eine Prise anzubieten.

Endlich in Weimar fand er das Gesuchte. Dort stieg ein etwas sehr ausgetrockneter Herr mit einer Brille auf, in jeder Hand einen Reisesack tragend und von seiner Frau, einer kleinen lebendigen Brünette gefolgt, in das Coupé. Ein Dienstmädchen das sie begleitet hatte, reichte noch einen großen Tragkorb voll Hutschachteln, Sitzkissen, Vorrathskörben und Regenschirmen, wobei sie die Dame Frau Professorin nannte, in den Wagen, wünschte glückliche Reise und zog sich dann in die Arme eines mittelstaatlichen Artilleristen zurück, der diesen Moment mit großem Takt in der Entfernung abgewartet hatte.

Der Professor suchte indessen, wie der Zug abpfiff – der Kleine in Nanking hatte eben noch Zeit gehabt, wieder in das Coupé zu springen – seine Brille, und als er diese gefunden hatte, seine Cigarrentasche, die sich endlich in dem Arbeitsbeutel seiner Gemahlin fand. Hiernach vermißte er aber plötzlich seinen Secretairschlüssel – der mußte daheim auf dem Tisch liegen geblieben sein, und er schien einen Moment nicht übel Lust zu haben, [111] dem Zug ein Halt zuzurufen. – Seine Cigarrenspitze hatte er ebenfalls „in der Eile“ zu Haus liegen lassen, kurz, im Laufe der Unterhaltung, an welcher der Kleine in Nanking jetzt den lebendigsten Antheil nahm, stellte sich heraus, daß noch eine ganze Menge von Dingen vergessen zu besorgen oder zurückgelassen waren und es bedurfte einiger Zeit, bis sich die beiden Ehegatten soweit beruhigten, das Unvermeidliche eben zu ertragen. Es war einmal geschehen und nicht mehr zu ändern.

Wir erfuhren jetzt auch in unglaublicher Geschwindigkeit, daß der kleine Mann in Nanking bis nach Fröttstedt wollte, wo ihn seine Braut mit ihren Eltern, die aus Eisenach gekommen waren, schon erwarteten, um von da an die Pferdebahn nach Waltershausen zu benutzen und dann zu Fuß nach Reinhardsbrunn und dem Inselberge zu gehen. Er war ein Angestellter aus Naumburg, hatte aber auf zwei Tage Urlaub bekommen und gedachte diese kurze Zeit mit einer Parforcetour durch den Thüringer Wald an der Seite der Geliebten auszufüllen.

Der Professor mit seiner Frau dagegen – denn auch das wurde uns nicht vorenthalten – gedachten nur diesen einen Tag von zu Haus wegzubleiben, da die Kinder und dringende Arbeiten und Geschäfte eine längere Erholungsreise nicht gestatteten. Das Ehepaar wollte nur nach Eisenach, dort die Wartburg besuchen, in irgend einer romantischen Schlucht ihr Mittagsmahl verzehren, und dann mit dem Abendzug wieder nach Weimar zurückkehren.

Der Mensch denkt und Gott lenkt.

In der Unterhaltung hatte uns die Frau Professorin ebenfalls damit bekannt gemacht, daß sie eine Schwester in Erfurt habe, die sich ihnen möglicher Weise auf ihrem Vergnügungsausflug anschließen wolle – jedenfalls würde sie am Bahnhof sein, um sie zu begrüßen. In diesem Augenblick hielt der Zug in Erfurt. Der Schaffner öffnete die Thür.

Erfurt – vier Minuten Aufenthalt!

Der Kleine schoß wie der Blitz zur Thür hinaus; es war eine ordentlich peinliche Unruhe in dem Menschen – und die Frau Professorin sah sich indessen nach ihrer Schwester um; in dem Gedränge am Zug konnte sie dieselbe aber nirgend erkennen, und da sie entfernter – wie sie ihrem Gatten zurief – einen blauen Hut zu entdecken glaubte, trat sie hinaus, um die Ersehnte zu finden.

Der Professor zeigte dabei nur geringe Theilnahme an dem Familienglied, sondern suchte wieder seine Brille, die er sich, wie er uns mittheilte, [112] genau erinnerte beim Einsteigen gehabt zu haben, und die jetzt wie in den Boden hinein verschwunden schien. Er kniete nieder und suchte – in der verweiflungsvollen Möglichkeit, daß sie unter die Füße gekommen sei, unter den Sitzen, griff hinter in die Polster, öffnete die Arbeitstasche seiner Frau und schien untröstlich über den Verlust. Er hörte dabei gar nicht wie es läutete und kam erst wieder mit der Außenwelt in Berührung, als er die vermißte endlich in der Cigarrentasche entdeckte, in die er sie in Gedanken, wie in ein Futteral, hineingeschoben hatte. Zu gleicher Zeit fuhr aber auch der Kleine in Nanking in das Coupé, das unmittelbar hinter ihm geschlossen wurde und draußen pfiff es.

„Wo ist denn Ihre Frau Gemahlin?“ sagte der Naumburger erstaunt.

„Herr Gott, meine Frau!“ rief der Professor, und stürzte an diesem vorbei nach dem Fenster, das der Dicke schon hartnäckig wieder aufgezogen hatte. – Der Zug setzte sich langsam in Bewegung, in zitternder Hast ließ der unglückliche Gatte das Fenster nieder und fuhr mit dem Kopfe hinaus.

Draußen war noch eine Thür geöffnet, der Schaffner stand dort und neben ihm die Frau Professorin, in athemloser Hast.

„Das ist nicht mein Coupé!“ rief sie.

„Steigen Sie nur hier ein,“ drängte der Schaffner.

„Elise!“ rief in diesem Augenblick der Gatte, und „dahinein gehör’ ich!“ antwortete jubelnd die Frau und flog auf dem Perron herunter, uns entgegen. – Aber hier war keine Thür mehr geöffnet und der Zug im Gang. Der Schaffner konnte nichts weiter thun, und „machen Sie auf! machen Sie auf!“ schrie die Frau draußen und griff krampfhaft nach dem Schloß. Die Thür öffnete sich aber natürlich nicht, da sie nach unten von dem eisernen Vorleger gehalten wurde, und dortstehende Bahnbeamte sprangen außerdem gleich dazwischen, denn die geängstigte Frau hätte sonst verunglücken können. An Einsteigen war gar kein Gedanke mehr.

„Da drinnen sitzt mein Mann! Ich muß mit!“ Das war das letzte, was wir von der Frau Professorin hörten, und der Professor, der den Kopf aus dem Wagen steckte und seine Frau mit den Augen suchte, bis der Zug unter den Festungstunnel schoß und er erschreckt zurückprallte, sank jetzt auf den Sitz am Fenster zurück und jammerte –

„Ja Du mein Gott, was soll jetzt werden!“

Der Kleine in Nanking tröstete ihn. Von der nächsten Station aus konnte er zurücktelegraphiren, daß ihm seine Frau mit dem bald nachkommenden Güterzug folge. Um fünf oder halb sechs waren sie dann immer [113] wieder in Eisenach beisammen und es blieb ihnen an dem langen Sommerabend noch übrig Zeit zu einer recht hübschen Partie nach der Wartburg.

Der Professor griff dabei wie unwillkürlich an seine Westentasche und sagte:

„Wenn sie nur nachkommt – sie hat die Kasse.“

Es ließ sich aber vor der Hand wirklich nichts Anderes thun, und in Dietendorf hielt der Zug kaum, als der Professor schon nach dem Schaffner schrie, um die Thür geöffnet zu bekommen.

„Machen Sie rasch, es geht gleich wieder fort!“ rief ihm dieser nach, aber der Professor hörte schon nicht mehr und sprang in flüchtigen Sätzen in das Telegraphenbüreau.

Hier stieg, während der Kleine in Nanking auf dem Perron lustwandelte, ein anderer Passagier ein, der sich dem Dicken gegenübersetzte und den Bahnzug nur als Droschke zu benutzen schien. Er war nicht allein sehr anständig, sondern auch sehr sorgfältig gekleidet in schwarzem Frack und eben solchen Beinkleidern, seidener Weste und tadellos geknotetem weißen Halstuch. Ueberhaupt hatte er in seinem ganzen Wesen etwas Aengstliches und peinlich Ordentliches, das nirgends weniger hinpaßt, als in ein Eisenbahncoupé.

Als er einstieg und schüchtern grüßte, nahm er seinen zu einem Spiegel geglätteten Hut ab und setzte ihn vorsichtig neben sich hin, nahm ihn aber augenblicklich wieder in die Höhe, strich mit einer kleinen Taschenbürste die etwa verschobenen Haare sauber glatt, und setzte ihn wieder auf. Er schien sogar die entschiedene Absicht zu haben, ein paar fleckenlos neue weiße Glacéhandschuhe anzuziehen, besann sich aber doch noch bei Zeiten eines Besseren, wickelte sie wieder zusammen und schob sie in die Tasche zurück.

Einen blauseidenen Regenschirm, obgleich keine Wolke am Himmel stand, hatte er neben sich auf den Sitz gelegt. Da schlug die Glocke wieder scharf dreimal an, und mit dem letzten Schlag saß der in Nanking im Coupé und auf dem blauen Regenschirm, von dem er aber, sich entschuldigend, wieder in die Höhe schnellte. Die Thür war geschlossen.

„Herr Jesus! ist denn der Professor noch nicht da?“ rief er. „Heh Schaffner! es fehlt noch eine Person.“

Ein Pfiff antwortete ihm und fort rollte der Zug. Wir hörten noch etwas rufen, sahen wie die weiter vorwärts am Perron stehenden Leute lachten – und nichts mehr. Der Professor hatte sich subtrahirt.

„Na das ist göttlich!“ rief der Kleine in Nanking – „jetzt will der [114] gute Herr eine Vergnügungstour mit seiner Frau machen, und hat in der ersten Stunde sich, seine Gattin und sein Gepäck auf drei verschiedenen Stationen. Na wie die sich wieder zusammen finden wollen, ist mir auch ein Räthsel.“

„Hat Jemand den Zug versäumt?“ frug der Herr im schwarzen Frack, indem er seinen etwas zerdrückten Regenschirm vornahm, wieder halb öffnete, schloß, glättete und dann hinter sich legte.

„Nun natürlich,“ lautete die Antwort – „ein Professor von Weimar – was fangen wir jetzt mit den Sachen an?“

„Wir kommen um halb drei Uhr nach Gotha,“ sagte der Ordentliche im schwarzen Frack – „und um drei Viertel auf drei Uhr trifft der Schnellzug von Eisenach in Gotha ein. Wenn Sie die Sachen nach Dietendorf zurückschickten, hätte sie der Herr in einer Stunde wieder.“

„Hm, ja – das ginge – aber er will ja eigentlich nach Eisenach, und wenn sie sich nachher wieder versäumen – oder gar nicht wissen, daß das Gepäck zurückkommt.“

„Man könnte ja von Gotha aus telegraphiren,“ meinte der Ordentliche.

„Hm – ja – wohin gehen Sie?“

„Nach Gotha –“

„Wollten Sie dann die Güte haben und das Gepäck da irgend einem Bahnbeamten übergeben?“

„Ich werde sehr bedauern müssen, keine Zeit zu haben,“ sagte der Ordentliche verlegen – „ich bin zu einer – ich muß sehr pünktlich sein, denn ich bin bis halb drei Uhr hinbestellt, und wir haben uns schon von Dietendorf aus um“ – er sah nach seiner Uhr – „um sieben Minuten verspätet –“

„Gut, dann thu’ ich’s,“ sagte der kleine gutmüthige Mann entschieden. „So viel Zeit bleibt in Gotha, und ich versäume den Zug nicht.“

Dabei zog er seine Brieftasche heraus und formulirte – so gut es das Schaukeln des Eisenbahnwagens erlaubte – das Telegramm, um in Gotha nicht zu viel Zeit zu brauchen.

Das Gespräch war damit abgebrochen, und mich interessirte dabei besonders der Dicke, der bei den bisherigen Zwischenfällen auch noch durch keinen Blick die geringste Theilnahme verrathen, sondern immer nur still aber heftig vor sich hingequalmt hatte.

Jetzt stierte er durch den Rauch sein Gegenüber, den Ordentlichen an, [115] der sich aber nicht wohl unter dem Blick zu fühlen schien und wie verlegen allerlei kleine Beschäftigungen wieder vornahm.

Er holte eine kleine, mit einem Miniaturspiegel versehene Haarbürste heraus, suchte vorher, mit Hülfe des Spiegels, einen Blick auf seinen Cravattenknoten zu gewinnen – was aber vollständig erfolglos blieb, und ging dann zu den etwas widerspenstigen Haaren über, die sich aber, trotz allem Bürsten, auf dem Wirbel wie zu einer Art von Scalp-Locke emporsträuben wollten, mochte er sich noch so viel Mühe damit geben. Danach ging er wieder daran sich abzustäuben – vom Rockkragen nieder bis zu den glanzledernen Stiefeln. Sonderbarer Weise hatte gerade ihm, vor allen Anderen, ein tückisches Schicksal – oder vielleicht eine Schwalbe – den Rockkragen verunreinigt, aber trotz allem Bürsten berührte er nie den Fleck, während der ihm gegenübersitzende Dicke seinen Blick – ohne jedoch eine Sylbe zu äußern – immer hartnäckig auf den Punkt gerichtet hielt.

Er rauchte dabei ununterbrochen, und da er seine Cigarre nie abstrich, fiel die Asche ein paar Mal ab, rollte an seinem Mantel nieder und auf die Knie des Ordentlichen, den er dadurch, ohne sich je zu entschuldigen, in steter Beschäftigung und Aufregung hielt. Es hatte dem unglücklichen Menschen nämlich nicht entgehen können, daß ihm der so unheimlich Eingehüllte stets auf den Rockkragen stierte, und mit der Ahnung, daß dort etwas nicht in Ordnung sei, besaß er doch zu viel Schüchternheit, um sich danach zu erkundigen.

Der Mann war offenbar zu einer Audienz befohlen oder machte eine Visite, um irgend eine Anstellung zu bekommen – jedenfalls hatte er Angst vor der nächsten Stunde.

Jetzt pfiff die Locomotive wieder.

„Gotha,“ sagte der Ordentliche, als er aus dem rechten Fenster sah und dabei in einem halben Seufzer stecken blieb. Der schreckliche Mensch ihm gegenüber sah ihm noch immer unverwandt auf den Rockkragen, und er hätte gern noch einen letzten Versuch mit dem Spiegel gemacht, aber – es war zu spät. Eben rollte der Zug vor das Stationsgebäude – hilf Himmel! die Uhr zeigte auf acht Minuten über halb drei – und mit einem raschen „Empfehle mich Ihnen ergebenst!“ flog der Unglückliche zum Wagen hinaus und seinem Schicksal entgegen.

Der in Nanking verrichtete indessen sein Liebeswerk. Einem der Beamten, von denen mehrere auf dem Perron standen, übergab er rasch die zahlreichen, dem unglücklichen Professorpaar zugehörenden Gegenstände, und glitt [116] dann wie eine Eidechse in das Telegraphenbureau hinein, um die Depesche nach Dietendorf aufzugeben. –

Und wenig genug Zeit wurde ihm dazu gelassen, denn gleich darauf läutete es schon wieder zur Abfahrt. Der Zug hatte acht Minuten versäumt und die mußten wohl oder übel wieder eingebracht werden.

Sollte sich auch der Mann in Nanking auf diesem verhängnißvollen Zug – nein – da kam er herausgeschossen, und setzte sich rasch auf den von dem Ordentlichen geräumten Platz, dem Dicken gegenüber. Kaum saß er, als der Schaffner die Thür, an der er das Fenster wieder heruntergelassen, zuschlug, dann auf den eisernen Gangweg stieg und, während sich der Zug in Bewegung setzte, sagte:

„Billets nach Fröttstedt, meine Herren.“

Es war noch ein junger Mensch mit einem kleinen Tornister eingestiegen, der eben dorthin und wahrscheinlich auch eine Vergnügungstour in den Thüringer Wald machen wollte. Die Beiden lieferten ihre Billette ab, der Schaffner verschwand draußen, um sich in sein eigenes Coupé an den Eisenstangen hinzufühlen, und der kleine Mann in Nanking sagte:

„Alle Wetter, das ging geschwind – die konnten mir da drin nicht so schnell herausgeben, und beinah hätt’ ich auch einen dummen Streich gemacht und den Zug versäumt. Na, das wär’ eine schöne Geschichte gewesen – Jemine, und die Schwiegereltern in Fröttstedt.“

Die einzige Antwort die er von dem Dicken bekam, war eine ausgestoßene Dampfwolke, die einem jungen Schornstein Ehre gemacht hätte. Der kleine lebendige Mann aber mußte sich, mit dem ersehnten Ziel dicht voraus, irgend Jemanden mittheilen, und da er keine andere fühlende Brust im Coupé fand, so wandte er sich an den Gymnasiasten, dem er, ebenso wie vorher der Frau Professorin, erzählte, wer ihn in Fröttstedt erwarte, und was für eine fidele Partie sie nachher machen wollten. In Reinhardsbrunn im Gasthof war auch schon das Essen genau auf die Stunde bestellt, ebenso ein Führer und Gepäckträger, kurz Alles auf das Genaueste und Pünktlichste geordnet. Es gereichte ihm dabei zu großer Befriedigung, als er von dem Gymnasiasten erfuhr, daß die Pferdebahn auch direkt abgehen würde, denn der von Eisenach kommende Schnellzug treffe unmittelbar nach ihnen in Fröttstedt ein.

In dem Augenblick pfiff es wieder. Der Kleine horchte auf und sah aus seinem Fenster an der rechten Seite, konnte aber dahinaus Nichts erkennen. In dem Augenblick bremste der Zug ein.

[117] „Halten wir denn noch einmal zwischen Gotha und Fröttstedt?“

„O bewahre,“ sagte der Gymnasiast – das ist Fröttstedt.“

„Station Fröttstedt!“ rief in dem Moment der Schaffner und riß die Thür auf – „rasch, wer hier aussteigt, es geht gleich weiter.“

„Herr Gott, mein Rock ist eingeklemmt!“ stöhnte der kleine Mann, während der leichtfüßige Gymnasiast aus der Thür sprang und riß dabei an seinem Nanking-Röckchen, das allerdings ganz fest und sicher von der Thür neben der er bis jetzt gesessen, gefaßt war, so daß er vergebens suchte den gehaltenen Zipfel mit Gewalt herauszuziehen.

„Ab!“ commandirte draußen der Oberschaffner.

„Schaffner! Herr Schaffner!“ schrie der Kleine in Todesangst, „machen Sie einmal hier die Thür auf.“

„Aber Donnerwetter, hier steigen Sie ja aus! Machen Sie doch, daß Sie herauskommen.“

„Ich kann ja nicht! ich sitze ja fest – machen Sie doch diese Thür auf.“

„Ja das kann ich nicht!“ rief der Unerbittliche und schlug die Thür zu – wieder der ominöse Pfiff und die Wagen thaten einen Ruck.

„Ich muß hinaus!“ schrie aber der Kleine und suchte in der Tasche nach seinem Messer – in drei Taschen fand er es nicht – in der vierten stak es – der Zug kam in Bewegung – mit zitternder Hand hatte er es geöffnet – ritsch – ratsch schnitt er erbarmungslos den Nanking durch, um lieber mit dem verunstalteten Kleidungsstück als gar nicht vor seiner Braut zu erscheinen – und stürzte nach der Thür.

Zu spät! Unglückseliges Wort.

„Julie – Herr Oberbaurath!“ schrie er verzweiflungsvoll aus dem Wagen hinaus.

„Aber Herr Assessor, wo wollen Sie denn hin?“ Unten auf dem Perron stand die ganze Gesellschaft im Festanzug und sah dem unglücklichen Bräutigam nach, den ihnen ein höhnisches Geschick kaum gezeigt, wieder entführte.

„Halt! ich muß hinaus!“ schrie in einem letzten Akt der Verzweiflung der unglückselige Assessor in Nanking. – Armer Mann, weshalb machtest Du eine Vergnügungstour in einem Schnellzug, der weder Zögern noch Erbarmen, sondern nur Stunden und Minuten kennt. – – Acht Minuten versäumt – wie könnte die ein brechendes Assessorenherz aufwiegen. Vorwärts braust der Zug – ein starker schriller Pfiff – draußen vorbei fliegt [118] mit betäubendem Rasseln der andere Schnellzug, der, von Eisenach kommend, in wenigen Secunden fest in Fröttstedt hält – was hilft es ihm – er kann nicht hinüber – vorbei – und weiter, wie auf Sturmesfittigen getragen, und hier von der bedeutenden Senkung noch begünstigt, donnert der schnaubende Koloß thalab.

Der kleine Mann sank wie vernichtet auf den Sitz mir gegenüber, und ich suchte ihn jetzt damit zu trösten, daß auch er ja mit dem nächsten Güterzug nach Fröttstedt zurück könne.

„Ach du lieber Gott,“ klagte er aber – „der kommt ja erst 5 Uhr 46 Minuten und erst Abends spät geht die Pferdebahn wieder nach Waltershausen.“

Es war nichts dabei zu machen, und bis Eisenach wurde kein Wort weiter zwischen uns gewechselt. Wenn es aber einen Superlativ im Schweigen geben könnte, so leistete den der Dicke, der während der ganzen vorbeschriebenen Scene nicht einmal den Kopf dahin gedreht, ja mit keiner Wimper gezuckt hatte. Wie aus Stein gehauen saß er da, und nur der Dampf verrieth, daß noch innere Wärme in ihm lebte.

In Eisenach, wo ich ebenfalls ausstieg um die Werrabahn zu benutzen, hatte der Kleine noch einige Schwierigkeiten, bis er sein eingeklemmtes Stück Nanking aus der gegenüber befindlichen Thür bekommen konnte, und er mußte einem der Wagenschmierer ein gut Wort geben, daß er die Thüre von der andern Seite öffnete. Als ich ihn zuletzt sah, stand er wehmüthig auf dem Perron, hielt das heimtückische Stück Zeug in der Hand und sah nach der Uhr hinauf, die funfzehn Minuten nach drei zeigte.