Aus dem Leben des Nilpferdes

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Autor: Dr. A. E. Brehm
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Titel: Aus dem Leben des Nilpferdes
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aus: Die Gartenlaube, Heft 47 und 48, S. 680–682 und 701–703
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Aus dem Leben des Nilpferdes.
Von Dr. A. E. Brehm.


Unter den Schaugegenständen, welche die letzte Michaelismesse in Leipzig vereinigt hatte, fesselten mit vollem Rechte zwei junge lebende Nilpferde die allgemeine Aufmerksamkeit, wenn sie auch nicht alle Zeitungen beschäftigten, wie vor wenig Jahren das erste lebende Thier dieser Art, welches seit der Römer Zeiten nach Europa gebracht worden war. Ich glaube aber, daß die beiden Urweltsthiere von Niemandem mit größerer Theilnahme betrachtet worden sind, als von mir; denn ich habe in ihnen wieder einmal alte gute Bekannte aus Afrika wie liebe Freunde begrüßt, obgleich ich nicht gerade sagen kann, daß ich von ihnen in Afrika besonders freundschaftlich behandelt worden wäre. Jedoch die Erinnerung, welche durch sie wieder aufgefrischt wurde, brachte mir so viele freundliche Bilder mit, daß ich ihnen die Unbilden gern verzieh, welche mir andere ihrer Art zugefügt hatten, und mich mit ihnen so vertraut machte, als es möglich war. –

Vor allen übrigen Erdtheilen scheint besonders Afrika berufen zu sein, unseren Tagen Thiergestalten aus der märchenhaften Vorzeit in lebendigen Bildern vorzuführen. Aber man muß jetzt schon ziemlich weit in sein Inneres eindringen, ehe man ihnen, den Zurückgelassenen oder Uebriggebliebenen früherer Schöpfungstage, begegnet. Auch die recht eigentlichen Kinder des heiligen Stromes der Nordhälfte Afrikas haben sich aus dessen unterem Laufe entfernt und sind mehr den Quellenländern zugezogen. In Egypten leben nur noch wenige Krokodile in Angst und Sorge, daß die tödtende Kugel für sie wohl bereits gegossen sein könnte; und Ibis, der Bote des göttlichen Niles, hat sich gegenwärtig bis nach dem Sudahn zurückgezogen. Nur der altberühmte Ichneumon führt noch heut zu Tage, selbst in Unteregypten, ein recht beschauliches Leben: er hat sich dem Zeitgeiste gefügt. Krokodileier gibt es nicht mehr auszuscharren; deshalb spürt jetzt das kluge Thier den Hühnereiern um so eifriger nach, – und arge Verleumder in seinen Augen, zu denen auch ich leider mich zählen muß, wollen behaupten, daß diese ihm gegenwärtig weit besser schmeckten, als die Krolodileier ihm früher geschmeckt haben sollten; denn es mag nicht gerade leicht gewesen sein für unsern edlen Ichneumen, dieselben unter den Augen einer Krokodilmutter, welche oft sehr ungemüthlich sein kann, auszuscharren. So ist an den Grenzrändern Nord-Afrikas von der alten Herrlichkeit nicht viel übriggeblieben; dringt man aber tiefer in’s Innere des „Räthseldreiecks der alten Welt“ ein, dann zeigt sich der Erdtheil noch heut zu Tage in seiner ganzen Eigenthümlichkeit. Die viertausend Jahre alten Hieroglyphenbilder der Tempel Egyptens werden lebendig. Pavian und Nilgans, Krokodil und Ibis, welche gegenwärtig in der Nähe der Tempel ganz oder fast ganz fehlen, leben in größter Behaglichkeit und Ruhe unter den sich gleichgebliebenen Menschen des Innern; aber zu ihnen treten auch jene phantastischen Thiere, welche wohl immer mehr oder weniger in einer gewissen Zurückgezogenheit gelebt haben, jene Uebriggebliebenen, wie Elephant, Nashorn und Nilpferd. Mit der Bildung und Gesittung des Menschen vertragen sie sich nicht; daher sind sie bereits aller Orten, wo dieser zur unbestrittenen Herrschaft gelangt ist, der furchtbaren Feuerwaffe erlegen; aber, dort, wo nur die Lanze oder der Bogen den Mann bewehrt, stehen sie ihm noch heute feindlich gegenüber.

Alle größeren Ströme des Innern Afrikas – nur Afrikas – beherbergen noch gegenwärtig das Nil- oder Flußpferd (Hippopotamus amphibus, Linné); der Nil ebensowohl wie der Gabon, der Zambese sowohl wie der Niger. In Nubien ist es bereits als ausgerottet zu betrachten; denn nur selten zeigt sich eines nördlich der Gebirgskette von Rhexri, welche als die Südgrenze des Sonnenlandes gilt. Anders ist es im Ostsudan. Der Stadt Charthum (am Zusammenflusse des weißen und blauen Nils gelegen) gegenüber liegt eine kleine baumreiche Insel im weißen Nile; auf ihr sah ich noch im Jahre 1851 das wohlbekannte Paar „Wasserbüffel“, welches alljährlich mit den steigenden Fluthen aus den Urwäldern des oberen Flusses herabkam, und habe manche Büchsenkugel vergeblich nach seinen Köpfen entsandt. Wenige Meilen oberhalb der „Hauptstadt der Hölle“ sieht man in den Schlammbänken der Stromufer häufigere Spuren dieses plumpesten aller Thiere, etwa zwei Fuß tiefe, baumstarke Löcher, zu beiden Seiten einer muldenartig eingedrückten Furche; – es sind Fährten des Nilpferdes, welche dieses zurückläßt, wenn es auf seinen nächtlichen Weidegängen dem Strome entsteigt, um nach einem Getreidefelde oder dem Walde zu wandern. Die Löcher rühren von den Beinen her, die Furche von dem auf dem Schlamm dahin geschleppten Bauche; denn bis zu ihm versinkt das Unthier im weichen, unnachgiebigen Boden. Bei der ungemein geringen Abflachung des Abiadt oder weißen Flusses, welcher in der Regenzeit hier und da gegen zwei Meilen weit über jedes seiner Ufer austritt [681] kann man jene Fährten nicht selten Viertelmeilen weit verfolgen. – An solchen Orten entdeckt man die Flußriesen sehr bald. In Zwischenräumen von drei, vier Minuten bemerkt man irgendwo einen dampfartigen Wasserstrahl, welcher sich etwa drei Fuß über die Wasserfläche erhebt, und vernimmt zugleich ein eigenthümliches Schnauben oder Brausen, vielleicht auch ein dumpfes, an das grollende Gebrüll eines Bullen erinnerndes Brummen. Dort ist soeben ein Nilpferd aufgetaucht, um Luft zu schöpfen; wenn man nah genug steht, kann man auch den ungeschlachten Kopf desselben wahrnehmen: eine formlose, rothe oder bräunlich rothe Masse, auf welcher man zwei Spitzen, die Ohren und vier Hügel, die Augen und Nasenlöcher, sieht. Mit einem größeren Schiffe darf

Die Gartenlaube (1859) b 681.jpg

Junge Nilpferde.
Nach der Natur gezeichnet von H. Leutemann.

man es dreist wagen, zu jenen Köpfen hinzufahren; denn das Thier scheut sich nicht vor der Barke, sondern glotzt sie, ungereizt, höchstens mit dummer Verwunderung an, ohne sich durch sie und die auf ihr befindlichen Menschen in seinem Auf- und Niedertauchen stören zu lassen.

Das Nilpferd ist, wie alle Dickhäuter (etwa mit Ausnahme des Nashorns) ein geselliges Thier und findet sich deshalb selten einzeln. Einmal sah ich bei Tage vier Stück auf einer Sandinsel sich ergehen, ein anderes Mal traf ich ihrer sechs in einem See, nahe am Ufer des blauen Flusses an. Größere Gesellschaften sah ich nicht; wohl aber berichten alle Reisende auf dem weißen Nil von Trupps, welche mindestens zehn Stück enthielten, und Richard fand im Niger, Livingstone im Zambese „zahlreiche Heerden“, ja sogar „eine unglaubliche Menge“ von Flußpferden. Der Wohnkreis einer Gesellschaft ist beschränkt, da er stets in der Nähe guter Futterplätze liegt: schon ein größerer Tümpel genügt einigen Flußpferden zu längerem Aufenthalte. In der Regenzeit scheinen sie jedoch größere Wanderungen zu unternehmen.

Bei Tage verläßt die Gesellschaft nur an ganz menschenleeren Orten das Wasser, um in der Nähe des Ufers, theils im seichten Wasser, theils auf dem Lande selbst, sich einem träumerischen Halbschlummer hinzugeben. Dabei grunzen die männlichen Thiere von Zeit zu Zeit, wie unsere Schweine es auch zu thun pflegen, wohl als Zeichen ihrer großen Behaglichkeit. Nur an Orten, an denen sie die ihnen von dem Menschen drohende Gefahr kennen lernten, achten sie auf das Treiben ihres Haupt-, ja alleinigen Feindes; in den West- und Ostländern Afrika’s kümmern sie sich aber nicht viel um ihn. Wenn der Ort zu solcher Mittagsruhe recht einladend ist, legen sie sich auch wohl geradezu auf die Seite, wiederum wie die Schweine es thun. Gegen Abend kommt Leben in die Gesellschaft. Das Grunzen der Männchen erstarkt zu einem Gebrüll, und die ganze Heerde taucht spielend auf und nieder im Strome; dann und wann beginnt sogar ein lustiges Jagen. Namentlich in der Nähe von Schiffen, scheinen sie sich dann gern zu zeigen; wenigstens bemerkte ich, daß sie unser Boot bei abendlichen Fahrten regelmäßig auf größere Strecken begleiteten. Sie schwimmen mit erstaunlicher Leichtigkeit in jeder Wassertiefe, tauchen auf und nieder, bewegen sich ruck- oder satzweise, wenden sich nach allen Seiten hin gewandt und schwimmen in gerader Richtung mit dem besten Ruderboot um die Wette. Die dicken Fettlagen, welche den Riesenleib des Thieres allseitig umgeben, müssen jedenfalls als Hauptursache angesehen werden, daß das specifische Gewicht des Nilpferdes dem des Wassers ganz oder ziemlich gleichkommt und dem ungefügen Vieh hierdurch die Leichtigkeit der Bewegungen im [682] Wasser möglich wird. Es gehört ein bedeutender Körperumfang dazu, so viel Wasser wegzudrängen, daß 15–20 Centner (!) Körpergewicht aufgehoben werden können; aber die Fettlagen unter der Haut des Nilpferdes sind auch so dick, daß sie allein gewiß hinreichen, die günstige Verminderung des bezüglichen Leibesgewichts zu bewerkstelligen. Ich habe bei ruhigem Schwimmen des Thieres niemals eine heftige Ruderbewegung desselben wahrnehmen können; das Wasser um das schwimmende Nilpferd bleibt vielmehr glatt und unbewegt. Gerade das Gegentheil findet statt, wenn sich das Thier wüthend auf einen Feind stürzt oder nach einem erhaltenen Schusse im Flusse herumtobt. Dann schnellt es die Hinterbeine überaus heftig zurück, schießt in förmlichen Sätzen vorwärts, und die Gewalt der Bewegung ist so groß, daß es, wie erwiesen, mittelgroße Schiffe emporheben oder zertrümmern kann.

In den pflanzenreichen, seeartigen Stellen des Abiadt verläßt das Nilpferd auch zur Nachtzeit das Strombett nicht oder nur höchst selten. Es frißt dann bei Tage und bei Nacht von den im Strome selbst wachsenden Pflanzen, wenn es eben hungrig ist. Wie das Zarte und Erhabene so oft dem Rohen und Gemeinen unterliegen muß, so auch hier: der durch die Sinnigkeit längst vergangener, schier vergessener Völker geheiligte, als Bild der Gottheit betrachtete Lotus, der herrliche, königliche Bruder unserer stilllieblichen Wasserrose, dient zur Hauptnahrung des Thieres; die Pflanze, deren Gestalt allein schon ein Gedicht und deren Blüthe von Farbe ätherisch ist, wie von Duft – wird von dem wüstesten, rohesten aller Säugethiere des Festlandes – – gefressen! So wird das freundliche Märchen der plumpen Alltagsweisheit zum Opfer!

Ein fressendes Nilpferd ist ein wahrhaft ekelhafter Anblick. Auf die Entfernung einer Zehntelmeile kann man das Aufreißen des Rachens mit bloßen Augen sehen; in einer Entfernung von etwa hundert Schritte nimmt man deutlich alle Bewegungen beim Fressen wahr. Der ungeschlachte Kopf verschwindet in der Tiefe und wühlt unter den Pflanzen herum, der sich auflösende Schlamm trübt das Wasser weit hin; dann erscheint das Vieh wieder mit einem Maul voll, bezüglich großen, dicken Bündel abgerissener Pflanzen, legt ihn auf die Oberfläche des Wassers und zerkaut und zermalmt ihn nun langsam. Zu beiden Seiten des Maules hängen die Ranken und Stengel der Gewächse lang heraus, und grünlicher Pflanzensaft läuft, mit Speichel untermischt, beständig über die wulstigen Lippen herab. Einzelne halb zerkaute Grasballen werden ausgestoßen und von Neuem verschlungen; die blöden Augen glotzen bewegungslos in’s Weite, und die fußlangen Stoß- und Eckzähne zeigen sich in ihrer ganzen Größe.

Jedenfalls sind diejenigen Orte der Ströme, welche dem Thiere im Strome selbst die Weide gewähren, ihm die liebsten von allen. In jener Inselflur des Abiadt, wo dieser bald zum stillklaren See, bald zum faulenden Sumpfe und bald wieder zum weiten Bruche mit paradiesischer Pflanzenpracht und aller Tücke solchen Reichthums wird, während er selbst nur hier und da als langsam dahinschleichender Fluß sich bekundet, leben Krokodile und Nilpferde zu Hunderten jahraus jahrein ausschließlich im Strombett, ohne sich um die Außenwelt zu bekümmern. Hier wird unser Thier zwischen dem uralten Papyrus, dem Lotos, dem flaumenleichten Ambak- oder Ambadjrohre, Neptunien, Wasserlilien und hundert anderen, uns zum allergeringsten Theile bekannten Pflanzen geboren und verlebt sein ganzes Leben im Strome.

Anders ist es in allen Gegenden, wo Steilufer die Flüsse begrenzen, z. B. im blauen Flusse oder Asrakh, dessen rascherer Lauf keine Seebildung gestattet. Hier muß es auf’s Land steigen, um zu weiden. Etwa eine Stunde nach Sonnenuntergang, dem in den Tropen bekanntlich fast zauberisch schnell die lichte, schöne Nacht folgt, entsteigt er mit größter Vorsicht lauschend und spähend dem Strome und klettert, so plump es auch ist, an den steilsten Uferpfaden hinan. Im Urwalde sieht man seine Wege überall, wo der Reichthum der Pflanzenwelt gute Weide verspricht; in der Nähe bewohnter Ortschaften richten sich die Pfade nach den Fruchtfeldern. Hier fällt es verheerend in diese ein; hier wird es, trotzdem es nur Pflanzen frißt, zum schädlichsten und gefährlichsten Thiere. Denn mit blinder Wuth stürzt es sich auf seinen nächtlichen Weidegängen auf alle sich bewegende Gestalten und vernichtet sie, wenn es dieselben erreicht. Die vier gewaltigen Eckzähne der Kiefern, von denen wenigstens die unteren bei ausgewachsenen Thieren eine Länge von mehr als zwei Fuß erreichen, sind anderen Thieren gegenüber furchtbare Waffen: mit ihnen zermalmt es selbst Rinder zu Brei. Wo Nilpferde hausen, werden die Heerden sorgsam bewacht; denn auch die harmlosesten Geschöpfe reizen das abscheuliche Vieh zu blindwüthendem Zorn. Rüppell berichtet, daß ein Nilpferd vier Zugochsen zermalmte, welche ruhig an einem Schöpfrade standen; ich selbst habe genug ähnliche Geschichten vernommen. Die Eingebornen erzählen, daß es mit dem Maule angreift und erst zu guter Letzt den Gegenstand seiner Wuth mit den Füßen zerstampft.

Der Mensch jener Länder ist dem Thiere gegenüber ziemlich machtlos, obgleich er immer der einzige gefährliche Gegner des Nilpferdes bleibt. Denn außer Blutegeln, Mücken und Eingeweidewürmern wird das Nilpferd von keinem Geschöpfe angegriffen, und alle so schön ausgedachte Kämpfe zwischen unserem Thiere und dem Krokodil müssen unerbittlich in das Reich der Fabel gewiesen werden. Noch einmal, der Mensch ist der einzige Gegner des Nilpferdes. Zur Zeit der Fruchtreife zünden die Dorfbewohner längs des Ufers Feuer an, um das gefräßige Ungeheuer von den Feldern abzuhalten, an einigen Orten unterhält man mit Trommeln einen beständigen Lärm während der Nacht, und gleichwohl sind die Nilpferde nicht selten so kühn, daß sie nur dann nach dem Flusse zurückkehren, wenn eine größere Menschenmenge schreiend oder trommelnd und mit Feuerbränden auf sie losstürmt. Leider ist gegen das Nilpferd ein Mittel, welches bei anderen Thieren regelmäßig von dem besten Erfolge gekrönt wird, nicht anwendbar, und die höllische Natur des Unthieres geht daraus recht deutlich hervor. Das Wort des Gottgesandten Mohammed – Allahs Frieden über ihn! – ist kräftig genug, selbst den Elephanten von allen Feldern abzuhalten, die es in Gestalt eines dort aufgehangenen Amuletes schirmt; das Nilpferd aber mißachtet auch das kräftigste wirksamste Amulet – und sei es selbst von dem Schëich el Ulema in Mekka geschrieben! So bleibt dem armen Gläubigen eben nur das Feuer übrig, um Höllisches mit Höllischen zu bannen.

Die weiblichen Nilpferde, welche ein Junges haben, nehmen dieses auf ihren Weidegängen mit auf das Land und sind dann doppelt gefährliche. Denn die für ihr Kind zärtlich besorgte Mutter sieht auch in dem unschuldigsten Kinde Gefahr und stürzt sich mit der furchtbarsten Wuth auf jeden Feind. Es scheint, daß das Junge lange Zeit von der Mutter geführt und geleitet wird, denn Livingstone sah junge Nilpferde nicht viel größer als Dachshunde, während ich niemals so kleine, sondern höchstens solche beobachtet habe, welche die Größe eines vollkommen ausgewachsenen Ebers hatten, der bedeutend größeren, welche noch immer mit der Alten gingen, nicht zu gedenken. Derselbe Reisende berichtet, daß das junge Nilpferd von der Mutter anfangs auf dem Halse und später auf dem Widerrist getragen werde; ich habe dies nie beobachtet, habe aber keinen Grund, an der Wahrheit des Livingstone’schen Berichtes zu zweifeln. Wir Beide stimmen darin vollständig mit einander überein, daß die Mutter ihr Junges zärtlich liebt; ja ich glaube behaupten zu können, daß sich auch der Vater seines Sprößlings schützend annimmt. Wenigstens sah ich fast immer um ein Junges zwei alte Nilpferde, unter denen die Mutter allerdings leicht zu erkennen war. Sie läßt ihr Kind keinen Augenblick aus den Augen und bewacht jede seiner Bewegungen mit mütterlicher Lust und zärtlichen Sorgen. Zuweilen spielt das ungefügige Thier ganz lustig mit seinem Liebling; da tauchen dann Beide scherzend auf und nieder und unterhalten sich mit Brummen. Es ist wahrscheinlich, daß das Junge im Wasser schwimmend saugt, denn ich bemerkte öfters, daß die Alte mit dem Kopfe über dem Wasser ruhig auf ein und derselben Stelle blieb, während das Junge beständig dicht neben ihr auf und nieder tauchte, jedenfalls um Athem zu holen. Uebrigens weiß man über Erzeugung und Geburt des Jungen, die Zeit der Trächtigkeit der Mutter und dergleichen noch gar nichts Sicheres.

Es ist nicht rathsam, sich einer Nilpferdmutter, wenn sie ihr Kind bei sich hat, zu nahen; denn sie greift auch bei Tage Schiffe und Menschen an, sobald sie Gefahr für ihr Junges wittert. Livingstone’s Kahn wurde von einem weiblichen Nilpferd, dessen Junges Tags vorher mit einem Sperre getödtet worden war, halb aus dem Wasser gehoben und dergestalt erschüttert, daß einer seiner Leute herausgeschleudert wurde, ohne daß die Mannschaft das Thier gereizt hätte. Und ich selbst habe das Necken alter Nilpferde und ihrer Jungen einmal schwer büßen müssen.

[701]
Begegnung mit Nilpferden.


Wir hatten unweit des linken Ufers des Asrakh einen Regenteich oder See aufgefunden, welcher vom Strome bei seiner Ueberschwemmung gefüllt worden und noch bei unserer Ankunft im Februar ziemlich wasserreich war. Außer einer Menge von Vögeln lebten in ihm auch Krokodile und mehrere Nilpferde mit ihren Jungen. Wahrscheinlich hatten letztere die kleinen und verhältnißmäßig niedlichen Jungen in ihm zur Welt gebracht; wenigstens schien mir der stille, ruhige, rings von Wäldern und an einer Seite sogar von Feldern eingefaßte See zu einem Wochenbette für Nilpferde wohl geeignet. Unsere Aufmerksamkeit und Jagdlust fesselten vorzüglich die herrlichen Schlangenhalsvögel, obgleich wir, um auf diese geschickten Taucher feuern zu können, oft bis an die Brust in das Wasser waten mußten, – trotz der Krokodile und Nilpferde, um welche wir uns heute gar nicht kümmerten. Mein Jäger Tomboldo, welcher die Jagd in Vater Adams Kleidung ausführte, hatte eben den vierten Schlangenhalsvogel glücklich durch den Hals geschossen – mehr als den Hals bekommt man von ihm über dem Wasser nicht zu sehen – und watete auf ihn zu, um ihn aufzufischen. Da schreit plötzlich vom andern Ufer her ein Sudahnese laut auf und winkt und gebehrdet sich wie toll; Tomboldo schaut sich um und sieht ein wuthschnaubendes Nilpferd mit mächtigen Sätzen auf sich losstürmen. Das Vieh hat bereits festen Grund unter den Füßen und jagt wie ein angeschossener Eber durch die Fluthen; der Nubier ergreift in Todesangst die Flucht und erreicht, bis zum Uferrande von seinem furchtbaren Feinde verfolgt, glücklich den Wald. Ich war mit meiner trefflichen, leider aber blos leichte Kugeln schießenden Büchse dem treuen, höchst brauchbaren Diener zu Hülfe geeilt und fand ihn im Gebet und stöhnend auf der Erde liegen:

„La il laha il Allah, Mahammed rassuhl Allah! – Es gibt nur einen Gott, und Mahammed ist sein Prophet! – Nur bei Allah, dem Starken, allein ist die Stärke; allein nur bei Gott dem Helfenden, ist die Hülfe! – Behüte, o Herr, deinen Gläubigen vor dem aus deinen Himmeln zur Hölle hinab gestürzten Teufeln! – Du Hund, du Hundesohn, Hundeenkel und Hundeurenkel, du von einem Hund Erzeugter und von einer Hündin Gesäugter – du willst einen Moslim fressen?! Verdamme dich der Allmächtige, und werfe er dich in das Innere der Hölle! – –“ Diese und ähnliche Stoßseufzer und Flüche entrangen sich seinen bebenden Lippen. Dann aber sprang er wüthend auf, lud eine Kugel in sein Gewehr und sandte sie dem Nilpferde nach, welches noch immer vor uns tobte und lärmte. Die Kugel tanzte lustig auf dem Wasser hin und – an dem Ungethüme vorüber.

„Bei dem Barte des Propheten, bei dem Haupte deines Vaters, Effendi,“ bat er mich, „sende Du dem nichtswürdigen Gottesleugner aus Deiner Büchse eine Kugel zu; – denn auch mein schöner Taucher ist ja verloren!“

Ich willfahrte seiner Bitte, schoß und hörte die Kugel auf den Schädel einschlagen. Das Nilpferd brüllte laut auf, tauchte einige Male unter und schwamm nach der Mitte des See’s zu, wie es schien, ohne durch den Schuß wesentlich gestört zu sein. Nur seine Wuth nahm von Stunde zu Stunde zu. Freilich ließ uns unsere Rachsucht fortan die hier und da erscheinenden Köpfe als Scheiben ansehen, nach denen wir, so oft es anging, eine Kugel entsendeten. Ich wußte aus Erfahrung, daß meine schwache Büchsenkugel selbst bei einer Entfernung von noch nicht vierzig Schritten kaum die Haut des Kopfes durchbohren konnte, wollte mir aber gleichwohl das Vergnügen nicht versagen, dem „Abgesandten der Hölle“ unsern Aerger fühlen zu lassen.

Auf unserer Rückreise kamen wir, wenige Tage nach diesem Vorfalle, wieder zu demselben See und trieben während der Jagd das Zielschießen nach den Nilpferdköpfen wie vorher. In das Wasser durften wir uns allerdings nicht mehr wagen; dafür aber schienen die Nilpferde auch das Land zu achten, und so herrschte jeder Gegner in seinem eigenen Kreise; wir auf dem Lande, die Nilpferde im Wasser. Nach einer sehr ergiebigen Jagd kehrten wir Nachmittags auf das Boot zurück, mit der Absicht, die Jagd am anderen Morgen fortzusetzen. Da wurden wir gegen Sonnenuntergang benachrichtigt, daß so eben eine zahlreiche Heerde von Pelikanen im See angekommen sei, um dort zu übernachten. Wir gingen deshalb nochmals zum See und begannen unsere Jagd auf die Vögel, welche im letzten Strahl der Sonne auf dem dunklen, hier und da vergoldeten Wasserspiegel wie große weiße Seerosen erschienen. In wenig Minuten hatte ich zwei Pelikane erlegt; Tomboldo jagte auf der andern Seite und feuerte ebenfalls lebhaft. Ihn erwartend, verweilte ich bis nach Sonnenuntergang auf meinem Stande; als er jedoch nicht erschien, trat ich mit meinem nubischen Begleiter und Beuteträger den Rückweg an. Unser Pfad führte durch ein Baumwollenfeld, welches bereits wieder vom Urwalde in Besitz genommen, gänzlich verwildert und arg von Dornenranken und anderen Stachelgewächsen durchzogen war. Froh unserer Beute und der schönen lauen Nacht nach dem heißen Tage, zogen wir unseres Weges dahin. Schon hatten wir fast das Ende des See’s erreicht, als mein Nubier plötzlich meinen Arm ergriff und mir leise zurief: „Effendi, schau, was ist das?“ Er deutete dabei auf drei dunkle, hügelartige Gegenstände, welche ich, so viel ich mich erinnerte, bei Tage nicht gesehen hatte; ich blieb stehen und blickte scharf nach ihnen hin, da bekam plötzlich der eine der Hügel Bewegung und Leben, – das nicht zu verkennende Wuthgebrüll des Nilpferdes tönte uns grauenvoll nahe in die Ohren und belehrte uns vollständig über den Irrthum, seinen Urheber für einen Erdhaufen gehalten zu haben – denn in Sätzen stürzte sich derselbe auf uns zu. Weg warf der Nubier Büchse und Beute; – „hauen âleïhna ja rabbi!“ – „Hilf uns, o Herr des Himmels,“ rief er schaudernd, „flieh, Effendi, bei der Gnade des Allmächtigen – sonst sind wir verloren!“ Und verschwunden war die dunkle Gestalt im Gebüsch; ich aber wurde mir bewußt, daß ich in meiner lichten Jagdkleidung nothwendiger Weise die Augen des Ungethüms auf mich lenken mußte – und, waffenlos wie ich war – denn meine Waffen waren eben keine Waffen gegen den hautgepanzerten Riesen! – stürzte ich mich blindlings in das dornige Gestrüpp. Hinter mir her brüllte, tobte und stampfte das wüste Vieh, vor mir und rechts und links verflochten sich Dornen und Ranken zu einem fast undurchdringlichen Gewirr; die Stacheln der Nilmimose oder Rharrat verwundeten mich an allen Theilen des Körpers, die gebogenen Dornen des Nabakh rissen mir Fetzen auf Fetzen von meiner Kleidung herab – und weiter floh ich keuchend, schweißtriefend, blutend, – immer gerade aus, ohne Ziel, ohne Richtung, gejagt von Verderben und Tod in Gestalt des Scheusals hinter mir. Es gab keine Hindernisse für mich. Wie sehr auch die Dornen mich verwundeten und die Wunden schmerzten, ich achtete ihrer nicht, sondern jagte verzweiflungsvoll weiter, weiter, weiter! Ich weiß es nicht, wie lange die wilde Hetze gedauert haben mag; jedenfalls währte sie nicht lange; – denn sonst hätte das rasende Ungeheuer mich doch wohl eingeholt; – gleichwohl dünkte mich die dabei verlaufene Zeit eine Ewigkeit zu sein. Vor mir dunkle Nacht, hinter mir mein entsetzlicher Feind, – ich wußte nicht mehr, wo ich mich befand. Da, Himmel! – ich stürzte und stürzte tief. Aber ich fiel weich; ich lag im Strome. Als ich wieder an die Oberfläche des Wassers kam, sah ich oben auf der Höhe des Uferrandes, von welchem ich herabgestürzt war, das Nilpferd stehen; auf der andern Seite aber schimmerte mir das Feuer unserer Barke freundlich entgegen. Ich durchschwamm eine schmale Bucht und war gerettet, obwohl ich noch Tage lang die Folgen dieser Flucht verspürte. Von meinem Anzuge hatte ich blos noch Lumpen mit zu Schiffe gebracht. – Tomboldo war auf seinem Heimwege in dieselbe Lebensgefahr gekommen; er wurde ebenfalls von dem Nilpferde angenommen und bis zu derselben Stelle des Ufers verfolgt, über welche ich hinabgestürzt war. In höchster Aufregung langte er bei uns an und rief schon aus einiger Entfernung: „Brüder, meine Brüder, preist den Propheten, den Gottgesandten! Betet zwei „Rakaaht“ mehr für das Wohl meiner Seele! Der Sohn der Hölle und des Teufels war mir nahe und der Arm des Todes griff nach mir; aber Gott, der Erhabene, ist barmherzig und seine Gnade [702] ohne Ende! Preiset den Propheten, ihr Brüder! Ich aber will, bin ich erst dem Verruchten entronnen, einen ganzen Sack Datteln zum Opfer bringen.“

Ich habe diese beiden Pröbchen blinder Wuth des Nilpferdes absichtlich ausführlich gegeben, um der Treue meiner Erzählung keinen Abbruch zu thun; sie mögen zugleich beweisen, daß die Jagd des Ungeheuers ohne Feuerwaffen, welche sehr schwere Kugeln schießen, eben kein Vergnügen für Sonntagsschützen ist. Wie ich bereits bemerkte, haben leichte Büchsenkugeln, selbst wenn sie aus geringer Entfernung abgefeuert werden, fast gar keinen Erfolg. Jede Büchsenkugel durchbohrt den Panzer des Krokodils; aber sie ist viel zu schwach, als daß sie die zolldicke Haut und den mehr als zolldicken Schädel des Nilpferdes durchdringen könnte. Rüppell erzählt, daß er mit seinen Begleitern fünfundzwanzig Kugeln aus glattläufigen Gewehren in einer Entfernung von fünf Fuß (!) auf den Kopf eines Nilpferdes schoß, von denen blos eine einzige die Haut und den Nasenknochen durchbohrte; alle übrigen Kugeln waren in der dicken Haut stecken geblieben. Erst nachdem man fünf Kugeln aus einer schweren Büchse in derselben Entfernung auf den Kopf des Unthieres gefeuert hatte, gab es seinen Geist auf. Vier Stunden lang kämpfte die Jagdgesellschaft mit dem angeworfenen Thiere; dasselbe riß einen kleinen Kahn unter das Wasser, wo es ihn zerschmetterte, und schleifte das große Schiff an der Leine des Wurfspeeres nach Belieben hin und her. Freilich war dieses Thier ein altes riesenhaftes Männchen, welches von der Schnauzenspitze bis zum Schwanzende 13 1/2 französische Fuß maß; seine Eckzähne waren, der Krümmung nach gemessen, von der Wurzel bis zur Spitze 26 Pariser Zoll lang.

Nilpferde von der angegebenen Größe sind gewöhnlich alte, höchst mißmuthige Männchen, welche getrennt von der übrigen Heerde leben und ungemein bösartig sind. Die Sudahnesen behaupten, daß sie von andern Nilpferden vertrieben worden wären und verachtet würden. Sie werden zur furchtbarsten Landplage, weil auch die muthigsten Jäger es nicht oder nur selten wagen, sie anzugreifen. Dies wird man den Leuten nicht verdenken, wenn man bedenkt, daß ihre Jagdwaffen gewöhnlich blos die Harpune und die Lanze sind. Jene sinnreich ausgeführten Speerfallen, welche an Bäumen befestigt und von dem zur Weide gehenden Thiere selbst losgeschnellt werden sollen (Gartenl. 1857 S. 329), sind, in Nordost-Afrika wenigstens, nirgends gebräuchlich; ebensowenig gräbt man Falllöcher,[1] in welche der zur Nachtzeit herumspazierende Weidegänger gelegentlich hinabpurzelt. So viel ich gehört habe, greift man es niemals anders als mit dem Wurfspieße an. Derselbe besteht aus einem Stücke Eisen, einer Hornscheide, der Haftschnur und der Wurfstange. Das Eisen ist zugespitzt oder wie ein Radirmesser zweiseitig zugeschliffen und besitzt einen starken Widerhaken; es steckt fest in einer an beiden Enden dünner werdenden Hornscheide und ist durch eine starke, oftmals um Eisen und Scheide gewundene Schnur hinreichend befestigt. An dem einen Ende der Wurfstange nun befindet sich eine Höhlung, in welche die Hornscheide eingesetzt wird, am anderen Ende der Stange ist die Leine festgebunden. Beim Wurfe dringt die eiserne Spitze sammt ihrer Hornscheide bis zu der Lanze ein; diese wird durch den Wurf abgestoßen und hängt nun nur noch mit dem andern Ende vermittelst der dort angebundenen Schnur an der Harpunenspitze. Andere Jäger befestigen das eine Ende der Leine an der Harpune und das andere Ende an einem leichten Holzklotz, ohne sie mit der Wurflanze zu verbinden.

Mit dieser Waffe und einigen gewöhnlichen Lanzen begibt sich der Sudahnese auf die Jagd, um sein Wild entweder zu beschleichen, wenn es ein Mittagsschläfchen hält, oder ihm aufzulauern. Das Unternehmen erfordert nicht nur gewaltige Kraft, sondern auch List, Verschlagenheit und Gewandtheit.

Etwa um Mitternacht – nur an ganz menschenleeren Orten auch am Tage – schleicht der Spießwerfer längs des Ufers bis zu einer Ausgangsstelle der Thiere und versteckt sich hier im Gebüsch unter dem Winde. Kommt das Nilpferd erst nach seiner Ankunft aus dem Wasser, so läßt er es ruhig an sich vorübergehen und wartet bis zur Rückkehr. Niemals greift man ein zu Lande gehendes Nilpferd an, sondern wartet stets, bis es, so zu sagen, wieder halb im Flusse ist. Dann schleudert der Jäger ihm die Harpune mit aller Kraft in den Leib und flieht in der Hoffnung, daß das über den Wurf erschreckte Thier sich in den Fluß stürzen werde. So geschieht es auch gewöhnlich, wogegen das Ungethüm beim Heraussteigen an’s Land immer seinen Gegner anzunehmen pflegt. Nach dem Wurfe besteigt der Jäger mit seinen Gehülfen entweder sogleich oder am folgenden Morgen eines der bereit gehaltenen Boote und sucht das verwundete Thier, bezüglich das schwimmende Speerstangenende oder den Holzklotz auf. Sobald man diese Merkzeichen gefunden hat, rudert man höchst vorsichtig, mit bereitgehaltenen Wurfspeeren und Lanzen herbei und nimmt nun die Leine auf. Beim geringsten Anziehen derselben erscheint das Nilpferd in rasender Wuth an der Oberfläche des Wassers und stürmt auf das Schiff los, wird aber von dort mit einem Hagel von Lanzen und Speeren empfangen, welcher es häufig zur Umkehr zwingt. Gleichwohl kommt es nicht selten vor, daß es die Barke erreicht und mit den Hauzähnen zerreißt. Dann haben die Jäger einen sehr schweren Stand und müssen sich eiligst durch Schwimmen und Tauchen zu retten suchen. Livingstone erfuhr, daß es, um dem Nilpferde unter solchen Umständen zu entgehen, das Beste sei, in die Tiefe des Stromes zu tauchen und hier einige Secunden zu verweilen, „weil das Flußpferd, wenn es einen Kahn zertrümmert hat, sich allemal nach den Menschen umschaut und, wenn es keinen bemerkt, davongeht“; mir hat man Aehnliches erzählt. Im günstigeren Falle besteigt ein Theil der Jäger nach dem zweiten Angriffe auf den Flußriesen ein zweites Boot und fischt sich mit ihm das Ende einer zweiten Harpune auf. Nun wird das Ungethüm durch das schmerzerregende Anziehen der Harpunenleinen beliebig oft zur Oberfläche des Wassers heraufgezaubert und ihm im Verlaufe der Jagd der breite Rücken derartig mit Lanzen bespickt, daß er wie der Pelz eines Stachelschweines aussieht. Uebrigens führt man die Jagd nur dann mit einem Male zu Ende, wenn man Feuergewehr zur Verfügung hat; im entgegengesetzten Falle läßt man den im Wasser natürlich viel stärkeren Blutverlust das Seinige zur Abmattung des Thieres thun und nimmt erst am folgenden Tage die Verfolgung desselben wieder auf, da ja die schwimmenden Merkzeichen seinen Aufenthalt immer wieder verrathen. Ein glücklicher Lanzenwurf oder Stoß in das Rückenmark oder zwischen den Rippen hindurch in die Brusthöhle bläst schließlich das Lebenslicht des sattsam gemarterten Höllensohnes aus. Dann schleift man den Leichnam stromabwärts bis zur nächsten Sandbank, auf welcher er, nachdem er mit Thauen an’s Land gezogen worden ist, zerlegt wird.

Der Gewinn der Jagd ist nicht unbedeutend. – Die Eckzähne oder Hauer, das edelste Erzeugniß des Nilpferdes – denn sie wandern aus seinem Rachen in Gestalt künstlicher Zähne in den Mund so manches „Löwen“ und so mancher schönen Frau oder „gereifteren Jungfrau“ – werden schon an Ort und Stelle so theuer bezahlt, daß sie allein ein hübsches Sümmchen abwerfen. Aus der zolldicken Haut schneidet man jene vorzüglichen Peitschen, welche die Deutschen in Nordost-Afrika kurzweg „Nilpeitsche“ genannt haben; sie sind unübertrefflich in ihrer Art, höchst dauerhaft, äußerst biegsam, beim Kameelreisen unentbehrlich zum Antriebe der Reitthiere, bei anderen Gelegenheiten zum Dollmetscher seiner Ansichten, allen denjenigen Afrikanern gegenüber, welche bloße Worte nicht verstehen wollen: auch dienen sie als Hauptwerkzeug bei der entsetzlichen, im Morgenlande aber sehr beliebten „Bastonnade.“ Man hat behauptet, daß sie in Europa ihre Biegsamkeit verlören, hat aber wahrscheinlich nur rohe, und nicht zubereitete, mit Theer getränkte Peitschen im Auge gehabt. Mit einem Worte, die Nilpeitschen sind von ausgezeichneter Güte, und die Haut eines Nilpferdes kann deshalb bis zu dreißig Speciesthaler abwerfen, wenn sie zu Peitschen verarbeitet wird. Auch das Fleisch des Ungeheuers ist geschätzt und wird von den Gläubigen, trotz seiner großen Aehnlichkeit mit dem verpönten Schweinefleische, gern gegessen. Das Fett gilt im Ost-Sudahn als die allervorzüglichste Grundlage zur Haar- und Körpersalbe, Telka genannt, welche alle dunkelfarbigen Afrikaner zu gebrauchen scheinen. Kurz, wenn der Jäger seine Beute zu verwerthen weiß, kann sie einen recht netten Ertrag abwerfen.

Der Fang des Unthieres ist mit der Jagd ein und dasselbe; denn alle bisher gefangenen sind jung harpunirt worden. Selbstverständlich muß vorher die Mutter des jungen Thieres erlegt werden, ehe man auf dieses Jagd machen kann, es würde sonst auch ganz unmöglich sein, das angeworfene Thier lebend in seine Gewalt zu bekommen. Dagegen folgt es dem Leichnam der Mutter fast von selbst. Uebrigens wird man aus dem Erzählten die Schwierigkeit des Fanges leicht ermessen können und begreifen, warum [703] bisher so wenig lebende Nilpferde zu uns kamen. Fast jedes andere Thier ist leichter in die Gewalt des Menschen zu bekommen und fortzuschaffen, als ein Nilpferd! –

Bei Berücksichtigung der eigenthümlich plumpen Gestalt, des merkwürdigen Lebens, der Schädlichkeit und Gefährlichkeit des Nilpferdes erscheint es mir sehr natürlich, daß der Sudahnese, wie der Neger Guinea’s das wüste Vieh gar nicht für ein rechtes, natürliches Wesen, sondern eher für einen Auswurf der Hölle ansieht. Schon der sudahnesische Name „Aeësint“, dessen Bedeutung Niemand kennt, deutet auf etwas Ungewöhnliches hin.[2] Dazu kommt nun die Bedenken erregende Mißachtung aller, auch der kräftigsten Amulete seitens des Ungethüms. „Möge Gott die Affen verfluchen in seinem Zorn“, sagte mir ein Sudahnese; „denn sie sind verwandelte Menschen und Spitzbuben, Söhne, Enkel, Nachkommen von Spitzbuben, aber möge er uns bewahren vor den Kindern der Hölle, jenen Nilpferden! Denn ihnen ist das Heiligste Schaum und das Wort des Gottgesandten ein leerer Hauch. Alle Elephanten halten, weil sie gerechte Thiere sind, Gottes Wort in Ehren, wie Adamssöhne, aber die Nilpferde zerstampfen den „Gottesbrief“ mit ihren Füßen!“ Das Nilungeheuer ist also in den Augen der Eingeborenen gar kein von Allah erschaffenes Wesen, sondern nur die Maske eines verruchten, dem Teufel – vor welchem der Bewahrer die Gläubigen bewahren möge! – mit Leib und Seele angehörigen Zauberers und Sohnes der Hölle, welcher nur zu Zeiten diese Satansgestalt annimmt, sonst aber in seiner Hütte als Mensch erscheint, um andere Adamssöhne abzulocken vom Pfade des Heils. Mit anderen Worten: das Nilpferd ist der Gottseibeiuns selber, wenn auch mit etwas auffallenden und unzierlichen Pferdefüßen und Schwanz!

Dafür gibt es hundert Belege. Viele Menschen haben durch jenen Höllensohn ihr Leben verloren, und ihre Seele ist ihnen aus dem Körper gestampft worden, ohne daß der Leib gefressen worden wäre; – und unter den Todten war sogar ein Fakhïe oder Khorahnverständiger! Ferner ließ einer der Statthalter Ost-Sudahns, Churschid-Pascha, als er einst mit einem Fähnlein seiner Krieger an den Strom kam, diese auf ein Nilpferd Jagd machen, obwohl ihm ein weiser Schëich wohlmeinend davon abrieth; denn dieser wußte, daß das vermeintliche Nilpferd blos die Maske eines verwunschenen Menschen war. Zwar wurde der vom Anbeginn der Welt verfluchte Zauberer getödtet und seine rothe Seele der Hölle zugesandt, aber Churschid-Pascha entging seinem Schicksale nicht. Er war immer hart verfahren gegen die Zauberer des Landes; deshalb bannten ihn diese durch den Blick ihres scheelen Auges. Sein Leib versiechte, weil seine Eingeweide langsam verdorrten, und er wollte, auch krank, noch immer die Meinung der Ulema und des Khadi nicht gelten lassen; denn anstatt sich einem Kundigen des Gotteswortes anzuvertrauen und den Zauber durch diesen bannen zu lassen, vertrauete er den ungläubigen Aerzten aus Frankistán und welkte und siechte dahin. Möge sein Leib in Frieden ruhen und seine Seele begnadigt sein! Uns aber möge der Bewahrer bewahren, der Schützende schützen vor allerlei Zauber und Höllenwerk!





  1. Die Schillukh, Dinkha und Nnëhr am Weißen Flusse sollen jedoch, abweichend von den Sudahnesen wirkliche Fallgruben auswerfen.
  2. An anderen Orten nennt man das Nilpferd „Djamuhs el Bahhr“ – Wasserbüffel.