Aus dem Leben eines Agitators

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Autor: A. Fr.
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Titel: Aus dem Leben eines Agitators
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 4, S. 67–71
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Kurzbiographie von F. Lassalle
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Aus dem Leben eines Agitators.

Mit vollem Rechte führt man die zorn- und geräuschvolle Arbeiterbewegung in unserm heutigen Deutschland auf Ferdinand Lassalle als auf ihren Urheber und Stifter zurück. Mit vollem Grunde aber bricht immer mehr die Erkenntniß sich Bahn, daß diese Bewegung nur ein dürftiger Schatten, ja in wesentlichen Punkten eine entschiedene Abweichung vom Geiste und den Plänen des Mannes ist, der sie entzündet und zur Flamme angeblasen hat. Nur ein winziges Fähnlein der jetzigen Socialisten-Partei feiert auch in Lassalle noch den Propheten und Meister. Seinen Nachfolgern in der Irreführung der Arbeiter ist es gelungen, ihn allmählich von der Bildfläche zu wischen, auf der sie allein stehen und gelten wollen. Es lag aber im Blute und in dem ganzen Verhängniß seines Lebens, daß es mit flammender und brausender Hast geführt wurde und so auch den denkenden Zeitgenossen erst einen gesammelten Ueberblick ermöglichte, als es längst an ihnen vorübergestürmt war. Nun erst erkannte hier die leidenschaftslosere Prüfung viel deutlicher als vorher, daß es bei Lassalle eine zwar aus der Art seiner Natur entsprießende, aber doch immerhin nur eine Abirrung von einer viel höheren Bestimmung gewesen, die ihn auf den Weg des Agitators gedrängt und aus dem Agitator zuletzt einen aufwieglerischen Demagogen gemacht hatte. Denn hinter und in dieser Verirrung fand man den stark über dieselbe hinausleuchtenden Glanz eines echten Kernes: einen merkwürdigen, Menschen und hochinteressanten Charakter, einen sehr bedeutenden Denker, Schriftsteller und Redner. So ist Lassalle mehrfach schon gewürdigt und so ist er neuerdings von dem Dänen Georg Brandes in der brillanten Manier dieses cultur- und literargeschichtlichen Schilderers gezeichnet worden („Ferdinand Lassalle. Ein biographisches Charakterbild. Berlin, Franz Duncker“).

Wir sind nun freilich unsererseits nicht in der Lage, von Lassalle wie von einem der Helden unseres Jahrhunderts zu reden, wenn wir ihm auch nicht absprechen mögen, daß er das Zeug zu einer solchen Rolle in sich getragen hat. Es braucht aber eine Persönlichkeit noch nicht jenen höchsten aller Namen zu verdienen, um doch als bedeutsam zu Lob und zu Tadel, als Muster wie als Beispiel unserer Theilnahme sich nahe zu legen. Die „Gartenlaube“ hat sich bisher mit dem Stifter der Socialdemokratie wenig befaßt, weil im Handgemenge brennender Parteikämpfe das Urtheil über ihn noch ein schwankendes war. Erst jetzt, wo ein minder durch den Parteien Gunst und Ungunst gefärbtes Bild von ihm gewonnen ist, glauben wir verpflichtet zu sein, auf Grund der oben genannten Schilderungen und unserer eigenen Ueberzeugungen einige Züge aus diesem Leben hier vorzuführen.

Das freundliche und geistesbewegte Schlesierland, das unserer neueren Literatur und Publicistik so viele regsame und hervorragende Kräfte zugeführt, ist bekanntlich auch die Heimath Lassalle’s gewesen. In Breslau ist er als Sohn eines jüdischen Hauses geboren worden. Sein Vater, ein wohlhabender, als brav und redlich gerühmter Kaufmann, hatte ihn für den Handelsstand bestimmt. Aber schon auf der Handelsschule in Leipzig zeigte sich seine vollständige Untauglichkeit für diesen Beruf, und man ließ ihn zur Vorbereitung auf die Universitätsstudien nach Breslau zurückkehren. Das Verhältnis zwischen ihm und den Seinigen war ein sehr inniges; sein ganzes Leben hindurch hat er für seine Eltern die liebevollste Treue bewahrt, und bemerkenswerth blieb namentlich die Schwärmerei der Mutter für diesen Sohn. Schon in seinem Knabenalter verrieth sich aber das, was er selber später seine „Frechheit“ nannte; er war ein recht vorlauter und naseweiser Junge. Ein Drang zum Widerstande, eine Begierde nach Geltung und Ueberwindung von Hindernissen wurde frühe an ihm bemerkt. Schon in seinem sechszehnten Jahre warf er sich in einer den häuslichen Frieden störenden Angelegenheit zum Familienhaupt auf, trat Eltern und Geschwistern gebieterisch gegenüber und ordnete durch sein energisches Verhalten eine schwierige Sache.

Dieser Willensstärke stand aber eben so frühe ein ausdauernder Wissenstrieb und eine überraschende wissenschaftliche Befähigung zur Seite. Von seiner Begeisterung für das classische Alterthum getrieben, studirte Lassalle auf den Universitäten Breslau und Berlin Philologie und Hegel’sche Philosophie, deren dialektische Methode er mit Eifer und Entzücken sich aneignete. Gleichzeitig sog er die auf eine nothwendige Umwälzung des Staats- und Gesellschaftswesens hinzielenden Ideen des jungen Deutschland und des aus der Hegel’schen Schule hervorgegangenen kritischen Radicalismus ein. Alle, die ihm damals näher getreten, erhielten den Eindruck, daß dieser Mensch nicht für irgend eine Unterordnung, sondern zur Macht geschaffen und von der Natur zu einem Herrscher gestempelt sei. Ein Dichter, der ihn nur ein einziges Mal in einem Concert gesehen, sagte zu Brandes: „Er sah aus wie lauter Trotz, aber auf seiner Stirn lag eine solche Thatkraft, daß es Einen nicht hätte wundern mögen, wenn er sich einen Thron erobert hätte.“ Da ihn das Geschick aber nicht zu einem Prinzen und Aristokraten gemacht, da er als ein Kind des Mittelstandes und eines noch vielfach zurückgesetzten Stammes geboren war, so führte ihn seine geistige Ueberlegenheit in den Kampf gegen das Vorrecht: er wurde ein demokratisch gerichteter Denker. Zunächst zeigte er in seinen akademischen Studien seine Anlage zur Meisterschaft. Auf dem Gebiete der Sprach- und Alterthumskunde legte er so ungewöhnliche Gaben an den Tag, daß Männer wie Bökh und Alexander von Humboldt dem „Wunderkinde“ – so nannte ihn Humboldt – eine glänzende Zukunft verhießen. Nach seinem Abgange von der Universität lebte er sodann als unabhängiger Privatmann am Rhein und gab sich in Düsseldorf und während eines Aufenthaltes in Paris (1845) unausgesetzt dem Studium der griechischen Philologie und Philosophie hin.

In Paris kam der damals zwanzigjährige Lassalle auch in nahe Beziehungen zu Heinrich Heine, und man bekommt schon Respect vor der Genialität des jungen Studenten, wenn man sieht, wie er den Aristophanes seines Zeitalters für sich einnimmt, der doch wahrlich so leicht nicht geblendet werden konnte. Ganz eigenthümlich aber berührt uns auch der Scharfblick, mit welchem der Dichter über den Landsmann sich äußerte, der ihm an Geist und Erfahrung doch noch wie ein Kind erscheinen mußte. Mit seiner mehrfach bewiesenen Energie hatte dieses Kind dem kranken und verlassenen Dichter in seinem Erbschaftsstreite offenbar einen durchgreifenden und erfolgreichen Beistand geleistet; denn in seinen Briefen nennt ihn Heine stets seinen „liebsten, theuren Freund“, seinen „theuersten Waffenbruder“, und schreibt unter Anderm: „Noch nie hat Jemand so viel für mich gethan. Auch habe ich noch bei Niemand so viel Passion und Verstandeskraft vereinigt im Handeln gefunden. Wohl haben Sie das Recht, frech zu sein, wir Andern usurpiren blos dieses himmlische Privilegium. In Vergleichung mit Ihnen bin ich doch nur eine bescheidene Fliege.“ Und an einer andern Stelle: „Leben Sie wohl, und seien Sie überzeugt, daß ich Sie unaussprechlich liebe! Wie freut es mich, daß ich mich nicht in Ihnen geirrt; aber auch Niemandem habe ich je so viel getraut, ich, der ich so mißtrauisch durch Erfahrung, nicht durch Natur. Seit ich Briefe von Ihnen erhielt, schwillt mir der Muth und ich befinde mich besser.“

Das sind eingestreute Aeußerungen, glücklicher Weise aber haben wir in einem Briefe Heine’s an Varnhagen vom 3. Januar 1846 eine vollständige Charakteristik des jungen Ferdinand Lassalle, in der es heißt: „Mein Freund, Herr Lassalle, der Ihnen diesen Brief bringt, ist ein junger Mann von den ausgezeichnetsten Geistesgaben: mit der gründlichsten Gelehrsamkeit, mit dem weitesten Wissen, mit dem größten Scharfsinne, der mir je vorgekommen, mit der reichsten Begabniß der Darstellung verbindet er eine Energie des Willens und eine Habilité im Handeln, die mich in Erstaunen setzen, und wenn seine Sympathie für mich nicht erlischt, so erwarte ich von ihm den thätigsten Vorschub. Jedenfalls war diese Vereinigung von Wissen und Können, von Talent und Charakter für mich eine freudige Erscheinung. Herr Lassalle ist nun einmal so ein ausgeprägter Sohn der neuen Zeit, die nichts von jener Entsagung und Bescheidenheit wissen will, womit wir uns mehr oder minder heuchlerisch in unserer Zeit hindurchgelungert und hindurchgefaselt. Dieses neue Geschlecht will genießen und sich geltend machen im Sichtbaren; wir, die Alten, beugten uns demütig vor dem unsichtbaren, [070] haschten nach Schattenküssen und blauen Blumengerüchen, entsagten und flennten und waren doch vielleicht glücklicher, als jene harten Gladiatoren, die so stolz dem Kampftode entgegen gehen.“ Wer den spätern Lebenslauf Lassalle’s kennt, der wird an diesen Worten nicht blos das Meisterauge, sondern auch den tiefen Seherblick des Dichters bewundern müssen. Auch ein Schalkslächeln über das neuerwachsene Stürmergeschlecht ist in dem ernsthaften Urtheile nicht zu verkennen. Jedenfalls aber zeigt uns dasselbe, was Lassalle schon war, ehe er in die Literatur trat und ehe die Oeffentlichkeit wußte, daß er überhaupt vorhanden sei. Schon bald jedoch sollte man von ihm hören, aber es war keine wissenschaftliche That, sondern eine Privataffaire lärmerregender Art, durch welche sein Name zuerst in die Welt geworfen wurde.

Am 11. August 1848 stand vor dem Geschworengerichte in Düsseldorf ein schlank gewachsener Jüngling von stolzem und einnehmenden Aeußern. Es war Lassalle. Die Anklage bezichtigte ihn der moralischen Mitschuld an einer als „Diebstahl“ bezeichneten Handlung, welche schon zwei Jahre vorher ein außerordentliches Aufsehen erregt hatte. Gleich ihm hatten noch zwei andere junge Lennte in dem Scheidungsprocesse des Grafen Hatzfeldt und seiner Gattin eifrigst für die Gräfin Partei genommen. Diese beiden Genossen waren von Lassalle verleitet worden, der Geliebten des Grafen aus ihrem Pulte ein Kästchen zu entwenden, in welchem man wichtige Documente vermuthete. Lassalle bekannte sich zu der That, aber in seiner glänzenden Vertheidigungsrede betonte er, daß nicht ein gemeiner und selbstischer Beweggrund, sondern die Pflicht zur „Vertheidigung der Menschenrechte“ ihn dazu gezwungen habe. In Bezug auf die Lage der Gräfin sagte er unter Anderm: „Die Familie schwieg. Aber es heißt: wo die Menschen schweigen, da werden die Steine reden. Wo alle Menschenrechte beledigt werden, wo selbst die Stimme des Blutes schweigt und der hülflose Mensch verlassen wird von seinen geborenen Beschützern, da erhebt sich mit Recht der erste und letzte Verwandte des Menschen, der Mensch.“

Trotzdem verurtheilte ihn das Gericht, aber die höhere Instanz vernichtete später dieses Urtheil. Schon fünf Jahre vorher hatte Lassalle als neunzehnjähriger Student die damals etwa doppelt so alte, aber schöne und imponirende Gräfin (geborene Fürstin) Hatzfeldt in Berlin kennen gelernt und, gerührt von ihrem Unglück, sich in ihren Proceß gestürzt. Möglich, daß die bedeutende Schönheit und die elegante Erscheinung des blutjungen Mannes einen sehr günstigen Eindruck auf die Gräfin gemacht hatten. Wie über das Verhältniß Goethe’s zu Frau von Stein, so wird auch über die Art der Beziehungen Lassalle’s zur Gräfin Hatzfeldt, so ungleich auch sonst beide Paare waren, ein auf Thatsachen begründetes, nicht aus Schlüssen und Vermuthungen hergeleitetes Urtheil sich kaum aufstellen lassen. Gewiß ist nur, daß Lassalle mit der Gräfin damals von Berlin nach Düsseldorf übersiedelte, daß das unstreitig für ihn verhängnißvoll gewordene Freundschaftsverhältniß bis zu seinem Tode dauerte und er zunächst zehn seiner besten Jugendjahre, mit vollständiger Hintansetzung seiner Lebenszwecke, dem Kampfe für die Vermögensinteressen und die gesellschaftliche Stellung der Freundin gewidmet hatte. Es waren hier kolossale Arbeiten, ganz ungeheure Schwierigkeiten zu überwinden. Vor sechsunddreißig Gerichten hat Lassalle die Sache der Gräfin mit allem Geschicke eines juristischen Fachmannes geführt. Aber der staunenswürdigen Ausdauer fehlte auch der Erfolg nicht. Der halsstarrige Graf wurde endlich mürbe; es kam zu einem Vergleiche, und von dem philosophischen Gelehrten war für die Gräfin ein fürstliches Vermögen gewonnen. Während des Processes hatte er mit der von allen Mitteln entblößten Frau die nicht bedeutende Summe getheilt, die er von Hause erhielt, zum Ersatze dafür sich aber eine jährliche Rente ausbedungen, wenn die Sache gewonnen sei. Von jetzt ab konnte er mit einer Jahreseinnahme von fünftausend Thalern ganz sorgenlos und ohne Rücksicht auf Broderwerb wiederum seinen Studien sich hingeben.

Die Früchte dieser Muße ließen nicht lange auf sich warten. Sein erstes größeres Werk „Die Philosophie Herakleitos des Dunkeln“, ein Product langjähriger Forschungen, stellte den bisher der weiteren Oeffentlichkeit nur als exaltirter und abenteuerlicher Leichtfuß geltenden, nur durch seine brillanten Gelegenheitsreden vor Gericht bekannt gewordenen jungen Mann mit einem Schlage unter die ersten Gelehrten Deutschlands. Auch sein später erschienenes Hauptwerk „Das System der erworbenen Rechte“ erwarb ihm Hochachtung und Ruhm durch die erstaunliche Sicherheit und Beschlagenheit, mit der er sich hier auf dem Boden der juristischen Wissenschaft bewegte, die er niemals bei einer Facultät studirt hatte. Wer seinen revolutionären Anschauungen in Bezug auf das Erbrecht widerstrebte, der mußte doch zugeben, daß sie mit ungewöhnlichem Scharfsinne mit hinreißender Beredsamkeit, von einem schwerbewaffneten Geiste verfochten wurden. Aber es waren doch nur die engen und abgeschlossenen Kreise der wissenschaftlichen Welt, in denen dieser Beifall ertönte, und das war es nicht, was den dürstenden Ruhmesdrang eines Lassalle befriedigen konnte. Es war ein unablässiger „Sturm in dieser Natur“, und Macht hieß das Ziel, dem sie entgegenrang. Zur Erringung desselben aber fand sich der geeignete Kampfplatz nur auf dem politischen Felde.

Um Lassalle eingehend als Politiker, als demokratischen und socialen Agitator zu würdigen, dazu ist in diesem gedrängten Charakterbilde nicht der genügende Raum; es erfordert das eine besondere und ausführlichere Darlegung, die wir uns vorbehalten. Schon 1848 hatte er sich am Rhein an den demokratisch-revolutionären Bewegungen entschieden betheiligt und einen damals von ihm erlassenen Aufruf zu bewaffneten Widerstande gegen die Auflösung der preußischen Nationalversammlung mit Gefängnißstrafe gebüßt, wie überhaupt seit jener Zeit ein Martyrium von Criminalprocessen und Gefängnißleiden sich durch sein ganzes ferneres Leben zog. Nicht wie Marx, Engels und andere Parteigenossen von der revolutionären „Rheinischen Zeitung“ trieb er jedoch eine macht- und fruchtlose Opposition gegen die im Herbste 1848 wiederkehrende Reactionswirthschaft so weit auf die Spitze, daß er landesflüchtig werden und allem Wirken in Deutschland entsagen mußte.

Davon hatte ihn wohl schon in jenen Tagen sein vaterländischer Sinn und jene realistische Erkenntniß der „thatsächlichen Machtverhältnisse“ abgehalten, die in seinen späteren politischen Theorien und Handlungen eine so vorwiegende Bedeutung gewann. Man lebte aber damals in der Zeit der Ausweisungen und Aufenthaltsverweigerungen, und die „thatsächlichen Machtverhältnisse“ verschlossen ihm Berlin, wo er aus manchen Gründen zu wohnen wünschte. Als Fuhrmann verkleidet, drang er in die Hauptstadt ein, und Humboldt erwirkte ihm in der That beim Könige die Aufenthaltserlaubniß. Nun war er auf dem Boden, der seinem Bewegungsdurste einen genügenden Tummelplatz, seinen Ansprüchen an ein vornehmes Dasein die ausreichende Befriedigung verhieß. Sein Leben in Berlin war fortan zwischen Studien und Zerstreuungen getheilt, sein Haus ein Sammelplatz geistvoller Bildung, aber auch eine Stätte geistreicher Frivolität und excentrischer Leichtlebigkeit. Der Versuch, mit dem gedankentiefen, aber poesielosen und untheatralischen Drama „Franz von Sickingen“ seinen Namen schnell durch ganz Deutschland zu tragen, war nicht von Erfolg gekrönt. Das Stück wurde nicht aufgeführt. Dafür lenkte der Verfasser wieder einmal durch eine öffentliche Scandalaffaire die Blicke auf seine Person. Ein Herr, dessen Herausforderung zum Duell er aus guten Gründen abgewiesen hatte, überfiel ihn unter Mithülfe eines Andern am hellen Tage in der belebten Gegend des Brandenburger Thores. Lassalle aber bläute die Beiden so weidlich durch, daß sie von ihrem Angriffe abließen. Zu künftiger Abwehr solcher Ueberfälle schenkte ihm ein deutscher Historiker den Stock Robespierre’s, den er fortan stets bei sich trug. Man sieht, es stand seiner Furchtlosigkeit eine erhebliche Körperkraft zur Seite, trotz der frühzeitigen Untergrabung seiner Gesundheit, die kaum jemals seinen Muth zu beugen vermochte.

Der künstlichen Lahmlegung des demokratischen Geistes in den Reactionsjahren folgten naturgemäß bald neue Bewegungen des Völkerlebens. Es kam der italienische Krieg des Jahres 1859; es kam der Thronwechsel, die neue Aera und der große Verfassungsconflict in Preußen. Diese Wendungen führten Lassalle wieder in das politische Fahrwasser, und es läßt sich nicht leugnen, daß hier seine Schritte als Volksredner und Publicist durch neue und eigenartige Gesichtspunkte bezeichnet waren, daß er hier Spuren reifer Gedanken, fruchtbarer Lehren und Anregungen in der Geschichte des Liberalismus zurückgelassen hat. Der nächste Erfolg verwirklichte aber die Träume seines Ehrgeizes noch [071] keineswegs; nicht einmal zu dem erstrebten Sitze im Abgeordnetenhause verhalf ihm die damalige Fortschrittspartei. Verletzt zog er sich zurück, bis er endlich durch die 1864 von ihm hervorgerufene Arbeiterbewegung sich vor das Ziel seiner heißesten Wünsche gestellt sah. Aufrichtiges Mitgefühl mit Unterdrückten, denen er durchgreifend helfen wollte, begeisterungsvolle Ueberzeugungen und Ergebnisse seiner volkswirthschaftlichen Studien waren hier sicher ebenso bestimmend für ihn, wie die fieberhafte Agitationssucht und die bis jetzt nicht satt gewordene, nach großen Siegen ringende Eitelkeit seines Wesens. Mehr als bei allen seinen bisherigen Aufgaben hatte er an dieses Unternehmen, mit dem er alle Brücken hinter sich abbrach und allen Parteien den Fehdehandschuh hinwarf, die ganze Energie seiner großen Kraft, auf dieses verwegene Spiel alle seine Karten gesetzt, sodaß er stand oder fiel je nach dem schnellen Gewinnen und Verlieren. Es war ein Traum. Mit halbgebildeten Genossen glaubte er in Sturmeseile die durch ihre Mehrzahl zwar überwiegenden, aber unreifen und unwissenden, schwerfälligen und geistig noch vielfach verwahrlosten Arbeitermassen, den Mächten des Besitzes und der Intelligenz gegenüber, zu einer vorherrschenden Macht im Staatsleben organisiren zu können. An der Spitze derselben wollte er dann mittelst des allgemeinen Stimmrechts und der vom Staate unterstützten Productiv-Associationen eine der tiefgreifendsten Umwälzungen aus dem Boden stampfen, welche die Weltgeschichte jemals gesehen hat. Der Plan des einzelnen Mannes war keck ausgeklügelt, aber die Berechnungen trafen nicht zu, und alle seine Redetriumphe, alles Beifalljauchzen hingerissener Arbeitervereine konnten Lassalle nach mehrjährigen ungeheuren Anstrengungen und Opfern nicht über das lahme Vorwärtsgehen der Sache täuschen. Er hat das Anwachsen der von ihm entfachten Bewegung nicht erlebt, freilich auch nicht ihren Abfall von ihm, ihr Herabsinken zur Vaterlandslosigkeit und zu hohlem Phrasen-Communismus. Als der einst von Heine ihm prophezeite „Kampftod“ ihn ereilte, hatten schon Ueberdruß und niederschlagende Erfahrungen einen Theil seines zähen Lebensmuthes verzehrt.

Blicken wir unbefangen auf das Bild dieses Menschen zurück, wie er in seiner gesammten Erscheinung sich uns darstellt, so wird es uns zur zweifellosen Gewißheit, daß in ihm ein eindrucksvolles Phänomen am Horizont unserer Zelt aufgestiegen war. Der Glanz aber war getrübt und an vollem und wohlthuendem Leuchten gehindert durch mißfarbige Streifen von störender Breite. Daß Gemeines und Niedriges in seiner Natur gewesen, hat Niemand behauptet, trotz der unverzeihlichen Angriffe auf verdiente Männer des Fortschrittkampfes, zu denen seine parteiische Leidenschaft ihn fortgerissen hat. Mit aufrichtiger und schwungkräftiger Inbrunst konnte er auf den höchsten und reinsten Höhen edler Idealität und schöpferischen Denkens weilen, als ob nur dort seine wahre Heimath sei. So wie aber der Lorbeer wahren Ruhmes seinem jugendlichen Haupte winkte, da erwachten auch schon die wilden Antriebe, die ungezähmten Wallungen und thörichten Schwächen seines Blutes und zogen ihn gewaltsam in kleine Pfade. Viele seiner Anläufe waren groß, allen aber folgte der verhängnißvolle Sturz von der Höhe in Irrgänge der Alltäglichkeit, und immer wurde derselbe herbeigeführt durch die innern Fehler dieses bedeutenden und auch gemüthvollen Charakters, durch seine machtsüchtige Eitelkeit und seine Liebe für alles Gleißende, durch seinen vermessenen Uebermuth und die Ruhelosigkeit eines rücksichtslosen Genußdurstes. Wenn er seine Wohnungsräume stets mit dem geschmackvollsten Luxus ausstattete, wenn er mit der sorgfältigen Eleganz eines Modemannes sich kleidete und in dieser Toilette, in Lackstiefeln und ausgesucht seiner Wäsche zu den rußigen Arbeitern sprach, wenn er gelegentlich auch gern in dramatischen Positionen sich zeigte, so mag ihm das zu hoch nicht angerechnet werden, da er diese Schwäche mit mancher wirklichen Größe der Geschichte teilte.

Widerwärtiger in Lassalle’s Privatleben waren schon seine flatterhaften und unreinen Beziehungen zu der Frauenwelt, sowie jene pikanten Diners und Soupers in seinem Hause, von denen heute noch erzählt wird, daß sie damals die glänzendsten und üppigsten in Berlin gewesen seien. Denn hier offenbarte sich grell und schroff der häßliche Widerspruch zu jener Schlichtheit des Sinnes und Wandels, aus der allein ein warmes Verständniß der Volksseele, eine wahre Theilnahme für das Volksleben und alles selbstlose Wirken für die Verbesserung der Volkszustände sich erzeugen kann. Wenn es auch ein Märchen ist, daß man regelmäßig bei ihm in Haschisch sich berauschte, so steht es doch fest, daß neben einer gewaltigen Denkarbeit die Aufreizungen raffinirter Schwelgerei, der wüste Taumel fesselloser Begierden zu den Bedürfnissen seines Daseins gehörten. Und außerordentlich bezeichnend, ungemein verhängnißvoll für seinen Ruhm war es, daß nicht der Faust, sondern die Don Juan-Natur in ihm den vorzeitigen Schlußact seines genial angelegten Lebensdramas herbeigeführt hat. Der Gedankenringer und geistesstolze Massenapostel endete nicht auf dem Felde der Ehre; er fiel als Opfer eines ziemlich alltäglichen und wenig tragischen Liebeshandels.

In der Schweiz, wohin er sich im Sommer 1864 nach ihm dargebrachten brausenden Huldigungen der rheinländischen Arbeiter zurückgezogen hatte, wurde die jugendlich schöne Tochter des baierischen Gesandten von Dönniges von dem Zauber des neununddreißigjährigen Mannes geblendet und von einer heißen Liebe zu ihm ergriffen, die er - zum ersten Male in seinem Leben - ernsthaft erwiderte. Die Eltern der jungen Dame verweigerten ihr jedoch hartnäckig die Erlaubniß zu dieser Heirath, und eines Tages stürzte sie in höchster Erregung zu Lassalle in’s Zimmer und bat ihn, sie nicht wieder von sich zu lassen. Lassalle zeigte in diesem Augenblick eine Gebrochenheit; die alte rücksichtslose Verwegenheit hatte ihn verlassen; er fürchtete das Aufsehen und überredete die Geliebte zur Rückkehr in das elterliche Haus, wo er nun hübsch ordnungsmäßig, aber vergebens sich ihre Hand erbat. Von diesem Tage an wollte das junge Mädchen, das er der Beschämung und Bestrafung ausgesetzt, nichts mehr von ihm wissen, und die Leidenschaft des nunmehr Verschmähten stieg zur äußersten Wuth, als er hörte, daß die Vermählung des Fräulein von Dönniges mit ihrem ehemaligen Verlobten in naher Aussicht stand. Von diesem Herrn von Rakowitz ist Lassalle im Zweikampfe erschossen worden. War er auch mit vollständiger Kaltblütigkeit dem Tode entgegen gegangen, so war es doch ein seiner unwürdiger Tod, und erst die Folgezeit hat der Nachwelt bewiesen, wie thöricht und kindisch diese verspätete Liebesgluth gewesen ist. Auf dem jüdischen Friedhofe in Breslau ist sein Grab zu finden.

Wenn es schwer sich sagen läßt, welche Rolle er im ferneren Wandel der deutschen Angelegenheiten gespielt haben und auf welcher Seite er gegenwärtig stehen würde, so kann doch ein Zweifel nicht obwalten in Bezug auf die Breite und Tiefe der Kluft, die ihn von den heutigen Betreibern des Volksaufwieglungsgeschäftes trennt. Auch er nannte sich in seinen Reden und Schriften gern einen „Revolutionär aus Princip“, aber er hatte auch stets eine Fülle spöttischer Glossen für Diejenigen, welche das Wort „Revolution“ nicht hören können, ohne dabei an Blutvergießen und „geschwungene Heugabeln“ zu denken. Und wenn er von seiner Entflammung der Arbeiterbewegung spricht, weist er gern auf seinen schwierigen Weg durch die ernste Wissenschaft hin, indem er fragt: Und Sie können wirklich glauben, daß ich diese ganze lange Bildung damit schließen wollte, dem Proletarier eine Brandfackel in die Hand zu geben? Wir lassen das dahingestellt. Wirklich tief aber unterschied ihn von den heutigen socialistischen Stimmführern ein hervorstechender Zug von besonderer Kraft: sein nationaler Sinn, sein leidenschaftlicher Patriotismus. Er war so wenig ein Verräther an seinem Vaterlande, so wenig ein kosmopolitischer Schwärmer, daß all sein politisches Streben sich einzig auf Deutschland und vor Allem auf den preußischen Staat bezog. Als 1859 der italienische Krieg ausbrach, da warf er jene merk- und denkwürdige Schrift über die Aufgabe Preußens hinaus, die man doch heute nicht ohne Gefühle der Ueberraschung lesen kann. Denn sie enthält in Bezug auf die Beseitigung des bundestäglichen Doppelregiments in Deutschland und in Bezug auf die Proclamirung des allgemeinen Wahlrechts der Nation einige der kühnsten und fruchtbarsten Gedanken, denen Bismarck sechs Jahre später zum Durchbruche verholfen hat. Wenn sich auch eine directe Beziehung nicht nachweisen läßt, so läßt es sich auch nicht kurzweg eine Uebertreibung nennen, wenn der philosophische Agitator als der Lehrer des großen Reichskanzlers bezeichnet wurde. Mit vollem Recht sind die socialen Theorien Lassalle’s, ist seine frevelhafte Entzündung des Classenhasses von den entschiedensten Seiten der Freiheitsparteien bekämpft worden. Aber auch mit Recht sagt der dänische Biograph: „Ein ausgezeichneter Mann der Wissenschaft kann in diesem oder jenem Punkte geirrt haben. Die Fluth der Zeit spült den Irrthum hinweg, und die Menschheit erbt den Rest.“

A. Fr.