Aus der Welt des Geldes

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Autor: Dr. H. Beta
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Titel: Aus der Welt des Geldes
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 16, S. 260–262
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Aus der Welt des Geldes.


Das Geld ist flüssig wie Wasser, weshalb es auch so leicht zu Wasser wird. Nein, noch viel flüssiger und stiller. Diebes- und feuerfest verschlossen, steigt und fällt es mit der Fluth und der Ebbe des „Geld-Weltmarktes“, gewinnt und verliert es an „Kaufkraft“. Die Ueberschwemmung Deutschlands mit mehr als Tausend Millionen Thalern aus Frankreich verwandelte jeden ehrlichen deutschen Thaler in einen sehr fraglichen halben, obgleich er vielleicht just deshalb lange für einen „Heckethaler“ gehalten ward. Was gebar er? Nichts. Oft fraß er sich sogar noch selbst auf. Unzählige andere eingeschwemmte Thaler flossen durch die Weltmarktscanäle davon, sogar nach Frankreich zurück.

Es ging uns beinahe wie den Weintrinkern in Auerbach’s Keller, als der zapfende Teufel auf der Tonne davon geritten war – welche Pleite! „Mir däuchte doch, ich tränke Wein!“

Ja, wenn wir damals schon gewußt hätten, was „Geldmarkt“ heißt, schon das englische Buch gelesen hätten, welches zum ersten Male die Geheimnisse dieses Marktes verrieth!

Die Engländer selbst, sonst erfahrungsreiche Geldmenschen, wußten’s auch nicht und kauften das Buch binnen weniger Monate in vier Auflagen weg. Der englische Titel lautet: „Lombard Street. A Description of the Money Market. By Walter Bagehot.“ (Lombard-Straße. Eine Schilderung des Geldmarktes. Von Walter Bagehot.) Mit Leben und Literatur Englands vertraute Männer, wie Professor F. von Holtzendorff, entdeckten bald die Wichtigkeit dieses Werkes auch für Deutschland. Auf dessen Veranlassung und mit einem Vorworte von ihm, erscheint es denn nun auch bald deutsch (bei Hartung und Sohn), so daß jetzt auch wir die unverbrüchlichen Gesetze, durch welche diese eigenthümliche kosmopolitische Flüssigkeit, Geld genannt, bewegt wird, ganz genau, zum ersten Male genau kennen und anwenden lernen können. Wir eröffnen hier vorläufig die Vorhalle zu diesen Geheimnissen und zwar meist mit des Verfassers eigenen Worten.

Es herrscht die Meinung, der Geldmarkt sei etwas so Unfaßbares, daß man ihn nur mit allgemeinen Worten beschreiben könne und Bücher darüber stets ungemein schwierig seien. Aber ich behaupte, daß der Geldmarkt eben so concret und wirklich sei, wie irgend etwas Anderes, in einfachen Worten geschildert und so erklärt werden könne.

Am kürzesten und wahrsten läßt sich Lombardstreet, die Bank- und Geldmarktstraße in der City von London, als die größte Verbindung ökonomischer Kraft mit ökonomischer Delicatesse, welche die Welt je sah, bezeichnen. An der Größe dieser Macht wird Niemand zweifeln. Geld ist eine ökonomische Macht. Jeder weiß, daß England das größte Geldland der Welt ist; Jeder giebt zu, daß es mehr unmittelbar disponibles baares Geld, als jedes andere Land habe. Aber nur Wenige wissen, wie viel größer diese fertig liegende Bilanz – die flüssigen Fonds, die Jedem für jeden Zweck geliehen werden können – in England als irgendwo in der Welt sind. Zeigen wir dies durch einige Zahlen. Die bekannt gewordenen Depositen der Banken, welche Berichte veröffentlichten, waren am Ende des Jahres 1872 und zu Anfang 1873 so:

London (31. Dec. 1872) 120,000,000  Pfund.
Paris (27. Febr. 1873) 13,000,000  
New-York (Febr. 1873) 40,000,000  
Deutsches Reich (31. Jan. 1873) 8,000,000  “ (Nur? D. R.)

Und die unbekannten Depositen in Banken, welche keine Uebersichten veröffentlichen, sind zudem in London viel größer als in irgend einer dieser Städte. Depositen bei Banquiers in London sind vielmals größer als die irgend einer andern Stadt – die von England vielmals größer als die eines andern Landes. Allerdings sind diese Bank-Depositen kein genauer Maßstab für die Quellen eines Geldmarktes. Im Gegentheil giebt es außerhalb der Banken Frankreichs und Deutschlands und aller nicht „bankenden“ Länder viel mehr baares Geld, als in England und Schottland mit einem entwickelten Bankwesen. Aber dieses baare Geld ist nicht sogenanntes „Geldmarkt-Geld“: es ist nicht zu bekommen. Aber das englische Geld ist verborgbares Geld. Wir sind kühner mit Benutzung unseres Geldes als irgend eine Nation des Continents, und die bloße Thatsache, daß unser Geld in Banken deponirt ist, macht es viel leichter zugänglich. Eine Million in den Händen eines einzigen Banquiers ist eine große Macht; er kann sie sofort beliebig verleihen, und Leute, die Geld brauchen, können ohne Weiteres zu ihm gehen. Aber dieselbe Summe ist, wenn zehn- bis fünfzigfach durch eine ganze Nation verstreut, überhaupt keine Macht; Niemand weiß, wie er sie finden und wen er darum angehen kann. Concentration des Geldes in Banken ist die Hauptursache, weshalb der englische Geldmarkt so beispiellos reich geworden ist.

Man sieht die Wirkung beständig. Wir verleihen ungeheure Summen, die anderswo zu bekommen unmöglich sein würde. Man sagt zuweilen, daß jedes beliebige Ausland für einen Preis Geld in Lombardstreet borgen könne, einige billiger, andere theurer, also Jeder, wenn er nur genug dafür bezahle. Mit Unternehmungen zu Hause ist’s ebenso. Wir haben ganz die Vorstellung verloren, daß irgend ein gewinnversprechendes Unternehmen aus Mangel an Geld unausführbar sei. Ein Ort nun wie Lombardstreet, wo man, mit höchst seltenen Ausnahmen, gegen gute Sicherheit für jeden anständigen, Gewinn versprechenden Zweck Geld haben kann, ist deshalb ein Luxus, dessen sich kein Land je vorher erfreut hat.

Der englische Verkehr wird in einer Ausdehnung, von welcher Ausländer kaum eine Vorstellung haben, mit geborgtem Capital betrieben. In jedem District giebt es kleine Gewerbtreibende, welche ihre Wechsel tüchtig discontiren und mit dem so geborgten Capital den alten Capitalisten bedrängen oder wohl gar vertreiben. Dieser neue Gewerbtreibende hat offenbar einen ungeheuren Vortheil in dem Verkehrswettkampfe. Wenn ein Kaufmann mit 50,000 Pfund eigenem Gelde zehn Procent gewinnen will, muß er 5000 Pfund jährlich damit verdienen und für seine Waaren demgemäß fordern; aber wenn ein Anderer zu seinen nur 10,000 Pfund sich, wie dies jetzt nicht mehr ungewöhnlich ist, noch 40,000 durch Discontos borgt, hat er dasselbe Capital viel billiger und kann viel billiger verkaufen. Hat er zu fünf Procent geborgt, muß er 2000 Pfund Zinsen zahlen, und wenn er, wie der alte Gewerbsmann, 5000 Pfund jährlich verdient, hat er nach Zahlung der Zinsen noch 3000 Pfund oder dreißig Procent von seinen eigenen 10,000 Pfund. Da nun die meisten Kaufleute mit viel weniger Gewinn zufrieden sind, so kann er mit etwas weniger Profit den Preis seiner Waare erniedrigen und den alten mit blos eigenem Capital arbeitenden Concurrenten vom Markte drängen. So giebt’s im modernen englischen Geschäft wegen der Sicherheit, Geld durch Discontirung von Wechseln oder sonst wie gegen mäßige Zinsen zu bekommen, eine sichere Prämie auf Arbeit mit geborgtem Capital und eine beständige Entmuthigung der Einschränkung auf eigenes Capital.

Die zunehmend demokratische Structur des englischen Verkehrs ist in manchen Kreisen sehr unpopulär und deren Wirkung allerdings sehr gemischter Art. Einerseits wird dadurch die Dauer großer Familien von Kaufmannsfürsten wie einst in Venedig und Genua, diese Vereinigung großen Reichthums mit aristokratischem Geschmacke, verhütet. Sie werden sozusagen von dem schmutzigen Haufen kleiner Leute verdrängt und ziehen sich nach ein oder zwei Menschenaltern in müßigen Luxus zurück.

Aber diese Fehler der Verkehrs-Demokratie werden durch einen großen Vorzug ausgeglichen. Kein Land mit großem ererbtem [261] Verkehrsruhm war in Europa je so wenig schläfrig, wie England, keines stets so frisch bei der Hand, um neue Vortheile sofort zu benutzen. Ein Land mit großen Kaufmannsfürsten ist nie so prompt; ihr Verkehr schlüpft immer mehr und mehr in Routine. Ein Mann mit großem Vermögen, wenn auch noch intelligent, denkt immer: „ich habe ein großes Einkommen und will es mir erhalten. Wenn Alles so bleibt, wie es ist, bin ich sicher, aber Veränderungen könnten dieses Einkommen gefährden.“ Deshalb ist ihm jede Aenderung der Verhältnisse ärgerlich, und er denkt so wenig als möglich daran. Aber ein neuer Mann, der sich noch emporarbeiten muß, weiß, daß solche Aenderungen zu günstigen Gelegenheiten für ihn werden können. Er sieht sich immer danach um, und so wie er eine findet, benutzt er sie. Die rohe und gemeine Structur des englischen Verkehrs ist das Geheimniß seines Lebens; denn sie enthält die „Geneigtheit zur Variation“, welche im menschlichen, wie im Thierbereiche das Princip des Fortschrittes ist.

Bei diesen beständigen Verborgungen ist Lombardstreet die große Vermittlerin, eine Art von beständigem Makler zwischen ruhig sparenden und thätig arbeitenden Districten. Politische Oekonomisten sagen, daß das Capital sich den gewinnreichsten Gewerben zuwende und sich schnell von weniger gewinnreichen Gewerben zurückziehe. Aber in gewöhnlichen Ländern ist dies ein langsamer Proceß, und Einige, die ihn mit Augen sehen wollen, um sich von einer abstracten Wahrheit zu überzeugen, zweifeln daran. Doch in England wäre der Proceß sichtbar genug, wenn man nur die Bücher der Banquiers und Wechselmakler besichtigen könnte. Ihre Wechselportefeuilles sind in der Regel voll von Wechseln, die in den gewinnreichsten Gewerben gezogen wurden, und vergleichungsweise leer an solchen aus weniger gewinnreichen. So läuft englisches Capital ebenso sicher und augenblicklich nach Orten des größten Bedarfs und Gewinnes, wie Wasser, um sein Gleichgewicht herzustellen.

Diese wirksame, stets flüssige Organisation giebt uns einen ungemeinen Vortheil im Wettstreite mit im Creditwesen weniger vorgerückten Staaten. Englisches Capital steht fähigen und sachverständigen Personen für ein neues Gewerbe immer sofort zur Verfügung. In Ländern, wo es wenig Geld zu verleihen giebt und dieses zögernd und widerstrebend verliehen wird, werden unternehmende Geschäftsleute lange zurückgehalten, weil sie nicht zugleich das Capital borgen können, ohne welches Geschicklichkeit und Kenntniß nutzlos sind. Alle plötzlichen Unternehmungen kommen nach England und enttäuschen dabei oft rationelle Wahrscheinlichkeit und die Prophezeiungen von Philosophen.

Diese „unbewußte Organisation des Capitals“ macht die Engländer nicht nur besonders lebhaft im Vergleich zu ihren Nachbarn auf dem Continente, um sich neuer mercantiler Begünstigungen zu bemächtigen, sondern auch fähig und kräftig, jedes Geschäft, dessen sie sich einmal regelmäßig bemächtigt haben, festzuhalten. Wie schon gezeigt, kann ein Neuling mit wenig eignem und viel geborgtem Capitale einen reichen Concurrenten, der blos mit seinem eigenen Gelde arbeitet, unterbieten, billiger verkaufen. Nun hat England eine ganz besondere Maschinerie, um neue Kräfte, welche sich mit niedrigen Preisen begnügen, in’s Geschäftsleben hineinzuziehen, und diese Maschinerie wird wahrscheinlich unseren weiteren Erfolg sichern, denn kein anderes Land wird so leicht darin mit Erfolg wetteifern können.

Die Hauptsache ist ganz klar, nämlich daß der englische Verkehr wesentlich mit geborgtem Capitale getrieben wird und wir nur durch die Verfeinerung unseres Banksystems befähigt sind, diesen Verkehr in dieser Massenhaftigkeit zu bewältigen. Aber genau im Verhältnisse zu dieser Macht steht dessen Empfindlichkeit, ich könnte wohl sagen, dessen Gefahr. Blos unsere Vertrautheit damit blendet uns für die merkwürdige Natur dieses Systems. Niemals war so viel geborgtes Geld in der Welt beisammen, wie jetzt in London. Von den vielen Millionen in Lombardstreet besitzen bei Weitem den größten Theil unsere Banquiers oder Andere auf kurze Frist oder gegen Zahlung bei Sicht, das heißt die Eigenthümer des Geldes könnten es jeden beliebigen Tag zurückfordern. In einer Panik*[1] thun es denn auch Manche, Würden sie plötzlich viel zurückfordern, so wäre unser Bank- und Industriesystem zugleich in großer Gefahr.

Einige dieser Depositen sind außerdem eigenthümlichen und sehr bestimmten Charakters. Seit dem deutsch-französischen Kriege sind wir in viel bedeutenderer Ausdehnung die Banquiers Europas geworden. Eine sehr bedeutende Summe ausländischen Geldes ist für verschiedene Zwecke hier in London niedergelegt worden. An einer anderen Stelle weist der Verfasser nach, daß das deutsche Reich während der Zahlungen aus Frankreich öfter zwischen zwanzig und dreißig Millionen Thaler in Lombardstreet gut gehabt und es, falls Alles auf einmal gefordert worden wäre, die Bank von England gesprengt haben würde.

Man könnte erwidern, daß dafür auch unsere jetzigen Mittel viel bedeutender seien; aber im Gegentheile giebt es und gab es niemals ein Land, in welchem das Verhältniß des reservirten baaren Geldes so gering war und ist, wie jetzt in England. Dafür giebt es ganz schlagende Beweise, aus welchen hervorgeht, daß wir, weit entfernt, uns auf die verhältnißmäßige Menge disponibeln Geldes in unseren Händen verlassen zu können, so ungeheuer wenig davon besitzen, daß ein Unbetheiligter von außen beinahe zittert, wenn er diese geringe Summe mit der Unermeßlichkeit des darauf gegründeten Credits vergleicht.

Die Ansammlung dieser unermeßlichen Summen in einem Orte und in wenigen Händen ist durchaus neu. Die Passiva unserer vier großen Londoner Actienbanken waren 1844 noch 10,637,000 und sind jetzt auf mehr als 60,000,000 Pfund gestiegen, die Privatdepositen der Bank von England von 9,000,000 auf 18,000,000 Pfund. Damals existirte nur ein ganz kleiner Theil des jetzigen ungeheuren Depositengeschäfts. Wir können uns deshalb für den Beweis der Sicherheit unseres Systems nicht auf lange Erfahrung berufen, denn die jetzige Größe dieses Systems ist durchaus neu. Offenbar mag ein System fähig sein, einige wenige Millionen zu reguliren, aber durchaus nicht so vielen Millionen gewachsen sein. So mag es denn auch mit Lombardstreet sein, so schnell war ihr Wachsthum und so ohne alles Beispiel ihr Wesen und Wirken. –

Die Gegenstände, welche man in Lombardstreet und rings um diese Geldwelt gruppirt sieht, sind die Bank von England, die Privatbanken, die Actienbanken und die Wechselmakler. Ehe wir jedoch diese einzeln schildern, müssen wir uns ansehen, was sie mit einander gemein und welches Verhältniß sie zu einander haben.

Die besondere Arbeit des Banquiers beginnt nach Ricardo, sobald er das Geld Anderer gebraucht; so lange er sich auf sein eigenes Geld beschränkt, ist er blos Capitalist. Demgemäß haben alle Banken in Lombardstreet (und Wechselhändler sind hier bloß eine Art von Banquiers) viel Geld, welches Anderen gehört, auf laufende Rechnung und in Depot. In continentaler Sprache ist Lombardstreet eine Organisation des Credits, und wir müssen sehen, ob es in ihrer Art eine gute oder schlechte Organisation ist.

Credit heißt, daß ein gewisses Vertrauen geschenkt und ein gewisser Glaube dafür gegeben wird. Ist dieser Glaube gerechtfertigt? Und ist dieses Vertrauen weise? Das sind die Hauptfragen. Um es einfacher auszudrücken, so ist Credit eine Reihe von Versprechungen, zu bezahlen. Werden diese Versprechungen gehalten werden? Nun ist beim „Banken“ (wie wir es der Kürze wegen nach englischem Muster auch zeitwörtlich brauchen wollen) die jederzeitige Fähigkeit, Verpflichtungen zu erfüllen, die Cardinaltugend, da hier Verpflichtungen oder Versprechungen zu zahlen, so groß und die Frist für diese Zahlungen, wenn’s verlangt wird, so kurz ist.

Alles, was ein Banquier seinen Gläubigern zu zahlen braucht, ist eine hinreichende Menge der gesetzlichen Tender (wie wir auch statt „Zahlungsmittel im Lande“ sagen werden), wobei es ganz gleichgültig ist, woraus dieser gesetzliche Tender bestehe. Wie viel davon hält nun die Bank von England? Gewöhnlich, aber nicht gesetzlich, ein Drittel. Und die anderen Banken? Nichts oder so viel wie Nichts.

Keine derselben hält irgend einen substantiellen Betrag über das tägliche Bedürfniß hinaus. Alle Londoner Banken verwahren ihre Hauptreserve als Depot in dem Bankdepartement der Bank von England. Das ist bei Weitem der leichteste und sicherste Platz für sie. So hat die Bank von England die Verantwortlichkeit [262] für Aufbewahrung dieser Reserven. Dieselben Gründe, welche eine Privatperson veranlassen, sich einen Banquier zu halten, bewegen auch jeden Banquier in Bezug auf seine Reserve, wenn er es mit Sicherheit kann, bei einem anderen Banquier zu banken. Die Bewachung großer Summen, solider Casse verursacht viel Sorge und einige Kosten; Jeder wünscht diese Anderen zuzuschieben, wenn er es ohne Nachtheil kann. Alle anderen Londoner Banquiers benutzen daher wegen des vollkommenen Vertrauens in die Bank von England dieselbe zur Aufbewahrung ihrer Reserven. Die Wechselmakler machen’s vielfach ebenso. Diese sind eigentlich eine besondere Art von Banquiers, welche tägliche Zinsen auf deponirte Gelder bewilligen und meist für ihr Geld Sicherheit geben. Sie verleihen den größten Theil ihres Geldes und deponiren den Rest entweder in der Bank von England oder bei einem der Londoner Banquiers. Letztere verleihen auch beliebig viel und lassen den Rest in der Bank von England, Wir kommen zuletzt immer wieder auf die Bank von England zurück.

Aber die, welche große Summen bei einem Banquier halten, gewinnen eine Bequemlichkeit auf Kosten einer Gefahr. Sie können ihr Geld verlieren, wenn die Bank bricht. Da nun alle anderen Banquiers ihre Reserven in der Bank von England haben, so sind sie alle der Gefahr des Bankerotts ausgesetzt, wenn diese Bankerott macht. Sie sind von der Verwaltung der Bank von England abhängig und zwar gerade in Zeiten einer Krisis für das reservirte Geld, welches sie halten, um einer Schwierigkeit, einer Krisis zu begegnen. Und darin liegt sicherlich eine beträchtliche Gefahr. Die Bank von England konnte bereits dreimal (seit 1844) nur durch Gesetzesbruch und Staatsgewalt vor Bankerott gerettet werden.

Aber die Gefahr für die Depositenbanken in nicht die einzige der hauptsächlichsten Folgen von dieser Methode, die Londoner Reserven aufzubewahren. Die Hauptwirkung ist, daß die Reserven viel kleiner im Verhältniß zu den Verpflichtungen gehalten werden, als es sonst der Fall sein würde. Die Reserven der Londoner Banken befinden sich im Depot der Bank von England, und diese verleiht immer einen Haupttheil davon. Nehmen wir den günstigen Fall, daß dieses Bankdepartement mehr als zwei Fünftel ihrer Verpflichtungen in Casse besitze, drei Fünftel von ihren Depositen verleihe und blos zwei Fünftel in Reserve behalte. Beträgt nun das Depositencapital der Banquiers 5,000,000, so werden 3,000,000 von dem Bankdepartement verliehen und nur 2,000,000 zurückbehalten. Folglich sind diese 2,000,000 Alles, was die Bank von England an wirklicher Casse gegenüber den Verpflichtungen der Depositenbanken besitzt. Wenn Lombardstreet plötzlich zur Liquidation gezwungen würde und so viel zahlen müßte, als es sofort im Stande wäre, so würden diese 2,000,000 Alles sein, was die Bank von England diesen Depositenbanken geben könnte, und folglich würden diese Banken den Personen, welche bei ihnen deponirt haben, nur ebenso viel, höchstens mit Hinzufügung der kleinen Summen für das Tagesgeschäft, zahlen können.

Wir sehen also, daß die Reserven der Bank von England – neuerdings durchschnittlich 10,000,000 und früher viel weniger – Alles sind, was gegen die Verpflichtungen von Lombardstreet festgehalten wird. Wäre dies Alles, so könnten wir wohl über die ungeheuerliche Entwickelung unseres Creditsystems erstaunt sein – erstaunt über die unermeßliche Höhe unserer Schulden, zahlbar bei Sicht, und die geringfügige Summe wirklichen Geldes, welches wir halten, um gleich auf Verlangen zu bezahlen. Aber es kommt noch mehr. Lombardstreet ist nicht blos ein Ort, der verlangt, daß Reserven für ihn gehalten werden, es ist selbst ein Ort, wo Reserven gehalten werden. Alle Provinzialbanquiers lassen ihre Reserven in London aufbewahren. Sie behalten in ihrer Provinzialstadt möglichst wenig baaren Geldes für die laufenden Geschäfte dieser Stadt zurück. Sie schicken ihr Geld nach London, legen einen Theil in Sicherheiten an und halten den Rest bei Londoner Banquiers und Wechselmaklern. Schottische und irische Banquiers machen’s ungefähr ebenso. All’ ihr überflüssiges Geld ist in London und angelegt wie alles andere Geld in London. Deshalb sind die Reserven im Bankdepartement der Bank in England nicht blos die dieser Bank, sondern von ganz London, und nicht blos von ganz London, sondern von England, Schottland und Irland dazu.

Neuerdings sind unsere Verpflichtungen noch weiter und höher gestiegen. Wir können sagen, daß wir seit dem deutsch-französischen Kriege auch die Reserven von Europa in Verwahrung haben. Bankdepots sind auf dem Continente so gering, daß keine großen Reserven für dieselben gehalten zu werden brauchen. Aber alle großen Gemeindeverbände haben zuweilen große Summen baar zu zahlen, und diese müssen irgendwo vorräthig gehalten werden. Solcher Vorrathskammern gab es früher zwei in Europa, die Bank von Frankreich und die Bank von England. Aber seit Suspendirung der Speciezahlungen durch erstere ist sie kein Reservoir mehr dafür. In Folge davon ist die ganze Verpflichtung für solche internationale Baarzahlungen der Bank von England zugefallen. Nun können Ausländer ohne Zweifel uns unser Geld nicht nehmen; sie müssen „Werth“ in einer oder der anderen Form für Alles, was sie wegnehmen, schicken. Sie brauchen aber nicht baares Geld zu senden; sie mögen gute Wechsel in Lombardstreet präsentiren und sie discontiren lassen und dafür jeden Theil des Werthes oder den ganzen baar entnehmen. Mit anderen Worten heißt dies nur, daß sich alle Wechseloperationen mehr und mehr in London concentriren. Früher war Paris für viele Geldgeschäfte ein europäisches Abrechnungshaus; jetzt ist es das nicht mehr. London ist deshalb das einzige große Abrechnungshaus für europäische Wechselgeschäfte geworden. Und diesen Vorzug wird es wahrscheinlich behaupten; aber die damit verbundenen Gefahren schildert der Verfasser als so groß, so sachverständig durchsichtig, daß alle Personen, die irgendwie mit Wechseln zu thun haben, mit geborgtem Gelde arbeiten oder verliehenes beschäftigen, nichts Vortheilhafteres thun können, als sich durch genaues Lesen seines Buches mit der Größe und Bedrohlichkeit dieser Gefahren vertraut zu machen. Giebt er doch zugleich auch die sichersten Mittel an, wie England und jeder Einzelne sich dagegen schützen müsse, um nicht „reinzufallen“.

Dr. H. Beta.




  1. * „Panik“, creditlose, geldgefährliche Zeit, entsteht in England meist, wenn die einzige Bankreserve des Landes in der Bank von England unter ein Drittel der Passiva, der Geldverpflichtungen, des darin deponirten und wieder verborgten Geldes sinkt oder nur zu sinken droht.