Aus der Vogelwelt (Die Gartenlaube 1860/22)

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Autor: Dr. A. H.
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Titel: Aus der Vogelwelt (Die Gartenlaube 1860/22)
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aus: Die Gartenlaube, Heft 22, S. 344-347
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[344]
Aus der Vogelwelt.
Von Dr. A. H.
I. Wie die Vöglein Hochzeit machen.

Die Vögelein im grünen Wald,
Die wollten machen Hechzeit bald.
 Volkslied.

Georges Sand sagt unter Anderen in ihrer Histoire de vie: „Der Vogel ist, was der Künstler unter den Menschen,“ und ich kenne keine größere auf diesen Punkt bezügliche Wahrheit, mit weniger Worten ausgesprochen. Es ist in der That so. Der Vogel ist eine künstlerische Natur durch und durch, aller ihrer Flatterhaftigkeit, aller ihrer liebenswürdigen Launen, aller ihrer genialen Productivität und aller ihrer Grazie voll. Eine solche ist indessen immer schwer zu verstehen. Sie will mit [345] feinem, interessirtem Sinne abgelauscht sein. Ein freistehendes, halbverschneites Vogelnestchen im kahlen, entblätterten Strauche erzählt uns noch lange nicht die ganze Geschichte seines Ursprungs. Die ist ein Frühlings- und kein Wintermärchen. In den Frühling denn mit den Erinnerungen von vielen Jahren! –

Wenn die Rothbuche den durchsichtigen, grünlichen Schleier über das Haupt geworfen, wenn Schwadengras (Glyceria fluitans) und Binse vom dunklen Grunde empor nach dem warmen Lichte verlangend ihre Wurzelblätter ausstrecken und der wunderliche Huflattich die röthlichen Blüthenkolben, von keinem Blatte umfangen, wie Schachfiguren auf den feuchten, schwarzen Boden stellt, dann ist es bei den Vögeln schon lange Frühling geworden, auch ohne seine Hauptzeugen, das Schwalbenpärchen. Sie hatten ihres liebsten Freundes Nähe längst ahnend empfunden, wie eine begabte Natur die der andern. Aber wessen das Herz voll ist, deß geht der Mund über – und bei ihnen der Schnabel. Spatzen und Meisen fangen zuerst an. Ihnen geht’s im März schon gut genug gegen den Winter. Das weiß auch die Goldammer auf der Dachfirste. Träumerisch läßt sie das Schwänzchen herunterhängen, hat das Gefieder aufgeblasen, und singt leise und so recht innig ihre kurze, rührende Strophe. Und wißt Ihr, was das Liebchen bedeuten soll? Es hat bei uns auch einmal ein Dichter dasselbe gesagt:

Wohl war uns der Winter ein harter Gast,
Den armen, den trauernden Vögeln verhaßt.

Das fällt dem Aemmerling wieder Alles ein, indem er so singt, wie er vor kurzem noch vor dieser oder jener Thüre gebettelt, und wie er vor der Scheune auf dem Zaune saß und so sehnsüchtig wartete, die Katze möchte endlich davongehen, damit er die von der Tenne springenden Körnlein auflesen könnte. Immer mehr vergrößert sich indessen von Tag zu Tag das Vogelconcert. Ein Zauberer hat mit seinem Stabe aufgeschlagen, daß sich die Tonwellen nun weiter und weiter verbreiten durch Wald und Feld, wie die Wogen um einen in’s Wasser gefallenen Stein. Der Zauberer heißt Frühling, und jedes seiner Lieder ist ein Liebeslied.

Aber die anderen alle schwatzten nur von seinem beginnenden Regimente, wie die Nachricht von der Ankunft eines Fürsten murmelnd durch das Volk läuft. Da kam seine officielle Heroldin, die Lerche. Eine „tönende Rakete“ steigt sie in die Wolken. Scharfen Auges bewacht sie das unter ihr liegende Feld. Soweit ihr Lied gehört wird, will sie auch das Land besitzen, den alten römischen Rechtssatz umkehrend und behauptend: cujus coelum, ejus solum. Mit Schnabelhieben und Spornstreichen werden die Nebenbuhler aus den Revieren vertrieben, bis endlich der Lenz jedem der noch übrigen Vagabunden ebenfalls die Heimath angewiesen hat, und nun Landfriede herrscht.

Mit Liedern ist um ein Weibchen geworben worden, unter Liedern ist das Nestchen erbaut hinter der schützenden Scholle. Und als sie das erste erdgraue Eichen hineingelegt, da war der Seligkeit kein Ende. Bis es im Abendrothe schwimmt, und die Felder unten schon alle dunkel sind, jubelt das Männchen noch oben in den Wolken. Aber zuletzt muß es doch herab; denn was ausgegangen von der Scholle, muß immer wieder dahin zurück. Doch so schnell kann der begeisterte Vogel noch nicht zu irdischem Schlafe die Augen schließen. Ueberall auf der Brache singen die Lerchen noch fort – Hunderte – leiser zwar ein wenig und träumerischer, doch fast wunderbarer und süßer, als oben fern am Himmel. Es ist, als hätten sie ihn zur Nacht mit sich auf ihren Flügeln heruntergetragen, daß er sich unmittelbar auf die müde Erde decke, und als sängen sie nun noch fort, wie zwischen den Wolken, die als Nebel die Häupter der stillen, kleinen Blumen streifen.

Und allmählich erlöschen die Lerchenstimmcn, eine nach der andern, wie die Lichter in den Dörfern gegen Mitternacht hin. Wie die Lerche ihren Nistplatz, wenn auch nicht erobern, so doch behaupten mußte gegen Andere ihresgleichen, so geht es ebenfalls bei den übrigen Vögeln zu. Jedes Lied, möge es vom Wipfel der schlanken Tanne herab ertönen, oder aus dem dichten Rohrwalde des Stromes, von der unfruchtbaren Felsenkuppe, mit spärlichem Grase bewachsen, wie das Haupthaar eines Greises, oder aus dem blühenden Apfelbaume, – jedes Lied war ein Kriegslied und ist ein Triumphgesang geworden.

Aber wie glücklich sind die Vögel nicht daran! Jede schmetternde Fanfare, die dem Feinde sagen soll: „wahre Dich, hier wohnt schon ein Herr!“ lockt zu gleicher Zeit die Liebe, daß sie komme und ein Nestlein baue. Und wenn die Männchen auf dem Zuge zusammen gegen Abend eingefallen sind und zu singen anheben, im Liederstreit, eines immer süßer, als das andere, dann kommt sie auch über Nacht und im Traume, wie in jener hebräischen Sage. Stille hat sich das schönste Weibchen, das weiblichste, zu dem besten Sänger, dem männlichsten, begeben, und fort ziehen sie am anderen Morgen mitsammen, bis wo die Haide mit der verblühten Erica vom vorigen Jahre, das weite Stromufer oder der stille Waldfleck wieder einem Paare frischer Vogelherzen Schauplatz ihrer Liebe und ihres Lebens werden soll.

Möge das starke Geschlecht nach draußen hin seinen Kampf haben und seine Lieder: anspruchslos, wie sogar in den unscheinbaren Farben des Kleides, schaffen die Weibchen emsig und ruhig die Wiege für die Kleinen. Da wird jeder Vogel dreister und zutraulicher. Auf den Waldwegen sitzen die Finken, Meisen und die kleinen Sänger und zupfen die Halme und festgefahrenen Federn aus den Wagengeleisen, oder spähen nach ausgefallenen Haaren auf den Viehtriften. Der Weih (Milvus regalis) schleppt die wunderlichsten Raritäten aus der Nähe der Dörfer herbei, Alles, was nur irgend weich zu sein verspricht, ordnungslos in seinem Horste zusammenpackend. Grasbüschel, ein alter Eichkatzenschwanz, den vielleicht der Baummarder von seinem Fraße übrig gelassen, Lappen und Papierfetzen finden sich hoch oben in der luftigen Nachbarschaft wieder, und einmal fiel dem Schreiber dieses aus einem solchen Horste sogar ein veritabler ländlicher Liebesbrief in die Hände, wo noch deutlich zu lesen war, wie sie sich nach ihrem lieben Martin sehnt, der jetzt in Berlin „bei das achte Regiment“ steht.

Maigrün ist die Welt, alles Leid des Winters ist vergessen, und der Schnee, der jetzt noch fällt, stäubt von den Aepfelbäumen oder den Schlehdornhecken. Und mitten in all dieser blühenden Pracht, diesem Königreiche von Licht, Farbe und Duft, sitzt der Vogel mit der jauchzenden Kehle, Reichsherr und Reichsherold zugleich. Aber wenn auch die ersten lauten Frühlingstöne der Standvögel schon an warmen Februartagen einen Glauben verriethen, der fast Berge versetzen konnte, der Liebe hatten sie doch mehr, und sind kein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. Die Liebe aber ist überall ein Kind des Geheimnisses.

Da huscht es denn durch die blühenden Büsche, da arbeitet es an heimlichen Stellen auf den Wiesen, und macht eine Kuhfährte größer und dreht mit Brust und Steiß, damit das Loch rund und glatt werde, damit es mit den paar Halmen ausgelegt werden könne, auf denen die vier Eier, alle mit den Spitzen nach innen, liegen sollen. Da gräbt sich’s sogar mit zartem Schnäbelchen und Füßchen tief in die Erde, wie die Uferschwalben, die sonst um die Sonnenstrahlen über den Stromspiegeln flattern. Da hat es heimlich sogar zu dem Zweige, der sich über unserem Fenster dicht an das Haus lehnt, Halme und Federn getragen, ohne daß wir eine Ahnung davon hatten, bis der Winter mit den hämischen Händen das kleine Geheimniß zerzupfte. Die Spechte haben die Stämme bis zu ihrem Kerne für die zu erwartende Nachkommenschaft ausgemeißelt, und die Kleiber (Sitta eaesia, Meyer) in den vorjährigen Wohnungen die Hausthüren wieder halb zugeklebt, wenn sie für ihre Feinde auch weit genug waren. Und wie zierlich haben sie aus Halmen und Federchen geflochten, wie glatt und rund und nett in die Erde oder in die Stämme gebohrt! Ihr Haus und ihr Kleid, ihr Lied und ihr Leben, Alles athmet Anmuth bei den Vögeln.

Und wenn ein Vöglein wirbt! Wie da das Männchen sich so schmiegt und wendet um seine Liebe herum, wie es da so süß singt, so gut es die kleine Kehle eben vermag, wie es da dem Baumaterialien herbeischleppenden Weibchen entgegenfliegt und ihm schäkernd zum Neste folgt, dann über dem ordnenden und flechtenden auf die blühenden Zweige hüpft, und wie aus seinem vollen Herzen der Jubel hervortönt, für den nur einer bevorzugten Menschenbrust ähnliche Laute bescheert worden! Wehe der Hand, die sich frevelhafter Weise an einem Vogelneste vergreift!

Maigrün ist die Welt. Alle Vögel singen, und das rothe Abendlicht tanzt nach ihrem Liede in den Baumkronen. Immer dunkler wird es und leise rauscht es in den Wipfeln. Langsamer folgen die Strophen allmählich und langsamer, bis eine nach der andern ganz ausbleibt. In den Fliederbüschen am Gartenzaune schlägt zuletzt noch die Nachtigall allein. Warm, dunkel und feucht kommt die Nacht gezogen, und immer heißer athmet der Flieder seine Düfte, und immer mächtiger singt der Vogel, daß man fast [346] zu hören vermeint, wie ihm die Brust vor Wonne und Wehmuth springe. Drüben im Dorfe haben sich alle Thüren längst geschlossen. Einzelne trübe erleuchtete Fenster, hinter denen der Schmerz der Krankheit sich ruhelos auf dem Lager wälzen mag, bohren sich noch in das Dunkel hinein. Hin und wieder bellt ein Hund kurz auf. Die Dorfstraße ist öde und still, nur der Wind treibt kräuselnd ein Paar Halme daher. Vom andern Ende hat der Nachtwächter bereits sein Sprüchlein hergesungen, und selbst das leise Rauschen des Windes ist verweht. Da hebt die Nachtigall von Neuem an. O, wer sie so niemals gehört, der kennt ihr Lied gar nicht. Ihm darf nicht einmal der Mond leuchten, damit es mit seinen Schwingen, die gewaltiger als die des Adlers, um das in Duft und Dunkelheit beklommene Herz sich schlage, so schauerlich und süß, wie die Natur selber, in der Tod und Leben ja so eng an einander liegen.

Aber die Hähne krähen schon einzeln, und die Haidelerche am Waldrande ist hoch in die Luft dem jungen Tage entgegengeflogen, der wieder kommt, seine Sonne bis zum nächsten Abende leuchten zu lassen über der Vöglein Lieben und Leben.



II. Wie die Vöglein ihre Brut erziehen.

Und wenn der Tag geschieden,
Dann eilen wir zufrieden
Zurück zu unsrer Mutter Schooß.
Dan ist das Loos
Der kleinen bunten Sänger,
Je länger
Je lieber süßes Loos!
 Ernst Schulze.


Du hast gewiß schon einmal ein aus dem Neste gefallenes Vöglein gefunden, lieber Leser. Ist Dir nun da nicht der große Unterschied zwischen einem solchen und den auf dem Hofe umherlaufenden Küchlein oder jungen Entlein aufgefallen? Gewiß. Du wirst die richtige Bemerkung gemacht haben, daß das erstere der beiden jungen Vögelchen von den Eltern eine geraume Zeit noch gefüttert wird, ehe es flugbar das Nest verlassen kann, während die Küchlein oft mit der halben Schale auf dem Rücken in die Welt hineinlaufen, und emsig scharrend und umherspähend selbst ihr täglich Brod verdienen. Es wird Dir ferner aufgefallen sein, daß das junge Schwälbchen oder Spätzlein fast noch ganz nackt war, als Du es in die Hand nahmst, hin und wieder nur mit etwas spärlichem weißen Flaume bedeckt, während die Entlein oder Küchlein einen dichten gelben oder grünlichen Pelz trugen, der, verbunden mit der Wärme unter den Flügeln der Mutter, vor Nässe und Kälte hinreichend schützte. Dergleichen Brut, wie die der Schwalben und Spatzen, und andererseits wie die der Hühner und Enten, gibt es nun mehr, und diejenigen, welche ihre früheste Jugend nach der ersteren Art verleben, nennt man mit einem Worte Nesthocker (Insessores), während die letzteren Nestflüchter (Autoplagi) heißen.

Uebrigens macht hier die Natur durch Uebergänge öfter Ausnahmen von ihrer eigenen Regel, wo sie es zu ihren Zwecken gerade braucht, und so finden wir mitten unter den Nesthockern das vollständige Dunenkleid der Nestflüchter (z. B. bei den Raubvögeln) und unter diesen wieder das lange im Neste Verweilen der ersteren (z. B. bei den Reihern, Scharben [Halieus]). Milch haben die Vögel nicht, um mit diesem Nahrungsmittel ihre Jungen aufzuziehen. Es muß daher irgend etwas vorhanden sein, was diese Stelle vertreten kann. Das sind denn vor allen Dingen die Insekten. Nestflüchter daher, wie Nesthocker können im Ganzen und Großen dieselben als erstes Futter durchaus nicht entbehren, und diejenigen Küchlein unserer Höfe, welche ab und zu eine Spinne oder einen Regenwurm (wenn auch beides gerade keine Insecten, so doch als Nahrungsmittel diesen sehr ähnlich) erwischen können, gerathen immer besser, als wenn sie nur Vegetabilien vorgeworfen erhalten. Wo Nesthocker indessen niemals Insecten füttern, wie die Tauben es thun, da bereiten die Alten in ihrem Kropfe aus den Körnern schon vorher einen milchähnlichen, leicht verdaulichen Brei, der mit zunehmendem Wachsthum der Jungen auch derber und kräftiger wird, und sich bei deren Flugbarkeit schon nicht mehr von den um diese Zeit fast reifen Sämereien der Leguminosen, der Cruciferen und Euphorbien unterscheidet, welche hauptsächlich die Nahrung unserer wilden Tauben ausmachen.

Der Schauplatz des Lebens der Nesthocker ist nun, wie dies wohl leicht einzusehen, hauptsächlich Wald und Busch, während den Nestflüchtern das Feld, die Wiesen und die Ufer der Gewässer angewiesen sind. Alles, was unter’m grünen Laubdache zwitschert und singt, hat im Moose, zwischen Baumwurzeln, im hohlen Stamme oder in den Zweigen bis zum Gipfel hinauf sein Nestchen an irgend einer verborgenen Stelle, die meistentheils mit wunderbarer Präcision ausfindig gemacht worden ist, da ja hierin der ganze Schutz des ersteren besteht. Ueberall steckt denn so eine kleine Räuberhöhle mit mindestens vier unersättlichen Rachen, denen fortwährend gefangene Insecten zugeschleppt werden, um in diesen Schlünden spurlos zu verschwinden. Ein Schnäbelchen voll ist auf einmal nicht viel, aber es wird viel durch die Zahl der Angreifer und die Dauer, in welcher der Krieg geführt wird. Es wäre in der That sehr gefährlich, hier durch eine Schwächung der dem Menschen freundlichen Partei ein Uebergewicht auf der entgegengesetzten Seite hervorzurufen. Indessen taugen die luftigen Schwingenträger nur für das Tirailleurgefecht, und ein Kampf in geschlossenen Reihen sagt ihrer Natur nicht zu. Wenn daher aus Mangel an vernichtenden Schnäbeln oder aus irgend welchen anderen geheimen Ursachen ein Ueberfluthen lebendigen Stoffes, wie Buffon es nennt, stattfindet, wenn der Fraß etwa des Maikäfers, der Nonne (Liparis Monacha), des Schwammspinners (L. dispar) oder der Processionsraupen (Gastropacha processioneaHalieus und G. pinivora) überhand nimmt: dann fliehen die Vögel die kahl zerfressenen Orte, anderen Mächten den Streit überlassend, den sie selber jetzt nicht mehr zu bestehen vermögen. Der lichte Wipfel kann ihre Nester nicht mehr verbergen, und in Massen verzehren nur sehr wenige Vogelarten die haarigen Raupen oder die großen Käfer. Spanner (Geometra) und Wickler (Tortrix), sowie die glatten After-Raupen der Blattwespen (Tenthredo) sind ihre Lieblingsspeise, und diese Thiere müssen ebenfalls vorkommen, da der Hunger der Vögel mit dem hurtigen und wie durch eine innere Angst beschleunigten Fraße des heraufgezogenen Heeres doch nicht gleichen Schritt halten kann.

Doch kehren wir zu den Vögeln und ihren Nestern zurück. Es ist eine eigene, sorgsame Wirthschaft bei diesen Thieren, die, hinsichtlich ihres lockeren Federkleides, das nur durch dichte Ueberdachung und Anschließung der einzelnen Theile über und neben einander seinen Zweck der Erwärmung des Körpers erreichen und besonders die Möglichkeit des Fluges verschaffen kann, auf die exacteste Reinlichkeit angewiesen sind. Mögen Specht und Meise noch so tief durch ihr gemeißeltes oder sonstwie entstandenes Loch in den gehöhlten Baumstamm hineingegangen sein, immer werden ihre Jungen reinlich gebettet liegen. Jedes Krümchen Koth trägt die Mutter mit dem Schnabel zum Flugloche hinaus. Wenn der Wiedehopf, der durch seine Stänkereien zum Sprüchwort geworden ist, hierbei eine Ausnahme macht, so ist der Grund davon wohl hauptsächlich in dem langen, dünnen Schnabel desselben zu suchen, der, schwach außerdem noch an der Spitze, ein Herumsuchen in der Bruthöhle nicht gestatten würde. Daß übrigens die jungen Wiedehopfe nur kurze Zeit, nachdem sie flugbar geworden, sowie die Alten nur während des Brütens und der Jungenpflege auf eine so mephitische Weise parfümirt sind, kann auf das Bestimmteste versichert werden. Bei den Vögeln, welche nicht in Höhlen brüten, ist das Hinaustragen des Kothes nicht weiter nöthig, indem hier die Jungen selber für Entfernung desselben sorgen, welches Geschäft manche äußerst komische Position zur Folge hat. Aber selbst bei denjenigen Nesthockern, welche auf der Erde bauen, findet man keinen Wall von Excrementen um die Wohnung her, indem auch hier der größte Theil derselben von der sorgsamen Mutter entfernt wird, der der Instinct sagt, daß in verdorbener Luft keine Jungen gesund und fröhlich aufwachsen können. O, warum besitzen so viele Weiber (nicht Weibchen!) unserer eigenen, ebenfalls nesthockenden Species nicht denselben Instinct? –

Sind die Federstoppeln größer und größer geworden, haben sich die Flügelchen ein wenig entfaltet, und ist das Schwänzchen bereits einige Linien lang, so richtet sich schon hin und wieder einer der kleinen Insassen der Nester keck über seine Nachbar- und Brüderschaft auf, langsam gähnend und das Flügelchen reckend, als fange es ihm bereits an, gar sehr langweilig zu werden. Die Jungen der Raubvögel zerreißen in diesem Stadium schon selbst die ihnen vorgeworfene Beute. Endlich ist die Brut flugbar geworden. Das stärkste erhebt sich eines schönen Vormittags zuerst auf den Rand des Nestes, reckt noch einmal die Flügel, setzt zum Sprunge an und flattert hinüber zu dem kaum mehr als [347] eine Spanne weit entfernten nächsten Aste. Ha, wie sieht da die Welt schon ganz anders aus! Der benachbarte Baumstamm hatte ja vorher die Aussicht auf ein so mächtig großes Stück derselben verbaut. Die Mutter kehrt mit Aetzung zurück, nicht wenig erstaunt, zum ersten Male außerhalb der Wohnung angebettelt zu werden. Aber in derselben ist ihr bereits Alles schon aus dem Schnabel genommen worden, und der Guckindiewelt hat nichts bekommen.

Das scheint ihm denn doch ein bedenklicher Umstand zu sein, und er hüpft wieder auf den Nestrand zurück, versuchend, sich in die Gesellschaft der Geschwister einzudrängen. Aber diese haben es unterdessen gar nicht so übel gefunden, ihre wohlgenährten Bäuchlein etwas behaglicher in dem reichlicher vorhandenen Raume auszudehnen. Der kühne Auswanderer sieht sich auch hier abgewiesen, macht aber bald, vermöge seines glücklichen Temperaments, gute Miene zum bösen Spiele und erwartet geduldig den restaurirenden Schnabel eines der beiden Alten so nahe als möglich beim Neste. Als dieser Wunsch in Erfüllung gegangen, erhält auch er wieder seine Portion und schluckt sie vergnügt hinunter.

Indessen böse Beispiele verderben gute Sitten, und bald folgt wieder ein Vöglein seinem älteren Bruder und hüpft über den Nestrand hinaus. Jetzt verstehen auch die Alten den Fortschritt der Jugend, und die Flüchtlinge vor der Thüre werden ebenfalls bedacht. Diese lernen übrigens sehr schnell ihren Vortheil kennen und hüpfen den mit Aetzung herbeieilenden Alten bereits von ferne entgegen, mit der rührendsten Grazie um die köstlichen, herzerfreuenden Leckerbissen bittend. Da tritt denn ein umgekehrtes Verhältniß, wie früher, ein, und die jüngsten müssen bald machen, daß auch sie das Nest verlassen, um nicht zu großen Nachtheil zu erleiden.

So zerstreut sich denn die ganze Gesellschaft bald in die nächsten Büsche oder Wipfel, immer weiter sich von ihrer Wiege entfernend. Schreiten die Alten zu keiner ferneren Brut, so ziehen sie wohl mit ihrer diesjährigen Familie umher. Im umgekehrten Falle aber ist das alte Band schnell zerrissen, und in dem Revier, in dem das folgende Nest begonnen wird, sind die flüggen Jungen ebenso gut Fremde und Eindringlinge geworden, wie jeder andere Vogel derselben Art.

Anders geht es freilich bei den Nestflüchtern zu. Hier laufen die Jungen, sobald sie das Ei verlassen, meistentheils gleich mit der Mutter nach Nahrung aus. Sie werden nur vor Nässe und Kälte unter den schützenden Flügeln bewahrt und vor Feinden gewarnt. Für das Uebrige müssen sie selber sorgen. Da kriechen sie denn bei Annäherung eines Weihen oder eines vierfüßigen Schnapphahns wie die Mäuse unter das dichte Gras oder das Kraut, durch die dunkle Farbe des Rückens ihrer ganzen Umgebung sehr ähnlich sehend, dicht an den Boden geschmiegt, lautlos und unbeweglich in dieser Stellung verharrend und nur mit den glänzenden Augen verstohlen umherschielend. Die Gefahr ist glücklich vorüber, die Alte lockt zum Aufbruche, und die kleine Schaar ist bald wieder um diese versammelt, die keins ihrer Lieben vermißt.

Wie sehr die Farbe dabei eine schützende Rolle spielen muß, kann man besonders bei den kleinen Regenpfeifern sehen, von denen der eine, Aegialites minor, hauptsächlich auf dem kahlen, öden Sande der Fluß- oder Seeufer lebt. Hier kann man wohl die winzigen, kaum drei Finger hohen Jungen an den weißen Unterseiten erkennen, wenn sie lustig umherlaufen. Bei einer Gefahr drücken sie sich aber nur auf den freien Sand, auf diese Weise ein graues kleines Häufchen bildend, das fast wie ein Kiesel oder eine Kröte aussieht, und in dem wohl so leicht Niemand ein niedliches Küchlein ahnt. Hat man trotzdem das widerstandslose, ängstlich zirpende Thierchen ergriffen, so kommen die Alten, besonders das Weibchen, ganz nahe herbei, langsam und wie halbgelähmt, ein kurzes Streckchen über dem Boden dahinflatternd, oder sich wirklich lahm stellend, und vor dem Feinde mit herabhängenden Flügeln herhinkend, die Verfolgung allein auf sich zu lenken versuchend.

Oft nistet die Märzente (Anas Boschas) weit ab vom Wasser und muß zu Fuß ihre Wanderung nach demselben antreten, umgeben von ihrer wackeligen und wie die Flöhe herumhüpfenden und nach vorüberfliegenden Insecten schnappenden Brut, die besser mit dem fremden Terrain fertig wird, als die Alte selber. Einzelne Nestflüchter, die trotzdem angewiesen sind, ihre Jungen nicht im Neste groß zu ziehen, brüten sogar in und auf Bäumen, wie der Gänsesäger (Mergus Merganser) und der grünfüßige Wasserläufer (Totanus ochropus), der am liebsten alte Drosselnester bezieht. Da macht denn die Mutter kurzen Proceß mit den ausgekommenen Küchlein, einzeln jedes mit dem Schnabel beim Halse ergreifend und mit demselben hinabfliegend, es säuberlich auf den Boden niedersetzend, bis sie alle unten sind und oben nichts mehr zirpt.

Machen die Nestflüchter keine Brut weiter, wenn die Jungen der letzten vollkommen flugbar geworden sind, so bleibt auch hier, wie bei den meisten Nesthockern, die Familie beisammen, zu welcher später noch andere stoßen, wie denn die Bögel der ersteren Kategorie stets eine größere Neigung zur Geselligkeit zeigen, als die der letzteren. Zuletzt wird der Herbst rauher, und je nachdem einer Art die Nahrung früher oder später beginnt auszugehen, machen sie sich schneller oder langsamer auf die Streife nach derselben, oder gehen ganz auf und davon über das Meer. Wie’s dabei zugeht, erzähle ich Dir vielleicht ein ander Mal, lieber Leser.