Aus eigener Kraft (Wilhelmine von Hillern)/II

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
Autor: W. v. Hillern geb. Birch
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Aus eigener Kraft
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 3–18, 21–22, 38–52
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Hinweis: Der Text wird aus technischen Gründen aufgeteilt in I und II.
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[337]
22. Uebergänge.

Sechs Jahre waren verstrichen seit den schwülen Tagen, in denen die giftige Frucht unnatürlicher Verhältnisse zur Reife gediehen. Die Luft war wieder rein, die giftige Frucht abgefallen, um der Blüthe einer natürlichen Entwicklung Platz zu machen. Der Candidat hatte Zürich verlassen. Er war zu wenigen Wochen Gefängniß verurtheilt worden und als er aus seiner Haft in das Salten’sche Haus zurückgekehrt war, da zeigte es sich erst, daß sein Verhältniß zu Adelheid entweder eine Trennung oder eine Verbindung nothwendig machte. Der Bann, der sie bisher in ihren Grenzen gehalten, war ja mit dem Tode des Freiherrn gebrochen. Adelheid war frei, Beide liebten sich mit ungeschwächter Gluth und doch wiesen sie den Gedanken an eine Verbindung in richtiger sittlicher Erkenntniß von sich; sie waren sich verloren, ohne für einander erkalten zu können, jeder Tag, jede Stunde des Beisammenseins nährte in den Beiden eine Qual, die sie aufreiben mußte. Alfred hatte sehr bald mit feinem Instinct herausgefunden, daß Feldheim litt und daß er nur um seinetwillen in Zürich aushielt. Er erklärte es sich aus dem Kummer um all’ das Unwürdige, das er erduldet, und fühlte, daß der edle Mensch unter diesen Verhältnissen zu Grunde gehen mußte. Da machte er der Pein selbst ein Ende. „Herr Feldheim,“ sagte er eines Tages, „gehen Sie auf meine Güter und werden Sie dort mein Stellvertreter. Mir sind jetzt viele Seelen anvertraut, für die ich sorgen muß, und ich bin noch zu jung und unwissend dazu. Thun Sie es für mich, machen Sie meine Untergebenen zu glücklichen und guten Menschen. Ich bin nur Einer, der Ihrer bedarf, dort sind Viele, die vielleicht noch dringender einen Führer brauchen, ich will meine erste Pflicht als Gutsherr erfüllen und ihnen den besten Mann abtreten, den ich habe!“

Und als Feldheim ihn prüfend ansah und ihn fragte: „Alfred, kann ich Dich schon Dir selbst überlassen?“ da hatte er standhaft die Thränen hinuntergewürgt und ein einfaches „Ja!“ gesagt, aber dem Freund war es so viel wie ein Schwur. Er ging und wurde Pfarrer auf Alfred’s Besitzthümern. Er sorgte für das geistige und materielle Wohl der kleinen Gemeinde und fand Frieden in der bescheidenen Verwirklichung der menschenfreundlichen Ideen, die ein so enges Band zwischen ihm und seinem Schüler bildeten.

Alfred war sich nicht bewußt, welch’ große That der Selbstverleugnung er vollbracht, da er das Theuerste, was er besaß, freiwillig von sich verbannt. Aber der Geist, der sie ihm eingegeben, half ihm auch aufrecht bleiben und er hielt sein „Ja!“, als wäre es ein Eid gewesen.

So wuchs er heran, sein eigener Herr und Herr seiner Selbst, zwei Dinge, die man in solcher Jugend selten beisammen findet. Niemand in seiner ganzen Umgebung hatte Macht über ihn.

Adelheid war seit der Trennung von Feldheim eine bleiche stille Frau geworden, sie litt klaglos, aber schwer und tief. Ihre üppige Gestalt verfiel, sie wurde von Tag zu Tag schlanker, mädchenhafter, und wer sie sah, den rührte ihr Anblick, denn sie glich mehr einer Braut, die um den Geliebten trauert, als der Wittwe eines durch ihre Schuld gemordeten Mannes. Es lag ein jungfräulicher Schmelz über ihrem ganzen Wesen, eine sanfte Ergebung, ein der Erde Entrücktsein, das eben nur wahre Liebe und wahre Reue verleiht. Und wie viel auch der Kummer von ihrer blühenden Fülle und Frische aufgezehrt hatte, es wurde reichlich ersetzt durch den Adel eines geläuterten Bewußtseins auf der bleichen Stirn, durch den verklärten Blick der umschatteten Augen, ein Blick, so glänzend und geisterhaft, als suche sich die Seele eine andere Heimath und als sähe sie dieselbe schon in der Ferne winken. – Sie hatte gerne eingewilligt, in Zürich zu bleiben, denn sie schämte sich nach Allem, was vorgefallen und kein Geheimniß geblieben war, in die Welt zurückzukehren, und wäre es auch nicht so gewesen, es war der Wille Alfred’s und der war ihr Gesetz. Es war ein rührendes Verhältniß geworden zwischen dieser Mutter und diesem Sohne, ein Verhältniß wie zwischen Bruder und Schwester. Namenloses hatte sie gelitten, so oft sie Alfred Aug’ in Auge gegenüber stand, und er hatte es gefühlt und hatte gelernt, Großmuth zu üben. Mit zarter Schonung suchte der heranreifende Jüngling die Schamröthe auf der Stirn der Mutter zu bannen; aber sie konnte es nicht lassen, in ihm den Zeugen ihrer Schmach, ihren Richter zu sehen, und ordnete sich ihm unter mit einer Demuth, einer Willenlosigkeit, die den Sohn zum unbedingten Herrn seiner Mutter machte. Welch’ ein weites Gebiet für Alfred, den ganzen Edelmuth seiner Seele zu entfalten! Er that es auch. Noblesse oblige – und so überboten sich die Beiden in gegenseitiger Liebe und Rücksichtsnahme. Als Alfred erwachsen war, durfte er sich in Wahrheit als das Haupt der Familie betrachten, denn selbst die [338] Tanten in der Ferne waren von seiner Großmut abhängig und er sorgte mit Umsicht und Energie für ihr Schicksal, ohne sich durch Klagen und Bitten um dies oder jenes beirren zu lassen. Er war ein Jüngling gewesen, da er noch Knabe, jetzt war er ein Mann, da er noch Jüngling war.

Mit stiller Genugthuung blickte er auf die Stunde zurück, wo Feldheim verhaftet worden und er allein hülflos mit einer ebenso hülflosen Mutter zurückgeblieben war, denn er durfte sich sagen, daß er sich redlich aufgerafft hatte aus eigener Kraft, wie sein Lehrer es ihm verheißen hatte. Und dies Abschiedswort Feldheim’s war in Wirklichkeit seine Losung geworden, seine unsichtbare Stütze in jedem Leid, der sichere Bürge für die Unabhängigkeit seines ganzen Lebens.

Sobald es seine nach des Vaters Tode geschwächte Gesundheit erlaubte, hatte er sich der furchtbaren Operation unterworfen, von der ihn die jäh hereingebrochene Katastrophe abgehalten. Der kaum sechszehnjährige Knabe, der keinen Schuß knallen hören konnte, hatte das Chloroform verschmäht und eine Standhaftigkeit im Ertragen des größten Schmerzes bewiesen, die unter den Aerzten wahres Aufsehen erregte. Von dieser Zeit entwickelte sich ein freundschaftliches Verhältniß zwischen Alfred und dem Professor Zimmermann. Die Neigung, Arzt zu werden, die der kränkliche Knabe schon längst besaß, gewann im Verkehr mit dem genialen Chirurgen immer festeren Boden, und als er nach zwei Monaten zum ersten Male zwar noch hinkend, aber doch ohne die lästige Maschine durch Gottes schöne Natur hinschritt, theilte er seiner Mutter den Entschluß mit, Medicin zu studiren: „Der Arzt ist ein wahrer Wohlthäter der Menschheit, denn er rettet mit dem Körper auch die Seele,“ sagte er. „Er ist der eigentliche Vermittler zwischen dem Geist und der Natur, er muß den ewigen Kampf der beiden schlichten und das Gleichgewicht zwischen ihnen erhalten. Eine erhabene Aufgabe, wenn sie richtig erfaßt wird. Ich will sie zu lösen versuchen!“

Adelheid ließ ihn gewähren und er begann ohne Zögern seine Studien. So war er auf sich allein gestellt nach allen Richtungen und nichts fehlte ihm als die physische Stärke, die ihn auch äußerlich anderen Männern ebenbürtig gemacht hätte. Aber es ist eine alte Erfahrung, daß der Mensch gerade auf das den größten Werth legt, was ihm versagt ist. Dieser Mangel war von Kindheit auf der wunde Fleck in Alfred’s Seele. Wäre er in einer Umgebung aufgewachsen, wo nichts ihn darauf aufmerksam gemacht hätte, er wäre unbefangen geblieben. Aber er hatte beständig Gelegenheit, sich mit einem Ausbund von Muth und Kraft zu vergleichen, und dieser Ausbund beschämte ihn um so mehr, als er dem schwächeren Geschlecht angehörte und eine tiefe Neigung in der Seele des Jünglings entzündet hatte. So verfiel er auf das unglückliche Streben, sich einen Anstrich von Ritterlichkeit anzueignen, um Anna Hösli, die nichts so bewunderte als Ritterlichkeit, zu gefallen. Ein immer vergebliches Ringen, ein aufreibendes Wollen und nicht Können. Sich mit dem Streben eines Heros in der Brust als einen Krüppel zu empfinden, wem wäre das nicht qualvoll? um wie viel mehr mußte es einem Liebenden sein, der sich dadurch zum Gegenstand des Mitleids oder Spottes vor der Geliebten herabgewürdigt sah! Die Nächte durch studirte und arbeitete er, um die Tagesstunden so viel als möglich zum Turnen, Reiten und ähnlichen Beschäftigungen benützen zu können; doch was half es? Er war und blieb zart und schmächtig gewachsen, sein Gang war und blieb schleppend, seine Augen wurden von einer blauen Brille verborgen. Er eignete sich nicht für die Rolle des Helden und sie trug ihm nur Beschämungen aller Art ein.

Anna Hösli aber war eine Heldenjungfrau an Leib und Seele, Alles bewunderte sie. Sie war berühmt wegen ihres Turnens, Reitens und Schwimmens, ebenso wegen ihrer Schönheit und ihres Muthwillens. Der alte Jugendgefährte spielte, was man so sagte, eine traurige Figur neben ihr. Sie übersah ihn geflissentlich. Jedes junge Mädchen, das sich soeben entfaltet hat, begrüßt sich selbst mit einer Art stolzer Verwunderung über die eigene bisher ungeahnte Pracht und Herrlichkeit. Dies ist eine Epoche harmlosen Egoismus’, in der es die Welt nur als den Rückert’schen Garten betrachtet, den die Rose schmückt, wenn sie sich selbst schmückt. Was hat in solcher Zeit ein Verehrer zu hoffen, mit dem man sich nicht schmücken kann, dessen Nennung unter den Freundinnen höchstens ein Achselzucken hervorruft! Ein Verehrer, auf den man sich nichts einbilden darf! Und wenn man selbst etwas für denselben fühlte, man dürfte es sich doch nimmer gestehen – wie würden die Bekannten lachen, wenn sie merkten, man liebe den kleinen hinkenden Alfred Salten! Und wenn nun gar einmal dieser arme Anbeter vor allen Leuten auf dem „Hirschgraben“ vom Pferde gefallen war, während man mit allen Freundinnen vorbeiging – so war das eine Blamage, welche sich auch auf die mit übertrug, der zu Liebe er sein Pferd so ungeschickt manövriren ließ; ein solcher Ritter mußte verleugnet werden.

Diese und ähnliche Gründe waren es, welche die stolze Anna Hösli immer in einer gewissen Entfernung von Alfred hielten – sie schämte sich der Gemeinschaft mit einem Menschen, der sich lächerlich gemacht hatte. „Es sieht zu komisch aus, wenn Sie mit dem Salten gehen,“ hatte einmal ein Herr zu ihr gesagt – das saß fest und fraß weiter. Ein junges Mädchen will Alles auf der Welt eher sein als „komisch“ – in diesem Sinn!

Als Tags darauf Alfred sie bat, ihn nach Geßner’s Eichenhain zu begleiten, schlug sie es ab. Die folgenden Tage ebenso, und Alfred fühlte bald, daß sie sich nicht mehr mit ihm zeigen wollte. Er dachte, es sei eine der Veränderungen, die ihr beiderseitiges Erwachsensein mit sich brächte, und ergab sich traurig darein, aber ohne Groll – den wahren Grund ahnte er nicht. Sie sah, daß es ihn schmerzte, und nun kam es wie schon oft: sie bereute, ihm weh’ gethan zu haben, und schlug ihm einen andern, weniger belebten Weg nach Geßner’s Eichenhain vor, als den gewohnten, dort hoffte sie nicht mit ihm gesehen zu werden. Sie wußte es selbst nicht, daß sie den Spott der Leute noch mehr für Alfred als für sich selbst fürchtete, daß sie ihn noch mehr um Alfred’s willen als um ihrer selbst willen vermied.

So schritt denn das ungleiche Pärchen an einem schönen Sommernachmittage nach dem stillen wundervollen Wäldchen, dessen Wipfel das einfache Denkmal Geßner’s beschatten. Niemand war ihnen begegnet, kein boshaftes Lächeln hatte Anna’s Gefühl verletzt, sie war für einen Augenblick ganz allein mit Alfred auf der Welt. Schweigend traten sie in die grünen Hallen, welche die Natur selbst dem Andenken ihres treuen Malers erbaut zu haben schien, und in das Rauschen der dicht verschlungenen Aeste woben sich leise die kindlich rührenden Worte des entschlafenen Dichters. Ein feierlicher Geist wehte hier in dem kühlen Waldesdunkel, wie er alle die Gedächtnißstätten umgiebt, die ein dankbares Volk dem Andenken seiner Edlen geweiht. Ein leiser freundlicher Mahnruf an das verborgen schlummernde Gute und Erhabene im Menschenherzen klingt durch die Luft, es ist als ob der große Todte aus dem Munde des Abbilds spreche: „Folge meinem Beispiel – Du kannst es, wolle nur!“

So empfand es Alfred und der schwärmerische Zug, den er aus seiner verträumten Kindheit mit herübergenommen, machte sich in solchen Augenblicken geltend. Er hatte in dem mannhaften Streben nach einem hohen Beruf nichts von der Weichheit und liebenden Einfalt seines Gemüths eingebüßt.

Sie blieben vor der Büste Geßner’s stehen und Alfred lehnte müde am Sockel, sein geheilter Fuß war doch schwächer geblieben als der andere und vieles Gehen strengte ihn an. Er nahm hier im Grünen die Brille ab und seine weit ausblickenden Augen schienen eine wundervolle Erscheinung in dem Dickicht zu verfolgen, die nur ihm sichtbar war. So kam es Anna vor, als sie ihn verstohlen betrachtete. Er dachte wohl nicht an sie, er war in seine Träumereien versunken und schien sie ganz vergessen zu haben. Sie wußte nicht, warum ihr das weh that, sie wollte es ja selbst nicht besser haben. Aber der Friede des Ortes, die Stille des lauschigen Haines hatte auch auf sie gewirkt, es war ihr weich um’s Herz geworden und sie meinte, sie würde Alfred jetzt besser verstehen als sonst – und jetzt gerade redete er nicht mit ihr. Sie mußte ihn immer wieder anschauen. Wenn er die häßliche Brille nicht trüge, wie viel schöner wäre er! Er hatte viel von seiner Mutter. Das lockige seidene Haar, wenn auch mehr dunkelblond als röthlich, die classische Linie des Profils. Nur die Augen waren von unbestimmterer Farbe als die der Mutter, man wußte nicht, waren sie schwarz ober grau. Es waren seltsame Augen, so unergründlich in der Farbe, so milde und doch so durchdringend, so sehnsüchtig, als wolle er mit einem Blick die ganze Welt umfassen, und doch so stetig und ruhig, wenn sie auf einem [339] einzelnen Gegenstande hafteten. Anna gestand sich, daß er ein schöner Jüngling sei, wenn er nicht so krank aussähe – und so klein wäre! Sie hatte Unrecht, Alfred war nicht ungewöhnlich klein, Aennchen aber war ungewöhnlich groß und so überragte sie den Jüngling um eines Fingers Breite, ein Mißverhältniß, dem sich durch nichts abhelfen ließ. Und sie verglich unwillkürlich seine schmalen Schultern mit den ihren und seine zarten fast weibischen Hände ärgerten sie, weil sich ihre Brüder oft darüber lustig gemacht, daß Alfred eine kleinere Handschuhnummer trug als Aenny, deren Hände schön, aber vom vielen Turnen stark entwickelt waren. Und doch – er konnte ja nichts dafür, der arme Alfred, daß er solch ein schwächlicher Bursche war! Manchmal kam ein eigenthümliches süßes Mitleid über sie, wenn sie ihn so betrachtete, den guten kleinen Fredy.

„Aennchen, was schaust Du mich so lieb an?“ fragte Alfred plötzlich und Aenny erschrak, daß er sie darauf ertappt hatte.

„Ich denke, Du bist müde; Du siehst so bleich aus.“

„Es kann wohl sein,“ meinte Alfred, nahm den Hut ab und wischte die feuchte Stirn.

„Schau; der Hut hat eingeschnitten, Du hast einen rothen Strich auf der Stirn. Thut’s weh?“ Sie legte mitleidig ihre warme volle Hand auf die Stelle. „Wie heiß Du bist!“

Alfred drückte die theure Hand fest auf seinen Kopf. „Lieb’ Aennchen!“ So pflegte er zu sagen, wenn ihm das Herz überlief.

„Wart’, Du könntest Dich erkälten ohne Hut mit dem heißen Kopf, und dann schilt mich Deine Mutter, daß ich nicht besser Acht auf Dich gab! Laß den Hut nur weg – er thut Dir ja weh.“ Sie zog ein weißes Foulard aus der Tasche, machte es dreieckig und band es Alfred um den Kopf. „Wie herzig Du jetzt aussiehst!“ lachte sie auf, „ganz wie ein Mädchen; wenn der dumme Schnurrbart nicht wäre, kein Mensch hielte Dich für einen Mann!“.

„Ein schönes Compliment!“ sagte Alfred unangenehm berührt.

„Sei nur nicht böse, es steht Dir ja so gut. Ich kann’s Dir gar nicht sagen, wie lieb Du aussiehst, ich möchte Dir gleich einen Kuß geben, wie einem neu entdeckten Schwesterchen.“

„O Aenny, um den Preis will ich auch Deine Schwester sein!“ rief Alfred und bot ihr graziös den feinen Mund dar.

Sie erröthete jäh. „Nein, nein, Alfred, wir sind ja keine Kinder mehr!“

„Es sei denn, daß ihr werdet wie die Kinder!“ citirte Alfred und schlang den Arm um sie; „laß uns Kinder bleiben, so lange wir können, Aenny!“ Und er zog sie an sich, da half kein Sträuben, sie wunderte sich, wie stark er auf einmal war. „Aenny, warum soll denn jetzt Alles anders zwischen uns werden, und es war doch so schön?!“ sagte er, ihr fest in’s Auge sehend.

Sie wurde verlegen, sie wußte nicht, was sie sagen sollte. Sie hatten sich einander von je her geküßt und nichts dabei gedacht; wenn sie es nun plötzlich weigerte, mußte er ja glauben, sie denke sich etwas dabei – und das war doch ganz und gar nicht der Fall. So nahm sie den schlanken Kopf des Jünglings in beide Hände und drückte einen herzhaften Kuß auf seine flaumigen Lippen – und noch einen – was kam denn darauf an, es war ja ihr Spielcamerad und er sah gar so herzig aus in dem glühenden Schimmer der Abendsonne oder – ihres Kusses? Sie waren beide roth geworden und wollten es sich nicht merken lassen. Sie küßten sich aus Verlegenheit zum dritten Mal, nur weil sie sich dabei gegenseitig nicht ansehen konnten, aber die dumme Röthe wich und wankte nicht, im Gegentheil, es wurde immer schlimmer. Sie mußten sich endlich doch anschauen und sie sagten wie aus einem Munde, es sei heute sehr heiß!

Aennchen wandte sich zum Gebüsch an der Seite und hob dort Etwas vom Boden auf. „O das arme süße Ding,“ sagte sie, „es ist ein Rothkehlchen!“ Sie setzte sich in das Gras und legte das Thierchen vor sich auf den Schooß. „Fredy, hol’ ihm ein wenig Wasser, es ist halb todt!“

„Hast Du Deinen Trinkbecher bei Dir?“ sagte er.

„Ja, da ist er.“

Alfred ging nach einer nahen Quelle, die von einer Anhöhe herabrieselte und zwischen moosigen Felsblöcken verschwand. Aber nach einer Weile rief er: „Aenny, ich kann das Wasser nicht erreichen, es ist hier so schlüpfrig, ich rutsche aus.“

„Ach Gott, nun kann er wieder nicht über die paar Steine klettern!“ sagte Anna verdrießlich und stand auf, um selbst hinzugehen. Sie legte das Vögelchen vorsichtig in das Gras und in wenig Schritten war sie bei Alfred, der mühsam auf dem nassen Gestein nach der Quelle zustrebte. Leicht wie eine Gemse war Anna darüber weggesprungen. Das Kleid anmuthig geschürzt, setzte sie die schönen Füßchen sicher zwischen die Spalten und bog sich zu dem murmelnden Wasser nieder, den Becher zu füllen. Alfred betrachtete sie mit Entzücken, wie sie da oben stand auf den spitzen schlüpfrigen Steinen und sich bückte, um Erquickung zu schöpfen für einen verschmachteten Vogel. Schöner konnte keine Waldfee sein als dies Mädchen in seiner keuschen Herzensherrlichkeit. Und als sie nun herabkam, das lichte Gewand mit der einen, den Becher mit der andern Hand haltend, wie sie sich vorsichtig, um das Wasser nicht zu verschütten, zwischen Gestrüpp und Gestein durchwand, daß die Zweige ihr das dunkle Haar zerzausten, da vergaß der Jüngling sein lahmes Bein und Alles, mit einem Sprung war er oben und stand an ihrer Seite. Sein Herz schwoll ihr so selig entgegen. „Aenny,“ rief er und schlang seine Arme um ihre herrliche Gestalt.

„Du wirst mir das Wasser verschütten,“ schalt Anna, „was willst Du denn?“

„Ich – ich wollte Dir herunter helfen,“ sagte er verschüchtert, „ich dachte, Du könntest gleiten.“

„Du mir helfen?“ lachte Anna. „Das wäre wohl das erste Mal!“

Alfred ließ entgeistert die Arme sinken. Anna hatte ihn verletzt. Er fühlte, wie Recht sie hatte mit diesem Spott, aber weil er ihn traf, drum that er ihm so weh.

„Lieber Fredy,“ plauderte sie gutmüthig neckend fort, „wenn ich auf Dich und Deine Hülfe warten müßte, da würde es mir wohl immer schlecht gehen. Da halt’ einmal den Becher und bleib’ stehen. Eins, zwei, drei!“ – sie sprang von dem Felsen herab. „So, nun reich’ mir das Wasser. Danke! Gieb mir jetzt die Hand, ich muß Dir ja doch wieder herunterhelfen, sonst kommst Du nicht über die steile glatte Stelle.“

Alfred that, wie ihm geheißen, und ließ sich von Aenny unterstützen. Es sah nicht gut aus, wie er so linkisch und ängstlich bei jedem Schritt ausrutschend herunterkletterte. Und dabei hatte sich auch noch das Kopftuch verschoben, daß es ihm wie einer alten Frau tief in’s Gesicht hing. Es war kein günstiges Bild für die Phantasie eines sechszehnjährigen Mädchens, das nur von kühnen Recken in blanken Harnischen träumt und für Arnold von Winkelried schwärmt.

Aenny kam so abgekühlt vom Brunnen, daß sie jetzt nimmer roth geworden wäre, hätte sie ihn auch noch so viel geküßt. Sie gingen schweigend zu der Stelle zurück, wo der sterbende Vogel lag. Anna setzte sich und nahm das Thier wieder auf den Schooß, um es zu atzen. Alfred kniete neben ihr nieder und sah sie traurig an. „Du wirst Dich erkälten,“ sagte er, nahm das Foulard ab und legte es ihr um die Schultern.

„Erkälte nur Du Dich nicht!“ wehrte sie verstimmt ab und bog sich über den kleinen Vogel, der das Wasser nicht mehr nehmen konnte, die Federchen sträubte im letzten Kampf und das Köpfchen zur Seite hängen ließ.

„Anna,“ sagte Alfred, „mit dem Vogel hast Du mehr Mitleid, als mit mir!“

„Ach, sei still – es stirbt ja, sieh nur, wie es sich quält! O Du armes, armes kleines Ding!“

Sie hielt das Vögelchen auf der flachen Hand und beobachtete mit wahrem Schmerz, wie es mit weit aufgerissenem Schnabel dalag, zuckte und die Flügelchen spreizte, bis das kleine Herz still stand. „Jetzt ist’s todt!“ sagte sie und legte es betrübt weg, „ich hätte ihm so gerne geholfen.“ Und ein paar große Thränen standen ihr im Auge.

„Einen kranken Vogel beweint und einen kranken Freund verhöhnt sie. Wie reimt sich das?“ dachte Alfred und lächelte bitter.

Sie sah es. „Thut Dir das arme Thierchen nicht leid?“ sagte sie.

„Anna,“ entgegnete er ernst, „wenn ich über den Todeskampf eines Vogels weinen könnte, was müßte ich da an den Sterbebetten meiner Mitmenschen thun, denen ich als Arzt beistehen soll?“

[340] „Daß Du das kannst, ist mir unbegreiflich,“ sagte Anna nachdenklich, „mit Deinen schwachen Nerven! Ich könnte es nicht und bin doch so viel kräftiger als Du.“

„Es giebt Dinge, zu denen die physische Kraft nicht ausreicht, die wir nur vollbringen durch die Kraft des Geistes. Hättest Du für diese mehr Verständniß, Du würdest mich vielleicht nicht mehr verspotten um eines Mangels willen, für den ich nicht kann!“

Anna war ernst geworden. Sie sah ihn theilnehmend an. Er war wieder so hübsch in dem Augenblick mit dem eisernen Willen auf der reinen Stirn und dem schmerzlich resignirten Zug um den feingezeichneten Mund.

„Sei nicht traurig, lieber Fredy,“ sagte sie. „Glaub’ mir, wenn ich Dich auch manchmal necke, bin ich Dir doch von Herzen gut!“

„Ist’s wahr?“ sagte Alfred. „Aber doch nicht so gut, wie ich Dir?“ Er schaute ihr liebevoll zweifelnd in die Augen. Es war ein Blick, der ihr tief in die Seele drang, und sie zürnte sich selbst, daß sie des Eindrucks nicht Herr ward. Sie senkte in holder Verlegenheit die langen schwarzen Wimpern.

„Anna,“ fuhr Alfred hingerissen fort, „könntest Du Dir denken, daß aus uns einmal ein Paar werden könnte?“

Sie fuhr zurück: „Nein, das kann ich mir nicht denken!“ rief sie ungestüm.

„Und warum nicht?“ fragte Alfred leise.

„Weil – weil – nun, weil wir nicht zusammen paßten, ich wäre zu groß für Dich!“

Alfred erhob sich rasch. „Eine solche Antwort hätte ich nicht von Dir erwartet,“ stieß er heraus. „Sind wir denn Gypsfiguren, die nur nach der Größe paarweise verkauft werden, oder Pferde, deren man kein ungleiches Paar vor einen Wagen spannt? Sind wir nicht Menschen, die den Schwerpunkt ihres Daseins in der Seele tragen? Wahrlich, Anna, wenn Du mir nur deshalb einst nicht angehören wolltest, weil mir die Natur einen Zoll weniger an Körperlänge verlieh, als Dir, und weil wir zusammen der Welt nicht den Anblick eines ‚schönen Paares‘ böten – dann müßte ich an Deinem Geist und Herzen verzweifeln!“

„Geh’, Alfred, wozu nur schon an’s Heirathen denken, wir sind ja kaum erwachsen und Du sagtest vorhin selbst, wir wollten noch Kinder sein!“ erwiderte Aennchen in ihrer Bedrängniß.

„Du hast Recht, Aenny, Du bist noch ein Kind und kannst Dein eigen Herz nicht verstehen. Ich will Dich nicht quälen, aber ich kann den Gedanken nicht fassen, daß wir Beide, die wir zusammen leben und denken gelernt, jemals sollten ohne einander leben können! Mir wäre eine Trennung von Dir wie der Tod.“

„Ich bitte Dich, höre nun auf davon; wenn ich nicht vor derartigen Gesprächen bei Dir sicher bin, so bleibe ich nie mehr mit Dir allein.“

„Sei ruhig, Anna, sei ruhig, Du sollst kein solches Wort mehr von mir hören. Ich verspreche es Dir, aber unter einer Bedingung!“

„Nun – welcher?“

„Daß Du mir es freiwillig sagen willst, wenn Du mir einmal gut bist. Denn es wäre ja doch möglich, daß Dein junges Herz einst für mich erwachte. Ich kann nicht von der Hoffnung lassen. Wie aber soll ich es denn erfahren, wenn ich Dich nie mehr fragen darf?“

Aennchen zögerte betreten.

„Wenn Du mir das nicht gelobst, Anna,“ beharrte er, „dann sollst Du auch keine Ruhe vor mir finden und ich werde Dir von meiner Liebe vorklagen, so oft ich Dich sehe!“

„In Gottes Namen denn, ich will Dir’s ehrlich sagen, wenn – wenn …“

„Wenn Du mich liebst!“

„Ja, aber ob Du mich bis dahin noch magst? Wenn ich – man weiß ja nicht – wenn ich Dich gern hätte und Du mich nicht?“

„Dann würde ich Dir’s ebenso ehrlich sagen, darauf verlaß Dich. Aber sei ruhig, der Fall wird nie eintreten!“

„Und der meine wohl auch nicht, guter Fredy,“ lächelte Anna. „Sollte es aber wider alle Voraussicht dennoch passiren, so hast Du mein Wort für das Deine!“ Und sie schüttelte ihm muthwillig die Hand und eilte ihm voraus auf den Heimweg.

Alfred folgte ihr langsam, aber jetzt lag eine zuversichtliche Heiterkeit auf seinem Gesicht. „Du mußt doch noch mein werden, Du wildes Kind!“ sagte er leise.

Als sie ihm eine Strecke voraus war und sah, daß er sich nicht bemühte, sie einzuholen, blieb sie von selbst stehen und erwartete ihn. „Bist Du müde?“ fragte sie und bot ihm scherzend den Arm. Er nahm es an und stützte sich auf das Mädchen. Sie führte ihn treulich durch den Hain, aber es lag doch wieder etwas in dieser Hinfälligkeit, was sie anwiderte. Als sie an den hellen Tag heraustraten, ließ sie ihn los und er setzte zum Unglück auch noch die blaue Brille auf. „Nun bist Du wieder der alte Philister,“ sagte sie und schaute ihn nicht mehr an.

[609]
23. Annäherungen.

Frau Hösli saß still und sinnend in ihrem Rollstuhl, an den sie für immer gefesselt blieb, denn wenn sie auch geistig ihre volle Kraft und Rüstigkeit wiedergewonnen hatte, körperlich blieb sie gelähmt. Sie glich einer jener alt-ägyptischen Gottheiten die nur ruhend, ohne Arme und Beine, halb Mensch, halb Säule gedacht wurden und dennoch mächtig und segensreich über ihrem Volke walteten. So wirkte Frau Hösli in ihrem gefesselten Zustande wohlthätig fördernd und leitend auf ihre ganze Umgebung, und Alle flüchteten zu ihr wie zur Gottheit des Hauses, um ihre Befehle, ihren Rath und Trost einzuholen.

Da kam Anna von dem Spaziergange mit Alfred zurück und kaum war sie in’s Zimmer getreten, so rief sie auch schon: „Mutter denk’ einmal, der Fredy hat gesagt, er wolle mich heirathen!“

Frau Hösli sah erstaunt aus. „Nun, da würde mir Niemand leid thun als der arme Alfred! Wie kommt er auf den Einfall?“

„Ja, das weiß ich nicht. Der langweilige Junge, gerade mich zu wollen!“

„Erzähle, wie kam’s?“ sagte Frau Hösli, und Anna erzählte getreulich, denn sie hatte kein Geheimniß vor ihrer Mutter.

Frau Hösli lächelte. „Nun, Ihr seid ja Beide noch so jung, daß von einer unheilbaren Liebe da wohl nicht die Rede ist. Glaube nur, Anna, ich wäre glücklich, wenn ich eine Tochter hätte, die für Alfred paßte, denn ich liebe den Jungen wie einen Sohn. Wenn er aber sein Herz an Dich hinge, würde ich ihn bedauern, denn Du würdest ihn nur unglücklich machen. Du brauchst einen Mann, den Du fürchtest; der arme Alfred wäre Dir nicht gewachsen. Das hast Du auch wohl damit sagen wollen, als Du äußertest, Du seist zu groß für ihn.“

„Du hast Recht, Mutter. Ich muß einem Mann haben, der größer ist als ich, in jeder Hinsicht, den ich bewundern kann, sonst mag ich ihm nicht gehorchen. Aber darum nehm’ ich auch Keinen von Allen hier, denn sag’ selbst, Mutter, ist Einer darunter, an dem etwas zu bewundern wäre? Nicht ein Einziger! Und wenn ich keinen solchen finde, dann heirathe ich lieber gar nicht.“

„Du sprichst sehr stolz,“ meinte Frau Hösli. „Ich kann Dich nicht darum tadeln; es ist amerikanisches Blut in Dir wie in Deinem seligen Bruder. Gott gebe, daß es nicht zwischen Dir und Deinem Vater zu so harten Conflicten führe wie zwischen ihm und unserem unglücklichen Heiri!“

„O Mutter, Du sagst ja oft, der Vater sei gegen mich in demselben Maße schwach, als er gegen Heiri streng war. Ich weiß schon, den Vater wickle ich um den Finger!“

Frau Hösli seufzte: „Ja, und es ist nicht gut für Dich, denn Du wirst es mit Deinem Manne einst ebenso machen wollen. Mit Einem, der sich’s nicht gefallen läßt, wirst Du beständig in Unfrieden leben, und Einer, der es sich gefallen läßt, wird Dir sehr bald zuwider sein. Du bist ein verzogenes Kind und wirst nie lernen, Dich unterzuordnen. Wehe dem armen Alfred, wenn er Dich bekäme! Du hättest es gut bei ihm, – er aber hätte es schlecht bei Dir! So lange ich lebte, ginge es noch, ich würde ihm schon beistehen; wenn ich aber stürbe, wäre er Dir gegenüber ganz hülflos!“

„Eine hübsche Geschichte,“ lachte Anna, „wenn die Schwiegermama dem Schwiegersohne gegen die Tochter beistehen müßte! Das wäre wohl etwas ganz Neues. Nein, Gott bewahre mich vor solch einem Manne, der immer, wenn die Frau unartig wäre, drohen müßte: ‚ich sag’s Deiner Mutter,‘ und wenn das nichts hülfe, zur guten Mama liefe – go hüle: ‚Muetti, ’s Anna isch wieder nit brav gsi, chumm au mit der Ruethe und gieb’m Schläg’!‘ O, ich könnte mich todtlachen, – o sweet mother, sei nicht böse, aber wenn Du mir den Fredy noch gründlicher hättest verleiden wollen, Du hättest es nicht besser machen können!“ Und sie lachte und küßte und küßte und lachte.

Die Mutter mußte diesen Ausbruch von wildem Humor und Zärtlichkeit über sich ergehen lassen; sie konnte dem unbändigen Geschöpf nicht zürnen, denn sie wußte ja, sein Herz war gut. Der herbe Tropfen amerikanischen Uebermuthes darin brachte gerade die richtige Mischung hervor und schützte das heißblütige Naturell vor jeder Sentimentalität, die Frau Hösli so haßte.

„Das sage ich Dir, Anna,“ sprach sie jedoch streng, „kränke mir nur den Alfred nicht, denn er verdient es nicht um uns, daß der erste Schmerz dieser Art durch uns über ihn käme. Behandle die ganze Sache als einen Scherz, wenn er wieder davon anfängt, was ich jedoch nach seinem Versprechen nicht glaube; denn Alfred ist ein Mensch, der Wort hält. Sei unbefangen und freundlich [610] wie immer; vielleicht ist es bei ihm selbst ein Kindertraum, der sich mit der Zeit verliert. Ist es aber eine tiefere Neigung, dann muß er auf eine schonende Weise von hier entfernt werden.“ Sie schwieg und sann einen Augenblick nach. Dann sprach sie entschlossen: „Ich will mich endlich überwinden und seine Mutter besuchen. Es war ja schon lange sein Kummer, daß ich mich nicht bewegen ließ, sie zu sehen. Am Ende hat er Recht; die Frau hat so furchtbar gebüßt und lebt seit den sechs Jahren so tadellos, daß man wohl milder über sie urtheilen darf. Ich will zu ihr gehen und mit ihr reden. Sie hat nichts mehr als diesen Sohn; sie soll ihn nicht auch noch durch Herzenskummer unglücklich sehen.“

„Du willst ihr sagen, daß sie mit ihm fortzieht?“ fragte Anna plötzlich etwas kleinlaut. „Das sollte mir leid thun; ich bin doch nun einmal an den Fredy gewöhnt; ich glaube, er ginge mir ab, wenn ich ihn nicht mehr hätte!“

„Mag schon sein,“ sagte Frau Hösli trocken; „Du wärst nicht das erste Kind, das eine Freude daran hat, Schmetterlinge zu spießen.“

Anna ließ die allerliebste Unterlippe hängen wie eine reife Erdbeere. „Wenn Du gleich so gewaltthätig in meine Angelegenheiten eingreifst, werde ich Dir nie mehr etwas anvertrauen; die ganze Geschichte war nur ein Spaß und gar nicht der Mühe werth, daß man sie so ernst nimmt.“

„Das wird sich zeigen,“ erwiderte Frau Hösli. „Nun geh’ und laß das Abendessen richten!“

„Hätt’ ich das gewußt, hätt’ ich gar nichts gesagt!“ murmelte Anna vor sich hin, während sie das Zimmer verließ.

Frau Hösli sah ihr sinnend nach. „Nun, Gott wird’s lenken, wie’s gut ist. Hier liegt kein Unrecht, und wo das nicht ist, da waltet Gottes Liebe frei, denn nur das Unrecht setzt ihr Schranken.“ –

Am andern Morgen führte Alfred seine Mutter nach ihrem jetzigen Lieblingsplätzchen in dem Kastanienwäldchen, dem Schauplatze der großen Katastrophe ihres Lebens, wo ihr Gatte gefallen. Sie hatte eine schlechte Nacht gehabt und war so erschöpft, daß sie kaum gehen konnte.

„Ich danke Dir, mein Sohn!“ hauchte sie hin, während er Decken und Kissen auf die Bank legte und ihr einen weichen Schemel unter die Füße schob.

„Du guter Sohn!“ sagte sie noch hüstelnd und athemlos vom Gehen. „Ich verdiene Dich nicht; aber ich liebe Dich desto mehr!“

„Liebe Mutter,“ sprach er, „willst Du mir nicht endlich meine Bitte erfüllen?“

„Welche?“

„Dich auscultiren zu lassen! Du weißt, wie es die Aerzte wünschen, welche Beruhigung es für mich wäre; Du schlägst mir doch sonst keine Bitte ab, warum nur diese eine?“

Adelheid schwieg.

„Mutter, ich flehe Dich an! Es darf mit dem Husten so nicht fortgehen, wir müssen etwas Ermsthaftes thun.“

Adelheid schüttelte lächelnd den Kopf „Nein, nein, Kind, das sind lauter übertriebene Besorgnisse. Ich versichere Dich, mir fehlt nichts auf der Brust, und kein Mensch wird mich bewegen, dieses stille verborgene Asyl mit irgend einem vielbesuchten Curort zu vertauschen. Quäle mich nicht mehr, mein Kind; ich werde Dir Deinen Willen immer thun, wo es sich um Dich handelt; aber hierin handelt es sich nur um mich, denn meine Lunge ist doch mein unbestreitbares Eigenthum, die geht Niemanden etwas an als mich, und ich werde Niemandem gestatten, sich um sie zu bekümmern. Wenn Ihr mich also nicht bindet, um mich meuchlings zu auscultiren, so werdet Ihr nie dahin gelangen.“

„Du täuschest mich nicht mit diesem Humor, Mutter; ich weiß doch, daß er gemacht ist. Ich kann mich aus meiner Kindheit, wo Du noch glücklich, nicht erinnern, Dich je scherzen gehört zu haben; wie solltest Du es jetzt können in Deinem Unglück?“

„O mein Sohn, glaube mir, ich bin jetzt glücklicher als damals,“ sagte Adelheid, und ihre Augen schweiften geisterhaft über den See hin. „Keiner ahnt es, welch stille Freuden mir in der Seele aufgingen, seit ich lernte, in mich selbst einzukehren. Sieh, da fand ich Alles wieder, was ich besessen, ohne es zu wissen oder zu würdigen: meinen Sohn und meinen Gott! und noch Eins – ja, das darf ich Dir sagen, Du bist alt und edel genug, um es zu verstehen: eine große Liebe, werth daran zu sterben!“

„Mutter!“ rief Alfred. „Eine Liebe zu dem Schurken, der –“

Adelheid lächelte. „Nein, was könnte mir dieser Armselige sein, der nur vom Staube dieser Erde ist? Der, den ich liebe, ist für mich kein Mensch von dieser Welt, und ich darf ihm erst gehören, wenn ich das Zeitliche von mir abgethan, denn ein irdisches Weib, und noch dazu ein schuldbeladenes, ist nicht für ihn.“

Alfred blickte sie staunend an, eine Ahnung dämmerte in ihm. „Mutter – versteh’ ich Dich?“ fragte er leise.

„Gewiß!“ flüsterte Adelheid, „denn es giebt nur Einen, auf den meine Schilderung paßt, nur Einen. Und Du liebst ihn gleich mir als den größten, besten aller Menschen, und Du wirst ihm nicht zürnen, daß Deine Mutter um ihn sich verzehrt, und Du wirst es nun begreifen, daß ich mich sehne, der entweihten verhaßten Hülle ledig zu werden, die mich von ihm trennt, dem reinen Manne. Was ist das Sterben für mich? Verklärung – Verklärung in seinem Lichte!“

„Arme Mutter!“ rief Alfred auf’s Tiefste erschüttert und sank ihr zu Füßen. „Arme Mutter!“

„Nein, Alfred, wer solch eine Liebe im Herzen trägt, der ist nicht arm! Ach, es war meine Bestimmung, zu lieben und in der Liebe aufzugehen! All’ mein Irren und Fühlen, es war nur ein Suchen und Sehnen nach dieser Bestimmung. Und ich habe sie doch noch erreicht – habe den Mann gefunden, für den ich leben und sterben möchte, und da ich nicht mehr für ihn leben darf – so ist es doch Seligkeit, für ihn zu sterben. O nein – ich bin nicht arm!“

„O, jetzt begreif’ ich Alles!“ sprach Alfred und drückte seine Lippen auf ihre weiße durchsichtige Hand. „O Mutter, wie beklage ich Dich!“

„Ja, Alfred, Du hast Recht und es mag wohl schade sein um so viel Liebe! Wie glücklich hätte ich machen können, wie glücklich sein!“ Eine Thräne perlte ihr in den großen Augen, aber sie lächelte dabei und lehnte das Haupt auf den schönen Kopf des Sohnes.

Es säuselte geheimnißvoll in den Kronen der alten Bäume, und leise wallte ein Regen weißer und rother Kastanienblüthen nieder. Ein Hauch der Versöhnung zog durch die ganze Natur und umwogte mit seliger Verheißung die büßende Frau. Die Millionen strahlender Augen, mit denen der See sie anschaute, sprachen es, und die süß zwitschernden Vogelstimmen sangen es, und das Herz ihres Sohnes jubelte es ihr zu: „Du bist entsühnt!“ Entsühnt! O großes Wort, das der geängstigten Seele die Pforten des Himmels öffnet, Wort der Erlösung – wo du gesprochen wirst, ist eine große That geschehen, eine jener stillen Thaten, die kein Griffel verzeichnet und in denen doch das Wesen seiner göttlichen Bestimmung näher gerückt wird.

Wie viel Zeit über die Beiden hingezogen sein mochte, sie wußten es selbst nicht, da gemahnte ein Hustenanfall die arme Frau daran, daß sie noch der Erde angehöre, daß sie noch eine lange schwere Leidenszeit vor sich habe, bevor sie an dem ersehnten Ziele war!

„Mein Sohn,“ sagte sie, „daß ich so mit Dir reden darf! Weißt Du, welch ein Glück das für mich ist? Ich habe Dir mein Herz geöffnet wie einem Freunde, und Du – Du hast mich verstanden und mir vergeben. Wohl mir!“

„Mutter, ich habe Dir längst vergeben und mich erfaßt ein unsäglicher Schmerz um Dich. Ich glaube nicht mehr das Andenken meines Vaters zu beleidigen, wenn ich Dich zu entschuldigen versuche. Er selbst lehrte mich ja in seinem Abschiedsbriefe – zu verzeihen, und ich habe einsehen gelernt, daß mein armer Vater nur eine dringende Pflicht zu erfüllen glaubte, da er sich noch einmal vermählte; denn der Name ist in unserem Stande wie die heilige Flamme auf dem Altare der Vesta, die von Generation zu Generation unentweiht forterhalten werden muß, und jeder Sproß einer edeln Familie betrachtet sich nur als den Priester, dessen Amt es ist, die heilige Flamme zu hüten und vor dem Erlöschen zu bewahren. Ein schöner, ein erhabener Gedanke. Wer wird den tadeln, der gefehlt, weil ihm ‚Heiliges heilig gegolten‘? Wer wird nicht mit stiller Ehrfurcht vor dem Altar stehen, den ein Volk in grauer Vergangenheit im Schweiß seines Angesichts irgend einem Irrthum erbaut und mit seinem Blute vertheidigt? Und dennoch, Mutter, ich fühle den unerbittlichen Ruf an mich ergehen, zu zerstören, woran ich selbst mit kindlicher Pietät hänge. Ich will [611] zertrümmern, was sich mir in dem Umkreise meines Wirkens hindernd entgegenstellt, nicht weil es mich, sondern weil es die gesunde Entwickelung hemmt, die ich fördern will. Ich opfere die Todten den Lebenden. Ein Vorurtheil, das so tief in das warme Leben einschneidet, wie das, welches unsere Standesgesetze und Familienstatuten schuf, das so viele Opfer fordert und dem Wohle des Ganzen doch so wenig fruchtet, muß fallen, und sei es noch so berechtigt, noch so ehrwürdig.“

„Mein Sohn, vermiß Dich nicht,“ sprach Adelheid. „Du nimmst den Kampf mit einer Welt auf, für die Du geboren und erzogen bist! Steige nicht herab von einer Höhe, auf die Dein Name Dich gestellt, Alles drängt empor nach der Höhe – und Dich drängt es herab in die Niedrigkeit!“

„Das ist nicht wahr, meine Mutter, ich will nicht die Rechte meiner Geburt verkaufen um ein Gericht Linsen, nimmermehr. Nicht herabsteigen will ich zu den Niedrigen, sondern sie zu uns heraufziehen. Beweisen will ich meinen Standesgenossen, daß wir echte Edelleute bleiben können, auch wenn wir uns den Bedingungen des zeitgemäßen Fortschrittes fügen, daß wir keine Majorate mehr bedürfen, wenn wir uns nicht scheuen, die Pfunde, die uns Gott gegeben, wuchern zu lassen, und daß der Glanz eines Namens, der sich an der heiligen Flamme des Genie’s entzündet, ebenso hell leuchtet, als der eines altererbten Familienruhmes! Das, Mutter, das ist die Idee meines Lebens.“

Adelheid legte die Hand auf das lockige Haupt des Jünglings: „Mein edler Sohn, Du schaffst Dir ein Leben voll schwerer Pflichten und sicherst Dir keinen Lohn, denn Die, für deren Wohl und Rechte Du wirken willst, werden Dir’s nicht danken, weil sie die Opfer, die Du ihnen bringst, nicht schätzen können. Deine Standesgenossen aber werden Dich als ihren Feind, als einen Abtrünnigen betrachten, und Du wirst zu Niemandem gehören und Niemand wird zu Dir gehören! Du wirst stets allein bleiben.“

„Ich werde das Schicksal aller Derer theilen, welche die Dinge in ihrem Verhältniß zu dem Ganzen und nicht an und für sich betrachten, welche mit einem Worte keiner Partei angehören und daher von allen angefeindet werden. Sei’s, Mutter, ich sehe diesem Geschicke ruhig entgegen. Ich weiß, was ich will und was ich muß, und stelle alles Gelingen Gott anheim.“

„Wer kommt da?“ fragte Adelheid und wandte erschrocken den Kopf. Alfred ging nach der Richtung, von wo ein Geräusch wie von Rädern ertönte. Es dauerte einige Minuten, bis er zurückkam, Adelheid benützte sie, um sich einmal wieder recht auszuhusten, was sie nie that, wenn Alfred bei ihr war. Endlich eilte er herbei und fragte froh bewegt: „Mutter, fühlst Du Dich wohl genug, um einen unverhofften Besuch zu empfangen?“

„Wer ist es?“ fragte Adelheid.

„Eine Frau, deren Nichtachtung Dir so lange und so vielen Kummer bereitet –“

„Frau Hösli?“ rief Adelheid, und das Blut stieg ihr in das Gesicht. „Sie kommt zu mir?“

„Ja, Mutter!“ sagte Alfred bittend. „Und ich bin sicher, sie kommt nicht, um Dich zu beschämen!“

„Ich will sie sprechen,“ flüsterte Adelheid und erhob sich, um ihr entgegen zu gehen.

Frau Hösli wartete in ihrem Rollwagen am Rande des Wäldchens: Als sie Adelheid kommen sah, verabschiedete sie den Diener, der sie fuhr. „Sie schieben mich wohl bis zu der Bank, wo Ihre Mutter saß, lieber Alfred?“ bat sie, und Alfred that, wie ihm geheißen. So auf halbem Wege begegneten sich die Frauen. Alfred hielt an, Frau Hösli streckte Adelheid die Hand entgegen. Adelheid war unfähig zu sprechen, sie sah die strenge, makellose Frau seit der furchtbaren Katastrophe zum ersten Male, und Stolz und Scham rangen schwer in ihrem Herzen.

„Wir haben viel durchgemacht, seit wir uns zum letzten Male sahen!“ sagte Frau Hösli.

Adelheid schwieg noch immer und große Thränen flossen ihr über die Wangen herab.

„Wir müssen alles Unglück, das uns trifft, als einen Läuterungsproceß ansehen. Und ich denke, so haben Sie es auch gethan.“

Adelheid schlug die Augen auf und sah Frau Hösli mit einem vollen Blick an. „Ich glaube ‚Ja‘ sagen zu dürfen!“

„Aber kommen Sie bis zur Bank, Liebe! Sie sollen nicht so lange stehen, Sie scheinen mir wirklich sehr angegriffen. Unser guter Alfred schiebt mich wohl bis dahin?“

Die Bank war erreicht und Adelheid setzte sich neben Frau Hösli’s Rollwagen.

„So,“ sagte diese, „mein lieber Alfred, nun will ich Sie nicht mehr aufhalten. Sie sind gewiß so freundlich, mir in einer halben Stunde den Diener wieder zu schicken!“

Alfred fühlte, daß Frau Hösli mit seiner Mutter allein sein wollte, und ging.

Als er aus dem Wäldchen trat, sah er Anna, die sich am Ufer herumtrieb. „Ei, Aenny, was machst denn Du hier? Du durftest ja unsern Boden nie betreten!“

„Seit die Mutter sich mit Deiner Mutter versöhnen will, darf ich auch wieder herüber. Ich habe sie bis hierher begleitet und da pflückte ich gleich ein paar Binsen zu Körbchen für Frank’s Kinder, sie wachsen hier viel schöner als drüben bei uns. Komm’, hilf mir pflücken.“

„Ich kann eigentlich nicht,“ sagte Alfred unschlüssig, „ich wollte zum Doctor Zimmermann. Er hat schon seit drei Tagen meine Dissertation im Hause, und ich kann es nicht mehr erwarten, sein Urtheil zu hören.“

„Nun gut, so geh’, wenn Dir das lieber ist,“ sagte Anna trotzig, „pflück’ Dir Lorbeeren statt Binsen!“

Alfred sah sie lächelnd an „Schau’, schau’! Gleich beleidigt? Nun, sei nur gut. Du sollst mich nicht umsonst einen Philister nennen. Ich will als solcher sagen: eine Taube in der Hand ist mir lieber, als sieben auf dem Dache, oder auf den vorliegenden Fall angewendet: Eine sichere Binse mit Aenny ist mir lieber, als unsichere Lorbeeren ohne Aenny!“

„Wenn ich aber aus den Binsen einen Korb flechte?“ neckte Anna.

„Da werde ich wohl gescheidt genug sein, ihn mir nicht zu holen!“

Anna war etwas verblüfft über diese Antwort. „Fredy, Du bist heute recht übermüthig,“ bemerkte sie.

„Das kommt mitunter so, wenn ich Dich sehe – Du steckst mich an.“

Aenny war halb ärgerlich. Es stand dem kleinen Alfred so schlecht, wenn er muthwillig sein wollte. Zwar – wenn er sentimental war, gefiel er ihr ebensowenig. Er konnte sein, wie er wollte, recht war er ihr nie. Und dennoch mochte sie ihn nicht missen, „weil sie nun eben einmal so an ihn gewöhnt war.“ Und wenn er ihr nicht nachlief, so lief sie ihm nach, so sicher wie die Luft in einen leer gewordenen Raum nachströmt. Hätte Alfred die Klugheit gehabt, sie, was man so sagt, an sich kommen zu lassen, die kleine „Donna Diana“ wäre ihm sicher gewesen. Aber er hatte keinen Perin zur Seite, und eine erste frische echte Liebe experimentirt nicht. Alles, was er über sich gewann, war, sein Wort zu halten und nicht mehr geradezu von Liebe zu reden, und die Mühe, die ihn das kostete, war es, was ihn von nun an ferner von Anna hielt, als früher.

Anna hatte sich wieder an die Arbeit begeben und raufte tüchtig in den Binsen herum.

Alfred folgte ihrem Beispiel.

„Au,“ schrie Anna, „mein Nagel!“

„Was hast Du? Zeig’ her!“

Anna hatte sich beim Pflücken den Nagel tief eingerissen. „Au, thut das weh!“ jammerte sie.

„Wart’, da wollen wir gleich helfen,“ sagte Fredy, zog sein Operationsetui aus der Tasche und nahm eine Scheere heraus.

„Führt er wahrhaftig eine Scheere bei sich wie ein Schneider!“ lachte Anna.

„Ich bin auch ein Schneider,“ erwiderte Alfred, wie immer von solchen Späßen verletzt. „Und noch dazu ein Flickschneider, denn ich bessere nur Mängel und Schäden aus.“ Er hatte Aenny während dessen das perlmutterblanke verunglückte Nägelchen abgeschnitten.

„Danke,“ sagte Anna und schielte mit einer geheimen gruseligen Neugier in das Etui. „Was sind denn das alles für närrische Instrumentchen?“

„Das ist mein Nähzeug!“ sagte Alfred ironisch. „Oder auch, da Du die Ritter mehr liebst als die Schneider, mein Rüstzeug. Da drinn stecken meine Schwerter und meine Lanzen!“ Er wickelte das Etui wieder zusammen.

„Das sind mir schöne Schwerter; wenn Du mit denen Einem zu Leibe gehst, mag’s ein lustiges Turnier geben. Brr!“ [612] – Anna schüttelte sich – „Da ist mir ein blanker Säbel doch noch lieber, der kann tapfer geschwungen werden und tapfer parirt!“

„Du mußt eben einen Officier zum Mann nehmen, wenn Dir die, welche die Wunden schlagen, lieber sind, als die, welche sie heilen!“

„Fredy!“ sagte Anna und legte begeistert ihre Hand auf die seine. „Schilt mir die Soldaten nicht. Es ist etwas Großes, unbekümmert um jede Gefahr täglich bereit zu sein, für sein Vaterland mit Leib und Leben einzustehen. Ihr Alle, die Ihr arbeitet und Euch plagt in sicherem Frieden, Ihr wißt doch wohl nicht, was es heißen mag, hinauszutreten vor tausend eiserne Schlünde, die auf die wehrlose Brust gerichtet sind, und sich selbst zu einem der Steine in dem lebendigen Wall zu machen, der das Vaterland, seinen Stolz, seinen Fleiß und seine Schwachen und Kranken schützt.“

Alfred sah bewundernd auf Anna, wie sie so begeistert vor ihm stand, die langen Binsen wie ein Büschel Speere in der Hand. Sie sah aus wie eine gewappnete Seejungfrau, aus der Tiefe emporgestiegen, um eine feindliche Fregatte zu vernichten. Er vergaß ganz das Weh, das er empfand bei ihren Worten, in dem Entzücken über ihren herrlichen Anblick.

„O Alfred, wenn ich so von einem großen Feldherrn lese, der Millionen von Armen mit seinem gewaltigen Willen anspannt, als wären sie ihm alle an den eigenen Leib gewachsen, dessen Geist solch einen riesigen Heereskörper zusammenschmiedet und lenkt, als wäre es sein eigener Körper, und damit ganze Länder zertrümmert und neu aufbaut, da meine ich doch, Größeres kann’s nicht auf Erden geben als solch einen Mann, und die Frau solch eines Mannes zu sein, sei das höchste Loos, das einem Mädchen werden könnte!“

Alfred machte eine schmerzliche Bewegung.

„Ach,“ fuhr sie fort, „es ist mir einfachem Mädchen sicher nicht beschieden. Ich weiß auch gar nicht, wie ich zu solchen Phantasien komme – ich meine, es ist der Anblick der großen Natur, des weiten Sees, der himmelhohen Berge, der mir das Herz so geweitet hat, daß ich mir auch unter den Menschen nur das Höchste, das Größte denken mag!“

„Anna,“ sagte Alfred, „ich verstehe Dich! Glaub’ mir, ich bewundere nicht weniger als Du die Vereinigung von Muth und Kraft. Aber es kann Kraft geben ohne Muth, wie Muth ohne Kraft; der letztere wird natürlich so lange verkannt, bis es ihm gelingt, sich auf einem Gebiete zu bethätigen, auf dem er die elenden Handlangerdienste der Muskelkräfte nicht bedarf; solch ein Gebiet ist wohl auch der ärztliche Beruf. Aber die Wenigsten denken daran, welch stilles Heldenthum es erfordert, sich täglich, stündlich den Gefahren der Ansteckung, dem Anblick der gräuelvollen Erscheinungen auszusetzen unter denen der menschliche Körper der Vernichtung anheimfällt – und sich dabei sagen zu müssen, daß man aus demselben gebrechlichen Stoffe ist und daß kein Eisenharnisch und kein Schwert die wehrlose Brust vor dem Einathmen tödtlicher Miasmen schützt. Doch ich bin ein Thor! Ich renommire mit Dingen, die Dich anekeln müssen, wie Heine’s poetische Krankenstubenseufzer. Du stehst noch im Stadium des Buches der Lieder und willst keinen Helden sehen, der mit Blutegeln und Kataplasmen kämpft!“

Er schwieg. Der Schmerz übermannte ihn, alle seine Hoffnungen lagen in Trümmern.

[629] Eine lange Pause folgte den Worten Alfred’s, der so schön, so einfach und doch so beredt das Heldenthum seines ärztlichen Berufes geschildert hatte. Um so mehr trat gerade dadurch das jugendlich Ueberschwängliche hervor, das in Aenny’s Reden gelegen hatte. Diese selbst empfand den eben geschilderten Unterschied zunächst noch nicht; nur das alte Mitleid mit dem treuen Freunde ergriff sie, der aus seinem Schmerze kein Hehl zu machen dachte, und mit weicher Stimme bat sie:

„Lieber guter Alfred! Sei nicht böse, daß ich Dir das Alles so unverhohlen gestand. Ich weiß nicht, wie mir ist, seit gestern habe ich so sehr das Bedürfniß, mich auszusprechen – und gerade gegen Dich.“ Sie legte ihren Arm in den seinen und wandelte mit ihm am Ufer hin. Alfred schwoll wieder das Herz, als sie sich so an ihn hing, in dem Gefühl: „Sie muß doch mein sein.“ „Schau, lieber Alfred,“ sprach Anna weich, „ich weiß wohl, was auch Du leistest in Deiner Art und daß auch der muthig sein muß, der, wie Du sagst, den vielen Gefahren der Ansteckung trotzt. „Aber schau, dabei wird mir so eigenthümlich eng’ und so bang’ um’s Herz und – Du mußt mir das nicht übel nehmen – ich denke lieber an Einen, der auf steiler Felswand ein Adlernest ausnimmt, als an Einen, der schmutziges Erdreich nach giftigen Schlangen durchwühlt; wenn er auch in seiner Art dazu vielleicht ebenso viel Muth haben muß wie Jener.“

„Dein Gleichniß paßt nicht ganz,“ sagte Alfred ruhig, aber stolz, „denn bevor ich so weit war, im sichern Thal die giftigen Schlangen der Krankheiten ausrotten zu können, die den Menschen zerstören, mußte ich Höhen des Denkens und Wissens erklimmen, nicht weniger schroff und schwindelnd als die Felswände, von denen Du sprichst.“

Anna drückte Alfred’s Arm an sich, wie um ihn zu trösten. „Sei nicht böse, daß ich Dir, gerade Dir das sage, ich bin so daran gewöhnt, über Alles mit Dir zu reden, daß ich Dir jeden Gedanken anvertrauen könnte. Und ich glaube, wenn Du von mir fortgingst, ich könnte gar nicht mehr leben ohne Dich. Ich weiß nicht, wie das ist, es ist so seltsam.“

„Ja, das ist auch seltsam!“ sprach Alfred sinnend.

„Siehst Du Fredy, ich meine immer, der Mann müßte erst noch kommen, den ich lieben könnte, weißt Du der große Mann! – und ich müsse auf ihn warten. Aber wenn ich mir dann vorstelle, er sei da – dann thut mir’s immer so leid um Dich, daß ich ihn wieder fortschicken möchte! Siehst Du – so ist mir’s!“

„Lieb’ Aennchen!“ sagte Alfred und schlang leise seinen Arm um sie, während sie so dahin schritten.

Es war auf einmal, als glänze es feucht in Aenny’s Augen. „Ach Fredy, gelt, Du gehst nicht fort von hier?“

„Nicht eher, als bis ich gewiß weiß, daß Du mich –“ er hielt inne, denn solch ein Wort war ja wider die Abrede.

Auch Anna schwieg, aber es mußte ihr plötzlich einfallen, daß er den Arm um sie geschlungen, und sie machte sich los. „Wir haben nun genug Binsen,“ sagte sie, „und hier ist es so feucht, Du könntest Dir nasse Füße holen.“

„Ach, denk’ doch nicht immer an solche Dinge!“ sagte Alfred verstimmt. „Ich bin ja kein kleiner Junge mehr wie damals, wo wir Mutter und Kind spielten und Du immer die Mutter sein wolltest.“

„Ei, das waren doch hübsche Zeiten!“ rief Anna.

„Sie könnten wieder kommen jede Stunde, wenn Du wolltest, Aennchen. Rückert und seine Braut spielten mit zwanzig Jahren noch Mutter und Kind. Es giebt eine Kindheit, die ein poetisches Gemüth nie verliert, eine Kindheit in der Liebe. In einem großen Gefühl, das die Grenzen unseres Seins völlig ausfüllt, wie ein Meer, welches zwei Pole verbindet, schaukelt uns die hochgehende Woge auf und nieder zwischen Kind und Gott! Bald das Eine, bald das Andere – durchmessen wir unser ganzes Sein von seinem Ursprung bis zu seinem Höhepunkt, und je höher die Woge geht, desto dichter streifen wir seine Grenzen. Nimm unsern unsterblichen Rückert zur Hand; er, der die wahre, die heilige echte Liebe gesungen, er wird Dich verstehen lehren, was ich meine. Kennst Du das reizende Lied nicht:

‚Ich und meine Liebste sind im Streite,
Ob mein Kind sie sei, ob ich das ihre‘?“

Anna schüttelte den Kopf.

Alfred fuhr fort:

„‚Jedes will zu seinem Kind das andre
Darum machen, um es so zu pflegen;
Dann hinwieder will das Kind des andern
Jedes sein, sich pflegen so zu lassen.
Und die Mutter, die den Streit mit ansah,
Sprach: das End’ ist, daß ihr alle beide,
Sonst vernünft’ge Leute, nun zu Kindern
Wieder seid geworden. Nun so wartet!
Eure Mutter wird zur Ruthe greifen,
Wenn ihr nicht mit Küssen euch versöhnet.‘“

[630] Aenny erröthete, ihr gestriges Gespräch mit ihrer Mutter fiel ihr ein bei dem letzten Vers und wie sie ihn verspottet, wenn er die Mutter mit der Ruthe gegen sie zu Hülfe rufen werde. Sie erschien sich plötzlich recht unedel.

„Und wenn wir dann,“ – sprach Alfred mit Wärme weiter, „wenn wir dann neben dies muthwillige Kindergeplauder ein Gedicht halten wie jenes wunderbare tiefernste:

‚Mir ist, seit ich dich habe, als müßt’ ich sterben.
Was könnt ich, das mich labe, noch sonst erwerben?
Mir ist, nun ich dich habe, ich sei gestorben.
Mir ist zum stillen Grabe dein Herz erworben.‘

streifen diese beiden kleinen Lieder nicht an den Ausgangs- und Zielpunkt eines ganzen Seins, und sind sie nicht Ausflüsse jenes Gefühls, von dem ich sprach?“

Anna schwieg. Alfred’s Stimme hatte so schön geklungen, als er leise die Verse gesprochen. Unwillkürlich entglitt ihr das Büschel Binsen, das sie im Arme hielt, sie wollte künftig mehr von Rückert lesen.

Alfred hob die Binsen auf und reichte sie ihr. Er schaute ihr nahe und tief in die Augen und seine Hände ergriffen eine der ihren und falteten sich darüber wie flehend zusammen:

„‚Mir ist zum stillen Grabe dein Herz erworben!‘“

wiederholte er ernst bewegt.

Sie zog ihre Hand aus der seinen und sagte: „Wir müssen jetzt die Mutter abholen.“ Sie ging und Alfred blieb allein am Ufer zurück.




24. Wieder ein Gastfreund.

Zwei Tage später kam Alfred ungewöhnlich ernst zu Höslis und setzte sich schweigend auf einen Schemel neben Frau Hösli’s Rollstuhl.

„Was ist Ihnen, Alfred?“

„Mancherlei!“ erwiderte er. „Meine Mutter macht mir Sorge mit ihrem beständigen Husten, die Arbeit schlägt mir über dem Kopfe zusammen, und zum Ueberfluß schreibt mir heute auch noch Feldheim aus Saltenau, daß seit acht Tagen ununterbrochene Regengüsse niederströmen und die ganze Ernte vernichten!“

„Das ist viel auf einmal,“ sagte Herr Hösli. „Und dabei Ihr schwerer Beruf, für den Sie sich ganz und gar aufopfern. Sie müssen sich mehr schonen, Alfred! Es thut mir leid, daß Sie gerade dieses aufreibende Fach ergriffen haben. Hätten Sie sich der Industrie zugewendet und auf Ihren Gütern Fabriken errichtet, welch ein Segen wäre das für die mißlichen Verhältnisse der dortigen Gegend geworden! Die Provinz leidet gegen die russische Grenze hin offenbar unter der Einseitigkeit, mit der sie sich in Ermangelung anderer Hülfsquellen auf den Getreidebau verlegen muß.“

Alfred sah Herrn Hösli lächelnd an. „Sie sprechen aus, was längst meine Idee war. Haben Sie nur Geduld, bis ich meine Promotion hinter mir habe und wieder Herr meiner Zeit bin. Es ist mein bestimmter Vorsatz, mir bei Ihnen die Kenntnisse zu erwerben, deren ich bedarf, um mit Erfolg die Industrie meiner Heimathsprovinz zu heben. Ich studire ja auch seit einem Jahre neben meinem Fache noch Nationalökonomie. Wer reformatorisch in das Leben einer ganzen Gegend eingreifen will, der muß auf all’ diesen Gebieten zu Hause sein.“

Herr Hösli lächelte. „Nun, nun – nehmen Sie sich nicht allzu viel vor. Solchen gewaltigen Planen dürfte eine stärkere Natur als die Ihre nicht gewachsen sein.“

„Mein lieber Herr Hösli,“ sagte Alfred, „ich werde lernen, was ich brauche, um der menschlichen Gesellschaft so dienen zu können, wie es mein Herz verlangt. Mein Herz ist die Triebfeder meines Fleißes und glauben Sie mir, es ist eine starke Triebfeder.“

Herr Hösli sah seine Frau an und diese ihn.

„Sie sind ein Schwärmer, Alfred,“ sagte sie kopfschüttelnd.

„Das wird sich zeigen!“ sprach er ruhig.

Und es zeigte sich früher, als man es dachte.

Am Abend desselben Tages saßen Alfred und seine Mutter am Ufer, und ein Paar braungelbe breitmäulige Kinder spielten zu ihren Füßen mit Aenny, welche eine ganz besondere Zuneigung für die fremdartigen Geschöpfe zu haben schien und so seelenvergnügt und bewunderungsvoll jeder ihrer Bewegungen folgte, als seien es maskirte Engel, die eben vom Himmel herabgekommen. Es war ein herzgewinnender Anblick, wenn sich das blühende Mädchengesicht an die unheimlichen gelben Lärvchen schmiegte, oder wenn sie die schweren dicken Klümpchen zu gleicher Zeit auf den Armen herumschleppte. Man kann sich leicht denken, wem die kleinen Mulatten gehörten, und ebenso leicht begreift sich die Liebe Anna’s für dieselben. Es konnte wirklich für Anna nichts Lieberes, nichts Schöneres geben als diese Kinder! Ganz Zürich kannte und liebte sie mit ihr, denn sie nahm sie gar oft mit zum Conditor und auf den Jahrmarkt, und ihre Freude an ihnen war ordentlich ansteckend. Die kleinen „Möhrli“, wie man sie schlechtweg nannte, waren aber auch gar zu possierlich, wer hätte sie sehen können, ohne zu lachen und sie gern zu haben! Frank’s Kinder waren in ihrer Art Berühmtheiten und so im gewissen Sinne Gemeingut der ganzen Stadt. Jeder hatte seinen Spaß mit ihnen, Jeder schenkte ihnen was, und die Eltern waren so stolz auf ihre Nachkommenschaft, als wären sie die Urheber des auserlesensten Geschlechts. So wuchsen diese glücklichen Geschöpfe auf, sich und Anderen zur Freude, ahnungslos in sicherer Wiege die Klippen umschiffend, welche der beleidigte Schönheitssinn der Menschen gewöhnlich den Mißgestalten entgegenstellt. Alfred lehnte an der alten Balustrade des Ufers und dachte über dieses Räthsel nach, dessen einzige Lösung er in dem Wohlwollen und der Achtung fand, welche Frank sich durch seine Verdienste erworben.

Frank hatte sich seit seinem Studium auf der landwirthschaftlichen Schule zu einer allbekannten und beliebten Persönlichkeit emporgearbeitet. Er hatte etwas von dem Talent seines Vaters geerbt und dies kam erst, als er sich die nöthigen Kenntnisse erworben, zur Entwickelung. Er war in seiner Art ein Genie für die Anlage und Anordnung von Gärten. Darin entfaltete er einen Geschmack und eine Geschicklichkeit, welche die Aufmerksamkeit der Verschönerungsbehörden auf ihn lenkte, und ihn, das niedrigste Mitglied der menschlichen Gesellschaft, in wenig Jahren zu einem angesehenen und tüchtigen Bürger machte. Das waren die Gedanken, denen Alfred nachhing, während Aenny ihm den kleinen vierjährigen Hans aufdrängte, der von ihm getragen sein wollte.

Da kam der Director Zimmermann vom Hause hergeschritten. Alfred setzte das Kind zur Erde und ging dem Freunde entgegen.

„Komm an mein Herz; Junge!“ rief dieser und breitete die Arme aus. „Wenn ich in meinem Leben nichts gethan hätte, als ein solches Talent der Wissenschaft zugewendet zu haben, so wüßte ich, wozu ich auf der Welt war! Alfred, Alfred! Ich habe viel von Dir erwartet, aber Du hast Alles übertroffen!“ Er zog Alfred’s Manuscript aus der Tasche und gab es ihm. „Wer hätte das gedacht! Kein Mensch, der Dich so sieht, würde Dir so etwas zutrauen!“

Er näherte sich den Frauen. „Meine Damen, guten Abend! – sieht der Mensch da aus, wie einer, der berufen ist, eine neue Epoche in der Wissenschaft herbeizuführen? Nein! wir können uns das nicht leugnen. – Und dennoch nimmt der Duckmäuser den Kampf mit der halben medicinischen Welt auf und das Erste, was das sanfte Lamm macht, ist eine Streitschrift, die einschlagen wird wie ein Donnerwetter. Ja, ja, stille Wasser sind tief!“

„Herr Professor,“ sagte Alfred, „Sie bringen mich in Verlegenheit!“

„Da haben wir ihn wieder! Züchtig und verschämt wie ein Mädchen, das den ersten Liebesbrief bekommt! O Fräulein Anna, nehmen Sie sich vor dem in Acht, der hat’s dick hinter den Ohren!“

„Ach Gott,“ sagte Aenny fast mitleidig, „der gute Junge!“

Ueber Alfred’s Gesicht zuckte es bitter bei diesem geringschätzigen Tone.

„Ja – der gute Junge,“ parodirte Zimmermann, „der wird noch ein großer Mann werden und der Schrecken seiner Gegner, verlassen Sie sich darauf.“

„Ei, Alfred, man bekommt ja ordentlich Respect vor Dir!“ sagte Aenny und betrachtete Alfred verwundert, als wolle sie herausfinden, wo denn eigentlich in dem unscheinbaren Bürschchen alle diese merkwürdigen Eigenschaften steckten. Sie hatte so viele Jahre lang mit dem Alfred zusammengelebt und nichts Besonderes an ihm wahrgenommen, ja ihn eher für dumm gehalten – nun sollte er auf einmal ein großer Mann werden! Das war doch zu merkwürdig! Konnte man denn ein großer Mann werden, wenn man, wie Fredy neulich selbst sagte, mit Blutegeln und Kataplasmen kämpfte?

Zimmermann näherte sich Adelheid, die verklärten Blicks auf ihren Sohn schaute.

[631] „Halt!“ rief Anna. „Sie treten mir ja das Kind!“ Sie eilte zu dem zweijährigen Mädchen, welches wie ein Frosch auf der Erde lag und Zimmermann’s breite Füße mit vollster Sorglosigkeit an sich herankommen ließ.

„So, sind die Scheusälchen auch wieder da?“ lachte Zimmermann.

„O Sie abscheulicher Mann, meine Goldkinder so zu schelten! Komm, Ellachen, gieb dem Herrn ein Händchen, daß er sieht, wie artig Du bist!“

„Ja,“ sagte Zimmermann, „komm her, gieb Pfotchen!“

„Meine Kinder haben keine Pfoten, sondern Hände!“ wehrte sich Anna. „So, Ellachen, jetzt giebst Du ihm gar keine Hand – sondern eine Ohrfeige.“ Und sie hob das Kind auf, bis zu dem gewaltigen Kopfe des Freundes und es gab diesem mit seinem dicken Patschchen einen Klaps. Die Kleine strampelte und jauchzte vor Vergnügen bei der Execution.

„Hören Sie, Fräulein Anna, ich werde mit Ihrer Frau Mutter reden, sie soll ein Erziehungsinstitut anlegen, es wäre doch schade, wenn Sie das einzige Resultat ihrer vortreffliche Erziehungsmethode bleiben sollten!“

„Lieber Herr Professor,“ rief Anna vergnügt und unbedacht, „meiner Mutter Erziehung ist nicht schuld, daß ich so bin wie ich eben bin. Es kann einem Jedem was mißrathen! Aus Ihrer orthopädischen Anstalt geht auch nicht Alles gerade hervor, was krumm hineinkam. Das sehen wir an des armen Alfred Bein.“

„Hinke ich denn noch?“ fragte dieser betroffen.

„Sehr wenig, kaum merklich!“ tröstete ihn Zimmermann und streifte Anna mit einem ernsten mißbilligenden Blick, den sie sogleich verstand.

Sie ging auf Alfred zu und sagte leise und reuevoll: „Fredy?!“

„Lieb’ Aennchen!“ erwiderte er – und es war ihnen Beiden, als hätten sie ein langes freundliches Zwiegespräch gepflogen, und Alles war wieder gut.

„Er hat ein braves Herz, der Alfred,“ dachte Anna, „er trägt nichts nach und ist immer gleich freundlich! Ist das nun Schwäche – oder Größe? Weder das Eine, noch das Andere: es ist Herzensgüte. O, wäre nur, wie Schiller sagt, ‚immer die Güte auch groß – immer die Größe auch gut!‘. Wäre Alfred so groß, wie er gut ist, er wäre der vollkommenste Mensch.“

„Es ist wunderbar, Anna,“ sagte Alfred, „wie Dein Wesen oft plötzlich aus dem lautesten oberflächlichsten Scherz in stilles ernstes Sinnen übergeht, wie ein Bach, der eben über Steingeröll herabbrauste, plötzlich in ein tiefes weites Bett mündet und einen stillen Weiher bildet. Diese Eigenthümlichkeit, Anna, ist es, die mich immer wieder an Dich fesselt, wie oft mich auch Deine laute übersprudelnde Art zurückstößt. Es ist eine tiefe Stelle in Deiner Seele, von der Du selbst nichts weißt, und nehmen Deine Gefühle und Gedanken einmal ihre Richtung dahin, so bilden sie jenen friedliche stillen Weiher, von dem ich sprach und dessen Ufer mich so unwiderstehlich locken.“

„Fredy,“ sagte Anna leise und sah sich um, ob auch Zimmermann und Frau von Salten sie nicht hörten. „So schön wie Du spricht kein Mensch. Ich weiß es, Du veredelst mich wie ein gutes Buch und lehrst mich manches verstehen, was mir verschlossen war. Du guter, guter Alfred, schau’, dafür dank’ ich Dir recht von Herzen! Sie legte freiwillig ihre Hand auf die seinige, er hielt den Athem an; ihm war es, als nahe sich ihm ein holdes Trugbild, das jede Bewegung verscheuchen könne; aber aus seinen Augen brach ein Strahl der Freude und Liebe, der Anna traf bis in die Seele hinein. Doch wie es immer geht im Leben, daß der schönste Augenblick auch der kürzeste ist, als wolle der uns Alle erziehende Herr und Meister uns das wahrhaft Köstliche stets nur in den kleinsten Dosen zumessen, – so auch jetzt. Ein Diener brachte Frau von Salten einen Brief. Sie wollte ihn nicht gleich lesen; Zimmermann aber versicherte, daß von zu lange unterdrückter Neugier bei Damen oft die schlimmsten Krankheiten herkämen.

Adelheid lächelte und las. „Alfred!“ rief sie etwas ängstlich. „Victor ist Oberlieutenant geworden und will uns wieder einmal besuchen – Du wirst wohl nichts dagegen haben – nach sechs Jahren zum ersten Male – !“

„Wenn es Dir Freude macht, Mutter, so ist er auch mir angenehm,“ sagte Alfred ernst.

„Ist das Dein Vetter, der wilde Victor?“ frug Aenny.

„Ja.“

Das Mädchen schlug die Hände zusammen vor Vergnügen. „O, das ist hübsch; das wird wieder ein Leben geben, wie mir’s gefällt!“

Alfred streifte Anna mit einem flüchtigen Blick. „Es wird indessen gut sein, Mutter, wenn Victor erst nach meiner Promovirung kommt, denn vorher habe ich keine Minute frei für ihn.“ Es lag etwas Strenges, fast Gereiztes in seinem Tone.

Die Mutter sah ihn befremdet an und sagte: „Wie Du willst, mein Sohn.“

„Dauert es denn noch lange, bis Du Doctor bist?“ fragte Anna.

Er streifte sie wieder mit dem flüchtig mißtrauischen Blicke. „Frägst Du das aus Theilnahme für mich – oder weil Victor’s Ankunft davon abhängt?“

Anna ward sehr verlegen und zögerte mit der Antwort, lügen mochte sie nicht und die Wahrheit hätte Alfred kränken müssen. Da befreite sie Frank und seine Frau aus ihrer Noth. „Darf ich meine Kinder holen?“ frug der Mohr bescheiden wie immer und mit großem Anstand seine kleine dicke Frau am Arme führend.

Deine Kinder, Frank? Was!“ rief Anna schmollend.

Unsere Kinder,“ verbesserte Frank und schüttelte Aenny die Hand, während seine Frau sich zu Frau von Salten setzen mußte.

„Nun denn, wenn Du schön bittest, so will ich sie Euch leihweise für die Nacht überlassen. Morgen früh um Acht müssen sie wieder bei mir sein!“ Sie übergab dem glücklichen Vater die Kleine, nicht ohne sie ihm noch verschiedene Male halb vom Arme zu reißen und zu küssen.

„Bester Herr Frank,“ neckte Zimmermann wieder, „thun Sie mir den einzigen Gefallen und überlassen Sie Fräulein Anna Ihre Kinder nicht ohne Aufsicht, denn sie lernen bei ihr nur Unarten! Lassen Sie sich warnen, ich mein’s gut mit Ihnen!“

„O, Miß kann anfangen mit meinen Kindern, was sie will!“ lachte Frank. „Meine Frau wird schon wieder gut machen, was sie verdirbt. Meine Kinder sind auch die Kinder von Miß, denn wenn sie nicht wäre, ich würde nicht haben meine Frau und meine Kinder, – so ich habe Alles von Miß und sie hat darauf so viel Recht wie ich.“

„Sehen Sie, Professor,“ triumphirte Anna, „bei dem sind Sie abgefahren, der läßt nichts auf mich kommen.“

„Seien Sie ruhig, Fräulein Anna; Sie wären doch die einzige Frau, die ich nähme, wenn ich nicht die Unvorsichtigkeit begangen hätte, zu heirathen, bevor Sie auf der Welt waren.“

„Und Sie wären der einzige Mann, den ich möchte, wenn Sie zwanzig Jahre jünger und kein Doctor wären,“ scherzte Anna, und es gab Alfred wieder einen Stich in’s Herz. Sie war, wenn sie spaßte, wie ein Dornbusch, an dem er sich beständig wund ritzte.

„Alfred, jetzt komm mit mir, ich muß über die Dissertation mit Dir reden,“ sagte Zimmermann, „und bei diesen Liebeserklärungen wird mir ganz schwül. Sie, gnädige Frau, ziehen sich nun wohl in’s Haus zurück, der Abendwind thut Ihnen nicht gut, und Sie, Fräulein Anna, gehen hübsch nach Hause und denken über meinen Vorschlag mit dem Erziehungsinstitut nach. Somit Gott befohlen, meine sämmtlichen schwarzen und weißen Herrschaften. Komm, Alfred!“

„Sehen wir uns noch, Anna?“ fragte Alfred.

„Wenn Du doch nur rudern könntest, da führen wir noch ein Stündchen auf dem See herum. Aber seit Frank verheirathet und meine Brüder fort sind, komme ich nicht mehr dazu, im Mondschein zu fahren; die Mutter leidet ja nicht, daß ich Nachts allein rudere. Nun, das wird Alles anders, wenn Victor kommt; der ruderte schon damals hübsch.“

„Gute Nacht!“ rief Alfred kurz und ging mit Zimmermann.

Die kleine Gesellschaft zerstreute sich. Frau Ida schaute auf dem Heimwege ihren schwarzen Mann lächelnd an. „Frank,“ sagte sie, „ich mag hinkommen, wo ich will, so lieb, wie wir uns haben, so lieb hat sich doch wohl Niemand weiter auf der Welt!“

„Mein Weib!“ sagte Frank und sah auf sie nieder so liebesselig und so liebesstolz, – er hätte mit keinem Gott getauscht. „Weißt Du was ich meine?“

„Nun?“

„Ich meine immer, unserer Miß Herz hängt wie sie einst selber, noch irgendwo oben, wo’s nicht hingehört und wo’s herunterfallen [632] könnte, und ich möchte wieder hinaufsteigen wie damals und es herunterholen, wo es hingehört! Nicht wahr, das ist ein närrischer Einfall?“

„Du möchtest es für den armen Herrn Alfred holen!“

„Ja, das möcht’ ich, wenn ich’s könnte!“ – – –

Wenige Wochen später war Alfred Doctor und Hülfsarzt an der großen Züricher Klinik. Und ohne zu rasten, warf er sich nun noch mit besonderem Fleiße auf das Studium der Volkswirthschaft und des Handelsfaches.

Er war einer der seltenen Menschen, die, wie man zu sagen pflegt, zu Allem Zeit haben, weil sie zu jeder Zeit Alles thun mögen. So vollbrachte er das Unglaublichste, und die Prophezeiung Zimmermann’s ging vollkommen in Erfüllung. Die Dissertation machte Epoche. Streitschriften für und wider kreuzten sich, neue Untersuchungen über den Gegenstand wurden vorgenommen; kurz, sein Name war, ehe er sich’s versah, über ihn hinausgewachsen; er fragte sich oft selbst, ob er denn wirklich derselbe Salten sei, der jetzt die wissenschaftliche Welt in Bewegung, in Aufruhr brachte. Und der ganze Stolz eines selbstgeschaffenen Namens regte sich in ihm.

In dieser Stimmung willigte er auch endlich in die Ankunft seines Vetters, an den sich für ihn so viele bittere Erinnerungen und Empfindungen knüpften. Er sah, daß seiner Mutter Herz an dem Sohne der Schwester hing, und er hatte durch Feldheim erfahren, daß Victor sich für seine Tante geschlagen und in Folge einer Verwundung die Erholungsreise nach Zürich wirklich bedurfte. So lud er selbst den Vetter freundlich ein und erwartete ihn mit aufrichtiger Herzlichkeit, denn wer für seine Mutter so ritterlich eingestanden, der hatte ein unveräußerliches Recht auf seine Dankbarkeit und Zuneigung. Ein bitterer Tropfen war und blieb jedoch in dem Kelch: Anna’s unverhehlte Freude über den Besuch des „wilden Vetters“. Die ganze Pein, die er als Knabe empfunden, tauchte wieder in ihm auf, nur in einer anderen, ernsteren Form! Doch dafür konnte ja Victor nichts – er wollte es ihn nicht entgelten lassen. Wer weiß auch, wie er geworden und ob die Beiden als Erwachsene noch so gut zusammenstimmten wie als Kinder. So kam der Tag von Victor’s Ankunft. Wieder nahm das Haus Salten einen Schorn gastlich auf. –

„Victor, wie schön bist Du!“ rief Alfred, als er den Gast abholte, und „Victor, wie schön bist Du geworden!“ rief Adelheid, als der Erwartete in’s Zimmer trat. Und sie hatten Recht, er war von jenem blendenden Aeußern, welches für Schönheit empfängliche Menschen geradezu verstummen läßt, daß sie sich erst sammeln und sich gewissermaßen an den seltenen Anblick gewöhnen müssen, ehe sie weiter sprechen können.

„Meine theuerste Tante,“ sagte Victor. „Verzeih’ mir, daß ich den Frieden Deiner herrlichen Einsamkeit störe und Dir Klänge aus einer Welt herüberbringe, die Du so lange gemieden. Wie Du auch alle Bande zerrissen hast, die Dich mit ihr verknüpften, das Band konntest Du nicht zerreißen, welches mein Herz an die geliebte Schwester meiner Mutter fesselt!“

Schön und liebenswürdig war er geworden, der einst so unbedeutende Cadett – ein junger Weltmann von den gewähltesten Formen und eine durch und durch ritterliche Natur, das sah man „auf den ersten Blick“. Auch Herz hatte er, denn der Anblick der einst so blühenden, jetzt so verfallenen Gestalt seiner Tante schien ihn wahrhaft zu erschüttern.

Adelheid legte ihre Hand auf sein Haupt und sprach: „Wenn Deine Mutter nicht meine Schwester wäre, Victor, ich würde Dich ihr nicht gönnen!“ Dann nahm sie die Hände der jungen Männer und fügte sie ineinander. „Liebt Euch wie Brüder, denn in meinem Herzen seid Ihr Brüder!“ Ein Hustenanfall schnitt ihr die weitere Rede ab, sie winkte den Beiden zu gehen.

„Victor,“ sagte Alfred, „wir wollen meiner Mutter Gebot heilig halten. Ich habe den besten Willen, Dir ein treuer Verwandter zu sein – Du bist mit Deinem Blut für die Ehre meiner Mutter eingestanden, das will ich Dir lohnen, so gut ich kann.“

„O, ich bitte Dich, das verstand sich ja ganz von selbst und ist nicht der Rede werth,“ sagte Victor; „wer verrieth Dir denn überhaupt das Geheimniß? Von solchen Dingen spricht man doch nicht!“

„Feldheim! Woher er es erfahren, weiß ich nicht, vermuthlich durch Deinen älteren Vetter Schorn, dessen Güter in der Nähe der meinen liegen.“

„Der gute Vetter Fritz! Er hat mich eingeladen, einige Zeit bei ihm zu meiner Erholung zuzubringen, aber der Arzt meinte, es wäre besser, wenn ich in die Schweiz ginge, wohin mich ja ohnehin meine Anhänglichkeit für Dich und Deine Mama zog. Vetter Egon ist jetzt oft bei seinem Bruder zu Besuch, und ich gestehe Dir offen, daß mich die Aussicht, ihn dort zu treffen, von nun an von den Schorn’schen Besitzungen fern hält. Seit er aus dem Johanniterorden ausgestoßen wurde, weiß kein Mensch, wie und wovon er eigentlich lebt. Er treibt sich immer drüben jenseits der russischen Grenze herum, und das Landvolk murmelt etwas von Spionage in russischem Sold. Vetter Fritz schämt sich des Bruders auch, und seine Besuche sind ihm höchst unangenehm aber er hat doch nicht den Muth, ihm das Haus zu verbieten, er war immer schwach gegen Egon.“

„Er liebte ihn mehr, als es der Schurke verdiente,“ sagte Alfred. „Hätte er nicht sein kleines Vermögen lediglich in seinem Grundbesitz stecken, er hätte auch besser für den Bruder gesorgt.“

„So, ist Vetter Fritz nicht reich?“ fragte Victor erstaunt.

„Nein, ich kenne die Verhältnisse meiner Gutsnachbarn durch Feldheim ganz genau. Graf Friedrich Schorn hat nur seine Güter, die ihm zwar eine anständige Rente abwerfen, aber ein paar Mißernten, eine Ueberschwemmung oder ein Raupenfraß können ihn für lange zum armen Manne machen.“

[662] „Es ist ein Elend, – das Geld, – das leidige Geld!“ seufzte Victor neben Alfred hinschreitend, „wo das fehlt, bleibt doch der Mensch ewig ein Spielball der Verhältnisse! Wie viele traurige Beispiele rings um uns drängen Einem nicht die Betrachtung über die Macht auf, welche das Geld in allen Kreisen der Gesellschaft hat! Ist es nicht eine schmähliche Ironie sich sagen zu müssen, daß wir nicht einmal unsere Vornehmheit behaupten können ohne Geld? Denn wer verarmt ist, der verfällt dem Proletariat, sobald ihn in seinem Elend die moralische Kraft verläßt. Und wenn sich Einer einmal aus dieser Misère zu retten sucht und eine reiche Bürgerliche heirathet, um sich und seinen Nachkommen eine standesgemäße Existenz zu sichern, dann zeigen die Genossen gleich mit Fingern auf ihn und sprechen von einer Geldheirath.“

„Es ist auch ein großer Fehler,“ entgegnete Alfred ruhig, „daß Euch so wenige Möglichkeiten geboten sind, Euch Vermögen zu erwerben, und daß Ihr deshalb immer auf den glücklichen Zufall einer Erbschaft oder einer reichen Heirath angewiesen seid.“

„Je nun, als Soldat kann man sich kein Vermögen machen. Man lebt und stirbt für die Ehre. Deshalb ist auch wohl unser Beruf der uneigennützigste und aufopferndste von allen, und wir dürfen dafür ohne zu erröthen eine Entschädigung, die uns der Staat nicht bieten kann, vom Schicksal annehmen, wenn es uns eine solche in Gestalt einer reichen Frau oder einer schönen Erbschaft zuführt.“

„Du hast Recht von Deinem Standpunkt aus, aber nicht Alle unseres Standes sind ja Soldaten; die, welche es nicht sind, sollten mit ihren eingewurzelten Vorurtheilen brechen und sich vielseitigere Erwerbsquellen zu eröffnen suchen. Dein Vater war kein Soldat, hätte er seine entschiedenen Fähigkeiten genützt und nicht in vornehmer Unthätigkeit sein verfallendes Vermögen verzehrt, so wärst Du jetzt ein reicher unabhängiger Mensch.“

Victor blickte nachdenklich vor sich hin, ein bitterer Zug legte sich um den schönen Mund, der Alfred auffiel und sein Mitleid erregte, denn er zeigte ihm, wieviel Victor unter seinen drückenden Verhältnissen gelitten haben mochte. Er reichte ihm die Hand.

„Ich habe Dich hoffentlich nicht verletzt?“

„O nein, Du hast nur den Nagel auf den Kopf getroffen – und ich bin der Nagel!“ sagte Victor düster.

„Höre, Victor,“ flüsterte Alfred ihm zu. „Wenn Du je in Verlegenheit kommst, so hoffe ich doch, daß Du keinen Augenblick anstehst, mich als Deinen Bruder zu betrachten.“

„Ich danke Dir, ich borge nie, da ich nicht wüßte, wovon ich es zurückgeben sollte, und Geschenke, die ich nicht durch irgend eine Gegenleistung wett machen könnte, nehme ich ebensowenig an. Ich habe Gottlob keine Schulden, und es ist mir bisher immer gelungen, den Schein zu bewahren. Aber dieses ‚den Schein bewahren‘ – ist eine nichtswürdige Arbeit! Die beste Kraft vergeudet man in erbärmlichen Kniffen, kleinlichen Raffinements, beständigem Laviren – und zuletzt geht die ganze Mannheit der Seele darüber verloren. Du sagtest mir als fünfzehnjähriger Knabe ein Wort, das ich damals nicht begriff, Du sagtest: ‚Ich würde von Niemandem Almosen annehmen, gäbe es mir ein Fürst oder ein Bauer, lieber würde ich sterben!‘ Ich habe dies Wort allmählich verstehen gelernt und werde es nie vergessen.“

Alfred sah ihn teilnehmend an, sein Herz neigte sich immer mehr dem Vetter zu. Da fuhr sich dieser plötzlich mit der Hand über die Stirn, als wolle er die trüben Gedanken verscheuchen, und als fiele es ihm jetzt erst ein, sagte er:

„A propos! was ist denn aus dem kleinen allerliebsten Mädchen geworden, mit dem ich vor sechs Jahren immer spielte? Das war ein süßes Ding! Ist sie noch hier?“

„Natürlich!“ warf Alfred kurz hin.

„Ach, höre, da mußt Du mich gleich zu ihr bringen. Sie wird ein schönes Mädchen geworden sein, wie?“

„O ja!“

„Dann, bester Alfred, laß uns nicht säumen, mich ihr vorzustellen, ich freue mich wirklich darauf, diese Kinderbekanntschaft zu erneuen.“

Alfred biß die Lippen zusammen und schwieg.

Wenige Stunden später gingen die jungen Männer zu Höslis. Sie wurden vom Diener in den Garten geführt, wo Frau und Fräulein Hösli beieinander in einer Laube saßen.

Anna war gerade damit beschäftigt, eine Puppe für Frank’s Kinder anzuziehen, die, Gott weiß wie, mit ganzen Gliedern aus der Zerstörungsperiode von Aenny’s Kindheit gerettet und einer bessern Nachwelt aufbehalten worden war. Da die Toilette der kleinen Dame eben erst begonnen hatte und sich noch auf ein etwas knappes, vermuthlich von einer kleineren Puppe stammendes Hemdchen beschränkte, warf Anna erschrocken ein Tuch über den anstößigen Lederbalg, als sie die beiden Herren von Weitem kommen sah, und raffte in der Eile Strümpfchen, Höschen und was sie erwischen konnte, zusammen.

„Das ist Victor,“ rief sie vergnügt ihrer Mutter zu und zwang sich mühsam sitzen zu bleiben, – sie wäre ihm so gerne entgegen gelaufen, wenn es sich nur geschickt hätte.

Sie konnte Victor nicht recht erkennen, die Sonne blendete sie; als er aber vor ihr stand in seiner ganzen Pracht, da sprang sie unwillkürlich und tief erröthend auf und eine seltene Befangenheit kam über sie, so daß sie nicht einmal merkte, wie ihr die Puppe vom Schooße glitt. Erst als dieselbe prasselnd auf den Steinboden der Laube fiel und Victor sich danach bückte, griff auch sie zu und hüllte sie schnell wieder ein. Aber ach, der niedliche Wachskopf, der so lange allen Stürmen von Aenny’s wilder Laune getrotzt hatte, er lag zerbrochen auf der Erde! „Meine Puppe hat den Kopf verloren,“ stammelte sie in sichtlicher Verlegenheit.

„Verliere nur Du ihn nicht auch!“ flüsterte rasch Frau Hösli nur für Anna verständlich auf Englisch und ein unzufrieden prüfender Blick streifte das erglühende Mädchen, dessen Augen mit Bewunderung an Victor hingen.



25. Der Flickschneider.

„Der Joseph hat eine Nase!“ schrieen die Kinder des Dorfes Goldbach bei Zürich durcheinander.

„Eine Nase?“

„Ja, ja, eine rechte Nase von Fleisch, man kann sie anfassen, sie sitzt fest.“

Das ganze Dorf strömte zusammen und umringte staunend einen hübschen jungen Menschen, der mit einem Ränzel auf dem Rücken des Weges von Zürich her kam.

So viel Geschrei um eine Nase muß natürlich einen besonderen Grund haben, denn es ist ja doch etwas Selbstverständliches, daß jeder Mensch eine Nase hat – und darüber ist gar nichts weiter zu reden. Aber bei dem Joseph war das anders, der hatte gar keine gehabt, sie war vergessen ihm mit auf die Welt zu geben, und jetzt erst nach zwanzig Jahreu nachgeliefert worden. Daher das Aufsehen, welches die Nase des Joseph erregte. Man hatte sie gar zu lange erwarten müssen und ihre Abwesenheit hatte zu viel Unheil angestellt, als daß ihre Ankunft nicht zum Ereigniß werden sollte für Jedermann.

„Nein, Joseph! Wer hat Dir denn die Nase angeflickt?“ fragte ein Bauer und griff ihm fast ängstlich nach dem fraglichen Theile, der sich nur durch eine eigenthümliche bläuliche Blässe von anderen normalen Nasen unterschied.

„Der muß mehr können, als Brod essen,“ meinte ein Anderer, „der das zu Stande brachte.“

„So etwas ist ja seit Menschengedenken im Dorfe nicht gehört.“

„Erzähl’, Joseph! Erzähl’, wie’s gegangen ist!“ schrieen Alle durcheinander und umringten den Burschen. „Kein Mensch hat gewußt, wo Du hingekommen bist; Du warst ja auf einmal verschwunden, wie von der Erde verweht!“

„Und’s ging Euch ab, daß Ihr so lange Keinen hattet, an dem Ihr Euren Spott und Eure Bosheit auslassen konntet, denn dazu war ich ja doch nur gut!“ sagte Joseph bitter. „Jetzt drängt Ihr Euch um mich und wißt des Fragens kein Ende, und wenn ich noch ein Loch statt einer Nase im Gesicht hätte, schrieet Ihr höchstens: ‚Pfui Teufel, der Joseph ist wieder da!‘ Und ich müßte [663] mich, so schnell ich könnte, auf dem Anger verstecken, damit nur Eure Augen nicht beleidigt würden.“ Er schritt rasch weiter, während er so sprach, und der Schwarm folgte ihm unverdrossen, denn die Neugier war doch größer als die Beleidigung.

„Aber Joseph, Du warst auch gar zu scheußlich anzusehen!“ entschuldigte sich ein lümmelhafter Ackerknecht. „Den Mädels verging ja Essen und Trinken, wenn Du kamst!“

„Ja wohl – ich war garstig und arm dazu – und es war so lustig einen armen Teufel zu mißhandeln, der sich nicht wehren durfte, weil er mit seiner kranken Mutter auf Gemeindekosten ernährt wurde! Seit ich auf der Welt bin, habe ich nichts gekannt als Hunger, Spott und Schande –! Das vergißt sich nicht so rasch, wißt Ihr?!“

„Wie er jetzt reden kann!“ riefen die Leute, die gar nicht aus ihrem Erstaunen herauskamen. Denn der unglückliche Mensch hatte früher nur unverständlich lallen können, weil ihm die Nase fehlte und der Luftstrom, ohne sich formen zu lassen, durch die fast dreieckige Oeffnung ging. Deshalb hatten sie ihn auch Alle für eine Art Halbsimpel gehalten und ihn nicht besser behandelt als ein Thier, eher schlechter, denn das Thier brachte ihnen Nutzen, aber die elende Mißgeburt war der Gemeinde nur lästig und zu nichts brauchbar als zum Viehhüten.

„Ist’s denn nur auch der Joseph?“ fragten Einige, denen in ihrer grenzenlosen Verwunderung der Gedanke an eine Mystification aufstieg. Sie fanden Anklang.

„Am Ende ist er’s gar nicht!“ stimmten Mehrere bei. „Am Ende ist’s Einer, den er hergeschickt hat, daß er uns für Narren halte!“

„Freilich bin ich’s,“ sagte Joseph und hielt vor einer baufälligen Hütte an; „fragt nur meine Mutter, die wird’s Euch schon sagen!“

Er trat in die Hütte und der ganze Schwarm, soweit der kleine Raum es gestattete, mit ihm.

Joseph’s Mutter schleppte sich den Eintretenden mühsam entgegen, sie musterte Joseph mit erstaunten neugierigen Blicken und fragte nach seinem Begehr.

„Da seht Ihr’s, er ist’s gar nicht, die eigene Mutter müßte ihn doch kennen,“ schrieen die Zweifler, die immer mehr Anhang fanden.

„Nu warte, Bürschli, – wir wollen Dir das Zumbestenhaben austreiben!“ drohten die Leute und hoben die Fäuste auf.

„Mutter!“ rief der bedrängte Dorfdemetrius. „Müetti, kennt Ihr denn Euren Sohn nicht mehr?“

Da zuckte es über das Gesicht der kranken Frau, ein Erkennen und doch Zweifeln, weil das Erkannte gar zu unbegreiflich war. „Herr Jesus, kann’s denn sein? Du – Ihr – wärt der Joseph? Aber – nein – Ihr, Ihr habt ja eine Nase!“

„Ja, Mutter, ich habe eine – und ich bin doch der Joseph! Glaubt’s nur, gute Mutter! Ich hab’s Euch nicht sagen wollen, wohin ich ging, weil ich ja nicht wissen konnte, ob’s gelingt, und dann hättet Ihr nur neuen Kummer gehabt und das ganze Dorf hätte mich ausgelacht. Ich war in der Stadt, Mutter, und habe mich operiren lassen; schaut her! Da und da könnt Ihr die Narben noch sehen. Glaubt Ihr nun, daß ich’s bin?“

Die Frau hatte jetzt Alles begriffen; aber die Freude, die über das arme, nur an das Elend gewöhnte Weib kam, war zu groß! Sie war einst fast irrsinnig geworden vor Schrecken, als sie die Mißgestalt geboren, und sie hatte das entsetzliche Geschöpf doch treulich als Mutter gesäugt und geliebt. Alle die Mißhandlungen, die es erlitt, jedes Scheltwort und jeder Schrei des Abscheus, der ihm galt, hatte ihr Mutterherz tausendfach zerfleischt, und sie hatte nicht mehr gewagt, sich unter andere Mütter mit „rechten Kindern“ zu stellen, denn sie sahen so verächtlich auf sie und ihr armes Kind herab. Und jetzt, jetzt war das Alles mit Einem Schlage anders, ihr Sohn war aus einem Schreckbild zu einem hübschen Menschen verwandelt, er war kein Ausgestoßener unter den Anderen mehr! Sie konnte es nicht fassen; es wirbelte ihr im Kopfe und flimmerte ihr vor den Augen; und sie fiel Joseph taumelnd in die Arme. „Mein Sohn, – mein Sohn – hat eine Nase!“ war Alles; was sie sagen konnte.

Die Umstehenden waren ganz still geworden, und als ein paar kleine Buben anfangen wollten zu lachen, gaben ihnen die Männer Ohrfeigen.

Die Mutter schluchzte eine Weile wie betäubt an der Brust des wiedergeborenen Sohnes; dann hob sie den Kopf und befühlte leise, leise mit zitterndem Finger die Nase, welche Joseph mit so vielem Stolz sein Eigen nannte.

„Hält sie auch fest?“ fragte sie besorgt.

„Ganz fest, verlaßt Euch drauf, Müetti!“

„Nun, unserm Herrgott sei Dank und dem braven Mann, der Dir geholfen hat!“ sprach sie unter heißen Thränen.

„Ja, Mutter, das ist wirklich ein braver Mann; ich meine, so einen giebt’s nicht zum zweiten Male auf der Welt. Vor sechs Wochen kam er in einem Wagen hier durch, und als er mich sah, ließ er halten und fragte mich, wer ich sei und ob ich mich nicht operiren lassen wolle – er wolle mir eine Nase machen. Ihr könnt Euch denken, daß ich einschlug, und er wollte mich gleich mitnehmen; ich sagte ihm aber, ich müsse zuerst meiner Mutter Adieu sagen, und so folgte ich ihm anderen Tages nach. O – Ihr könnt’s glauben, bei dem Manne ist man wie im Himmel!“

„Wie heißt er?“ riefen die Mutter und die Leute alle zusammen.

„’s ist ein ganz junger Doctor und doch schon so geschickt, er heißt Herr Doctor-Baron von Salten. Er ist erst seit einem Vierteljahr Arzt; aber die Leute sagen, er thue Wunder, und die Leute, die dabei waren, als er mich operirte, haben ihm alle großes Lob gegeben.“

„Hm,“ sagten die Bauern, „was man heutzutage nicht Alles machen kann! Aber Joseph, – was hast denn dafür bezahlen müssen?“

„Nichts, gar nichts!“ sagte Joseph. „Er hat mir noch was dazu gegeben, und er will auf’s Dorf kommen und mit dem Herrn Lehrer und Pfarrer über mich sprechen, wie mir weiter zu helfen sei!“

Die Leute schlugen die Hände zusammen. Aber die alten Weiber draußen vor der Thür schüttelten die Köpfe und flüsterten unter sich: es sei doch eine Sünde, wenn man sein Gesicht anders mache, als der liebe Gott gewollt. Denn wenn der liebe Gott den Joseph habe ohne Nase zur Welt kommen lassen, so habe er wohl gewußt warum, und der Joseph habe da nicht eigenmächtig daran herumpfuschen sollen. Es hatte eine gar eigene Bewandtniß mit dem Joseph, das wußten sie alle. Seine Mutter hatte seinen Vater gegen den Willen ihrer Eltern geheirathet. Es war ein blutarmer Anstreicher von Zürich, und als sie ein halbes Jahr verheirathet waren, fiel der Mann von einem Gerüst herunter und war todt. Die Frau kam in’s Dorf zurück und sechs Monate später gebar sie den Joseph. Dem armen Kinde fehlte die Nase. Das war die Strafe für den Ungehorsam gegen ihre Eltern, und wenn der Joseph jetzt auch in seiner Eitelkeit diese Strafe abgewendet habe, so werde der liebe Gott sie schon wo anders zu packen wissen. – So erzählten sich die alten Weiber, und sie hatten sich so fest in die Fäden ihrer interessanten Unterhaltung eingesponnen, daß sie fast nicht mehr schnell genug auseinanderkamen, als ein herrschaftlicher Wagen vor der Hütte anfuhr.

„Das ist er, das ist der Herr Doctor-Baron!“ rief Joseph und stürzte nach dem Wagen hin, den Schlag zu öffnen.

Wenn ein Fürst angekommen wäre, es hätte nicht mehr Aufsehen erregen können als die Ankunft des Wunderdoctors, der den Leuten nach Belieben andere Gesichter machte. Alles drängte sich heran, grüßte, knixte – Alfred konnte mit seiner Mutter kaum den Fuß aus dem Wagen setzen, ohne auf ein paar Bauernfüße zu treten, die dicht umherstanden. Er schaute sich nach einer Richtung um, von wo Pferdegetrappel erscholl und gleichzeitig die herrliche Gestalten Anna’s und Victor’s hoch zu Roß sichtbar wurden, die in vollem Galopp nachgesprengt kamen. Jetzt fuhren die Leute auseinander und hielten sich in stummer Verwunderung von fern.

„Herr Doctor-Baron,“ sagte Joseph freudestrahlend, „hier ist meine Mutter, die möchte Ihnen gerne auch für meine Nase danken, wenn Sie ’s erlauben.“

Die kranke Frau überschwemmte Alfred’s Hand buchstäblich mit Thränen und Küssen, während Alfred zerstreut auf Anna blickte, die wenig Sinn für dies Schauspiel zeigte und sich angelegentlich mit Victor unterhielt.

„Nun, Mutter,“ flüsterte der junge Doctor Adelheid zu, „ist das nicht ein reicher Lohn für alle Mühe?“

„Ich verstehe Dich, mein Sohn,“ sagte sie gerührt und wandte sich nach Aenny um.

[664] „Fräulein Anna, wollen Sie nicht absteigen und mit uns in die Hütte treten? Sie wünschten doch auch die Wohnung des armen Joseph zu sehen!“

„In Gottes Namen!“ sagte Anna fast ärgerlich, in ihrem Gespräch mit Victor unterbrochen zu sein. Dieser sprang sogleich ab, um ihr zu helfen, und hob sie ohne Weiteres mit starken Armen vom Pferde. Sie lachte und erröthete. Alfred sah ihnen zu, wie sie sich neckten. – Dann wandte er sich bleich, aber ruhig zu seinem ehemaligen Patienten.

[679] Alfred zog, ohne daß er weiter zu beachten schien, wie Anna und Victor in Uebermuth und Ausgelassenheit neben ihm scherzten, ein Blatt Papier heraus.

„Joseph,“ sagte er zu seinem ehemaligen Patienten, „der Krankenwärter fand heute, nachdem Du fort warst, zwischen der Wand und dem Bette eingeklemmt, diese Zeichnung, die nur von Dir herstammen kann, da die Unterschrift ‚der Doctor-Baron‘ von Deiner Hand ist. Dieses Portrait ist aber so merkwürdig ähnlich, trotz der mangelhaften Ausführung, daß ich Dich ernstlich bitte, falls Du noch mehr Derartiges gemacht hast, es mir zu zeigen, denn solch’ ein Talent verdient Beachtung.“

Joseph wurde höchlich verlegen und blickte auf Alfred’s Begleiter und die übrigen Umstehenden. „Ich habe wohl noch mehr solche Bilder, aber ich möchte sie nur Ihnen zeigen, Herr Doctor-Baron,“ bat er leise, „die Anderen lachen mich aus oder werden böse.“

„Nun, so zeige sie mir zuerst allein,“ sagte Alfred und gab den Uebrigen einen Wink zurückzubleiben.

„Die Mutter weiß auch nichts davon,“ erzählte Joseph, während er Alfred eine kleine Hühnertreppe empor auf den Speicher führte. „Sie hat mich immer gescholten, wenn sie mich beim Zeichnen erwischte, und gemeint, es sei Zeitverderb und ich solle lieber arbeiten. Da habe ich nun Angst, sie wird böse werden, wenn sie hört, daß ich doch heimlich gezeichnet und gemalt habe.“

„Gemalt hast Du auch?“ fragte Alfred und kroch gebückt unter dem Gebälk des niedrigen Speichers Joseph nach, der einen Haufen dürrer Hanfbüschel bei Seite räumte und eine alte schmutzige Schulmappe hervorzog.

„Je nun, wenn man das malen nennen kann! Ich hatte eben keine Farben und keinen Pinsel. Die Farben machtc ich mir aus dem Saft von Blumenblättern, Obst oder Rüben und die Pinsel von meinen eigenen Haaren!“

Alfred sah den Burschen lächelnd an. „Ich liebe solche Menschen,“ sagte er, „die sich selbst zu helfen wissen.“

Joseph reichte ihm die Mappe. Sie enthielt eine Menge loser Blätter und schmutziger Papierfetzen, aus alten Schul- und Notenheften gerissen, Stücke gebrauchter Kaffeetüten, leere Rückseiten von Briefen und dergleichen mehr, alle vollgezeichnet und gemalt. Alfred betrachtete die vielen Versuche mit großer Aufmerksamkeit, die, je mehr er sah, in Staunen überging. Da waren ganze Blätter voll Nasen, Copien alter Kalenderbilder, Carricaturen, endlich unverkennbare Portraits, mit der Brühe von rothen Rüben oder Kirschen geschminkt und mit blauen Augen von Malvensaft.

„Das sind merkwürdige Versuche,“ sagte Alfred. „In Dir liegt ein großes Talent, Joseph, denn nur das Talent tritt so ohne jede Anleitung und Unterstützung zu Tage. Aber unbegreiflich ist es doch, wie Du gerade auf diese Kunst verfielst, von welcher Du in Deinem Dorfe gewiß keinerlei Anregung empfingst!“

„Ja, sehen Sie,“ erklärte Joseph, „das kommt eben daher, weil ich keine Nase hatte. Ach, lieber Herr, Jemand, der sein Lebtag eine Nase hatte, kann sich gar nicht vorstellen, wie es dem ist, der so lange keine hatte, wie ich! Von Klein auf wurde ich verhöhnt und verspottet wegen meiner Mißgestalt. Ich konnte gar nichts wünschen und um nichts beten, als ‚wenn ich nur eine Nase hätte‘. Da fing ich an, mir Nasen von Lehm zu machen und sie mir in’s Gesicht zu kleben, aber sie hielten ja nicht. Alle Tage besah ich mich im Brunnentrog und verglich mich mit anderen Menschen und fand alle, die eine Nase hatten, so viel schöner als mich und hatte solchen Respect vor ihnen. Und dann fing ich an, unter ihren Nasen auszusuchen, was für eine ich wohl haben möchte, wenn mir der liebe Gott vielleicht doch eine schenken wollte, und da gefiel mir die des Pfarrers und die von Schulmeisters Regeli am besten, und ich schaute sie immer wieder drum an, bis [682] ich sie förmlich auswendig wußte, so daß ich sie ganz genau sah, auch wenn ich sie nicht sah!“

Joseph unterbrach sich einen Augenblick in seiner schlichten Erzählung; es war, wie wenn bei dieser Erinnerung ein anderer Geist über ihn käme; seine Augen leuchteten als er fortfuhr:

„Wenn ich auf dem Anger das Vieh hütete, dachte ich an nichts als an des Pfarrers und Regeli’s Nase und versuchte sie mit einem Stecken in die Erde zu zeichnen. Das war meine liebste Beschäftigung, und ich ruhte nicht, bis ich’s wirklich dahin brachte, daß die Nase im Sande so aussah, wie ich sie im Kopfe hatte. Aber wenn ich mir so viel Mühe gegeben hatte, dann that mir’s auch leid, daß der Regen meine Zeichnung immer wieder wegspülte. Ich nahm mir eine Kohle mit und malte die Nasen auf einen geschützten Stein, wo der Regen nicht hinschlug, und endlich malte ich dann zu den Nasen auch noch Gesichter, und sie wurden dem Pfarrer und dem Regeli immer ähnlicher. Zuletzt mochte ich gar nichts mehr thun als zeichnen, und als ich die Gesichter, die mir gefielen, oft genug gezeichnet hatte, da zeichnete ich auch die, die mir nicht gefielen, und zuletzt kam es mir bei, daß ich die Bilder gerne bei mir zu Hause haben und aufheben möchte, und daß ich sie ja auf ein Stück Papier machen könnte. So sammelte ich mir denn jeden Fetzen Papier, weil ich zu arm war, um mir zu kaufen, und meine Schulbücher durfte ich nicht vollschmieren, das hätte mir der Lehrer ausgetrieben! Ach, Herr Doctor-Baron, ich muß es gerade gestehen, ich stahl dem guten Lehrer ein Stückchen Bleistift - aber der Diebstahl drückte mich so, daß ich es ihm heulend wiederbrachte. Der brave Mann ließ mir’s und verzieh mir, er gab mir sogar, als er hörte, wozu ich’s wollte, ein wenig Anleitung zum Zeichnen, soviel er eben selber konnte, und schenkte mir Papier und einen alten Kalender mit Bildern.“

„Und nun hast Du erst recht nicht mehr davon lassen können?“ fragte Alfred lächelnd.

„Jetzt gar nicht mehr, lieber Herr, jeden Rappen, den mir die Mutter ließ, verwendete ich auf Papier und Bleistift, - zu Farben langte es nie. Ich hatte ja kein Vergnügen, ich hatte keinen Schatz - ich hatte nichts als mein Zeichnen, und das ließ ich nicht, wieviel Ohrfeigen ich auch von der Mutter bekam, so oft sie mich dabei erwischte. Wenn mich die Bursche auf der Kegelbahn oder beim Tanze mit Spott und Hohn fortjagten, da heulte ich nicht und fluchte nicht, ich schlich mich sachte bei Seite, wo ich sie noch Alle von Weitem sehen konnte, langte meinen Stift und Papier heraus und zeichnete sie ab, und machte ihnen aus Bosheit recht abscheuliche Fratzen. Was häßlich an ihnen war, machte ich noch häßlicher, dicke Nasen noch dicker, große Mäuler noch größer, – ich that ihnen, wie sie mir, ich verspottete sie, – nur nicht, wie sie mich, in Worten, sondern in Bildern. So entstanden die garstigen Gesichter, die Sie da in der Hand haben.“ Er zeigte auf die Carricaturen, welche Alfred sinnend betrachtete, und schwieg.

„Die Contouren sind unsicher,“ sagte Alfred, „von Schattirung hast Du natürlich keinen Begriff, und dennoch trugen alle diese mit wenig Strichen hingeworfenen Köpfe ein so charakteristisches Gepräge, daß ich wetten möchte, sie seien ähnlich.“

„Aber nicht wahr, Herr Doctor-Baron, Sie sagen Niemand etwas von dem Allem?“ flehte Joseph ängstlich. „Ich bin gewiß nicht feige, es ist mir nur um meine Nase! Denken Sie nur, wenn die Leute böse würden über die Fratzen und es gäbe eine Schlägerei, so könnte ich ja um meine Nase kommen, denn auf die würden sie’s doch zuerst absehen. Denken Sie, wie schrecklich das wäre!“

„Das wäre allerdings ganz entsetzlich,“ sagte Alfred unwillkürlich lachend, „und darf nicht geschehen, denn zu einer zweiten wäre kein Zeug mehr da, wenn die erste verunglückte – aber ich habe trotzdem die Absicht, die Bilder im Dorfe zu zeigen.“

Joseph sah ihn erschrocken an.

„Sei ruhig – ich garantire Dir Deine Nase,“ sprach Alfred mit Humor weiter, – „denkst Du denn, ich wäre weniger besorgt um sie, als Du selber? Sie ist ja mein eigenes mühsames Werk, und das eigene Werk liebt man. Sie ist die erste Nase, die ich gemacht habe, – ich bin so stolz auf sie wie Du und werde ihr nichts geschehen lassen!“

Er schloß die Mappe und winkte dem besorgten Joseph, ihm zu folgen. Als er mit ihm herabkam, fand er seine Mutter bei der kranken Frau, die ihr soeben zeigte, daß ihr Lager und ihre Decke nur aus Säcken dürren Laubes bestand, welches ihr Sohn für sie gesammelt hatte, und Alfred erzählte ihr, wie lange Joseph in der Klinik behauptet hatte, er könne auf nichts Anderem als auf Laub schlafen.

„Jetzt,“ meinte Joseph, „werde ich mich am Ende schwer wieder daran gewöhnen.“

„Das sollst Du auch nicht,“ sagte Alfred, „und Deine kränkliche Mutter soll auch ein besseres Bett bekommen.“

Seine Augen schweiften, während er sprach, umher nach Anna. Sie war wieder mit Victor bei den Pferden. Sie hatte den Arm auf den Rücken ihres Schimmels gestützt und lehnte nachlässig an dem schönen Thiere, welches so ruhig stand, als wäre es von Stein. Victor redete lebhaft und eindringlich, während sie mit glänzenden Augen zu ihm aufblickte. Es war ein herrliches Paar – Alfred gestand es sich ehrlich; er war immer ehrlich gegen sich wie gegen Andere –; sie paßten zusammen, wie wenn sie von Künstlerhand für einander geschaffen wären, das heißt äußerlich! Aber ob auch innerlich? Ob sie etwas anderes verband als das ästhetische Behagen, welches sie sich gegenseitig bereiteten, und das gemeinsame Gefühl ebenbürtiger Kraft? Er konnte es nicht glauben. Wie aber, wenn das unerfahrene junge Mädchenherz eben diese auf Aeußerlichkeiten beruhenden Empfindungen für Liebe hielt – wenn Anna eine Uebereilung beging, bevor sie über sich selbst klar war? Victor hatte ernste Pläne mit ihr, denn sie war ja so schön, daß er sie lieben mußte, und hätte er sie auch nicht geliebt – sie war ja die „reiche Frau“, die Victor als Entschädigung vom Schicksal zu erwarten schien. Alfred litt namenlos, aber Niemand sollte es ahnen, denn er war zu stolz, um vor irgend einem Auge die Rolle des Liebesmärtyrers zu spielen.

„Was wollen alle die Leute?“ fragte er, sich aus seinem Sinnen aufraffend. Der Schwarm von Männern, Weibern und Kindern vor der Thür war mittlerweile noch angewachsen und Alle schienen sein Herauskommen zu erwarten.

„Herr, das sind lauter Leute, die curirt sein wollen,“ sagte Joseph’s Mutter, denn sie hatte gehört, während Alfred auf dem Speicher war, wie die Bauern alle ihre Bresthaften herbeigeholt hatten, um sie Alfred vorzuführen und seine Hülfe zu erbitten - denn „der that es ja umsonst!“

Alfred trat unter sie hinaus und augenblicklich entstand ein Gedränge um ihn her, dessen er sich kaum zu erwehren wußte. Jeder wollte der Erste sein, Jeder berichtete eine fabelhafte Leidensgeschichte; Jeder wollte den Andern überschreien, Weiber mit Kröpfen, Mütter, kranke Kinder, Männer, halblahme Eltern nach sich zerrend – es war ein Tumult, daß selbst Anna’s Interesse bei der komischen Scene rege wurde, und sie rief lachend:

„Aber Fredy, Du hast ja mehr Zulauf als unser Herr Jesus, da er die Kranken und Lahmen heilte!“

„Das ist natürlich, Fräulein Anna,“ lächelte Victor „unser Herr Jesus hat den Leuten auch keine Nasen gemacht, so viel ich weiß!“

Anna erwiderte nichts, Victor’s frivoler Scherz hatte ihr nicht gefallen. Alfred bemerkte es.

„Seid ruhig, Ihr Leute,“ sagte er streng, aber nicht unfreundlich. „Ich bin nicht hierher gekommen, um ärztliche Curen zu machen, aber wenn Ihr mich in Zürich aufsuchen wollt, so sollt Ihr mir willkommen sein und ich werde Euch helfen, so gut ich kann. Nun aber beantwortet mir, was ich Euch frage“ – er zog die Mappe mit den Bildern hervor und winkte ein paar der anständigsten Leute zu sich heran. „Sagt einmal, wer ist das, kennt Ihr Den?“

Die Gefragten streckten neugierig die Hälse und betrachteten die Zeichnung, die ihnen Alfred zum Schrecken Joseph’s hinhielt.

„Das ist ja der Herr Pfarrer!“ riefen sie. „Aber seht nur, wie ’s ihm vergleicht!“ Es war des Wunderns kein Ende.

„Und das ist Schulmeisters Regeli!“

Wieder Staunen und Händezusammenschlagen.

Jetzt zeigte Alfred eine der Carricaturen.

„Kennt Ihr auch Den?“

Da ertönte ein schallendes Gelächter.

„Das ist ja Lochhabers Ulli!“

„Ja bi Gott, er ist’s!“

„Und was er für eine Nase hat – und das Maul – und die Warze mit den Borsten!“

[683] So ging es von Mund zu Mund und das Blatt wanderte von Hand zu Hand unter dem lustigsten Gelächter, bis es an den Ge- und Betroffenen selbst kam. Der aber schwor hoch und heilig, wenn er den erwischen könne, der das gemacht habe, dann wolle er ihm alle Knochen zerschlagen.

Alfred überließ den Neugierigen die Mappe und drehte sich lächelnd zu Joseph um. „Sieh einmal, Du theilst bereits das Schicksal aller Künstler, welche nicht schmeicheln: von denen angefeindet zu werden, die sich getroffen fühlen.“

Die Leute steckten indessen die Köpfe zusammen und plünderten den Inhalt der Mappe. Aber die allgemeine Schadenfreude ging in allgemeine Wuth über, als immer mehr solcher Spottgesichter zum Vorschein kamen und kaum Einer verschont blieb!

Jetzt begann der arme Joseph wirklich zu zittern, denn einer von den Beleidigten fand unglücklicherweise eine Zeichnung, welche Joseph auf die Rückseite eines alten Briefes gemacht. Der Brief war an seine Mutter gerichtet, die Anonymität des Künstlers somit aufgehoben.

„Wart, Du vermaledeiter Ketzer, hab’ ich so einen Buckel?“ schrie Einer.

„Hab’ ich so einen Kropf?“ ein Anderer.

„Mir solch ein Pferdegebiß hinzumalen!“ ein Dritter.

So schalten und tadelten sie die Bilder, und dennoch erkannte sich ein Jeder darin. Das eben hatte Alfred wissen wollen, ob die Portraits erkennbar seien, und das Ergebniß übertraf seine Erwartungen. Joseph sah bleich vor Aufregung dem Schwarme zu, wie er seine lieben, so lange und heimlich bewahrten Zeichnungen schwatzend und schimpfend herumriß. Das Herz schlug ihm so seltsam und bange, der junge Dorfkünstler hatte, ohne es zu wissen und zu wollen, den ersten Schritt auf dem dornenvollen Pfad der Oeffentlichkeit gethan!

„Lieben Leute!“ sagte Alfred freundlich, „Ihr müßt es nicht mit dem Joseph verderben, wenn Ihr klug sein wollt, denn seht, der Joseph kann noch ein reicher und berühmter Mann werden. Ich nehme ihn jetzt gleich mit mir in die Stadt zurück, lasse ihn was Tüchtiges lernen und mache einen Maler aus ihm, dann wird er vielleicht nach Jahren in einer schönen Kutsche in sein Heimathdorf kommen und Gutes – wie Böses vergelten“

Die Leute starrten Alfred. mit offenem Munde an. So etwas war denn doch seit Menschengedenken im Dorfe nicht erhört. Der Joseph aber war wie betäubt von alle dem Glück, denn der Gedanke, malen – nichts als malen und immer nur malen zu dürfen, der Gedanke erschloß ihm einen ganzen Himmel.

„Mutter,“ sagte Alfred, „ich nehme Euch Euren Sohn schon wieder weg, aber Euch wird daraus großes Glück erblühen und Ihr werdet noch einen sonnigen Lebensabend haben. Einstweilen werde ich für eine kleine Verbesserung Eurer Lage sorgen, und der Joseph soll Euch täglich besuchen. Nun aber vorwärts! Raff’ Deine Bilder zusammen, Joseph, wir fahren nach Hause.“

Ein allgemeiner Jubel erhob sich. „Das ist einmal ein Doctor! Den loben wir uns!“ hieß es weit und breit, und der Joseph war von Stund’ an der angesehenste Mann im Ort, weil er. einen solchen Protector hatte. Jeder beeilte sich, ihn noch „zu guter Letzt“ der herzlichsten Gesinnung zu versichern.

Da kam von der Straße her in athemlosem Lauf ein reizendes Mädchen von etwa fünfzehn Jahren, noch ein halbes Kind.

„Ist’s denn wahr?“ schrie sie schon von weitem. „Der Sephi ist wieder da und hat eine Nase mitgebracht?“

„Regeli, lieb’s Regeli!“ schrie Joseph außer sich vor Freude und stürzte dem Schulmeisterstöchterlein entgegen.

„Herr Jesus,“ rief das Kind und schlug die Hände zusammen, „Joseph, Du bist ja ganz hübsch geworden; o, jetzt können sie Dich nicht mehr verspotten, jetzt bist Du ein Mensch wie alle anderen. O Gott sei Lob und Dank!“ Und dem Mädchen liefen die hellen Freudenthränen über die runden Wangen, und der Joseph weinte auch zum ersten Male mit seiner neuen Nase. Das Regeli war das einzige Mädchen im Dorfe gewesen, das sich nicht vor dem Joseph gefürchtet oder geekelt hatte, das einzige Herz, das Erbarmen für ihn gefühlt und ihm manch’ Trosteswort und manche kleine Hülfe gewährt hatte. Drum war jetzt auch die Freude doppelt groß und der Joseph sagte leise:

„Regeli, die Nase hast Du für mich herabgebetet, denn Dir konnte der liebe Gott keinen Wunsch abschlagen!“ -

Als die kleine Gesellschaft endlich mit Joseph auf dem Heimwege war, sagte Alfred zu Anna, die still neben dem Wagen herritt: „Nun, Anna, hat der Flickschneider seine Sache gut gemacht?“

„Ja!“ erwiderte sie ernst. „Du hast ein zerstörtes Lebensglück wieder hergestellt. Ich hätte nicht gedacht, daß man mit den kleinen Messerchen und Scheerchen so tief in das Schicksal eines Menschen hineinschneiden kann. Jetzt weiß ich, was Dein Beruf bedeutet!“ Sie bot ihm vom Pferde herunter die Hand. Er drückte sie inbrünstig an die Lippen und Hoffnung, süße berauschende Hoffnung dämmerte neu in ihm.

[701]
26. In Sturm und Regen.

„Ich fürchte, Du fängst die Suche mit Anna verkehrt an,“ sagte Herr Hösli, als er mit seiner Frau beim Nachmittagskaffee saß. „So, wie ich Anna von Kindheit auf kannte, hatte nichts größeren Reiz für sie als das Verbotene. Sie hat sich von dem Augenblicke an erst recht für den jungen Grafen interessiert, als sie sah, daß wir ihn von ihr fern zu halten wünschten. Hätten wir sie gewähren lassen, sie wäre ruhig und gleichgültig geblieben; so aber hast Du ihren Trotz aufgestachelt und sie erst recht auf seine Seite getrieben“

„Nach dieser Theorie dürften wir das Kind ja gar nicht mehr wissen lassen, was wir wünschen und nicht wünschen. Wir müßten ihr nachsehen, wohin sie ihren Lauf nimmt, so unthätig und machtlos, wie man dem vom Bogen geschossenen Pfeil nachblickt. Wahrlich, das wäre denn doch eine sonderbare Art elterlicher Pflichterfüllung. Aber ich weiß schon, Du klügelst Dir immer etwas heraus, womit Du Deine Schwäche gegen das Kind beschönigen könntest.“

Herr Hösli lächelte. „Frau, das Kind ist recht und ist so ganz von unserem Schrot und Korn, daß wir sie ruhig gehen [702] lassen können - die schlägt nicht aus der Art. Wenn es ihr jetzt auch Vergnügen macht, mit dem jungen heiteren Manne zu fahren und zu reiten oder über Heldengeschichten mit ihm zu plaudern, was thut’s? Sie ist eine echte Hösli, eine Schweizerin durch und durch; sie wird ihr Herz nie im Ernst an diesen hergelaufenen Fremden hängen. Ich kenne meine Tochter!“

Herr Hösli verschwand wieder hinter einer der ungeheuren englischen Zeitungen, die völlig einem Segel gleichen, einem Segel, mit welchem der Geist auf dem Strome der Ereignisse die ganze Welt umschifft. Frau Hösli wußte, daß, wenn ihr Eheherr dies Segel aufhißte, er für sie verloren war. Sie mußte ihn dahin ziehen lassen mit den Wogen des Weltgetriebes, und sie blieb allein mit ihren kleinen Sorgen und Kümmernissen zurück.

Eine halbe Stunde mochte in vollkommenster Stille vergangen sein, da fuhr plötzlich ein Windstoß in das Zeitungssegel und schlug es dem vertieften Schiffer in’s Gesicht.

„Oho!“ sagte Herr Hösli und schaute in die Höhe, als wolle er nach dem Unverschämten sehen, der sich das erlaubt. In demselben Augenblicke fegte aber ein zweiter Windstoß Frau Hösli’s ganzes Nähzeug vom Tische mit Nadeln, Faden und Allem, was dazu gehört.

„Das giebt was!“ sprach Herr Hösli, zog das Segel ein und jagte den kleinen Dingen nach, die noch auf dem Boden herumwirbelten. „Da drüben kommt es herauf. Wo ist Anna?“

„Sie ist mit den Herren und Tante Lilly in die Stadt gefahren. Alfred zeigt ihnen das Blindeninstitut.“

„Nun, da sind sie ja geborgen,“ meinte Herr Hösli beruhigt und schob seine Frau in ihrem Rollstuhle nach Hause. Dann eilte er, noch vor Ausbruch des Wetters einen nöthigen Geschäftsgang zu machen.

Die jungen Leute waren unter dem Schutze Tante Lilly’s mit Besichtigung des Blindeninstituts beschäftigt. Tante Lilly hatte heute ausnahmsweise keinen verdorbenen Magen. Seit sie nicht mehr unter der strengen Aufsicht ihrer Schwestern stand, überaß sie sich fortwährend, was dann regelmäßig einen fürchterlichen Verdauungskatzenjammer und einige Fasttage zur Folge hatte.

Die gute Lilly war jetzt Anna’s und Victor’s ständige Begleiterin, da Adelheid kränklich und Frau Hösli lahm war. Sie war glückselig über dieses Amt, denn es trug ihr häufige Besuche beim Conditor ein. Sie wurde ordentlich dick, trotz ihrer vielen Indigestionen und wackelte auch gar nicht mehr mit den Zähnen, denn Alfred hatte ihr ein kleines nettes Gebiß von Kautschuk machen lassen, welches sie so in Ehren hielt, daß sie es immer vor dem Essen herausnahm, um es nicht durch das Beißen zu verderben. Auch eine neue Brille hatte sie bekommen, während sie früher immer nur die Brillen hatte abtragen dürfen, die Bella zu schwach geworden waren und durch die sie fast nichts sah. Jetzt hatte sie eine passende Brille und sie sah damit ganz deutlich die verliebten Blicke, die Victor Anna zuwarf; aber bis sie nach Hause kam, hatte sie es immer wieder vergessen.

Alfred war ein besserer Hüter, seine Gegenwart verhinderte überhaupt jede Annäherung; denn wie er sich auch beherrschte, Victor fühlte doch, daß er an ihm einen Nebenbuhler habe, und nahm sich zusammen, wenn er dabei war. Es hatte sich allmählich eine gespannte Stimmung zwischen den Beiden entwickelt, die wenig gemein hatte mit der anfangs so redlich gemeinten Brüderlichkeit. Der Instinct der Eifersucht stand zwischen ihnen und erhielt sie in einer Art geheimen Kriegszustandes. Wären sie noch Knaben gewesen, sie hätten sich längst geprügelt. Der Conflict aber, der zwischen den erwachsenen Männern bestand, lag zu tief, um sich mit der Faust schlichten zu lassen. Anna selbst ahnte etwas hiervon, denn sie war in Gegenwart der Beiden oft befangen und fast ängstlich, und sie athmete auf, wenn sie mit Victor allein war. So heute wieder.

Sie durchschritten schweigend die Säle, wo der Geist manchen seiner merkwürdigsten Siege feierte, wo die Blinden mit den Fingern lesen lernten und eine Menge schöner Künste übten. Alfred war dort sehr bekannt, er hatte Studien daselbst gemacht, und der Klang seiner Stimme erregte die freudigste Bewegung unter der sanften geduldigen Schaar. Mit weit vorgestreckten Händen kamen sie ihm entgegen und einige kleine Mädchen schmiegten sich an ihn mit solch glücklichem Ausdrucke, als wären sie plötzlich sehend geworden.

„Sie waren so lange nicht mehr bei uns,“ klagten Viele und streichelten ihm Aermel und Hände. „Wir haben von Tag zu Tag gewartet - und immer vergebens!“

„O, das thut mir leid!“ sagte Alfred und nahm so viele Hände, als er nur immer fassen konnte, in die seinigen. „Seht, ich habe so übermäßig zu thun mit meinen Patienten, daß ich nicht so leicht fortkommen kann wie früher. Aber Ihr sollt nicht mehr vergebens warten; ich will einen bestimmten Tag in der Woche festsetzen, an dem ich zu Euch komme. Seid Ihr’s zufrieden?“

„Ja, o ja!“ riefen die Blinden freudig.

„Denken Sie nur,“ erzählte ein älteres Mädchen, „neulich hat uns die Frau Directorin das Märchen von den drei Wünschen vorgelesen und als sie zu Ende war, fragte sie die kleine Emma, was sie sich zuerst wünschen würde, wenn die Fee ihr die Wahl ließe, – wir dachten Alle, sie würde sagen ,das Augenlicht!' Aber sie sagte ohne Besinnen. ,Daß Herr von Salten bald wieder zu uns kommt!' Ach, und wir haben ihr Alle von ganzem Herzen beigestimmt!“

Alfred drückte das liebliche Kind, von dem die Rede war, fest an sich. Er hätte tausend Herzen und tausend Arme haben mögen, alle Die liebend zu bergen und zu umfassen, die ihn liebten und sich vertrauend an sein Herz drängten. Und während ihn der bunte Schwarm freundlicher jugendlicher Gestalten umgab, erinnerte er sich, wie er als Kind den Libellen und Schmetterlingen nachjagte, nicht um sie zu quälen, sondern um sie zärtlich zu hegen und zu pflegen – und es war ihm zu Muthe, als seien alle die flüchtigen Geschöpfe, die ihm damals entschlüpften, plötzlich in Menschen verwandelt und hätten als solche gelernt ihn zu verstehen und kämen nun herbei, so Viele ihrer waren, die damals versprochene Liebe einzufordern.

„Es ist, als habe er es den Leuten angethan,“ sagte Anna leise zu Victor, während Alfred sich mit den Blinden beschäftigte. „Wohin er kommt, fliegen ihm alle Herzen entgegen.“

„Es ist das Krankhafte in seinem eigenen Wesen,“ flüsterte Victor, „was die Kranken an ihn fesselt. Man sagt ja: Leidensgefährten hätten stets Sympathie für einander – und Alfred ist eben durch und durch morsch.“

„Der Unglückliche!“ sagte Anna mitleidig.

„Ja, er ist sehr zu beklagen, denn er wird es mit diesem siechen Körper nie zu etwas bringen – über kurz oder lang bricht das wurmstichige Gebäude unter der Arbeitslast zusammen und dann schleppt er sich vielleicht als ein unnützer Krüppel durch’s Leben. Schade um das ritterliche Geschlecht der Salten, daß es so verlöschen muß. Es ist wirklich traurig!“

Anna schwieg.

„Ich bitte Sie,“ sagte Victor, „können Sie begreifen, wie ein solcher Mensch nur überhaupt fortleben mag? Was hat er denn vom Leben? Nichts, gar nichts! Denn sich in der Stickluft der Spitäler zwischen Stöhnenden und Sterbenden herumzutreiben, das ist doch, auf Ehre, kein Genuß. Eine Frau wird er auch nicht bekommen, denn wer wird sich solch’ einem lecken Schiff anvertrauen? Also – wozu ist er noch auf der Welt? Zu gar nichts! Und dennoch ist er immer so besorgt um sein Leben, daß er vor jedem Lüftchen zittert. Ich schösse mir einfach eine Kugel vor den Kopf, wenn ich in seiner Lage wäre!“

„Ja, das thäten Sie!“ sagte Anna und schaute an der Gestalt Victor’s empor, die so sicher und festgefügt vor ihr stand, als könne keine Zeit und keine Krankheit ihr je etwas anhaben. „Ihre Lebensbedingungen sind andere als die Alfred’s. Sie wollen und müssen Ihren Muth, Ihre Tapferkeit bethätigen, Sie könnten es nicht ertragen mit Ihrem Thatendrang in der Brust eine lähmende Krankheit an sich nagen zu lassen, die Sie für Ihre Bestimmung untauglich machte. Alfred aber kann seine Bestimmung erfüllen, ob gesund oder krank, und so wie ich sein Herz kenne, weiß ich, er lebt nur um zu nützen, und so viel er nützt, so viel ist ihm auch sein Leben werth.“

Victor beugte sich zu Anna nieder. „Sie sprechen, als hätte ich meinem Vetter einen Vorwurf daraus gemacht, daß er sich nicht umbringt! Anna! Können Sie mich einer solchen Herzlosigkeit für fähig halten?“

„Nein,“ sagte Anna ehrlich, „denn ich weiß ja, wie Sie an ihm hängen. Aber es thut mir weh, wenn ich sehe, daß Sie sich unwillkürlich Ihrer Kraft und Gesundheit gegenüber Ihrem Vetter überheben. Sie sind so von Gott begnadet mit Allem, was einen Mann groß und herrlich macht, daß Sie doppelt edel und gütig [703] für die empfinden müssen, die Ihnen an Vorzügen so weit nachstehen wie der gute bedauernswerthe Alfred.“

„Anna, Theuerste, Beste! Zürnen Sie mir?“

„O nein,“ sagte Anna innig. „Ich weiß ja, wie leicht man in diesen Fehler verfällt, denn auch ich habe den schwächlichen Spielgefährten oft verspottet und ihn mein Uebergewicht fühlen lassen. – Aber einen Fehler, den ich beging, mag ich doch an Ihnen nicht sehen. Ich werde mein Lebtag Fehler haben, denn ich bin nun einmal ein unvollkommenes Ding – Sie aber, Sie sollen keinen haben – keinen!“

„Und warum nicht, Anna?“ fragte Victor, „warum nur an mich einen so strengen Maßstab legen? Ich bin ja auch nichts als ein gewöhnlicher Sterblicher.“

„Nein, das sind Sie nicht,“ sagte Anna groß und ruhig in ihrer Wahrhaftigkeit – „Sie sind ein ganz anderer Mann als alle, die ich kenne, drum fordre ich von Ihnen auch mehr, als von allen andern!“

Victor ergriff leise ihre Fingerspitzen: „Anna, großes, wunderbares Mädchen, Du kannst Alles aus mir machen, Du hast meine Seele in der Hand –“ er zuckte zusammen und schwieg. Alfred trat herzu, Anna war jäh erglüht, eine nie gekannte Freude und doch auch wieder ein unerklärlicher Schmerz durchströmte sie, daß ihr fast die Sinne vergingen.

„Wir wollen nach Hause,“ sagte Alfred, „Ihr scheint ja doch kein Interesse für das zu haben, was ich Euch zeigen wollte.“

Anna fürchtete, daß Alfred verstand, was in ihr vorging, und sie suchte um jeden Preis nach einem Vorwande, nicht mit den Uebrigen nach Hause fahren zu müssen. Endlich sagte sie: „Graf Victor, wissen Sie was? Wir wollen heute einmal die Wette machen, von der wir neulich sprachen, die, daß ich eben so schnell zu Wasser von Zürich in die ‚Enge‘ fahre, als Sie zu Lande. Bitte, thun Sie es mir zu Liebe.“

Es gab eine lebhafte Debatte für und wider. Alfred prophezeite ein Gewitter. Victor wollte Anna nicht so allein auf dem See lassen. Doch sie bestand auf ihrem Willen, und da die ganze Entfernung kaum fünfzehn Minuten betrug und Anna schon oft die doppelte Ruderprobe abgelegt hatte, so willigte Victor endlich ein, und Alfred, der auffallend blaß war, hatte sich schon lange des Streits begeben. –

Sie brachten Anna bis zum Landungsplatz und sie stieg in ein kleines Boot, machte sich fertig und stieß im selben Augenblicke vom Lande ab, wo die Herren mit Lilly im Wagen davon fuhren. Sie hatten aber kaum die Stadt hinter sich, als der Himmel sich verdüsterte und jener Windstoß, der Herrn und Frau Hösli in’s Haus gejagt hatte, den Pferden die Mähnen aufblies.

„Da haben wir’s,“ rief Alfred, „ich sah es ja, daß ein Gewitter käme!“

„Was nun thun?“ fragte Victor erschrocken. „Sollen wir umkehren und Anna zurückzurufen versuchen?“

„Was könnte das helfen?“ sagte Alfred; „wir haben jetzt ein Viertel des Weges gemacht; bis wir wieder an den Landungsplatz kämen, wäre Anna noch weiter, und wir könnten sie nicht mehr erreichen.“

„Vielleicht ist sie so vernünftig, gleich umzukehren, und dann sollten wir doch mit dem Wagen dort sein,“ meinte Victor.

„Kehrt sie um,“ sagte Alfred, „so kann sie in Zürich eine Droschke nehmen und uns folgen, das ist kein Unglück. Aber so wie ich Anna kenne, kehrt sie nicht um, denn sie fürchtet nichts, und die Gefahr wird sie doppelt reizen, das Probestück abzulegen. Und käme das Gewitter zum Ausbruch, bevor sie landete, so können wir ihr nur nützen, wenn wir ihr mit einem Kahn von der ‚Enge‘ aus entgegeneilen.“

„Du hast Recht,“ sagte Victor, „wir müssen sie zu überholen suchen und von dort aus operiren. Fahr’ zu, Kutscher, was die Pferde laufen können.“

Ein neuer Windstoß fing sich in der Scheibe von Tante Lilly’s großem runden Hut und riß ihn ihr vom Kopfe.

„Mein Hut, mein Hut!“ jammerte sie und rang die Hände dem Verlorenen nach, aber fort ging es ohne anzuhalten und die lockigen grauen Haare Lilly’s flatterten aufgelöst in dem Sturme, der nun in einen wahren Orcan überging. Der Chausseestaub wirbelte in dichten Wolken auf und hüllte Alles ein. Die Pferde schnaubten und schüttelten sich, der Kutscher fluchte und schalt auf den Föhn. „Und dabei ist Anna auf dem See!“ tobte Victor.

Alfred saß stumm und bleich da, seine Nägel gruben sich in das Fleisch seiner eigenen Hände ein. „Ich begreife nicht,“ schrie Victor, „wie Du so ruhig sein kannst!“

„Wird es dadurch besser, daß wir toben und wehklagen?“ fragte Alfred mit schneidender Schärfe. „Rettest Du Anna mit Deinem Geschrei?“

„Nein, aber mit meinen Armen werde ich sie retten und die Angst, die mich jetzt jammern läßt, wird mir im rechten Augenblick auch Kraft geben,“ sprach Victor mit einem Blick des Hasses auf Alfred.

Dieser schwieg. Da zuckte ein Blitz aus dem schmutzig grauen Gewölk herab, ein starker Donnerschlag folgte. Alfred blieb regungslos, nur seine Augen sprachen.

„Der Kerl fährt zu langsam, wir kommen nicht vom Flecke!“ rief Victor und mit einem Sprunge war er neben dem Kutscher auf dem Bock, riß jenem die Zügel weg, hieb auf die Pferde ein, daß sie im vollen Galopp dahinsprengten und den Wagen bald rechts bald links schwankend mit sich rissen. Wie feurige Geister, die sich an die Hufe der Rosse hängen wollten, huschten die Blitze um den Wagen her, daß die scheuenden Thiere mehr flogen als gingen.

Lilly schrie und weinte vor Angst und klammerte sich an Alfred an, während große Regentropfen ihren unbedeckten Scheitel netzten.

„Sei ruhig, Tante,“ sagte Alfred liebevoll und barg das alte zitternde Geschöpf an seiner Brust. Jetzt bogen sie um die Ecke der ‚Enge‘, wo eine Lücke in der Häuserreihe den Blick auf den See freigab. In Fetzen hingen die Wolken nieder und berührten fast die Spitzen der hohlgehenden Wellen, als wollte in einer fürchterlichen Laune der ganze Himmel sich in den See stürzen. Oede und leer lag die weite Wasserfläche da, nah und ferne kein Schiff zu sehen, denn wer nicht muß, der macht sich nicht in den Streit der Elemente und flieht, wenn er sie sich zum Kampfe rüsten sieht.

„Wo ist Anna? Kein lebendes Wesen weit und breit!“ schrie Victor.

Die Durchsicht war passirt, wenige Minuten später mußte eine zweite kommen. Der Regen schlug den Geängstigten in’s Gesicht, daß sie die Augen kaum öffnen konnten, Blitz auf Blitz und Donner auf Donner folgten sich so rasch, daß die einzelnen Schläge in einander flossen und ein ganzes tiefgrollendes Tonmeer bildeten, das sich in den Lüften da oben ergoß, unsichtbar, ungreifbar, und doch so fürchterlich nahe, als müsse es sich herabwälzen und die ganze Erde mit seinem tosenden Wellenschlag erdrücken. Jetzt gab die Straße wieder eine Durchsicht frei – dort, ja dort, ganz allein auf dem rauschenden kochenden Wasser rang ein Schiffchen mit der Fluth auf und nieder, hin und her geworfen wie eine Nußschale. Es war nicht erkennbar in der sturmverdunkelten Ferne, wer darin war; aber da war ja kein Zweifel; Victor hieb von Neuem auf die Pferde ein, da krachte ein Donnerschlag, das ganze ununterbrochene Grollen übertönend, knatternd, fast schreiend, als ergösse sich nun wirklich das drohende Schallmeer von oben herab, um alles Lebende unter sich zu begraben. Ein Pferd bäumte sich auf, sprang zur Seite und stürzte! Ein Aufenthalt in diesem Augenblick! Eine Minute verloren, jetzt, wo eine Minute ein Menschenleben galt! Victor war schneller vom Wagen als der Kutscher. Mit eigenen Händen riß er das Thier in die Höhe und wieder saß er oben und wieder sauste die Peitsche auf die zitternden Rosse nieder, daß sie durchaus rasten wie von Furien gehetzt mitten durch die wilde Wetterjagd hindurch, und Victor wußte nicht mehr, war es Angstschweiß oder Regen, was ihm von der Stirn triefte. Endlich, endlich war das Haus nahe. Noch zehn Schritte vom Thor stürzte das Pferd zum zweiten Male. Jetzt war es einerlei. Victor sprang vom Bock. Bevor Alfred mit seinem schwerfälligen Gange ihm folgen konnte, hatte er die Thür erreicht, flog durch den Garten und machte den Kahn los.

„Nimm mich mit!“ schrie Alfred hinter ihm herkeuchend.

„Soll ich warten, bis Du mir nachhinkst?“ rief Victor und warf den Rock ab. „Du kannst ja nicht einmal rudern, was kannst Du uns nützen?!“

Und prasselnd fiel die Kette, die Ruder waren gelöst, der Kahn schoß dahin wie eine Möve, die, bald untertauchend, bald aufschnellend, auf den Wellen spielt.

[709] Als Alfred die Schiffstreppe erreichte, war Victor weit weg. Jetzt war auch Anna deutlich zu erkennen. Sie ruderte nicht mehr, die Stangen waren zerbrochen, das leinene Zelt wehte zerfetzt im Winde - das Schiff konnte jeden Augenblick umschlagen. Da stand der arme Verzweifelnde zurückgelassen ausgeschlossen von jeder Betheiligung an der Hülfe, die der Geliebten gebracht wurde, nicht fähig einen Finger zu ihrer Rettung zu rühren, ohnmächtig wie immer und vielleicht auch noch verachtet. Es donnerte fort und fort und der Regen strömte unaufhaltsam hernieder, daß seine Kleider schwer wurden von Nässe, und er stand da am wellengepeitschten Ufer und sah hinaus in das grauverschwommene Chaos von Dunst und Wasser, wo die Geliebte in Todesnoth die Hand nach dem Retter ausstreckte - der sich in diesem Augenblick ein unbestreitbares Anrecht auf sie erkämpfte. Es wallte und wogte, rauschte um ihn und in ihm, als wolle sich Alles in Thränen auflösen; Erde und Himmel und sein eigenes Herz! Und er stieg die Stufen der überschwemmten Schiffstreppe hinab, näher, immer näher der Brandung, dahinein trieb es ihn, das war seiner Schmerzen Ziel und Ende! Was war es denn, Selbstmord? O nein! Verschwimmen in der allgemeinen Auflösung, die Thränenfluth der Seele sich ergießen lassen in das trübe, traurige Wasser, das schon sein Knie umarmte wie bittend: „Komm zu mir mit deinen Thränen, wir gehören zu einander!“

Ein Schritt – und Alles war vorbei! Aber nein, die Rettung Aennchens, die mußte er doch noch abwarten, er konnte ja nicht aus der Welt gehen, bevor er wußte, was aus ihr geworden. O, wenn sie mit ihm hinabsänke in die Tiefe, in die Keiner ihnen folgen konnte! Dann mochte Alles untergehen, er wollte der todbringenden Welle zujauchzen wie einer freundlichen Führerin in das Brautgemach! - Aber nein - Victor arbeitete sich mächtig durch die schäumenden Wogen, er kam ihr nah und immer näher, zwei Spannen vor und eine zurück. Alfred schaute und schaute und sein ganzer Körper erbebte, und er half – half in Gedanken dem Retter mit jedem Athemzug und jedem Herzschlag, während er doch hoffte, daß Anna da drunten im feuchten Element die Seine werde. Und jede Muskel rang mit in dem furchtbaren Ringen des Schiffers, und ohne daß er es wußte, schrie er auf: „Herr Gott, hilf!“ als sich endlich Kahn an Kahn legen sollte und die Wellen sie immer wieder aus einander rissen, bis Victor mit übermenschlicher Kraft den Kahn Anna’s erfaßte und Breitseite gegen Breitseite drückte. Jetzt stützte sich Anna auf die Schulter Victor’s und schwang sich hinüber in das sichere Fahrzeug, und jetzt warf ach Alfred nieder auf die Stufen vor überwältigender Freude und jubelte laut: „Mein Gott, ich danke dir!“ Er wußte nicht mehr, daß er sich hatte tödten wollen, wußte nicht mehr, was er gelitten, was er verloren in diesem Augenblick - er wußte nur, daß Anna aus Todesgefahr gerettet sei. Was war all’ sein Wünschen und Sehnen gegen dies Gefühl! Er schluchzte laut wie ein Kind; aber der Donner und das Brausen des Sturms und das Rauschen der Wellen verschlangen den Freudenschrei der schwachen treuen Menschenbrust.

Es war so einsam und öde rings umher. Die drei jungen Leben, welche da kämpften mit der Macht des Elements und der Liebe; schienen allein auf der Welt zu sein; denn das Unwetter hatte alle Leute auf dem Gut unter Dach und Fach gejagt und Frau Hösli konnte nicht nach der Gegend hinsehen, wo ihre Tochter, die sie geborgen wähnte, über dem offenen Grabe schwebte.

Eine schwere Arbeit blieb noch für Victor zu thun, bis er das Mädchen am sicheren Strande barg. Alfred sah es in fieberhafter Spannung und sein gequältes Herz gestand es sich mit freimüthiger Bewunderung, daß Gott und Natur nichts Schöneres geschaffen hatten, als diesen Mann, der da wie ein junger Titan das empörte Element meisterte. Ein greller Blitz schoß gerade auf Victor nieder; er traf ihn nicht; er umfloß die kämpfende Gestalt mit einer lichten Glorie und sein Wiederschein umtanzte irrlichterartig die schaumigen Spitzen der Wogen; als wolle er den Wanderern auf der schwanken Bahn den Weg vorzeichnen. Vorwärts trieb Victor das Schiff bergauf, bergab, bald schoß es in die Tiefe, bald stieg es hinauf; aber unverrückt ragte Victor empor, und es war, als trüge das Schiff nicht ihn, sondern als trüge er das Schiff, als halte er es an unsichtbaren Fäden über Wasser, wie die Gewalt des Windes über Berg und Thal ihre Beute hinschleppt. Alfred zitterte nicht mehr, er wußte, daß die Gottheit mit dem Kühnen war! - Je näher Victor kam, je mehr mußte Alfred ihn bewundern. Eine geschwollene Ader lag auf der sonst so glatten Stirn und das sonst ewig lächelnde Gesicht war furchtbar ernst, das Auge mit festem Blick auf den Feind gerichtet, der um ihn und unter ihm wüthete. Victor war ein ganzer Mann in diesem Augenblick und Alfred liebte ihn um Anna’s willen und demüthigte sich tief und ehrlich vor seiner männlichen Ueberlegenheit.

Jetzt waren sie da und die letzte Schwierigkeit blieb die, zu landen. Alfred schlug das Herz, – vielleicht konnte er doch noch etwas helfen! Victor warf ihm die Kette zu, er sollte den Kahn [710] an das Land ziehen. Er faßte die Kette mit beiden Händen, er stemmte sich mit aller Kraft - umsonst, eine Stoßwelle schleuderte das Schiff zurück und riß ihn mit sammt der Kette, die er nicht lassen wollte, von den schlüpfrigen Stufen herunter. Nur mit Mühe konnte er sich wieder aufhelfen und Victor grollte: „Das hätte ich denken können, daß Du uns nichts nützen wirst.“

Mit unsäglicher Mühe gelang es Victor endlich, die Treppe zu erreichen. Er trieb das Schiff bis zu einem der Pfosten, die aus dem Wasser hervorragten, packte diesen und schlang rasch die Kette darum. Alfred reichte Anna die Hand beim Aussteigen, sie stützte sich darauf, mechanisch, ohne zu bemerken, wessen Hand es war, sie sah ihn nicht an, sie dachte wohl nicht mehr daran, daß es einen Alfred in der Welt gab!

Sie schaute sich um, ob Victor folge - und der arme Alfred war verschwunden, ohne daß sie nur wußte, ob er dagewesen. - Die Beiden waren allein. -

„Ah, wieder auf festem Boden!“ stammelte Victor athemlos und triefend von Nässe. „Anna, wie ist Dir? Du zitterst! Nur schnell in’s Haus! Komm, laß Dich tragen! Nicht? O -! Möcht’ ich Dich doch durch’s ganze Leben tragen und Dich bergen vor jedem Sturm, Du göttliches, schwer erkämpftes Gut! Anna, weißt Du, fühlst Du, daß Du jetzt mein bist? Ich habe Dich den Elementen abgerungen - Du bist meine Kriegsbeute, und Niemand darf Dich mir streitig machen!“

Anna hatte stumm dagestanden und mit begeistertem Blicke an ihm gehangen. Jetzt brach aus ihr heraus unaufhaltsam die Freude des wiedergeschenkten Lebens, der Dank, die Bewunderung für den Retter.

„Victor!“ rief sie. „Sieger! Ja, Du bist in Wahrheit ein Sieger, wohin Du kommst. O Du starker, Du mächtiger Mann! Mit eisernem Arme hast Du die wilde Fluth bezwungen, mit eisernem Arme wirst Du auch einst die Fluth der Feinde bezwingen! O, solch ein Mann! Du bist mir erschienen auf dem brausenden Wasser wie ein Meergott, und ich vergaß alle Angst in dem stolzen Gefühl, die Gefahr mit Dir zu theilen!“

Da schlang er den Arm um sie. „Anna, herrliches Kind, komm an mein Herz! Wir sind ja für einander geschaffen, wir sind uns ebenbürtig, wir müssen Eins werden, wie sich der Sturm und die schäumende Welle in wilder Umarmung vereinen!“

„Ja!“ rief sie und sank an seine Brust. „Wir sind für einander geschaffen. O mein Held, mein Ritter ohne Furcht und Tadel, ich habe Dich vorempfunden und auf Dich gewartet schon lange. Ja, Du bist der große Mann von dem ich geträumt, und ich will Dein großes Weib werden - würdig eines Helden!“ Sie hob die starken Arme empor, als wolle sie den zürnenden Himmel damit umfangen. „O wie herrlich das ist - wie göttlich! Ueber unsern Häuptern tost und wüthet das Unwetter, und der Sturm peitscht uns den Regen in’s Gesicht, und in meinem Herzen braust auch ein Sturm, ein Freuden-, ein Frühlingssturm, daß ich meine, es müsse mich hinaufwirbeln in die donnernden blitzenden Wolken hinein! Ach, das ist Kraft - das ist Macht. Victor, wer solch’ einen Augenblick erlebt, kann nie wieder klein sein, denn Gott selbst war ihm nahe. Nicht wahr, das fühlst Du mit mir, mein Held, mein Erretter?!“

Und wieder sank sie an seine Brust, sie achtete es nicht, daß das Wasser in Strömen an ihr herunterlief, sie sah ihn an mit einem Blick voll Muth und Glück, und es klang wie eine Jubelhymne, da sie sprach:

„Er ist gekommen in Sturm und Regen,
Er hat genommen mein Herz verwegen.
Nahm er das meine, nahm ich das seine?
Die beiden kamen sich entgegen!“

„Hast Du das gedichtet?“ fragte Victor entzückt.

Anna sah ihn erstaunt an „Das kennst Du nicht? Es ist ja von Rückert! Alfred hat mir –“ sie zuckte zusammen, als hätte sie einen Stich in’s Herz bekommen „Alfred! - O der arme Alfred!“

Sie sah zu Boden und schwieg. Auch der Donner schwieg, der Sturm legte sich und leise fielen nur noch einzelne Tropfen nieder. Es war, als hielten alle Elemeute in ihrem Tosen inne, um die Stimme nicht zu übertönen, die da plötzlich in der Seele und von den Lippen des Mädchens rief: „Der arme Alfred!“



27. Enttäuschung.

Das Gewitter hatte ausgetobt und die Abendsonne brach noch einmal im Sinken strahlend hell durch das fliehende Gewölk, als wolle sie der Welt verkünden, daß sie noch da sei, unangefochten von der Wetterfurie, die sie umdüstert hatte. Säuselnde Abendlüfte schüttelten leichte Regenschauer von den nasseu Wipfeln herab. Eine Thräne im Auge, aber lächelnd, ruhte die Natur nach dem Kampfe, und von einem Ufer des Sees bis zum andern spannte sich ein Regenbogen aus wie der Engel in der Offenbarung Johannis, der über zwei Welten steht. - Ein weißbewimpeltes Schiffchen glitt auf der besänftigten Fluth darunter hin.

Anna und Victor traten aus dem Hause. Auch in ihnen hatte sich der Sturm gelegt, aber in Anna’s Seele war eine feierliche weihevolle Stimmung nachgeblieben, wie in der Natur. Victor’s Ruhe war nur Ernüchterung.

„Du hast Dich rasch umgekleidet, theuerste Anna!“ sagte Victor. „Ah - wie galant, der Himmel empfängt uns mit einem Triumphbogen!“ Er lachte und verbeugte sich scherzend gegen das Firmament, dessen schönstes Wunder sich vor seinen Augen aufthat. Anna sah ihn mit einem Ausdrucke schmerzlicher Enttäuschung an. Das war Alles, was er empfand bei diesem Anblick?

„Victor,“ sagte sie ernst. „Wessen Seele könnte wohl diese perlengebaute Brücke sehen, ohne darauf von der Erde zum Himmel aufzusteigen?“ Sie schaute trunken empor. „Mir ist, als sähe ich die Seelen aller Derer, die in Nah und Fern irgend einen siegumleuchteten Heldentod erlitten, auf dem Regenbogen einziehen in die Walhalla zu ihrer ewigen Freude. Und wenn ich denke, auch Deine Seele könnte mit unter den Verklärten sein, wenn ich denke, ich wäre gerettet worden, Du aber wärst in diesen Fluthen untergegangen und ich stünde jetzt allein am Ufer und müßte von ferne zusehen, wie Deine Heldenseele auftauchte aus dem Wellengrabe und mir entschwebte auf der strählenden Himmelsleiter - da wird mir so wunderbar weich um’s Herz, daß ich nicht begreife, wie Du jetzt scherzen kannst!“

„Aber, theuerste Anna, Du bist ja doch sonst so wenig sentimental,“ entschuldigte sich Victor; „konnte ich ahnen, daß meine muthige Anna durch den kleinen Schiffbruch so erschüttert worden ist? Das hättest Du mir sagen müssen!“

Anna schwieg, Wenn man es ihm erst sagen mußte, dann hätte er es doch nicht verstanden. Entgeistert blickte sie jetzt in den verblassenden Regenbogen. Schade um den wundervollen Anblick, der so plötzlich zerronnen war! Und mit den schwindenden Farben des Prismas verblich auch in ihrer Seele jene Geisterwelt, die sie dahinwallen gesehen hatte im Prisma eines innern Lichtes. Alles war so still und todt und so nüchtern - sie mußte an Alfred denken, wie er empfunden hätte in solch einem Augenblick. Wie schön würde er gesprochen, wie ganz und innig würde er sie verstanden haben! Und sie sehnte sich aus all ihrem neuen Liebesglück heraus nach einem tiefernsten Worte mit dem alten Gefährten.

„Du bist verstimmt, Anna?“ fragte Victor verlegen, denn er fühlte, daß er es an irgend etwas hatte fehlen lassen, und er wollte wissen, woran.

Sie antwortete nicht. Sie ging schweigend mit ihm die Terrasse entlang und lehnte sich auf die Balustrade. Die Sonne sank, es war plötzlich wieder frostig und traurig geworden auf der feuchten Erde. Wie nach jedem Kampf die erste Siegesfreude erlischt und der stillen Trauer um die gefallenen Opfer Raum giebt, so schien die Natur zu trauern um die vom Sturm geknickten Blüthen, um die vom Regen zerstörten Keime. Und Anna trauerte mit. Sie ließ das Köpfchen hängen, und aus ihren Augen war der Glanz gewichen.

Victor schaute sie besorgt und zärtlich an. „Fühlst Du Dich nicht wohl?“

„Ich bin müde, wir wollen zur Mutter gehen.“

„Theure, liebe Anna! Schenke mir noch eine halbe Stunde allein!“ bat Victor. „Ich möchte noch so Manches mit Dir besprechen. Du bist kalt geworden - komm, laß Dich an meinem Herzen erwärmen!“ Er zog sie sanft in seine Arme. Er war so hoch gewachsen, daß ihr Haupt bequem auf seiner Brust ruhte, und sie hörte den gleichmäßigen Schlag seines Herzens und das Athmen seiner kraftvollen Lunge. Sie fühlte sich so geborgen in diesen starken Armen, denen sie die Erhaltung des Lebens, dieses schönen, köstlichen Lebens dankte. Und sie bereute ihre Unzufriedenheit [711] von vorhin, sie schalt sich undankbar. „Man muß von einem Menschen nicht Alles verlangen! Die Gabe der Rede ist ihm versagt, er spricht mit Thaten statt mit Worten! Der arme Alfred hat nur Worte - keine Thaten. Derer, die Alles in sich vereinigen, sind wohl Wenige, sie sind die Könige der Menschheit, und die sind nicht für mich geschaffen. Könige verlangen auch Königinnen!“ So beruhigte sie sich, und doch fing sle schon wieder an, sich über ihren Retter hinauszusehnen nach einem noch vollkommeneren Menschen, - nach einem, der handeln könnte wie Victor und denken und sprechen wie Alfred! „Wenn man nur aus den Beiden Einen machen könnte!“ dachte sie endlich.

„Seltsames Kind,“ sagte Victor ernst, „vorhin flossest Du über; jetzt bist Du wortkarg und trübe. Sag’ es mir, mein Liebchen, wenn ich Dich irgendwie verletzt. Mit Absicht konnte es nicht geschehen, sicher nicht in einer Stunde, wo ich Dir bewiesen habe, daß ich mit Freuden mein Leben für Dich hingebe!“

Sie schlang gerührt die Arme um seinen Hals - er war so groß, sie mußte sich ordentlich strecken, um an ihm hinaufzureichen, - das war so schön! Der Glanz kehrte wieder in ihr Auge zurück, als sie lächelnd in das seine blickte, das jetzt so innig besorgt an ihr hing. Wäre er Alfred gewesen, sie hätte ihm Alles gestanden, was sie soeben gedacht und gefühlt; mit Alfred konnte sie die geheimsten Gedanken austauschen, „sie war nun einmal so daran gewöhnt!“ gegen Victor aber schwieg sie.

„Lieber,“ sagte sie, „wie könnte ich einen Augenblick vergessen, was Du für mich gethan, und mich verletzt fühlen durch Dich, meinen Retter? O nein, das soll nie geschehen -! Komm, mir fällt etwas ein: Wir wollen zum Kahn hinab und ein Stückchen aus dem Ruder schneiden, womit Du mich gerettet, – das wollen wir uns zur Erinnerung aufheben. Hast Du ein Messer bei Dir?“

„Ja, das ist ein guter Einfall, komm!“ sagte Victor, in dessen ganzem Wesen eine seltsame Befangenheit lag.

Sie stiegen Hand in Hand zum Kahn hinab und Victor schnitt zwei Splitter Holz aus den Rudern.

„So,“ sagte Anna. „Das behalte ich und das Du. Sieh, das ist Dein Talisman. Wenn ich einmal böse bin, dann zeige mir das Stückchen Holz, und Du hast mich wieder in Deiner Gewalt! Das ist ein Pfand, Victor, welches ich nur einlösen kann mit meinem ganzen Leben.“ Und sie schmiegte fast demüthig den schlanken Kopf an seine Schulter. Es durchschauerte Victor wie eine Ahnung geheimer wunderbarer Gewalten, die in dem jungen Wesen schlummerten und denen er sich, erwachten sie einmal, mit all seiner Stärke nicht gewachsen fühlte. -

„Was wird sie für eine Frau werden?“ fragte er sich und streichelte fast schüchtern das dunkle wildlockige Haar des Mädchens.

„Victor,“ sagte sie, „Du mußt mit mir Gedichte lesen. Weißt Du, es giebt doch Augenblicke, wo man Das, was man fühlt, nicht besser aussprechen kann als mit den Worten eines großen Dichters. Ich habe das nie so empfunden als seit heute. Du mußt diese Sprache auch lernen, sonst werden wir uns nicht verstehen.“

„Beste Anna,“ sagte Victor, „ich habe bisher wirklich die schöne Literatur vernachlässigt, denn ich mußte so Vieles lesen und arbeiten, was ich für meinen Beruf brauche: Geschichte, Geographie, Mathematik etc. - wie hätte ich bei meinen Hof- und geselligen Verbindungen da noch für solche Dinge Zeit übrig gehabt?“

„Hm,“ machte Anna, „Alfred hat gewiß ebensoviel lernen müssen wie Du und hat doch auch dazu noch Zeit gefunden! Ich glaube, es giebt gar nichts, was der nicht kennt.“

Victor biß sich auf die Lippen; er hatte jetzt ein ähnliches Gefühl wie Alfred, wenn sie ihm vorwarf, daß Victor besser rudern, laufen und reiten könne, als er.

„Was Alfred kann, solltest Du doch auch können,“ fuhr Anna fort. „Alfred sagt immer, man habe zu Allem Zeit, wozu man Lust habe. Und Du hast doch Lust, nicht wahr?“

„Gewiß, mein süßer Engel. Aber nun bitte ich Dich, halte mir nicht immer den Alfred vor, denn es ist ja selbstverständlich, daß ein Mensch wie er, der sich nur vom Schreibtisch zum Krankenbett zu schleppen braucht, den Schwerpunkt auf seine geistige Entwicklung legt. Wessen Beruf aber vorzugsweise körperliche Kraft und Tüchtigkeit fordert, wie der meinige, der darf nicht am Büchertisch vertrocknen. Ein Soldat muß kein Gelehrter, ein Gelehrter kein Soldat sein!“

„Du hast Recht,“ sagte Anna. „Aber es giebt auch in Euren Reihen wahrhaft vielseitige und gelehrte Männer, und Eure großen Generale, was haben sie leisten müssen, bis sie es so weit brachten, wie sie jetzt sind! Sie fingen doch auch klein an wie Du - ich meine, jeder junge Officier müsse den Trieb in sich fühlen, solchen Autoritäten nachzueifern!“

„Theuerste Freundin, ich wiederhole Dir, Du legst einen Maßstab an mich, dem ich nicht genügen kann. Du hast fortwährend die größten und auserlesensten Männer vor Augen und forderst von Deinen Freunden, daß sie diesen ähnlich werden. Ich bin kein militärisches Genie wie die, von denen Du sprichst; ich bin ein mittelmäßig begabter Mensch mit einem eisernen Körper, der durch Muth und Tapferkeit eine hübsche Carrière zu machen hofft und keinen Augenblick ansteht, für die, welche er liebt, durch Wasser und Feuer zu gehen. Genügt Dir das nicht?“

„Doch -, Bester, Lieber!“ rief Anna, gerührt durch dies freimüthige Bekenntniß. „Du bist und bleibst ja mein Ritter sonder Furcht und Tadel!“

„Und glaube mir nur, Anna - im Kriege gilt nicht der gelehrte, sondern der tapfere Officier,“ fuhr Victor fort; „mit Sentenzen und Phrasen schlägt man den Feind nicht in die Flucht, und die Werke der größten Schriftsteller sind uns nur gut, um Patronen daraus zu machen.“

„Wenn Ihr sie im Kopfe habt, mögt Ihr das immerhin thun, denn dann vernichtet Ihr nur das Papier, nicht den Gedanken.“

„Laß die Schwächlinge und Feiglinge,“ eiferte Victor; „sich als Ritter vom Geiste spreizen, wir sind es doch, wir Ritter vom Schwert, die ihnen ihre Sprache, ihre nationale Freiheit erhalten und ihnen die Stätte mit unserem Blute sichern, an der sie sich friedlich nähren. Was würde denn aus den Herren Dichtern und Gelehrten, aus unserer Cultur, unserem Geistesleben, wenn unser Vaterland zerrissen und zertheilt zur Provinz fremder Länder herabsänke? Darum soll Jeder das Seinige thun in seiner Weise und Jeder den Anderen gelten lassen. Die Gelehrten sollen für uns denken, wir wollen uns für sie schlagen.“

„Victor,“ rief Anna, „so gefällst Du mir; sieh, so bist Du, wie ich Dich liebe, ernst und tüchtig! Und da denn einmal nicht Alles beisammen sein kann, so halte ich es mit der Kraft und dem Muthe und werde jetzt gleich meiner Mutter sagen, daß ich von ganzem Herzen eine brave Soldatenfrau werden will.“

Jetzt schoß eine Feuergarbe auf in Victor’s schönem Gesicht. „Einzigste Anna!“ rief er erschrocken. „Ich bitte Dich, warte damit nur noch wenige Tage!“

„Und warum?“

„Weil ich einen Plan hege, den ich ausführen muß, bevor ich um Dich anhalten darf.“

„Welch’ ein Plan ist das?“

„Ich wollte Dich damit überraschen!“

„Victor,“ sagte Anna, „warum bist Du so verlegen? es muß etwas Unrechtes sein, was Dich so befangen macht. Sag’, was es ist – ich will’s wissen um jeden Preis!“

„Nun denn, Anna,“ sagte Victor in seiner Bedrängniß, „ich hatte vor, Dir den Adel zu verschaffen. Ich möchte mein schönes Weib in jeder Hinsicht mir und den Kreisen, in die ich Dich einführen will, ebenbürtig sehen.“

„Wirklich?“ sagte Anna mit einem Ausdruck, den Victor nicht verstand. Er fuhr in seiner Verlegenheit unbedacht fort: „Der Fürst hält viel auf unsere Familie, denn es ist ein Tropfen seines Blutes in unsern Adern. Ein Großonkel des Fürsten war einst mit einer Gräfin Schorn morganatisch vermählt. Er sieht streng darauf, daß ein Geschlecht, welches mit ihm verwandt ist, so weit als möglich den alten Glanz behauptet, und wir Schorns sind ihm Alle bis zu einem gewissen Grade verantwortlich. Ich besonders, denn er ist mein Pathe und hat im wahren Sinne des Wortes Vaterstelle an mir vertreten. Ich kann, das wirst Du einsehen, keinen so wichtigen Schritt wie eine Verlobung thun ohne seine Einwilligung. Da er aber nie meine Verbindung mit einer Bürgerlichen zugeben würde, so muß ich ihn zu überreden suchen, daß er Dich adelt, und ich zweifle keinen Augenblick daran, daß er es mir zu Liebe thun wird. Natürlich müssen derlei diplomatische Aufgaben persönlich abgemacht werden, und ich wollte daher mit unserer Verlobung warten bis zu meiner Rückkehr nach M. – oder wenn es Dir lieber ist, gleich morgen hinreisen und in einigen Tagen wiederkommen, um Dir einen Namen mitzubringen, der besser zu meiner herrlichen Anna paßt als das unästhetische Hösli!“

Anna ging still neben ihm her, ihre Haltung war so seltsam [712] aufrecht und stolz, daß Victor sie befremdet anblickte. „Die Mühe spare Dir,“ sagte sie kalt und klar; sie hatte in dem Augenblick viel, was an ihre Mutter erinnerte.

„Wieso, weshalb?“ frug Victor betroffen.

„Weil ich den Adel nicht annehmen würde.“

„Und weshalb nicht?“

„Weil ich so stolz bin auf den alten Namen der Hösli, den meine lieben Eltern tragen und den die ganze Schweiz kennt und ehrt, daß ich jeden andern, wenn auch noch so hohen Namen, zu schlecht für mich halte!“

„Theuerste, was fällt Dir ein, Du würdest durch eine solche Weigerung den Fürsten auf’s Aeußerste erzürnen und mich in die Lage bringen, entweder Dich zu verlassen oder die Ungnade meines Fürsten zu wählen!“

„Nun, und wenn Dir nur diese Wahl bliebe - wofür würdest Du Dich entscheiden?“

Victor erbleichte und erröthete abwechselnd. „Natürlich für Dich und die Ungnade. Aber bevor Du mich in diese Alternative stürzest, bedenke, was Du thust: Ich bin arm, Anna, ich bin auch kein Genie, wie Du glaubst - ich bin hülflos, wenn der Fürst mir seine Protection entzieht. Vermähle ich mich gegen seinen Willen, so breche ich mit meiner Familie, die ihm anhängt, und mit meinen ganzen Verhältnissen; ich werde vom Hofe verbannt, in eine kleine Garnison versetzt und so lange im Avancement übergangen, bis ich meinen Abschied nehmen muß; dann, beste Anna, bin ich nichts als ein Bettler, dem Dein Vater seine Tochter sicher nicht geben würde - und wenn er es thäte - würdest Du einen Mann achten und lieben können, der sich von seiner Frau ernähren ließe?“

„O!“ rief Anna freudig, „dahin wird es nicht kommen! Ein Officier wie Du findet überall eine neue Stelle. Wer Talent und Muth hat, der ist kein Bettler. - Sollte Dir jedoch wider Erwarten und Verschulden Alles mißglücken - so schwöre ich Dir, daß es mein Stolz wäre, dem Manne, den ich liebe, eine gesicherte Zukunft zu bieten!“

„Großes, edles Mädchen!“ sagte Victor. „So würdest Du denken - aber die Leute?! Erwäge einmal, was es für mich wäre, wenn ich keinen andern Dienst fände und man mir nachsagen würde, ich hätte einer Geldheirath wegen meine Hofstellung und meine militärische Carrière geopfert, gerade jetzt, wo wir einem Kriege entgegengehen!“

Anna machte eine heftige Bewegung.

„Mißversteh’ mich nicht, Anna; wer Dich kennt, wird keinen Augenblick zweifeln, daß ich Dich aus Liebe wählte - aber der Neid ist geschäftig und wird nicht säumen, meiner Verbindung mit Dir die eigennützigsten Motive unterzuschieben. Bedenke, was das für einen Officier und Edelmann wäre - und frage Dich dann - ob Du mich um eines kindischen Dünkels willen so weit treiben darfst? Ich harre mit klopfendem Herzen Deines Urtheils. Ich kann es Dir nicht verhehlen, ich liebe Dich mehr als mein Leben, das habe ich Dir heute bewiesen, aber nicht mehr als meine Ehre, - denn, Anna, der Officier und Edelmann, der irgend etwas in der Welt mehr liebt als diese - ist werth, daß man ihm Degen und Wappenschild zerbreche.“

Victor schwieg beklommen. Anna ging hoch und stolz neben ihm her. „So giebt es doch etwas,“ begann sie mit einem mitleidigen Lächeln, „was mein Ritter sonder Furcht und Tadel fürchtet, und zwar etwas Unsichtbares, das ihm kein Haar auf dem Haupte krümmen kann: das Urtheil oder vielmehr das Vorurtheil der Menschen. Und das nennst Du Ehre, und die Feigheit, mit der Du das Heiligste, die Wahl Deines Herzens, von diesem Vorurtheil abhängig machst, nennst Du Ehrgefühl? Sieh, Alfred ist ein kranker schwacher Mensch, dem wir nicht viel zutrauen - aber das weiß ich gewiß, nicht einmal Alfred würde so gehandelt haben, Alfred würde sich um nichts auf der Welt kümmern und nach Niemandes Erlaubniß fragen, wenn ich ihn heirathen wollte!“

„Alfred und immer Alfred!“ rief Victor, „wenn es nicht zu lächerlich wäre, so könnte ich eifersüchtig werden. Theuerste. Anna, willst Du denn so wenig meinem Standpunkt Rechnung tragen - kannst Du, die für Ritterthum und Ritterehre schwärmt, nicht begreifen, welche heilige Verpflichtungen mir die Traditionen meiner Familie auferlegen? Geh hin und frage Deinen stolzen Vater, ob ein Mann von Ehre unter Verhältnissen heirathen darf, wo er der Frau als Bettler gegenübersteht, und er wird Dir sagen, daß ich recht gethan, da ich Dir offen bekannt, wie sich die Sachen verhalten. Du bist ein romantisches Kind, das an die Dinge dieser Welt seinen phantastischen Maßstab legt, und das gerade macht Dich so bezaubernd, macht es aber auch so schwierig, mit Dir zu verkehren. Du forderst einen Aufschwung, eine Exaltation, die uns alltäglichen Menschen nicht zu Gebote steht, und wenn Du uns mit den Factoren dieser prosaischen Wirklichkeit rechnen siehst, dann hältst Du uns für kleinlich und lieblos! Glaube mir, ich liebe Dich aufrichtig und treu und werde Alles für Dich thun, was in meinen Kräften steht. Nur verlange keinen Kampf mit den Ideen und Verhältnissen, in denen ich aufgewachsen bin, denn - ich kann es nicht leugnen - dazu bin ich zu schwach.“

Anna hatte ihn zu Ende gehört. Ihre scharf gezeichneten Brauen waren zusammengezogen, ihr rosiger Mund trotzig aufgeworfen. „Spare die Redensarten, Victor, und höre mein letztes Wort,“ sagte sie. „Wenn Dir die einfache bürgerliche Anna Hösli zu gering ist, wenn Du nicht den Muth hast, um ihretwillen allen Stürmen zu trotzen und Dir im Falle des Verlustes Deiner Protection eine neue ehrenvolle Stellung zu schaffen aus eigener Kraft - dann bist Du für die Anna Hösli gestorben und begraben, als lägst Du da drunten im See, und kein Regenbogen wird Deine Seele jemals vor meinen Augen gen Himmel führen, wie ich es vorhin geträumt. Jetzt weißt Du, was ich von dem Manne fordere, dem ich angehören soll - und kannst danach handeln!“

Victor war wie vom Donner gerührt bei dieser Rede Anna’s. Er begann sie mehr zu fürchten als alles Andere, und sein nächstes Bestreben war, sie zu versöhnen. Er zog das abgeschnittene Stückchen von dem Ruder hervor und zeigte es ihr. „Nun gebe Gott, daß sich der Talisman bewähre,“ sagte er und sank vor Anna in den feuchten Kies auf das Knie. „Wenn ich Dich beleidigt – um dieses Talismans willen, den Du mir selbst gegeben - sei barmherzig! Ich will ja Alles thun, was Du willst - werde nur wieder mein süßes Lieb von vorhin, da Du glaubtest, es sei Gott selbst, der uns einander in die Arme gelegt. Aennchen, kannst Du Deinen Retter verstoßen?“

Sie schaute ihm lange in das schöne Gesicht, und das Mitleid kam wieder über ihr junges gutes Herz. Sie legte den Arm um seinen Hals und schüttelte traurig den Kopf. „Ich verstoße Dich nicht, dies Leben, das Du gerettet, ist Dein, so lange Du Dich seiner werth zeigst. Ich kann nicht in dieser Minute hassen, was ich in der vorigen geliebt. Aber Victor, mir ist doch die Freude an Dir verdorben, denn Du bist bei all’ Deiner Stärke ein schwacher abhängiger Charakter voll Menschenfurcht und kleinlichen Rücksichten, und ich sehe jetzt, daß man ein Riese sein kann, ohne doch ein Mann zu sein! Wer mir das Alles von Dir gesagt hätte, als Du mich durch den Sturm und das wilde Wasser steuertest, den hätte ich einen nichtswürdigen Verleumder genannt - und nun! Schau, Victor, um jenes Augenblicks da draußen willen“ - sie deutete nach dem umschatteten See - „sei Dir’s verziehen, daß Du mir den schönsten Traum meines Lebens zerstört hast, den, einen großen Mann zu lieben!“ Sie wandte sich von ihm und ging dem Hause zu. Victor folgte ihr in höchster Bestürzung.

[725]
28. Der Muthige.

„Jedem ward auf Erden sein Theil zugewiesen, mein Theil sind die Armen und Elenden!“ so schrieb Alfred an Feldheim. „Für sie will ich leben und weder rechts noch links schauen. Ich war thöricht, zu hoffen – und noch dazu auf solch’ ein Weib – ich der Krüppel. Wie konnte ich mich so verkennen, mich in die Reihen Derer stellen zu wollen, welche Ansprüche auf Liebe und Liebesglück machen können! Doch es sollte so sein. Ich verstehe den Willen der Vorsehung! Wen sie einreihen will in die große Armee, die da kämpfen soll für Menschenwohl und Menschenrecht, dem brennt sie den Stempel des Unglücks in das Herz; denn nur wer selbst den Schmerz gefühlt, kann wahrhaft mitleidig sein. Wäre ich glücklich – ich vergäße vielleicht Derer, die es nicht sind – so aber muß ich ihrer denken, denn ich habe nun nichts mehr als sie!

Was ich als Knabe von den Johannitern geträumt, worüber Du oft lächelnd den Kopf geschüttelt, als Mann mach’ ich es wahr, ich trete in das Heer der Barmherzigen ein, zwar nicht, wie ich als Knabe geglaubt, in der Uniform der Johanniter, sondern in ihrem Geiste. Ich werde dem Orden den Eid des Gehorsams nicht leisten, denn ich will und muß frei sein, ganz frei, und was ich tue, das will ich thun aus eigener Kraft, nicht auf Befehl und mit Hülfe Anderer. Aber wo unsere Wege uns zusammenführen, da werde ich mich ihm freiwillig gesellen in echter Brüderlichkeit. Da der Krieg mit Dänemark nun erklärt ist, habe ich mich den Johannitern als Arzt zur Verfügung gestellt, denn es wird an Aerzten fehlen, und ich will von nun an immer da sein, wo ich am nöthigsten bin. Solltest Du je im Leben meinen Aufenthalt nicht kennen, so suche mich, wo das meiste Elend ist – dort wirst Du mich finden. Ich habe, wie Du weißt, die Chirurgie und die Lazarethkrankheiten zu meinem besonderen Studium gemacht und glaube in einem Kriege gute Dienste thun zu können. Meine Verbindung mit den Johannitern wird mir die Macht geben, manche nothwendige Reform im Militär-Sanitätswesen einzuführen. Ich werde sobald als möglich in mein Vaterland zurückkehren und die fast erloschenen Beziehungen meiner Familie mit einflußreichen Kreisen wieder beleben. Jetzt hält mich nichts mehr hier, denn meine Mutter darf auch nicht bleiben. Sie muß den Winter in Italien zubringen, ich bin täglich mehr um sie besorgt.

O Freund, laß mich weinen! Der Sohn reißt das Herz nur blutend los von der Mutter! Und dennoch, wenn ich sehe, wie sie lächelnd leidet, wie sie den Tod als Friedens- und Sühnungsengel erwartet, dann versiecht die Thräne des eigenen Schmerzes und in stummer Ehrfurcht staune ich das Wunder an, wie eine göttliche Seele die irdische Hülle abstreift und sich zu ihrer wahren Gestalt entpuppt.“

Er stand, als er dies geschrieben, auf und trat an das Fenster, dasselbe, durch welches sein Vater am Todesmorgen nach der Sonne ausgeschaut, die sich nicht mehr zeigen wollte. Er bewohnte jetzt die Zimmer seines Vaters. Er lehnte den Kopf an die noch triefenden Scheiben und preßte die Hand auf sein vereinsamtes Herz. Zwei große Schmerzen wühlten in ihm, um die verlorene Liebe und um die sterbende Mutter. Aber er klagte nicht, der bescheidene Mann, der so viel gab und so wenig forderte. Er kämpfte schweigend das Weh hinunter und Alles, was ihm verloren war. Er hatte während des Schreibens den Regenbogen nicht gesehen, dessen Anblick Aenny so mächtig ergriffen hatte, jetzt war es trübe und todt ringsum. Weit draußen auf dem See trieb das verlassene herrenlose Boot, aus welchem sich Aenny zu Victor geflüchtet. Diesem folgte Alfred lange mit den Augen, wie es ziellos, steuerlos auf den Wellen schaukelte. Dann kehrte er zu seinem Briefe zurück.

„Was nun die Mißernte betrifft,“ schrieb er weiter, „so kann da nur eine durchgreifende Maßregel helfen. Ich mag es mir überlegen, wie ich will, wenn wir nicht mit großen Opfern für Saatfrüchte und Wintervorräthe sorgen, so gehen wir einer Hungersnoth entgegen. Ich bin entschlossen, mit dem Bau der Fabrik zu beginnen und zwar jetzt gleich ohne Aufschub, damit die Leute sich nicht daran gewöhnen, von Almosen zu leben. Sie müssen arbeiten für das, was sie bekommen, und es sich erst verdienen! Nichts demoralisirt das gemeine Volk mehr, als Almosen. Sie dürfen gar nicht erfahren, daß Geld oder Geldeswerth auf irgend eine andere Weise zu erlangen sei, als durch Arbeit, sonst legen sie die Hände in den Schooß und hoffen auf den lieben Gott! Mache vor der Hand zwanzigtausend Thaler flüssig und kaufe Getreide, damit bezahleu wir die Löhne. Geld würde jetzt gar nichts nützen, sie würden es weder zusammenschießen nochn sparen, um einen großen Vorrath anzuschaffen, sie würden es nur vertrinken. Wer nicht um Lebensmittel arbeiten will, der soll verhungern. Die Strafen für den Trunk müssen von jetzt an verschärft werden. Wer betrunken zum Bau kommt, wird heimgeschickt und erhält für den Tag keinen Arbeitslohn. Jetzt oder nie ist es möglich, mit Erfolg gegen den Branntwein zu kämpfen, [726] wir müssen den Hunger als Gegengift gegen den Trunk anwenden und ich hoffe, Du wirst dies mit aller Strenge durchführen. Haben wir nur erst unsere Ortschaften auf eine höhere Stufe gebracht, dann können wir für diese unglückliche aufgegebene Provinz kämpfen und an dem Erfolge unserer Bestrebungen zeigen, was die Cultur über das verkommenste Volk vermag. Dann, Feldheim, ist auch Deine Aufgabe erfüllt, und Du sollst und mußt diesen Ort der Verbannung mit einem größeren Wirkungskreise vertauschen.

Daß Du die Berufung nach K… abgelehnt hast, um das mühselig begonnene Civilisationswerk auf meinen Gütern nicht im Stiche zu lassen, ist ein Opfer, für das Dich nichts entschädigen kann, als der Erfolg, auf den wir Beide hoffen. Ich denke, Deine früheren Besorgnisse, ich würde Dir durch unzeitige Weichherzigkeit die Erziehung dieses verwahrlosten Volkes erschweren, völlig widerlegt zu haben. Du siehst, meine oft beschrieene Sentimentalität erstreckt sich nicht auf meine Handlungen. In den nächsten Tagen schicke ich Dir die nöthigen Instructionen und Vollmachten zum Beginn der Erdarbeiten für den Bau. Ich berathe schon seit Wochen mit dem wackern Herrn Hösli den Plan. Wenn ich nur mehr Zeit hätte! Ich opferte gern die Nächte, aber einige Stunden Schlaf brauche ich – denn ich muß haushalten mit meinen geringen Kräften. Lebewohl für heute! Grüße die Tanten!

Ich bin neu gestärkt durch diese Zeilen an Dich, als hätte ich in Dein unergründliches Auge geblickt. O Freund, könnte ich heute in diese Augen sehen, die mir stets die ganze Welt schöner wiedergespiegelt! Ein Wort von Dir, ein Ton Deiner tiefen männlichen Stimme würde mich aufrichten in der höchsten Noth! Doch auch das darf nicht sein. Du bist nicht arm, nicht elend – und mein Theil sind ja nur die Armen und Elenden!

Stets der Deine
Alfred.“ 


Er siegelte den Brief[WS 1] nebst einem vorhergeschriebenen an den Kanzler der Johanniter und ging, die Briefe selbst zu besorgen. Im Vorüberschreiten fragte er den Diener, ob Victor noch nicht da sei. Er bekam den Bescheid, der Graf sei zu Hause gewesen, um sich umzukleiden, und dann wieder zu Hösli’s zurückgekehrt.

Alfred erbleichte, aber er sagte zu sich selbst: „Das ist ja natürlich!“ Als er aus dem Hause trat, begegnete ihm athemlos Frank’s Dienstmädchen.

„Herr Doctor, Sie möchten doch schnell zu uns hinüberkommen, unser Herr ist krank.“

„Frank?“

„Ja, ja, wir wissen gar nicht was ihm fehlt, die Frau ängstigt sich so sehr!“

„Ich komme gleich!“ sagte Alfred und schlug unverzüglich den Weg nach Frank’s Wohnung ein.

Indessen kehrte Victor in etwas beklommener Stimmung mit Anna in das Haus zurück; er hatte keine andere Wahl, als bei ihren Eltern unverzüglich um sie anzuhalten.

Herr Hösli kam soeben von seinem Geschäftsgange heim. „Nun, Herr Graf,“ rief er Victor entgegen, „Ihres Bleibens wird wohl nicht mehr lange hier sein. Die Abendzeitung bringt die Bestätigung unserer Befürchtungen … Man macht in Deutschland mobil gegen Dänemark. Auch Ihr Fürstenhaus wird in den Krieg verwickelt werden. Jetzt blüht Euer Weizen, Ihr Herren Soldaten!“

„Herr Hösli, ich habe mit Ihnen ein Wort allein zu sprechen,“ sagte Victor in vor Angst völlig feierlichem Tone. Er hätte sich lieber gleich den feindlichen Kanonen entgegengestürzt, als mit dem ‚zähen hochmüthigen Schweizer‘ solch eine entscheidende Sache ausgefochten.

Herr Hösli stutzte und streifte ihn mit einem unzufriedenen Blick. Dann öffnete er die Thür seines Zimmers und sagte kurz: „Treten Sie ein!“

Indessen flog Anna zur Mutter und legte eine Beichte ab.

„Das möchte Alles gut sein,“ sagte Frau Hösli, „wenn ich die Ueberzeugung hätte, daß Du diesen Mann wirklich liebst. Ich kann es mir aber nicht denken. Es ist seine glänzende Persönlichkeit, die Dich täuscht; und Du wirst sehr bald erkennen, wie wenig tieferer Gehalt darunter wohnt.“

Anna schüttelte den Kopf. „Er hat sein Leben für mich gewagt.“

„Er hat sich auf seine Kraft verlassen, von der er weiß, was er ihr zutrauen kann. Aber schau, Anna, es giebt Gefahren, denen man nicht mit der physischen Kraft begegnen kann, die einen festen männlichen Charakter fordern. Ich zweifle, ob er Dir da eine Stütze sein wird.“

Anna schwieg nachdenklich. Sie erinnerte sich an ein ähnliches Wort, das Alfred einst zu ihr gesagt hatte. Ach, hätte sie doch nur mit Alfred über das Alles sprechen können! Er war doch der Klügste und Gerechteste von Allen!

Eine peinliche halbe Stunde verging; endlich trat Herr Hösli mit Victor in das Zimmer. Herr Hösli war vollkommen ruhig. Eine Art überlegenen Humors spielte um den feinen Mund, und das echt schweizerische pfiffige Grübchen kam wieder recht zum Vorschein. Victor war sichtlich bewegt. Das stand ihm gut. Er war so schön, seine Haltung so männlich und edel, sein Gang so sicher und stolz, als er auf Frau Hösli zuschritt. Anna hing mit Bewunderung an der herrlichen Gestalt – ein so wundervolles Aeußere konnte nicht trügen! Er war sich seiner Vorzüge nur selbst nicht bewußt – sie wollte ihn erst erkennen lehren, wer und was er war. Ja, gewiß, es war ihr vorbehalten, ihn erst zu dem großen Manne zu machen, von dem sie geträumt.

„Haben Sie kein Wort für mich, gnädigste Frau?“ fragte Victor, nachdem er Frau Hösli’s volle weiße Hand geküßt, in einem der Situation angemessenen Pathos.

Sie schaute ihren Gatten mit einem bedeutsamen Blicke an. „Ich denke, Graf Victor, Ihr seid Beide noch so jung, daß sich da überhaupt nicht viel sagen läßt. In Euren Jahren kann man sich noch keine Rechenschaft über seine Gefühle geben, und es wäre nicht vernünftig, jetzt schon einen ernsten Beschluß zu fassen.“

Victor athmete bei dem leichten Tone der Frau Hösli unwillkürlich auf.

„Dasselbe habe ich dem Herrn Grafen auch zu bedenken gegeben,“ sagte Herr Hösli mit seinem schlauen Lächeln. „Ich habe ihm die Bedingung gestellt, daß er nach Ablauf des Krieges, den er natürlich ehrenhalber noch mitmachen muß, und nach erfolgter Mündigkeit den Dienst quittirt und in mein Geschäft eintritt. Sobald er das Handelsfach erlernt hat, werde ich ihm eine Commandite gründen, wo er es immer wünscht, damit er sich selbst etwas erwerben und auf eigenen Füßen stehen kann. Dies ist Alles, was ich meinem Herzblättli zu lieb thun kann. Bist Du damit zufrieden, mein Töchterchen?“

Anna sah in Victor’s verlegenes Gesicht. „Nein, bester Vater, das bin ich nicht. Victor kann kein Kaufmann werden, er ist gar nicht dazu geboren, und ich will auch keinen Kaufmann, sondern einen tapfern, ritterlichen Mann. Wenn Victor diese Bedingungen erfüllte, würde ich ihn verachten. Gelt, Victor, Du hast Nein gesagt?“

„Der Herr Graf wollen es überlegen!“ warf Herr Hösli ein. „Kommt Zeit, kommt Rath!“

„Nein, Victor, wie kannst Du das nur überlegen wollen! Wenn Du mich noch so lieb hast, das darfst Du nicht für mich thun. Du kannst den Dienst Deines Landes quittiren und einen andern nehmen, aber in ein Comptoir kannst Du Dich nicht um meinetwillen sperren lassen. Warum hattest Du nicht den Muth, das gleich offen zu sagen?“

„Mein Gott, Anna, ich fürchtete, Dich und Deinen Vater zu beleidigen!“

„Du fürchtest immer zu beleidigen. Aber wer’s Allen recht machen will, macht’s Keinem recht!“

Herr und Frau Hösli schauten sich verstohlen an.

„Theuerste Anna, Du bist unberechenbar! Man weiß nie, wie man mit Dir dran ist!“ fuhr Victor heraus.

„Ach, das ist nur der Beweis, wie wenig Du mich noch kennst,“ sagte Anna verdrießlich.

„Und wie nothwendig es ist, daß Ihr Euch erst kennen lernt, bevor Ihr Euch für’s Leben bindet!“ setzte Frau Hösli hinzu. „Ich trage auf Schluß der Debatte an, da ich es für zwecklos halte, eine in so weiter Ferne liegende Sache jetzt schon zu erörtern, dazu ist es in einem Jahre noch Zeit!“

Victor und Anna erwiderten nichts – sie waren es Beide zufrieden, daß die Angelegenheit von den Eltern nicht so ernst genommen wurde. Sie waren sich einander ferner gerückt als zuvor. Anna hatte, sie konnte es sich nicht leugnen, eine Enttäuschung erfahren, und Victor empfand eine heimliche Scheu vor [727] Anna’s energischem Wesen. Dabei hatte er weder den Muth, es mit dem Fürsten, noch mit seinem reichen Schwiegervater zu verderben. Er brauchte den Einen wie den Andern, denn er sehnte sich ebenso sehr nach Reichthum wie nach Ehren. Daß er eher sterben als ein Kaufmann werden würde, verstand sich bei ihm von selbst. Aber wozu sollte er jetzt schon eine Scene machen, da die Entscheidung so weit hinausgeschoben war? Die Freuden einer Brautschaft waren ihm ja nicht versagt, er durfte Anna „kennen lernen“, also im Hause ein- und ausgehen. Das war ihm vor der Hand genug. Nach dem Kriege, der ihm voraussichtlich ein bedeutendes Avancement eintrug, hoffte er dann schon aus einem andern Tone mit Herrn Hösli reden zu können.

Das allgemeine Schweigen wurde jetzt unterbrochen durch den Diener, welcher fragte, ob das „Obigässe“ angerichtet werden dürfe. Herr Hösli nickte, und Victor mußte gehen, da er „unhöflicher Weise“ nicht eingeladen wurde. Als er nach Hause kam, fand er Alfred, der eben erst von Frank zurückgekehrt war. Er vertraute ihm triumphirend an, daß er und Anna einig seien, und daß die Sache nur noch auf Wunsch der „Alten“ geheim bleiben müsse.

„Ich sah es lange kommen,“ sagte Alfred ruhig. „Mögest Du Dein Glück zu schätzen und zu verdienen wissen!“

„Zu verdienen?!“ wiederholte Victor. „Höre Freundchen, soll ich das als Tusch nehmen?“

„Nimm’s, wie Du willst!“ sagte Alfred ohne eine Miene zu verziehen und ging in sein Studirzimmer.

„Boshafte Memme!“ murmelte ihm Victor zwischen den Zähnen nach. Er hatte Alfred nie geliebt. Jetzt aber haßte er ihn, seit Anna den Jugendgefährten ihm in so empfindlicher Weise als Beispiel vorgehalten.

Der folgende Tag verging äußerlich heiter und ward nur durch Frank’s Krankheit getrübt. Aenny’s Stimmung wurde wieder günstiger für Victor, denn dieser entfaltete, nachdem die Sorgen um die nächste Zukunft von ihm genommen waren, seine ganze Liebenswürdigkeit. Solch’ ein leichtes tändelndes Verhältniß war „gerade seine Force“. Er zeigte darin alle Grazie und Ritterlichkeit, die ihm zu Gebote stand, und verfehlte damit seine Wirkung auf Anna’s empfängliche Phantasie nicht.

Am zweiten Tage machte Aenny mit Victor und mehreren ihrer Bekannten eine Partie auf den Uetli. Alfred betheiligte sich nicht. Anna hatte ihn noch nicht wiedergesehen und fand es natürlich, daß er sie jetzt vermied; ja sie war es zufrieden, wie gerne sie sich auch mit ihm ausgesprochen hätte - ihr bangte vor diesem Wiedersehen!

Eine schönere Gelegenheit, seine Vorzüge geltend zu machen, hätte Victor nicht finden können. Er übersprang Klüfte, erklomm steile Felsen, um für Anna eine Blume zu pflücken, ängstigte die Damen dadurch, daß er knapp am Rande eines Abgrundes hinschritt, und war schön und anmuthig wie ein junger Gott. Seine reine melodische Sprache, seine vornehm leichte Haltung stach allzusehr ab von dem steifen Wesen der Freunde Anna’s und sie wendete ihr Auge wie trunken von diesen zu ihm. Er gewann unermeßlich durch den Vergleich und seine zärtliche Aufmerksamkeit, die leise Vertraulichkeit, mit der er sie auszeichnete, machte sie in den Augen der Freudinnen gar zu beneidenswerth. Das war denn doch ein Mann, mit dem man Ehre einlegt. Und sie war glücklich, daß sie mit ihm in allen Dingen Schritt halten konnte. Man machte Wettläufe, in denen sie stets mit Victor siegte, man versuchte schroffe Spitzen zu erklettern, aber sie und Victor waren immer die Ersten und oft auch die Einzigen oben. Und wenn sie so allein mit ihm auf einem Felsen stand und der Höhenwind ihre Wangen roth peitschte und sie hinabsah auf die schwerfälligen „Philister“ da unten, dann meinte sie, die ganze weite schöne Erde, die sich im unermeßlichen Panorama zu ihren Füßen hinbreitete, sei nur für sie und Victor geschaffen, und sie drückte in kindlicher Begeisterung seine Hand: „Victor, wir gehören doch zusammen, Du und ich, wir sind die Herren der Welt und kein Anderer darf uns nahen!“

Endlich war der Gipfel des Berges erreicht, ein schroff hinausragender Felsgrat war noch zu erklimmen. Die Andern, müde gehetzt von Aenny’s rastlosem Laufen, blieben zurück, nur sie und Victor kamen hinauf.

„O, könnten wir Beide allein hier oben bleiben,“ rief sie, „da machten wir uns Kronen von Erika und blauen Genzianen, bildeten uns ein, wir seien Könige und hielten Hof mit unsern stummen gewaltigen Nachbarn da drüben. Weißt Du, Victor, wo die blaue Blume der Zufriedenheit blüht, welche die Dichter suchen?“

„Nein!“

„Aber schäm’ Dich – das nicht zu errathen! Auf den Gipfeln der Gebirge blühte sie, in dem reinen Athem der Höhen nahe dem Himmel! Kommt hier herauf, ihr Dichter, und ihr werdet sie finden.“ Sie pflückte eine Genziane und steckte sie Victor an die Brust: „Schau, da hast Du sie. Aber sie blüht nur hier oben; wer sie in’s Thal hinunter nimmt mit seiner bangen drückenden Luft, dem welkt sie schnell dahin, und deshalb meinen die im Thale unten, es sei eine Märchenblume, die nirgend mehr wachse. Bei uns aber hat sie jeder Hirte, ohne daß er weiß, wie kostbar und selten sie ist! – O sieh – nun kommen die Wolken und legen sich um unsern Thron. Schau, wie es treibt und wallt um uns her. Das sind die Schleier der Berggeister – sie wollen uns verstecken. – Immer mehr! Die Erde verschwindet unter uns – nur noch ein Stückchen vom See lugt heraus wie ein blaues Auge und da drüben im Sonnenstrahl das einsame Kirchlein mit dem blinkenden Thurmknopf. Nun ist auch das verschwunden – Alles zu! Da stehen wir über den Wolken – ‚Juhuu!‘“ schmetterte sie jodelnd hinaus und die Gesellschaft, welche weiter unten ihrer harrte, gab den Ruf verhallend durch das dichte Wolkentreiben zurück.

„Ich huldige Dir, Du wilde Bergkönigin!“ lachte Victor, welcher fühlte, daß er nun doch auch etwas Poetisches sagen müsse; „ich leiste Dir den Eid der Treue für’s Leben!“

„Für’s Leben?“ fragte Anna und eine holde Freude strahlte aus ihren Augen. „O, Du lachst – es ist Dir nicht ernst!“

„Lachst Du nicht auch?“ fragte Victor.

„Ja, wir wollen lustig sein. Immer, immer! Nicht wahr, wenn wir Mann und Frau sind, da turnen und reiten und tummeln wir uns das ganze Leben hindurch!“

„Ja, bis wir alt und kränklich werden!“

Anna sah Victor bedenklich an. „Alt und krank? Ah bah! Dann bringen wir uns einander um, aus Barmherzigkeit! Gelt – Alter und Hinfälligkeit lassen wir nicht über uns Herr werden! – Juhun!“

„Anna, komm nun herunter, die Sonne hat sich versteckt, wir wollen nach Hause!“ riefen die Freunde.

Anna wollte hinabeilen.

„Halt, wozu wären denn die Wolken da,“ rief Victor, „noch schnell einen Kuß.“

„Nein,“ sagte Anna streng. „Ich küsse Dich nicht eher, als bis ich gewiß weiß, daß Du mein Mann wirst!“

„Weißt Du denn das noch nicht?“

Anna sah Victor mit einem zweifelhaften Blick an und schüttelte den Kopf: „Nein, gewiß weiß ich es nicht!“

Und wie eine Gemse graciös und sicher sprang sie hinab, daß es aussah, als stürze sie sich in das weiße Wolkenmeer, welches gleich wieder über ihr zusammenschlug. –

Als Anna mit Victor nach Hause kam, empfing sie schon in der Hausflur der Diener mit einer Schreckensnachricht, die Anna tief erschütterte. Es hatte sich herausgestellt, daß Frank’s Uebel der erste Fall jener fürchterlichen asiatischen Krankheit war, die bis dahin ganz Europa mit Ausnahme der Schweiz heimgesucht hatte. Die Aerzte gaben keine Hoffnung mehr für ihn.

„Frank!“ schrie Anna im heftigsten Schmerz auf. „Frank soll sterben! Das kann nicht sein, das darf nicht sein! Komm, Victor, geh’ mit mir zu ihm auf der Stelle! Wir wollen sehen, ob wir nichts helfen können.“ Und sie ergriff Victor’s Hand, um ihn mit sich zu ziehen. Aber wie versteinert sah sie ihn an, als Victor sie zurückhielt.

„Theuerste Anna,“ rief er, „Du wirst Dich doch nicht einer so furchtbaren Ansteckung aussetzen wollen ohne Wissen und Erlaubniß Deiner Eltern?“

„Ich brauche ihre Erlaubniß nicht, denn ich würde mir’s doch nicht wehren lassen – sie möchten machen, was sie wollten.“

„Was fällt Dir ein? Geh’ zu Deiner Mutter hinauf und frage sie, ob sie einen solchen Leichtsinn billigen würde!“

„Einen Leichtsinn nennst Du das, wenn ich Frank nicht in der letzten Noth verlassen, seine arme Frau, seine Kinder trösten will?“ rief Anna außer sich.

„Aber bedenke doch, um solch’ einen Neger Dein köstliches Leben auf’s Spiel zu setzen!“

[728] „Um solch einen Neger?“ wiederholte Anna empört. „Hast Du vergessen, was dieser Neger für mich gethan hat? Hätte er nicht auch sagen können, als ich da oben hing in einer Angst, die kein Mensch mir nachfühlen kann: ‚Um solch ein Kind soll ich mein Leben wagen?‘ Und hätte mich herabstürzen lassen können, daß ich zerschmettert wäre? O, wenn Du wüßtest, wie mir war, als ich meine fast erlahmten Arme statt um den sinkenden Balken um diese treue schützende Brust schlang, Du würdest begreifen, daß ich ihm beistehen muß bis zum Tode, wie er mir beistand!“

„Anna!“ sagte Victor, sie in größter Unruhe umschlingend. „Anna, laß Dich beschwören, höre mich doch! Hast Du nicht auch gegen mich Pflichten, habe ich nicht dasselbe für Dich gethan wie Frank, nicht ebensoviel Recht an Dich wie er?“

„Nein, Victor, nein – ich bin nicht undankbar, aber das hast Du nicht. Du hast mich besitzen wollen, hast für das Leben, das Du wagtest, mein ganzes Leben eingefordert ! Frank hat mich nicht für sich gerettet, hat mich nicht zum Lohn für seine That begehrt, ich war ihm nichts als ein Kind, das er auf den Armen getragen und behütet hatte wie ein treuer Diener. Er klebte sich für mich mit seinem Blute an die nackte Mauer an, vollbrachte, was kein anderer Mensch vollbrachte, und als er mich, den Preis seiner furchtbare That, errungen hatte, legte er mich meinen Eltern in die Arme und sagte: ‚Ich habe nur meine Schuldigkeit gethan!‘ O Victor, gegen diese bescheidene Größe kommst Du nicht auf! Du und Vater und Mutter, Ihr Alle fordert etwas von mir, macht ein Recht an mich geltend – er nur, er, der das Schwerste für mich gethan, erhebt keinen Anspruch an mich! Deshalb gebe ich ihm freiwillig, was er verdient, und was ich freiwillig geben kann, das gebe ich um so freudiger. Ach, daß ich Dir das erst Alles erklären muß, und derweil wir hier schwatzen, haucht die edle Seele vielleicht den letzten Athemzug aus. Komm, Victor, lieber Victor, laß uns eilen!“

„Wie – auch ich soll mitgehen? Willst Du auch mich der Ansteckung aussetzen?“

„Victor,“ rief Anna, „vor wenigen Tagen hast Du mit Wind und Wellen gekämpft, und jetzt fehlt Dir's an Muth, eine Gefahr mit der zu theilen, für die Du sterben zu können schwurst.“

„Beste, ich will lieber mit den Elementen kämpfen als mit solch einer Krankheit, die fürchte ich mehr als Alles. Ich kann nun einmal nicht dafür, der Ekel ist unüberwindlich – ich würde sicher der Ansteckung erliegen! Wozu soll ich mich denn aussetzen?

Wenn ich Dir etwas nützen könnte, wäre es etwas Anderes; aber gegen Herrn Frank habe ich doch weiß Gott keine Pflichten, die mich vergessen machen dürften, daß ich einer alten Mutter einziger Sohn bin!“

Anna war bleich, ihre großen blauen Augen ruhten durchbohrend auf ihm. „Du bist doch ein Feigling!“ – Sie stieß seinen Arm von sich und ging. Er eilte ihr in größter Angst nach.

„Anna, Anna, höre mein letztes Wort! Wenn Du wirklich zu dem Mohren gehst, um Dir jene gräßliche Krankheit zu holen, dann sind wir Beide geschieden. Du hast die Wahl zwischen mir und dem Neger, – nun überlege, wen wirst Du wählen?!“

Anna maß Victor von Kopf bis Fuß mit einem unbeschreiblichen Ausdruck. „Frank!“ sagte sie mit so harter deutlicher Stimme, daß es durch die Hausflur wiederhallte.

Sie war verschwunden und Victor sah ihr wie vom Donner gerührt nach. Das hatte er nicht gedacht.

Athemlos erreichte Anna die Inspectorswohnung. „Lebt er noch?“ rief sie der Magd zu, die mit einem Bündel am Arme aus dem Hause lief.

„Ja – aber wie! Ich gehe fort, ich will's nicht auch bekommen.“ Sie eilte von dannen.

Einsam und öde lag das sonst so freundliche Haus da. Weit und breit war kein Mensch mehr zu sehen; die Wohnung Franks war jetzt zu einem Schreckensort geworden, den alles Leben floh.

„Sie verlassen Dich Alle, armer Frank,“ rief es in Anna's Herzen; „aber ich komme!“

Sie stürmte vorwärts und riß die Thür auf. Frank wand sich in den fürchterlichsten Krämpfen, seine Frau kniete am Boden neben ihm und weinte laut. Aber zu Häupten des Lagers saß still und ruhig ein treuer Pfleger, den nichts von dem Bette des Kranken schreckte.

„Frank, lieber Frank!“ rief Anna und warf sich in die Arme des Negers.

Da stieß Frank einen gellenden Freudenschrei aus. „Unser Kind, unser Kind kommt zu mir, jetzt kann ich besser sterben!“

„Frank,“ sagte Anna, „Du wirst nicht sterben, so lange der da“ – sie deutete auf Alfred – „bei Dir ist! Der wird Dir helfen, ich weiß es gewiß, denn der kann Alles!“

Und sie machte sich plötzlich von Frank los und trat zu Alfred. Sie sah ihn lange tief und innig an. „Gelt, Du wirst ihm helfen, Du treuer, muthiger Alfred!

[754]
29. Trennung.

„Du treuer, muthiger Alfred!“ hatte Anna zu dem Schwächling gesagt, den sie oft wegen seiner Feigheit verspottet. Und in welchem Tone hatte sie es gesagt! Es war Alfred, als müsse ihm das Herz zerspringen bei diesem Tone. Aber er vergaß dennoch nicht, daß sie die Braut eines Andern war.

„Ich werde thun, was ich kann,“ sagte er. „Die Aerzte haben ihn vor einer Stunde für verloren erklärt. Ich versuche jetzt noch eine Behandlungsart, die ich mir in diesen schweren Stunden ersonnen – vielleicht – vielleicht – !“ Er konnte vor innerer Bewegung nicht weiter reden.

Anna ergriff mit Ungestüm seine Hand. „O Fredy, was soll ich Dir sagen, wie Dir danken? Was Du an Frank thust, das thust Du ja an mir!“

„Ich erfülle nur meine Pflicht als Arzt,“ sagte er sanft ablehnend. „Und ich habe sie nie freudiger gethan als hier. Sie aber, Anna, Sie thun mehr als Ihre Pflicht. Sie opfern sich auf, ohne etwas nützen zu können.“

„Fredy,“ rief Anna erschrocken, „warum nennst Du mich auf einmal Sie?“

„Weil ich weiß, daß es Jemandem, der ein Recht auf Sie hat, unangenehm wäre, wenn ich die alte Vertraulichkeit beibehielte,“ erwiderte Alfred, kurz abwehrend. „Gehen Sie, liebe Anna, gehen Sie nach Hause. Ich weiß es, daß Ihr Herz Sie treibt, und weiß, was es Sie kostet, Frank zu verlassen; aber dennoch beschwöre ich Sie im Namen Aller, die Sie lieben – erhalten Sie sich den Ihrigen!“

„Liebes Fräulein,“ sagte Frau Ida, die sich indessen aus ihrer verzweiflungsvollen Versunkenheit aufgerafft hatte, „folgen Sie Herrn von Salten, er meint es ja mit uns Allen am besten!“

„Das weiß ich, Ida,“ rief Anna und warf sich, in Thränen ausbrechend, an den Hals der Freundin. Es war ein seltsames Weinen, halb um Frank, halb um etwas Anderes; sie konnte sich selbst nicht erklären, um was. Sie hatte in ihrem ganzen Leben nicht so aus tiefster Seele geweint wie jetzt.

„Frank,“ sagte Alfred, „Fräulein Anna will hier bleiben, um Sie zu pflegen; wenn sie es aber thut, kann sie Ihre Krankheit erben – wollen Sie das?“

„Nein, o nein,“ rief Frank, „unser Kind soll nicht auch krank werden, sie soll gehen – oder ich trage sie selbst hinaus.“ Und er erhob sich im Bette, als wolle er Miene machen, das Gesagte auszuführen.

„Sie sehen, nun muß es sein!“ sagte Alfred mit ruhiger Entschiedenheit, „sonst regt sich Frank so auf, daß er nicht genesen kann!“

Anna heftete einen langen traurigen Blick auf ihn. „O Fredy, daß Du mir das gethan!“ Dann trat sie noch einmal zu Frank. „Ich gehe, Frank, aber nicht weiter als bis vor die Thür; dort werde ich wachen die ganze Nacht, damit ich immer weiß, wie es um Dich steht, und gleich da bin, wenn Du mich haben willst. Das kann mir Niemand wehren.“ Sie nahm Ida bei der Hand. „Kommen Sie mit mir und schöpfen Sie einen Augenblick frische Luft!“ Dann sich im Hinausgehen zu Alfred wendend, fragte sie: „Wie lange bleibst Du – bleiben Sie noch hier?“

„Die ganze Nacht,“ sagte er, „denn diese Nacht entscheidet über Leben und Tod. Wenn Sie wirklich im Hause bleiben wollen, so werde ich Ihnen von Zeit zu Zeit Nachricht geben lassen.“

„Wenn Sie das thun wollten!“ sagte Anna fast schüchtern. Plötzlich stürzten ihr von Neuem die Thränen aus den Augen.

„Ach, Alfred, kann es nie mehr zwischen uns werden, wie es war?“

Nie mehr!“ sagte Alfred milde, aber bestimmt. Und als die beiden Frauen das Zimmer verlassen hatten, preßte er die weißen zarten Hände vor die Brust: „Ich muß fort – sobald wie möglich.“

Anna war weder durch Güte noch Gewalt aus Frank’s Hause wegzubringen. Die Boten ihrer Mutter wurden von ihr mit dem Bescheide zurückgewiesen, sie thue ihre Schuldigkeit, wie sie dieselbe einst gegen Vater und Mutter thun werde. Und als endlich Herr Hösli selbst kam, wußte sie auch ihn durch ihre eigene Zuversicht zu beruhigen und ihm die Erlaubniß abzuschmeicheln, in der luftigen Hausflur zu bleiben.

„Wir sind Frank jedes Opfer schuldig,“ sagte Herr Hösli und ging, obgleich ihn der Widerwille schüttelte, zu Frank hinein. Er war lange bei ihm. Im Zurückkommen sah er seine Tochter mit einem eigenthümlichen Blicke an. „Der Salten ist ein merkwürdiger Mensch. Wenn ich einmal krank werde, will ich keinen andern Arzt als ihn.“

Anna saß in einem Lehnstuhl, den ihr Frau Ida herausgestellt hatte, und ihr Köpfchen war in trübem Sinnen auf die Brust gesunken. Herr Hösli richtete es am Kinn in die Höhe und sah ihr forschend in die Augen. „Wenn Dich’s nur nicht reut, ein solches Herz von Dir gestoßen zu haben!“ Er küßte Anna auf die Stirn und ging. – – –

„Frank ist gerettet!“ jubelte Frau Ida nach einer langen fürchterlichen Nacht Anna entgegen.

„Frank ist gerettet!“ wiederholte einige Stunden später ganz Zürich.

„Wer hat ihn gerettet?“

„Salten, der Doctor von Salten, der schon so viele merkwürdige Curen gemacht!“

So ging es von Mund zu Mund, und als der blasse müde Mann nach der schweren Arbeit der Nacht die gewohnten Gänge zu seinen Kranken machte, da liefen ihm Bekannte und Unbekannte nach, schüttelten ihm die Hände und beglückwünschten ihn zu einer Cur, die ihn mit Einem Schlage zu einem berühmten Arzt machte. –

Der Zudrang, der von diesem Tage an in Alfred’s Sprechzimmer stattfand, war unerhört. Niemand wollte einen andern Arzt als Alfred. Er eilte von einem Schreckenshause in das andere, und sein Name war der Talisman, der Sterbenden noch Hoffnung einflößte. Man fürchtete, die Seuche werde so rasch um sich greifen wie an anderen Orten. Da brachte Alfred ein Präservativverfahren in Vorschlag, welches von den medicinischen Behörden fast einstimmig gutgeheißen und angenommen wurde. Und so über alle Erwartungen bewährten sich Alfred’s Vorschläge, daß das Uebel im Keime erstickt wurde, um erst ein paar Jahre später mit erneuter Gewalt auszubrechen. In dieser Zeit aufopferndster Thätigkeit hatte Alfred doch noch Muße gefunden, sein volkswirthschaftliches Examen zu machen und den Plan einer Leinenfabrik mit Herrn Hösli auszuarbeiten. Nur in der Familie Hösli ließ er sich wegen „Mangels an Zeit“ wenig mehr sehen.

Victor war kurz nach Frank’s Erkrankung nach Hause berufen worden. Niemand wußte, wie Anna mit ihm stand; sie erwähnte seiner nicht und schwieg beharrlich auf alle Fragen, selbst ihrer Mutter. Frau Hösli ahnte, daß die jungen Leute nicht eben gut miteinander waren und daß Anna sich schämte, es zu gestehen, weil es ihr die Mutter vorausgesagt. Auch der Briefwechsel zwischen Beiden schien [755] ein einseitiger zu sein, da von Victor fast täglich Briefe einliefen, während Anna ein einziges Mal nach seiner Abreise geschrieben hatte und seitdem nicht wieder. Frau Hösli war mit alledem sehr zufrieden. Doch täuschte sie sich, wenn sie hoffte, Anna werde sich in dem Maße Alfred wieder zuwenden, als sie gegen Victor zu erkalten schien. Anna vermied Alfred seit jener kurzen Unterredung bei Frank mit einer Art trotziger Scheu. Sie war befangen und abstoßend, wenn sie sich sahen, er zurückhaltend und fremd. „Es kann nie wieder werden, wie es war!“ hatte er gesagt, und er schien Recht zu haben. Die Beiden erwiesen sich eine Wohlthat, wenn sie einander die peinvolle Verlegenheit, mit der sie sich gegenüberstanden, ersparten. Anna war in letzter Zeit nicht mehr so gesund wie früher. Sie klagte über Kopfweh und wechselte oft die Farbe, besonders wenn von Alfred die Rede war. Gegen ihre Mutter blieb sie fortan verschlossen und ausweichend. Sie lief und sprang nicht mehr, sie ging langsam und ernst umher, und statt zu reiten oder zu schwimmen saß sie stundenlang bei Frank oder bei den Familien der Fabrikarbeiter, für deren kleine und große Leiden sie auf einmal ein Interesse zeigte, welches sie früher nie gehabt. Es war, als habe sie jetzt erst entdeckt, daß es Kummer in der Welt gäbe, und eine Freude darin gefunden, ihn zu lindern.

„Laß Du das Kind gehen, das Kind ist recht,“ sagte Herr Hösli immer wieder zu seiner kopfschüttelnden Frau, so oft Anna bei ihm Geld für dies oder jenes dringende Bedürfniß holte, welches sich bei ihren Schützlingen herausgestellt. Die Anna Hösli war in kurzer Zeit der Trostesengel der vielen Hundert Hösli’schen Unterthanen geworden. Nur sagen durfte man es ihr nicht, da wurde sie böse. Sie fand nichts widerwärtiger, als Menschen, die mit ihrer Gutherzigkeit coquettirten, – sie haßte auf einmal alle „Gefühlsseligkeit“ und verschwor sich hoch und theuer, sie thue Alles nur aus Pflichtgefühl, nicht aus gutem Herzen – denn sie habe kein Herz und wolle keines haben! So eignete sie sich, wie in einer unbewußten Opposition gegen ihr innerlich immer reicher sich entfaltendes Gemüthsleben, eine äußere Sprödigkeit an, die sich im persönlichen Verkehr oft in verletzender Weise zeigte. Es war jener jungfräuliche Widerstand gegen eine Gemüthsstimmung, in der sie wehrlos etwaigen gefürchteten Eindrücken preisgegeben war.

„Anna Hösli ist wunderbar verändert,“ sagte eines Tags Adelheid zu ihrem Sohne. „Wie sie die Kranken und Armen pflegt und unterstützt! Wie oberflächlich war sie früher und nun diese Umwandlung!“

„Das hat die Liebe in ihr vollbracht!“ sagte Alfred.

„Aber Victor ist doch eigentlich gar nicht der Mann, um einem jungen Mädchen eine so ernste Richtung zu geben!“ meinte Adelheid.

„Es kommt nicht darauf an, wen man liebt – sondern wie man liebt! Eine edle Natur wird immer edel in der Liebe sein; eine gemeine immer gemein! Freilich, daß eine edle Natur einen Menschen wie diesen Victor lieben kann – das bleibt ein unerklärliches Räthsel!“ fügte er bitter hinzu.

„Aber Alfred, Frau Hösli sagt ja, sie glaube gar nicht, daß Anna Victor noch liebe.“

„Das weiß ich besser, Mutter! Victor hat mir bei der Abreise noch betheuert, daß sie ein Herz und eine Seele seien und daß Anna nicht von ihm lasse, so lange sie lebe.“

Adelheid wollte weiter reden, aber Alfred brach das Gespräch rasch ab, wie immer, und fing von seinem Uebersiedelungsplane in die Heimath an.

Es gelang ihm endlich mit unsäglicher Mühe, seine Mutter zu einer Reise nach Italien zu bewegen. Er wollte sie selbst an einen passenden Ort bringen und dann in den Norden zurückkehren, um sich noch vor Ausbruch des Krieges dort einzugewöhnen, seine Güter und seinen Freund zu besuchen. Dieselbe Energie und Zähigkeit, welche er einst dem Drängen seiner ganzen norddeutschen Verwandtschaft entgegengestellt, um in Zürich zu bleiben, bot er jetzt auf, um fortzukommen. Es war ihm unmöglich, länger in Anna’s Nähe zu leben. Er war kein Werther, der an einer egoistischen Neigung zu Grunde gehen wollte. Er liebte die ganze Menschheit, und er wollte für sie leben und wirken, aber um dies zu können, durfte er seine Kraft nicht verbluten lassen an einer neu aufgerissenen Wunde. Er mußte fort, und er hatte der äußeren Gründe genug dazu. So war denn der Entschluß gefaßt zum großen Schmerz der alten Hösli’s und der ganzen Züricher Bewohnerschaft.

Die Auflösung seines Hausstandes kostete Alfred wenig Mühe. Die Einrichtung sollte erst nach seiner Abreise verkauft werden, um Adelheid jede Unbequemlichkeit zu ersparen. Herr Hösli wollte das für Alfred besorgen. Seine Bilder, Bücher und wissenschaftlichen Utensilien sandte er nach B… voraus, wo sie einer seiner Verwandten in Verwahrung nahm. Das volkswirtschaftliche Examen war vorüber, die Seuche, die seine Gegenwart nothwendig gemacht und seine Abreise verzögert hatte, unterdrückt, sein Tagewerk in Zürich war vollbracht – er konnte gehen.

Er ahnte nicht, mit welcher Liebe die Stadt an ihm hing, die er verließ. Sie häufte, wohl erkennend, was sie ihm schuldig war, Ehre um Ehre auf des Scheidenden Haupt, und es ereignete sich der unerhörte Fall, daß ein so junger Mann wie Alfred zum Ehrenbürger ernannt wurde. Ein großes Abschiedsbankett ward veranstaltet, bei welchem ihm das Diplom überreicht wurde. Alle Züricher Behörden waren versammelt, und auf den Galerien des Saales blühte ein reicher Damenflor, darunter auch Anna.

Es war das erste Mal, daß Alfred öffentlich reden mußte. „Wie wird er’s machen, der schüchterne Mensch?“ flüsterten sich die Bekannten zu. Er aber, obgleich tief bewegt, sprach fließend und sicher:

„Meine Herren und lieben Freunde! Schweren Herzens nehme ich das Bürgerrecht einer Stadt an, die ich zu verlassen im Begriff stehe. Und dennoch nehme ich es an, weil ich mir bewußt bin, daß ich – wo auch immer – mit Geist und Herzen ein echter Bürger dieser Stadt bleiben werde. Meine Herren! Wie köstlich auch das Geschenk ist, welches Sie mir in die Heimath mitgeben – noch Größeres nehme ich von hier mit, wofür ich Ihnen in dieser Abschiedsstunde meinen Dank aussprechen muß: die Achtung vor dem allgemeinen Menschenrecht und die Liebe zur Arbeit!“ –

Ein Sturm des Beifalls unterbrach ihn.

„Meine Herren,“ fuhr er fort. „Wenn Einer zurückkehrt in die Heimath, da umringen ihn die Seinen und fragen wohl: .was bringst Du uns mit?' Mein Bürgerrecht ist nur für mich, ich kann es nicht mit Anderen theilen, auch nicht den tausendfältigen Genuß, den mir der Anblick Ihrer Berge, Ihrer Seen geboten, denn ich bin kein Maler, kein Dichter, aber die beiden Errungenschaften, von denen ich eben sprach, werde ich meinen Landsleuten mitbringen, und ich denke, sie sind ein Geschenk, für das mich Tausende segnen werden, wenn sie seinen Werth erst begriffen haben. – So reich beladen kehre ich zurück, von wo ich kam, und leere feuchten Auges den letzten Becher, den dies theure Land mir credenzt. Gott segne die Schweiz, die gastliche Schweiz!“

Ein Jubel ohne Ende erhob sich auf diese einfachen Worte. Die Damen wehten mit den Tüchern von der Galerie herab. Herr Hösli umarmte Alfred, er war bleich vor innerer Aufregung, ein alter nie gestillter Schmerz brach mit erneuter Macht hervor. „Ach wäre mein Sohn gewesen wie Sie – oder wären Sie mein Sohn!“ flüsterte er ihm zu, und Alfred schloß ihn mit voller Sohnesliebe in seine Arme. „Könnte ich es sein!“ sagte er.

Da öffneten sich die Thüren und herein trat zwar noch schwankenden Schrittes, aber doch stattlich anzusehen, Frank! Er trug einen Kranz von frischen Alpenrosen in den schwarzen Händen. Zwischen den Rosen kam hin und wieder ein silbernes Lorbeerblatt zum Vorschein, das den Namen eines von Alfred’s Patienten trug. Der Kranz ward zusammengehalten durch eine massive Schleife aus getriebenem Silber, auf deren Enden Jahreszahl und Datum eingravirt waren. Frank schritt auf Alfred zu, so gut es bei seiner Schwäche ging, und sprach einfach: „Wir Alle, die Sie gerettet haben von der Seuche, danken Ihnen.“

Es war ein unbeschreiblicher Augenblick, wie der einst so athletische Mann, das Urbild aller Heldenkraft und Kühnheit, von schwerer Krankheit gebrochen, vor dem kleinen jungen Arzte stand und ihm für die Erhaltung seines und des Lebens so vieler Anderer dankte. Alfred nahm den Kranz und hielt ihn zwischen den gefalteten Händen. „Alpenrosen!“ sagte er leise mit wehmütiger Freude, „die heilige Blume Eurer Firnen! Ich habe sie mir nie pflücken können, denn ich war zu schwächlich, um die Höhen zu erreichen, wo sie wächst, und wenn sie mir dargeboten ward, freute sie mich nicht, denn ich hatte sie mir nicht mühevoll selbst errungen. Aber diese da freuen mich, weil ich doch etwas gethan habe, um sie mir zu verdienen, pflückte ich sie gleich nicht am Rande des Abgrundes! Ich danke Euch, mein Frennde – ich weiß es, ein schönerer Lorbeer kann mir nimmer blühen!“

[756] Jetzt brachte der greise Hösli senior, der noch immer Bürgermeister war, das Lebehoch auf Alfred aus, das donnernd aus Hunderten von Kehlen widerklang.

So war denn aus dem stillen Knaben, dessen spärliches Wachsthum sich so unbeachtet da draußen in der Enge am See vollzogen hatte, der Held des Tages geworden, ein gefeierter Jüngling, dessen Stirn bereits eine selbsterworbene Bürgerkrone schmückte. „Wer hätte das gedacht!“ sagte vor einigen Monaten der Doctor Zimmermann und „Wer hätte das gedacht,“ wiederholte heute Anna Hösli – „die stille Braut“, wie ihre Freundinnen sie scherzweise nannten, denn es war auffallend, wie schweigsam und ernst sie seit der allgemein vermutheten Verlobung mit dem Grafen Victor geworden war.

[771] Der Tag der Abreise kam. Es war ein schöner Octobertag. Zum letzten Mal saß die Familie Hösli und Salten auf der Terrasse versammelt, wo Aenny als liebliches Kind so oft mit Lebensgefahr auf der Balustrade zu ihrem Spielgefährten herübergelaufen war. Jetzt saß sie in sich gekehrt, einen harten trotzigen Zug um den schönen Mund, auf einer Bank und wandte Alfred halb den Rücken. Alfred aber sah träumend hinaus auf das sonnenvergoldete Wasser und die rosig angehauchten Berge. Und während sein Auge den gelben Blättern folgte, die der Wind von den Bäumen in den See hinabschüttelte, daß sie dahintrieben wie welke Hoffnungen auf dem Strom des Lebens, zogen vor seinem geistigen Blick alle die holden Stunden vorüber, die er als Knabe mit Aenny zugebracht. Er blätterte noch einmal in dem Bilderbuche seiner Kindheit, bevor er es hinabsenkte in den See mit allen seinen Wünschen und Träumen.

Es herrschte ein banges Schweigen ringsum. Neben Alfred stand Adelheid reisefertig. Nicht weit von ihm saß Frau Hösli. Herr Hösli war zum Ausgehen gerüstet, denn er wollte Alfred bis zur Bahn begleiten. An der Landungsstelle lag der Kahn bereit, die Reisetaschen waren schon darin und der Schiffer wartete, der die Scheidenden nach Zürich hinüberführen sollte. Frank stand bei Anna und redete ihr leise irgend etwas zu. Frau Hösli beschwichtigte die weinende Lilly. – Herr Hösli sah nach der Uhr; „Es ist Zeit,“ sagte er leise. Alle mit Ausnahme Anna’s schraken zusammen, als sei ein Todesurtheil ausgesprochen worden. „Mutter!“ rief Alfred und fing Adelheid in seinen Armen auf. „Mutter, fasse Dich!“ sagte er mit halberstickter Stimme. Die abgezehrte Gestalt lag willenlos in seinen Armen und er fühlte mit Schrecken, wie die kranke Lunge in kurzen Athemzügen rang. Sie war kränker, als er bisher selbst geglaubt.

„Ich wäre so gerne hier gestorben,“ flüsterte sie. „Und ich weiß, auch Du gehst blutenden Herzens von hier fort, mein armer Sohn!“

„Mutter, laß das!“ sagte Alfred mit verhaltenem Schmerz.

„Machen Sie es ihm nicht schwer!“ bat Frau Hösli, und dies eine ruhige Wort verfehlte seine Wirkung nicht. Adelheid raffte sich auf und ließ Alfred aus ihren Armen. Er trat auf Frau Hösli zu, ihre klaren Augen flutheten über. Sie nahm den Kopf des Jünglings in ihre beiden Hände und drückte einen Kuß auf seine Stirn. Er sank vor ihr auf die Kniee und barg das Gesicht in ihrem Schooß. Der Schmerz machte eine Secunde lang sein Recht geltend, er weinte. –

„Kein Abschied, Alfred,“ sagte Frau Hösli, „wer weiß, wie bald wir uns wiedersehen! Gott sei mit Ihnen! Wäre Alles gegangen, wie ich es wünschte, ich hätte Ihnen gern das Beste mitgegeben, was ich zu geben vermag – so aber habe ich nichts für Sie als einen mütterlichen Segen!“

Sie schwieg und zog Alfred vom Boden auf. „Und nun – ein Mann! Und fort!“

Er stand auf und näherte sich Anna; sie erhob sich von der Bank, auf der sie gesessen. Sie sah ihn nicht an, keine Thräne netzte ihr die Wimper, nur eine tiefe Blässe überflog ihr Antlitz.

„Leben Sie wohl, Anna!“

„Reisen Sie glücklich!“ Das war Alles, was sie sich sagten, sie, die sich einst so viel gesagt, die sich jeden Gedanken der Seele vertraut. Es war ein kurzer Abschied nach dem langen Beisammensein und für die lange Trennung!

Er reichte ihr die Hand, sie legte die ihre hinein, kalt, steif, schwer; sie fror im hellen Sonnenschein. Er wartete, ob sie wohl noch etwas sagen werde. Sie zog die Hand ruhig wieder zurück und schwieg. Sie waren zu Ende miteinander. Auch Alfred konnte nicht mehr sprechen. Stumm sank er dem Neger an die Brust und dieser verstand ihn ohne Worte.

„Es ist die höchste Zeit!“ mahnte Herr Hösli nochmals.

„Seien Sie glücklich!“ sagte Adelheid zu Anna, und es lag ein schwerer Vorwurf in ihren Augen, als sie dem Mädchen die Hand reichte.

Anna neigte in einer Art von Demuth vor diesem Blick das Haupt, aber kein Laut drang durch die festverschlossenen Lippen. Man ging zum Kahn. Selbst Frau Hösli ließ sich von Frank in ihrem Rollstuhl nebenher schieben. Anna blieb zurück. Mit verschlungenen Armen lehnte sie auf der Balustrade und schaute dem Einsteigen zu. Es war, als beobachte sie Schatten in einer Camera obscura, so unbeweglich war ihr Gesicht. Sie sah, wie sich die beiden Frauen, ihre und seine Mutter, noch umarmten, wie Tante Lilly sich ein frisches Taschentuch borgte, wie Frank Alfred nochmals die Hand schüttelte, sich bückte und mit einer Anwandlung seiner alten Kraft das Boot vom Lande abstieß. Sie nickte nicht und wehte nicht mit dem Tuche dem vorbeiziehenden Kindertraum nach. Auch Alfred winkte nicht; die Ufer drehten sich im Kreise, lange, lange noch hing sein Blick an der Stätte, die ihre Heimath geworden, wo seines Vaters Geist ihn freundlich geleitet, an Allem, was ihm so lieb gewesen, was er nun verlassen sollte, und je weiter er fortfuhr, je schmerzlicher fühlte er, wie eine Wurzel um die andere riß, mit der er festgewachsen war an diese Ufer, an den heiligen Boden der Kindheit – die sinkende Sonne streute rothe Lichter rings um den Kahn; es war Alfred, als müsse es das Blut seiner eigenen Wunden sein.

„Lebe wohl, lebe wohl!“ erschallte jetzt ein Männerchor von drüben her. Die Züricher Studenten und Professoren, Doctor Zimmermann an der Spitze, kamen den Scheidenden mit zwölf Kähnen von Zürich aus entgegen und umringten Alfred’s Boot. Majestätisch zog das Geschwader dahin unter den wehmüthigen Klängen des Mendelssohn’schen Chors „Lebe wohl, du schöner Wald!“ Endlich waren sie verschwunden und der letzte Ton verhallt. Frau Hösli war von Frank zurückgebracht. Sie trocknete sich die Augen. „Gehst Du mit?“ fragte sie das Mädchen, das noch immer regungslos auf demselben Flecke stand.

„Ich will das Haus abschließen,“ sagte Anna kurz und ihre Stimme hatte jetzt, wie öfter, eine eigenthümliche Härte.

„Wie Du willst!“ sagte Frau Hösli und fuhr vorüber. Frank sah sich bekümmert nach Anna um. Sie blieb unverrückt stehen, bis das Rädergeräusch des Rollwagens verklungen war. Jetzt sah sie sich allein auf der verödeten Terrasse, allein und unbeachtet. Sie that einen tiefen Athemzug. Die Glieder waren ihr so eigenthümlich steif, als hätte sie eine Nacht getanzt. Schweren Schrittes ging sie nach dem Hause, „um abzuschließen“, denn es weilte Niemand mehr dort, die Dienstboten waren schon vor Mittag fortgezogen.

Es war auf einmal so still und öde. Anna fürchtete sich beinahe, als sie in das ausgestorbene Haus trat. Sie meinte bei jedem Schritt, es müsse ihr ein bekanntes Gesicht begegnen. Sie blieb stehen und horchte, es war ihr, als habe Jemand „Anna!“ gerufen. Es war nichts als das Gesumme der Fliegen, die sich mit den Sonnenstäubchen um die Wette tummelten. Dort that sich leise knarrend eine Thür auf. Wer konnte es sein? Es war der Zugwind. – Und wieder blieb es still und todt in dem leeren Hause. Dort, wo die Thür aufgegangen, war Fredy’s ehemaliges Kinderzimmer mit den schweren Gardinen, hinter denen sie immer Versteckens gespielt. Da stand das Bett noch, neben dem sie so oft gesessen und dem armen kranken Knaben Gesellschaft geleistet hatte. Was war’s doch für ein zartes geplagtes Kind, der Alfred – und wie hatte er sich aufgerafft aus freien Stücken, und was hatte er aus sich selbst gemacht! Das hätte sie ihm doch noch sagen sollen beim Scheiden – er hätte es wohl verdient! – Aber wie konnte sie? Er war so kalt und fremd gegen sie. Sollte sie sich ihm aufdrängen? Nein, niemals! Und doch, wäre die dumme Geschichte mit dem Victor nicht gekommen, so wäre er noch da – wäre noch der alte Fredy! –

Sie trat in die anstoßenden Gemächer des Freiherrn, jetzt Alfred’s Schlaf- und Studirzimmer. Sie zögerte fast auf der Schwelle, schickte sich’s denn, daß sie dahinein ging? Warum nicht? Alfred war ja nicht mehr da. Aber es lagen so viele Spuren seines Daseins umher. Beschriebene Papierschnitzel, Zeitungen, Federn, kurz was so beim Einpacken übrig oder vergessen blieb.

Vor seinem Schreibtisch stand noch halb zurückgeschoben sein Stuhl, ein vergessenes Taschentuch lag dabei auf der Erde. Er hatte vielleicht geweint, als er hier die letzten Worte schrieb, und [772] es war ihm beim Aufstehen entglitten. War er denn wirklich fort? Sie hatte es gesehen, sie wußte es, und doch – hier, in diesen altvertrauten Räumen, wo er gelebt, meinte sie, es könne nicht sein! Rascher, immer rascher ging sie von Stube zu Stube Trepp’ auf, Trepp’ ab, als müsse er irgendwo versteckt sein. „Alfred!“ rief sie in die Stille hinaus, als könne er sie hören, „Fredy!“ Nichts regte sich. „Alfred ist fort!“ raunten ihr die leeren Wände zu. „Fredy ist fort, auf immer!“ widerhallte es in ihr, als habe sie es jetzt erst glauben gelernt, und plötzlich ließ die seltsame Spannung nach, die Starrheit löste sich und mit einem lauten Schrei sank sie in der Hausflur nieder.

Da tappte langsam etwas heran, ohne daß sie’s bemerkte, und fuhr ihr leise über das gebeugte Köpfchen. Erschrocken sah sie auf. Es war der alte halbblinde Phylax, den Alfred zurückgelassen, und der nun bei Hösli’s bleiben sollte. Der Anblick des treuen Thieres war für Anna eine unbeschreibliche Wohlthat, es war doch etwas Lebendes in dem todten Hause, etwas, das mit ihr fühlte und litt, und vor dem sie sich nicht zu schämen brauchte. Sie schlang ihre Arme um den Hals des Thieres, und die Thräne fand den Weg zu ihrem Auge. „Du alter verlassener Hund, hast so oft mit uns gespielt – und jetzt ist er fort!“ schluchzte sie, und immer reicher flossen die Thränen. Phylax leckte ihr über das heiße Gesicht und kauerte sich still trauernd neben ihr hin. So saßen sie lange, die beiden Einsamen, bis die Schatten der Dämmerung den öden Raum mit ihren verschwommenen Gestalten bevölkerten. Da ward es dem aufgeregten Mädchen unheimlich und sie erhob sich. „Komm, Phylax,“ sagte sie, ihre Thränen trocknend, „komm nur mit mir – er kehrt ja doch nicht wieder!“ Und das blinde Thier schlich mit gesenktem Kopf und hängendem Schweif nehen ihr her zum Hause hinaus, immer wieder stehen bleibend und sich umschauend, als hoffe er, sein Herr werde ihn zurückrufen.

Anna warf die Hausthür zu und drehte den Schlüssel herum. Das Haus war abgeschlossen; die Kindheit vorüber und das Mädchen war zum Weibe gereift.




30. Im Feuer gehärtet.

Der Krieg mit Dänemark war begonnen. In den wenigen Wochen vor seinem Ausbruche hatte Alfred im Anschluß an die Johanniter, welche damals allein die freiwillige Krankenpflege in Händen hatten, aus eigenen Mitteln eine kleine Hülfstruppe ausgerüstet und, so gut es in der kurzen Zeit ging, geschult. Sie bestand aus fünfzig Trägern, drei Aerzten und den nöthigen Verband- und Transport-Utensilien, die Alfred nach eigener Construction hatte anfertigen lassen. Die kleine Truppe that Wunder an Aufopferung, und wo ihre Leute sichtbar wurden, da streckte sich jeder noch bewegliche Arm nach ihnen aus und verschmachtende Lippen öffneten sich zu einem Jubelruf. Es war, als hätten sich die Wünsche und Gebete der Mutter, Schwester oder Gattin im Augenblicke der höchsten Noth verkörpert, wo solch ein Retter erschien, um den verlassenen Verblutenden aufzuraffen und aus dem sengenden Sonnen- und Schlachtenbrande an den kühlen schattigen Verbandplatz zu bringen.

Und Alfred selbst, er leistete das Unglaubliche in seinem Berufe. Tag und Nacht stand er am Operationstisch oder an den Krankenbetten. Kein Schlaf kam mehr in seine Augen, es war als habe er zwanzig Hände, und wenn auch der gebrechliche Leib unter dem starken Willen erzitterte und erbebte, wie eine zu schwache Maschine unter der Vollkraft gespannten Dampfes, die Kraft seines Geistes riß ihn immer wieder mit sich fort.

Und trotzdem war er selbst nicht mit sich zufrieden. Ihn quälte der Gedanke unaufhörlich, wie Mancher auf dem Wege zum Lazareth verbluten könnte, weil keine ärztliche Hülfe an Ort und Stelle war, und daß er es nicht vermochte, diese in der Gefechtslinie zu leisten. Das aber konnte er nicht über sich gewinnen, nur das nicht! Mit glühender Scham stand er von ferne und sah die Johanniter sich zwischen die Sensen des mähenden Todes stürzen und ihm seine Opfer entreißen. Doch wie oft er ihnen auch zu folgen versuchte – es ging nicht! Seine Muskeln versagten ihm geradezu den Dienst, wenn er mit seinen Leuten in die Schlacht vordringen wollte; er zuckte zusammen und die Kraft verließ ihn, wenn eine Kugel in den Verbandplatz einschlug. Hier war die Grenze seiner Herrschaft über sich selbst; er konnte nur außer Schußweite operiren und mußte immer wieder zum sicheren Lazareth zurückkehren.

Eines Tages traf Feldheim im Lager ein. Er hatte sein Amt als Geistlicher und Verwalter einem zuverlässigen jungen Manne übergeben und eine Stelle als Feldprediger angenommen. „Ich will es zehnfach einbringen,“ sagte er bei seiner Ankunft zu Alfred, „wenn durch meine Abwesenheit in Saltenau etwas versäumt wird; aber sieh, es litt mich nicht mehr in der trägen Ruhe, dasselbe Bedürfniß, das Dich trieb, in Deiner Weise für das Wohl unserer kämpfenden Brüder thätig zu sein, trieb auch mich unwiderstehlich fort. Du linderst die physischen Schmerzen mit Deiner Kunst, ich will die geistigen lindern; so thut Jeder von uns, was er vermag, und so nur sind wir Beide glücklich.“

Alfred hielt ihn lange schweigend umschlungen, ein stiller Schmerz kämpfte in ihm, dann sagte er mit einem durchdringenden Blicke auf des Freundes abgezehrtes Gesicht: „Feldheim, Du siehst aus wie Einer, der den Tod sucht!“

„Nein,“ sagte Feldheim ruhig, „ich suche ihn nicht, aber wenn ich ihn in meiner Pflichterfüllung finde, so ist er mir willkommen, denn ich wurde müde vor der Zeit!“

„O, hättest Du glücklich sein und glücklich machen dürfen,“ sagte Alfred, der wohl verstand, was den starken Mann so „müde“ gemacht, „die Erde wäre zum Himmel um Dich her geworden. Doch die Menschen waren Dein nicht werth, Du hast Dich ihnen gezeigt und sie erkannten Dich nicht! Unverstanden und still gingst Du an ihnen vorüber, wie ein Abgesandter des heiligen Gral mit dem bittern Schmerz im gottgeweihten Busen, daß keine Gemeinschaft zwischen Dir und ihnen ist. O, schüttle nicht das Haupt, mich täuschest Du nicht, mich hast Du erzogen zu Deinem Verständniß, ich allein durfte Deine Herrlichkeit schauen, aber auch Deinen Schmerz! Die Thräne, die in Deinen Augen zitterte, als Du Dich abwandtest von Denen, die Du zu beglücken, zu erheben gekommen warst, sie ist in mein Herz gefallen, und das hält sle fest, ewig, ewig! Wehe einer Welt, die Dir Thränen erpreßte, und doch flehe ich Dich an, vergieb ihr und weile noch! Weile um des Einzigen willen, der doppelt arm zurückbleiben würde, nachdem er Dich erkannt und verloren!“

Und die leuchtenden Blicke des Jünglings senkten sich tief in die schwermüthigen unergründlichen Augen Feldheim’s. Dieser druckte einen Kuß auf Alfred’s Stirn. „Alfred, ich liebe Dich, und so lange ich lebe, lebe ich nur für Dich! Aber Du bedarfst meiner nicht mehr. Du wirst kämpfen und siegen und Deinen Frieden machen mit der Welt; meine Aufgabe ist vollbracht an Dir! Und nun laß mich, Alfred, daß ich mich sammle; Dein Anblick reißt alle Wunden wieder auf!“ – – –

Alfred’s Sorge war nicht umsonst. Feldheim beschränkte seine Thätigkeit nicht auf das Lazareth. Das ritterliche Wesen, welches ihm schon in seiner Jugend das Ansehen gab, als trüge er Epaulettes unter dem Priesterrocke, brach bei dieser Gelegenheit mit aller Macht hervor; das militärische Blut seiner Ahnen machte sein Recht geltend, und er war von Stunde an der Typus eines kriegerischen Priesters aus der Reformationszeit, der, in der einen Hand die Bibel, in der andern das Schwert, den Kämpfern voranschritt. Aus dem dichtesten Schlachtgewühl ragte die starre eckige Gestalt empor, er theilte Gefahr und Noth mit seinen Soldaten, und sein Muth entflammte den ihren, seine Ruhe war ihnen wie eine Bürgschaft für den Sieg – sie fühlten alle das gewaltige Element echter Mannheit in ihm, und in seiner Nähe waren sie gefeit gegen die Schrecken des Todes. – Selbst die Officiere staunten seine Kaltblütigkeit an. „Dem muß nicht viel am Leben liegen,“ sagten die beherztesten Männer, wenn sie ihn die wehrlose Brust stundenlang den Kugeln aussetzen sahen, wie ein guter Hirt im prasselnden Hagelwetter bei seiner Heerde aushält.

„Wären Sie nicht ein so ausgezeichneter Prediger – ich müßte es beklagen, daß Sie kein Soldat geworden sind!“ sagte eines Tages der General zu ihm und schüttelte ihm die Hand. „Sie wären ein großer Feldherr geworden, wie Sie jetzt ein großer Kanzelredner sind! Wir haben Ihnen, was die Stimmung unserer Leute betrifft, viel, sehr viel zu danken, und ist der Krieg vorüber, so müssen Sie bei uns Garnisonsprediger werden – wir lassen Sie nicht mehr los!“

„Excellenz,“ sagte Feldheim, „ich bin durch dies Wort belohnt genug. Die Stelle, von der Sie sprechen, müßte ich ablehnen, denn ich bin Geistlicher auf den Gütern meines Freundes Salten und werde nach dem Kriege wieder dorthin zurückkehren“

[782] Alfred hatte nicht weit von dem General und Feldheim gestanden und das Gespräch der Beiden gehört.

„Feldheim,“ sagte er vortretend, „wenn Du wirklich Garnisonsprediger in der Residenz werden sollst – werde ich Dich nimmer halten und nicht zum zweiten Male ein solches Opfer von Dir annehmen.“

„Ich bringe es dennoch!“ erwiderte Feldheim. „Ich lasse Dein Werk nicht im Stiche.“

„Nun,“ lächelte Alfred, „so bleibt mir nichts übrig, als Dich abzusetzen!“

Er wandte sich an den General: „Excellenz sind Zeuge, der Prediger Feldheim ist von Stund’ an seines Amtes entsetzt.“

Der General lachte und reichte den Beiden vom Pferde herab die Hände: „Wohl Jedem, der einen solchen Freund besitzt!“

Als er fortgeritten, schloß Alfred Feldheim in die Arme, er sah mit Begeisterung zu dem Freunde auf, seine ganze Seele strömte über in Liebe und Dankbarkeit für den großen Mann, den alle Welt bewunderte und an den Niemand ein Recht hatte, als er, der noch so wenig für ihn gethan.

In dem Augenblick erscholl ein Alarmsignal, die Vorposten waren auf den Feind gestoßen, und die Mannschaft, welche sich zum Abkochen gelagert hatte, fuhr empor wie ein aufgestörter Bienenschwarm. Der halb zum Munde geführte Bissen ward ungenossen weggeworfen. Die gefüllten Kessel wurden ausgeschüttet, die dampfende Suppe düngte den Boden und trockenen Gaumens – sie hatten seit zweiundvierzig Stunden nichts als Brod über die Lippen gebracht – trat die immer geduldige, immer leidensbereite Mannschaft an’s Gewehr, kaum einen flüchtigen Blick dem kostbaren Labsal nachwerfend, das dem erschöpften Leib Stärkung geben sollte und nun von der staubigen Erde eingeschluckt ward. Vorwärts ging es über die fleischduftenden Schollen hinweg mit Sturmschritt dem Feinde entgegen.

„Das wird ein heißer Tag, leb’ wohl!“ hatte Feldheim Alfred zugerufen und fort stürmte er mit seiner gehetzten Heerde.

„Was thun diese Alle – und wie wenig thue ich!“ dachte Alfred, als er mit der Ambulance der Truppe folgte. „Was würde Anna sagen, sähe sie den ‚Flickschneider‘ in sicherer Schußweite seine Bude aufschlagen; würde sie ihn nicht wieder verhöhnen um solcher Feigheit willen?“

Ein jähes Anhalten der Wagen schreckte ihn aus diesen bittern Gedanken empor. Die Feinde waren auf einander gestoßen, ein heftiger Kampf begann.

Alfred errichtete den Verbandplatz auf einer steilen Anhöhe, von wo aus er die Schlacht im Thale ohne Gefahr übersehen konnte. Die Träger standen mit ihren Bahren bereit. „Vorwärts,“ commandirte Alfred und da schritten sie hin, je zwei und zwei eine Bahre tragend, hinein in das heiße Schlachtgewühl und die kleinen Wagen, eigentlich Betten auf Rädern, folgten ihnen. Alfred sah zu seinem Schrecken, daß sie sich nach rechts wandten, denn dort waren bereits Johanniter und Sanitätspatrouillen, während der linke Flügel noch aller Hülfe zu entbehren schien. Er warf sich auf ein Pferd und ritt den Trägern nach. Der nächste Weg führte ihn über den Hügel, von wo aus der General mit seinem Stab die Schlacht leitete. Alfred’s Blick hing bewundernd an dem greisen Kriegsmann, der stramm und hoch zu Roß dasaß, als wäre er bereits seine eigene in Erz gegossene Statue. Nichts regte sich an der eisernen Gestalt als die Lippen, die seinen Adjutanten Befehle ertheilten. In dem Augenblick aber, da Alfred vorüberritt, streckte der General in hastiger Bewegung seinen Arm aus, nach einem entfernten Punkte deutend. „Dort ist Einer gefallen, um den’s schade ist!“ rief er. „Und dort gerade ist weder ein Sanitätssoldat noch ein Freiwilliger in der Nähe! Zum Teufel, wo bleiben die Schlafmützen? Sehen Sie nicht?“ rief er Alfred zu, „dort drüben, wo die Cavallerie anrückt, Feldheim ist gefallen!“

Er wandte den Kopf zu Alfred um – aber Alfred sprengte schon den Hügel hinab. „Feldheim – Feldheim gefallen!“ schrie er, und der Schmerz und die Angst machte ihn taub, daß er das Gebrüll der Schlacht nicht mehr hörte. Als seien mit dem Wort „Feldheim ist gefallen“ alle Bande zerrissen, die ihn gelähmt, so jagte er jetzt auf dem schäumenden Renner, ohne das Gleichgewicht zu verlieren, über Hecken und Gräben weg, als wäre er eins mit dem leichtfüßigen Thier, und stieß ihm die Sporen in die Weiche, daß es dahinschnellte in beflügelter Angst vor dem furchtbaren Reiter, der so fest saß, als wären die sonst so machtlosen Schenkel plötzlich angeschmiedet. Einzelne Kugeln sausten an ihm vorbei – aber es war, als ständen sie still und er sause an ihnen vorüber. „Nur vorwärts,“ war sein einziges Gefühl – sein einziger Gedanke.

Kaum zehn Minuten hatte der tolle Ritt gedauert, als er bei der Abtheilung anlangte, in deren Mitte Feldheim gefallen. Der Kampf stand; keinen Zoll breit vor, keinen zurück war das Bataillon in den wenigen Minuten gerückt. Feldheim mußte noch auf demselben Flecke liege, wenn ihn Niemand aufgehoben. Ein heftiges Gewehrfeuer ward unterhalten, und von feindlicher Seite sah Alfred durch die Rauch- und Staubwolke ein Regiment Dragoner über den weiten Plan heransprengen. Es war die höchste Zeit! Er stieg vom Pferde. Die Hände, welche die Zügel gehalten, zitterten, der Schweiß troff ihm von der Stirn in die Augen, der ganze Körper bebte, das Blut kreiste ihm wild durch die Adern. Aber weiter, er mußte weiter. Er mußte! Und Schritt für Schritt drang er ein in die dichten Reihen. Jetzt schwirrten die Kugeln um ihn her wie ein Haufe schwärmender Mücken, die ihr Opfer suchen, und die athemlose Lunge sträubte sich, die verdickte Pulveratmosphäre einzuathmen, in welcher sich diese fürchterlichen tödtlichen Mücken erzeugten. Und jetzt war er plötzlich wieder sehend und hörend geworden, und da stand er inmitten des Schlachtgewühls, umringt von den tausend Gestalten, in denen hier die Vernichtung wüthete, allein, so furchtbar allein, zwischen diesen Tausenden, die sich durch Nichts stören ließen in dem gräßlichen Geschäft des Tödtens. Der schwache, hülflose Mann, er mußte zermalmt werden inmitten dieser kämpfenden Gewalten. Die Kraft verließ ihn, die Kniee brachen – er fühlte sich verloren, er gab sich auf, und nackte, zitternde Todesangst schüttelte ihn. Aber dort, noch zwanzig Schritte vor ihm, that sich eine Lücke auf, es waren drei nebeneinander gefallen, er konnte durch die traurige Bresche in die vordersten Reihen sehen. Da lag eine Gestalt im schwarzen Priesterrock am Boden, – nun hatte er sein Ziel vor Augen, nun gab es kein Zögern, kein Zweifeln mehr. Vorwärts!

Und weiter strebte er der offenen Stelle zu, durch die er am besten hinzugelangen hoffte, die sich jedoch wieder schloß, bevor er [783] sie erreichte. Es war ein furchtbarer Weg, dieser Weg, durch Lücken, die der Tod in die Reihen der Lebenden riß. Aber er schaute nicht rechts noch links, er mußte ja durch! Dann und wann regte sich’s unter seinen Füßen, er mußte über Leiber hinwegsteigen, die sich im Todeskampfe aufbäumten. Er hörte, wie vor und hinter und neben ihm die Kugeln mit dumpfem Geräusch in lebendiges Fleisch oder in die Erde einschlugen. Er fühlte, wie seine Schuhe feucht wurden von rothen Lachen, durch die er schritt. Es brauste ihm in den Ohren, es war ihm zu Muthe wie einem Ertrinkenden, dem die Fluth donnernd, erstickend in Ohren, Mund und Nase stürzt, und es war eine heiße Fluth – in der er hier unterzugehen fürchtete, heiß war der Brodem dieser enggeschlossenen, wuthentflammten Masse und heiß das schäumende Blut, das aus den Wunden spritzte, wie siedendes Wasser, wenn es sein Gefäß zersprengt. Heiß war der sonnendurchglühte Pulverdampf, der die goldenen Strahlen in seinem schwarzen Schooße über den Häuptern der Kämpfer ansammelte, und heiß waren die wuchtigen Leiber der Soldaten, die sich um Alfred zusammendrängten, wo der Kampf sich staute, und ihn zwischen sich einkeilten in fürchterlicher athemraubender Enge. Es war nicht mehr die Furcht vor den Kugeln, welche über ihm und um ihn her schwärmten – es war die Todesangst des Erstickens, des Zerquetschtwerdens, die ihn ergriff. Er wußte nicht, wie er weiter kam, oder wie weit er gekommen, – blindlings – nur noch einem dumpfen Instinct folgend, der ihm zuraunte, daß Feldheim verloren sei, wenn er nicht eile – schob und wand er sich vorwärts.

Schon hörte er nah und näher das Getrappel der Cavallerie, schon kam eine ganz neue Bewegung in die Mannschaft, die Carré bildete, um die Reiter mit dem Bajonnet zu empfangen, noch wenige Minuten und die Schlacht wälzte sich über den theuren Leib des Freundes hin! Weiter, immer weiter peitschte die Angst den Entkräfteten, es war, als zerre ihn eine unsichtbare Faust an den Haaren fort. Da stieß sein Fuß an etwas, fast wäre er in seiner Betäubung darüber weggeschritten – ein gellender Schrei entrang sich seinen Lippen, und er brach über der leblosen Gestalt Feldheim’s zusammen - er war am Ziele! –

Aber kaum eine Secunde übermannte ihn die Erschöpfung. Dann raffte er sich auf, das Schwerste blieb ja noch zu thun. Er mußte ihn fortschaffen, den starren, kolossalen Körper. Jeder Augenblick des Zauderns brachte den Tod. Wie ein einziges vielköpfiges Ungeheuer, so dicht geschlossen, so festgefügt, so gleich im Tact brauste das Dragonerregiment heran, daß die Erde unter ihm wankte und der Staub himmelhoch aufwirbelte. Ein wieherndes Kampfgeschrei scholl ihm entgegen, dem schönen, dem gewaltigen Feind, und wie ein Kornfeld, dessen Aehren sich vor der Sense des Schnitters plötzlich in Stahl verwandelt haben, starrten die Reihen der Bajonnete dem Feinde entgegen. Das gab ein starkes Mähen! „Fort – nur fort!“

Und Alfred faßte mit den schwachen Händen die Schultern des Freundes und versuchte ihn aufzuheben, zwei-, dreimal, die Zähne bissen die Lippen wund, die Füße stemmten sich fest in die blutgedüngten Schollen, die Adern schwollen, die Muskeln spannten sich an zum Zerreißen – vergebens, er brachte ihn nicht in die Höhe. Hoffnungslos ließ er die Arme sinken und schaute aus, ob kein Sanitätssoldat, kein Helfer in der Nähe sei. Umsonst, nichts zu sehen weit und breit als wild auf- und niederwogender Kampf. Es war nicht Zeit zu warten, nicht einmal, einen Nothverband anzulegen.

Nah und näher kam die Gefahr wie mit Sturmesfittigen daher. Verzweiflung faßte den machtlosen Mann und mit dem letzten Aufgebot aller Kräfte schleifte er den geliebten Körper auf der Erde hin sich nach, daß die Kleider in Fetzen rissen und das Blut stromweise aus einer klaffenden Halswunde floß. Jeder Stoß, der Feldheim traf, traf Alfred zehnfach, es war ihm, als schleife er sein eigenes Herz auf dem rauhen Boden hin, als würde ihm die eigne Brust zerschunden. Heiße thränenvolle Abbitte that er dem Besinnungslosen für die Mißhandlung, die er ihm doch nicht ersparen konnte, ihm, den er auf Händen getragen hätte, wenn er es vermocht. Aber da war ja keine Wahl; wie er ihn herausbrachte, war jetzt gleichgültig, wenn er ihn nur herausbrachte. Es war einer jener trostlosen Augenblicke, wo der Mensch noch auf Tod und Leben mit dem Schicksal um die Trümmer dessen ringt, was es ihm zerstörte. So schleppte, riß und zerrte er in gräßlich langsamer Flucht vor der anstürmenden Cavallerie den Freund auf demselben Schreckenswege fort, auf dem er sich zu ihm durchgearbeitet. Es war ein Gang nach Golgatha, wie kein schwererer gemacht werden konnte! Gehetzt von allen Schrecken der Kriegesfurie und doch kaum von der Stelle kommend mit der unbehülflichen Last, in zitternder Ungewißheit, ob der Verwundete nicht indessen den edlen Geist aushauchte! An sich dachte er nicht mehr, für sich fürchtete er nichts mehr – nur Feldheim galt seine Angst, nur dem schwachen Faden, an dem dies kostbare Leben hing, und der jetzt vielleicht bei dem rücksichtslosen Hinzerren über Wurzeln und Steine zerriß.

Wieder, immer wieder spähte Alfred’s scharfer Blick nach einem Johanniter, nach einem seiner Leute umher. Vergebens, sie waren Alle dort drüben beschäftigt, wo ein mörderischer Artilleriekampf ganze Reihen niederwarf.

„O, unser Prediger!“ wehklagten die Soldaten, wo Alfred Feldheim vorüberbrachte, und schwuren dem Feinde, der ihnen das gethan, Rache. Und während dessen war dieser bereits prasselnd auf die vorderen Reihen gestoßen, die Alfred kaum hinter sich hatte, und er hörte die Sensen klingend und klirrend um die eisernen Aehren schwingen, und hörte den dumpfen Schlag gestürzter Pferde, und wie eine ganze Wagenreihe durch eine anstoßende Locomotive nach rückwärts getrieben wird, so wichen die vorderen Reihen unter dem ersten übermächtigen Anprall zurück und Alfred ward von der plötzlichen Stauung zu Boden gerissen. „Euer Geistlicher – Ihr zertretet Feldheim!“ schrie er den rückwärts Schreitenden zu, und wieder wirkte das Ansehen Feldheim’s auch in der leblosen Gestalt; mit gewaltiger Anstrengung hemmten die Soldaten ihre Schritte, stemmten sich wie eine Mauer gegen die wankenden Vordermänner und brachten diese dadurch gleichfalls zum Stehen. Alfred ahnte nicht, daß dieser kleine Vorfall den Ausgang des Gefechts entschied. Noch wenige Minuten und der Angriff ward abgeschlagen, der Kampf zog sich weiter ins Feld hinein, nichts zurücklassend als seine Gefallenen, die weithin den Boden bedeckten. Jetzt hielt Alfred inne in seiner schrecklichen Flucht, die Gefahr war vorüber, er konnte nun Feldheim’s Zustand untersuchen. Fiebernd, athemlos kniete er nieder und hob den Oberkörper des Freundes zärtlich auf seinen Schooß. Feldheim war noch warm, aber der Puls nicht mehr zu fühlen. Alfred riß ihm den Rock auf, um die Wunde zu untersuchen; der Abendwind strich kühl über die entblößte herculische Brust, aber kein Hauch von innen hob und senkte sie mehr. Er wusch ihm die Schläfen mit Branntwein aus seiner Feldflasche, er träufelte ihm davon ein. Umsonst. Kalter Schweiß bedeckte Alfred’s Stirn und Hände, während er alle Mittel der Kunst zur Wiederbelebung anwandte, und alle vergebens. War es denn möglich, konnte denn wirklich so Gräßliches geschehen? Er hatte eine Leiche gerettet! Es war Alfred, als stürben ihm alle Glieder ab, so steif und schwer wurden sie. Er zog noch die Kugel aus der Wunde, aber das Blut hatte aufgehört zu fließen, Feldheim brauchte keinen Verband mehr – die große Seele war der Knechtschaft des Körpers entflohen. Alfred sank zurück. Das Maß des Möglichen war für ihn erschöpft. Nacht umschleierte seinen Blick, die Welt drehte sich im Kreise um ihn her. Vielleicht war es nur ein Traum, ein wüster entsetzlicher Traum, aus dem er noch erwachen konnte?! Er gab sich alle Mühe, zu erwachen, er wollte sich bewegen, wollte schreien – vergebens, seine Muskeln versagten ihm den Dienst, es war sicher, er träumte nur – er konnte ruhig weiter schlafen!

Das Bewußtsein hatte ihn verlassen, er lag in tiefer Ohnmacht. Als er wieder zur Besinnung kam, neigte sich der Tag zu Ende, das Kartätschenfeuer ward schwächer, und in der Ferne rollten Johanniterwagen mit Verwundeten beladen zum Lazareth. Er hatte geglaubt, es riefe Jemand seinen Namen, aber Niemand war bei ihm als der stumme Gefährte, den er gerettet – gerettet? O bitterer Hohn! Ringsumher war die Erde mit Todten bedeckt. Er konnte sich nicht erheben, der wuchtige Mann lag noch immer auf seinem Schooß, er war zu entkräftet, um sich der Bürde zu entledigen. Die Grundsäule seines ganzen Lebens war zusammengebrochen und hatte ihn unter sich begraben. Er weinte nicht, klagte nicht; was er in dieser Stunde erlebt, war zu ungeheuer, um zu weinen; stumpf glitt sein wirrer Blick über den leichenbesäeten Boden hin, nach dieser Stunde hatte die Erde keine Schrecken mehr für ihn. Er hob das Haupt des Freundes in die Höhe. Ein zufriedenes Lächeln lag auf des Todten Gesicht, es schien zu sagen: „Mir ist wohl!“

[784] Alfred küßte die bleiche Stirn, die kalten Lippen, die geschlossenen Augen. Ueber seinem Haupte rauschten die versengten Wipfel zerschossener Bäume im Abendwind, daß es ihm war, als höre er die tiefe melodische Stimme des Freundes zu ihm sprechen: „Führe durch, was ich gewollt, lebe in meinem Geiste, dann bin ich nicht gestorben, dann lebe ich fort in Dir.“ Und eine wundervolle Tröstung kam über ihn, als er das heilige Vermächtniß in seinem Busen empfing. Er fühlte es, er hatte den Freund beerbt, das Feuer, in dem Feldheim gefallen, hatte ihn zum Manne gehärtet.

Die Sonne ging unter, strahlend, blutroth. In der Ferne ertönten Hornsiguale, der Feind blies zum Rückzug. Der Schlachtlärm verstummte. Es war Feierabend – Feierabend, schöne heilige Stunde, wo der friedliche Bauer den Pflug ausspannt und von der Mühe des Tages ausruht auf der Schwelle seines Hauses, sein rosiges Kind auf dem Arm. Selbst der würgende Tod in der Schlacht ehrt diese Stunde und spannt den tausendzackigen Pflug aus, der nur über Menschenherzen geht.

Vom fernen Kirchthurm läutet es den Abendsegen, und vor dem frommen Klang, der wehmüthig mahnend über die blutgetränkten Felder zieht wie ein Klageruf des entweihten zerstörten Friedens, entfliehen die bösen Geister der Wuth und der Rache. Durch die müden Seelen der Soldaten zieht die Erinnerung an das heimische Dorf, wo unter dem Läuten der Abendglocke jetzt eben die Zurückgebliebenen ein banges Vaterunser für sie sprechen – und wie der perlende Schweiß der Stirn, so entquillt auch wohl dem Auge ein heißer Tropfen, eine verborgene Thräne des Heimwehs und der Sehnsucht nach dem Frieden.

Die Sonne ist unter. Das Heer bereitet sich zum Bivouac. Die Wachtfeuer lodern auf, erst gelb und matt abstechend von der röthlichen Dämmerung, mit der sinkenden Nacht aber immer heller leuchtend. Unzählige rührige Gestalten gleiten daran vorüber. Es ist ein Summen und Schwirren, ein Hin- und Wider- und Durcheinanderrennen, eine Geschäftigkeit auf dem weiten Plan, als könnten diese Massen nie zur Ruhe kommen. Endlich strecken sich die müden Soldaten auf der harten Erde aus. Die Feuer lodern leise knisternd zu dem gestirnten Firmament empor. Rieselnder Thau kühlt die fieberheißen Stirnen der Schläfer. Eine Grille singt in dem geknickten Korn das Klagelied um ihre zertretenen Gefährten. Wie Leuchtkäfer funkeln die ruhenden Waffen im Schimmer des Mondlichts und geheimnißvoll wundersam flüstert es in den Lüften – die Götter steigen zu den Helden hernieder.

[806]
31. „Posa“.

Am andern Morgen ward Feldheim in die Erde gesenkt. Ihm wurden alle die letzten Ehren erwiesen, die einem Helden gebühren. Aber ein neuer Held war aus seinem Grabe erstanden – Alfred! Er hatte Alles überwunden, was den aufstrebenden Mannesgeist in ihm niedergehalten, er fürchtete nichts mehr. Die Fäden, welche ihn an das Leben fesselten, waren einer um den andern zerrissen, er hatte nichts mehr zu verlieren. Und von Stund’ an war es, als sei er hieb- und kugelfest, als hätten die Schrecken des gestrigen Tages die Nerven getödtet, die ihm oft so schlimm mitspielten, daß sie nicht mehr jenes Angstgefühl von früher erzeugen konnten. Er errichtete von nun an seine Verbandplätze dicht hinter der Gefechtslinie. Kalten Blutes führte er seine Leute, wo es nöthig war, selbst in die Schlacht und sein Blick drang weiter als der aller Andern, er bahnte sich durch das wildeste Gedräng einen Weg und legte Verbände an. Keine Thräne kam mehr in sein Auge, kein Lächeln über seine Lippen, er hatte abgeschlossen mit dem Leben, er gehörte nur noch denen, die seine Hülfe brauchten, sein Theil waren die Armen und Elenden und wer ist wohl elender als der Gefallene, der mit zerrissenem, verstümmeltem Leib oft tagelang daliegt und weder leben noch sterben kann? Für diese Unglücklichen sich zu opfern, war für Alfred eine göttlich schöne Pflicht, und starb er in ihrer Erfüllung, so hatte er nicht umsonst gelebt. Der Ruf seiner Leistungen ging durch alle Zeitungen, ohne daß er es wußte. Er hatte vielen hochbedeutenden Personen beigestanden, manches kostbare Heldenleben erhalten und die Dankbarkeit der Geretteten umgab ihn mit einem Nimbus, der ihn für die ganze Armee zu einem Gegenstand fast abergläubischer Verehrung machte. Aber wie bei jedem Genie, war es nicht allein sein rastloses Wirken, seine gelungenen Curen, welche ihm diese Erfolge sicherten – es war der Eindruck seiner ganzen Persönlichkeit. Denn mehr und mehr hatte dieser wunderbare Geist dem zarten Körper sein Gepräge aufgedrückt, die feinen Linien des bleichen Gesichts waren wie seine Schriftzüge, die ein gewaltiges Wort ausdrücken, und wer dies Wort zu entziffern vermochte, der beugte sich vor dem unscheinbaren Manne, denn es hieß: Geistessiege.

„Alfred, Du beschämst mich tief,“ sagte eines Tages ein schwer Verwundeter, den er mit seinen Gehülfen aus der Schlacht getragen und verbunden hatte. Es war Victor. „Ich verdiene es nicht um Dich,“ fuhr der Kranke fort, „daß Du mir so treulich beistehst, denn ich habe schlecht an Dir gehandelt von Kind auf, habe Dich verhöhnt und geschmäht in’s Gesicht und hinter dem Rücken! Das war nicht soldatisch gehandelt. Aber sieh, man ist erst ein rechter Soldat, wenn man dem Tode in’s Antlitz geschaut hat, und nun ich das gethan, nun läßt’s mir auch keine Ruhe, bis ich gut gemacht, was ich wider Dich und Soldatenbrauch gefehlt. Verzeih’ mir, Vetter, wenn Du kannst!“

„Wer könnte nicht verzeihen einer so freimüthigen Reue gegenüber?“ rief Alfred und sein Blick glänzte in stiller Zufriedenheit. „Du giebst Dir selbst mit diesen Worten ein so schönes Zeugniß wie mir und nimmst mir eine schwere Sorge vom Herzen!“

[807] Victor sah ihn fragend an.

„Ja, Victor,“ wiederholte Alfred bewegt, „eine schwere Sorge, denn nun erst sehe ich Dich Anna’s würdig und hoffe, daß sie mit Dir glücklich werde!“

Es war das erste Mal, daß Anna’s Name zwischen den beiden Männern erwähnt wurde, denn sie hatten sich während des Feldzugs geflissentlich vermieden. Eine dunkle Röthe bedeckte plötzlich das bleiche Gesicht Victor’s und er faßte Alfred’s Hand wie bittend: „Vetter, ich habe Dir noch ein schweres Geständniß abzulegen. Aber ich will ja Alles gut machen und so darf ich mir auch das nicht ersparen. Ich stehe Dir zu Dienst, wenn Du Satisfaction verlangst, sobald ich wieder heil bin, – aber ich denke, Du wirst mich nicht erschießen wollen, nachdem Du mich erst mit der größten Mühe zusammengeflickt! – Höre denn! Ich habe Dich belogen: als ich von Euch fortging, war ich schon mit Anna entzweit.“

Alfred zuckte leicht zusammen, aber er faßte sich sogleich wieder.

„Ich habe es Dir verschwiegen,“ fuhr Victor fort, „weil ich hoffte, sie würde sich wieder gewinnen lassen, und fürchtete, Du könntest, wenn Du’s wüßtest, die Bresche benützen und zwischen unsere Versöhnung treten. Da hast Du’s, nun ist’s herunter von der Seele!“ Er that einen tiefen Athemzug. „Schau, jetzt ist mir wohl, trotz meiner Schmerzen. Es thut kein Gut, wenn ein Soldat etwas auf dem Herzen hat, es ist, wie wenn man mit einem Tornister auf dem Rücken schwimmen soll! Wo man die ganze Kraft des Leibes und der Seele braucht, da muß Alles leicht sein, besonders das Gewissen!“

Alfred bog sich teilnehmend zu dem Kranken nieder: „Armer Victor!“

„O, gräme Dich nicht auch noch um mich,“ sagte Victor ruhig. „Es that mir weh, denn Anna war mir sehr lieb, aber sie ist doch ein störrisches Wesen, mit dem ich nicht fertig geworden wäre. Sie hätte sich so wenig in meine Verhältnisse gefunden als ich mich in die ihren. Es ist besser so, lieber Alfred, und nachdem ich nun gesehen habe, welch’ ein Mann Du bist, – meine ich, wenn Du wolltest, könntest Du sie noch bekommen!“

Alfred preßte die Hände auf die Brust. „Nein, Victor,“ sagte er mit mühsam unterdrücktem Schmerz, „sie ist mir nicht mehr, was sie mir war – und kann es nie wieder werden, als Deine getrennte Braut so wenig, wie als Deine Verlobte. Ein Weib, das so leicht lieben und so leicht erkalten kann, ist kein Weib für mich. – Das ist vorbei!“ Er fuhr sich mit der Hand über die Augen und wandte sich ab. Victor sah mit ehrlicher Betrübniß, wie schwer Alfred litt; er stützte den verbundenen Kopf in die Hand und versank in ein stilles, ihm ganz ungewohntes Brüten. – Von diesem Tage an wurden Alfred und Victor treue Freunde, denn Victor war ein anderer Mensch, seit er die Feuertaufe empfangen hatte. Er war und blieb zwar eine gewöhnliche einfache Natur, wie er sich selbst in richtiger Erkenntniß nannte, militärisches Talent besaß er wenig und sein ganzer Ruhm war seine athletische Persönlichkeit, mit Hülfe deren er die ungeheuersten Strapazen ausgehalten und sich tüchtig geschlagen hatte, bis er einen Schuß am Kopf erhielt. Aber wer einmal im Feuer gestanden und den furchtbaren Ernst des militärischen Berufs im Kampf um Leben, Ehre und Vaterland kennen gelernt hat, dem ist auch ein männlicher Ernst in die Seele gebrannt, er fühlt die Weihe seines Berufs und sie erhebt ihn über sich selbst. Das machte sich auch in dem oberflächlichen Victor geltend, und als er mit einem Transport Verwundeter aus dem Feldlazareth fortgebracht wurde, fiel ihm der Abschied von Alfred so schwer, als scheide er von einem Bruder. Er hatte das Gute und Große in Alfred verstehen gelernt, weil er selbst besser geworden war.

„Du sollst sehen, ich bin dankbar!“ rief er Alfred noch aus dem Wagen zu. – – –

* * *

Der Krieg war zu Ende. Alfred kehrte mit den Truppen nach B. zurück, denn dort gab es noch harte Arbeit zu thun; bis alle die Wunden geschlossen waren, die der Kampf geschlagen. Alfred blieb als Hülfsarzt an einem der großen dortigen Spitäler. Nun erst sollte er erfahren, wer und was er war. Kaum war sein Name genannt, als er der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit wurde. Sowie er in einen Krankensaal trat, wendeten sich alle Blicke nach ihm. Man grüßte ihn, wo er vorüberschritt, mit neugieriger Zuvorkommenheit, man drängte sich an ihn unter allen erdenklichen Vorwänden. Er fühlte, mußte fühlen bei aller Bescheidenheit, daß er ein berühmter und mehr als das, ein beliebter Mann geworden. Die Soldaten und Officiere, die er behandelt, hatten den Ruf seiner Aufopferung in allen Schichten der Bevölkerung verbreitet, und ein edles berechtigtes Selbstbewußtsein gab seinem ganzen Wesen etwas Gehobenes. Er liebte die Menschen; wie sollte es ihn nicht beglücken, wenn er sah, daß sie ihn wieder liebten, wie sollte es ihn nicht stolz machen, ihnen etwas sein zu können? Es war, als sei er um einen Kopf gewachsen in den wenigen Tagen, so hoch und stolz schritt er einher, und selbst der etwas schleppende Gang des einen Fußes fiel bei dieser sichern Haltung nicht mehr auf. Die Damen, welche im Lazareth als Krankenpflegerinnen wirkten, fanden ihn anziehend und interessant, viele sogar schön. – Manch’ tiefes ernstes Auge einer jungen schmerz- und geduldgeprüften Diaconissin hing schwermüthig an ihm, als wolle es sagen: „Du bist auch Einer von denen, die nur noch für Andere leben, weil sie für sich nicht mehr leben mögen! Ich weiß, wie Dir zu Muthe ist!“

Wenige Tage nach seinem Eintreffen mit der Armee fanden die Ordensverleihungen statt und Alfred erhielt den Orden, welcher eigens für die Verdienste im Kriege gestiftet war. Er, der als Knabe nicht den Knall einer Pistole ertrug, nicht bei feuchtem Wetter im Garten sein, kein Spiel gesunder Knaben mitmachen konnte, – er hatte es soweit gebracht, daß Helden ihre Auszeichnungen mit ihm theilten. Lächelnd sah er auf das kleine Ehrenzeichen nieder, – es war ihm wie ein Traum, daß er es errungen, und es war ihm werth, weil er es so mühevoll verdient hatte.

Er hatte nicht an den Hof gehen, sondern seinen Pflichten leben wollen. Nun aber mußte er dem Könige persönlich danken und schon am folgenden Tage ward ihm Audienz gewährt. Man schien höchsten Ortes ungeduldig zu sein, ihn kennen zu lernen. Auf zehn Uhr war Alfred befohlen und mit dem Glockenschlage trat der König aus seinem Arbeitszimmer, aber Alfred war noch nicht da. Es wurde viertel, halb, dreiviertel auf Elf – der König mußte warten. Die gute Laune des Monarchen umwölkte sich: „Der junge Herr hat keine große Eile, wie es scheint,“ sagte er zu dem dienstthuenden Adjutanten und sah auf die Uhr. „Bestellen Sie den Wagen, ich bin von nun an nicht mehr für Herrn von Salten zu sprechen.“

In diesem Augenblick öffneten sich die Portieren, Herr von Salten ward gemeldet. Der König zögerte unschlüssig, ob er ihn abweisen lassen sollte, indessen „der Mann hat doch große Verdienste, man muß ihm etwas nachsehen! Ein paar Minuten will ich noch drangeben. Er mag kommen.“

Mit Spannung sah der König nach der Thür. Wieder öffneten sich die Portieren, der Gemeldete trat ein und verneigte sich mit würdevoller Bescheidenheit. Zum ersten Male in seinem Leben stand er vor der Majestät des Herrschers. Nicht durch die Rechte seiner Geburt, die er niemals geltend machte; durch sein eigenes Verdienst kam er in die Nähe dessen, der seine Umgebung aus den Bevorzugtesten der Menschheit wählen kann. Es lag eine schöne Mischung von edlem Selbstgefühl und schuldiger Ehrfurcht in seinem Wesen, denn der König war ihm mehr, als ein gesalbtes Haupt, er war ihm die verkörperte Volkseinheit. Er blieb an der Thür stehen und harrte der Anrede des Königs. Dieser winkte ihm etwas ungnädig näher zu kommen.

„Ich bedaure, Herr von Salten, daß man Ihnen die Stunde der Audienz, wie es scheint, unrichtig bestellt hat – meine Zeit ist fast abgelaufen.“

Alfred hob den Kopf und sah dem König mit seinen schönen melancholischen Augen offen in das umdüsterte Gesicht: „Ich muß sehr um Verzeihung bitten, Majestät, man hat mir die Stunde richtig gesagt, aber ich hatte diesen Morgen eine Operation zu machen, die sich nicht aufschieben ließ und länger dauerte, als ich glaubte. Es handelte sich um ein Menschenleben, Majestät.“

Des Königs Antlitz begann sich zu erheitern: „Hm, wer war der Glückliche, der sich dieser Sorgfalt erfreute?“

„Ein Gemeiner aus dem fünften Infanterieregiment.“

Der König war eine große redliche Natur, die Wahrheit und Männlichkeit zu schätze wußte. Er reichte Alfred rasch die Hand, [808] eine herzgewinnende Freundlichkeit verbreitete sich über sein edles Gesicht. „Man hat mir nicht zu viel von Ihnen gesagt!“

Alfred fühlte die ehrlich gemeinte Schmeichelei in diesen Worten und verneigte sich erröthend.

Der König sah es. „Und dabei noch so bescheiden!“ lächelte er. Wissen Sie, daß ich Ihnen sehr böse bin wegen Ihrer beharrlichen Entfernung vom Hofe? Sie sind schon vor Ausbruch des Krieges, wie ich höre, mehrere Wochen hier gewesen und haben sich nicht melden lassen – Sie, der Sohn unseres treuen Salten!“

„Majestät, ich wagte es nicht – welches Recht hätte ich gehabt, mich den allerhöchsten Herrschaften zu nahen? Wer in den auserlesensten Kreis der menschlichen Gesellschaft eintreten will, muß entweder durch Verdienste oder durch persönliche Vorzüge dazu berechtigt sein, bei mir war aber weder das Eine noch das Andere der Fall.“

„Nun, ich dächte, der alte ehrwürdige Name Salten hätte Ihnen in jedem Fall Recht genug gegeben!“

„Verzeihen Eure Majestät – dies wäre kein Recht – nur ein Vorrecht, und um letzteres geltend zu machen – bin ich zu stolz.“

Der König schaute den jungen Mann befremdet an: „Wie so?“

„Ich möchte die Gnade Eurer Majestät mir selbst – nicht der Zufälligkeit meiner Geburt zu danken haben; – sie ist zu kostbar, um so wohlfeilen Kaufes errungen werden zu dürfen.“

Der König drohte scherzhaft mit dem Finger: „Ein Feind des Adels?“

„Nein, Majestät, nicht des Adels, nur seiner Vorrechte. Denn unter ihrem Schutz spreizt sich auch die Unfähigkeit und nimmt dem Verdienst den Platz weg. Wer die Kraft in sich fühlt, sich einen ehrenvollen Platz selbst zu erringen, der wird zu stolz sein von einem Vorrecht Gebrauch zu machen; kann er dies nicht, dann soll er verzichten und nicht mehr beanspruchen, als ihm gebührt.“

„Das ist sehr groß gedacht!“

„Nur gerecht, Majestät.“

„Sie können aber nicht von Jedem eine Gerechtigkeit verlangen, die er auf Kosten seiner selbst üben muß. Es ist sehr schwer, alt angestammten Privilegien zu entsagen.“

„Ich habe das nicht gefunden, Majestät. Ich that es und erlitt dabei nicht die geringste Einbuße, ich fand eine innere Genugthuung darin, mich in die Reihen derer zu stellen, die sich ihr Brod und ihren Ruhm erringen müssen ohne die Stütze einer Protection oder eines Privilegiums, und ihnen zu sagen: ‚Seht, ich will nichts vor Euch voraus haben, will arbeiten wie Ihr und keinen andern Weg zu meinen Zielen einschlagen, als den, der auch Euch offen steht, den dornenvollen Pfad der Mühe.‘ Euer Majestät gaben mir mit diesem Ehrenzeichen den schönsten Beweis dafür, daß dieser Weg mich nicht zur Tiefe geführt. Ich habe mir die bevorzugte Stellung im Schweiße meines Angesichts erworben, welche mir meine Geburt mühelos angewiesen hätte, und deshalb werden selbst Diejenigen sie mir gönnen, die ich in dem gemeinschaftlichen Wettlauf überholte. Das, Majestät, ist mein ganzer Stolz und diesen Stolz fordere ich auch von meinen Standesgenossen.“

„Das können Sie von denen verlangen, welche Ihnen an Talent und Kraft ebenbürtig sind, aber die, welche nichts zu leisten vermögen, sind um so mehr auf die Vorrechte ihres Standes angewiesen.“

„Und verdienen sie um so weniger.“

„Ihre Vorfahren haben dieselben für sie verdient,“ sagte der König.

„Majestät, ich bin das Kind einer Zeit, die kein Recht gelten läßt, als das des eigenen Verdienstes.“

„Sie sind Demokrat,“ sagte der König.

„Im Gegentheil, Majestät, ich bin Aristokrat durch und durch; aber ich bekenne mich nur zu einer Aristokratie, es ist die des Geistes. Soweit an ihr der Adel Theil nimmt, soweit reicht auch sein Recht als bevorzugter Stand. Aber dies darf kein ausschließliches sein, es gebührt Jedem in gleichem Maße, der die gleichen Verdienste hat.“

„Und was verstehen Sie hauptsächlich unter dem Rechte bevorzugter Stände?“ fragte der König.

„Das schönste, das heiligste, Majestät, das, zwischen Fürst und Volk zu vermitteln.“

Der König blickte lächelnd vor sich hin. „Kommen Sie als moderner Posa zu mir?“

[809] „Nein, Majestät, denn Gott sei gedankt, Euer Majestät sind kein Philipp der Zweite, – aber Euer Majestät halten die Wage in der Hand, in der die Rechte der Menschen gewogen werden, und da konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, ein wenn auch noch so kleines Gewicht in die Schale Derer zu werfen, welche, aller Vorrechte entbehrend, lediglich auf die eigene Kraft angewiesen sind, denn sie wiegen in der Wage am leichtesten und haben doch das schwerste Theil.“

„Sie meinen es gut und ehrlich, Herr von Salten,“ sagte der König wohlwollend. „Sie gehören nicht zu den professionsmäßigen Volksbeglückern, die unter dem Deckmantel ihrer Liebe für das Volk nur ihren Haß und Neid gegen die Höher- und Bessergestellten verbergen. Sie gehören der bevorrechteten Classe an und haben freiwillig auf alle Vorrechte verzichtet, die Ihnen daraus erwachsen, um Ihren Ideen zu genügen. Mögen es die Ideen eines schwärmerischen Jünglings sein – Sie haben sie mit der Festigkeit eines Mannes zur That gemacht. Ich liebe solche Menschen mit weichen Herzen und harten Köpfen! Bleiben Sie bei mir, ich denke Ihnen den Wirkungskreis schaffen zu können, der Ihren philanthropischen Plänen am meisten entspricht.“

Alfred verneigte sich tief, seine Augen, die seit Feldheim’s Tod, von den langen Wimpern umschleiert, nur matt und trübe geblickt hatten, flammten auf in voller Begeisterung.

„O Majestät! Sie sind gnädig, wie nur ein König es sein kann. Aber nicht für mich darf ich die allerhöchste Gnade annehmen. Meine nächste Pflicht ruft mich auf meine Güter, dort habe ich ein schweres Werk zu vollenden, bevor ich an meine eigene Zukunft denken kann.“

„Ist das so wichtig?“ fragte der König.

„Ja, Majestät! Meine Güter liegen, wie Euer Majestät wissen werden, in einer Gegend, wo ein so grenzenlos verkommener Volksschlag lebt, daß es die erste Aufgabe eines Gutsbesitzers sein muß, für dessen sittliche und materielle Hebung zu wirken.“

„Und da wollen Sie sich in das trübselige Saltenau verbannen und diese Halbmenschen civilisiren?“

„Ja, Majestät.“

„Nun, das sieht Ihnen wieder ganz ähnlich. Wie lange wird denn dieses freiwillige Exil dauern?“ fragte der König lachend.

„Vielleicht ein Jahr, Majestät. Ich begann vor einigen Monaten den Bau einer Fabrik, um Handel und Wandel etwas zu heben, und werde demnächst eine Brauerei errichten, um dem demoralisirenden Branntweingenuß erfolgreicher zu steuern. Das Alles erfordert meine persönliche Gegenwart.“

„Ein ganzer Mann!“ sagte der König. „Unverrückt immer das eine Ziel vor Augen! Nun, ist’s jetzt nicht, so ist’s später, Sie werden und dürfen sich einem Amt in meiner Nähe nicht dauernd entziehen. Kann ich einstweilen sonst etwas für Sie thun? Haben Sie Freunde, Bekannte, die Sie aus dem Dunkel gedrückter Verhältnisse ziehen möchten, so nennen Sie dieselben, Ihre Empfehlung genügt mir vollkommen.“

„Ich kann Eurer Majestät im Augenblick leider keine Namen nennen. Meine Freunde sind Alle die, welche redlich das Gute und Schöne fördern, ihnen redete ich das Wort, persönliche Bekannte habe ich wenige. Ich hatte von Kindheit auf viel Unglück und erlebte an geliebten Personen traurige Enttäuschungen. Das machte mich scheu und zurückhaltend gegen den Einzelnen, und ich gewöhnte mich daran, die ganze Menschheit zu lieben und über den Einzelnen wegzusehen. Freilich stehe ich auch nun als Menschenfreund so einsam und auf mich allein angewiesen da, wie ein Misanthrop. Ich hatte nur einen Freund, der ganz für mich lebte, und der ist todt.“

„Das war der Prediger Feldheim. Ich habe gehört, auf welche Weise Sie ihn verloren und wie heldenmüthig Sie ihn noch retten wollten.“

„O Majestät,“ rief er, „hier ist ein wunder Fleck in meinem Herzen berührt, den nur ein König heilen kann!“

„Und was wäre das?“ fragte der König theilnehmend.

[810] „Mein Freund, Majestät, war einer der Tausende, die vielleicht gerettet werden konnten, wäre die genügende Hülfe zur Stelle gewesen!“

„Nun, und warum war sie es nicht?“ fragte der König.

„Das eben ist es: sie war nicht vorhanden. Wir haben zu wenig Hülfspersonal, unsere Sanitätscorps reichen, den Wirkungen unserer vervollkommneten Waffen gegenüber, nicht aus, und die freiwillige Pflege ist allein in den Händen der Johanniter. Auch hier selbst, wo es sich um die Pflichten der Humanität und Christlichkeit handelt, begegne ich wieder einem Standesvorurtheil. Die vornehmen Johanniter sind die einzigen Nichtsoldaten, denen höchsten Orts das Recht zuerkannt ist, sich am Sanitätsdienst im Kriege zu betheiligen! Ich bin weit entfernt, die Verdienste dieser aufopfernden Männer schmälern zu wollen. Allein was bedeutet eine Schaar von Helfern, die nach Hunderten zählt, während die Hülfsbedürftigen nach Tausenden zählen? Ich selbst verdankte nur dem Umstande, daß ich von Adel bin, die Erlaubniß, eine kleine Truppe von Trägern zu organisiren und mich den Johannitern anzuschließen, und auch dies war natürlich nur ein Tropfen im Meer. Warum – Eure Majestät werden mir diese Frage gestatten – warum besitzt der Adel das Monopol einer Aufgabe der Barmherzigkeit, die er nicht allein vollbringen kann, da dieselbe zehnmal mehr Hände fordert, als ihm zu Gebot stehen?“

„Aha, ich begreife!“ sagte der König, dessen freundliche Stirn sich verdüsterte. „Sie wollen der allgemeinen Freiwilligenhülfe im Sanitätsdienst das Wort reden, Sie sind ein Anhänger jenes Genfers Dunant, von dem in neuester Zeit so viel gesprochen wird?“

„Ja, Majestät, das bin ich, und den Ideen jenes genialen und echten Menschenfreundes darf – kann sich das Ohr eines Monarchen nicht verschließen in dessen Hand das Wohl von Millionen gelegt ist.“

Der König machte eine ungeduldige Bewegung. „O, es wäre schlimm, wenn es eines Herrn Dunant bedürfte, um uns zu lehren, was Noth thut!“ fuhr der König auf. „Auch ich sehe ein, daß das Sanitätswesen eine Reform erfahren muß, aber dies kann nur auf militärischem Wege geschehen!“

„Nicht vollkommen, Majestät, sicher nicht vollkommen. Der Staat könnte ohne unverhältnißmäßige Opfer keine Sanitätsmannschaft errichten, die den Anforderungen eines modernen Krieges gewachsen wäre. Dunant weist dies mit Zahlen nach. Die Privathülfe würde dem Staate alle diese Opfer abnehmen, sie würde –“

„Die Privathülfe!“ unterbrach ihn der König. „Ich bitte Sie, das sind ja lauter gut gemeinte, aber von Grund aus unpraktische Sachen. In die eiserne Maschinerie unserer heutigen Kriegsführung gehören keine nichtmilitärischen Elemente, sie würden von dem fest ineinander greifenden Räderwerk zermalmt werden oder Unordnung und Störungen herbeiführen“

Alfred sah den Köuig an, ernst, ehrlich, unerschrocken. „Die Johanniter sind auch keine Soldaten, Majestät, und dennoch durften sie hiervon eine Ausnahme machen.“

„Doch, doch,“ sagte der König rasch, „die Johanniter sind halbe Soldaten. Ihr Stand bringt es mit sich, daß sie sich früh in allen ritterlichen Künsten übten, das militärische Wesen steckt ihnen, wie jedem Adeligen, so zu sagen im Blute!“

„In diesem Sinne, Majestät, ist jeder Ihrer Unterthanen Soldat, denn Jeder diente ja sein Jahr ab und lernte sich in die Anforderungen der Disciplin und militärischen Ordnung schicken.“

„Zugegeben“ sagte der König, „aber wo bleibt bei solchen Massen aus dem Volke die Controle? Können sie mir die Garantie bieten, welche mir die bewährte Gesinnung der Johanniter bietet? Kann nicht mit dem gepriesenen Freiwilligencorps meinem Heer eine Schaar von Spionen oder verderblichen Einflüssen aller Art einverleibt werden – wer sondert unter solchen Massen und im Drange eines Krieges die Spreu vom Weizen?“

„O Majestät, ich kenne das Volk und stehe ein für seine Treue und Ehrenhaftigkeit, es wird keine Elemente unter sich dulden, die der Sache schaden könnten, für die seine Söhne und Brüder kämpfen; jeder Tropfen Blutes, den diese verlieren, ist ihm kostbar, es will ihn nicht vergebens fließen sehen, und würde auch nichts dadurch gewonnen, als die Ehre des Siegs. O nein, Majestät, von dem Volke ist kein Verrath zu fürchten, und bei unserem Reichthum an organisatorischen Talenten wäre es wohl ein Leichtes, eine Verwaltung zu schaffen, welche gegen das Einschleichen von Spionen schützte. Eine Controle, welche die strengste Ordnung in einem Heerkörper von einer halben Million Seelen aufrecht erhält, sollte doch wohl auch ausreichen, um einige Tausend braver Bürger zu überwachen!“

„Sie wären ein guter Advocat geworden,“ sagte der König.

„Majestät, was Henri Dunant fordert – Sie können es geben: Neutralität des Sanitätspersonals und Zulassung der freiwilligen Hülfe im Kriege. Das ist so wenig und so viel: so wenig für Eure Majestät und so viel für Ihr Volk! Ihre Unterthanen dürfen ihre Vertreter selbst wählen, dürfen als Deputirte die Angelegenheiten des Staates selbst ordnen, als Geschworene ihre Verbrecher selbst richten. – Warum zögern Eure Majestät, ihm das natürlichste Recht zu gewähren, das, seinen Brüdern, Vätern, Söhnen in Gefahr und Noth selbst beizustehen oder wenigstens seine Todten selbst zu begraben, um sicher zu sein, daß beim Aufräumen des Schlachtfeldes nicht der Eine oder Andere mit dem großen Leichenhaufen aus Versehen noch lebend in die Kalkgrube geworfen wird?“

Der König wandte sich ab.

[827] „Majestät,“ fuhr Alfred fort, „wie oft ist es mir geschehen, daß ein Kranker, während ich ihn verband, zum zweiten Male von einer feindlichen Kugel getroffen ward, weil kein Neutralitätsgesetz die Verbandsplätze schützt! Wie viele Krankenträger wurden während der Erfüllung ihrer schweren Pflichten vom Feinde weggeschossen! Wie viele Verwundete fand ich noch tagelang nach der Schlacht auf dem Kampfplatze, und in welchem Zustande! Von den Hyänen des Schlachtfeldes geplündert, geblendet, nackt in ihrem Blute sich wälzend, oder in einen blutigen Knäuel zusammengeballt sich um eine Pfütze drängend, bemüht, mit den verstümmelten Gliedern das ekelhafte schlammige Wasser zu erreichen! Mancher, der Stunde für Stunde vergebens gewartet hatte, hauchte mit dem Freudenlaut, den er beim Anblick des Retters ausstieß, den letzten Seufzer aus. Mancher rief mir zu: ,Seid Ihr Menschen, daß Ihr uns so vergessen konntet?!’ Und all’ dem Elend wäre gesteuert durch die Verwirklichung der Vorschläge Dunant’s! Es bedürfte nur eines Wortes aus dem Munde Eurer Majestät, und die Regierungen treten zusammen, unterzeichnen den Neutralitätsvertrag – und ein Volk in Waffen, nicht gegen das Leben, sondern gegen den Tod, steht auf, um seinen Brüdern zu helfen! Wie schön, wie göttlich, mit einem einzigen Worte unermeßlichen Jammer hindern zu können! Ich weiß es, Eure Majestät werden dies Wort sprechen, sobald Sie Dunant’s Schriften gelesen haben, denn Sie tragen ein gutes, ein großes Herz in der Brust und Ihr Herz fühlt mit Ihrem Volke!“

Der König schritt im Zimmer auf und nieder. Er war in sichtlicher Bewegung. Alfred stand mit unwillkürlich gefalteten Händen da, eine helle Röthe der Begeisterung färbte seine bleichen Wangen, er war schön in diesem Augenblick, so schön wie nur ein großes edles Gefühl den Menschen machen kann.

Der König kehrte nach seinem Gange durch das Zimmer zu Alfred zurück. Er hatte die Arme über der Brust gekreuzt und sah lange schweigend auf den jungen Mann herab. „Junger Mann,“ sagte er dann, „Sie haben mich tief erschüttert. Sie haben mir das Beste gegeben, was man einem Herrscher geben kann: Wahrheit! Ich gebe Ihnen dafür das Beste, was ich geben kann: Vertrauen!“

„Majestät!“ rief Alfred hingerissen.

Doch der König fuhr fort: „Ich will Dunant’s Vorschläge prüfen, und es soll mich freuen, wenn ich Ihnen einst sagen kann, daß ich geneigt sei, einen Bevollmächtigten nach Genf zu senden und die Convention zu unterzeichnen!“

„Majestät,“ rief Alfred, „nicht ich – die ganze Menschheit nur kann Ihnen das danken!“

„Genug, zuviel!“ rief der König. „Sie fallen ja aus der Rolle, mein strenger Posa. Adieu für heute!“

Da drückte Alfred seine Lippen auf die Hand des Monarchen und ein glückliches Lächeln verklärte sein Gesicht. „Nun denn, wenn ich durchaus Posa sein soll, so will ich sagen wie Jener: ,Kann ich Eure Majestät mit einer erfüllten Hoffnung verlassen, dann ist dieser Tag der schönste meines Lebens!’“




32. Gesühnt.

„Dem Wohlsein menschlicher Wesen dienen, mag ein demüthiges Amt sein, aber es liegt in ihm eine majestätische Demuth,“ sagt Julius Naundorff, einer der edelsten Menschenfreunde unserer Zeit. Diese majestätische Demuth war es, was Alfred’s ganzes Wesen kennzeichnete, was ihm trotz seiner Jugend eine Ueberlegenheit gab, deren Eindruck sich Niemand entziehen konnte und die Niemanden beleidigte, weil sie so frei von jeder Ueberhebung war. –

Kurze Zeit nach seinem Gespräche mit dem Könige hatte er die stolze Genugthuung, gegenwärtig zu sein, als der Bevollmächtigte seines Monarchen die Genfer Convention unterzeichnete. Er durfte sich sagen, daß er vor Allem durch seinen furchtlosen Appell an das Herz des Königs dazu beigetragen hatte, das großartigste Werk der modernen Humanität in’s Leben zu rufen, und dadurch ein Wohlthäter vieler Tausende geworden war, denen das rothe Kreuz auf weißem Grunde von nun an im Kriege Schutz und Hülfe gewähren sollte. Wie viel ihm auch das Schicksal genommen, er erkannte dankbar an, was es ihm dafür gegeben. Wer, dem selbst kein Glück zu Theil geworden, fühlt sich nicht entschädigt durch die Macht, Andere zu beglücken? Das war bei Alfred der Fall, und eine ernste Zufriedenheit trat allmählich an die Stelle der Trauer. Während seines Aufenthaltes in Genf ließ er seine Mutter dorthin kommen, die er [828] nun seit fast einem Jahr nicht wiedergesehen, und die sich nach ihm sehnte. Es war der letzte große Schmerz, der sein Herz traf, als er sie auf der Bahn abholte und drei Mal vergebens die Wagenreihe auf und ab lief, ohne seine Mutter finden zu können, bis ihm endlich eine gebückte hagere Frau mit tief eingesunkenen Augenhöhlen und vortretenden Backenknochen in die Arme sank und keuchte: „Alfred, erkennst Du Deine Mutter nicht mehr?“

Nun wußte er, daß das Leben seiner Mutter vielleicht nur noch nach Monden zählte. Und als sie ihn im Verlauf ihres Zusammenseins bat, sie mit nach B. zu nehmen, damit sie bei ihm sterben könne, da konnte er ihr es nicht mehr abschlagen – er wußte, daß diese rasch fortschreitende Auflösung kein Klima mehr zurückhalten würde, warum sollte er ihr den einzigen letzten Trost versagen, den, in der Nähe des Sohnes zu sein? - So brachte er sie nach Abschluß der Convention von Genf mit nach Hause. Auch die immer gleiche Tante Lilly folgte ihnen und er richtete ihnen schnell eine behagliche Häuslichkeit in B. ein, da die siechende Frau nicht das rauhe Klima seiner Güter ertragen und ihr noch außerdem die Schwestern Bella und Wika die letzten Tage ihres Daseins verbittert hätten. – Aber noch ein anderer Grund war es, weshalb er Adelheid um jeden Preis von dort fern halten wollte. Er hatte ihr den Tod Feldheim’s verschwiegen, weil er den erschütternden Eindruck dieser Nachricht für sie fürchtete, und doch hätte sie ihn unvermeidlich erfahren. Er wollte die mit soviel Umsicht und Vorsorge durchgeführte Maßregel jetzt nicht preisgeben, wo ihr Zustand größerer Schonung als je bedurfte.

Ohne es zu wollen, kam Alfred von nun an in immer nähere Beziehungen zum Hofe und zur Gesellschaft, denn er konnte sich den wiederholten Einladungen des Königs und der Königin nicht entziehen, und so zog allmählich das Leben den ernsten Mann in seine „heitern Kreise“, wenn auch nicht als mitgenießenden, so doch als teilnehmenden Beobachter.

Auch in seinem ärztlichen Beruf fand er immer neue Gelegenheit sich auszuzeichnen. Er kam, wie man zu sagen pflegt, in die Mode. Eine feste Praxis lehnte er jedoch entschieden ab, da ihn die Umgestaltung seiner Güter noch zu sehr in Anspruch nahm und zu oft von der Residenz entfernte, und so wurde er am Anfang seiner Laufbahn schon, was Andere oft erst zuletzt werden: consultirender Arzt. Das Einzige, was die vornehme Welt verletzte, war, daß er Honarar nahm! Ein Herr von Salten, ein so hochstehender, ein so poetischer Mann – ließ sich für seinen Rath bezahlen wie ein gewöhnlicher Arzt! Es war unerhört! Die zarten Seelen wurde für ihn schamroth, wenn sie ihm das Geld für eine Consultation schickten. Natürlich mußte ein so vornehmer Arzt, wenn er einmal Geld nahm, auch vornehm bezahlt werden. Man sandte ihm nur Gold, die einzige „anständige“ Bezahlungsart, und Alfred verdiente sich in kurzer Zeit bedeutende Summen.

Besonders groß war der Eindruck, den er auf die Frauen machte. Wie übrigens Alfred hierüber dachte, geht aus folgenden Zeilen hervor, die er eines Tages an Zimmermann nach Zürich schrieb: „Wenn ein junger Arzt zum Charlatan wird, so sind es nur die Frauen, die ihn dazu machen. Es gehört ein gewisser Grad von Charakterfestigkeit dazu, um die interessante Rolle abzulehnen, welche die überreizte Phantasie nervöser Damen dem Arzte zutheilt. Naturen, welche zur Eitelkeit neigen, werden nur schwer der Versuchung widerstehen, auf so wohlfeile Art den Wunderthäter zu spielen. Mediciner, die gar unter dem Druck der Nahrungssorge stehen und um ihr Stückchen Brod arbeiten, müssen Helden sein, um den Muth zu haben, sich durch andere Erfolge eine Praxis zu machen, als die, welche ihnen die Einbildungskraft und Unterhaltungsbedürftigkeit nervöser Frauen sichert. Gott sei Dank, mich kosten diese Versuchungen keinen Kampf, weil es eine Eigenthümlichkeit meines Wesens ist, daß mich jede Unnatur im tiefsten Grunde anwidert; nie wird sie mir andere Zugeständnisse abzwingen, als die, welche mir die Gebote der Höflichkeit und Ritterlichkeit einer Dame gegenüber vorschreiben, denn grob und barsch werde ich gegen ein Weib niemals sein. Ich kann es Dir nicht sagen, wie mich unter diesen Verhältnissen oft das Heimweh nach Zürich ergreift und die Sehnsucht nach Aenny! Das heißt nach der Aenny, welche ich liebte, bevor Victor zwischen uns trat! Ach, das war eine kerngesunde Natur, wahr und frisch durch und durch, so voll echten Mädchenstolzes, so unberührt und wunschlos. Nur zu solch einem Wesen kann Der flüchten, dessen Tage Jahr ein Jahr aus im Verkehr mit kranken oder doch krankhaften Geschöpfen verlaufen, nur bei solch einem Wesen ist Erholung von all’ den traurigen Eindrücken, die den Arzt herabstimmen. Nicht in den Genüssen der Gesellschaft ist sie, nicht im Salon, wo mich Mädchen und Frauen, die ich am Morgen noch bleich, reizlos und hinfällig gesehen, geschminkt, geputzt und künstlich verjüngt umflattern, mit fieberhaft glänzenden Augen, angehaucht von der Aufregung des Tanzens, Spielens oder Gefallenwollens, die den Unglücklichen für wenige Stunden den trügerischen Schimmer gesunder Lebenskraft verleiht.


Ich sehe Frauen strahlend schön auftauchen in voller Heiterkeit von Bewunderern umringt, die mich noch am Morgen in bleicher Todesangst fragten, ob ihnen nicht ein unheilbares Uebel drohe, und ich weiß auch, daß es schon heimlich die schöne Hülle benagt. Ich sehe Mädchen, deren Blut verborgener Liebe Kummer trank, die mich kurz zuvor bleichsüchtig fröstelnd, wie Sterbende um ein belebendes Mittel baten, nach einer genossenen Gabe Chinin und Eisen mit glühenden Wangen und feurigen Blicken durch die Säle schweben und im Rausche neuer Hoffnungen die Zuhörer durch ihre übersprudelnde Laune bezaubern! – Und ich frage mich, wo ist da noch Wahrheit, an was kann ich noch glauben, wenn die Kunst solche Siege feiert? Kranke lügen sich gesund und Gesunde krank, je nach Gefallen! Ich werde vielleicht ungerecht und gehe zu weit, ich weiß es; aber ich kann mir, seit ich Arzt bin, unter all’ diesen schimmernden Hüllen nichts mehr denken als verborgene Krankheiten des Leibes und der Seele – und mich verlangt mit aller Kraft nach einem frischen Athemzug von Anna’s blühenden Lippen, nach einem Blick in ihre offenen ehrlichen Augen, nach dem vollen hellen Klang ihrer fröhlichen Stimme, die noch keine Unwahrheit gesprochen, so lange sie lebt. Und wenn ich sie mir so denke auf dem weiten See, mit den starke Armen die Ruder rührend oder unter den alten Kastanien in einem Buche lesend, überrieselt von dem süßen sinnigen Staunen, mit dem sie ein schönes Dichterwort in sich aufzunehmen pflegte, so unbewußt der keimenden Vollgewalt ihres Wesens und ihrer Schönheit, dann meine ich, das Herz müsse mir zerspringen vor Lust und Schmerz!

Und wenn ich denke, daß ich von Kindheit an mit demüthiger geduldiger Liebe diese Blüthe sich entfalten sah und daß in dem Augenblick, wo sie sich erschließt, eine andre Hand sie pflückt, nur um sie achtlos wieder hinzuwerfen – dann möchte ich, wir wären Beide gestorben inmitten des süßen Kindertraums, den keine Wirklichkeit mir mehr ersetzen kann, und eine namenlose Sehnsucht faßt mich nach jenem verlorenen Paradies am Ufer des glitzernden Sees, am Fuße der schneegekrönten Gebirge, an der Seite des spielenden Mädchens unter Blumen und Bäumen! O du thauiges Ufer mit deinen rauschenden Wipfeln, deinem wogenden Schilfe und deinen duftigen Firnen, du bist mir versunken und ich kranke am Heimweh nach dir!“

Er stützte den Kopf auf die Hand und ließ die Feder ruhen. Lange, lange hatte er gegen solche Empfindungen gekämpft, jetzt auf einmal brachen sie mit ihrer ganzen Macht hervor, und er überließ sich ihnen auf einen Augenblick widerstandslos. Da nahte ein leiser Schritt auf dem weichen Teppich, und ein Arm umschlang liebevoll tröstend sein gebeugtes Haupt. Es war seine Mutter, die sich aus dem Nebenzimmer herangeschlichen hatte, weil sie mit dem scharfen Ohr der Liebe gehört, daß Alfred schwer und tief athmete.

„Mein Sohn,“ sagte sie schüchtern und streichelte mit der schmalen durchsichtigen Hand sein reiches Haar, „fehlt Dir etwas?“

Adelheid legte ihre beiden Arme zärtlich um seinen Hals wie eine Kette; sie waren so abgemagert, diese einst so schönen Arme, und so leicht, als sei kein Mark mehr in den fleischlosen Knochenröhren; eine unaussprechliche Trauer überkam Alfred bei ihrer Berührung, aber es waren doch noch die Arme einer Mutter, einer büßenden sterbenden Mutter, und er zog sie fest an sich, legte sanft den Kopf an ihr Herz und flüsterte mit erstickten Thränen: „Gute Mutter!“

„Du leidest, mein Sohn, ich ängstige mich um Dich!“

„Ich schreibe nach Zürich und da ergriff mich das Heimweh!“

„Du Armer, das ist das Schweizerheimweh, von dem ich so oft gehört!“

„Ja, Mutter, ich habe das Schweizerheimweh!“ wiederholte Alfred leise und küßte Adelheid’s Hände.

[829] Still und bescheiden, wie sie gekommen war, zog sie sich wieder zurück. Er sah ihr schmerzlich nach; dann besann er sich, überlas den Brief noch einmal und – zerriß ihn. Das war kein Brief für fremde Augen wie die des Doctors Zimmermann. Alfred konnte ihn wohl schreiben, aber nicht absenden! Er ging zu seiner Mutter, setzte sich zu ihren Füßen nieder und plauderte mit ihr von der Kindheit selbst wie ein Kind. Es war eine stille glückliche Stunde des Ausruhens, wie sie ihnen selten so ungestört zu Theil ward, denn Tante Lilly war heute einmal bei einer siebenzigjährigen Jugendgespielin zu einer Whistpartie geladen. Als die rothen Strahlen der Abendsonne hereinfielen und Adelheid’s ergrauten dünngewordenen Scheitel mit dem Golde früherer Tage anhauchten, stand er auf, küßte sie auf die bleiche Stirn, und er war wieder der klare entschlossene Mann, der treulich seiner Pflichterfüllung nachging.

Er hatte eine Schrift über die Zustände in Masuren wo seine Güter lagen, aufgesetzt, eine gründliche Darlegung der Nothwendigkeit eines Eisenbahnbaues von K… bis an die russisch-polnische Grenze, um eine lebendige Verkehrsader zwischen dieser abgelegenen Provinz und dem Lande zu schaffen. Diese Schrift sollte er noch am selben Abend dem Könige überreichen, und da die Stunde der Audienz geschlagen hatte, ging er, sich anzukleiden. Da brachte ihm der Diener eine Kiste, die von der Post gekommen, sie war aus Zürich. Eilig erbrach er sie und fand ein Bild, – Alfred sank überwältigt in die Kniee! Hatten die dämmernden Gestalten der Erinnerung, die er vorhin heraufbeschworen, Farbe gewonnen. Es war das Bild Anna’s, ein lebensgroßer Studienkopf. Roh in der Technik, aber von einer zauberhaften Aehnlichkeit, schien das Gemälde zu leben. Das waren Aenny’s braune, bald lachende, bald träumerischen Augen, nach denen er sich noch eben so sehr gesehnt; das war der frische schwellende Mund, der noch nie eine Unwahrheit gesagt, er schien zu reden, zu athmen. Das war das schalkhafte schweizerische Grübchen in Wange und Kinn, das dem rosigen Gesicht etwas so Muthwilliges gab, und doch war über dem Ganzen ein Hauch unbewußter Schwermuth ausgegossen; es war in der geneigten Haltung des Kopfes etwas, das an eine Rose erinnerte, die den vollen Kelch unter dem Drucke des Föhn niedersenkt. Was war es für ein heißer Sturm, der dies stolze Mädchenhaupt beugte?


Alfred schaute und schaute; trunken vor Freude, und die Leidenschaft, die lange zurückgedrängte, strömte über. Er drückte seine Lippen auf das Bild; er rief laut Anna’s Namen, er war außer sich. Da trat Adelheid unter die Thür.

„Mutter,“ rief er. „Mutter, Anna Hösli hat mir ihr Bild geschickt; Mutter, was sagst Du dazu?“

Adelheid schüttelte ungläubig den Kopf. „Das sieht Anna Hösli nicht ähnlich!“

„Wie, Du findest es nicht ähnlich?“

„Das Bild schon, aber nicht, daß sie es Dir schickte,“ sagte Adelheid bedächtig. „Die Freude verblendet Dich, mein Sohn. Ist denn kein Frachtbrief dabei, aus dem man den Absender entnehmen könnte?“

Sie schaute sich um und fand das Gesuchte am Boden. „Sieh, wie unachtsam Du bist; da haben wir ja die Lösung des Räthsels; schau her, hier ist ein Brief von Deinem Schützling Joseph, – er hat das Bild gemalt!“

Alfred ließ entgeistert die Arme sinken und starrte auf das beschriebene Blatt, welches in den Frachtbrief eingeschlossen war. „Du hast Recht – ich war ein Thor!“ sagte er leise und entfaltete den Brief. Er lautete:

„Geehrter Herr Baron!

Es ist nun schon ein Jahr her, daß Sie mich auf die Malerschule gethan haben. Sie müssen doch auch endlich wissen, daß ich was gelernt habe. Es ist mir neulich gelungen, ein Bild zu malen, welches die Leute besonders ähnlich finden, und da bin ich so frei, Ihnen eine Copie davon zu schicken. Sie kennen doch das Fräulein Hösli; Sie waren ja Nachbarskinder zusammen, und da werden Sie am besten beurtheilen können, ob sie getroffen ist.

Ich bitte Sie auch, lieber Herr Baron, schicken Sie kein Geld mehr für mich. Seit dem Bilde von Fräulein Anna weiß ich gar nicht, wo anfangen vor lauter Bestellungen, und ich kann mir jetzt mein Brod selbst verdienen. Ich weiß wohl, ich hätte noch viel zu lernen, um ein rechter Maler zu werden; aber so etwas darf ich mir ja nicht träumen lassen. Es ist mir ohnehin über alle Maßen gut gegangen, denn mein höchster Stolz war nur Schildermaler und nun bin ich schon Kunstmaler und man vertraut mir gar Portraits an.

Und nun danke ich dem Herrn Baron noch vielmals für alles Gute, womit ich bleibe.
Ihr überglücklicher Diener
Joseph Nägeli. 

Nachschrift. Meine Nase hält sich besser, als Sie selbst glaubten; sie ist noch gar nicht zusammengeschrumpft.“

Als Alfred seiner Mutter den Brief vorgelesen, war er wieder [830] ruhig und heiter wie zuvor. Der schlichte ungefüge Ausdruck einer dankbaren ihrer selbst kaum bewußten Künstlerseele hatte ihn im innersten Herzen erquickt. „Du sollst noch mehr werden als ein bloßer ‚Kunstmaler‘, Du wackerer Bursche,“ sagte er und strich lächelnd das Haar aus der Stirn, als wolle er damit auch die Seele von den überwuchernden schmerzlichen Gedanken befreien. „Geh nun, meine gute Mutter, ich will machen, daß ich zum König komme!“

Rascher als sonst kleidete er sich an und als er nachher bei Adelheid eintrat, um ihr Lebewohl zu sagen, die Mappe mit der zu überreichenden Schrift unter dem Arm, elegant gekleidet in dem officiellen schwarzen Anzug, mit der echten Vornehmheit seiner Erscheinung, da glitt Adelheid’s Auge mit Wohlwollen über die schlanke elastische Gestalt und das edle von einem blonden Christusbart umsäumte Gesicht hin und sie sagte unwillkürlich: „Wer hätte gedacht, daß Du so schön würdest!“

Alfred lachte. „Ich muß ein schrecklicher Junge gewesen sein, da ich so oft jenes ‚Wer hätte gedacht‘ höre. – Und einen solchen armseligen Burschen sollte Anna lieben!“ dachte er bei sich.

Der Diener meldete, daß angespannt sei, und Alfred holte das Portrait Anna’s und eilte damit hinab, denn die Pferde, zwei feurige Trakehner, die er von seinen Gütern mitgebracht, wollten nicht stehen.

Er schaute noch einmal aus dem Wagen herauf, er wußte, daß ihm seine Mutter so lange nachsah, als nur möglich, und es lag etwas von der alten Anmuth in ihrem Winken und Grüßen, das ihn wehmüthig an die Tage ihres Glanzes erinnerte.

Im Schlosse angekommen, fand er den König gerade in besonders guter Laune und nachdem er seinen Vortrag über die Zustände Masurens gehalten, benutzte er die günstige Stimmung des Monarchen, um ihm das Bild Anna’s zu zeigen. Der König war so erstaunt über das unverkennbare Talent, das aus der – wenn auch rohen – Skizze hervorleuchtete, daß er augenblicklich die Bitte Alfred’s gewährte und versprach für die Zukunft des jungen Künstlers zu sorgen.

In diesem Augenblick trat ein Adjutant ein mit der Meldung, Frau von Salten sei schwer erkrankt und verlange dringend nach ihrem Sohn.

Schreckensbleich bat Alfred den König ihn zu beurlauben.

Als Alfred nach Hause kam, fand er, was er schon lange erwarten mußte. Seine Mutter war dem Ende nahe. Er war darauf gefaßt seit einem Jahr und dennoch traf es ihn in diesem Augenblick ganz unvorbereitet, denn sie war gerade heute besonders wohl gewesen, welch’ stillglückliche Stunde hatten sie noch zusammen verlebt! Und jetzt trat der Tod sie an so ohne vorhergegangene Verschlimmerung, das war zu jäh, da mußte irgend etwas geschehen sein. Er stürzte vor dem Bette auf die Kniee und flehte Adelheid unter Thränen an, ihm zu sagen, was sie plötzlich niedergeworfen Sie schwieg beharrlich und suchte noch im Todeskampf zu lächeln. „Meine Zeit ist um, ich gehe zu Deinem Vater!“ stammelte sie mühsam und klammerte sich mit unaussprechlicher Liebe an den Sohn an.

Da wankte Lilly herein, schreiend und jammernd und warf sich neben Alfred zu Boden; „O Fredy, schlag’ mich todt, ich bin an allem schuld! Ich habe ihr verrathen, daß Feldheim todt ist, und da wurde sie ohnmächtig und dann bekam sie den Blutsturz und die Erstickungsnoth.“

„Tante!“ rief Alfred und zum ersten Mal in seinem Leben traf ein richtender Blick die arme Lilly, „habe ich das um Dich verdient?“

„Schlag’ mich todt, Fredy, schlag’ mich todt – ich bin nichts Besseres werth!“ wimmerte Lilly. „Ich bin ein dummes, unnützes, altes Ding. Ich habe mein Lebtag nichts als Dummheiten gemacht und es wird immer ärger mit mir!“

„Tante,“ sagte Alfred in Zorn und Schmerz. „Du bist und bleibst ein Kind, – aber Kinder sollten wenigstens zu gehorchen wissen. Ich hatte es Dir so streng verboten!“

„Zürne ihr nicht,“ stöhnte Adelheid, die zuckende Hand auf Alfred’s Arm legend. „Ich ahnte längst, daß etwas mit Feldheim war, was man mir verheimlichte, und habe es ihr abgelockt – vergieb ihr!“ Und sie zog Lilly’s Hand auf ihr Bett und legte sie mit einem unbeschreiblichen Blick in die Alfred’s. „Sie ist die Schwester Deines Vaters! Sie hat, ohne es zu wissen, den Bruder gerächt, da sie mir den Todesstoß gab! O ewige Gerechtigkeit, du waltest ja so milde über mir!“

„Ich vergebe ihr,“ sagte Alfred liebevoll, „sie wußte nicht, was sie that. Aber nun sei ruhig, Tante, oder verlaß uns, Dein Weinen beunruhigt die Mutter.“

Da faltete das arme alte Kind bittend die Hände, sie wollte nicht von Adelheid weg, sie wollte stille sein, mäuschenstille, aber nur dableiben!

Und sie kauerte sich leise, ganz leise schluchzend am Kopfende des Bettes nieder und küßte von Zeit zu Zeit einen Zipfel von Adelheid’s Kissen, während die Kranke in den Armen des Sohnes mit dem Ersticken rang. So blieb sie regungslos sitzen und kämpfte ihn mit, den langen Todeskampf die ganze Nacht. Nichts unterbrach die Stille als das Flüstern der sterbenden Mutter, die Abschied von dem Sohne nahm, und die gedämpfte Stimme Alfred’s, die ihr sanft tröstend zusprach, wenn der Kampf gar zu schwer ward. Als der Canarienvogel im Nebenzimmer jubelnd die ersten Strahlen der Morgensonne begrüßte, that Adelheid’s gequälte Brust den letzten Athemzug. Alfred schloß ihr sanft die Augen. Draußen schmetterte der Vogel – und hier flog eine Seele dem Lichte zu.




33. Im hohen Norden.

Hoch oben im Norden Deutschlands, wo der kalte Hauch der Ostsee den schrägen Sonnenstrahlen unüberwindliche Dunstwälle entgegenballt, hinter denen die Natur ihren langen düstern Wintertraum träumt - da liegt ein stilles ödes Land, in dessen meilenweiten Haiden und Forsten mit ihren einsamen Lehmhütten Noth und Pestilenz ihr unheimlich Wesen treiben. Seine Grenze bildet nach oben die Düne des Meeres, wo der weiße Flugsand seinen Scheitel bestäubt, wie die Asche das Haupt eines Büßenden, nach Osten und Süden der russische Grenzpfahl, der das Land einschließt wie in einen Sack. So trauert das arme Land in Sack und Asche und büßt für die Unterlassungssünden der Cultur. Während Kunst und Gewerbe, Handel und Wandel allerorten einen immerwährenden Carneval feiern – ist hier ewiger Aschermittwoch, träge Bußtagsruhe. Kein schriller Pfiff einer Locomotive schreckt den Raben aus der eingeschneiten Furche auf, kein hochbepackter Güterwagen weckt mit seinem Knarren das Gebell eines Hundes auf dem einsamen Gehöft des „Eigenkäthners“. Schlaf- und branntweintrunken schleicht sich der Bauer an sein einförmiges Tagewerk auf dem einförmigen Boden, umsaust vom eisigen Nordost, der unaufgehalten über die unabsehbaren Ebenen hinstreicht. Hier hat die wilde Gährung im Innern der Erde nicht ihre gigantischen Blasen aufgeworfen, kein Gebirge erhebt sich, nur hin und wieder ein Hügel. In todter Ruhe ist der glühende Werdeproceß erstarrt und die erkaltete Rinde blieb ein feuchtes Diluvialgebiet, durchströmt von unzähligen Gewässern. Wohl ist es freundlich anzusehen, wenn die Saaten gedeihen und der Blick, so weit er reicht, nur über wallende Kornfelder und üppige Wiesen, dunkle Waldungen und fischreiche Seen hingleitet, wohl gedeiht Alles leicht und schnell auf dem stets getränkten Grund, und nicht umsonst heißt er der „güldene Boden“ – aber ebenso schnell ist auch Alles zerstört, wenn die nordische Sonne zu lange nicht vermochte durch die Wolken zu dringen und den ungeheuern Ueberschuß an Nässe aufzusaugen. Dann gleicht das ganze Land einer fließenden schlecht verbundenen Wunde, in der sich nur Eiter und Fäulniß erzeugt. Dann wehe dem Menschen, der auf die Erträgnisse dieses überschwemmten Bodens angewiesen ist! – Wie der Säugling an der Mutterbrust, von nichts wissend als von dem Busen, der ihn nährt, und keine Thätigkeit ausübend, als die, auf welche ihn der Ernährungstrieb hinführt, so hängt hier das Volk auf der niedrigsten Stufe der Entwickelung an dem Busen der Mutter Natur, an der Erde. Es kennt nichts als die Erde, sie ist seine einzige Hülfsquelle, und versagt sie ihm, dann muß es hungern. Und wie oft geschieht das! Ein starker Regen, der von dem grauen thränenschweren Himmel tagelang niederströmt, verschwemmt die keimende Saat in der lehmigen Scholle und weicht die schwere Moorerde zum Sumpfe auf, daß das Gras verfault. Die naßkalten Nebel, die vom nahen Meere herüberziehen, erzeugen die stillen Feinde des Landmanns, den Rostpilz, der das Getreide zernagt, und die Kartoffelkrankheit. Dann entspinnt sich ein Kampf um’s Dasein, von dem der glückliche Sohn der Civilisation nur noch wie von einer verklungenen Sage hört. Wir blicken so gern zurück in die graue Vorzeit, wo der Mensch noch mühsam mit dem Urstoff um sein Bestehen rang, wir versuchen [831] voll behaglichen Schauders uns das Elend von damals vorzustellen, um desto besser zu ermessen, welch ungeheuren Fortschritt wir gemacht – aber wir brauchen nicht so weit zu schweifen, wir dürfen uns nur umschauen in solch einem entlegenen Winkel des eigenen Vaterlandes, wenn er von einem Mißwachs heimgesucht ist, und siehe, da steht es vor uns in leibhaftiger Gestalt, das alte Ammenmärchen vom Hungerssterben!

In solche einem Winkel lagen Alfred’s Güter, Saltenowen, wie es dort hieß, und Hermersdorff, wie glückliche Inseln allen Landwirthen der Provinz zum neidisch angestaunten Vorbild, und zwanzig Meilen von der großen Hauptstadt der Provinz in öder Gegend am Saum eines herrlichen Kiefernwaldes, des sogenannten Borkenschen Forstes. Dieser Wald erstreckt sich längs dem Ufer des kleinen Haasznensees hin, dessen Spiegel die Schatten und Umrisse der mächtigen alten Kiefern verdüstern und ihm ein finsteres melancholisches Gepräge geben, als lägen geheimnißvolle Schrecknisse auf seinem Grund, welche die dunkle Fluth verbergen müsse. Unter den überhängenden Zweigen gleitet lautlos der Nachen des Fischers am Ufer hin und in das Netz, das er auswirft, sind Haare vom Haupte einer Jungfrau eingestrickt, denn diese sind gut gegen jeden Zauber und ziehen die Fische an. Hier im Schatten des Waldes am stillen Haasznensee birgt sich noch die Waldhexe und der Wehrwolf, hier hausen die vertriebenen Götter Percunos, Potrimbus und die strenge Lauma, die darauf Acht giebt, daß der Faden des Fischernetzes nicht am Donnerstage gesponnen sei; wehe dem, der dessen nicht sicher ist, – denn der Faden, der am Tage der Lauma gedreht, der dreht den Fischer mitsammt dem Nachen im Wirbel, bis er untergeht und auch unten muß er sich drehen ruhelos in alle Ewigkeit. An der Stelle aber, wo er versank, bleibt ein Strudel zurück, der Jeden hinabspült, der ihm zu nahe kommt. Drum weilt der vorsichtige Schiffer hier gerne am Uferrand, wo er für alle Fälle einen Zweig fassen kann, und träumt in träger Ruhe von den alten und neuen Göttern und mit welchen man es wohl am klügsten zu halten habe, indessen die verborgene Branntweinflasche leer und leerer und der wüste Kopf schwer und schwerer wird. Aber eine kurze Strecke weiter hinab, wo sich der Wald lichtet und der Haasznensee in den Lykfluß ausmündet, der sich brausend mit starkem Gefäll in die Niederung gen Süden ergießt, da war sie geflohen, die düstere Poesie des nordischen Glaubens mit ihren geheimen Schauern, und ein buntes lautes Treiben, ein gesundes Leben und Schaffen an ihre Stelle getreten. Hier dampften die Schornsteine der Brauerei, hier schimmerten die rothen Dächer der neugeschaffenen kleinen Arbeiterstadt Alfreds aus dem Grünen hervor. Der reißende Fluß trieb klappernde Mühlen und aus den geöffneten Fenstern der Fabrik drang das Sausen und Surren der Spinnräder und Webstühle. Weit und breit unübersehbare Flachsfelder und, Weinbergen gleich, auf sonnigen Hügeln die bochragenden Hopfenpflanzungen. Auf den gemähten Wiesen jagten sich leichtfüßig die stolzen Trakehner-Füllen von dem Saltenow’schen Gestüt und die Giebelfenster des freundlichen Herrenhauses glänzten in der Sonne wie lachende Augen, weithin den Reichthum überblickend, der sich unter dem Schutz eines gesegneten Hauses entfaltete. Die nördliche Grenze des Gutes bildete der dunkle Wald, die östliche der rauschende Fluß, der weithin die Wiesen bewässerte, nur nach Süden und Westen grenzte es an armes verkommenes Land, von dem es sich grell abhob, denn bis dorthin war der bildende Einfluß Alfred’s noch nicht gedrungen, dort hatte er noch nicht die alten verheerenden Erbfehler der Masuren, Arbeitsscheu und Trunksucht, auszurotten vermocht.

[846] Saltenowen und Hermersdorff waren nicht ohne vornehme Nachbarschaft. Drüben im Walde, in dem Exile verbannter Geister und Götter, stand auf einem Hügel ein altes verwittertes Jagdschloß, mit seinen spitzen Thürmchen die spitzen Wipfel der Tannen überragend. Der See warf sein Bild inmitten der düsteren Schatten, die es umlagerten, unsicher und verschwommen zurück, man glaubte die auf seinem Grunde versunkene Stadt aus der Tiefe aufragen zu sehen, und das Volk hier glaubte es auch, denn der Haasznensee ist tückisch und hat schon manchen Baum und manche Deichhütte vom Ufer hinabgespült. Das alte Schloß Schornkehmen im Walde war so still und todt wie sein Spiegelbild in der Fluth. Es war von grauer Vorzeit her im Privatbesitz der Fürsten von D. und den Grafen Schorn zu Lehen gegeben. Dort lebte der Senior der Familie, der stolze Graf Friedrich Schorn, ein wunderlicher Junggeselle, abgewendet der Welt und den Menschen. Er war immer ein Sonderling gewesen, aber seit sein Bruder Egon, den er mehr als Alles auf der Welt liebte, schimpflich aus dem Johanniterorden ausgestoßen worden, hatte er sich ganz zum Einsiedler gemacht.

Unkraut wuchs auf der Schwelle des Hauses. Die Spinnen woben ihre Netze, die Waldmeister ihre Zauberreihen um die Pforte und die Wetterfahne krächzte mit den Raben dem Einsiedler ein trauriges Schlummerlied. Jenseits des Sees und des Lykflusses lagen die Schorn’schen Ländereien, ein großes Areal; sie wurden von armen Pächtern bewirthschaftet, denn der alte Herr mochte sich nicht mehr darum kümmern; er mußte dabei zu viel unter Menschen stehen. Er hatte einen Verwalter, dem er Alles anvertraute. Es war ein Schweizer mit Namen Schmetthorn, mehr wußte Niemand von ihm. Nur wenn er betrunken war, prahlte er bisweilen geheimnißvoll: „Wenn ich nicht wäre - da stünde es schlimm um des Grafen Bruder,“ woraus die Leute schlossen, daß er diesem einst einen großen Dienst geleistet und nun dafür mit Amt und Würden belohnt ward. –

Dieser Schmetthorn war schon Feldheim von je ein Dorn im [847] Auge gewesen und blieb es auch Alfred fort und fort. Er war der böse Geist der ganzen Gegend, der immer wieder verdarb, was dieser gut machte. Er trieb Wucher und verführte die Leute zu Trank und Spiel, daß sie immer mehr herunterkamen. Dann lieh er ihnen Geld auf ihre Besitzungen, und wenn sie nicht fähig waren zu bezahlen, zog er ihr Hab und Gut ein. Von alledem wußte natürlich der alte wunderliche Herr auf Schloß Schornkehmen nichts, und Niemand konnte es ihm sagen, denn er ließ Keinen in seine Nähe kommen, als den schlauen Verwalter, der ihn ganz umsponnen zu haben schien.

„Wartet nur,“ tröstete Schmetthorn oft die Leute, wenn sie klagten, „sobald der Alte stirbt und sein Herr Bruder an die Reihe kommt, da wird’s besser. Da soll alle Tage Sonntag und jedes dritte Haus ein Krug sein.“

Die Bauern schüttelten die Köpfe, denn Graf Egon trieb sich immer noch drüben in Polen herum und der Verdacht der Spionage war nun einmal unzertrennlich von seinem Namen; wenn er ihn indessen mit Branntwein abwaschen wollte, so konnte man sich das immerhin gefallen lassen. Endlich kam der Tag, der die schönen Verheißungen wahr machen sollte. Eines Morgens läutete zum ersten Male seit Jahrzehnten das Glöckchen auf dem Schloßthurme von Schornkehmen. Es war ein trauriges Geläut. Tausende von Spinnweben zerrissen, als der Schwengel sich in Bewegung setzte. Alte und junge Käuzchen flogen erschreckt aus den Lucken, wo sie so lange ungestört genistet hatten; die kleine Colonie des Ungeziefers hatte schon längst vergessen, daß die Glocke eigentlich da sei zum Läuten, und erhob ein Jammergeschrei, da sie sich bewegte und Alles wegschleuderte, was so sicher auf sie gebaut schien.

Aus dem Schlosse bewegte sich ein Leichenzug quer durch den Wald der Brücke zu, die über eine schmale Stelle des Sees nach den Schorn’schen Ländereien jenseits führte. Dort wurde der Graf Friedrich in die Familiengruft gesenkt. Sein Geleit war klein, Niemand als der Geistliche, der Kreisphysicus, ein paar Rittergutsbesitzer aus der Umgegend und Alfred gaben ihm die letzte Ehre. Das Gesinde goß das Wasser, womit die Leiche gewaschen war, nach Masurischer Sitte in Kreuzesform hinter dem Sarge aus, damit der Geist des Todten nicht wiederkehre, und dann schauten sie sich besorgt an: Wer gab ihnen denn nun den üblichen Leichenschmaus? Da kam ein Reiter mit schweißbedecktem Pferde herangesprengt: „Ich gebe ihn Euch, Ihr Leute!“ rief er, als er die Klagen der „Leidtragenden“ hörte. Es war ein immer noch stattlicher Mann, etwas gedunsen und verlebt, aber hoch zu Roß und von einschmeichelndem Wesen. Er hatte zwei Furchen in Kreuzesform im Gesicht, es war der Bruder des Verstorbenen, Graf Egon.

„Komm’ ich zu spät?“ fragte er hastig, „ist mein Bruder schon beerdigt?“

Die Leute zeigten ihm den Weg, den der Zug zum Kirchhof genommen, und er warf sein Pferd herum. „Auf Wiedersehen beim Leichenschmaus!“ rief er nickend und ritt dem Zuge nach. Er erreichte ihn noch an der Kirchhofmauer, stieg ab und schloß sich an. Als der Sarg geweiht und beigesetzt war, trat er auf die Umstehenden zu, welche bisher nicht gethan, als hätten sie ihn gesehen, und verneigte sich. „Die Herren kennen mich wohl nicht mehr, wie es scheint? Ich war etwas lange aus der Gegend fort. Ich stelle mich Ihnen vor als Ihren Gutsnachbar, Erben von Schornkehmen!“

Die Herren lüfteten leicht die Hüte, und der Aelteste von ihnen sprach ruhig, kalt und gemessen: „Wer der Erbe des Grafen Friedrich von Schorn ist, geht uns nichts an – wollen Sie gefälligst Ihre Mittheilungen hierüber den zuständigen Behörden machen.“

Und ohne ihn weiter eines Blickes zu würdigen, verließen die Herren den Kirchhof. Egon senkte den Blick zu Boden, er war schwer getroffen. Aber als er die Augen wieder aufschlug, sah er, daß nicht Alle fort waren. Einer war geblieben. Er betrachtete erstaunt das schöne Gesicht mit dem vollen Bart und den ernsten durchdringenden Augen, die so unbeweglich, so vernichtend auf ihn gerichtet waren. Das Gesicht war ihm bekannt, es knüpfte sich etwas Entsetzliches für ihn daran. Wer war der Mann? Warum wich ihm alles Blut bei seinem Anblick zum Herzen zurück? Eine gelbe Blässe überzog die glatten gedunsenen Wangen und fast tonlos fragte er: „Wer sind Sie?“

„Alfred von Salten!“ war die ruhige Antwort.

„Herrgott!“ schrie Egon laut auf und taumelte zurück wie ein Besinnungsloser. Er mußte sich an dem Portal des kleinen Erbbegräbnisses halten, um nicht umzusinken.

Alfred betrachtete ihn mit unaussprechlicher Verachtung. „Erschrecken Sie nicht, ich habe nur wenige Worte mit Ihnen zu reden. Als ich ein leidenschaftlicher kurzsichtiger Knabe war, schwur ich, meine Mutter, meinen Vater an Ihnen zu rächen; dieser Augenblick überzeugt mich, daß ich meine dem Dienste der Menschheit geweihten Hände nicht mit Ihrem Blute zu besudeln brauche, denn Gott hat mein Rächeramt übernommen und so furchtbar an Ihnen vollzogen, wie kein Sterblicher es vermocht hätte. Verachtet, gemieden als Spion der russischen Regierung, abhängig von dem gemeinen Schurken, Ihrem Gefängnißwärter, der hier den Herrn spielt, weil er Sie einst um schnöden Lohn vor schmachvoller Strafe rettete - äußerlich so tief gesunken, innerlich so gepeinigt von steter Furcht vor der Strafe, daß mein bloßer Anblick Sie zu Boden schmettert, - zerrüttet, gealtert, krank -! Was könnte ich Ihnen noch Schlimmeres anhaben, was Ihnen nehmen, als ein Dasein, von dem Sie zu befreien eine Wohlthat wäre? Nein, gehen Sie hin und leben Sie weiter wie bisher - dann ist meine Rache vollzogen!“

Egon wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Ich beschwöre Sie, Sohn meiner geliebten Adelheid, hören Sie -“

„Schweigen Sie!“ rief Alfred empört. „Nennen Sie den Namen nicht. Meine Mutter büßte und starb wie eine Heilige, ich will ihr Andenken nicht beflecken lassen durch einen Hauch Ihres Mundes.“

Egon versuchte wieder zu sprechen.

„Schweigen Sie,“ befahl Alfred gebieterisch, „und hören Sie, was ich Ihnen zu sagen habe. Ich darf Ihnen Ihr verwirktes Leben schenken, damit Sie elend seien, aber nicht, damit Sie elend machen. Wenn Sie so fortfahren, die Ihrem Schutz empfohlenen Leute an den Rand des Abgrundes zu führen, wie es Ihr Verwalter bisher that, dann sind Sie nicht nur erbärmlich und verächtlich, sondern gemeinschädlich, und dann wird es meine Pflicht, meinen Schwur so zu erfüllen wie es für das Wohl aller anderen Menschen am besten ist. Das merken Sie sich: Sie sind mir verfallen und ich werde Sie einfordern, wenn es nöthig ist.“ – – – – –

Alfred hielt Wort; er beobachtete Egon fast ein Jahr lang, und dieser lebte unter seinen wachsamen Augen wie unter dem Schwert des Damokles. Der König hatte Alfred zum Landrath ernannt, und er versah dies Amt mit der ihm eigenen Gewissenhaftigkeit und unerbittlicher, aber weiser Strenge. Als indessen der furchtbare deutsch-österreichische Krieg ausbrach, da litt es ihn nicht mehr zu Hause, und er trat wieder unter die Fahne des rothen Kreuzes, die er selbst errichten geholfen. So blieb er lange von den Gütern fern, und als er endlich mit Ruhm bedeckt zurückkehrte, wählte ihn der Kreis Lyk in das Abgeordnetenhaus. Eine großartige Thätigkeit als Abgeordneter wie als Arzt hielt ihn von nun an in der Residenz fest. In Politik und Wissenschaft wuchs sein Ruf von Tag zu Tag. Mittlerweile aber zogen sich die Wolken um Masuren immer drohender zusammen. Der Winter des Jahres 1867 nahte. Fortwährende Regengüsse waren niedergeströmt und hatten die Ernte vernichtet. Das Getreide enthielt statt des Kerns nur einen klebrigen Brei. Die Flüsse hatten meilenweit die Ufer unter Wasser gesetzt. Die ganze Nachbarschaft um Alfred’s Güter her war zu Grunde gerichtet. Aber auch auf Alfred lasteten die Wolken schwer, welche wie schmutzige triefende Lumpen vom Himmel herabhingen. Wieder mußte er Summen aufbringen, um rechtzeitig der Noth zu steuern und die Ersparnisse aus dem Gewinn der Fabrik fielen mit zum Opfer. Aber er murrte nicht. „Wohl mir, daß ich es noch kann!“ sagte er.

Noch saßen die Bursche und Mädchen in den Spinnstuben beim Kienspahn und sangen hungernd und frierend ihre masurische Volkshymne:

 „Lobet Ihr andere Länder, wie’s Euch gefällt,
Für mich bleibt Masuren das schönste der Welt.
Schau’t, wie die Seen so herrlich brausen,
Darinnen die köstlichen Fische hausen!
Aus den Bergen kann man den Kalkstein hauen,
Von dem sich die Reichen die Häuser bauen,
Und die Wälder, wie dunkel und wild sie stehen,
Drin spielen die Hasen mit scheuen Rehen.
In Heerden halten wir die Gänse, die fetten,
Die uns liefern die Braten und warmen Betten.

[848]

Auch die Schafe blöken hier in Heerden,
Umhüpft von den Kühen und munteren Pferden.
Die Jugend wächst auf hier in blühender Gesundheit,
Zum Kampf für das Land und den König hereit.
Hier drängen sich ein die Litthauer und Sachsen,
Denn wahrlich, hier ist eine andere Welt!“

So sangen sie und drückten sich aneinander, um sich zu wärmen und tranken Schnaps zu schimmligen Wrucken. Die Kühe die so munter auf den Wiesen springen sollten, lagen entkräftet bei ihnen in der Schaluppe und übertönten mit ihrem Hungergebrüll den Lobgesang, denn das Gras war auf den Wiesen in der Nässe schwarz gefault, und Heu kommen zu lassen, dazu fehlte es an Geld. Das Schlachtmesser war der letzte Wohltäter des armen abgemagerten Viehes. Noch wenig Tage und das elende Futter war zu Eude, die treuen Hausgenossen mußten fallen.

Wo waren die Schafheerden, von denen das Lied sang? Sie waren auf den nassen Weiden dem Lungenwurm erlegen.

Wo waren die Betten, welche die Gänse den Frierenden liefern sollten? Von Haus zu Haus nur Stroh und Spreu und Lumpen zum Bedecken.

Die Fische in den Seen konnten nicht gefangen werden, denn es war gefährlich, auf den angeschwollenen Wassern zu schiffen; das Wild in den Wäldern gehörte der Herrschaft, und der schöne Kalkstein in den „Bergen“ baute den Armen keine Häuser.

Die „blühende Jugend“ hatte schwarze Ringe um die Augen, blaue Lippen und eine fahlgelbe Haut. Der ausgehungerte Körper setzte giftige Säfte an. Fiebermiasmen, dem Sumpf entstiegen, in den die Erde rings verwandelt war, schüttelte die morschen Glieder. Noch wenige Wochen und die Lieder vom „schönsten Lande der Welt“ verstummten. Die letzten Mittel waren verbraucht, die knochige Kuh geschlachtet und verzehrt. Das Faß mit Sauerkohl, das nach dortiger Sitte an dem Kopfende des Bettes gohr, war leer.

„Wovon sollen wir nun leben, was sollen wir essen?“ fragten die hohläugigen Gesichter, und das Schicksal blieb ihnen die Antwort schuldig. Die Kälte kam, die bittere Kälte, und die Lumpen, die seit Monaten hundert Mal naß geworden und wieder getrocknet und wieder naß geworden waren, bis sie den Menschen vom Leibe fielen - sie schützten nicht vor dem Erfrieren. So verkrochen sie sich in die niedrigen Lehmhütten in das modrige Stroh, zehn, zwölf in einer Stube bei einander. Das einzige kleine Fenster, nur ein Loch mit einem Stückchen Glas bedeckt, ward vernagelt und die Thür verstopft, damit es warm blieb, denn der Torf war in der Nässe auch verfault und die Wälder gehörten dem König. Da war keine Heizung als der Branntwein und die Fiebergluth der Typhuskranken. Um und in das dunstige Bett solch eines Unglücklichen drängte sich Alles und wer durfte, der schmiegte sich an ihn, um sich zu wärmen an dem lebendigen, Gift ausströmenden Ofen. Wer sich noch schleppen konnte, der schlich zähneklappernd aus der warmen Brutstätte des Ungeziefers und Siechthums hinaus zum Kruge, um für die Andern Schnaps zu holen, und so schnell als möglich kroch er wieder hinein. Dann ward getrunken so lange, bis das Bewußtsein erlosch. Den Kranken schoß die Gluth des Fiebers, durch das Alkohol zum Brand angefacht, aus allen Poren und bedeckte Gesicht und Körper mit rothen brandigen Flecken, und die Gesunden, stumpf, blödsinnig vor Schwäche und Trunkenheit; sanken hin auf die schlammige schlüpferige Erde der ungedielten Hütten, müde des Kampfes um ein Dasein, welches keines Kampfes mehr werth war, die Waffen streckend, mit denen sie sich um ihr bischen Menschenthum gewehrt. Zwischen Leben und Sterben, zwischen Wachen und Schlafen dämmerten sie hin im Zwielicht ihrer dumpfigen Schaluppen. Dicht und dichter wallte der Schnee herab und verschüttete vollends die Stätten lebendiger Verwesung!

Und dies war noch nicht das Aergste, was die Natur an Gräueln schaffen kann, um dem Menschen den Untergang zu bereiten. - Hier in den Dörfern war das Elend doch noch über der Erde, aber es gab ein Elend unter der Erde, dem Nichts gleichkam. Draußen in den unbewohnten Gegenden, wo die Eisenbahn von Rastenburg nach Lyk gebaut wurde; da lebte ein Geschlecht des Entsetzens, wie die Erde wohl kein zweites aufzuweisen hatte. Es waren die „Losleute“, welche an der Bahn beschäftigt wurden; um sie, die im Winter schlechter daran waren als die Raben auf dem Felde, vor dem Hungertod zu schützen. Doch es gelang nur schlecht. Denn dieser Abhub der Menschennatur war so dem Trunke ergeben, daß er den Lohn, mit dem er Weib und Kind ernähren sollte, zur Hälfte vertrank. Licht, Luft und Reinlichkeit, die Bedürfnisse höher organisirter Wesen, existirten nicht für diese elenden Geschöpfe. Maulwürfen gleich hatten sie sich längs der Bahnstrecke in die Erde eingegraben. In Gruben unter dem Boden, nur von Fichtenstämmchen gestützt und bedeckt, hausten sie mit Weib und Kind, und Fuß hoch lastete der Schnee auf den Dächern, die sich nur handbreit über die Oberfläche erhoben. Wer, unkundig der Verhältnisse, an einem Sonntagmorgen, wo die Arbeiter in ihren Schlupfwinkeln versteckt ausruhten, über die beschneite Haide ging, der mochte wohl denken, er stehe auf einem unterirdischen Gnomenreich oder auf einem von kleinen Vulcanen untergrabenen Boden; denn so weit das Auge auf der öden Fläche reichte, ringelten sich aus niedrigen Schneehügeln kleine Rauchsäulen empor. Ein rauchendes Schneefeld, auf dem auch nicht die Spur eines lebendigen Wesens zu sehen, war wohl ein seltsames Bild. Doch wenn der erstaunte Fremde näher kam, sah er, daß der Dampf einer unterirdischen Esse entquoll, und gelang es ihm, unter dem Schnee die Stufen zu finden, welche in die räthselhafte Höhle hinabführten, dann wehe ihm, denn er schaute, was die Götter dem bevorzugten Sohne der Civilisation gnädig bedecken mit Nacht und Grauen.

In einem Raum, fast zu niedrig zum Stehen, fast zu kurz zum Liegen, kauerte eine halbnackte Familie um das Feuer, an dem als Sonntagsgericht saure Rüben kochten, der einzige warme Bissen der ganzen Woche. Dies Feuer war zugleich das einzige Licht, doch es war immer am Verlöschen, denn es hatte zu wenig Luft in der engen Grube; wo von allen Seiten das Wasser herabsickerte. Aber wo das Feuer fast erstickte, da mußten fünf, sechs, sieben Lungen athmen. Ein Pesthauch strömte dem Eintretenden entgegen; denn alle Dünste, welche die feuchte Erde, die verfaulten Kleider und die kranken Körper ausströmten, blieben in dem hermetisch verschlossenen Raume zusammengeballt. Krüppelhafte, thierisch scheue Kinder verkrochen sich vor dem Fremden; und der Vater, der Ernährer des Hauses, kam ihm entgegen mit stierem Blick, gedunsener farbloser Haut; wie ein Leichnam, der lange im Wasser gelegen. In der Ecke auf dem einzigen Strohlager der Familie schrie ein Säugling neben der Leiche der Mutter und suchte vergebens an der erstarrten Brust nach Nahrung. Sie lag noch seit gestern, wie sie gestorben; man war zu stumpf, sie wegzuräumen. Hierzu war es noch lange Zeit; wenn man gegessen hatte. - Den Säugling, der noch zu klein war, um die Milch entbehren zu können, ließ man eben schreien, bis er todt war. So vergrub sich hier das Entsetzlichste unter der weißen dichten Schneedecke. Hier war der Mensch buchstäblich zum Gewürm geworden, das seinen ekeln Anblick in der Tiefe verbirgt. Als aber der eigentliche harte Winter kam, die Erde zu Stein fror und die Arbeiten großentheils eingestellt werden mußten, da spieen diese Gräber der Lebendigen ihren scheußlichen Inhalt aus und verbreiteten ihn über die ganze Gegend.

In Rotten oder einzeln ergossen sich die entlassenen typhuskranken aussätzigen Arbeiter über das hungernde Land und bettelten um Obdach und Brod; den Gifthauch ihrer moralischen und physischen Fäulniß weithin verschleppend und rings um sich her die Luft verpestend, daß kein Mensch in ihrer Nähe aushalten konnte, daß man sie auf ganze Strecken roch. Wer in ihren Dunstkreis kam, den erfaßte die rothfleckige Seuche, die sie in ihren feuchten Gräbern unter dem Schnee ausgebrütet hatten. Was lebte, das floh vor diesen wandelnden Leichen, und wo ein Wirth schwach genug gewesen, sie aufzunehmen; da stand gar bald der ganze Krug verödet; denn die Gäste mieden ihn, und alle seine Bewohner erlagen der todbringenden Berührung.

Als Alfred auf die Nachricht dieses Elends herbeieilte, erkannte er, daß zwei Schrecknisse sich mit teuflischer Wuth über das arme Land geworfen, gegen die der Einzelne machtlos war, denn wer dem Mangel nicht zum Opfer fiel, den würgte die Seuche hin! Und wieder stemmte sich der eine Mann mit unbeugsamem Muth gegen die unsichtbaren Feinde.

Er berief den Kreistag zusammen und setzte es durch, daß ein Capital zusammengeschossen wurde, wovon Lazarethe und Suppenanstalten gegründet wurden. Alfred selbst errichtete deren mehrere auf seinen Gütern und erließ alle nöthigen polizeilichen Verordnungen gegen das Betteln und Vagabundiren, um die weitere [849] Verschleppung der Krankheit durch die brodlosen Arbeiter zu hintertreiben. Er rief die Wohlthätigkeit des ganzen Landen auf, seine Berichte lenkten die Theilnahme Europa’s auf diese schwer heimgesuchte Provinz und von nah und fern eilten barmherzige Frauen und Männer herbei, um selbst zu helfen und zu pflegen. – Umsonst! die kostbarsten Leben fielen der Seuche zum Opfer. Mancher sonst so unerschrockene Arzt brach zusammen, überwältigt von Ekel und Anstrengung. Das ganze Land war in einem Zersetzungsproceß begriffen und steckte auch die Gesunden, die zu retten kamen, mit seinem Leichengift an. Viele mußten, für lange an Leib und Seele gebrochen, umkehren. Nur Alfred hielt aus, unberührt, unermüdet, so lange es nöthig war, bis er erkannte, daß Einzelne, und wären es ihrer noch so viele, hier machtlos waren, daß hier nur eine rasche Hülfe von Seite des Staates durchgreifen könne, und so blieb ihm nichts übrig, als nach B. zurückzukehren und seinen Einfluß in den Kammern zu Gunsten der Provinz aufzubieten.

Doch vor seiner Abreise mußte er noch einen Act strenger Justiz an Egon und seinem Verwalter üben. Es war ein grauer Decembermorgen, als Alfred sich dem Schlosse Schornkehmen näherte. Die Bäume glichen ringsumher nur riesigen Krystallisationen, so glänzend weiß starrten die gefrorenen Aeste empor, jede Nadel der [850] jungen und alten Fichten war von einer Eiskruste überzogen. Tausendfältige zierliche Formationen gefrorener Gräser und Sträucher bedeckten den Boden, überzogen von unzähligen Spinnweben, an deren feine Fäden sich Millionen von winzigen Eissplittern angesetzt und sie zu rauhen silbernen Schnürchen verwandelt hatten. Der ganze Wald glich einem Meisterwerk aus mattem getriebenem Silber, als bestünde die Welt nur aus Kindern, für die der höchste Herr und Meister solch kostbares Spielzeug zu schaffen sich bemühte. Auch Alfred trat seine Kindheit wieder vor die Seele hier mitten in all dem kalten Silberglanz und er dachte an das Rückert’sche Bäumlein, das silberne Blätter wollte haben. Hier waren lauter solche verzauberte Bäume und sie ragten so still und steif in ihrem starren Schmuck empor, daß es nicht einmal dem Winde gelang, sie zu bewegen. Nur dann und wann krachte es tiefer im Dickicht, wo der Schnee in ungeheuren Klumpen zwischen dem Gezweig zusammengeballt war, und ein zu schwer belasteter, vom Frost spröde gewordener Ast brach unter der schimmernden Bürde vom Stamme herab. Eine Nebelkrähe flog kreischend auf. Dann war Alles wieder still. „Solche Ruhe, solcher Friede inmitten der Gährung und des qualvollen Ringens eines sterbenden Volks! Welch ein Gegensatz!“ sagte Alfred zu sich selbst, und der Hauch seines Mundes zog als weiße Wolke vor ihm her, wie ein Geist, der ihm den Weg zeigen sollte.

Endlich war die andere Seite der Borken’schen Forst erreicht und das alte graue Schloß hob sich scharf ab von der Fülle silbernen Schimmers ringsumher. Er umging das Gebäude und näherte sich den Scheuern und Ställen, welche daran angebaut waren, um den Verwalter zu suchen. Es war noch früh. Die faulen Knechte schlichen schläfrig umher und stierten den Ankömmling dumm an. Da sah Alfred in dem gefrorenen Gebüsch eine schwarze Masse an der Erde, er näherte sich ihr und fand eine Frau bei zwei, wie es schien, schlafenden Kindern liegen. Er bückte sich, um sie aufzuheben, sie waren sämmtlich todt. Alfred rief die Knechte herbei. Sie kamen gleichgültig heran.

„Was ist das für eine Frau?“ fragte Alfred und untersuchte die Leichen, die nur noch Haut und Knochen waren.

„Ach, das ist die Frau, die sich immer mit den Kindern Nachts in den Stall schlich, ’s ist eines Lehrers Wittwe, der Mann ist am Typhus gestorben.“

„Mein Gott!“ rief Alfred entsetzt, „sie hat, wie es scheint, erst die Kinder und dann sich selbst erwürgt!“

„Das hat sie wohl gethan, weil sie der Hunger zu sehr quälte,“ erklärte einer der Knechte. „Wir haben schon lange bemerkt, daß die eine Kuh, die der Thür zunächst stand, weniger Milch als sonst gab. Vorgestern paßte der Verwalter auf und entdeckte, daß eine Frau mit zwei Kindern hereinschlich und daß sie von der Kuh tranken. Deshalb schloß der Verwalter gestern den Stall zu – nun hat sich die Frau wohl nicht mehr zu helfen gewußt und hat lieber gleich ein Ende gemacht.“

„Gräßlich!“ rief Alfred.

„Ich weiß noch Mehrere, die ihre Kinder erwürgt haben, weil sie das Geschrei nicht mehr aushielten,“ fuhr der Knecht phlegmatisch fort, „der Verwalter hat’s aber vertuscht,“

„Ruft mir den Grafen und den Verwalter!“, befahl Alfred zitternd vor Entrüstung.

Er mußte lange warten.

Endlich kam Schmetthorn mit seinem verschmitzten Lächeln und seiner widerlichen Galgenphysiognomie. „Der Herr Graf bedauern, nicht erscheinen zu können, sie liegen noch im Bette,“ sagte er, aber das Wort blieb ihm im Halse, als er die Leichen am Boden sah.

„Schurke,“ schrie ihn Alfred an, „Schurke, der längst in ein Zuchthaus gehörte, das ist Dein Werk! Statt der armen Frau den Tropfen Milch zu gönnen, der ihr Leben fristete, stießest Du sie hinaus in die Kälte und ließest sie sterben! Und sie ist nicht das einzige Opfer Deiner Unmenschlichkeit nirgend ist das Elend so hoch gestiegen wie in Schornkehmen! Aber ich bin Dir auf den Fersen und werde Dir das Handwerk legen, Du Hund!“

„Herr Baron,“ zischelte Schmetthorn, „ich bin ein ehrlicher Mann und ich dächte, Ihre Frau Mutter, wenn sie noch lebte, hätte Sie hierüber bestens belehren können.“

„Ja, weil ich weiß, daß Du den Namen meiner Mutter noch im Grabe auf’s Neue beschimpfen kannst, weil Du von ihr bestochen worden, deshalb schone ich Dich, sonst hätte ich Dich längst den schweizer Behörden ausgeliefert. Aber es wird dennoch geschehen, wenn Du nicht augenblicklich meine Befehle vollziehst. Wie ich hörte, hast Du und Dein nichtswürdiger Gebieter, der jedoch nur ein Spielball ist in Deiner Hand, große Vorräthe von Korn aufgespeichert, mit denen Ihr Wucher treibt, während die Unterthanen von Schornkehmen Hungers sterben! Du wirst mir diese Vorräthe für den landwirthschaftlichen Verein zu den jetzigen Durchschnittspreisen ablassen, damit wir sie an die Bedürftigen Eures eigenen Guts vertheilen, da es noch Zeit ist. Weigerst Du Dich, dann werde ich Zwangsmaßregeln gegen Dich ergreifen, die diese Gegend auf immer von Dir befreien! Entscheide Dich, öffne Deine Speicher, Du hast keine Minute Zeit, Dich zu bedenken.“

Diese Drohung verfehlte ihre Wirkung nicht. Angesichts der drei todten Opfer des Schuftes schloß Alfred das Geschäft mit Schmetthorn ab. Es waren die letzten Ersparnisse, die er hiezu beisteuerte, denn der Kauf überstieg weitaus die vom Verein ausgeworfene Summe. Aber leichten Herzens ging er von dannen, er hatte für den Augenblick Alles gethan, was in seinen Kräften stand, und konnte getrost seine Wirksamkeit in der Kammer für das arme Land beginnen.

„Wart’, Bürschchen,“ murmelte ihm Schmetthorn wüthend nach, „es wird wohl auch einmal ein Tag kommen, wo man Dir an den Kragen kann! Dann sollst Du mir heimzahlen mit Zinsen!“

[853]
24. Frühlingsstürme.

In südlichen Ländern erscheint der Frühling als ein lieblicher Knabe, der dem altersschwachen abgelebten Tyrannen Winter seine Macht abschmeichelt und leichten Schrittes an seine Stelle tritt – milde lächelnd der erstarrten Natur die Winterketten löst und Balsam in ihre Wunden träufelt. Ganz anders zeigt sich der Frühling im Norden. Dort ist er kein tändelnder Knabe mehr; bis er dorthin kommt, ist er zum Manne gereift, zum gewaltigen Mann, der den Kampf mit einem Giganten aufnimmt. Wer den furchtbaren nordischen Winter kennt, der allein weiß, welch’ Riesenwerk der Frühling dort zu vollbringen hat, um seine Aufgabe zu erfüllen. – Es ist ein Kampf von Elementen, es ist ein Ringen auf Tod und Leben in der Natur, daß die Erde erzittert – ein Schauspiel, dem das kleine Menschengeschlecht mit Entsetzen beiwohnt. Dem nordischen Frühling schlägt kein träumerisches Mädchenherz entgegen beim melancholischen Geplätscher der aufthauenden Bäche, sein Nahen ist das Nahen eines wilden Eroberers, sein Athem ist Sturm, unter seinen Tritten dröhnt und knirscht die berstende Decke des Eises und der ausbrechende Strom überfluthet brüllend die Gefilde. Zitternd beugt sich der Mensch vor diesem Frühling und flüchtet entsetzt, wenn er ihn anstürmen sieht, im furchtbaren Anlauf die Bollwerke des Winters zertrümmernd, rings um sich her Eisblöcke wegschleudernd und in der Kampfeswuth die Bäume ausreißend, die er belauben sollte. –

„Das Eis kommt,“ schrieen die Bewohner des Lyk-Gestades eines Mittags, als die erste warme Frühlingssonne wieder ihre goldenen Pfeile herabsandte. Diese feinen Geschosse waren als kleine Keile mit ihren scharfen Spitzen in die glitzernde Eisdecke eingedrungen und hatten sie allmählich gelockert, bis plötzlich ein donnerähnlicher Knall erfolgte. Wie Strahlen schossen die Sprünge nach allen Richtungen der Windrose über die glatte Fläche hin und wie ein wilderregtes übervolles Herz gegen die Rippen pocht, so schlug der schwellende Strom gegen die geborstene Decke an, immer stärker, in immer ungeduldigeren Stößen. Allmählich kam diese in Bewegung, bald da bald dort sich spannend und sperrend, hier emporgehoben, dort von den übersprudelnden Wellen hinabgesenkt, brach sie in Stücke, und nun wälzten sich die schäumenden Wogen darüber, darunter hin, in rasender Wuth die abgelösten Blöcke mit sich fortreißend, bis sie an eine Stelle kamem wo das Eis stehen geblieben einen Mauerbogen bildete, unter dem sich die compacte Masse aufstaute zu einem furchtbaren Bollwerk für die dahindrängende Fluth. Geschiebe auf Geschiebe, Block an Block thürmten die Wellen zu einem undurchdringlichen Damm vor sich auf. Wohin sollte sie sich nun ergießen die hochangeschwollene Fluth? Jetzt war der drohende Augenblick da, wo die Brandung mit ihrer vollen Wucht gegen die Dämme, die Deiche anschlug, gebieterisch mit wildem Ungestüm den Ausweg fordernd, brausend und kochend, als brenne ein Feuer unter dem riesigen Kessel und jage den dampfenden Schwall empor aus dem tiefsten Grunde.

Doch die Deiche hielten den ersten Andrang aus, den zähen Widerstand der feinen Weidenwurzeln, welche das Erdreich durchflochten wie eiserne Drähte, vermochte das Wasser nicht zu brechen, die zarten Pflanzen bildeten ein elastisches unzerreißbares Gewebe, stärker als Stahl und Stein; wie die treue stille Ausdauer in der Menschenbrust oft mehr vermag als ein rascher stürmischer Anlauf.

So stieg denn die Fluth empor bis an den Rand des Bettes – zum Ueberfließen!

Rathlos sahen die Strandbewohner des Haasznensees und des Lyk dem entsetzlichen Schauspiel zu. Ein solcher Wasserstand war nie erlebt, wer hätte gedacht, daß die gewaltigen Dämme je zu niedrig werden könnten? In Todesangst riefen die armen Menschen die Nachbargemeinden um Hülfe an, um die Dämme aufzuschütten; von dem Thurme auf Schloß Schornkehmen wallte eine lange schwarze Fahne als Nothzeichen herab; die Schwestern Bella und Wika schickten einen reitenden Boten nach der nächsten Station, um an Alfred zu telegraphiren, und von nah und fern eilten die Gemeinden hülfsbereit herbei. Die armen, von Hunger und Krankheit geschwächten Leute machten sich mit zitternden Händen an’s Werk, um dem Unheil zu wehren. Ohnmächtiges, nutzloses Beginnen! Vor diesem Feinde ließ sich kein Bollwerk mehr aufthürmen, das Stand halten konnte. Jede neuangetriebene Eisscholle konnte es zertrümmern und es kamen ihrer immer mehr und mehr vom Haasznensee daher und stapelten sich auf den ungeheuren Eisberg auf, wie gewaltige Schiefer. Es war, als quöllen alle Wasser der Erde aus den unheimlichen Strudeln des Haasznensees, so unerschöpflich sich immer neugebärend strömte und wallte es von da oben den Lyk herab. –

Egon irrte händeringend in seinen Gemächern hin und her. Das Unglück war für ihn unabsehbar, er besaß nichts als seine Felder und Wiesen jenseits des Sees, und wurden sie überschwemmt, dann war er ein ruinirter Mann. Da trat Schmetthorn herein, verschmitzt lächelnd wie immer. „Das Schütten nützt nichts bei [854] dem Eisgang,“ sagte er, „die nächste beste Eisscholle reißt Alles ein und nun zieht auch noch ein Sturm herauf.“

„Schmetthorn, um Gotteswillen – sag’, was sollen wir thun?“ rief Egon, und der Diener weidete sich an der Angst des Herrn. Die schlaffen Züge des einst so schönen Mannes waren völlig verzerrt, die Kniee schlotterten ihm, die verschwommenen Augen stierten ihn mit einem blöden Ausdruck an.

„Ich weiß einen guten Rath, der ist mehr als einen Batzen werth, aber ich gebe ihn dem Herrn Grafen umsonst aus alter Freundschaft.“

„Nun? Schmetthorn, sprich! Um aller Barmherzigkeit willen – sprich!“

Schmetthorn näherte sich dem Grafen mit widerlicher Vertraulichkeit und flüsterte ihm in’s Ohr: „Da giebt’s nur eine sichere Hülfe: man muß dem Wasser einen Abfluß schaffen, – wir machen einen Durchstich!“

Egon fuhr fast erschrocken zurück. „Einen Durchstich? Wo?“

„Beim Salten!“

„Schmetthorn!“ rief Egon, als könne er die ungeheure Niederträchtigkeit dieses Vorschlags kaum fassen. „Schmetthorn, das wäre ja ein Verbrechen!“

„Nur Nothwehr, Herr Graf! Der Salten verdient’s nicht besser, hat er Sie und mich nicht gemaßregelt, wie ein Polizeibüttel? Nein – da wäre jedes Erbarmen Schwäche.“

„Wenn es aufkäme, bedenke nur!“

„Es kommt nicht auf, ich bürge Ihnen dafür, ich habe einen feinen Plan, lassen Sie nur mich sorgen. Ich möchte so wenig wie Sie in’s Zuchthaus.“

„Woher die Leute nehmen zu solch einem Werk?“

„Wissen Sie nicht, daß in den Wäldern zu Hunderten die Rastenburger Eisenbahnarbeiter herumlungern? Sie sind Alle wüthend auf den Salten, weil er das Betteln verboten hat wegen der Seuche. Die Leute wollen weder nach Hause, noch in die Salten’schen Spitäler, die wollen ihre Freiheit und ihren Schnaps. Sie geben mir hundert Thaler und ein paar Ohm Branntwein mit auf den Weg, und bis heute Abend habe ich sie Alle beisammen. Wir machen den Durchstich noch innerhalb des Waldes, wo uns Niemand sieht, gerade am Ausfluß des Haasznen in den Lyk und machen ihn schräg gen Süden, so daß das Wasser in die Saltenow’sche Niederung abfließen muß.“

„So viele Menschen zu Mitwissern zu machen …“ sagte Egon unschlüssig.

„Wenn wir sie Alle zu Mitschuldigen machen, so müssen sie ja schweigen!“

„Und der Deichwächter?“ fragte Egon.

Schmetthorn grinste pfiffig. „Mit dem will ich schon fertig werden – er ist ja Paula’s Vater, der thut uns nichts!“

Der Plan leuchtete Egon ein, aber er schauderte noch vor der entsetzlichen That. „So viele Leute um Hab und Gut, vielleicht um das Leben bringen …“

Da zog ihn Schmetthorn mit sich die kleine Thurmtreppe auf den Thurm hinauf „Sehen Sie da hinüber,“ rief er. „Wo haben die Leute zuerst angefangen aufzuschütten? Beim lieben Salten! Sehen Sie das reißende geschwollene Wasser, wohin wird es sich nun zunächst ergießen? Ueber unsere Ländereien. Und wir wollen stillhalten wie die Opferlämmer und über uns ergehen lassen, was kommt? wollen den Bettelsack aufbuckeln und in der Salten’schen Suppenanstalt speisen, damit wir einen schlechten Streich weniger auf dem Gewissen haben?“ Er lachte frech. „Als ob es bei uns nicht in Einem hinginge! Schufte sind wir in den Augen ehrlicher Leute ja doch!“

„Schmetthorn, Du bist ein Teufel!“ stöhnte Egon willenlos und geängstigt. „Du hassest den Salten, weil er Dir Dein Wuchergeschäft verdarb, und willst Dich an ihm rächen!“

„Warum nicht gar! Was thue ich ihm denn so Schlimmes? Ich bereite ihm, was uns treffen sollte – und uns träfe es schlimmer, denn Sie werden sehen, dem Salten hilft Jedermann, uns aber Niemand – das ist der Unterschied.“

In diesem Augenblicke fuhr ein Windstoß durch die Wipfel und rüttelte heulend an dem Thurme, auf dem die Beiden standen.

„Das ist Südwestwind; sehen Sie, wie er die Fluth zurückwirft gegen unsere Ufer hin?“

Egon klammerte sich in hülfloser Angst an Schmetthorn. Schlag auf Schlag und Krach auf Krach! Im Walde unter ihnen stürzten die Bäume zusammen, die schlanken Wipfel bogen sich wie Gerten auf und nieder, die Vögel wirbelten wie welke Blätter ohne Ziel und Richtung in der wilden Luftströmung hin und her. Und mit der wachsenden Zerstörung wuchs auch die Wuth der entfesselten Windsbraut. Jetzt fing sich der Sturm in der schwarzen Fahne auf dem Thurme; sie wallte und klatschte und schlug mit den schwarzen Flügeln, sie war ihm ein lustiges Spielzeug. Jauchzend zersplitterte er den Fichtenstamm, an dem sie hing, und schleuderte ihn vom Thurme in die Tiefe nieder, und pfeilschnell flog die Fahne, bald sich senkend und ausbreitend wie ein vom Himmel gefallenes Bahrtuch, bald auffahrend wie ein riesiger Vogel. Immer höher und weiter entschwebte sie, bis sie endlich nur noch als ein langer schwarzer Streifen am Horizonte dahinzog wie ein ungeheurer Strich, den Gott durch die Rechnung der Natur gemacht. Leise wimmernd begann die Glocke des Thurmes zu tönen, von unsichtbarer Sturmeshand in Bewegung gesetzt. Es graute Egon, und er wandte sich, um den wankenden Thurm zu verlassen.

Da packte ihn Schmetthorn bei der Schulter. „Herr, entschließen Sie sich, es wird Abend – wenn ich nicht rasch handeln kann, dann sind wir morgen Bettler. Jeder Augenblick kann uns verderben!“

„Du hast Recht,“ rief der entnervte Mann. „Leben müssen wir. Ich will Dir an Geld geben, was ich noch habe – thu’, was Du willst, nur rette, rette mich!“ Er stieg hinab und gerade zur rechten Zeit; dicht hinter ihm brach das morsche Sparrenwerk mit der Glocke zusammen. Dröhnend stürzte diese herab und zersprang in Stücke. Die alte Familienglocke der Schorns hatte ausgeläutet. –

„Sehen Sie,“ lachte Schmetthorn, „Sie sind noch zu etwas Besserem aufbewahrt!“

„Wer weiß!“ murmelte Egon voll Entsetzen.

„Ah bah –“ tröstete Schmetthorn. „Nur muthig – der liebe Herrgott will noch nicht, daß Sie sterben – sonst hätte er Sie jetzt nicht so sichtbar errettet!“ –

Tiefe Nacht hüllte den Kampf der Elemente ein, ohne ihn zum Schweigen zu bringen. Die Leute hatten einen nothdürftigen Wall längs Alfred’s Gütern errichtet, – um die Schorn’schen Besitzungen kümmerte sich Niemand. Die wenigen Pächter da drüben mochten sich selber helfen. Zuerst mußte Saltenowen und Hermersdorff gerettet sein, denn hier war die meiste Bevölkerung und der meiste Wohlstand. Saltenowen war die Heimath Hunderter braver Familien, die Zuflucht aller Fleißigen und Redlichen.

Es war Mitternacht, man sah nicht die Hand vor den Augen, der Sturm löschte die Fackeln aus, es war unmöglich, weiter zu arbeiten, und die Leute wollten bis zum Tagesgrauen rasten, für das Erste war ja gesorgt. Jetzt aber begann ein seltsames Regen drüben im Walde an der Grenze von Saltenowen. Wer dort in der Gegend noch nicht fest schlief, dem war es, als höre er vom Hause des Deichwächters her ein Wehegeschrei. Doch das Heulen des Sturmes ließ es nicht aufkommen; wenn ein Wind geht, hört man immer gar wunderliche Dinge, und im Walde am Haasznensee war es ja nie geheuer! Es war eine seltsame Nacht! Hin und wieder blitzte ein rother Schein durch das Dickicht der Borken’schen Forst wie ein Irrlicht, um gleich wieder zu verlöschen; formlose Gestalten glitten in der Dunkelheit durch einander; es war ein Graben und Hacken, ein Wühlen und Bohren wie von unzähligen Maulwürfen. Und dabei verrieth kein Laut, kein Wort, daß hier Menschen arbeiteten, verzweifeltes Gesindel, dessen an die Dunkelheit unter der Erde gewöhnte Augen auch durch die wolkendichte schwarze Sturmnacht zu dringen vermochte. Emsig, rathlos hantirte die lichtscheue Schaar mit Schaufeln und Spaten und grub sich durch den mächtigen Wall, den Jahrhunderte gethürmt hatten, hindurch, dem Wasser zu. Unbarmherzig zerrissen die scharfen Eisenzähne das dichte Geflecht der Wurzeln, die dem Damm seinen zähen Widerstand gegeben; mächtig schwangen die Fäuste die Aexte, immer dünner ward die Schutzwehr, die Erde und Wasser von einander trennte. Drei Elemente, Erde, Wasser und Sturm, befehdeten sich und mitten darunter eine mit Gott und der Natur zerfallene Schaar wetterharter Gesellen, geschäftig, in bestialischer Schadenfreude den Ausbruch der Zerstörung noch zu fördern und zu entfesseln.

Rings umher ruhten die friedlichen Ortschaften im tiefen Schlummer aus von den Drangsalen und Entbehrungen des Tages. In den Typhusspitälern von Saltenowen lallten die [855] Kranken sicher geborgen im Schlafe ihre Fieberträume vor sich hin. Lautlos und lebendig glitt beim unsichern Scheine des Nachtlämpchens der barmherzige Bruder, die barmherzige Schwester von einem Bette zum andern, sorglich zu lauschen auf jeden Athemzug in engelhafter Milde, zu trösten und kühlende Arznei darzureichen. Wohl erschreckte sie dann und wann ein Schmettern und Prasseln herabgestürzter Schornsteine und Dachziegel, aber gegen Morgen legte sich der Sturm und Todtenstille breitete sich über die ganze Natur. –

Da plötzlich fuhren die Bewohner der Hütte des Waldsaums oberhalb Saltenowen aus dem Schlafe auf und lauschten. Ein seltsames Geräusch hatte sie geweckt – oder ein böser Traum, der ihnen vorgespiegelt, die Deiche seien gebrochen? Aber das Geräusch dauerte fort und fort. War es der Orkan? Nein, es war ein fernes Donnern, ein Rollen, ein Rauschen, wie wenn ein Gewitter aufzöge. Ein Gewitter jetzt schon im März? Das konnte nicht sein. Die Erde zitterte, als führen schwere Lastwagen vorüber. Näher und näher kam es, das Grauenvolle, Unbegreifliche, – ein Druck, eine Erschütterung ward fühlbar, es mußten sich wuchtige Massen heranwälzen, das Gebälk der schwachen Hütte ächzte leise. Taumelnd vor Entsetzen sprangen die Menschen in der Dunkelheit vom Lager auf, wohin sie traten, wohin sie griffen, – Nässe! Da war nicht Zeit zu überlegen, zu denken, ein Rauschen und Tosen ringsum, als ginge die Welt unter, – ein Stoß von außen an die Wände, ein Stoß von einem scharfen, harten Gegenstande, und jetzt legte sich’s drängend erdrückend um das Haus, der leichte Fußboden begann sich zu heben, das Gebälk zu weichen, ein Krachen, ein Schwanken, das ganze Haus ward aufgelüpft wie ein Schiff, ein leckes, berstendes Schiff – noch ein Ruck, – ein Schrei und es ging aus den Fugen, ein Trümmerhaufen trieb mit der brüllenden Wassermasse dahin und zwischen Balken, Brettern und Eisschollen rangen hülflos Menschen und Thiere mit dem Tode. Weggespült weit und breit die leichten Hütten. Das Auge sah nichts als Wasser in dem dämmernden Zwielicht und das Ohr hörte nichts als Wehgeheul durch das dumpfe Brausen. Zur Wasserwüste waren die Gefilde verwandelt, und immer neue Massen stürzten die Niederung herunter, die gewaltigen Eisschollen als Mauerbrecher mit sich führend und zwischendurch Hausdächer und Balken treibend, an denen sich Männer, Weiber und Kinder angeklammert hatten.

„Der Damm ist gebrochen!“ erscholl weithin der Angstschrei und rüttelte die Schläfer auf und peitschte sie noch schlaftrunken mit Sturmeseile vor dem sturmesschnellen Verhängniß her hinauf auf die Hügel – auf die Bäume, was Füße, was Hände hatte, ja auf die Schultern des Nachbars, wenn nichts Besseres zu erreichen war. Einer riß den Andern nieder, um sich über ihn emporzuschwingen im blinden Triebe der Selbsterhaltung, im erstickenden Schreckensgefühl, denn der Feind war ja schon da, schon hier, schon dort – überall, und bedrängte das arme Leben von allen Seiten – unausweichlich, unentrinnbar – alles Kämpfen war nur noch ein Todeskampf! –

Und weiter, immer weiter ergoß sich der rasende Schwall. Wo noch Zeit war, rissen die Menschen ihre Typhuskranken aus den Lazarethen und schleppten sie mit sich dem Walde zu. „Hinüber nach dem Schornberg auf’s Schloß!“ war die Losung, und sie keuchten mit ihrne Kranken den Hügel hinan, und der feige zitternde Mann da oben auf dem Schlosse sah sie mit Entsetzen nahen und die Pest mit sich schleppen, die er mehr als Alles fürchtete. Das Haar sträubte sich ihm, als sie mit ihren Fäusten an das Thor schlugen, Einlaß für sich und die Typhuskranken begehrend. Wenn sie es wüßten, daß er es war, der das Gräßliche über sie brachte! Es war ihm, als käme mit den sinnlosen fiebernden Schaaren die Rache herangezogen, er sah sie mit dunkeln Flügeln über ihnen schweben, und er hörte wieder das Todtengeläut der zersprungenen Glocke, und die schwarze Fahne kam wieder aus den Lüften herab und senkte sich über ihn, ein schweres weites Leichentuch. Er brach ohnmächtig zusammen. Indessen rüttelten die Leute immer ungestümer an dem verschlossenen Thor und flehten um Obdach für ihre Kranken.

Von Saltenowen herüber erscholl ein Getös, das war die Fabrik, die zusammenstürzte, die Nährmutter der halben Gegend – und Viele stießen ein lautes Wehklagen aus. Da brach sich ein Mädchen vom Walde her Bahn durch den Aufruhr. Mit gelösten Haaren, von Blut überströmt, wie eine fliehende Mänade flog sie mehr, als sie ging, den Berg hinauf. „Schlagt ihm die Thüren ein, hängt ihn!“ schrie sie schon von Weitem mit letzter Kraft und oben angekommen stürzte sie zusammen, aber wie der Schrei einer Möve, die auf ihr Opfer niederstößt, schrillte ihr Ruf „hängt ihn – er hat’s gethan!“ weithin über das Gedräng.

Wer hat’s gethan, was gethan?“ riefen die Leute durcheinander und bemühten sich, das Mädchen aufzurichten. Es war die Tochter des Deichwächters am Haasznensee, ein wildes kraftiges Masurenkind, aber es war wie zerschmettert und von Sinnen, es mußte Uebermenschliches ausgestanden haben. Da plötzlich krachte ein Schuß aus einem Fenster des untern Stockwerks, und die Kugel ging gerade an der Stirn des Mädchens vorbei und warf einen Mann nieder.

„Oho,“ brüllte der Haufe durcheinander, „auf uns schießen? was thun wir Euch denn? wo sollen wir uns denn hin retten in der Sündfluth?“

Ein zweiter Schuß krachte.

Jetzt fuhr das Mädchen in die Höhe. „Ja, schieß’ nur, Du Wolf, Du machst mich doch nicht stumm,“ schrie sie und rettete sich hinter einen Baum, indeß die Leute auseinander gestoben waren.

„Nein, flieht nicht,“ rief sie ihnen athemlos zu, „der Schuß galt nur mir, damit ich’s nicht sagen sollte, aber, wenn’s mein Tod ist, ich sag’s doch. Der Graf und der Verwalter haben mit den Bahnarbeitern den Deich am Haasznensee durchstochen und meinen Vater ermordet.“

Ein unbeschreiblicher Tumult erhob sich.

„Mich hatten sie in der Hütte eingesperrt, aber ich habe Alles gehört, wie sie meinen Vater bereden wollten, und wie sich der Vater zur Wehre setzte und um Hülfe rief, und wie sie ihn todtschlugen! Und ich habe Alles versucht, aber ich brachte die Thür nicht auf, und das Fenster war zu eng. Aber als das Wasser kam und die Hütte wegschwemmte, da riß es mich mit fort und schleuderte mich an einen Baum, daß ich mich anklammern konnte und nach dem Walde fliehen.“

Das Mädchen hatte jedes Wort einzeln herausgestoßen, und jedes war von einem Aufschrei der Menge begleitet worden. Ein Schuß um den andern fiel aus den Fenstern des Schlosses, jetzt ging es um Leben und Tod.

„Paula,“ schrieen die Männer, „kannst Du’s beschwören?“

„Ja, beim Herrn Jesus und beim Botzek und bei allen Heiligen,“ schluchzte das Mädchen und hob die Arme gen Himmel. „Laßt ihn nicht leben, hängt ihn, steinigt ihn, werft ihn in's Wasser – ihn und den Verwalter und mich dazu, – denn der Graf war – mein Liebster.“

Und sie warf sich auf das Gesicht nieder und raufte sich die Haare, das Blut floß ihr aus einer Kopfwunde über die Hände, denn die stürzenden Balken ihrer Hütte hatten sie getroffen, aber sie achtete es nicht, ihr war Schlimmeres geschehen als das.

Wieder krachte es dumpf von Saltenowen herüber, wieder mußte ein Gebäude zusammengebrochen sein, man hörte ganz deutlich das Geschrei der Menschen und Thiere von den Salten’schen Gehöften.

Das war die begleitende Melodie zu dem Klagelied des verzweifelnden Mädchens. Wie ein neuausgebrochener Strom, so schwoll jetzt die Wuth des zu Grunde gerichteten frierenden obdachlosen Volkes gegen den Urheber all’ des Gräßlichen an. Donnernd fielen die schweren Fäuste gegen die Laden des Erdgeschosses. Sie achteten nicht mehr der Flintenschüsse, die auf sie gefeuert wurden, Schulter an Schulter stemmten sie sich gegen das Portal. Denn der Masur ist träge, stumpf und geduldig wie der Stier, aber einmal zum Aeußersten gebracht, nimmt er wie dieser seinen Peiniger auf die Hörner und schleudert ihn in die Luft. – Ein Anlauf, ein zweiter, ein dritter, prasselnd schlug die eichene Thür nach innen zu Boden und darüber hinweg ergoß sich die tödtliche Fluth der Rächer.

„Laßt mich Euch führen, ich kenne hier Wege und Stege!“ schrie Paula, und wie ein Würgengel eilte sie Allen voran die Treppen hinauf, hinter ihr her die tobende Schaar. Selbst die Kranken, die nicht mehr hatten gehen können, rafften sich auf und taumelten mit und die Wuth flammte aus den rothen fieberhaft verzerrten Gesichtern. Schlag auf Schlag fielen die verschlossenen Thüren der Gemächer, eine nach der andern, und nun begann eine Hetze auf die Missethäter so voll grausamer Jagdlust, als gelte es [856] einen Wolf zu erlegen. Von Zimmer zu Zimmer flohen die Gesuchten, immer wieder die Thüren hinter sich verrammelnd, die doch immer wieder gesprengt wurden. Aus dem Erdgeschoß tönte ein Jauchzen und Wiehern herauf. Schmetthorn war gefangen. Aber der Graf hatte sich hinaufgeflüchtet auf den Thurm und dort an das verfallene Sparrwerk der Glockenstube angeklammert wie eine Katze.

„Reißt ihn herunter!“ schrie Paula, und sie ergriffen ihn bei den Beinen und zerrten ihn sich nach die Treppen herab durch alle Stockwerke bis vor das Haus, wo die Weiber zu Furien verwandelt ihre Lumpen vom Leibe rissen, um ihn damit zu knebeln, weil sie keine Stricke hatten.

„Hier ist der Zweite!“ schrieen die Männer drinnen und warfen Schmetthorn heraus in einen Knäuel zusammengeschnürt.

„Paula,“ stöhnte Egon lallend wie ein Blödsinniger und wand sich zu den Füßen des Mädchens, „rette mich, ich gebe Dir Alles, ich mache Dich reich, wenn Du mich rettest!“

Paula schlug eine bittere gellende Lache auf. „Mach’ meinen Vater wieder lebendig, heile seinen zerspaltenen Kopf wieder zusammen, baue die Hütten wieder auf, die das Wasser eingerissen, und hole die Menschen heraus, die darin umgekommen!“

„Paula,“ flehte Egon wimmernd wie ein Kind, „ich nehme Dich zu meiner Frau, wenn Du mir hilfst!“

Egon war aufgesprungen, sie schleuderte ihn mit ihren starken Armen weit von sich mitten unter eine Gruppe Typhuskranker hinein. „Nimm Dir von diesen eine zur Frau, wenn Du heirathen willst,“ kreischte sie mit einer Stimme, die gewohnt war, den Sturm und das Rauschen des Haasznensees zu überschreien. „Die Pest Dir an den Hals, Du bist ein Verfluchter, ich will nichts mehr gemein haben mit Dir!“ Und sie warf sich händeringend vor den Umstehenden auf die Kniee. „Steinigt mich, tretet mich mit Füßen, damit ich’s noch bei Zeiten abbüße, daß ich’s so lange mit Einem hielt, der das gethan. O, ich will’s gut machen, ich will ihn selbst erwürgen mit meinen eigenen Händen, wenn Ihr’s verlangt.“

„Ja, das soll sie!“ schrieen Einige.

„Nein, das soll sie nicht!“ schrieen Andere.

„Wir wollen ihn ersäufen! In eben dem Wasser soll er umkommen, das er über uns losgelassen.“

Ein Beifallssturm erfolgte auf diesen Vorschlag.

„Ja,“ schrie die Mehrzahl, „ersäuft den Hund, er soll auch erfahren, wie Wasser schmeckt.“

„Thut’s nicht selber,“ warnte ein alter Mann, „liefert ihn der Obrigkeit aus.“

„Der Obrigkeit?“ höhnten die Ergrimmten. „Die thut keinem Vornehmen was. Eher reißen wir ihn in Stücke!“

„In’s Wasser mit ihm und seinem Helfershelfer – wir wollen auch einmal Recht üben. Vorwärts!“

„Kommt,“ schrie Paula, „ich will Euch zeigen, wo Ihr ihn am besten hineinwerfen könnt!“

Und im Nu waren die Beiden, Herr und Diener, aneinander gekoppelt und im Sturmschritt ging es mit ihnen durch den Wald dem Haasznensee zu.

Es war inzwischen völlig Tag geworden. Oberhalb des Durchstichs, wo der Strom wie ein Wasserfall aus seinem Bett in die Niederung ausbrach und die Wellen mächtig anschwollen, als müßten sie einen Anlauf nehmen zu dem jähen Sturz in die Tiefe, da machte die Meute Halt. Egon brach bewußtlos zusammen, der Verwalter schrie und bäumte sich wie ein Thier.

„Sollen wir sie voneinander losbinden?“ fragten Einige.

„Nein,“ brüllte der Haufe ungeduldig, „werft sie zusammen hinein!“

Und zwölf gewaltige Fäuste hoben den zuckenden Klumpen auf, schwangen ihn hoch in die Luft und schleuderten ihn weit über das Ufer in das wilde Eistreiben hinaus. Paula warf sich mit verhülltem Gesicht zu Boden. „Hurrah!“ donnerte es aus allen Kehlen. Das Wasser spritzte empor wie der Strahl eines Geisers und überschüttete die Menge mit einem Regen von Gischt. Aechzend und knirschend stürzten die Eisschollen, auf welche die ungeheure Wucht aufgeschlagen, nach in die Tiefe. Aber im nächsten Augenblick spülte sie der Strudel wieder herauf, und an sie festgeklammert hob sich auch der entsetzliche Klumpen noch einmal empor. Die Bande hatten sich soweit gelockert, daß die beiden Männer die Arme regen konnten. Sie trieben mit dem Eise dem Ufer zu.

„Hilf, Herrgott, sie schwimmen!“ schrieen die Rasenden am Strande. „Stoßt sie hinunter, hier sind Ruderstangen!“

Und sie rafften zusammen, was von Stangen und Planken umherlag, und schlugen nach den Ringenden, denen es gelang, die Uferweiden zu erfassen. Noch einmal hob sich Egon mit Schmetthorn empor, wieder stießen sie ihn hinunter. Die Wuth war zum Wahnwitz entfacht und mußte ihr Opfer haben. Da rissen die morschen Fetzen, mit denen die Beiden zusammengekoppelt waren, und Schmetthorn sank – ein dumpfes Gurgeln und er war verschwunden. Egon aber war plötzlich zwischen zwei Eisschollen eingeklemmt, die ihn fast zermalmten, aber auch über Wasser hielten.

„Die Brut kann nicht sterben!“ schrieen die Wüthenden, und wieder versuchten sie ihn vollends hinabzustoßen.

Da erscholl eine Stimme, hell und klar wie das Geläut einer Friedensglocke, und übertönte all’ das Toben, daß es mit einem Male still wurde, als hätte ein Engel vom Himmel Halt geboten.

„Leute,“ rief der Ankömmling von seinem schäumenden Pferde herab, „Leute, wollt Ihr als Mörder enden? Helft diesem Manne heraus, augenblicklich, ich befehle es Euch, und ich denke, Ihr habt es noch nie bereut, wenn Ihr mir gehorchtet.“

„Herr, Ihr wißt nicht –“ schrieen die Leute.

„Alles weiß ich,“ unterbrach sie Alfred. „Er hat mich zu Grunde gerichtet wie Euch! Er ist ein schwerer Verbrecher; aber nicht Ihr dürft ihn strafen – dieser Mann gehört dem Gesetz.“

Die erbitterte Menge begann zu murren.

„Vorwärts,“ befahl Alfred, „reicht ihm die Ruderstangen, rettet ihn; wenn Ihr ihn nicht lebend herausbringt, liefere ich Euch statt seiner an das Militär aus, das ich von Lötzen her entboten habe!“

Das wirkte. Erschrocken gehorchten die Leute. Die Stangen wurden dem Unglücklichen hingestreckt, aber er konnte sie nicht mehr erreichen; die Kräfte hatten ihn verlassen. Es war ein banger Augenblick. Selbst Paula brach in lautes Weinen aus, denn ihre Rache war gesättigt und nun kam mit aller Macht die Reue über sie. Endlich war es gelungen, wenigstens die Eisblöcke, zwischen denen Egon eingekeilt war, näher heranzutreiben, einige Beherzte, Paula mitten darunter, stiegen bis an den Hals in die Brandung hinunter, sie erfaßten Egon an den Schultern und rissen ihn aus der furchtbaren Umarmung mit sich den Damm hinauf. Oben angekommen, blieb der Unglückliche liegen, that einen tiefen Athemzug und ein Strom von Blut schoß ihm aus dem Munde.

[869] Alfred war vom Pferde gestiegen, kniete bei ihm nieder und legte Egon’s Haupt auf seinen Schooß. „Er stirbt,“ sagte er dumpf. Die scharfen Eisschollen hatten Egon die Rippen eingedrückt.

Noch einmal öffnete er die Lippen. „Alfred, Deine Mutter –“ lallte er, die Worte erstickten im Blut, das immer reicher aus der Lunge quoll.

„Herr, verzeih’ mir!“ schluchzte Paula, die zu seinen Füßen kauerte, von Schmerz und Reue geschüttelt.

Er erwiderte nichts mehr, sein gebrochenes Auge haftete an Alfred’s milden Zügen, er legte wie segnend die Hand auf seine Stirn, streckte sich und verschied.

Da vernahm man von weitem ein Geräusch wie von marschirenden Soldaten, es schien näher zu kommen. Eine tiefe Bestürzung erfaßte die Leute. „Er wird uns anzeigen,“ murmelten sie. „Er bringt uns Alle in’s Zuchthaus!“

„Werft ihn in’s Wasser, Niemand weiß davon als er; wenn er todt ist, sind wir sicher,“ flüsterte Einer auf Polnisch. Es war ein finsterer roher Bursche, den Alfred schon mehrmals wegen Raufereien bestraft. Die Leute fuhren zurück bei dem furchtbaren Vorschlag. Aber es waren ihrer noch viele da, die Alfred haßten um der Strenge willen, mit der er jederzeit Faulheit und Trunksucht geahndet.

„Jan hat nicht Unrecht,“ sagten sie auf Polnisch, „wir sind Alle verloren, wenn er am Leben bleibt. Und er hat sich auch vorhin des Grafen angenommen. Der hält nicht zu uns.“

„Er hat’s ja gesagt,“ schrie Einer, „daß er uns den Soldaten als Mörder übergeben werde!“

„Laßt uns ihn wenigstens durch Drohungen einschüchtern und zwingt ihn zu schwören, daß er nichts sagen will,“ schlugen Andere vor, „und thut er das nicht, so werft ihn hinein, Gott mög’s verzeihen.“

„Es ist ein so guter Herr,“ meinten die Saltenower.

„Geht mir mit der Güte,“ murrte Jan, „er straft ja das kleinste Unrecht wie ein Verbrechen.“

„Und thun kann er auch für Niemand mehr was, denn er ist jetzt selber so arm wie wir!“

Ein heftiger Streit entspann sich, die Meisten stimmten dem schändlichen Vorschlage bei, die Minderzahl bekämpfte ihn.

„Entschließt Euch, zum Besinnen ist keine Zeit, die Soldaten rücken immer näher,“ drängte der Erste wieder.

„Ja, redet mit ihm – sagt’s ihm auf Deutsch, daß er schwören muß!“

„Das ist nicht nöthig, Leute,“ sprach jetzt Alfred und trat mitten unter sie, „ich verstehe auch Polnisch!“

Die Menschen waren wie vom Donner gerührt. Alfred schaute sie groß und ruhig an, keine Wimper seiner durchdringenden Augen zuckte.

„Ich zürne Euch nicht,“ sagte er, „daß Ihr einen solchen Anschlag gegen mich, Euren besten Freund, machen konntet. Wäret Ihr Unterthanen von Saltenowen, so würde es mich schmerzen, weil ich dann sehen müßte, daß all’ mein Wirken und Mühen umsonst war, aber Gott sei Dank, Ihr seid es nicht, die wenigen Saltenower unter Euch sind auf meiner Seite geblieben. Aber auch Ihr Andern werdet die abscheuliche That nicht an mir verüben.“

„Wenn Ihr uns schwört, daß Ihr uns nicht verrathet –“

„Auch wenn ich nicht schwöre, werdet Ihr es nicht thun!“

Wieder entstand ein Gemurmel. Ein bedrohlicher Knäuel zog sich dicht um Alfred zusammen. Der widerliche Hauch so vieler erhitzter Menschen hüllte ihn ein. Die tückischen Augen der Masuren blitzten ihn herausfordernd an.

„Ihr wollt nicht schwören?“ fragte Jan, der verstockte Bursche, der den Anschlag zuerst gemacht.

„Nein!“ sagte Alfred fest, „Ich kann und will nicht schwören, eine Unwahrheit zu sagen, wenn man mich über diesen Fall gerichtlich vernimmt. Ich werde Euch schonen und Euer Vergehen so darstellen, daß Eure Strafe eine milde sein wird, denn Ihr seid Familienväter und Eure Rache war durch eine unerhörte That herausgefordert. Das ist Alles, was ich Euch versprechen kann – und seht, so fest ist mein Glaube an das Bessere auch im Rohesten unter Euch, daß ich trotzdem weiß, Ihr werdet nicht Hand an mich legen!“

Die Leute schlugen die Augen nieder, sie kämpften mit sich selbst.

Da schrieen einige der Rädelsführer: „Seid Ihr Narren, daß Ihr Euch so beschwatzen laßt? wollt Ihr abwarten, daß er Euch an’s Messer liefert? Herr, wenn Ihr nicht gutwillig schweigt, so machen wir Euch stumm für immer. Da heißt’s: ‚Jeder ist sich selbst der Nächste.‘ – Besinnt Euch, wollt Ihr schwören oder nicht?“

„Nein!“ war die kurze Antwort.

[870] Und in raschem Anlauf warfen sich die Gesellen durch die unschlüssig dastehende Menge auf Alfred. Die Weiber fuhren kreischend auseinander, einige stürzten fort und schrieen in den Wald hinein: „Hülfe, sie ermorden den Salten!“

Die wenigen Unterthanen Alfred’s umringten ihn. Alfred aber hatte ein Schriftstück aus der Tasche gezogen und hielt es wie einen Schild den Andringenden entgegen. „Da seht her,“ rief er mit starker Stimme, „und überzeugt Euch zuvor, was Ihr thut, wenn Ihr den Mann tödtet, der nur für Euch und Euer Recht gelebt und gekämpft hat! Wer unter Euch lesen kann, der lese!“

Die Männer blieben wie gebannt stehen und starrten im das Blatt. Einer davon las es laut vor. Es war die Zustellung, daß die Kammer auf Antrag Salten’s der Provinz einen Zuschuß von drei und einer halben Million Thaler bewilligt. Dies Document war ein Schild, fester als je einer von den tapferen Ahnherren Alfred’s geführt worden!

Ein Jubel brach aus, so stürmisch wie kaum zuvor die Wuth gewesen. Die Freude hatte die wilden Gesellen ganz umgewandelt, sie warfen sich vor Alfred zur Erde und küßten ihm Füße und Hände.

„Seht Ihr,“ sagte Alfred, „ich wußte es wohl, daß Ihr besser seid, als Ihr selbst glaubtet.“

In diesem Augenblick geschah etwas Unerklärliches, ein Schuß wie von hundert auf einmal abgefeuerten Kanonen und siehe da, wie mit einem Zauberschlage stürzte das Wasser plötzlich wieder in der Richtung seines alten Bettes fort und der Abfluß des Durchstichs begann vor den Augen der staunenden Menge zu sinken.

„Was ist das?“ schrieen Alle durcheinander.

„Das Wasser fließt ab,“ erklärte Alfred, „die Soldaten, die Ihr vorbeimarschiren hörtet, waren die Pionniere, die ich von Lötzen kommen ließ, um das Eis zu sprengen – jetzt hat der Fluß wieder seinen Lauf und die Ueberschwemmung ist zum Stehen gebracht.“ Er lächelte. „Ich denke, ich kann Euch doch wohl noch mit Rath und That etwas nützen, wenn ich auch so arm – oder ärmer bin als Ihr Alle!“

Die Menschen waren außer sich. „Herr, vergebt uns, tragt’s uns nicht nach!“ riefen sie in aufrichtiger Reue.

Jetzt galoppirte ein Reiter heran, ein Officier der Lötzner Garnison. „Alfred,“ rief er schon von Weitem, „es ging ausgezeichnet, die Wasser verlaufen sich. Du hast wieder wie immer das Rechte getroffen. Was ist das?“ Er parirte sein Pferd vor der Leiche Egon’s.

„Victor,“ sagte Alfred, „Du bist jetzt Herr von Schornkehmen. Du bist der Letzte eines versunkenen Geschlechts, werde der Erste eines neuerstehenden, wecke es im Sinne unserer modernen Humanität, und Segen wird aus den Trümmern der Vergangenheit sprießen“

Da faßte Victor bewegt Alfred’s Arm. „Hilf Du mir, daß ich es kann, ich will es redlich, aber nur an Deiner Hand werde ich es vollbringen“

„Freut Euch, Ihr Leute!“ rief Alfred. „Das Eis des Winters und der alten Zeit ist gebrochen und der neue Frühling bringt Euch eine neue bessere Zeit!“




35. Wiederkehr.

Sonniger Friede lag auf dem Zürichersee. Die kräuselnden Wellen spielten und tanzten wie geschmolzenes Silber melodisch klingend um das Ufer der Hösli’schen Besitzungen, und die Lustreisenden auf den Dampfschiffen zeigten unter dem weiß und roth gestreiften Baldachin wohl neidisch nach den schattigen Kastanien und den eleganten Landhäusern herüber und sagten: „Die haben’s gut!“

Im Schilf des Landungsplatzes schaukelte der grünangestrichene Kahn auf und nieder, der einst Alfred fortgebracht hatte aus dem stillen Frieden der Kindheit einem Leben von Stürmen und Kämpfen entgegen. Es war Alles noch wie damals, denn der stätige Sinn der Schweizer hält fest bis in’s Kleinste an Altgewöhntem und verändert nicht gern. Ueberall die strengste Ordnung. Nur drüben auf der Terrasse der Salten fehlte die sorgliche Pflege. Hier senkten sich wuchernde Zweige unbeschnitten bis auf die Balustrade herab, wie trauernd um die lange Vereinsamung, und verschleierten ganz und gar die Aussicht, so daß nur noch der See durch die runden Oeffnungen der Balustrade durchschimmerte. Die wilden Kastanien lagen wie gesäet umher, keine Kinderhand hob sie mehr auf, um Halsketten und andere schöne Dinge daraus zu machen. Auf den Steinbänken wuchs grünes Moos, und die Wege waren nicht gereinigt. Es war hier wie in dem Garten Dornröschens. Alles schien in ein wehmütiges Träumen versunken, auch das Haus mit seinen für immer geschlossenen Läden schien zu schlafen. Hier in dieser träumerischen Stille und Einsamkeit weilte Anna Hösli am liebsten. Auf ihren Wunsch hatte der Vater das Gut nicht wieder vermietet und Alles gelassen, wie es war. Hier auf der alten Terrasse saß sie stundenlang, sie sagte, sie könne in dieser Einsamkeit besser lesen und lernen. Sie beschäftigte sich seit einigen Jahren vorzugsweise geistig. Alle Schätze der schönen Literatur machte sie sich zu eigen. Ihr Urtheil reifte, ihre Anschauungen erweiterten sich, ihr ganzes Wesen wurde ernster, tiefer.

Herr und Frau Hösli sahen diese Veränderung nicht ohne Sorge, denn sie fühlten sehr wohl, daß Anna ein heimliches Leid mit sich herumtrug, wie beharrlich sie es auch hinter einer gleichmäßigen Ruhe und Freundlichkeit zu verbergen suchte, und es war recht still im Hause Hösli geworden. Mehrmals hatte Frau Hösli versucht, sich das Herz ihrer Tochter zu öffnen, aber Anna war eine Schweizerin, und die Schweizer sind verschwiegen.

Eines Tages hatte Frau Hösli gesagt: „Anna, ich habe einen Brief vom Grafen Victor, er möchte Alfred mit Dir versöhnen, er meint, dies sei seine Schuldigkeit, da er Euch auseinandergebracht, und er behauptet, Alfred liebe Dich noch.“

Anna war jäh erröthet, und sich heftig abwendend sagte sie nichts als: „Was wird denn der wissen?“

Ehe ihre Mutter etwas erwidern gekonnt, hatte sie das Zimmer verlassen. Frau Hösli nahm sich vor, nicht weiter in das verschlossene Mädchen zu dringen. Von da an entwickelte sich hinter Anna’s Rücken eine Correspondenz zwischen Herrn Hösli und Victor. Als aber das Unglück der Ueberschwemmung Alfred’s Güter betroffen, dehnte sich die Correspondenz auch auf Alfred aus. Herr Hösli bot ihm ein großartiges Darlehen an, um ihn aus seiner augenblicklich so schwer bedrängten Lage zu retten. Alfred lehnte es jedoch ab. Die Regierung hatte ihn in Anbetracht seiner Verdienste zum Generalcommissair der Provinz ernannt und ließ seine Fabrik auf Staatskosten wieder aufbauen. Eine fast beispiellose Auszeichnung und Vergünstigung, die eben nur einem Manne von Alfred’s rastlosem und aufopferndem Wirken zu Theil werden konnte.

„Was sagst Du dazu Anna?“ hatte Herr Hösli seine Tochter gefragt. „Bist Du nicht stolz auf Deinen ehemaligen Spielgefährten? Dieser Mensch ist alles, was er ist, durch sich selbst geworden; er hat die Vorurtheile seines Standes abgestreift, hat seine Kränklichkeit überwunden und durch Willensstärke und ohne jede andere Hülfe das Unglaublichste vollbracht. Er ist im wahren Sinne des Wortes ein self-made man. Was wird der noch für eine Carrière machen!“

Anna hatte, ohne etwas zu erwidern, die Achseln gezuckt und war, wie immer, wenn von Alfred die Rede war, aufgestanden und weggegangen. Herr Hösli hatte ihr lächelnd nachgeschaut und nicht ohne Stolz zu seiner Frau gesagt: „Ein rechter Schweizerkopf!“

Alfred’s aber war seitdem nicht mehr in der Familie erwähnt worden, nur Frau Hösli wußte um seinen Briefwechsel mit ihrem Manne.

„So kann es nicht mehr lange fortgehen,“ sagte heute Frau Hösli verstimmt. „Dieser herrliche Tag, wo ganz Zürich auf den Bergen und auf dem See ist, und das Mädchen sitzt wieder drüben allein und brütet über einem Buche, nicht einmal mit Frank’s Kindern, die sich so nett entwickeln, mag sie sich mehr abgeben. Sie hat für Nichts mehr Sinn. Das muß anders werden!“

Herr Hösli versteckte sich wieder, wie immer, hinter der Zeitung, und Frau Hösli sah zum Glück nicht, wie pfiffig er lachte und wie tief das Grübchen wurde – es hätte sie sonst verdrießen müssen.

„Es wird wohl bald anders werden. Alte!“ tröstete er und sah auf die Uhr, als könne sich diese Wandlung in einigen Minuten vollziehen.

Eine Weile schwiegen Beide, das Zeitungsblatt rauschte leise in Herrn Hösli’s Hand, Da trat Frank hinter Frau Hösli’s Rücken aus dem Vestibül in den Garten und winkte mit freudestrahlendem [871] Gesicht Herrn Hösli geheimnißvoll zu. Dieser nickte, Frank verschwand, und schneller als gewöhnlich stand Herr Hösli auf und ging nach dem Hause. –

Anna saß indessen auf der Terrasse drüben und machte sich selbst weis, sie lese. Aber sie las nicht. Seit den letzten Aeußerungen ihrer Eltern, welche sie so schroff abgeschnitten hatte, war sie innerlich aus dem Gleichgewicht gekommen; was sie auch that und las, eine stille Qual nagte an ihrem Herzen und lähmte ihre Kraft und ihr Interesse. So schaute sie über das Buch weg nach dem See, und tausend wechselnde Bilder mochten mit den schimmernden Wellen an ihr vorüberziehen. Ihr war, als hörte sie Alfred mit seinem lahmen Fuße über den Kies gehinkt kommen und sagen: „Aenny, laß uns spielen.“ Aber er kam nicht mehr und dachte nicht mehr an die harmlose Kinderzeit, denn es war ja nicht mehr der kleine Fredy, er war groß geworden – groß in in jeder Hinsicht, er war ein berühmter hochgestellter Mann, und das Mädchen, das seine treue Liebe so hart zurückgewiesen, war – todt für ihn!

Ein Geräusch schreckte sie auf. Sie wandte den Kopf. Was war das? Ihr Vater führte mit Frank einen Fremden in den Garten. Er schüttelte ihm herzlich die Hand, machte ein Zeichen nach Anna hin und verschwand mit Frank in das Haus! Der fremde Herr schritt die Terrasse entlang. Es war eine edle vornehme Erscheinung von stolzer Haltung, – nur der Gang hatte etwas Eigenthümliches, das eine Knie bog sich nicht beim Auftreten. Anna schaute und schaute. Sie konnte sich nicht rühren, weder vor noch zurück. Es war ihr, als sänke sie in den See und die Wellen stiegen ihr immer weiter zum Herzen hinan. Der Fremde kam so langsam näher, viel zu langsam und doch auch wieder viel zu schnell, denn da stand er ja schon vor ihr und streckte ihr die Hand hin und sagte mit dem altvertrauten Tone: „Aenny!“

„Fredy!“ schrie sie auf zwischen Lachen und Weinen „Ach, der Fredy, der Fredy!“ Und ein Zittern überlief sie vom Scheitel bis zur Zehe, die Kniee versagten ihr, sie sank auf die Bank zurück und verhüllte das Gesicht vor übermächtiger Bewegung.

Alfred setzte sich leise neben sie hin und zog ihr die Hand von dem thränenüberströmten Gesicht. „Lieb’ Aennchen, hab’ ich Dich erschreckt?“ flüsterte er und immer reicher flossen des Mädchens Thränen. „Aenny, Du weinst?“ sagte Alfred in bebender Freude, „so kenne ich Dich ja gar nicht!“

Da riß sich das scheue Geschöpf, als schämte es sich plötzlich seiner Leidenschaftlichkeit, von ihm los und eilte hinweg den Garten hinunter. Aber Alfred eilte ihr nach, und diesmal – zum ersten Male in seinem Leben – holte er sie ein. „Aennchen,“ sagte er, „schämst Du Dich Deiner Thränen, darf ich sie nicht sehen?“

Sie stand mit abgewandtem Gesichte vor ihm.

„Aennchen!“ fuhr er fort und schlang sanft den Arm um sie. „Ich habe noch viel, viel mehr Thränen um Dich vergossen und bitterer als die Deinen; ich verdiene es wohl, daß Du auch einmal um mich weinst!“

Da nahm sie das Taschentuch von den Augen und sah ihn an in überströmendem Gefühl. „Ja bei Gott, Du verdienst es, und ich will nicht klein sein und mir’s erst von Dir abfragen lassen; ganz und voll will ich Dir geben, was ich so lange für Dich im Herzen trage; was kann ich Dir denn geben, was nur halb Deiner würdig wäre – wie viel’s auch ist, es ist noch immer nicht genug für solch einen Mann!“

Alfred hörte ihr zu wie im Tranme; er hatte ihre Hand auf seine Brust gepreßt, und sie fühlte den mächtigen Schlag seines Herzens.

„Fredy,“ fuhr sie fort, und die Worte quollen ihr von den Lippen unaufhaltsam, mit hinreißender Beredsamkeit, „Fredy, ich habe Dir einst versprochen, daß ich Dir’s ungefragt sagen wollte, wenn ich Dich liebte! Weißt Du’s noch? Schau, ich halte Wort, ungefragt, freiwillig sag’ ich Dir’s jetzt, Fredy, ich habe Dich so lieb, daß ich für Dich sterben könnte!“ Und als habe sie die Last dieses übermächtigen lange verborgenen Gefühls nur eben noch bis hierher und nicht weiter tragen können, brach sie in die Kniee und sank an Alfred zur Erde nieder.

Er hob sie mit nervigen Armen auf und legte sie an sein Herz. Ein leises „O!“ ein Laut unaussprechlicher Wonne entschlüpfte ihren Lippen als sie ihr Haupt an dies große treue Herz schmiegte. „Hier ist mein Platz, hier und nirgend anders in der Welt,“ schluchzte sie leise. „Fredy, lieber Fredy - seit ich mich von diesem Herzen verbannt, war ich wie der aus dem Nest gefallene Vogel, den wir einmal in Geßner’s Eichenhain fanden – weißt Du’s noch?“

Alfred konnte nicht antworten, er hielt sie stumm umschlungen, der erste Augenblick des Glücks, so lange er lebte. Er hatte immer nur Worte für den Schmerz gehabt, die Sprache des Glücks mußte er erst lernen.

Aber Aenny fuhr fort, indem sie den Kopf hob und ihn selig lächelnd anschaute: „Da habe ich Dir nun Alles gestanden und weiß nicht einmal, ob Du mich noch so lieb hast wie ich Dich, – habe Dir mein Herz gegeben und weiß nicht, ob Du’s nur noch haben willst, Ach, es ist einerlei; wenn Du’s nicht willst, so wirf’s weg, ich kann doch nichts mehr damit anfangen.“ Und sie sah den feuchten Glanz seiner Augen und fühlte das heiße Pochen seines Herzens, und sie schüttelte mit süßer Zuversicht den Kopf. „Nein, nein, Du wirfst es nicht weg – Du nimmst es wieder auf in sein Nestchen da hinein in die treue warme Brust. Gelt, ich plaudere unaufhörlich. Aber Fredy, wie lange habe ich nicht mehr mit Dir gesprochen! Wie viel, wie unermeßlich viel muß ich noch reden, bis ich Dir Alles gesagt habe, was ich in all den Jahren an Liebe und Heimweh schweigend hinuntergekämpft habe! Das ganze Leben wird ja dazu nicht ausreichen!“

„Anna!“ rief Alfred, sie fest und fester an sein Herz schließend. „Was ist aus Dir geworden, Mädchen? Ich habe viel gelitten, Unaussprechliches; ich habe Dich zu kennen und zu lieben geglaubt – aber jetzt, jetzt erst weiß ich, was die eigentliche Liebe ist. Hätte ich Dich damals schon gekannt und geliebt wie in diesem Augenblicke – ich wäre meinem Schmerze erlegen. Anna, wenn Du mich nach diesem Augenblicke wieder von Dir stießest, würdest Du mich tödten denn jetzt könnte ich nicht mehr leben ohne Dich!“

Anna sah ihm ernst und voll in die Augen. „Ich verstehe und verdiene den Vorwurf, in diesen Worten“ sagte sie, und es lag eine Weihe in ihrem Tone. „Du zweifelst an meiner Fähigkeit, Treue zu halten; Du kennst mich nur als ein flatterhaftes unzuverlässiges Ding, das von Dir zu Victor und von diesem zu Dir zurückeilte. Aber, Fredy, ich bin dennoch treu geblieben mir selbst und Dir! Denn ich habe Dich immer geliebt, ich hab’s mir nur selbst nicht eingestehen wollen weil – nun ja – warum soll ich Dir’s nicht sagen? Du mußt jeden Gedanken meiner Seele kennen, – weil Du mir so unmännlich und unbedeutend erschienst – und ich ein eitles Ding war, das mit seinem Geliebten großthun wollte und sich selbst für so erhaben hielt, daß es meinte, nur ein Held sei seiner werth. Diesen Helden glaubte ich in Victor zu finden, weil ich in meiner Oberflächlichkeit nur nach dem Aeußern urtheilte. Aber ich habe erkennen gelernt, worin der wahre Manneswerth besteht; Du gabst mir, ohne daß ich es selbst wußte, den Maßstab dafür, und als ich ihn an meinen Helden legte – da befand ich diesen zu klein! So wurde mir es allmählich klar, daß Du, Du allein jene Größe in Dir trägst, die ich nur in der prächtigen Hülle Victor’s gesucht, und daß in der zartesten Hülle gerade der stärkste Geist wohnen kann. Glaube nicht, Alfred, daß erst Deine Erfolge, daß erst die Bewunderung, welche Dir die Welt zollte, mich das gelehrt – wäre das erst nöthig gewesen, dann wäre meine Liebe für Dich, wie damals für Victor, nicht mehr als die Eitelkeit, einen großen Mann zu besitzen. Nein bei Gott, von solchen Schlacken ist meine Seele gereinigt. Noch in Victor’s Arm erkannte ich, daß Du mir tausendmal mehr warst als er, und an jenem Abend, wo ich, von Victor aus Feigheit verlassen, Dich bei dem Bette unsreres Frank’s fand – da wußte ich, was Du bist und daß ich Dich liebe!“

Sie legte ihre gefalteten Hände auf Alfred’s Brust. „Seitdem habe ich Dein gehört mit jedem Gedanken, habe mich zu Dir zurückgesehnt, ach, so unaussprechlich! Und ich habe an mir gearbeitet, um mich zu bilden und Deiner werth zu sein – Deiner? Nein! – ich hoffte ja nicht mehr auf Dich, – nur um des Gedankens an Dich werth zu sein! Fredy, es mag wohl hart sein, ein Glück erst zu erkennen, nachdem man es verlor, – aber ein Glück erkennen, nachdem man es freiwillig von sich gestoßen, das ist ein Schmerz der Reue, der am Leben nagt. Gott sei Dank, nun ist es einmal vom Herzen,“ sie that einen tiefen Athemzug, „ah, nun ist mir leicht! O die Wonne, die Wonne, sich wieder einmal so aussprechen zu können! Weißt Du noch, es war immer meine Gewohnheit, das heißt ich dachte, es sei nur so eine Gewohnheit; [872] aber als ich es nicht mehr thun durfte, da zeigte sich’s bald, daß es ein tiefes inneres Bedürfniß war, Dir meine ganze Seele hinzugeben. Fredy, nun hab’ ich Dir gebeichtet wie dem lieben Gott, nun sag’, ob Du mir vergeben hast ganz und ohne Vorbehalt!“

„Ganz und ohne Vorbehalt!“ jubelte Alfred. „O meine Anna, Du hast Alles getilgt und ausgelöscht, was Du mich je leiden ließest. Vergieb Du mir, daß ich so lange an Dir gezweifelt; es war ein schwereres Unrecht als das Deine. Komm, setze Dich zu mir auf die alte Bank, wo wir so oft als Kinder geruht. Du trautes Lieb hast Dich so nach mir gesehnt und ich habe es nicht geahnt — hast mich gerufen mit der Stimme Deines Herzens und ich habe es nicht gehört! Sag’ mir, was soll ich thun, um nachzuholen, was ich versäumt?“ Er hatte sich gesetzt und sie sachte auf seine Kniee gezogen; sie legte demüthig den Kopf auf seine Schulter.

„Sei ruhig,“ tröstete sie, „wir haben nichts versäumt, denn die schwere Zeit war meine Schule; sie hat mich gelehrt, mein Glück zu verdienen! Und es ist ja doch Alles, wie es war; es ist, als wäre kaum ein Tag darüber hingegangen; ich fühle es an nichts, daß ich Dich entbehrte, als an der grenzenlosen Freude, daß Du wieder da bist. Ach Gott, der Fredy ist wieder da!“ jauchzte sie plötzlich laut hinaus, als erführe sie es eben erst. „Ihr Berge, ihr Bäume, du alte Steinbank, hört ihr es denn? Der Fredy, der Fredy ist wieder da!“ Sie war aufgesprungen und hatte die Arme ausgebreitet, als wolle sie Allem, was um sie lebte und webte, mit vollen Händen von ihrem Glücke mittheilen. „Sie hören es nicht und verstehen es nicht, die dummen Bäume. Ach, was werden die Eltern sagen und Frank und seine Frau! Ach, und wie würde sich der alte Phylax freuen, wenn er noch lebte!“

„Der alte Phylax, ist er todt?“

„Ja, er starb am Heimweh nach Dir! O, er verstand jedes Wort. Wenn ich sagte: ‚Phylax, wo ist der Alfred?‘ dann winselte er so kläglich. Es that mir weh für ihn, und doch konnte ich es nicht lassen, ich mußte immer wieder Deinen Namen nennen, und der Phylax war der Einzige, mit dem ich von Dir reden konnte. Vor den Eltern schämte ich mich; ich wollte nicht, daß sie es merkten. Aber der Phylax, der war mein Vertrauter und war’ doch noch ein Vermächtniß von Dir!“ Eine Thräne schimmerte ihr im Auge.

Alfred bog ihren schönen Kopf zu sich herab und küßte sie ihr weg. „Du bist doch noch Kind geblieben, wie herrlich Du Dich auch zum Weibe entfaltet hast. Wie? käme ich am Ende mit meinem alten Rückert doch noch zu Ehren? Weißt Du noch unser Gespräch am Ufer, als wir die Binsen pflückten?“

Anna nickte. „Wo ich nicht mehr Mutter und Kind spielen wollte, weil ich mir so viel darauf einbildete, erwachsen zu sein! Ob ich’s weiß! Wie oft hab’ ich später an das hübsche Lied gedacht: ‚Ich und meine Liebste sind im Streite, ob mein Kind sie sei, ob ich das ihre!‘ Wie oft hab’ ich mich mit geschlossenen Augen in Deine Arme geträumt und mir eingebildet, Du wiegtest mich in Schlaf, und das war so süß! – Ja, ich habe sie wohl gelernt, diese Demuth der Liebe, die sich dem Ändern so willenlos auf Treu und Glauben zu eigen giebt, sich so ihrer Kraft, ihres Rechts, ihres Selbstbewußtseins entäußert, daß er mit ihr schalten und walten kann, wie mit einem Kinde!“

„Engel!“ rief Alfred hingerissen. „Wir haben die Rollen vertauscht, Du bist die Lehrende, ich der Lernende, ich höre Dir zu, und immer neue Seligkeit strömt von Deinen Lippen über mich aus!“

„Weißt Du noch, Du wurdest damals so böse, als ich Dir sagte, ich sei zu groß für Dich! Jetzt will ich mich klein machen, ganz klein,“ plauderte sie weiter. „Ich wollte, ich wäre so klein, daß Du mich in Deine Brusttasche verstecken könntest und immer mit Dir herumtragen!“ Und sie kauerte sich zu seinen Füßen nieder und schaute mit einem unbeschreiblichen Blick zu ihm auf. „Sieh, nun bin ich Dein Kind — nun schalte und walte mit mir, Du liebes schönes Väterchen!“

„O süßer Scherz!“ rief Alfred, und seine Augen füllten sich mit Thränen. „Anna, fühlst Du, welch heiliger Ernst in Deinem Scherze liegt?“

„Ob ich’s fühle!“ flüsterte sie voll holder Innigkeit, und sie hielten sich lange schweigend umschlungen. Zu ihren Füßen murmelte leise der See und versöhnte Geister der Vergangenheit, Engel der Zukunft schwebten segnend um sie her.

„Weißt Du noch, Fredy, wie wir immer miteinander kämpften als Kinder?“ sagte Anna, das erglühende Antlitz emporhebend. „Damals bezwang ich Dich – jetzt hast Du mich bezwungen und all meinen Trotz und Eigensinn, daß ich Dir gehorchen muß für’s ganze Leben und keinen ändern Willen mehr habe, als Dir zu dienen!“

„Willst Du das, Anna?“ rief Alfred. „Willst Du mir ein treues hingebendes Weib sein und Dich mir fügen mit dem vollen Vertrauen, daß dieser Arm, wenn er auch nicht so stark ist, wie der anderer Männer, Dich doch gegen alle Stürme beschützen wird?“

„Ja, Fredy, das will ich, so wahr Gott mir helfe! O, Du bist mir viel zu gesund und stark geworden, Fredy, ich wollte, Du wärst wieder so hinfällig wie damals, damit Du meiner mehr bedürftest und ich Dich mehr pflegen müßte!“

„Dann würdest Du mich aber vielleicht nicht mehr so lieb haben!“ lächelte Alfred.

„O nein!“ rief Anna, „und wenn Du ein Krüppel wärst, Du bliebst doch, was Du bist, wie Raphael ein großer Maler gewesen, wäre er auch ohne Hände geboren! Wenn Victor seine Gesundheit verlöre, dann wäre er ein armes schwaches Geschöpf, höchstens ein Gegenstand des Mitleids, denn er ist nur ein Held durch die Kraft seiner Muskeln – die nicht sein eigen ist – die ihm ein Zufall rauben kann, – Du aber bist ein Held geworden der Natur und den Verhältnissen zum Trotz aus eigener Kraft, diesen höchsten Ruhm kann Nichts Dir nehmen!“

„Anna, große Seele,“ rief Alfred, „mir ist, ich hörte Feldheim’s prophetische Stimme. Er hat es mir geweissagt, da ich noch Knabe war, was Du soeben aussprichst. Ja, er hatte Recht: daß ich, der Krüppel, mir diesen Ruhm erringen konnte, daß ich Dich, Du göttliches Weib, an meinen Busen drücken darf und in Deinen Augen den Strahl der Liebe und Achtung leuchten sehe, der nur Helden lohnt, ich danke es mit gerührtem Herzen dem Fortschritt unseres denkenden Jahrhunderts! So seid getrost, Ihr Alle, die wie ich geschmachtet hinter den Schranken, welche eine stiefmütterliche Laune der Natur oder das Vorurtheil der Menschen Euch gesteckt: die Arena des Geistes ist aufgethan, Jeder ist zum Kampfe zugelassen und Jeder kann siegen aus eigener Kraft!“



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Orief