Aus vergessenen Acten

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Textdaten
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Autor: Hans Blum
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Titel: Aus vergessenen Acten
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 32–42, S. 542–544, 553–555, 572–576, 590–592, 603–604, 618–620, 638–640, 654–656, 670–672, 690–693, 710–712
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Kurzbeschreibung:
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[542]
Aus vergessenen Acten.
Eine Criminalgeschichte von Hans Blum.


Es war Johannistag. Die kleine Stadt in dem kleinen Fürstenthum feierte den Johannistag in eigenthümlicher Weise. Der Tag galt als der Tag der Todten. Schon von Tagesgrauen an strömte die Bevölkerung auf den Friedhof, um die Gräber zu schmücken, den geschiedenen Lieben eine stille Thräne zu weihen. Man konnte nichts Rührenderes sehen, als diesen kleinen Friedhof, der am Berge ruhte, wie das Städtchen selbst, in den ersten Morgenstunden des Johannistages. Aber sowie die Sonne dem Zenith sich näherte, war der Ernst der Feier in der Hauptsache vorüber; der Lebende war in sein Recht getreten. Die öffentlichen Wirthschaften füllten sich mit Besuchern. Die Ressource vereinigte die Honoratioren des Städtchens im „Blauen Hecht“ zur Mittagstafel, im „Ochsen“ zur Abendunterhaltung.

Im „Ochsen“ waren jetzt die Honoratioren bei einander. Es war gegen neun Uhr Abends, und die ernste Feier, die auch hier die Zusammenkunft einleitete, war vorüber. Im Saal saßen, an einzelnen Tische vertheilt, spielend und trinkend, plaudernd und rauchend die Mitglieder der Ressource. Das Gespräch war an allen Tischen in vollem Gange.

„Wollen Sie denn schon gehen, Meister Wolf?“ fragte verwundert der Bürgermeister am Vorstandstisch, als ein junger, etwa dreißigjähriger Mann sich erhob, den Ueberrock über den Arm legte, nach Stock und Hut griff und den Stuhl unter den Tisch rückte.

„Meine Mutter hat Besuch,“ erwiderte mit sanfter Stimme der junge Mann. „Ich muß ihr und ihrem Besuch doch noch Gute Nacht sagen, ehe sie sich zur Ruhe legen.“

„Sehr rücksichtsvoll von Ihnen, Meister Wolf,“ sagte lächelnd der Bürgermeister. „ Der Besuch Ihrer Mutter ist ja wohl Frau Steuerrath Martin aus der Residenz, nicht wahr? Und die Damen der Residenz muß man zart nehmen, da haben Sie Recht – besonders wenn eine zukünftige Frau Schwiegermama etwa darunter sein sollte – nicht wahr?“

Der junge Mann erröthete. Allgemeines Lachen folgte den Worten des Bürgermeisters.

„Na, na, brauchen sich nicht zu schämen, Meister Wolf. Nanette Martin ist ein sehr niedliches Mädchen, und Sie selbst – bieten einer Frau doch wahrhaftig alles nur Wünschenswerthe. Das schöne Kürschnergeschäft –“

„Gehört meiner Mutter,“ warf der junge Mann ein.

„Nun ja, aber alles Leugnen und alle Ausflüchte helfen Ihnen nichts, Wolf; wir wissen genug. Gehen Sie in Gottes Namen zur Frau Schwiegermama, und wenn Sie an’s Bräutchen schreiben –“

Kopfschüttelnd und abwehrend empfahl sich der junge Meister unter erneuter Heiterkeit der Tafelrunde. Das Lächeln, mit dem er Allen die Hand zum Abschied reichte, sagte deutlich, daß er die Anspielungen des Bürgermeisters durchaus nicht übel genommen habe, seine Verlobung aber noch als Geheimniß betrachtet wissen wolle. In diesem Gedanken drückten ihm auch Alle herzlich die Hand; denn man gönnte ihm allgemein sein Glück. Er war so bescheiden und tüchtig, wenn auch ein bischen schwächlich und zart in Gestalt und Wesen, wofür er übrigens nichts konnte. Das war Vaters-Erbtheil. Der Vater war seit einigen Jahren todt, und der Sohn hatte damals sofort eine sehr günstige Stellung in Leipzig aufgegeben, um der Mutter das einträgliche Kürschnergeschäft weiter zu führen, und seine Kenntnisse und Erfahrungen hatten dem Geschäfte großen Vortheil gebracht. Steuerrath Martin’s Nanette hielt man recht passend für ihn. Ihre Mutter hatte aus der Gegend in die Residenz geheirathet, und man kannte das brave häusliche Mädchen in der kleinen Stadt. Man wußte auch, daß es dem Meister Wolf nicht leicht geworden war, ihr Jawort zu erhalten. Sie sollte, wie man sich im Städtchen erzählte, eine Neigung zu dem etwas wilden und lockeren Fleischer Bahring – auch einem Stadtkinde – auf Zureden ihrer Mutter überwunden haben, ehe sie dem Meister Wolf im Stillen sich verlobte. Soviel wußte man im Städtchen – woher, das war natürlich allgemeines, tiefes Geheimniß.

Niemand an der Tafelrunde, an der Wolf gesessen, hatte bemerkt, daß während der Hin- und Widerrede zwischen dem Gehenden und dem Bürgermeister an einem der nächsten Tische ein junger Mann mit dunklem, wirrem Haar und Bart und einem unheimlich blitzenden, schwarzen Auge sich rasch und finster erhoben hatte. Er warf dem Kellner eine Silbermünze auf den Tisch, welche die geringe Zeche reichlich ausglich, griff nach der grauen Mütze und nahm, mit einem undeutlich gemurmelten Gutenachtgruß an die Zurückbleibenden, seinen grobwollnen Flausrock vom [543] Nagel und einen massiven Stock in die Hand. Während die Tischgenossen verwundert dem plötzlich Aufbrechenden ein „Gute Nacht, Meister Bahring!“ nachwünschten, war dieser schon fast am Ausgang. Hier sah man ihn stille stehen und in die Tasche des grauen Flausrocks greifen, den er angezogen. Er schien verwundert und kam zurück. Er suchte am Boden unter der Stelle, wo sein Rock gehangen, auch unter dem Stuhl, auf dem er gesessen, und ging dann rasch und mürrisch auf den Wirth los.

„Ich muß mein Taschentuch verloren haben,“ sagte er kurz. „Lassen Sie morgen ordentlich nachsehen. Es ist K. B. gezeichnet, weißleinen. Ich will jetzt die Gesellschaft nicht stören.“ Dabei wanderte sein Auge in der Richtung, wo Meister Wolf stand, um von seinen Tischgenossen Abschied zu nehmen. „Ich komme morgen, um nachzufragen.“ Damit ging er.

Als wenige Minuten später Wolf sich der Ausgangsthür näherte, fühlte er sich am Arm ergriffen und schaute in die ruhigen Züge seines Gesellen King.

„Meister,“ sagte dieser, „nehmen Sie sich vor dem Menschen in Acht!“

Die Worte waren laut gesprochen, wie in Angst, die um Hülfe ruft, sodaß die Nächstsitzenden sie wohl verstehen konnten.

„Vor wem meinen Sie?“ fragte Wolf lebhaft.

„Vor Bahring natürlich!“ entgegnete King mit verständnißvollem Blinzeln. „Er schien sehr aufgeregt und eilig, wie um vor Ihnen die Thür zu erreichen. Ich werde Sie begleiten.“

„Ah bah,“ erwiderte Wolf lächelnd. „Draußen ist es ja fast noch hell. Und dann bitt’ ich Sie – was sollte mir geschehen? Wie können Sie Bahring so etwas zutrauen?“

King zuckte die Achseln.

„Wie Sie wollen!“ sagte er. „Nur bis zu Ihrem Hause nehmen Sie mein Geleit an! Dann, wenn Sie mir’s erlauben, möchte ich allerdings noch ein Stündchen hier bleiben.“

Wolf war wieder etwas roth geworden. Er wußte, daß man ihm die höchste Potenz von Muth und Kraft nicht zutraute. Und der Geselle sprach so unvernünftig laut, gewiß nur in der lebhaften Fürsorge für das Wohl seines Herrn. Aber mochte kommen, was da wollte, Wolf durfte sich unter solchen Umständen nicht nach Hause begleiten lassen wie ein schwaches Frauenzimmer.

„Bleiben Sie hier, King!“ sagte er fest. „So lange Sie wollen. Sie haben ja einen Hausschlüssel. Und sagen Sie nie wieder so etwas über Bahring!“

„Wie Sie denken, Meister,“ erwiderte King. „Aber seien Sie vorsichtig! – Schließen Sie Alles!“ setzte er leiser hinzu. „Auch die Hinterthür. Ich werde längstens um elf Uhr zu Hause sein.“

Wolf ging. Er war durch die Mittheilungen des Gesellen doch etwas erregter geworden, als er verrathen wollte. Er nahm draußen den Stock mit dem Bleiknopf verkehrt in die Hand und spähte scheu in die fast nächtlichen Schatten der Höfe und Winkel, die er auf dem Heimwege passiren mußte; denn Karl Bahring hatte sich verschworen, „daß ein Unglück geschehen werde,“ als ihm Nanette den Absagebrief gesandt. So erzählte man sich, und es gab Leute, die solche Reden Bahring’s gehört haben wollten. Der wilde, verschlossene Mensch war wohl im Stande, irgend eine Gewaltthat auszuführen gegen den glücklicheren Nebenbuhler, gegen das Mädchen, das seine Liebe verschmäht, vielleicht gegen Beide. Aber Wolf traf unterwegs nicht auf Bahring. Er fand auch im Hause seiner Mutter durchaus nichts Verdächtiges. Er durchsuchte, nachdem er die Damen kurz begrüßt hatte, das ganze Haus. Am Tage zuvor war ihm eine große Partie werthvoller Felle zur Zubereitung gesandt worden, und es hatte daher nichts Auffallendes, daß er gegen halb zehn Uhr die beiden Lehrlinge aufforderte, ihm vor dem Schlafengehen noch einmal in die Werkstatt, das Verkaufslocal und in den Keller zu leuchten. Auch hier war Alles unverdächtig. Die Lehrlinge begaben sich dann sogleich zur Ruhe, in ihre Kammer in der zweiten Etage.

Wolf kehrte zu den Damen zurück, mit denen er bis nach zehn Uhr in traulichem Geplauder zusammenblieb. Zukünftiges und Vergangenes wurde mit der Mutter, mit der künftigen Schwiegermama, in Liebe und Glück durchsprochen – mit besonderem Behagen Zukünftiges. Die Hochzeit wurde auf Anfang August festgesetzt. Im Hause sollte soviel wie möglich unverändert bleiben; die Parterreräume zur Linken des Hausflurs sollte nach wie vor die Mutter Wolf’s bewohnen, wogegen die Räume des Erdgeschosses zur Rechten in alter Weise dem Geschäft reservirt bleiben sollten. Die erste Etage war dem Haushalt des jungen Paares bestimmt. Sie stand jetzt leer. Nur des jungen Meisters Schlafzimmer befand sich hier, in dem Seitengebäude links von dem offenen Flur, auf den die Treppe mündete; gerade über dem Schlafzimmer der Mutter schlief der Sohn. Auch dabei sollte es bleiben, wenn er verheirathet wäre. Die Bestimmung der übrigen Zimmer und Räume der ersten Etage wurde gemeinsam besprochen, auch ausgemacht, daß das Geschäft mit der Hochzeit an den Sohn übergehen sollte. Alles das und noch viel anderes mehr, was dem hoffenden Herzen des Bräutigams und dem sorgenden Sinn der Mutter wichtig erschien, wurde heute Abend beredet, beschlossen. Ueberglücklich suchte Wolf sein Lager auf. Die Damen hörten, wie er sein Fenster öffnete, vermuthlich um die milde Nachtluft vor dem Schlafengehen noch in vollen Zügen zu athmen. Sie lächelten, als sie ihn dann noch einmal durch all die obern Räume, welche die Heimstätte seines jungen Eheglückes bilden sollten, schreiten und jede Thür noch einmal auf- und zuschließen hörten – vermuthlich wollte er sich den Anblick dieses künftigen Paradieses noch einmal verschaffen. Dann vernahmen sie, wie er in sein Schlafzimmer zurückkehrte und das Fenster schloß. Sein Licht erlosch. Er war zur Ruhe gegangen.

Das Dienstmädchen Margret meldete sich in den an einander stoßenden Schlafzimmern der Damen, um zu fragen, ob sie noch etwas zu befehlen hätten. Auch sie wurde entlassen. Sie prüfte, wie sie stets that, ehe sie in’s Bett ging, den Verschluß der Haus- und Hofthür und fand die erstere verschlossen, die letztere von innen verriegelt. Dann stieg sie die zwei Treppen hinauf in ihre Kammer, die rechts vom Dachflur lag. Zur Linken des geräumigen Dachflurs schliefen die beiden Lehrlinge. Neben der Lehrlingskammer, und nur durch diese erreichbar, wenn auch durch einen Bretterverschlag von derselben geschieden, stand die bis zur Stunde noch unberührte Lagerstätte des Gesellen King. Es schlug gerade halb elf Uhr, als Margret ihre Thür innen abriegelte und sich zur Ruhe legte. Im ganzen Hause herrschte jetzt tiefes Schweigen.




Josua King war nach dem Weggang seines Principals an den Tisch zurückgekehrt, an dem er zuvor gesessen. Er war der einzige Geselle, der in dieser Gesellschaft von Honoratioren geduldet wurde, und er durfte stolz sein auf diese Ausnahme, denn er hatte sie durch seine eigene Tüchtigkeit und sein ungewöhnliches geselliges Talent errungen. King war etwa seit anderthalb Jahren in Wolf’s Diensten. Er war ein überaus tüchtiger und fleißiger Arbeiter, der Wolf unentbehrlich geworden war und darum vom Meister in Lohn und in allen sonstigen Verhältnissen sehr warm gehalten wurde. Er genoß das Privilegium eines Hausschlüssels und aß mit am Familientische. Nicht selten wurde er mit dem Einkaufsgeschäft an anderen Plätzen betraut. In allen Berufsarbeiten bewies er die größte Sachkenntniß, die redlichste Treue. Er war weit herumgekommen in Deutschland und hatte überall Tüchtiges gelernt. Bei allen diesen Vorzügen war er sehr bescheiden und ergeben gegen Wolf und dessen Mutter. Beide hatten nie einen besseren Gesellen gehabt, und wünschten sich keinen anderen.

Josua King stammte aus dem Osten Preußens, war ein schöner Mann, groß, breitschulterig und doch schlank von Gestalt, gewandt in seinen Bewegungen. Um die breite Stirn ringelte sich das blonde Haar in natürlichen Locken, und ein mächtiger blonder Bart umrahmte das Gesicht. Lebhaft funkelten die großen grauen Augen. Das ganze Gesicht hatte etwas Löwenartiges. Er wurde auch der Löwe des Ortes, sobald man entdeckte, daß er ausgezeichnet tanzte, Schlittschuh lief, Komödie spielte und vortrefflich festliche Unterhaltungen anzuordnen verstand. Dieses seltene Maß von geselligem Talent brachte ihn zuerst in die Liebhabertheatergesellschaft, später auch in die aristokratische Sphäre der Ressource. Wolf selbst hatte den Gesellen hier zur Aufnahme vorgeschlagen und die Gesellschaft bisher noch nie bereut, ihn aufgenommen zu haben. Manche reifere Schöne rümpfte freilich auf dem ersten Ressourcenball, den King als Mitglied mitmachte, ihr Näschen darüber, daß jüngere Blüthen ihres Geschlechts mit dem Kürschnergesellen tanzen möchten, und beklagte gegenüber den ruhig dasitzenden Altersgenossinnen, wenn King mit seiner Tänzerin graciös vorüberflog, den Verfall der Würde der Gesellschaft, welche früher so [544] streng darauf gehalten habe, daß nur Bürger und Bürgerssöhne Mitglieder werden dürften. Aber die jüngeren Damen, die King zum Tanze engagirte, dachten viel freier über Standesunterschiede. Wäre Herr King selbstständiger Meister gewesen, so wären ihm wahrscheinlich längst einige geschickte Fallen von künftigen Schwiegermüttern gestellt worden.

Die große Popularität King’s aber hatte sich, wenigstens bei dem weiblichen Theile der Stadtbevölkerung, seit Pfingsten bedeutend verringert. Seitdem hatte sich nämlich das Gerücht verbreitet, daß King sich mit Natalie Becker, der Tochter eines Bürgers und Hausbesitzers des Städtchens, im Stillen verlobt habe. Das Gerücht bestätigte, wie alle derartigen Gerüchte, natürlich nur die bestimmten Ahnungen und Wahrnehmungen sämmtlicher Mädchen und Frauen der Stadt. Es kam nun heraus, daß Hulda schon längst zuvor ein Ballgespräch der Liebenden belauscht, Bertha ein Rendezvous beobachtet und Lina einen Kuß noch rechtzeitig verhindert habe.

Die große Gratulationskarawane, die unmittelbar nach den Pfingsttagen zum Becker’schen Hause wallfahrtete, fand Nalchen wunderbarer Weise verreist und erhielt von deren Eltern die kurze Antwort, daß ihnen von der Angelegenheit des Verlöbnisses ihrer einzigen Tochter gar nichts bekannt, das Ganze ein dummer Scherz irgend eines heimlichen Feindes oder einer boshaften Neiderin sei. Dasselbe versicherte Nalchen bei ihrer Rückkehr zu Ende der Pfingstwoche. Und bei allen Gelegenheiten, welche sie öffentlich mit King zusammenführten, zeigte sie sich diesem gegenüber bedeutend zurückhaltender und kühler als irgend eine andere Dame, und – nun hatte das Gerücht natürlich um so mehr Recht. Auch King, der sich ganz den Anschein gab, mit Nalchen nur auf Hofton zu stehen, wenn er mit ihr öffentlich zusammentraf, sowie die Eltern Nalchen’s nahmen fortgesetzt an diesem Versteckspiel Theil. Letztere besonders schienen die Verpflichtung übernommen zu haben, dem landfremden Kürschnergesellen zu zeigen, wie viel Vorrath von Bürgersinn, Geld- und Standesstolz das Haus Becker noch zur Verfügung habe. Aber das war natürlich auch nur Schein, wie das Gerücht versicherte. Im Grunde war, nach der allgemeinen Ansicht, das ganze Becker’sche Haus so einig mit King, wie der einzige Sohn des Hauses, Fritz Becker, der selten im Wirthshaus an King’s Seite fehlte und der, wie alle Welt wußte, nicht im mindesten die Gabe der Verstellung besaß.

Auch heute Abend saß er an King’s Seite. Die Beiden ließen etwas draufgehen, als Wolf fort war. Wenn der Wirth zum „Ochsen“ lauter solche Kunden gehabt hätte, er hätte bald das Geschäft des Couponabschneidens beginnen können. Die Augen der biertrinkenden Nachbarn richteten sich mit neugierigem Neide und mißbilligender Zurückhaltung auf die volltönenden Etiketten, welche auf Befehl der jungen Männer nach einander dem kleinstädtischen Weinkeller des Ochsenwirths entlockt wurden. Im Grunde mochte mancher von den Zuschauern dieses Weinturniers recht gut wissen, daß fast ein noch größerer Muth dazu gehöre, diese Säfte zu trinken, als die Namen ihrer Etiketten zu bezahlen.

Denn es war kein Geheimniß, daß der Wirth zum „Ochsen“ alljährlich kurz vor der Kirmeß von dem Weinhändler Gotthelf Bieder in der Residenz feierlich empfangen wurde. Der Inhaber der Firma begrüßte den ländlichen Kunden mit den Worten: „Ei, sieh da, Gevatterchen, was führt Sie denn hierher? Gerade sehr viel zu thun. Aber ein Frühstückchen nehmen wir unterdessen, nicht wahr?“ Damit wurde von dem alleinigen Inhaber der Firma Gotthelf Bieder eigenhändig ein Häring der salzigen Fluth entnommen und ein Glas landläufigsten Rothspohns eingeschenkt, und wenn das arglose Gemüth des Provinzialen, durch diese Verquickung von Salz und Säure begeistert, keiner Beredsamkeit mehr zu widerstehen vermochte, begann der Träger der Firma Gotthelf Bieder auf das Geschäft einzugehen.

„Ei, Gevatterchen, wir wollen doch die Kirmeß ausrichten, nicht wahr? Habe mir das schon lange überlegt, natürlich. Für den Anfang geben Sie dieses Weinchen – kosten Sie mal – ganz pique, ja, ja – aber es muß, unter uns gesagt, rasch weggetrunken werden. Lange liegen darf es nicht. Jahrgang verträgt’s nicht. Schade, hätte sonst eine Zukunft. Wenn dann die Köpfe etwas fidel werden – braucht nicht viel dazu, ha, ha! – so geben Sie von der Sorte hier, Gevatterchen! Wir nennen’s Jesuitengarten Hinterhäuser. Sie berechnen anderthalb Thaler die Flasche mit Spaß. Lasse sie Ihnen, Gevatterchen, aber nur Ihnen, mit zwanzig Silber. War einmal ein Pastor bei mir, hatte auch davon getrunken. Am andern Morgen kam er wieder und schrieb mir einen Bibelvers auf, den ich lesen und auf die Etiketten dieser Sorte drucken lassen sollte. Ich schlug ihn nach und fand: ‚Es gehet ein wie Oel, aber es beißet als eine Otter’. So schlimm ist’s natürlich nicht, Gevatterchen, ha, ha!“

King und Becker hatten von beiden Sorten getrunken: von derjenigen, die rasch weggetrunken werden mußte, und von der andern, die einging wie Oel, aber biß als eine Otter. King hatte eigentlich sehr wenig getrunken. Gleichwohl kämpfte er schon nach zehn Uhr Abends sichtlich mit großer Müdigkeit. Wiederholt gab er auf Fragen der Umsitzenden, selbst Becker’s, gar keine Antwort mehr, sondern nickte und träumte mit halbgeschlossenem Auge, den Kopf in die Hand gestützt, selbstvergessen vor sich hin. Mit einem Male schüttelte er sich und sprang auf.

„Wir wollen gehen,“ sagte er leise zu Fritz. Er zahlte die Hälfte der Zeche, er ließ nicht zu, daß Fritz zahlte; dann ergriffen die beiden jungen Männer Hut und Stock, um zu gehen.

„Halt,“ sagte King, fast schon an der Thür. „Es ziemt sich, noch dem Vorstand ,Gute Nacht’ zu wünschen. Komm!“

Er trat an den Vorstandstisch, Fritz hinter ihm, das Gespräch war aber gerade sehr lebhaft, sodaß sie nicht wagten, durch ihr Dazwischentreten die Herren zu unterbrechen. King schien immer noch sehr müde. Er lehnte sich an einen Pfeiler und hörte schläfrig dem Lauf des Gespräches zu. Die Augen fielen ihm fast zu.

[553] „Aber Herr Amtsrichter Kern – das nehmen Sie mir nicht übel,“ sagte eben der Bürgermeister. „Sie wollen ein liberaler Mann sein, und sind für die Todesstrafe?“

„Nun, an meiner liberalen Gesinnung ist wohl nicht zu zweifeln, Herr Bürgermeister,“ replicirte der Amtsrichter scharf. „Ich erinnere Sie an Anno Achtundvierzig – wenn auch Manche vom ‚tollen Jahr’ so wenig wissen wollen, als läge es um Jahrhunderte hinter uns, als schrieben wir nicht erst 185 . .“

Der Bürgermeister wurde ein Bischen verlegen, und man lächelte am Tische verstohlen auf Kosten des Gestrengen. Kern stand 1848 an der Spitze der liberalen „deutschen Partei“ in der Residenz. Er war einer der begabtesten jüngeren Richter, und man prophezeite ihm vor dem Revolutionsjahre eine glänzende Carrière. Statt dessen war er nach dem Jahre 1848 aus der Residenz in die kleine Stadt versetzt worden. Die Einen sagten, er habe sich geweigert, gegen einige politisch „Schwergravirte“ wegen Hochverraths einzuschreiten, – diese „Schwergravirten“ hatten das Verbrechen begangen, die Regierung zum Beitritt zur Reichsverfassung und später zum Dreikönigsbündniß Preußens aufzufordern. Andere meinten, seine Versetzung in das Sibirien des kleinen Landes sei die Auszeichnung für seine Thätigkeit in der „deutschen Partei“. Man hörte das Wort „deutsch“ in dem kleinen Staate nicht gern – natürlich nur damals, zu Anfang der fünfziger Jahre. Der Bürgermeister dagegen war durchaus mit der Regierung einverstanden. Er war im Jahre Achtundvierzig liberal, sogar sehr liberal gewesen, gerade wie die Regierung, auch deutschgesinnt, sehr deutsch, wie die Regierung. Gedacht hatte er sich freilich wenig dabei, am wenigsten an Preußen gedacht, gerade wie die Regierung. Er hatte in Anerkennung seiner richtigen Gesinnung die Bürgermeisterstelle erhalten, welche er jetzt verwaltete und welche seit seinem Amtsantritte erheblich günstiger dotirt war, als die Amtsrichterstelle. Der Bürgermeister war aber auch ein feiner Kopf und man prophezeite ihm eine große Carrière – nach dem Revolutionsjahre.

Er zeigte sich auch diesmal dem Amtsrichter im Gespräche überlegen. So meinte er wenigstens. Denn als er das Lächeln bemerkte, das die Anspielung auf seinen Liberalismus hervorrief, wandte er sich wieder zum Amtsrichter:

„Sie sind doch ein Anhänger der deutschen Grundrechte, Herr Amtsrichter?“ fuhr er fort. „Sie hielten noch an ihnen fest, als die Regierung –“

„Die Reichsverfassung brach und verletzte, ja wohl“ – bestätigte der Amtsrichter ruhig. Der Bürgermeister rückte etwas von ihm weg. „Aber ich habe die Grundrechte nicht gemacht, Herr Bürgermeister. Ich achtete und achte sie noch heute lediglich als einen Theil der Reichsverfassung, als ein Stück des gemeinsamen Staatsgesetzes deutscher Nation. Es stand viel Falsches in den Grundrechten; dazu gehörte meiner Ansicht nach auch die Aufhebung der Todesstrafe.“

„Hatten Sie die lebenslängliche Zuchthausstrafe nicht für härter, als die Todesstrafe?“

„Für Unsereinen für einen gebildeten Mann gewiß. Wir werden zehnmal lieber sterben, als uns auch nur ein Jahr in’s Zuchthaus sperren lassen. Aber der gemeine Mörder – für den ich die Todesstrafe erhalten wünsche – steht auf einer so tiefen Stufe der Gesittung, daß seine That mit keiner andern Strafe zu sühnen ist, als mit dem Tode. Wie häufig haben Mörder mit dem Zuchthause schon vorher Bekanntschaft gemacht und sich ganz wohl in demselben befunden! Soll ihnen dann, wenn sie morden, nur dieselbe Strafart wieder zu Theil werden, als wenn sie stehlen?“

„Gut! Aber die Gefahr von Justizmorden? Wie wollen Sie die Hinrichtung eines Unschuldigen wieder gut machen?“ warf der Bürgermeister ein.

„Das ist der einzige Grund, Herr Bürgermeister, den ich überhaupt gegen die Todesstrafe gelten lasse,“ erwiderte Kern. „Obwohl auch dabei viel Sentimentalität im Spiele ist. Denn auch die gegen den Unschuldigen erkannte Zuchthaus- oder Gefängnißstrafe ist ein Justizmord, ein unwiderruflicher, wie die Hinrichtung. Die widerrechtlich geraubten Freiheitstage, die Gemüthsqualen und körperlichen Leiben, die dieser Raub im Gefolge hat, kann Niemand wieder gut machen. Und irren ist menschlich. Es können Justizmorde vorkommen. Der gemeine Mann hält den Justizmord durch das Beil für schlimmer, als den durch die trockene Guillotine des Zuchthauses. So wird man wohl der Weichheit des Jahrhunderts die Todesstrafe opfern. Aber dann müßte ich einen Ersatz verlangen, den Sie schwerlich bewilligen werden, Herr Bürgermeister.“

„Und der wäre?“

„Unbedingt und unwiderruflich lebenslängliche Zuchthausstrafe gegen den Mörder. Die landesherrliche Gnade müßte bei diesem Verbrechen und dieser Strafe durch das Gesetz ein- für allemal ausgeschlossen sein.“

„Wo denken Sie hin, Herr Amtsrichter?“

„Ich will die menschliche Gesellschaft unbedingt sicher stellen gegen den Rückfall des Mörders.“

„Aber nach den bisherigen Erfahrungen hat noch niemals ein begnadigter Mörder von Neuem gemordet,“ erklärte der Bürgermeister.

„Nichts hindert uns, täglich diese Erfahrung zu machen, wenn es bisher daran gefehlt haben sollte.“

„Ein solcher Fall ist aber bis jetzt eben nur ein Erzeugniß Ihrer Phantasie, Herr Amtsrichter.“

„Malen Sie den Teufel nicht an die Wand, Herr Bürgermeister!

[554] Wir haben doch dieses Jahr schwere Fälle genug erlebt. Die Minna Grule ist drüben bei Latzig mißhandelt und erwürgt aus dem Korn gezogen worden nach einer Tanznacht. Hier im Städtchen selbst haben wir fast zur nämlichen Zeit den frechen Raubanfall auf den Posthalter durch den vermummten Räuber zu verzeichnen. An seinen Wunden liegt der Arme noch heute darnieder. Wenn wir nun den Thäter ermittelt hätten – Mörder und Räuber wahrscheinlich in derselben Person – und ihn zum Tode verurtheilt hätten – meinen Sie, Serenissimus hätten ihn köpfen lassen?“

„Ich weiß nicht,“ sagte der Bürgermeister achselzuckend – „das sind Hypothesen –“

„Jawohl, Hypothesen, bis auf die beiden ungesühnten Schandthaten. Und der Thäter sagt sich, wenn er gefaßt wird, so wird er nach Landesbrauch nicht geköpft, auch wenn ihn die Geschworenen zehnmal für schuldig erachten und die Richter ihn zum Tode verurtheilen. Er riskirt nur sogenanntes lebenslängliches Zuchthaus – das in Wahrheit aber nur zehn bis fünfzehn Jahre dauert. Wenn er die überlebt – und das hofft Jeder – dann ist er ein freier Mann. Darin liegt eine kräftige Ermunterung zu solchen Verbrechen.“

„Nun, meine Herren, Sie werden gewiß wünschen, von etwas Anderem reden zu hören,“ wandte sich der Bürgermeister, nachdem er mit dem Ausdrucke tiefgekränkter Loyalität einen finstern Blick nach dem Amtsrichter geworfen, wieder zu den übrigen Genossen des Vorstandstisches.

„Verzeihen Sie, Herr Bürgermeister!“ sprach King hervortretend, – „es ist elf Uhr vorüber. Ich habe meinem Meister versprochen, um elf Uhr zu Hause zu sein. Und ich bin sehr müde. Ich wollte mir erlauben, den Herren des Vorstandes eine gute Nacht zu wünschen.“

.„Gute Nacht, Herr King, Herr Becker!“ rief es vom Tische wieder.

Die beiden jungen Männer gingen. Fritz Becker begleitete King in der Richtung nach dem Wolf’schen Hause, und die kühlere Nachtluft schien King’s Lebensgeister wieder etwas anzuregen.

„Hast Du mir die Liebe gethan, Fritz, und mit Natalie gesprochen?“ fragte er.

„Ja,“ meinte Fritz zögernd.

„Und was hat sie gesagt?“

In der Frage lag sehr viel Leben. Wenn King vorher verschlafen war, mußte er jetzt völlig wach, ja erregt sein.

„Sie war sehr kurz,“ erwiderte Fritz. „Sie meinte, sie habe Dir ja selbst schon gesagt, was sie denke.“

„So?“ meinte King gedehnt und gähnte wieder. Seine Lebensgeister schienen wieder schlafen zu gehen.

„Nun, was hat Dir denn eigentlich Nalchen gesagt, Josua?“ fragte Fritz neugierig.

„Was wird sie mir gesagt haben, Fritz! Sie macht es eben wie alle Mädchen. Sie will erobert sein, will mich ein bischen zappeln lassen. Sie erklärte mir auf meinen Antrag, sie sei noch zu jung. Das ist Alles, Bruderherz. Nun, der Fehler wird alle Tage kleiner. Aber sie hat allerdings Recht, wenn sie Dir sagt, sie habe mir ihre Meinung schon kund gegeben. Denn von Pfingsten bis Johannis kann sie mit dem besten Willen nicht viel älter geworden sein.“

Fritz lachte.

„Also Geduld, lieber Schwager in spe! Grüß’ mir die Kleine! Wenn Du nach Hause kommst, träume ich schon von ihr. Der Wein hat mich doch kannibalisch müde gemacht.“ Er gähnte wieder.

Sie waren vor dem Wolf’schen Hause angekommen und schieden, sich die Hände schüttelnd, nachdem Fritz dem Freunde noch mit einem Zündhölzchen an das Schlüsselloch der Hausthür geleuchtet hatte.

„Morgen um elf Uhr Frühschoppen im ‚Hecht!’“ rief Fritz hinein, wie King die Thür von innen geschlossen hatte.

„Ja,“ rief King leise zurück und stieg die Treppe hinauf.

„Schon halb zwölf,“ sprach Fritz für sich, als in diesem Augenblicke die Thurmuhr schlug. „Sonderbar, daß King heute so müde wurde. Er kann doch sonst viel mehr vertragen, als ich.“ Und eilig trat er den Heimweg an.




„Schon halb zwölf,“ sprach auch oben in der Mägdekammer Margret leise für sich, als sie die zwei Viertelsschläge von der Thurmuhr hörte und gleichzeitig der Männertritt King’s die Treppen herauf kam und dann in der Gesellenkammer verhallte. „Ach, auch heute wieder will mich der Schlaf nicht finden,“ seufzte sie leise. „Wenn man sich am Mutterherzen ausweinen könnte, würde es leichter zu tragen sein. Aber ihr Herz schlägt nicht mehr; ihr Mund spricht nicht mehr.“

Welches Leid mochte dem schönen, braven, jungen Mädchen am Herzen nagen, ihr den Schlaf vom Lager scheuchen?

Sie war heute mit Genehmigung der Herrschaft in ihrem Heimathdorfe, etwa anderthalb Stunden vom Städtchen, gewesen, um die Gräber der Mutter und des frühverstorbenen Vaters zu schmücken. Es war so wonnig gewesen, in der frischen Morgenluft zu wandern; denn zeitig war sie vom Städtchen aufgebrochen, um bald wieder zurück zu sein und Frühstück und Mittagbrod bereiten zu können.

Sie trug frische Rosen und Mooskränze in der Hand; die Bänder des Strohhutes, die Zipfel des Busentuches und einige rebellische Löckchen, die sich in die reichen, braunen Flechten nicht hatten einzwängen lassen, flatterten im frischen Morgenwinde und ihre Wangen rötheten sich von dem raschen Gange. Als sie die Höhe erreicht hatte, auf deren einer Seite das Städtchen zum letzten Mal und das heimathliche Dorf zum ersten Mal gesehen werden konnte, und sie nun dem Buchenwalde entgegenschritt, der sie mit seinem Schatten bis kurz vor das Dorf geleiten sollte, glitt ein Freudenstrahl über ihr ernstes Gesicht, und ihr Auge leuchtete so glücklich, als hätte sie nie Armuth und Entbehrungen gekannt, als hätte ihr nie der Tod eine Wunde geschlagen, niemals noch menschliche Lieblosigkeit oder Schlechtigkeit sich ihr offenbaret. – Gerade am Waldeingange, oben an der Wegböschung, wo man am weitesten ausspähen konnte, saß ein junger Mann, in der Kleidung der Landleute der Gegend, auf einem Feldstein.

„Gustav!“ rief Margret freudig erregt, als er in der nächsten Minute vor ihr stand. „Wie konntest Du wissen, daß ich kommen würde?“

„Margret,“ sprach er, indem er sie umschlang und küßte. „Ich müßte Dich schlecht kennen, wenn ich meinte, Du würdest am Johannismorgen nicht zum Grabe der Eltern gehen oder deshalb Dein Tagewerk versäumen.“

Sie schritten Hand in Hand durch den Wald nach dem Dorfe nieder, sprachen wenig und schauten sich dann und wann in’s Auge. Gustav blieb im Walde zurück, als Margret in’s Dorf ging; sie wußten, daß sie nicht zusammen gesehen werden durften, daß Gustav bei seinem Vater, dem reichen Bauern Stephan, dessen stattlicher Bauernsitz die Höhe jenseits des Dorfes krönte, wieder einmal schwere Tage haben würde, wenn der Vater von diesem ihrem Zusammentreffen erführe. Als Margret vom Kirchhofe zurückkehrte, gingen sie wiederum Hand in Hand durch den Wald aufwärts. An den steileren Stellen stützte er sie. Abermals sprachen sie nur wenig. Margret war ernster als beim Hinabsteigen. Sie kam ja vom Grabe der Eltern.

„Weiter nehme ich Deine Begleitung nicht an, Gustav,“ sagte sie, als sie jenseits der Höhe wieder das Städtchen mit dem Flusse vor Augen hatten. „Du mußt zurück. Was wird Dein Vater sagen, wenn Du so lange bleibst!“

„Ich war im Walde, im Dorfe, wenn ich zu Hause gefragt werde. Ich gehe noch bis zur nächsten Wegecke mit Dir, Margret. Ich ginge gern mit Dir bis in’s Städtchen und weiter, durch die ganze Welt. Ach Margret,“ rief er plötzlich weich, indem er sie an sich drückte, „ich kann noch nicht fassen, daß wir uns trennen sollen –“

„Trennen – wir – uns trennen sollen?“ preßte Margret heraus, indem sie erblaßte und einen Schritt zurücktrat.

„Margret,“ erklärte Gustav mit feuchten Augen, „ich soll fort von hier – auf Vaters Befehl. Ich soll meine Dienstjahre in der Residenz abdienen.“

„Du sollst Soldat werden, Gustav?“ rief sie leidenschaftlich erregt.

„Ich habe mich ausgeloost letzten Freitag.“

„Aber Deine andern Brüder hat Dein Vater losgekauft. Ist Deine Arbeit ihm weniger wert, als die ihre?“

„Das kaum. Er denkt wohl an unsere Liebe, wenn er mich in des Fürsten Rock zwingt.“

[555] „Gustav, Du sollst sechs Jahre dienen in der Residenz, unter den liederlichen Menschen, von denen Frau Steuerrath Martin soviel zu erzählen weiß. Du sollst mich dort vergessen, Gustav. Was willst Du dagegen thun?“

„Ich – dagegen thun, Margret? Ich kann doch dem Vater nicht widersprechen! Ich habe doch nicht dreihundert Thaler zu eigen, um mich loszukaufen!“

„So lebe wohl!“ sagte sie energisch und ging.

„Margret, Margret – könntest Du wirklich so von mir gehen?“

„Wenn es einmal sein muß, dann lieber heute als morgen,“ gab sie mit blitzendem Auge zurück.

„Aber Margret, ich denke ja gar nicht daran, Dich zu vergessen. Margret, mein liebes, theures Herz!“

Er war ihr nachgeeilt und hatte sie wieder umfaßt. Sie schluchzte heftig.

„Hältst Du mich für so schwach, so leichtsinnig, daß ich inmitten wilder Cameraden in der Residenz Dich vergessen könnte?“

„Ich weiß, daß Du brav bist, Gustav. Aber schon Mancher ist dort verdorben. Ich würde an Deiner Stelle entschieden nicht Soldat werden. Du hast doch mütterliches Vermögen. Zum Loskaufen muß Dir das der Vater herausgeben. Das haben wir unten in der Stadt oft erlebt.“

„Aber ich werde erst im October volljährig. Vorher kann ich’s nicht verlangen, und noch vor dem October muß ich zahlen oder Soldat werden.“

„Gustav, der Vater muß es hergeben. Ich weiß es. Es war bei Müller’s Anton gerade so. Der sollte auch aus dem Hause unter’s Militär, weil der Alte wieder heirathen wollte. Und der Alte mußte doch zahlen. Ich werde morgen den Amtsrichter Kern fragen und Dir schreiben. Einstweilen halte Dich tapfer – Adieu!“

„Adieu, Schatz!“ –

Margret hatte im Drange der Tagesarbeit nur dann und wann an die peinliche Eröffnung denken können, die ihr Gustav gemacht hatte. Nun aber, da sie allein auf ihrem Lager ruhte, in der dunklen, stillen Nacht, kamen alle Sorgen, die auf dem Heimweg sie gequält, wieder über sie, und die Phantasie spann sie aus, größer und schwerer, als sie je gewesen.

Es war klar, daß der alte Stephan jetzt den Schlag geführt zu haben meinte, welcher das Verhältniß seines Sohnes zu Margret ganz lösen sollte. Hohn und Spott, den er dem Sohne wegen seiner Liebe zu einer Magd nicht selten vor Zeugen hatte angedeihen lassen, hatten sich als nutzlos erwiesen. Die Entfernung Margret’s aus dem Heimathdorfe, ihre Verdingung in der Stadt, hatte gleichfalls der alte Stephan bewirkt, wie sie seither mit Bestimmtheit erfahren. Niemand wollte sie mehr im Dorfe in Dienst nehmen, Niemand sie beherbergen, und so hatte sie unter fremde Leute gehen müssen.

Allerlei Gerüchte waren dann eine Zeitlang über Margret ausgestreut worden, im Dorfe wie in der Stadt. Man hatte mit halben Worten mehr gesprochen als genug ist, um den guten Ruf eines Mädchens zu vernichten. Frau Wolf aber war energisch für die Ehre ihres Dienstboten eingetreten, und als die Gerüchte am tollsten schwirrten, war eines Sonntag Morgens nach dem Gottesdienst Margret plötzlich vor dem alten Stephan, als er aus der Kirche trat, erschienen und hatte ihm mit blitzendem Auge vor der versammelten Gemeinde gesagt. „Du sollst nicht falsch’ Zeugniß geben wider Deinen Nächsten!“ Er hatte kein Wort zu erwidern gewußt – und seither waren die Gerüchte verstummt.

Bei allen diesen Versuchen, den Herzensbund des jungen Paares zu brechen, hatte sich Gustav, wie Margret freudig anerkannte, tapfer und treu gehalten; aber sie an seiner Stelle würde, wie sie meinte, doch noch anders gehandelt haben; sie hätte, auf eine einzige der väterlichen Spottreden hin, unbedingt das Vaterhaus verlassen und hätte irgendwo in der weiten Welt ihr Brod gesucht. Ihr Sinn und Muth war in harter Lebenserfahrung gestählt worden. Ihr einziges Glück war ihre Liebe, und sie hielt zäh und stolz daran, wie der Krieger an seiner Fahne. Sie war entschlossen, dieselbe gegen Jeden zu vertheidigen, der sie ihr zu entreißen versuchte, bis zu ihrem letzten Athemzuge; sie hatte die feste Absicht, auch die neueste, gefährlichste Intrigue des alten Stephan zu durchkreuzen. Denn hinter den sechs Jahren Garnisonsdienst ahnte Margret nicht nur die Gefahr der Verlockung und der Verwilderung für Gustav, sondern auch diejenige einer langjährigen Einsamkeit für sein und ihr Herz. Der alte Stephan wollte offenbar Zeit gewinnen, um das Töchterchen des reichen Stoppelbauern aus dem nächsten Dorfe heranwachsen zu lassen. Die beiden Alten hatte sich öffentlich verschworen, daß ihre Kinder ein Paar werden sollten. Das war der Hauptplan, der hinter der Soldatenspielerei steckte. Und wer konnte sagen, ob der Alte seinen Willen nicht durchsetzte, wenn Gustav einmal in der Residenz war?

Aber wie sollte sie, die arme Margret, den Plan durchkreuzen? Wer wollte den Alten zwingen, das Geld zum Freikauf des Sohnes aus dem Muttererbe herzugeben, wer klagen? Und wenn selbst geklagt wurde – bis zum October war der Proceß keinesfalls zu Ende. Aber bis dahin mußte die Summe beschafft werden oder Gustav mußte dienen.

Das waren die Sorgen, welche den Schlaf von Margret’s Lager scheuchten.

King’s Schritte waren längst verhallt, und eine halbe Stunde mindestens mußte seitdem verflossen sein. Da schien auch ihrer endlich der Schlaf sich erbarmen zu wollen. Länger und ruhiger ging ihr Athem. Ihr Auge war geschlossen und das Bewußtsein der Wirklichkeit begann sie zu verlassen.

[572] Plötzlich richtete sich Margret mit weitoffenem Auge leise im Bette empor und horchte gespannt in die stille Nacht hinaus.

Sie horchte lange und regungslos, mit verhaltenem Athem. Ein feiner, kalter Schweiß bedeckte ihr Gesicht, und es durchschauerte sie trotz der milden Sommernacht.

„Was war das, was soll das bedeuten?“ murmelte sie. Und wieder horchte sie lange hinaus.

Ein dumpfer Schrei, der aus dem Parterreflure kommen mußte, unterbrach jetzt plötzlich die Stille.

„Die Stimme des Herrn Wolf. Was mag er haben?“ rief sie ängstlich und flog in ihre Kleider.

Abermals ertönte ein Schrei von unten, gellender, aber schwächer als der vorige. Er schien aus dem Keller zu kommen.

Margret stürzte in fliegender Eile nach der Lehrlingskammer und klopfte mit der Faust an die Thür.

„Aufstehen – King, Buben, rasch!“ rief sie dringlich, aber gedämpft, damit ihr Ruf nicht weiter gehört werde, als in der Kammer. Dann flog sie die Treppen hinab, ohne Licht, nur von dem unbestimmten Gedanken geleitet, es müsse unten ein Unglück geschehen sein und sie müsse helfen.

In der Hausflur des Erdgeschosses gewann ihre Besorgniß festere Gestalt. Von den schmalen und steilen Stufen der Kellertreppe her erscholl ein unheimliches Getöse. Es klang bald wie Stöhnen und Aechzen, bald wie Zerren und Treten, wie das kämpfende Hin- und Herwogen menschlicher Körper. Herr Wolf hatte zweimal einen Schrei ausgestoßen, war er bei dem Kampfe betheiligt? Und wer noch?

Wenige Secunden genügten zu dieser Beobachtung. Inzwischen hatte sie Licht gemacht. Ihre Lampe hatte sie von oben mitgenommen und sie mit den Zündhölzern angezündet, welche, wie immer, neben der Hausflur in der Wandnische lagen.

Das muthige Mädchen schritt nun, die Lampe hoch in der Hand, unverzagt auf die Kellerthür zu, von wo her immer noch das Kampfgetöse erschallte.

„Herr Wolf, Herr Wolf, sind Sie da?“ rief sie laut und dringend. „Wer ist bei Ihnen?“

Unverständliche, gurgelnde Worte, die aber wiederum offenbar Wolf ausstieß, erhielt sie als Antwort.

Ihre Angst – nicht ihrethalben, aber für das Wohl des Herrn, dem sie diente, dessen Brod sie aß, unter dessen Dach sie [573] wohnte – war auf das Höchste gestiegen. Sie mußte das seltsame Geheimniß ergründen, das hinter der Kellerthür verborgen war. Sie erfaßte den Griff der Thür, die nach dem Innern des Kellers hin aufging. Sie drückte mit ganzer Kraft dagegen. Aber die Thür war nicht zu öffnen. Verschlossen war sie nicht, sondern einen ganz kleinen Raum breit geöffnet, und durch diese schmale Spalte zwischen Thür und Mauer sah sie auch vom Keller her einen matten Lichtschimmer dringen. Das Hinderniß an der Thür schien von einem Menschen herzurühren, der sich dagegen drängte und stemmte.

Wie konnte aber dieser Mensch ihr die Thür zuhalten, wenn er mit Wolf im Kampfe lag, der fortfuhr, unverständliche klagende Töne von sich zu geben? Waren vielleicht mehrere Männer über Wolf hergefallen? Dann war es die höchste Zeit, alle Hausgenossen zu Hülfe zu rufen.

Margret eilte in den Hof, nachdem sie die Hinterthür aufgeriegelt. [574] Auf den Hof gingen die Fenster des Schlafzimmers der Frau Wolf, wie King’s. Hier rief sie laut und leidenschaftlich, in rascher Wiederholung: „Zu Hülfe! Diebe, Mörder, Mörder, zu Hülfe!“

Aus den Schlafstuben der Frauen drang deren hülfloses Geschrei. In der Nachbarschaft wurden Fenster aufgerissen, wurde Hülfe zugesagt. Nur im Zimmer Wolf’s und in der Kammer King’s und der Lehrlinge blieb es still.

Margret war an die Kellerfenster geeilt, aber sie sah dort kein Licht, hörte keinen Laut mehr. Das Geheimniß, das sich dort abgespielt haben mußte, wurde immer unheimlicher, grausiger.

Wo war Herr Wolf hingekommen, daß man seine Stimme nun gar nicht mehr hörte? Wo der Mann oder die Männer, die mit ihm gekämpft hatten? Sie mußten noch im Hause sein. Denn das eigenthümliche klagende Knarren der Hausthür hatte Margret noch nicht gehört. Sie mußte wissen, wer diese Männer waren, gleichviel welche Folgen das für sie hatte. Sie hielt abermals die Lampe hoch über sich und wollte durch die Hinterthür, durch die sie in den Hof getreten, wieder in die Hausflur zurückkehren. Diese Hinterthür war jetzt von innen verriegelt. Margret schlug und drückte gegen dieselbe mit aller Kraft, aber ohne Erfolg.

In diesem Augenblicke ließ die Hausthür ihr klagendes Knarren vernehmen, indem sie geöffnet und dann wieder laut zugeschlagen wurde.

Der Thäter hatte offenbar jetzt das Freie gewonnen, ungesehen und unbehindert von den Nachbarn, die noch nicht auf der Straße zu hören waren. Das tapfere Mädchen dachte nur daran, dem Flüchtlinge nachzueilen, und bat die Damen drinnen, ihr sofort die Hinterthür aufzuriegeln, da die Hausthür gegangen, Jemand aus derselben entwichen sei. Die Damen entgegneten, sie hätten schon selbst vergebens versucht, auf den Vorsaal zu dringen. Ihre Thür sei von außen verschlossen.

Von Neuem ließ Margret laut ihre Stimme um Hülfe erschallen. Draußen auf dem Pflaster der Straße und von den Treppen des Hauses her hörte sie nach einigen weiteren Minuten fast gleichzeitig Männerschritte. Die Lehrlinge Barth und Hark kamen treppab mit dem Lichte und fragten sich ängstlich, warum denn gar Niemand im Hausflure des Erdgeschosses zu sehen sei, auch Margret nicht? Sie probirten die Hausthür zaghaft. Sie war unverschlossen. Es stak kein Schlüssel im Schloß.

Als sie öffneten, standen die zwei Nachbarn draußen, welche Margret’s Rufe herbeigezogen. Sie hatten vorsichtshalber gewartet, bis von innen geöffnet würde; denn die beiden Herren gehörten nicht gerade dem Wehrstande der Nation an. Der Eine, ein „Detaillist“, gab auch die Proben seines Muthes nicht im Großen ab. Der Andere, ein Schneider, war berühmt wegen des energischen Triebes der Selbsterhaltung, der ihn beseelte.

Aus dem Hofe bat Margret noch immer dringend, ihr die Hinterthür zu öffnen. Der kleine Hark that dies. Sie schloß, ohne ein Wort zu sagen, das Zimmer der Wittwe Wolf auf.

„Margret, was ist geschehen – wo ist mein Sohn?“ jammerte diese, auf einen Stuhl gesunken.

„Wir werden sehen, Madame,“ erwiderte Margret muthig. „Vielleicht schläft er noch. Auch Herr King schläft noch. Die Herren waren heute zum Gastmahl, wie Sie wissen. Ich werde gleich nachsehen lassen. Bleiben Sie ruhig hier! Frau Steuerrath Martin wird Ihnen Gesellschaft leisten.“

„Barth, Sie steigen sofort zu King hinauf und holen ihn herunter!“ befahl sie draußen. „Warum ist er nicht schon da?“

„Er war nicht zu erwecken, Jungfer. Er sprach nur confuses Zeug durch einander.“

„Nun, so wecken Sie ihn sofort! Sagen Sie ihm, es habe sich ein großes Unglück zugetragen!“

Barth ging.

„Und Sie, Meister Tromper, haben wohl die Güte, den nächsten Arzt und den Amtsrichter Kern herbeizuholen. Sagen Sie ihnen, es sei – ein Mord geschehen.“

Sie sagte das leise an seinem Ohr. Aber das feste Mädchen bebte doch, als es zum ersten Mal in Worten sagte, was seine ahnende Seele bewegte.

Der Schneider setzte sich in schleunigste Bewegung.

Also ein Mord – wirklich! Und er dazu ausersehen, die Nachricht zuerst herumzutragen, fern von jeder persönlichen Gefahr und Heimsuchung in dem unheimlichen Hause. Wer war denn ermordet? Gleichgültig wer. Er, Meister Tromper, lebte, und trug nun die Kunde von der furchtbaren That durch die stille, schlafende Stadt!

Sowie er fort war, nahm Margret wieder ihre Lampe hoch und bat den „Detaillisten“ und Hark ihr zu folgen. Auch Barth kam eben wieder herunter mit der Meldung, King werde gleich kommen, er sei auch jetzt noch kaum zu wecken gewesen. Margret schritt an der Spitze der Andern nach dem Keller. Die Thür leistete ihr keinen Widerstand mehr. Aber was man sah, als die Thür aufging, ließ schon das Schlimmste befürchten.

Unmittelbar am Kellereingang waren große Blutflecken wahrnehmbar – Blutspritzer an den Wänden, rechts und links von der Treppe. In der Mitte derselben traf Margret auf eine große Blutlache. Sie wies zitternd und schweigend darauf hin und schritt mit ihren Begleitern tiefer hinab. Am Fuße bog die Treppe plötzlich im rechten Winkel ab nach dem gewölbten, ziemlich niedrigen Vorkeller zur Linken.

Hier hemmte Margret plötzlich den Schritt, hielt die Lampe in der ausgestreckten Linken vor sich, reckte bebend den Kopf vor und rief gellend:

„Barmherziger Gott, da ist er!“

„Meister Wolf!“ riefen die Lehrlinge entsetzt. Der Detaillist hielt sich die Hand vor die Augen.

Auf dem sandigen Fußboden des Vorkellers, an der linken Wand, in halb sitzender Stellung, lag Meister Wolf in seinem Blute, nur mit Hemd, Unterbeinkleidern und Strümpfen bekleidet.

Lange Zeit stand die kleine Gruppe vor dem schrecklichen Anblick.

Da kamen schwanke, aber leichte Tritte, Tritte von Frauenfüßen die Treppe herab.

„Sie darf ihn nicht sehen,“ rief Margret ängstlich und drängte Alle zurück.

Es war zu spät. Schon war Frau Wolf bis in den Vorkeller gedrungen. Die Lampe Margret’s enthüllte ihr das ganze furchtbare Geheimniß auf einen Blick.

„O Gott, mein Sohn! Mein Sohn – todt!“ rief sie herzzerreißend und brach zusammen.

„Mein Gott, Madame Wolf, was ist Ihnen denn?“ ertönte in diesem Augenblicke die Stimme King’s, der eben die Treppe herabkam. Er fing die Sinkende auf und legte sie in die Arme der nachfolgenden Frau Martin.

„Was ihr ist?“ rief Margret erregt. „Sie haben einen gesegneten Schlaf. Sehen Sie einmal hierher! Ich will Ihnen zeigen, was in diesem Hause geschehen kann, während der einzige Mann im Hause schlief.“

Dabei leuchtete sie plötzlich in den Winkel, in dem der blutige Leichnam Wolf’s lag.

„O, das ist ja Herr Wolf – und todt!“ rief King, indem er die Hände rang und dann faltete.

Margret kam die Geste theatralisch vor; seine Worte erschienen ihr eisig kalt und geziert; den Anderen erschienen sie ganz natürlich. Margret zählte allerdings nicht zu den Verehrerinnen King’s. Der Mensch war ihr von jeher widerlich gewesen – sie wußte selbst nicht, warum.

Frau Martin und Hark hatten indeß die unglückliche Frau wieder zu sich gebracht und führten sie eben die Stufen der Treppe hinauf, fort von dem gräßlichen Anblick der Tiefe.

„Wir werden auch die Leiche hinaufschaffen müssen,“ meinte der Detaillist. Er griff dabei nach der Lampe Margret’s, um anzudeuten, daß er sich am Anfassen des Todten nicht zu betheiligen wünsche und das lieber Anderen überlasse.

„Ja, das könnten wir thun,“ bemerkte King ruhig. „Es ist besser für die arme Mutter, wenn der Todte oben liegt.“

Er that einen Schritt gegen die Leiche und rief Barth, beim Tragen zu helfen.

„Ich muß bitten, meinen armen Herrn nicht anzurühren, und genau an dem Platze liegen zu lassen, wo wir ihn todt gefunden,“ erklärte Margret bestimmt.

„Und warum das, Jungfer, wenn man fragen darf?“ wandte King etwas spöttisch ein.

„Weil das Sache des Gerichts ist,“ erwiderte Margret kurz. „Vielleicht gelingt es, aus der Lage und Stellung des Opfers auf die That und den Thäter zu schließen.“

[575] „Meinetwegen! Aber dann wollen wir wenigstens den Keller durchsuchen,“ sagte King.

„Ja wohl,“ pflichtete der Detaillist bei.

„Auch das würde ich bitten, mir zu überlassen,“ sprach in diesem Augenblicke eine volltönende, männliche Stimme von der untersten Kellerstufe, und der Amtsrichter Kern trat in den engen Lichtkreis.

„Guten Abend, Herr Amtsrichter!“ rief King sich verbeugend, „wer hätte gedacht, daß wir uns so bald wieder treffen würden!“

„Und bei einer so traurigen Gelegenheit,“ ergänzte der Detaillist wehmütig. Denn auch er gehörte zur Aristokratie der Ressource. Der Amtsrichter verbeugte sich gleichfalls.

„Margret,“ sagte er dann, „geben Sie mir Ihre Hand. Ich kann noch nicht ganz ermessen, wie tapfer Sie sich gezeigt haben. Aber was ich bisher gehört, läßt mich annehmen, daß ein seltener Muth Sie beseelt, der auch für die vergeltende Gerechtigkeit die beste Leuchte sein wird bei dieser dunklen That. Nehmen Sie einstweilen meinen Dank, Margret!“ Er drückte die ihm dargebotene arbeitsharte Hand des Mädchens.

Ein Freudenstrahl flog über ihr tiefbekümmertes Gesicht.

„Und nun an’s Werk!“ setzte er hinzu, indem er sich umsah. „Aber wir müssen mehr Licht haben. Ihr Burschen, rasch! Laßt Euch oben Lichter geben!“

Wenige Minuten später war es leidlich hell im Keller. Man konnte jetzt viel weiter und deutlicher sehen, als vorher bei Margret’s Lampe. Zahlreiche weiße und farbige Flecken auf dem Boden, unfern der Leiche, weiter gegen das Innere des Kellers zu, zogen zunächst die Aufmerksamkeit des Amtsrichters auf sich. Es waren Stücke weißen und farbigen Papiers. Er gebot, sie sorgfältig zu sammeln und an ihn abzuliefern.

Schon die ersten dieser Bruchstücke, die in die Hände des Richters gelangten und bei Lichtschein von ihm gelesen wurden, zeigten ihm, was diese Papierfetzen bedeuteten. Er hatte die zerrissenen Liebesbriefe der Braut des Ermordeten in Händen; sie hatten wahrscheinlich in einem offenen Ledertäschchen gesteckt, das der Ermordete um den Hals auf der Brust getragen zu haben schien.

Das war jedenfalls schon ein höchst bedeutsamer Fingerzeig nach der Person des Thäters. Denn sicherlich nur er, nicht der Meister Wolf hatte diese Briefe zerrissen. Warum hätte auch Wolf sie zerreißen sollen? Sie athmeten das reinste Glück bräutlicher Liebe; sie jubelten der baldigen Gründung der eigenen Heimstätte mit freudiger Hoffnung entgegen.

Derjenige, der diese Briefe zerrissen, mußte im Innersten erregt, auf’s Höchste erbittert sein durch die Liebe und Hingebung an den Todten, die in diesen Briefen sich aussprach. Er hatte sicher keine Zeit gefunden, die Briefe nach seiner grauenvollen That zu lesen – kaum Zeit, sie zu zerreißen. Er mußte also, auch ohne sie zu lesen, gewußt haben, was darin stand. Im Städtchen gab es nur Einen, auf den alle diese Zeichen paßten, den der Richter der blutigen That zugleich fähig halten konnte: Karl Bahring.

Noch hatte der Amtsrichter diesen Namen nicht ausgesprochen, vielmehr nur schweigend und sinnend des Menschen gedacht, der diesen Namen trug, als er laut und anklagend neben ihm genannt wurde.

Margret nämlich hatte ein im äußersten Winkel des Vorkellers liegendes blutiges Taschentuch gefunden und aufgehoben. Der Mörder hatte offenbar seine blutigen Hände daran abgewischt. Deutlich war der Abdruck blutiger Finger an dem Tuch zu sehen, der Umriß großer blutiger Hände. Dieses Taschentuch war von weißer Leinwand und zeigte in der Ecke in rother Stickerei die Buchstaben K. B.

„K. B.!“ rief Margret laut und bestürzt, indem sie zum Amtsrichter trat, um ihm das Tuch zu übergeben „Sollte das Karl Bahring heißen, Herr Amtsrichter?“

„Karl Bahring! Ja, so – das könnte stimmen,“ meinte der Detaillist zuversichtlich.

„Karl Bahring ist der Mörder – kein Anderer!“ rief Schneider Tromper, der eben erst von seinem Lauf zurückgekehrt war; er setzte sich sofort wieder in Bewegung treppauf.

„Halt!“ rief ihm Kern nach. „Niemand verläßt das Haus ohne meine Genehmigung.“

Tromper mußte umkehren. Oben, innerhalb der Haus- und Hinterthür, hatten sich auf Befehl Kern’s inzwischen zwei Gerichtsdiener eingefunden, die ohne seine Erlaubniß Niemand aus- und einließen.

Als die zerrissenen Liebesbriefe gefunden waren, stand es bei dem Amtsrichter fest, daß Karl Bahring der Mörder sei. Ebenso war für Diejenigen, welche Bahring’s Charakter kannten, durch Auffindung der zerrissenen Briefe die Person des Thäters nahezu festgestellt. Aber für alle Anderen noch keineswegs. Und Andere, als die Mitbürger Bahring’s, die Geschworenen der benachbarten größern Stadt, hatten dereinst über die That und den Thäter zu richten. Wenn Bahring leugnete – die zerrissenen Liebesbriefe allein vermochten ihn vor fremden Richtern kaum zu überführen. Es gab ja dafür eine Erklärung, an die auch Kern schon gedacht hatte, welche auf einen ganz unbekannten Thäter, auf einen Raubmord hinwies. Der Mörder hatte – so konnte Bahring einwenden – vermutlich nach der Brusttasche des Erschlagenen gegriffen, um sich den Preis seiner blutigen That anzueignen. Er hatte nur Briefe und immer wieder Briefe gefunden, kein Geld. Draußen rief Margret nach Hülfe. Er mußte fliehen, um nicht entdeckt zu werden. Im blinden Zorn über die Erfolglosigkeit seines Mordes zerriß er die Briefe. Oder er that es, um den Verdacht auf Bahring zu lenken.

So konnte Bahring sich, wahrscheinlich mit Aussicht aus Erfolg, vertheidigen, meinte Kern. Die Anklage vor dem Schwurgericht stand auf schwachen Füßen, wenn sie nur dieses Judicium auszuführen hatte – so gewiß dem Amtsrichter selbst die Person des Mörders dadurch verrathen wurde.

Aber seitdem das Taschentuch gefunden war, gingen dem Richter auch erhebliche Zweifel darüber bei, daß Bahring überhaupt der Mörder sei, und zwar gerade dann, wenn festzustellen war – was ja jetzt lediglich auf Vermuthung beruhte – daß dieses Taschentuch Bahring gehörte.

Der Mörder hatte das Tuch sicherlich dazu benutzt, seine blutigen Finger, seine Hände von Blut zu reinigen. Damit verrieth er, daß die Stimme der Vernunft, der Drang der Selbsterhaltung bei ihm wieder erwacht sei; sollte er im nämlichen Augenblicke das blutbefleckte Tuch, auf dem sein Name stand, in einen Winkel des Vorkellers geschleudert haben, damit es ganz sicher ihm zum Verräther werde, weit sicherer als blutige Hände jemals es hätten werden können? Das erschien dem Amtsrichter ein unlösbarer Widerspruch. Das erschütterte seinen Verdacht gegen Bahring so sehr, daß er zauderte, den Verhaftsbefehl zu ertheilen, den er nach der Entdeckung der Briefe bereits ausfertigen wollte.

„Aber immerhin bietet seine Person bis jetzt den einzigen Anhalt zum Verdacht,“ wandte er sich selbst wieder ein. „Das Taschentuch führt die Erörterung der Verdachtsmomente weiter.“

Damit wandte er sich an Margret.

„Ist der Eingang zum Keller hier verschließbar?“ fragte er.

„Jawohl.“

„Gut. – Barth, holen Sie den Schlüssel! Lassen Sie den Diener, der an der Hofthür Wache hält, diese schließen und herunterkommen!“

Es geschah.

„Sie bleiben hier an der Leiche stehen und lassen Niemand dazu!“ befahl Kern dem Diener. „Margret und King, Sie folgen mir durch den Keller!“

Auch das geschah.

Der Keller hing voller Felle. Von den gestern angekommenen werthvollen Pelzen fehlte, nach King’s Versicherung, kein Stück. Es waren große Felle und an Trockengerüsten reihenweise aufgehangen. Des Tages hingen sie im Freien, im Hofe. Auf deren Entwendung konnte also die Absicht des Thäters kaum gerichtet gewesen sein.

Auch ein weiteres Resultat ergab die Nachforschung im Keller. Der Thäter konnte nicht vom Hofe her eingestiegen und dann etwa durch ein Fenster des Kellers in’s Innere des Hauses eingedrungen sein; denn diese Fenster waren alle gut verriegelt. Die Lehrlinge versicherten, daß der Meister selbst noch, bevor er sich schlafen legte, mit ihnen den Keller durchsucht und den Verschluß der Fensterriegel selbst geprüft habe. Dasselbe habe er in allen Geschäftslocalitäten des Erdgeschosses und des Bodenraumes gethan. [576] Die Läden der Räume, die nach der Straße, nach dem Hofe führen, habe er gleichfalls selbst geschlossen.

„Wie stand es mit der Hofthür?“ fragte Kern.

„Auch diese hat der Meister vor dem Schlafengehen verriegelt, wie immer,“ versicherten die Lehrlinge.

„Ich habe sie noch verriegelt gefunden, als ich nach zehn Uhr mich niederlegte,“ ergänzte Margret. „Ja, selbst noch, als ich während der Ermordung des Herrn auf den Hof eilte, war sie verriegelt.“

„Und die Hausthür?“ fragte Kern weiter.

„Auch diese war verschlossen, als ich in’s Bett ging, Herr Amtsrichter,“ erklärte Margret.

„Sie waren zu jener Zeit noch in der Ressource?“ wandte sich der Richter an King.

„Jawohl.“

„Sie führen selbst einen Hausschlüssel?“

„Ja.“

„Wo ist er?“

„Oben in meiner Kammer.“

„Sie werden mir ihn nachher zeigen.“

„Zu Befehl, Herr Amtsrichter.“

„Können Sie sich erinnern, ob Sie die Hausthür fest verschlossen haben?“

„Ganz bestimmt,“ versicherte King. „Das muß auch Herr Fritz Becker gehört haben, der mich bis hierher begleitete.“

Margret wollte etwas hierzu sagen – aber sie hielt an sich.

„Wer führt die anderen Hausschlüssel?“

„Den einen hatte der arme todte Herr Nachts in seinem Zimmer; den andern die Madam in dem ihrigen.“

„Wir werden nachher sehen, ob sie dort sind,“ sagte Kern. „Der Thäter kann nach alledem nur durch die Hausthür eingedrungen sein,“ wandte er sich an King. „Wie mag er, nach Ihrer Ansicht, die Thür haben öffnen können?“

„Wenn die anderen Hausschlüssel oben an ihrem Platze hängen, Herr Amtsrichter – doch wohl mit einem Nachschlüssel?“

„Ja, das muß wohl sein,“ meinte Kern sinnend. „Sagt einmal, Jungens, wie fandet Ihr denn die Hausthür, als Ihr herunterkamt?“ fragte er die Lehrlinge.

„Offen,“ erwiderten beide. „Wir ließen die beiden Nachbarn gleich ein.“

„Wenige Minuten, ehe die Lehrlinge herunterkamen,“ fügte Margret bestätigend hinzu, „hörte ich die Hausthür aufschließen und öffnen und dann wieder zuwerfen. Es war vermuthlich der Augenblick, als der Thäter das Freie gewann.“

„Aller Wahrscheinlichkeit nach,“ meinte der Detaillist pfiffig.

„Saht Ihr, als Ihr herunterkamt, einen Schlüssel in der Hausthür stecken, innen oder außen?“ fragte Kern wieder die Lehrlinge.

„Nein.“

„Gut.“

Er ging mit den Anderen wieder nach dem Vorkeller, nahm den Gerichtsdiener, der noch bei der Leiche Wache hielt, auf die Seite und sagte ihm leise, nachdem er einige Formulare ausgefüllt und unterzeichnet hatte: „Hier haben Sie einen Haftsbefehl gegen Karl Bahring, Fleischermeister an der Kasseler Straße. Sie bringen ihn sofort hierher! Nehmen Sie beim Vorüberkommen an der Hauptwache drei bis vier Mann Militär mit! – Da haben Sie auch hierfür den Befehl!“

Der Diener eilte hinauf.

In diesem Augenblicke kam der Gerichtsarzt, Doctor Ammann, die Treppe herab.

„Sie konnten nicht gelegener kommen, Herr Doctor,“ sprach Kern, ihm die Hand reichend. „Wir haben eben die Besichtigung der hiesigen Localitäten vorläufig beendet und wollten an die Untersuchung der Leiche gehen.“

Der Doctor hatte die Begrüßung des Amtsrichters erwidert und war nahe an die Leiche getreten. Er sah finster in das vom Todeskrampf verzerrte Antlitz, erhob den einen der schlaffen Arme und fühlte nach dem Pulse.

„Unzweifelhaft todt,“ erklärte er. „Die Lebenswärme ist schon fast ganz gewichen. – Furchtbare Wunden!“ fügte er kopfschüttelnd hinzu, indem er Hals, Brust, Rücken und Arm flüchtig betrachtete und nur die Stiche zählte, die durch Löcher im Hemde und Blutquellen als solche bezeichnet waren. „Es mögen an zwei Dutzend Wunden sein. Und der eine Schnitt hier durch die Vena jugularis am Halse hätte allein schon den Tod herbeiführen müssen. Selbstmord ist völlig ausgeschlossen. Aber es ist doch besser, Sie lassen die Leiche nach oben schaffen, wenn ich genauer untersuchen soll.“

„Ich wartete nur auf Ihr Erscheinen, Herr Gerichtsarzt,“ erwiderte Kern verbindlich. „Herr King, Barth und Hark werden die Güte haben, die Leiche zu tragen.“

Die Genannten gehorchten, die Lehrlinge mit sichtlichem Grausen. Sie hatten in ihrem jungen Leben noch nie einen Todten berührt. King hatte die Beine Wolf’s erfaßt. Die Lehrlinge, die Arme haltend, gingen voran, damit die Leiche, den Kopf aufwärts, emporgetragen würde. Margret trug ihre Lampe voraus, die beiden Nachbarn die Lichter. Doctor und Richter bildeten den Schluß des Zuges.

„Halt!“ rief Kern, sowie die Leiche erhoben und einige Schritte nach dem Ausgange getragen war. „Lichter her!“

Am Boden, da wo die Leiche gelegen hatte, funkelte etwas. Kern bückte sich und hob den Gegenstand auf.

[590] „Eine Dolchscheide,“ sagte der Amtsrichter, „von schwarzen Leder mit silbernem Beschlag. Die Waffe muß eine ungewöhnliche Länge und Breite besessen haben. Kennt Jemand diese Dolchscheide?“

Niemand kannte sie. Der Zug setzte sich wieder in Bewegung und schritt, nachdem Kern die Kellerthür verschlossen und den Schlüssel zu sich gesteckt, in’s Erdgeschoß; und wieder weiter in die erste Etage, in das Zimmer Wolf’s, das des jungen Ehegatten Schlafzimmer hatte werden sollen und nun seiner Leiche zur letzten Ruhestätte über der Erde diente. –

Das Schlafzimmer und Bett des Todten waren unversehrt; letzteres machte den Eindruck, als sei es eben vom Inhaber verlassen worden, nachdem dieser kurze Zeit auf demselben geruht hatte. Uhr, Geldbeutel, Verlobungsring des Ermordeten lagen auf dem Nachttischchen; seine Kleidung auf dem Stuhle am Fuße des Bettes. Nirgends im Zimmer die Spur einer Unordnung, eines Kampfes. Wolf mußte das Bett verlassen haben – aus welcher Veranlassung, war noch unklar – in der Meinung, sogleich dahin zurückkehren zu können, halb entkleidet, wie er im Keller gefunden worden, ohne Ahnung einer Gefahr, die ihn bedrohe.

Der Arzt begann den Todten zu entkleiden, und Kern hatte soeben den Begleitern geboten abzutreten und in der Flur seiner Befehle zu harren, als die Mutter des Ermordeten mit Frau Martin hereinwankte.

Die arme Frau hatte ihr einziges Kind verloren, die Stütze ihres Wittwenstandes. Sie hatte den Sohn geboren; sie hatte ihn als Knaben und Jüngling wachsen und gedeihen sehen mit Mutterlust; sie hatte mit allem mütterlichen Stolze das Streben und den Erfolg seiner jungen Mannesjahre begleitet. Und nun – todt! Von ihr genommen für immer! Sie allein gelassen, mutterseelenallein, in der weiten, öden Welt! Sie ergriff seine kalte Hand und schmiegte ihre Stirn, ihren Mund daran; sie bedeckte die todte Hand mit Küssen. Es war ja dieselbe Hand, die einst ihren Hals umschlungen hatte, während der Mund, der jetzt für immer stumm war, zum ersten Mal ihr den süßen Namen Mutter gab.

„Frau Wolf,“ sagte Kern nach langer, andächtiger Stille, „haben Sie die Güte, uns bei der Ausübung unsrer traurigen Pflicht allein zu lassen!“

„Sie haben Recht,“ erwiderte sie, sich erhebend. „Empfangen Sie meinen innigsten Dank für Ihre aufopfernden Bemühungen!“

Sie schritt, auf den Arm der Frau Martin gestützt, hinaus, und Kern begleitete sie bis an die Schwelle ihres Schlafzimmers.

„Sie konnten nicht auf den Flur heraus, als Margret Sie rief und Sie Geräusch vom Keller hörten, nicht wahr?“ fragte er.

„Nein. Die Thür war von hier aus verriegelt.“

„Lassen Sie mich doch das Schloß einmal betrachten!“

Auch Margret war mit der Lampe in der Hand der Herrin treppab gefolgt, sie leuchtete nach dem Thürschlosse, und der Amtsrichter prüfte aufmerksam den Griff des Schlüssels, der in dem Schlosse steckte.

„Das sind Blutflecke,“ sagte er bestimmt, indem er mit dem Zeigefinger auf den Schlüssel wies. „Leuchten Sie mir an die Hinterthür, Margret!“

Auch hier fanden sich am Riegel, der nach Margret’s Bericht vorgeschoben worden war, während sie im Hofe verweilte – Blutspuren, blutige Fingerabdrücke. Dieselbe Wahrnehmung machte der Amtsrichter an der Klinke der Hausthür.

„Sonderbar,“ dachte Kern für sich. „Wenn wir dem blutigen Taschentuch glauben wollen, hatte der Mörder im Keller seine Hände von Blut gereinigt. Und hier erscheinen von neuem Blutspuren an allen Thüren, die er nach der That berührt hat. Wie ist das zu erklären?“

Der Gerichtsdiener, der zur Verhaftung Karl Bahring’s entsendet worden war, kehrte jetzt zurück – allein. Der sonst so ruhige Mann schien sehr aufgeregt.

„Sie haben den Gesuchten wohl nicht getroffen?“ fragte Kern, indem ein leichtes Lächeln bei dem Unmuth des eifrigen Dieners über sein Gesicht glitt; denn daß dieser den Fleischer nicht mehr zu Hause, auch nicht in der Stadt finden werde, nahm er als selbstverständlich an.

„O ja,“ erwiderte der Diener mürrisch. „Getroffen hab’ ich ihn schon.“

„Nun, warum haben Sie ihn denn nicht mitgebracht?“ fragte Kern erstaunt.

„Sie hatten doch nicht befohlen: ‚todt oder lebendig’, Herr Amtsrichter?“

„Natürlich nicht, da er ja lebt,“ rief Kern unwillig.

„Nein, er ist eben todt,“ versicherte der Amtsbote.

„Karl Bahring? Todt?”

„Karl Bahring, der Fleischermeister – ist todt,“ versicherte Etzold mit jener Amtswürde, die keines Irrthums fähig ist.

„An was denn gestorben, so plötzlich? Ich kann es kaum glauben.“

„Nun, er hat sich erschossen. Was denn weiter?“

„Etzold, reden Sie so über den Tod eines Menschen?“

„Ich meine nur, es war doch das Vernünftigste, was er thun konnte, Herr Amtsrichter.“

„Warum?“

„Nachdem er den Mord hier begangen und die ganze Stadt in Alarm war – –“

„Hielten Sie ihn auch für den Mörder?“

„Nun, Herr Amtsrichter, so dumm ist doch Etzold nicht? Und dann lesen Sie ’mal diesen Zettel, den ich neben dem erschossenen Leichnam gefunden und zu mir gesteckt habe!“

Der Amtsrichter nahm begierig den Zettel und las.

„Es ist vollbracht –“ stand da geschrieben, in schweren, aufgeregten Schriftzügen. „Ich kann nicht weiter leben. Erst wollte ich sie tödten, die Ungetreue – dann mich. Doch es ist besser so, wie ich es nun beschlossen und gethan habe, wenn dieser Zettel gefunden wird. So wird das Glück ihrer Untreue doch getrübt. – Gott mag über mich richten und über –

Karl Bahring.“

„Unklar und zweideutig,“ murmelte der Amtsrichter vor sich hin. „Wo haben Sie den Zettel gefunden, Etzold?“

„Neben der Leiche, Herr Amtsrichter. Der Todte lag auf dem Sopha seines Zimmers, der Zettel auf dem Tische daneben, und das Notizbuch, aus dem das Papier gerissen war, wenige Zoll davon. Die Pistole, mit der er sich umgebracht, war aus seiner Hand auf die Diele gesunken.“

„Wann mag die That geschehen sein?“

„Kaum vor einer halben Stunde, Herr Amtsrichter. Als ich ankam, hatte er eben den letzten Athemzug gethan; die alte Haushälterin hatte ihn nach Hause kommen hören. Wenige Minuten später fiel der Schuß, und als sie in sein Zimmer eilte, that er eben die letzten Seufzer.“

Der Amtsrichter sann einen Augenblick nach, dann wandte er sich an die Umstehenden, welche das Gespräch herbeigezogen, an King, Margret, die Lehrlinge und die Nachbarn und sagte:

„Ich danke Ihnen. Sie können schlafen gehen. Ich werde Sie nicht mehr nöthig haben. Gute Nacht!“

„Besten Dank, Herr Amtsrichter!“ erwiderte King gähnend. „Ich kann mich vor Müdigkeit kaum mehr auf den Beinen halten.“

Und die Leute des Hauses geleiteten die Nachbarn zur Thür und stiegen dann, mit Ausnahme Margret’s, wieder in ihre [591] Kammern hinauf. Diese eilte zu ihrer Herrin, um noch nach ihren etwaigen Befehlen zu fragen.

Der Amtsrichter Kern begab sich zum Bezirksarzt zurück, der noch bei der Leiche weilte, um diesen von Bahring’s Tod in Kenntniß zu setzen.




„Mir ist nun Alles klar,“ schloß der Amtsrichter seinen Bericht über die bisherigen Ermittelungen an den Arzt. „Bahring hat den Mord begangen, aus Eifersucht, um sich an seinem glücklicheren Nebenbuhler, an seiner ungetreuen Geliebten zu rächen. Aber er war schon bei Vollführung der Mordthat entschlossen, sich der weltlichen Gerechtigkeit durch Selbstentleibung zu entziehen. Er achtete daher auch nicht auf die Gefahr, welche ihm die Zurücklassung seines blutigen Taschentuches und die Zerreißung der Briefe der Braut bringen mußte. Denn vor der Entdeckung hoffte er sicher sein Haus zu gewinnen. Die Reinigung seiner Hände von Blut war eine Regung jenes menschlichen Schauders, der auch den Mörder erfaßt, wenn er das vergossene Blut des Opfers an seiner Hand gewahrt. Er verschloß alle Thüren bei seinem Weggang, die ihm Entdecker und Verfolger hätten zuziehen können, ehe er die Straße und sein Haus gewonnen. Er mußte sich freilich von dem Schlosse der Hausthür einen Abdruck, einen Nachschlüssel verschafft haben. Diesen hat er vermuthlich unterwegs versteckt, verloren oder in den Fluß geworfen. Damit ist das Interesse der Justiz an dem Falle erledigt, Herr Doctor, und wir müssen, der gesetzlichen Vorschrift halber, nur noch im Laufe des Tages eine vollständige äußere Besichtigung des Leichnams des armen Wolf und dann dessen Section vornehmen.“

„Dann möchte ich, wenn Sie erlauben, die äußere Besichtigung des Leichnams jetzt gleich vollenden,“ erwiderte der Bezirksarzt.

„Ganz wie Sie wünschen! Ich werde unterdessen das Protokoll über die bisherige Resultate unserer Erörterungen aufsetzen. – Ist hier irgendwo ein Schreibtisch mit Tinte und Feder?“ fragte Kern die eintretende Margret.

„In dem zweitnächsten Zimmer,“ erwiderte sie und leuchtete dem Amtsrichter dorthin.

„Wo?“ fragte er, sich umblickend.

„Dort im Secretär,“ sagte sie leise. Und nachdem sie einen Augenblick argwöhnisch in der Richtung nach dem Flur gehorcht, fügte sie rasch und erregt hinzu. „Ich habe Ihnen eine wichtige Mittheilung zu machen, Herr Amtsrichter.“

„Eine Mittheilung? Reden Sie,“ bat Kern, indem sein Auge mit Spannung und Wohlgefallen auf den klugen, schönen Zügen des Mädchens ruhte.

„Ich glaube nicht, daß Bahring der Mörder meines Herrn war,“ stieß Margret leise und dringend hervor.

„Bahring nicht – wer denn, Margret?“

„Das mögen Sie selbst ermessen, Herr Amtsrichter, wenn Sie mich angehört haben!“

„Nehmen Sie Platz!“ bat der Amtsrichter eifrig, indem er sich in einen Lehnstuhl setzte.

Margret blieb stehen. Sie stellte ihr Licht auf den Tisch und trat dann nahe an den Amtsrichter heran, damit ihre leisen Worte von ihm verstanden würden, und der Horcher, der etwa draußen an die Thür träte, nichts vernehme. Ihr Busen wogte. Das ruhige, muthige Mädchen war sichtlich erregt über das, was sie zu sagen hatte.

„Herr Amtsrichter,“ begann sie, „ich muß sehr kurz sein; denn während ich rede, wird der Mörder Alles aufbieten, die Spuren seiner That zu verwischen. Folgen Sie den geringen Beweisen, die ich jetzt bieten kann, sofort! Sonst ist es für immer zu spät. – Ich muß Ihnen also vor Allem sagen: Ich wachte, als sich der erste Lärm diese Nacht erhob. Bis nach elf Uhr wachte ich – nun, weil ich nicht schlafen konnte, aber von da an – weil Herr King nach Hause kam und weil ich erst schlafen wollte, nachdem ich sicher war, daß er schlief. Ich sehe, ich bin Ihnen unverständlich. Ich muß Ihnen leider, um Ihnen etwas verständlicher zu werden, ein Geheimniß anvertrauen, das bisher nur mir gehörte. Herr King ist mir von jeher unheimlich gewesen, aber seit etwa einem halben Jahr wurde er mir verächtlich. Ich schlief bis dahin, auf den Frieden dieses Hauses vertrauend, bei offener Thür. Eines Nachts fahre ich aus dem Schlaf empor und sehe zu meinem namenlosen Schrecken einen Mann am Rande meines Bettes sitzen, seine Rechte ist um meinen Hals geschlungen. Es war King. Der gebrochene Strahl des Mondes, der durch mein kleines Fenster drang, verrieth ihn. Ich verlor kein unnützes Wort, Herr Amtsrichter. Im nächsten Augenblick saß ihm ein so kräftiger Faustschlag unter dem Kinn, daß alle seine Zähne klapperten. Ich sah, wie er beide Hände an die Kinnladen erhob, um den Schmerz zu verbeißen.

‚Sie gehen augenblicklich, oder ich rufe um Hülfe,’ sagte ich. Er verschwand geräuschlos, Herr Amtsrichter. Ich hörte nur noch, wie er auf seinen wollenen Socken unheimlich leise auf den Vorsaal huschte und in der Gesellenkammer verschwand. So muß eine giftige Schlange schleichen, dachte ich mir. Am andern Morgen klagte er über Zahnschmerzen. Das geschah vor etwa einem halben Jahr. Ich sagte bis zur Stunde Niemandem davon.

Diese Nacht nun hörte ich nach elf Uhr deutlich, wie King mit schwerem Männerschritt die Treppen heraufkam. Er ging direct in seine Kammer. Eine halbe Stunde etwa verging in lautloser Stille, und ich durfte wohl annehmen, er sei fest eingeschlafen. Auf einmal höre ich wieder denselben hastenden, schleichenden Tritt, mit dem King in jener Nacht aus meiner Kammer entwichen war. Ich fürchtete nichts; denn meine Kammer hielt ich seitdem gut verriegelt, und er wußte das. Um so auffallender war es mir, daß jetzt seine Schritte gerade auf meine Thür zukamen. Wollte er sich überzeugen, daß ich schlief, und weshalb? Ich that ihm den Gefallen und athmete laut und lang, wie eine Tiefschlafende, obwohl ich in meinem Bette aufsaß und mindestens mit derselben Spannung jede seiner Bewegungen begleitete, wie er die meinigen. Sowie er mein tiefes, regelmäßiges Athmen gehört, schlich er wieder davon. Er schlich der Treppe zu.

Was mag er vorhaben? dachte ich. Offenbar etwas, wozu er keine Zeugen habe möchte – am wenigsten mich; denn er wußte, daß ich seit jener Nacht jeden seiner Schritte bewachte. Was konnte er aber vorhaben? Ich machte mich bereit, sofort hinabeilen zu können, sowie ich eine Thür, ein Fenster würde gehen hören. Aber ich hörte nichts, gar nichts mehr; denn seine Tritte waren schon auf der obern Treppe unhörbar geworden. Minuten vergingen geräuschlos. Da hörte ich doch etwas. Die Stimme meines Herrn sprach gedämpft in der ersten Etage, ruhig, aber sehr leise, zu einem Andern. Dieser Andere mußte King sein. Beide mußten nun tiefer, nach dem Keller zu gehen; denn ich hörte die Stimme meines Herrn noch einmal auf der untern Treppe, die bei der Hausthür endet. Ich hörte auch, daß sein Tritt jene Stufe der untern Treppe berührte, welche man nicht betreten kann, ohne daß sie knarrt. Dann hörte ich kurze Zeit später, von der Gegend der Kellerthür, aus dem Hausflur einen Schrei – dann noch einen, tiefer im Hause, schriller, und doch gedämpfter. Ich eilte nun hinunter. Das Uebrige wissen Sie, von Tromper, von den Damen.“

„Sie halten King für den Mörder, Margret?“ fragte der Amtsrichter, sinnend in ihr Auge blickend, als sie inne hielt.

„Ja, Herr Amtsrichter,“ antwortete sie leise und scharf, und ein sichtbares Schaudern ging durch ihren ganzen Körper.

„Geben Sie mir nur Beweise,“ sagte der Amtsrichter ermuthigend.

„Was ich bisher Ihnen mittheilte, erscheint Ihnen also nicht wichtig?“ fragte Margret kleinlaut.

„Im Zusammenhang mit Anderm gewinnt es vielleicht Bedeutung,“ erklärte Kern freundlich, „Vor Allem eine Frage: wie denken Sie sich den Hergang von dem Augenblick an, wo Sie King’s Schritte auf der oberen Treppe verhallen hörten, bis zu dem Moment, wo Sie den ersten Schrei Wolf’s vernahmen?“

„Nun, das scheint mir einfach,“ erwiderte Margret. „King wußte, daß Wolf gestern Felle von bedeutendem Werth erhalten hatte. Er kannte auch den seligen Herrn genau und wußte, daß dieser ein bischen ängstlich war. Auf diese Aengstlichkeit, diesen Argwohn des Herrn hat der schreckliche Mensch da oben seinen Plan gebaut. Sie wissen wohl, Herr Amtsrichter: ich habe nachher, als der Mörder sich gegen die Kellerthür stemmte, um mich von der Mordstelle fern zu halten, Licht aus der Tiefe schimmern sehen. Dieses Licht konnte der Thäter nicht anzünden, während er den Meister an der Thür überfiel, auf der Treppe mit ihm in hartem Kampfe lag. Er muß es vorher angezündet [592] haben. Er ist wahrscheinlich zuerst von oben in den Keller geschlichen. Dort hat er zunächst Licht angebrannt.“

„Hat King denn ein Licht?“

„Nein, aber Hark.“

„Wo?“

„Hinter einem kleinen, schräg hängenden Spiegel über seinem Bett, an dem King vorbei muß, wenn er nach seiner Kammer geht oder von dieser herkommt.“

„Gut – weiter!“

„Sowie also King dieses Licht im Keller angebrannt hatte, schlich er – so denke ich mir den Hergang – wieder nach oben, zum Zimmer seines Meisters und weckte diesen durch den leisen Zuruf: ‚es seien Diebe im Keller.’ Der Meister öffnete, halb angekleidet, seine Thür, und der Geselle bat ihn, sehr still zu sein, um die Diebe nicht zu verscheuchen. Er zeigte ihm vielleicht zu seiner Beruhigung die Waffe, die meinem armen Herrn später das Herz durchbohren sollte.“

[603] „Wolf,“ schaltete Kern ein, „müßte vorangegangen sein, damit King bei seinem Angriff auf den Meister vor dessen Schrei oder Gegenwehr sicher gewesen wäre.“

„Herr Wolf ist wahrscheinlich auch vorangegangen,“ erwiderte Margret. „King brauchte blos zu sagen ‚Sie fürchten sich wohl, Meister?’ so ist er gewiß vorausgegangen. Wie sie nun bei der Kellertreppe waren, hat King den Armen plötzlich gefaßt, vielleicht gewürgt und dann zur steilen Kellertreppe hinabgestoßen und nun hat der letzte Kampf begonnen.“

„An Ihnen, Margret, ist ein Untersuchungsrichter verloren gegangen,“ rief Kern mit Feuer. „Aber beantworten Sie mir noch eine Frage: wie kommt es, daß Hark ein Licht für sich besitzt, wenn King nicht einmal eines hat?“

„Es ist wohl ein Geschenk von Hark’s Mutter,“ erklärte Margret. „Es ist auch ganz anders als die unseren.“

„Von was für Stoff ist denn Hark’s Kerze?“

„Von Stearin,“ erwiderte Margret.

„Von Stearin?“ wiederholte der Amtsrichter überlegend. „Kommen Sie – wir wollen nachsehen.“

Der Amtsrichter eilte nach dem Zimmer zurück, in dem der Bezirksarzt mit dem Todten beschäftigt war.

„Schon fertig mit dem Protokoll?“ fragte der Doctor verwundert.

„Es ist keine Zeit dazu,“ sagte der Amtsrichter hastig. „Ich habe eine andere Fährte und will sie verfolgen, so lange sie noch unverwischt ist.“

„Eine andere Fährte?“ fragte der Arzt erstaunt.

„Jawohl, Herr Bezirksarzt. Bitte, folgen Sie uns!“

Er ließ Margret mit der Leuchte wieder vorangehen, nach dem Keller. Der Arzt folgte. Unterwegs rief Kern einen der Gerichtsdiener heran.

„Sie stellen sich an die obere Treppe, in der ersten Etage!“ befahl er. „Wenn Jemand herunter will, so halten Sie ihn fest.“

Dann schloß Kern die Kellerthür auf. Er suchte eifrig mit Margret’s Lampe am Boden des Vorkellers, schien aber nicht zu finden, was er suchte. Endlich, nahe dem Eingang zum großen, eigentlichen Keller, rief er plötzlich: „Hier!“ stellte die Lampe auf den sandigen Boden, kniete nieder und wies mit dem Finger auf eine Anzahl weißlicher Tropfen im Sande. „Was ist das, Herr Doctor?“ fragte er.

Auch der Doctor beugte sich nahe über die erstarrten Tropfen, nahm einen auf, rieb mit dem Finger daran und prüfte dessen Geruch und Geschmack. „Stearin,“ sagte er dann ruhig, „weiter nichts.“

„Weiter nichts,“ wiederholte Kern lächelnd. „Aber vielleicht bilden diese harmlosen Stearintropfen die erste Einleitung zu einem Todesurtheil.“

Der Arzt sprang auf, und Kern erzählte ihm rasch, was er von Margret vernommen.

„Das Mädchen hat Recht,“ sagte der Doctor nach kurzem Nachsinnen. „So, allein so, wie sie den Verlauf der schaurigen Tragödie sich denkt, ist diese erklärlich und vereinbar mit dem Zustande des Todten. Alle Wunden gehen senkrecht. King ist erheblich größer, als der todte Meister war, während Bahring fast dieselbe Größe mit Wolf hat. Und alle Wunden, ohne Ausnahme – auch die ersten, die der Mörder seinem Opfer im Rücken, am Halse oder in der Schulter beigebracht haben mag, gehen von oben in die Tiefe. Nun vollends die späteren; da stand der arme Meister wahrscheinlich tiefer als der Mörder auf der Kellertreppe und wehrte sich waffenlos, so gut es ging. Da trafen alle Streiche senkrecht aus der Höhe wie Blitze in das Bischen Leben und löschten es aus.“

„Sie haben auch etwas Phantasie, Herr Doctor, wie die Margret – neben Ihrem scharfen Auge,“ sagte Kern.

„Hier ziehe ich aber wirklich nur die Linien zwischen den Punkten, die mir gegeben sind, Herr Amtsrichter,“ entgegnete der Doctor. „Ich habe auch noch andere Beweise. Folgen Sie mir nun einmal! Vielleicht habe ich auch für Sie eine Ueberraschung.“

Sie eilten wieder in das Schlafzimmer des Ermordeten.

„Sehen Sie hier diese Finger der rechten und linken Hand des Meisters! Sie schaudern. Bezwingen Sie sich. Beide Nägel wurden im letzten Kampfe halb abgerissen, als der Mörder aus den krampfhaft eingehakten Fingern seines Opfers sich gewaltsam befreite. Sehen Sie hier diesen grobfaserigen, blauweißen Baumwollenstoff, der an den Nägeln des Todten haftet! Wer trägt diesen Stoff und an welchem Kleidungsstücke?“

Margret war mit ihrer Leuchte ganz nahe herangetreten und hatte die Spuren des Zeuges, das der Arzt vorzeigte, genau geprüft.

„Das sind Fasern aus King’s Unterbeinkleidern,“ rief sie bestimmt. „Er hat immer im Hause waschen lassen, ich besinne mich genau auf den eigenthümlichen Stoff. Sie werden sich selbst überzeugen, wenn Sie nachsehen.“

„Ich habe keine Bedenken mehr,“ sagte der Amtsrichter finster, wie wenn er einen Entschluß gefaßt hätte, bei dem Tod und Leben auf dem Spiele steht. „Gehen wir nach oben!“

Der Amtsdiener, der am Fuße der oberen Treppe stand, hatte inzwischen nichts Auffallendes vernommen.

Zuvörderst wurde indeß noch auf Befehl Kern’s der andere Diener, der unten in der Hausthür Wache hielt, von Margret heraufgerufen. Sie stellte, ehe sie herabeilte, ihre Lampe an den Hals der Treppe, die von der ersten Etage in die Hausflur des Parterre führte. Der Amtsrichter sah ihr nach; seine Augen blickten, als sie verschwunden war, sinnend in das Licht, das sie hatte stehen lassen, und neben dieses.

„Was ist das?“ fragte er plötzlich aufgeregt den Doctor und deutete auf den Boden, dicht neben die Lampe.

Eine schmale, aber deutlich erkennbare Spur von rothen Tropfen zog sich von der oberen Stufe der unteren Treppe durch den Flur der ersten Etage nach dem Standort, den der Gerichtsdiener am Fuße der oberen Treppe einnahm, und als diese Treppe flüchtig beleuchtet wurde, auch ihre Stufen aufwärts.

Margret kam jetzt mit dem andern Gerichtsdiener leise herauf, und Kern, vom Arzt begleitet, leuchtete eigenhändig die Treppe abwärts und weiter durch den Hausflur. Die rothen Tropfen führten weiter zur Kellerthür, die Kellertreppe hinab, bis zu der Stelle, wo Wolf in seinem Blute gefunden worden war. Sie zweigten in dem Hausflur des Parterre nach der Hofthür ab, nach der Thür der Damen, die der Mörder von außen verschlossen hatte, nach der Hausthür, durch die er, wie man früher annahm, entwichen war; sie verschwanden auf der Schwelle der Hausthür und setzten sich auch nicht fort auf der Schwelle der Hinterthür oder in den Hof.

„Was sind das für Flecken?“ fragte Kern von Neuem.

„Allem Anscheine nach Blutflecke,“ entgegnete der Arzt.

„Die uns zeigen, daß der Mörder innerhalb des Hauses geblieben und zu suchen ist,“ sagte Kern scharf. „Wir werden ihn suchen.“

Die schmale, blutige Spur führte sie zu dem, den sie suchten. Sie zog sich ununterbrochen bis zu King’s Schlafkammer.




Als der Amtsrichter mit dem Bezirksarzte in den Schlafraum der Lehrlinge trat, fuhren diese jäh auf aus dem kaum wiedergewonnenen Schlummer.

Noch ehe sie erwachten, hatte Kern jedoch hinter den von Margret erwähnten Spiegel über Hark’s Bett gegriffen und dort den etwa sechs Zoll langen Rest eines Stearinlichtes erfaßt und hervorgezogen. Er zeigte es dem Doctor mit bedeutsamem Blicke, ohne ein Wort zu sagen. Zahlreiche Körner gelben Sandes klebten längs der Kerze an dem heruntergelaufenen Stearin, namentlich auf der unteren Fläche, mit der sie vermuthlich in den Sand gestellt worden war, und größere röthliche Flecken, anzusehen wie der Abdruck blutiger menschlicher Finger, waren an der Seite derselben wahrzunehmen.

Die beiden Männer traten nun in die Kammer King’s; die Amtsdiener folgten ihnen auf dem Fuße. [604] Der Geselle schien fest zu schlafen. Er hatte ja auch wiederholt erklärt, daß er gerade in dieser Nacht sehr müde sei.

Kern gedachte unwillkürlich einer ergreifenden Stelle in Cicero’s Jungfernrede für den jungen Roscius Amerinus. Der Redner schildert, wie sein Client, der unschuldig des Vatermordes angeklagt ist, unmittelbar nach der That in tiefem, ruhigem Schlafe gefunden wird. Mit hinreißender Beredsamkeit malt Cicero die Folter der Gewissensqualen eines wirklichen Mörders; vergebens, meint er, werde dieser nach solcher Blutthat den Schlaf suchen.

„Die Verstellung des Schurken überschreitet an Gemeinheit noch die That selbst,“ murmelte er leise. Und dann setzte er laut hinzu. „Wir werden King’s Kleider und Kammer jetzt genau untersuchen.“

Da regte sich’s plötzlich in dem Gesellenbette, und King schlug, nach einigem gut gespielten Seufzen und Gähnen, die Augen auf, richtete sich im Bette empor und rief scheinbar überrascht: „Was wünschen die Herren hier oben?“

„Nichts – als Sie,“ erwiderte Kern, jedes der Worte schneidend betonend. „Herr Josua King – im Namen des Gesetzes, Sie sind mein Gefangener.“

„Hoho, Herr Amtsrichter!“ rief King, halb lächelnd, halb ärgerlich, „meinten Sie mich?“

„Ich habe es schon gesagt, und bitte, mir zu folgen.“

„Und weshalb?“ fragte King mit der Verwunderung eines ehrlichen Mannes.

„Weil Sie im Verdachte stehen, den Mord an Meister Wolf verübt zu haben,“ erwiderte Kern, ihn scharf anblickend.

„So wahr mir Gott –“

„Lästern Sie nicht!“ fiel Kern unmuthig ein. „Und erheben Sie sich sofort! Es ist zwei Uhr vorüber.“

„Der Irrthum wird Ihnen theuer zu stehen kommen, Herr Amtsrichter –“

„Das ist meine Sorge, Herr King. Eilen Sie, oder ich lasse Sie von den Amtsboten abführen, wie Sie sind.“

„Aber beim Ankleiden erlassen die Herren mir doch ihre Gegenwart?“ bat King.

„Da erst recht nicht,“ erklärte Kern. „Herr Bezirksarzt, untersuchen Sie den Herrn dort zunächst einmal unangekleidet!“

King erbleichte.

„Herr Doctor,“ sagte er, „Sie sind Zeuge dieser neuen Beleidigung –“

„Dieses richterlichen Befehls, Herr King – ja wohl. Bitte, machen Sie keine weiteren Umstände!“

King ließ mit festgeschlossenen Lippen die Untersuchung über sich ergehen. Kopf, Hände, Arme, Brust des Gesellen zeigten nichts Auffallendes. Den Unterkörper hatte er noch im Bette.

„Stehen Sie auf!“ gebot der Arzt, und King gehorchte, indem er die Beine aus dem Bette streckte. Der Doctor und der Amtsrichter schauten begierig nach einer offenen Wunde aus, von welcher, wie sie meinten, die schmale Blutspur vom Keller bis auf die Dielen der Kammer King’s herrühren müsse. Es fand sich nichts derart, wohl aber zeigten sich an jedem Schenkel einige blutunterlaufene Stellen, bei deren Entdeckung die beiden Männer rasche Blicke wechselten.

„Woher haben Sie diese rothbraunen Flecke?“ fragte der Amtsrichter den Gesellen, der ruhig und sogar mit einer gewissen höhnischen Heiterkeit den Bemühungen des Arztes gefolgt war.

„Die habe ich mir beim Aufhämmern der Felle geholt.“

„Wann?“

„Gestern und früher.“

„Dafür sehen die Flecke noch recht gut erhalten aus.“

„Bei mir geht so etwas immer langsam weg.“

„So? Es giebt vielleicht aber noch eine andere Erklärung für die Entstehung dieser Flecke, Herr King?“

„Welche meinen Sie, Herr Amtsrichter?“

„Nun, daß der sterbende Wolf im Todeskampfe seine Finger hier eingeschlagen hätte, Herr King – was meinen Sie dazu?“

„Das ist nicht wahr!“ rief er mit Entrüstung.

„Wir werden sehen,“ erwiderte der Amtsrichter ruhig.

Weiteres fand der Arzt am Körper King’s nicht.

„Ziehen Sie sich jetzt an!“ befahl der Amtsrichter.

„Sie bestehen auf meiner Verhaftung?“

„Ja, gewiß. Ich wiederhole zum letzten Mal die dringende Bitte, zu eilen.“

King ergriff seine hellen Sommerbeinkleider, die auf dem Stuhl vor dem Bett lagen.

„Vergessen Sie Ihre Unterbeinkleider nicht!“ mahnte Kern. „Es ist Nacht, und die Untersuchungsgefängnisse sind etwas schattig.“

„Ich trage keine Unterbeinkleider,“ erwiderte King kurz.

„Nun, Margret hat es uns anders gesagt.“

„Margret?“ fragte King, indem ein finsterer Schatten über sein Gesicht glitt. „Den Einflüsterungen der Dirne verdanke ich wohl diese ganze Scene?“

„Sie besitzen aber wohl Unterbeinkleider, nicht wahr?“ fragte Kern, als ob er den Ausruf King’s überhört habe.

„Gewiß. Gehört das auch zu Ihren Verdachtsgründen?“

„Das werden Sie erfahren. Ihre Unterbeinkleider sind von blauweißer Baumwolle?“

King blieb einen Augenblick die Antwort schuldig. Was steckte hinter dieser Frage?

„Ja,“ sagte er dann, „wollen Sie sie sehen?“

„Ich bitte.“

King schloß seine Kommode auf. Frischgewaschen und festgefaltet lagen die einzelnen Stücke da.

Kern wühlte in dem Vorrath blauweißen Stoffes. Er zog ein Paar Unterbeinkleider hervor – aus der Mitte.

„Die sind wohl aus Versehen unter die frische Wäsche gekommen?“ fragte er. „Sie sehen wie getragen aus.“

„Ja, da muß ein Versehen vorgekommen sein,“ erklärte King ruhig.

„Und der Reparatur scheinen sie auch bedürftig. Wie sind wohl diese Schürfungen im Stoff hier entstanden, Herr King? Können Sie das erklären?“

„Ich weiß nicht,“ erwiderte King gleichgültig. „Beim Waschen wird viel verdorben.“

[618] „Ziehen Sie doch einmal diese Beinkleider an!“ sagte der Amtsrichter.

King gehorchte.

„Herr Doctor, es ist doch merkwürdig, daß die löcherartigen Schürfungen im Stoff genau an den Stellen sich befinden, wo die rothbraunen Flecke an den Schenkeln King’s sich zeigen – wie?“

Der Doctor nickte zustimmend.

„Sehen Sie, wenn Sie nun Unterbeinkleider trügen, Herr King, so könnten die Schürfungen im Stoff auch von Hammerschlägen herrühren, wie die Flecke,“ sagte Kern lächelnd. „So aber müssen wir nach einer anderen Erklärung suchen.“

„Und nach welcher?“ fragte King sehr ruhig.

„Nun, wir haben unten an den Nägeln des Ermordeten Fasern ganz des nämliche Stoffes gefunden, wie dieser hier ist.“

„Das möchte ich erst einmal sehen,“ fuhr King auf.

„Dazu wird Ihnen Gelegenheit geboten werden.“

„Und dann trägt alle Welt hier solche Unterhosen.“

„Ich sehe den Stoff zum ersten Mal,“ entgegnete Kern.

[619] „Ich soll nun einmal schuldig sein – aber der alte Gott –“

„Lassen Sie den alten Gott aus dem Munde, King!“

King hatte die Unterbeinkleider mit den verdächtigen Schürfungen wieder ablegen müssen und warf sich nun in die Kleider. Er stand bald angezogen vor Kern. Aengstlich hatten sich die Lehrlinge in die Thür gedrängt und der Scene in King’s Zimmer zugesehen. Kern sprach jetzt leise zu dem einen der Diener, welche hinter den Lehrlingen standen. Der Diener entfernte sich rasch, und Kern trat wieder zu King.

„An den Beinkleidern, die Sie tragen, sind Blutflecke, hier, hier.“ Er zeigte sie King. „Woher stammen diese?“

„Ich trug vorhin doch die Leiche mit herauf.“

„In diesen Beinkleidern? Hark, Barth, ist das richtig?“

„Ja, die hat er angehabt.“

„Zeigen Sie mir einmal Ihr Taschentuch, King!“

King griff in die hinteren Rocktaschen. Er suchte. „Ich habe gerade keines eingesteckt,“ sagte er.

„So?“ meinte der Amtsrichter wieder. „Aber gewöhnlich tragen Sie doch eins?“

„Natürlich,“ erwiderte King gereizt.

„Trugen Sie diesen Rock in der Ressource?“

„Jawohl.“

„Und Sie hatten kein Taschentuch darin?“

„Wie es scheint, nicht; ich habe es nicht vermißt.“

„Wir werden sehen. – Kennen Sie dieses Licht hier?“ Kern zeigte King das in einen Papierbogen eingeschlagene Licht.

„Nein,“ sagte King, „doch – es sieht aus wie Hark’s Licht.“

„Es ist mein Licht,“ sagte Hark bestimmt. „Nur etwas kürzer, als es war, da ich’s zuletzt brauchte. Und so schmutzig!“

„Ja, es klebt Sand und Blut daran, King. Wissen Sie nicht, wie das daran gekommen sein mag?“

„Nein, durchaus nicht.“

„Zeigen Sie mir einmal Ihren Hausschlüssel, King!“

King griff in die Tasche und überreichte den Schlüssel.

„Auch an diesem Schlüssel klebt Blut,“ sagte Kern bestimmt.

„Das kann sein,“ erwiderte King gelassen. „Ich hatte den Schlüssel und auch dieses Taschenmesser – sehen Sie, es ist gleichfalls blutig – als ich auf das Geschrei hinunter eilte, in der Tasche und habe nachher mit den blutigen Fingern, die ich vom Hinauftragen der Leiche bekam, diese Gegenstände angefaßt, ehe ich mich reinigte.“

„Also gereinigt haben Sie sich auch?

Kern trat an den Waschtisch King’s. Das Waschbecken war leer, das Handtuch sehr blutig.

„Habt Ihr gehört, daß er sich gewaschen?“ fragte Kern die Lehrlinge.

„Jawohl!“ riefen diese. „Als wir von unten wieder heraufkamen.“

„Das Handtuch ist sehr blutig, King. Wohin haben Sie Ihr Waschwasser gegossen?“

„Hier zum Dachfenster hinaus.“

„Warum?“

„Weil mich das blutige Wasser anwiderte.“

„Das kann ich mir denken,“ sagte Kern.

Das Messer, welches King dem Richter übergeben, war in die Hand des Arztes gewandert. Dieser gab es jetzt an Kern mit dem Bemerken zurück, daß mit diesem Messer der Mord keinesfalls ausgeführt sei. Die Mordwaffe mußte viel breiter, stärker und zweischneidig geschliffen sein.

„Diese Dolchscheide zu kennen, haben Sie schon im Keller unten verneint – nicht wahr?“ fragte Kern den Gesellen, indem er ihm noch einmal die beim Todten gefundene Scheide vorwies.

„Ich kenne sie nicht,“ erwiderte King bestimmt.

„Nun nur noch eine Frage,“ sprach Kern, indem er ein Licht ergriff und es auf den Boden hielt. „Herr King, können Sie mir vielleicht diese Blutspur erklären?“ Dabei ließ er den Diener beinahe von King’s Bett an durch die Lehrlingskammer hindurch bis auf den Vorflur die blutigen Tropfen beleuchten, während King und alle Uebrigen folgten. Kern’s Auge heftete sich dabei fortwährend durchdringend auf King’s Züge.

Beim Anblicke dieser Spur war King einen Augenblick erblaßt – offenbar sah er die Spur zum ersten Mal; denn er war vorhin mit den Lehrlingen im Dunkel heraufgekommen.

„Herr Amtsrichter,“ sagte er in völlig verändertem Tone, weich und einschmeichelnd, „ich kann diese Spur nicht erklären, wenigstens nicht so, daß Sie mir glauben würden. Aber ich bitte Sie um Verzeihung wegen jedes harten Wortes, das Ihre Anklage mir entlockt hat. Ich gestehe Ihnen, daß ich – stünde ich an Ihrer Stelle und Sie an meiner – gehandelt haben würde, wie Sie. Hätten Sie mir früher davon gesagt, ich hätte Alles ruhig über mich ergehen lassen.“

Diese Worte erweckten bei Kern einen leisen Zweifel an der Schuld King’s. So etwa hätte die angeklagte Unschuld auch sprechen können – das mußte er zugestehen.

„Nun, wollen Sie nicht wenigstens eine Erklärung dieser Blutspur versuchen, Herr King?“ fragte Kern.

„Ich werde es thun, sobald ich von Ihnen gehört habe, Herr Amtsrichter, inwiefern Sie diese Spur mit dem Morde, mit Ihrer Vermuthung, ich sei der Thäter, in Verbindung bringen. Ich möchte Sie herzlich bitten, mir zu sagen, wie Sie sich die Entstehung dieser Spur denken?“

Auch diese Worte waren in bescheidenem, zuletzt beinahe in innigem, flehendem Tone gesprochen. Aber dem Amtsrichter entging ihre verborgene Ironie nicht. Das war ja die einzige Frage, auf welche er selbst bis jetzt noch keine Antwort wußte.

King war zweifellos zu der gestellten Frage berechtigt, denn er konnte sich durch eine Erklärung nicht bloßstellen, und Kern mußte sich gestehen, daß er hauptsächlich aus dieser Absicht die Frage an King gestellt hatte. Er hatte gehofft, King würde antworten: auch die Spur rühre von dem Blute her, mit dem er sich beim Tragen der Leiche besudelt haben wollte. Dann würde er dem Angeschuldigten erwidert haben, daß die Spur für diesen Anlaß viel zu viel Blut aufweise, sich bis zum Keller in gleicher Stärke fortsetze und gegen die Hof- und Hausthür abzweige, also in Richtungen, wo King nach dem Tragen der Leiche gar nicht hingekommen sei. Aber King war dieser Gefahr – wenn es für ihn eine war – auf die geschickteste Weise ausgewichen, sodaß dem Richter nichts übrig blieb, als zu sagen:

„Gut. Wenn Sie nicht antworten wollen, ich kann Sie nicht dazu zwingen. Die Folgen Ihrer Verschlossenheit werden Sie sich aber freilich selbst zuzuschreiben haben.“

Er gebot die Abführung des Gefangenen, indem er mit dem Arzt voranging; dann folgte King; hinter ihm hatte der Amtsdiener blank gezogen. Zögernd schlossen sich die Lehrlinge an, und auf der oberen Treppe kam auch der entsendete zweite Amtsdiener dem Richter entgegen. Er meldete, daß die Patrouille in dem Hausflur warte, und man hörte in der That von unten das Klirren und Absetzen von Gewehren, wodurch die Aufmerksamkeit Aller einen Augenblick von dem Gefangenen abgelenkt wurde. Dieser stützte die Rechte auf das Ende des hölzernen Geländers, das längs der steilen, obern Treppe hinlief. Früher war das Geländer durch eine große, kugelförmige hölzerne Rosette abgeschlossen worden. Aber die Rosette war längst abhanden gekommen. Jetzt starrte an ihrer Stelle nur der rostige, zackige eiserne Stift, der sie ehedem festgehalten. Er blickte spähend um sich. Aus dem Dunkel des obern Vorflurs sah er zwei Augen auf sich gerichtet – er brauchte keine Erklärung, wem diese Augen gehörten. Er wandte seinen Blick nach den beiden Augen mit dem Ausdruck eines so unversöhnlich wilden Hasses, daß selbst Margret’s tapferes Herz eine Secunde erbebte. Dann senkte er das Haupt, schob die Hände in die Taschen, stieg die Treppe ruhig hinab und ließ sich drunten, wortlos und ungefesselt, den sechs Musketieren überliefern, die ihn mit geladenem Gewehr und aufgestecktem Bajonnet abführten, als den muthmaßlichen Mörder seines Herrn, des Kürschnermeisters Wolf.

Der Tag graute schon leise im Osten, als endlich auch Kern und Doctor Ammann den Heimweg antraten, nachdem der Amtsrichter in Verbindung mit dem Arzt noch kurze Notizen über die bisherigen Erörterungen aufgenommen hatte. An der nächsten Straßenecke gingen ihre Wege aus einander, und sie gaben sich eben die Hand zum Abschied, als ein Unterofficier an ihnen vorübereilte.

„Sind Sie nicht der Herr Bezirksarzt?“ sagte er, plötzlich seinen Lauf hemmend und zum Doctor Ammann zurückkehrend.

„Zu dienen!“

„Kommen Sie rasch auf die Wache, Herr Bezirksarzt; der Geselle King ist in Gefahr sich zu verbluten. Er ist bereits ohnmächtig.“

[620] „Verbluten? Ohnmächtig?“ fragte der Arzt verwundert. „Da muß er doch eine Verletzung haben?“

„Und was für eine, Herr Bezirksarzt!“ versicherte der in Friedenszeiten ergraute Unterofficier. „So lang“ – dabei hielt er die Hände eine halbe Elle weit von einander.

„Wir haben aber doch bestimmt keine Wunde an ihm bemerkt,“ meinte Kern, der kraft seines Amtes mit dem Arzt rasch der Hauptwache zuschritt.

„Nein, gewiß nicht,“ erwiderte Doctor Ammann.

„Wo hat er denn die Wunde?“ fragte Kern.

„An dem Ballen der rechten Hand, Herr Amtsrichter.“

„Wo hat er sie sich denn geholt?“ fragte der Arzt weiter.

„Ja, wer das sagen könnte!“ meinte der Unterofficier.

„Also auf der Hauptwache nicht?“ fragte Kern.

„Da gewiß nicht. Und unterwegs, so lange er in den Händen der Wache war, gewiß auch nicht.“

Sie waren jetzt in das Local der Hauptwache eingetreten.

Auf einem Stuhl, neben dem Pult des Wachtmeisters, lag King, Arme und Beine steif von sich gestreckt, den Kopf zurückgesunken, blaß, kaum athmend, besinnungslos. Unter seinem Stuhl befand sich eine große Blutlache.

Der Arzt erfaßte seine rechte Hand und besichtigte die Wunde, ohne daß der Patient etwas davon zu merken schien.

„Unerklärlich,“ sprach er leise zu Kern. „Zwei Zoll lang, einen Viertelzoll breit, über einen halben Zoll tief. Ich werde die Wunde nähen. Da wird er zu sich kommen und uns das Wunder zu erklären versuchen.“

Es geschah so, wie der Arzt erwartet hatte. Die Wunde war nahezu fertig genäht, als King zusammenzuckte und die Augen aufschlug. Er schien sehr matt, aber er lächelte. Es war ein etwas boshaftes Lächeln, wie Kern zu bemerken glaubte.

„Was soll das bedeuten, King?“ fragte der Amtsrichter streng. „Woher haben Sie die Wunde? Vorhin, als wir Sie untersuchten, waren Sie entschieden unverwundet.“

„Meinen Sie?“ fragte er leise und wieder lächelnd. „Ein Glas Wasser! Bitte, Wasser!“ rief er plötzlich.

Er stürzte es hinab, sowie der Wachtmeister es ihm gereicht.

„Wir meinen das nicht,“ entgegnete der Arzt, „Wir wissen das bestimmt.“

„So?“ fragte King fast spöttisch. „Sahen Sie denn da auch, daß ich ein großes Stück fleischfarbenes englisches Pflaster hier auf die Wunde geklebt hatte?“

„Nein, das sahen wir freilich nicht, Herr King,“ rief entrüstet der Arzt. „Aber aus dem einfachen Grunde nicht, weil die Wunde damals noch nicht existirte, und demnach auch kein Pflaster darauf lag.“

„Würden Sie das zu beschwören wagen, Herr Bezirksarzt?“

„Ja, gewiß. Aber ich will Ihnen noch etwas sagen. Es – wäre geradezu unmöglich gewesen, daß Sie eine Wunde, die Ihnen hier auf der Wache, das heißt etwa eine halbe Stunde nach unserer Untersuchung, einen so gewaltigen Blutverlust zuzog, mit englischem Pflaster hätten verkleben können.“

„Und doch ist es so, Herr Bezirksarzt.“

„King,“ sagte der Richter ernst und würdig, „Ihre neue Wunde da soll die Antwort sein, die Sie mir vorhin verweigerten: die Erklärung der Blutspur vom Mordkeller bis in Ihre Schlafkammer, nicht wahr?“

„Nein, Herr Amtsrichter. Diese Wunde“ – und dabei hob er die Hand betheuernd empor – „soll nicht blos die Erklärung für jene Blutspur sein, sondern sie ist es – sie wird es sein im Auge jedes unparteiischen Richters. Das sage ich auf Ihre Frage. Und dem Herrn Doctor erwidere ich, daß ich absichtlich den Klebstoff abgerissen, um zu beweisen, daß die Blutspur aus dieser Wunde entstanden sei.“

„Aber wie haben Sie sich dieselbe nur zugezogen?“ fragte Doctor Ammann.

„Als ich im Dunkeln hinuntereilte auf den Lärmruf der Lehrlinge, stieß ich mit der Hand gegen den scharfen Nagel, der am Ausgang des oberen Treppengeländers sich befindet, und da ich gleichzeitig stürzte, riß ich mir den Ballen auf.“

„Sie haben viel Glück bei Ihren Unglücksfällen, King,“ warf Kern trocken ein. „Warum gaben Sie uns denn vorhin nicht diese ganz unverfängliche Erklärung Ihrer Wunde?“

„Nun, Herr Amtsrichter, das will ich Ihnen offen sagen. Vorhin hätten Sie aus dieser Wunde, bei Ihrer Eingenommenheit gegen mich, nur wieder neues Material für die Anklage zu gewinnen versucht. Sie hätten gesagt: diese Wunde muß ihm Herr Wolf bei dem – von Ihnen angenommenen – Kampfe beigebracht haben.“

„Meinen Sie?“ fragte Kern achselzuckend. „Sie sollen sehen, daß Sie Unrecht haben; ich will annehmen, Sie hätten sich die Wunde schon beim Hinabeilen zugezogen, an der oberen Treppe. Wie kommt denn da die Blutspur in Ihr Schlafzimmer, in die Lehrlingskammer, auf den Vorsaal vor der Treppenspitze?“

„Sehr einfach; bei meinem Rückweg. Ich legte gleich das Pflaster auf, als ich den Schmerz fühlte. Es platzte auf bei der Anstrengung, als ich die Leiche trug, ohne daß ich’s bemerkte. Beim Waschen in meiner Kammer merkte ich, daß die Wunde von neuem offen sei, und verklebte sie abermals.“

„Sie hatten sich recht gut mit Pflaster versehen,“ warf der Arzt ein. „Aber ich bleibe dabei, daß Sie die Wunde, als ich Sie untersuchte, nicht hatten, daß ein Pflaster den Blutverlust nicht gehemmt hätte, daß Sie den Schmerz und den bedeutenden Blutverlust gerade dieser Wunde nicht hätten verheimlichen, daß Sie endlich bei solchem Schmerz nicht ruhig hätten schlafen können – und schlafend fanden wir Sie doch, als wir in Ihr Zimmer traten.“

King wollte etwas erwidern, aber er gab nur unarticulirte Laute von sich. Seine Züge verzogen sich krampfhaft; er mußte sehr schwach geworden sein durch das Entweichen von so viel Lebensstoff. Er sank abermals ohnmächtig in den Stuhl zurück.

„Sehen Sie, daß ich Recht habe?“ sagte der Arzt. „Wenn er die Wunde ungenäht solange trüge, wie er behauptet, er wäre schon lange zu Wort und Gedanken unfähig gewesen.“

„Bringen Sie ihn in Untersuchungshaft im Gerichtsgebäude nebenan!“ befahl Kern. „Für heute ist die Fortsetzung der Erörterungen unmöglich.“ –

Auch die folgenden Tage zeigte King große Ermattung und Erschlaffung und konnte längeres Verhör nicht aushalten.

„Er will Alles hinterhalten und über jede Frage und Antwort lange nachsinnen,“ meinte Kern.

Der Bezirksarzt versicherte aber, daß dies nicht Verstellung, sondern eine natürliche Folge des starken Blutverlustes sei.

„Ihr Mediciner faßt die Sache immer zu materialistisch,“ entgegnete Kern, „und seid dadurch nicht selten, allerdings unfreiwillig, wie ich gern anerkenne, die besten Bundesgenossen der Herren Verbrecher. Unser Mann hat seine fünf Sinne stets beisammen, so lange es ihm in sein Vertheidigungssystem, in seine Betheuerung vollständiger Schuldlosigkeit hineinpaßt. Sowie er Rede und Antwort stehen soll auf unangenehme Fragen und Indicien, schickt er sich an, wieder ein Bischen ohnmächtig zu werden.“

Der Untersuchungsrichter hatte wohl nicht ganz Unrecht mit seinen Bemerkungen. Denn in der That hatten die Nachforschungen, welche in Abwesenheit King’s am Tage nach seiner Verhaftung stattgefunden, ein ihm wenig günstiges Ergebniß geliefert.

In King’s Schlafzimmer war in einem bestaubten und verschimmelten Stiefel ein von Blut starrendes Taschentuch gefunden worden, das sich durch die gestickten rothen Buchstaben und die Vergleichung mit den andern Taschentüchern in King’s Kommode entschieden als dessen Eigenthum auswies. Dieses Taschentuch zeigte an vielen Stellen hellere, blaßrothe, verwischte Flecken, welche nach der Meinung des Bezirksarztes daher rührten, daß das Tuch dem unglücklichen Wolf nach den ersten Stichen vom Mörder in Mund und Hals gestopft worden sei, um den Kampf zu verkürzen und einen lauten Schrei oder die Namensnennung des Mörders zu verhindern. Dieser Vermuthung entsprach auch der äußere Befund der Leiche. Einige Hautverletzungen am Halse wiesen darauf hin, daß Wolf zuerst am Halse gepackt und gewürgt worden sei.

Ein viel wichtigerer Fund wurde aber noch gemacht, ehe Wolf’s Körper der Erde übergeben worden war.

[638] Man fand die Mordwaffe, im Hause des Gemordeten selbst – eine Entdeckung, zu der die Lehrlinge auf Kern’s Anfrage schüchtern den Weg gewiesen hatten. Sie kamen erst mit der Sprache heraus, als sie hörten, daß King im Gefängniß sitze und wohl nicht sobald wieder losgelassen werde. Daß ihnen King immer ein unerklärliches, unbezwingliches Grauen eingeflößt habe, versicherten Beide auf das Bestimmteste.

„Ich würde nie gewagt haben, ihn, so lange er frei war, zu verrathen,“ bekräftigte Hark.

„Nun, habt Ihr denn etwas zu verrathen?“ fragte Kern eindringlich.

Beide nickten. Aber Beide sahen sich auch jetzt noch scheu um, als ob sie argwöhnten, der Gefangene könne plötzlich mit seinen großen, kalten, grauen Augen zum Fenster hineinschauen und sich merken, was sie dem Richter gestanden.

„Nun, was denn?“ fragte Kern ermunternd.

„Ich,“ meinte Hark stockend, während sein Blick wieder nach der Thür wanderte, „ich war zuerst wach von uns Beiden, als die Margret im Hofe um Hülfe schrie. Und ich möchte darauf schwören, Herr Amtsrichter“ – hier sank seine Rede zu einem stotternden Geflüster herab – „daß ich in diesem Augenblicke eine Gestalt wie die King’s durch unsere Kammer huschen und in King’s Schlafkammer verschwinden sah.“

„Also von außen kommend?“ betonte Kern.

„Ja wohl, draußen von der Treppe her. Ich schlief aber wieder ein, weil drunten einen Augenblick Ruhe war, und meinte, ich hätte im Traume die Margret ‚Mörder’ schreien hören.“

„Nun war ich aber wach geworden,“ fuhr Barth freiwillig fort. „Und ich hörte deutlich Margret’s Stimme. Ich hörte aber auch King in seiner Kammer herumarbeiten, namentlich an der losen Diele.“

„An der losen Diele?“ fragte Kern mit einer Art von Begeisterung. „Wo ist denn die? Könnte man unter der vielleicht einen Dolch verstecken?“

Als die Lehrlinge bejahten und die Stelle zeigten, wurde die Mordwaffe gefunden. Sie paßte genau in die Lederscheide mit silbernen Beschlägen, die im Keller bei der Leiche gelegen hatte. Sie paßte auch genau in die Wunden des Unglücklichen.

„Habt Ihr denn jemals diesen Dolch bei King gesehen?“ fragte Kern die Lehrlinge, die Hausbewohner insgesammt.

Alle verneinten, auch Margret.

Der Angeklagte behauptete, als ihm der Dolch von Kern plötzlich vergehalten wurde, mit größter Ruhe und Bestimmtheit, daß ihm derselbe völlig unbekannt sei. Er leugnete mit derselben Entschiedenheit, zu wissen, auf welche Weise die Klinge über und über mit geronnenem Blute sich bedeckt habe und wie Sandkörner an die Parirstange gekommen seien. Auch in der ganzen Stadt war Niemand, der die Waffe kannte.

Das war ein Geheimniß, an dem sich der Scharfsinn des geübten Inquirenten vergeblich abmühte. Es schien, als sollte es für immer unenthüllt bleiben. Denn der einzige Mund, der darüber reden konnte, war für immer stumm. – –

In derselben Stunde, auf demselben Kirchhofe, wenige Schritte von einander, wurden Wolf und Bahring, von der ganzen Bevölkerung des Städtchens zur letzten Ruhestätte geleitet, in die Erde eingesenkt. Das furchtbare Schicksal, das über Beider letzten Lebensstunden gewaltet, kam an ihren offenen Gräbern zu ergreifendem Ausdrucke. Allgemein brachte man Beider Tod in Wechselwirkung. Bahring, so urtheilte die Volksstimme, hat ja selbst in seinen letzten Zeilen die That eingestanden; er suchte die ungetreue Geliebte in’s Herz zu treffen, indem er ihren Bräutigam mordete; dann gab er sich selbst den Tod. – Wenige wollten an King’s Schuld glauben, Wenige aber kannten auch die Schwere der Indicien, die gegen ihn zeugten; denn Kern hielt streng auf sein Amtsgeheimniß.

Den einen Einwand aber, den Alle gegen King’s Schuld erhoben, mußte der Richter selbst gelten lassen: Welches sollte bei King das Motiv der That gewesen sein? Aus welcher Absicht konnte er den Mord seines Meisters geplant, vollführt haben?

Und dennoch brachte eine höhere Hand Licht auch in dieses dunkle Räthsel.




Eines Morgens meldete der Diener dem Amtsrichter, daß Fräulein Natalie Becker ihn zu sprechen wünsche.

„Sie verzeihen, Herr Amtsrichter, wenn ich Sie störe!“ sagte sie bebend, als sie vor dem verwunderten Beamten saß, „aber mein Gewissen läßt mir keine Ruhe. Ich muß Ihnen etwas offenbaren –“

„Mein Fräulein!“ sprach Kern fast ängstlich und mitleidig, indem er ihr in die klaren Augen blickte, die eine reine, edle Seele widerzuspiegeln schienen. „Was sollte Ihnen Ihr Gewissen vorwerfen?“

„Ich fürchte, ich bin schuld – an Wolf’s Tode –“

„Sie – an Wolf’s Ermordung?“ fragte Kern. Er brauchte das Wort, das sie nicht über die Lippen gebracht hatte.

„Ja, ich, Herr Amtsrichter,“ wiederholte sie gefaßt. „Freilich ohne daß ich an dem Morde irgendwie betheiligt war – ohne daß ich nur eine Ahnung davon hatte, daß er geschehen werde.“

„Wie soll ich Sie verstehen?“

„Ich meine“ – fuhr sie eindringlich und stockend fort – „daß King seinen Meister um’s Leben gebracht hat –“

„Dieser Meinung bin ich auch, mein Fräulein – aber die Meinung reicht nicht aus. Beweise müssen erbracht werden.“

„Eben diese Beweise drängt es mich zu bieten. Sie wissen, wie die Stadt über King und mich redete. Wir sollten ein Paar sein, nur aus Trotz oder Hochmuth unser Verlöbniß in Abrede stellen. Herr Amtsrichter – ich kann heilig versichern: ich bin nie mit King verlobt gewesen.“

„Niemals?“ wiederholte Kern verwundert. „Niemals, trotz alle dem, was man gemunkelt – merkwürdig. Auch nicht so zu sagen im Stillen, Fräulein Becker, hm?“

„Auch nicht im Stillen,“ entgegnete Natalie bestimmt. „Ich bin fest überzeugt, daß King selbst die öffentliche Meinung über dieses Verhältniß immer von Neuem irre geführt hat. Er selbst wußte genau, wie ich über diesen Punkt dachte; denn er hatte sich mir zu Pfingsten erklärt, er hatte, um mein Jawort zu erhalten, mir seine Familienverhältnisse sehr rosig ausgemalt, mir versichert, daß er, als einziger weit herumgekommener Kürschner, in seiner ostpreußischen Vaterstadt eine glänzende Zukunft habe. Ich wollte ihn nicht geradezu abweisen, denn ich glaubte, er liebe mich aufrichtig, und – ich fürchtete ihn. Sein kaltes, funkelndes graues Auge hatte so etwas entsetzlich Unheimliches.“

„Und was gaben Sie ihm auf seinen Antrag zur Antwort?“

„Ich sei zu jung. Er möge noch ein paar Jahre warten.“

„Ein paar Jahre? Das war doch so gut wie ein Korb.“

„Ich sagte ihm auch noch, daß ich ihm niemals in seine ostpreußische Heimath folgen würde, da ich meine leidende Mutter nicht verlassen wolle.“

Dem Untersuchungsrichter blitzte bei diesen Worten ein Licht auf; begierig und gespannt lauschte er auf das Folgende.

„‚Inzwischen gelingt es Ihnen gewiß, hier selbstständiger Meister zu werden, Herr King,’ sagte ich ihm weiter, Herr Amtsrichter. ‚Sie sind ja so tüchtig und fleißig.’

[639] ‚Aber, Natalie!’ warf er mir ein, ‚Sie wissen selbst, wie kleinstädtisch und exclusiv die Menschen hier sind – man wird mich niemals hier mein Meisterstück machen lassen. Und wenn auch, so wird mir Wolf immer vorgezogen werden. Ich werde nie eine ordentliche Kundschaft in der Stadt erlangen, und an den Bauern ist nichts zu verdienen – das wissen Sie. Die tragen den Schafpelz des Urgroßvaters weiter.’

‚Sie kennen unsere Bürger doch nicht,’ entgegnete ich ihm, obwohl ich wußte, daß er in der Hauptsache Recht hatte. ‚Sie sind im Anfang recht spröde und mißtrauisch gegen den Fremden – das ist wahr. Aber Sie selbst haben erfahren, Herr King, wie schnell man Ihnen gut geworden ist. Und Sie gelten Allen schon als Mitbürger.’

Er erwiderte mir darauf nichts, Herr Amtsrichter. Er schüttelte nur traurig den Kopf und sann finster nach.

‚Ist es Ihr voller Ernst, Natalie, daß Sie die Stadt nicht verlassen wollen?’ fragte er dann. Und als ich seine Frage auf das Bestimmteste bejahte, entgegnete er rasch: ‚Gut. So will ich hier Meister werden. Und vielleicht dauert’s nicht einmal ein paar Jahre, Natalie.’

Damals lächelte ich im Stillen, Herr Amtsrichter, über seine verliebte Schnellfertigkeit. Sie kennen ja unser Städtchen. Ein paar Jahre kann einer allein brauchen, bis er Bürger wird, geschweige denn Meister. Und ich meinte: ein paar Jahre gewonnen, Alles gewonnen. Ich wollte mich inzwischen immer mehr von ihm zurückziehen und habe es, denk’ ich, auch bisher gethan. Ich meinte, dann werde er selbst von mir und seiner Idee, hier Meister zu werden, abstehen. Aber nun erkenne ich deutlich, daß ich mich geirrt, daß er stetig darüber gebrütet, wie er mich recht bald zu der Seinen machen könne. Ich verstehe jetzt den furchtbaren Sinn seiner Worte: ‚Vielleicht dauert’s nicht einmal ein paar Jahre, Natalie.’ Als ich die Nachricht erhielt, Wolf sei ermordet und King der muthmaßliche Mörder, da fielen mir diese Worte mit Centnerlast auf die Seele. Und deshalb bin ich hier, Herr Amtsrichter.“

Kern war sehr ernst geworden.

Der Gedanke berührte ihn peinlich, daß King, nach den Offenbarungen Nataliens, des Mitleids doch nicht ganz unwürdig zu sein schiene. Eine reine, tiefe Neigung zu Natalie hatte ihn beseelt; er sprach sie rückhaltlos dem Mädchen seiner Liebe aus – und fand hier doppelzüngige Antwort. Die Erfüllung seiner Hoffnung wurde an die Bedingung geknüpft, daß er sich im Städtchen selbst als Meister niederlasse. Diejenige, welche diese Bedingung gestellt, dachte gar nicht daran, falls die Bedingung erfüllt wurde, Frau Meisterin King zu werden. Bis dahin schien alle Aufrichtigkeit auf seiner Seite. Daß er nun im Stillen den furchtbaren Plan faßte, Wolf zu beseitigen, um wohl zunächst Geschäftsführer der Wittwe Wolf, dann Geschäftseigenthümer zu werden, und dadurch einige Jahre früher Natalien zu gewinnen, das war freilich entsetzlich. Die Vermischung der reinsten Gefühle und der häßlichsten Pläne in demselben Menschen erschien als ein psychologisches Räthsel. Aber immer stärker drängte sich dem Richter mit der Empfindung des Mitleids für den Verbrecher entschiedene Abneigung gegen Natalie auf, wenn er daran dachte, wie kalt mit King’s Gefühl gespielt worden war, welche grausame Enttäuschung ihn erwartet hätte, wenn ihm gelungen wäre, alle Früchte seines Verbrechens zu ernten: daß nun die Heißersehnte, um deren willen King schwere Blutschuld auf dem Gewissen trug, ihm nach Jahren ein herzloses Nein gesprochen hätte. Und das Mädchen, das so gegen King gehandelt, stand nun vor dem Richter, um den Mann, der sie geliebt, auf’s Schaffot zu liefern.

So schnell, wie Gedanken aufblitzen und verschwinden, zogen diese Erwägungen durch die Seele Kern’s.

„Sie sind jung, Fräulein Becker,“ sagte er flammenden Auges. „Aber den Werth der Wahrheit müssen Sie von Kindheit an kennen, aus der Zucht der Eltern, aus den Lehren der Schule und unseres Glaubens. Ich begreife jetzt, warum Sie vorhin von Gewissensbissen sprechen konnten. Es muß Ihnen schrecklich zu Muthe sein, wenn Sie bedenken, daß Sie mit ein wenig mehr Offenheit, mit soviel Wahrheit, wie King gerade von Ihnen verlangen konnte, diese unselige That hätten hindern können. Bitten Sie Gott um die Gnade, daß Sie dieses an Ihrem Frieden nagende Bewußtsein jemals wieder los werden!“

Damit stand er auf und verbeugte sich kurz gegen das junge Mädchen.

Auch Natalie hatte sich erhoben. Sie war bei seinen letzten Worten dunkelroth geworden, und zwei schwere Thränen rollten über ihre Wangen.

„Herr Amtsrichter, Sie thun mir unrecht,“ stammelte sie. „Ich gebe zu, ich habe King nicht Alles gesagt, was ich von ihm dachte. Vielleicht wäre der Mord Wolf’s nicht geschehen, wenn ich ganz offen gewesen wäre. Aber warum war ich es nicht, Herr Amtsrichter? Ich will Ihnen etwas sagen, was ich noch keinem Menschen gesagt: Ich war auf dem Wege, King zu lieben. Es kann sein, daß ich ihn schon liebte. Da versuchte er, sich durch Lüge und Täuschung in mein Vertrauen, in mein Herz zu stehlen, und nun wurde mein Herz kalt gegen ihn; er wurde mir immer unheimlicher und furchtbarer. Ich war auf meiner Hut; ich erwiderte seine Lügen zwar nicht mit gleicher Münze, aber ich suchte ihn hinzuhalten, um ganz und voll hinter seine wahre Natur zu kommen, hinter das Geheimniß seiner Herkunft, seiner Vergangenheit, über welche er uns Alle getäuscht hat.“

Kern blickte verwundert auf.

„Wollen Sie mich deshalb sofort verurtheilen, Herr Amtsrichter?“

„Sie erheben schwere Anschuldigungen gegen King, Fräulein Becker. Wenn Sie dieselben beweisen können, so nehme ich Alles zurück, was ich gesagt habe.“

„Ist es Ihnen nicht aufgefallen, daß King so bedeutete Ausgaben machte?“ fragte sie.

„Nun, er stand in sehr guten Lohnverhältnissen und soll der Sohn bemittelter Eltern sein,“ erwiderte er.

„Das Letztere, Herr Amtsrichter, ist nicht wahr, wie Sie sehen werden. Es war dies seine erste Lüge mir gegenüber.“

„Die amtlichen Mittheilungen aus seiner Heimath fehlen mir allerdings noch,“ erklärte Kern. „Woher wissen Sie, daß King’s Aussagen unwahr sind?“

„Wohin haben Sie sich gewendet, um Nachrichten über King zu erhalten, Herr Amtsrichter?“ fragte das Mädchen zurück.

„Nach Königsberg natürlich,“ antwortete Kern. „Er ist von dort her.“

„Herr Amtsrichter, Sie werden dasselbe hören, was mein Vater erfuhr, als er dort insgeheim anfragte.“

„Nun, mein Fräulein, daß die Eltern King’s todt sind und daß man sein Vermögen gerichtlich verwaltet, bis er die Volljährigkeit erlangt haben wird – das hat er uns selbst erzählt.“

„Nichts von alledem werden Sie erfahren, Herr Amtsrichter. Die Eheleute King, die in Königsberg vor Jahren gestorben sind, haben keine Kinder und kein Vermögen hinterlassen; sie waren King’s Onkel und Tante.“

„Woher wissen Sie das?“

„Haben Sie schon Briefe der Eltern King’s gesehen?“ fragte sie weiter, ohne auf die Frage Kern’s zu antworten.

„Nein. Ich habe gar nicht danach gesucht, da ich annahm, daß sie todt seien.“

„Aber Briefe von dieser Schrift werden Sie gesehen haben,“ fragte Natalie, indem sie ihm ein ungestempeltes Couvert vor Augen hielt, auf dem mit steifen, altfränkischen Schriftzügen ihr Name und Wohnort stand.

„Ja, Briefe von dieser Hand habe ich in seinem Besitze gesehen,“ bestätigte der Richter. „Er sagte, sie kämen von seinem älteren Bruder. Sie enthielten nichts Wichtiges, Familiengeplauder, Ermahnungen zum Guten.“

„Von welchem Orte waren sie datirt?“

„Sie trugen kein Datum. Das ist bei gewöhnlichen Leuten nichts Auffallendes, mein Fräulein.“

„Das kann sein,“ entgegnete sie. „Aber auffallend ist es gewiß, daß ein Sohn seine Eltern für todt ausgiebt, während sie leben, und daß er die Briefe seines Vaters als diejenigen seines Bruders bezeichnet. Und da er sich in einer Stadt als heimathsberechtigt bezeichnet, die er gar nicht kennt, so wird wohl das Weglassen des Datums auf Verabredung beruhen und das ganze Manöver King’s den Zweck verfolgt haben, seine wahre Heimath, sein Herkommen zu verheimlichen.“

„Aber was sollten seine Eltern für ein Interesse daran haben, ihn bei dieser Verheimlichung zu unterstützen?“

„Es hat lange genug gedauert, ehe ich mir eine klare Antwort [640] auf diese Frage geben konnte, Herr Amtsrichter,“ erwiderte sie. „Endlich kam mir der Einfall, daß Josua King am Ende ein Verbrechen begangen, vielleicht eine schimpfliche Strafe erlitten hätte – und daß er – ohne mir das zu sagen – mein Schicksal an das seine zu ketten versuchte. Der Gedanke empörte mich und ließ mir wochenlang keine Ruhe. Und diese furchtbare Ahnung ist jetzt bei mir zur Gewißheit geworden, Herr Amtsrichter!“

„Was wissen Sie denn, liebes Fräulein? Und durch wen?“

„Ich würde Ihnen das nicht sagen,“ erwiderte sie, indem abermals ihr Auge sich mit Thränen füllte, „wenn Sie nicht ganz dasselbe, wenn auch auf Umwegen, durch Nachforschung bei den Behörden erfahren könnten. Und vielleicht trotzdem noch nicht – aber ich bin, wie Sie sehen, vom Vater King’s ausdrücklich ermächtigt, Ihnen das mitzuteilen.“ Damit überreichte sie Kern den Brief und das äußere Postcouvert, die zu dem früher schon vorgezeigten Umschlag gehörten.

Der Poststempel wies auf einen Flecken bei Thorn hin. Der Brief selbst war an Natalie Becker, als die „Braut“ Josua King’s gerichtet. So habe Josua sie seit Pfingsten in seinen Briefen an die Eltern bezeichnet. Nun habe der Vater vom Schulzen gehört – und er habe es in der Zeitung gelesen und das Blatt dem Alten auch vorgezeigt – daß Josua wegen eines ruchlosen Mordes in Haft sei. Der arme, brave alte Mann beschwor in seiner Herzensangst die vermeintliche Braut des Sohnes, sie möchte ihm Alles sagen. Das Schlimmste sei nicht schlimmer, als die bange Zweifelsnoth, in der er mit der alten Mutter lebe. Sie hätten Alles, was ihnen Gott verliehen – es sei blutwenig gewesen – ihr Lebtag an die Kinder gewendet, vor Allem an Josua, den Begabtesten, um sie in Zucht und Sitte zu erziehen. Und Josua habe, wie sie ja wissen werde, ihnen alle Mühe so schlecht gelohnt. Kaum siebenzehn Jahre alt, habe er eine ganze Anzahl schwerer Einbrüche begangen, und sei zu drei Jahren Zuchthaus verurtheilt worden. Dann habe er ein ruheloses Wanderleben begonnen, bis er endlich in dem Städtchen Natalien’s dauernd reichliches Brod und die Liebe eines guten Mädchens gewonnen, wie er schrieb, die ihn trotz seiner drei Jahre Zuchthaus zum Manne nehmen wollte. Da endlich habe sich der Lebensabend der Eltern aufgehellt, und sie hätten zu Gott gehofft, daß ihnen die Sonne in reinem Glanze untergehen werde. Und nun diese furchtbare Botschaft! Natalie möchte ihnen nichts sagen, als die reine Wahrheit. Wenn der Sohn die alten Eltern belogen, wenn er auch dort den Weg der Lüge und Verstellung gewandelt, gar ein verruchter Mörder geworden sei, dann sei er ihr Sohn nicht mehr, dann dürfe sie diese Zeilen Allen zeigen, die an Erforschung der Wahrheit betheiligt seien.

Kern las den Brief mit tiefster Rührung. Ja, das waren die Herzensworte eines deutschen Mannes von echtestem Schrot und Korn! So schrieb die preußische Art, deren Altvordern Jahrhunderte lang den zähen, verzweifelten Kampf gegen die polnische Mißwirtschaft gekämpft, die im glorreichen Jahr Dreizehn zuerst gegen den Völkerbezwinger Napoleon sich erhoben hatten, die seit den Tagen des Freiherrn vom Stein auf freier Hufe saßen, den eigenen kargen Boden pflügten.

„Ich danke Ihnen, Fräulein Becker,“ sprach er bewegt. „Gestatten Sie mir, daß ich Ihren Zeilen an den tapferen alten Vater auch einige Zeilen zur Antwort beilege?“

[654] Die Untersuchung gegen Josua King konnte nun rasch zu Ende geführt werden. Die Ermittelungen über die Vergangenheit des Angeklagten bestätigten Alles, was im Briefe seines Vaters gestanden. Er räumte seine Vorbestrafung ein, leugnete aber das Motiv der That, welches Natalie enthüllt hatte, wie die That selbst.

Kern ließ den ganzen Weg, den King auf seiner Wanderschaft, nach seiner Entlassung aus dem Zuchthause, genommen, durch die Behörden feststellen und die Meister, bei denen er gearbeitet, die Leute, bei denen er gewohnt, abhören. Ihnen Allen wurde die Mordwaffe vorgelegt; keiner kannte sie. Endlich, in Bamberg, gelang es, einen wichtigen Schritt vorwärts zu thun. Hier hatte King bei einem Schuhmacher Strubel gewohnt, welcher den Dolch und die Scheide bestimmt als King’s Eigenthum wieder erkannte. Er hatte die Dolchscheide auf den Wunsch des Gesellen selbst einmal lackirt und die Waffe kurz vor dessen Weiterreise putzen und schärfen helfen. Er hatte King damals gebeten, ihm die Waffe als Geschenk zurückzulassen, aber die Antwort erhalten: „Die brauche ich selbst nothwendig.“ Auch ein Bamberger Mitgeselle King’s, ein gewisser Siegfried, besann sich genau, diesen Dolch in dessen Besitz gesehen zu haben.

„Das ist unwahr, das sind Lügen!“ erklärte King, als ihm die Aussagen dieser Zeugen von Kern verlesen wurden. „Die Menschen sollten mir einmal Aug’ in Auge gegenübertreten!“

Dem Richter lag die Zusicherung dieses Verlangens schon auf der Zunge. Aber er wußte, wie sparsam der kleine Staat in allen seinen Ausgaben war. Und er wollte King den Triumph nicht gönnen, daß die Zeugen vielleicht, trotz der Versicherung des Richters, nicht zur Verhandlung geladen würden.

Mit Abschluß dieser Erörterungen war die Sache spruchreif. Sie wurde vor die Wintersitzung des Schwurgerichts der Residenz verwiesen.

Kern, der Bezirksarzt, Margret, Natalie und die Lehrlinge wurden als Zeugen geladen, und King wurde nach der Residenz übergeführt.

Die Verhandlung dauerte mehrere Tage, unter gewaltigem Zulauf der Menschen, die theilweise von weither kamen. Die Honoratioren der kleinen Stadt, der Bürgermeister an der Spitze, waren fast vollzählig auf der reservirten Tribüne. Für die Meisten unter den Anwesenden hatte das öffentliche Schauspiel nun das Interesse, wie wenn man ein Drama, das man zum ersten Mal mit verhaltenem Athem Scene um Scene abspielen sah, noch einmal mit kritischem Auge nachliest.

Der Angeklagte machte in seinem modernen, kleidsamen Anzuge mit blüthenweißer Wäsche einen durchaus anständigen Eindruck; er hatte etwas Feines, Elegantes und war durch nichts von der ruhigen Betheuerung seiner Unschuld abzubringen nicht durch den Vorhalt der zahlreichen blutigen Beweismittel der Unthat, nicht durch das thränenreiche Zeugniß der Mutter des Ermordeten, nicht einmal durch Margret’s ergreifende Erzählung ihrer Wahrnehmungen vor, bei und nach der That, welche von der Zuhörerschaft mit solcher Begeisterung vernommen wurde, daß es dem Schwurgerichtspräsidenten schwer wurde, ein lautes Hoch auf das muthige Mädchen zu unterdrücken.

Nur ein einziges Mal gerieth King in leidenschaftlichere Erregung: als plötzlich die beiden Bamberger Zeugen aufgerufen wurden. Sie standen zwar mit auf der Beweismittelliste des Staatsanwalts, aber Eisenbahnen gab es damals über das Gebirge noch nicht, und Thurn und Taxis brauchte mindestens eine Woche, um den großen Schneefall zu bewältigen und der Postschnecke wieder Bahn zu brechen. Der Vertheidiger meinte, die Bamberger Zeugen würden acht Tage nach dem Wahrspruch der Geschworenen eintreffen, und nun waren sie mit einem Male doch da. Sie standen jetzt „Aug’ in Auge“ vor dem Angeklagten, wie dieser gewünscht hatte. Finster schossen King’s Blicke auf die Zeugen, als diese Wort für Wort wiederholten, was sie in der Voruntersuchung ausgesagt und zu beschwören sich bereit erklärt hatten. Er verlangte ungestüm, zum Worte gelassen zu werden.

„Ich gebe den Herren zu bedenken, bevor sie ihre Worte beschwören,“ sagte er nachdrücklich, „daß ich ihnen beweisen kann, wie sie sich irren, wenn sie diesen Dolch und diese Scheide für mein Eigenthum halten.“

„King,“ sagte da der Staatsanwalt. „Bedenken Sie, was Sie eben sagten? Sie haben bisher entschieden in Abrede gestellt, diese Waffe hier zu kennen?“

„Ja gewiß,“ entgegnete King trotzig.

„Und nun wollen Sie den Zeugen beweisen, daß sie sich irren. Da müssen Sie doch nachweisen, daß Sie eine andere ähnliche Waffe in Bamberg besessen haben, und daß diese hier einem Andern gehört, nicht wahr?“

„Ich habe die Zeugen nur auf die Probe stellen wollen,“ erwiderte King mit gewohnter Gewandtheit, ohne Bedenken.

Aber auch die Vertheidigung hatte ihre Zeugen geladen.

Da gab es Zeugen, welche den trefflichen Charakter, den Fleiß, die Treue und Hingebung King’s an seinen Meister bestätigten, was übrigens auch die Belastungszeugen thaten. Dann gab es Zeugen, unter ihnen vor Allem Fritz Becker, welche die Warnung King’s an Wolf vor dem wilden Bahring, als Wolf die Ressource verließ, bekundeten; Zeugen welche beschworen, wie außerordentlich müde King in jener Mordnacht gewesen, Zeugen, welche das im Keller gefundene Taschentuch als Bahring’s echtes Eigenthum anerkannten und beschworen, daß er häufig einen großen, scharfen Dolch getragen, Zeugen, welche die letzten Zeilen Bahring’s als zweifellos von dessen Hand geschrieben anerkannten.

Nach Schluß der Beweisaufnahme erhielt, unter lautlosem Schweigen der Hunderte von Zuhörern, der Staatsanwalt das Wort zur Begründung der Anklage. Er ging aus von dem Nachweise, daß der Mörder innerhalb des Hauses bei Wittwe Wolf gewesen und geblieben sei. Daher seine Blutspur nur innerhalb des Hauses, nirgends im Hofe oder vor der Hausthür. Dieser Mörder sei King. Er habe seinen Herrn durch die Vorspiegelung, daß Diebe im Pelzkeller seien, nachdem er vorher dort das Licht Hark’s aufgestellt, in den Keller gelockt. Am Kellereingang habe er den zögernden Meister von hinten angefallen, ihm Stiche in Hals und Rücken beigebracht und ihn die Treppe hinabzustürzen versucht. Da habe sich Wolf gewendet und in ungünstiger Lage, tiefer stehend, mit Händen und Armen nach Kräften sich gewehrt, auch hier wie schon oben am Eingang des Kellers nach Hülfe geschrieen. Der Mörder habe dem armen Opfer sein Taschentuch in den Mund gestoßen, um Wolf’s Rufe zu ersticken. Da sei Margret draußen vor der Kellerthür erschienen. Der Mörder habe ihr die Thür versperrt; Wolf sei dann an den bisher empfangenen zahlreichen Wunden zusammengebrochen, und King habe den Sterbenden in den Vorkeller geschleppt und hier an dem Tuche Bahring’s, das er vermuthlich in der Ressource entwendet, die Finger abgewischt. Der Wirth der Ressource habe ja beschworen, daß Bahring bei seinem Weggehen sein Taschentuch vermißt habe. Um den Verdacht auf Bahring zu lenken, habe er dieses Tuch in der Nähe der Leiche liegen lassen und die Briefe der Braut des Ermordeten zerrissen, sein eigenes Tuch dagegen wieder an sich genommen. Leider sei es durch den in derselben Nacht verübten Selbstmord Bahring’s unmöglich geworden, Bahring selbst gegen diese raffinirte Bosheit des Angeklagten als Zeugen aufzurufen.

King habe nun die Hülferufe Margret’s im Hofe gehört. Rasch habe er das Licht verlöscht, um unerkannt zu bleiben. Die Dolchscheide, die ihm entfallen, im Dunkel zu suchen, habe er keine Zeit gehabt. Er sei hinaufgeeilt, um die Thür der Damen [655] und die Hinterthür nach dem Hof zu schließen und zu verriegeln, behufs Sicherung seines Rückzugs. Um noch einmal den Verdacht der Hausbewohner auf eine falsche Spur zu leiten, habe er die Hausthür geöffnet und laut zugeschlagen. Dann sei er lautlos zu seiner Kammer zurückgeeilt – von Niemandem erkannt, für Niemand verdächtig, wie er meinte. Aber das blutgetränkte Taschentuch in seinen Händen habe im Dunkel der Nacht, ohne daß er selbst es ahnte, seine Spur verrathen. Margret habe ihn vor der That hinabschleichen hören, der eine der Lehrlinge ihn bei seiner Rückkehr durch die Kammer hasten sehen. Dazu kämen nun die Beweise, welche die noch in der nämlichen Nacht unternommenen Erörterungen, die später aufgefundenen Zeugnisse wider King ergaben: die Fasern der Unterbeinkleider King’s an den Fingernägeln des Ermordeten, das versteckte blutige Taschentuch, die dem Angeklagten gehörende Mordwaffe, der fehlgeschlagene, wenn auch heroische Versuch desselben, durch die Wunde, die er sich nach seiner Verhaftung freiwillig beigebracht, das furchtbare Zeugniß der Blutspur zu entkräften. Das Motiv zu der mit beispielloser Ruhe, Hinterlist und Tücke und mit ungewöhnlicher Ueberlegung ausgeführten That sei das Streben King’s gewesen, von der Wittwe Wolf als Geschäftsführer und später als Geschäftseigner angenommen zu werden und Natalie Becker zu heirathen.

Die Vertheidigung hatte dieser klaren, scharfen Beweisführung der Anklage gegenüber einen schweren Stand.

Sie versuchte den Nachweis, daß kein Anderer als Karl Bahring der Thäter sei. Auf ihn wiesen die zerrissenen Briefe, das Taschentuch im Keller. Sein Motiv zur That, Liebeseifersucht, sei klar und greifbar, das Motiv, welches die Staatsanwaltschaft King unterlege, verworren unpsychologisch, eine Kette von unglaubhaften Hypothesen. Daß King Bahring’s Taschentuch entwendet, sei in keiner Weise erwiesen. Er wäre thöricht gewesen, wenn er es gethan und sich der Ueberführung dieser Entwendung ausgesetzt hätte. Bahring habe gemordet mit dem festen Vorsatze, sich dann selbst zu tödten. Deshalb habe er alle die Beweise seiner That zurückgelassen, auf dem Mordschauplatz verstreut. Nur sein Haus habe er unverfolgt gewinnen wollen, um hier seine That selbst zu sühnen, und das ihm lästige Leben hinzugeben. Bahring’s Schuld an der Ermordung Wolf’s sprächen auch die letzten Zeilen offen aus, die Bahring angesichts des Todes geschrieben und die darum gewiß die volle Wahrheit sagten. Margret, welche King offenbar hasse und die darum als Zeugin verdächtig sei, habe die weitere Verfolgung der Spur, welche auf Bahring als Thäter hinwies, nun ganz von diesem abgelenkt. Deshalb sei Alles unerörtert geblieben, was Bahring’s Thäterschaft noch zweifelloser hätte beweisen können. Man habe nicht untersucht, ob Bahring denn nicht Beinkleider vom nämlichen Stoff getragen habe, wie er an Wolf’s Nägeln gefunden worden sei. Man habe nicht erörtert, wo Bahring sich gerade in der Stunde der Ermordung Wolf’s aufgehalten habe. Sicher sei er damals nicht mehr in der Ressource und noch nicht zu Hause gewesen. Erst die Vertheidigung habe erörtert und bewiesen, daß Bahring einen großen scharfen Dolch getragen.

King sei, nach dem Zeugnisse Aller in einem solchen Zustande der Erschlaffung in jener Nacht nach Hause gekommen, sei seiner Müdigkeit und Verschlafenheit, nachdem er seine Dienste geleistet, so rasch wieder erlegen, daß man ihm unmöglich eine solche That zutrauen könne. Auch die Blutspur sei einfach aus der Handwunde erklärlich, die von dem Arzt und Richter bei der Hast der ersten Untersuchung nicht bemerkt worden sei. King habe diese Wunde eben so wenig wie den Besitz eines blutigen Dolches und Taschentuches verrathen wollen, als ihm einmal gesagt worden war, daß der Verdacht der Thäterschaft auf ihm ruhe. Zum Schlusse betonte die Vertheidigung noch einmal, wie wenig gerade ein Mann von der Tüchtigkeit, dem Fleiß, den geselligen Talenten King’s vom gewöhnlichen Wege seiner Laufbahn habe abzuweichen brauchen, wie sicher er nach seinen bisherigen Erfolgen in der kleinen Stadt dort für alle Zeit sein gedeihliches Fortkommen habe erwarten dürfen. Am wenigsten habe es ihm der Natalie Becker halber geeilt. Denn von dieser habe er sich, wie die Zeugin selbst bekunde, seit Pfingsten mehr und mehr zurückgezogen.

Beide Parteien hatten ihre Pflicht nach Kräften gethan.

Ruhig und fest betheuerte in seinem Schlußwort der Angeklagte seine Unschuld, und die Geschworenen zogen sich zur Schöpfung des Wahrspruchs zurück. –

Unter der lautlosen Stille der gedrängten Zuhörerschaft erschienen sie nach kaum einer Stunde wieder, und der Obmann las mit bewegter Stimme den Spruch des Volksgerichtes:

„Auf meine Ehre und mein Gewissen der Wahrspruch der Geschworenen ist folgender:

‚Ist erwiesen, daß Josua King den Kürschnermeister Wolf in … in der Nacht vom 24. zum 25. Juni 185. vorsätzlich und mit Vorbedacht getödtet und dadurch eines Mordes sich schuldig gemacht habe?’

Ja! Mit mehr als sieben Stimmen.“

Der Gerichtshof sprach nun das Todesurtheil über Josua King aus. Er hörte es ruhig und kopfschüttelnd an; nur eine tiefe Blässe bekundete seine innere Erregung.

Er wurde abgeführt.

Draußen, vor dem Saal, am entgegengesetzten Ende der Ausgänge für das Publicum befand sich ein langer halb dunkler Gang nach den Gefängnißzellen, und rechts von diesem Gang war das Zeugenzimmer. Margret war als die Erste der Zeugen nach Schluß der Verhandlung in tiefster Bewegung hierher geeilt. Sie stand noch in der geöffneten Thür, als sie hörte, daß King von den beiden Wächtern vor und hinter ihm zu schleunigem Schritt ermuntert wurde. Klirrend rasselten die Ketten, die man ihm nach Verkündigung des Todesurtheils angelegt hatte, und ehe Margret sich in das Zimmer zurückziehen konnte, war der Gefangene bei ihr angelangt.

Er faßte die Gestalt des Mädchens, die nach seiner Ansicht mehr als irgend ein anderer Zeuge zu seiner Verurtheilung beigetragen hatte, mit einem raschen, durchbohrenden Blick in’s Auge und zischte, dicht vor ihr stehend, durch die Lippen:

„Warte, Margret, wenn ich wieder herauskomme!“

„Vorwärts da!“ gebot streng der Wachtmeister und stieß den schweren Säbel hart auf den Boden.

„Aermster Mann, Du gehst einen Gang, von dem Niemand zurückkehrt!“ sprach Margret vor sich hin, während King am Ende des Corridors verschwand.




Aber Margret sollte nicht ganz Recht behalten; denn das Todesurtheil wurde an King nicht vollstreckt. Er wurde zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt.

Es war Frühling geworden, bis dieses Schicksal für ihn feststand und er von der Residenz aus die Fahrt antrat, die ihm zum letzten Mal in seinem Leben den Anblick grünender Auen und Wälder, jubelnder Lerchen und fröhlicher freier Menschen bieten sollte. Er wurde an das Zuchthaus abgeliefert; in einem Alter, in dem die jungen Männer seiner Heimath noch nicht einmal für volljährig galten, hatte er mit dem Leben abgeschlossen. Menschlicher Berechnung nach hatte er in der That nun den Gang gethan, von dem es keine Rückkehr gab. Die engen vier Kerkerwände, in denen er jetzt hauste, bei harter zwölfstündiger Tagesarbeit, bei grober, reizloser Kost, abgeschieden von aller menschlichen Gesellschaft, waren bestimmt, einst Zeugen seines Sterbens zu sein. Wie lang dauerte es noch bis dahin? Niemand konnte das sagen.

Gras und Blumen schüttete der milde Frühling aus über die Gräber des ermordeten Wolf, des Fleischers Karl Bahring. Noch viel enger und stiller waren die vier Wände, in denen sie lagen, als die Zelle Josua King’s. Es gab nur wenige Menschen im Städtchen, welche nun an der Schuld King’s noch zweifelten, nur wenige, welche nicht gegrollt und gemurrt hatten, als die Kunde durchs Land ging, Josua King werde nicht hingerichtet, er sei zu lebenslänglicher Freiheitsstrafe begnadigt.

Die allgemeine Aufregung über diese Kunde ging im Städtchen um so tiefer, als gleichzeitig das Gerücht sich verbreitete, daß der Bürgermeister des Städtchens Alles aufgeboten habe, um in der Residenz die Begnadigung des Mörders durchzusetzen, und daß die Verwandelung der Todesstrafe in Zuchthaus hauptsächlich ihm zuzuschreiben sei. In einer schwachen Stunde beim Wein sollte der Bürgermeister sich dieses Erfolges selbst gerühmt haben, theils um das Gewicht seiner Beziehungen zu den höchsten Kreisen der Residenz zu erweisen, theils um den Amtsrichter zu demüthigen; denn der Bürgermeister behauptete, Kern habe auf Erfordern des Justizministers sein Gutachten für Vollstreckung des Todesurtheils abgegeben. Man habe in der Residenz gelächelt über diesen Beweis human-liberaler Gesinnung des liberalen Herrn Amtsrichters.

Sehr bitter hatte sich Kern in seinem Kreise geäußert, als diese Gerüchte ihm glaubhaft zugetragen wurden.

[656] „Das nennt man landesherrliche Gnade!“ hatte er gerufen. „Wenn Serenissimus mit seinem guten, wohlwollenden Herzen doch wüßte, auf wessen Eingebung oft seines hohen Amtes Gnade und Ungnade geübt wird!“

Der Bürgermeister ließ sich den Umstand, daß die Bürgerschaft in dieser Frage gegen ihn auf Seiten des Richters stand, wenig kümmern; er begegnete der öffentlichen Aufregung und Mißbilligung gleichgültig und hochmüthig. Er mußte übrigens in der Residenz sehr gut angeschrieben stehen; denn eines Tages, als das amtliche Blatt die landesfürstlichen Ernennungen zur ersten Kammer veröffentlichte, stand auch der Name des Bürgermeisters darunter. Nun brachte er viele Monate des Jahres in der Residenz zu. Denn er war einer der wenigen Arbeiter in der hohen Pairskammer des kleinen Fürstenthums. Ein paar Prinzen, einige arme stiftsbürtige Adelige, ein halbes Dutzend Rittergutsbesitzer, die Bürgermeister der größeren Städte und was an höheren Geistlichen im Lande aufzubringen war, das bildete zusammen das Haus der Lords in diesem engen deutschen Vaterlande.

„Mit Respect zu melden,“ pflegte der Amtsrichter Kern immer zu sagen, wenn er von der ersten Kammer seines „Staates“ sprach.

Schließlich, nach dem Verlaufe einiger Jahre, verschwand der Herr Bürgermeister ganz aus dem Städtchen und tauchte als Geheimer Rath im Ministerium der Justiz in der Residenz wieder auf. Man sagte, daß er hauptsächlich die Personalsachen bearbeite.

„Dazu hat er ausgezeichnetes Geschick,“ erklärte Kern.

Der gesammte jüngere Richterstand zeichnete sich bald durch blinde Unterwürfigkeit unter die politischen Ansichten und Tendenzen der Regierung aus, und das Princip der Anciennetät wurde zum alten Eisen der Staatsrumpelkammer geworfen. Die „Brauchbarkeit“ des Beamten bildete den alleinigen Maßstab für die Schnelligkeit seines Vorwärtskommens. Was „brauchbar“ sei, entschied in jedem einzelnen Fälle der Geheime Rath, der früher Bürgermeister in dem Städtchen gewesen. Kern war nicht brauchbar. Er blieb jahraus jahrein Amtsrichter in dem Städtchen.

[670] Zwanzig Jahre waren nun vergangen seit jener blutigen Johannisnacht, und Kern war immer noch Amtsrichter in dem kleinen Städtchen. Von der dunklen That erzählten die alten Leute den jungen wie von einer blutigen Sage. Nur zwei verwitterte Grabsteine auf dem älteren Theile des Kirchhofes bekundeten, daß die Sage Wirklichkeit gewesen. Der Unselige, der die That verübt, sollte noch leben: das Leben des Zuchthauses.

Und auch das muthige Mädchen, das einst mit eigener Lebensgefahr die verborgene That an’s Licht gezogen, lebte noch. Sichtbar lag nach Ansicht der Leute der Segen Gottes auf ihrem Thun, ihrem Hause. Einst, so erzählten die Alten, hätte der Bauer Stephan von der Liebschaft seines Sohnes Gustav mit der Margret absolut nichts wissen wollen. Und gerade als der Josua King, der Mörder, abgeurtheilt worden, und die Margret mit [671] den anderen Zeugen aus dem Gerichtshause der Residenz getreten sei, da sei vor allem Volk der alte stolze Bauer auf Margret zugetreten, habe schweigend ihre Hand in die des Sohnes gelegt, sie als seine liebe Tochter angeredet, umarmt und auf den bereitstehenden Zweispänner gehoben; er habe sie dann in Person auf seinen schönen Bauernsitz drüben auf der Höhe gefahren. Darauf sei die Hochzeit mit aller bäuerlichen Pracht, fast mit Verschwendung ausgerichtet worden, und der Alte habe dem jungen Paar den Gasthof zum „Hirsch“ im Städtchen gekauft und eingerichtet, der damals billig zu haben war, weil er wenig Zuspruch hatte. Der Alte habe dem jungen Paar auch etwas zu thun übrig lassen wollen: sie sollten ihr Haus selber vorwärts bringen.

Die Alten brauchten den Jungen nicht erst zu sagen, daß heute der „Hirsch“, in dem die stattliche Wirthin Margret Stephan waltete, der erste Gasthof der Stadt sei. Das wußte das junge Volk selbst sehr genau. Namentlich seit einigen Jahren sah man die heirathsfähigen jungen Männer der Stadt fast jeden Abend im „Hirsch“ versammelt.

Der Magnet, der alle anzog, war der Wirthin holdseliges Töchterlein, ihr einziges Kind, das der Mutter in der Gaststube, in Küche und Keller tüchtig zur Hand ging. Um ihretwillen ließ sich das junge Volk auch willig von den Alten jene grausige Mordgeschichte erzählen, bei der Frau Margret Stephan eine so bedeutsame Rolle gespielt hatte. Viel umworben war das frische, schöne Mädchen, aber gleich freundlich war sie gegen Alle; Niemand sah sich bevorzugt. Keiner der jungen Männer mochte darum die Hoffnung aufgeben, der jungen Margret schöne Augen einstmals doch noch besonders auf sich zu lenken, und nach wie vor dauerte der Wettlauf um ihre Gunst.

Alle diese Hoffnungen mußten freilich auf unbestimmte Zeit vertagt werden, als etwa vor Jahresfrist plötzlich das Gerücht die Stadt durchlief, der Gastwirth Stephan sei nach kurzer Krankheit einem hitzigen Fieber erlegen. Das ganze junge Geschlecht eilte in’s Trauerhaus, um sein Beileid zu stammeln und kehrte mit der Versicherung nach Hause zurück, daß auch die Trauergewänder dem Mädchen reizend ständen. Die Blüthe der männlichen Jugend der Stadt erwies dem todten Wirth die letzte Ehre auf dem weiten Wege bis zum Erdbegräbniß der stolzen Bauernfamilie Stephan, das auf dem Dorfkirchhof jenseits des Berges lag.

Alles wurde aufgeboten, in den kommenden Monaten die Waise zu trösten, zu gewinnen. Sie war aber dieselbe wie zuvor; gleichmäßig freundlich gegen Alle, von der Bevorzugung eines einzelnen der vielen jungen Männer weiter entfernt als je. Daß sie der Mutter nun immer in der Wirthschaft, im Hause helfen müsse, sich nicht von ihr trennen dürfe, sprach sie nach dem Tode des Vaters wiederholt aus.

Das waren nur vertrauliche Aeußerungen Margret’s, aber das Städtchen erfuhr sie doch. Der große Generalstab des Städtchens in Enthüllung der Herzenspläne von Mitbürgern aber hatte einen feinen Trost in Bereitschaft für Diejenigen, welche klagten, die kleine Margret wolle für immer bei der Mutter bleiben.

„Das wird plötzlich einmal anders werden,“ orakelte es. „Der alte Kern wird der Sache schon eine Wendung geben.“

„Der alte Kern?“ fragte die betheiligte Jugend ungläubig.

„Freilich, der alte Kern – alt sollte man eigentlich nicht sagen, denn wie alt kann er denn sein? Nun, ein hoher Vierziger. Für einen Junggesellen freilich schon ein etwas reifer Frühling! Aber alte Liebe rostet nicht. Wenn der die Margret vor zwanzig Jahren hätte haben können – Ihr braucht nicht zu lachen, ich meine nicht die achtzehnjährige Wirthstochter, sondern ihre Mutter – hätte er sie gleich heimgeführt. Er hat sie geliebt seit der Mordjohannisnacht. Aber sie hatte einmal Gustav Stephan das Wort gegeben. Habt Ihr, so lange Ihr lebt und denken könnt, einen einzigen Tag gesehen, an dem der alte Kern nicht regelmäßig um ein Uhr zum Mittagessen und um sieben Uhr zum Abendessen in den ‚Hirsch’ gegangen wäre? Aber diesen Mann und diese Frau in Ehren, Kinder! Keiner kann der Hirschwirthin etwas nachsagen. Ihre ganze Ehe war wie ein einziger Sonnentag. Aber sie mag den Amtsrichter sehr gut leiden und hat so großen Respect vor ihm, wie wir Alle. Und ihr seliger Mann war ihm auch so gut. Also, Kinder, ich will nichts gesagt haben, aber man kann Alles noch erleben. Und dann ist natürlich für die erwachsene Tochter kein Bleiben im Hause. Mutter und Stiefvater werden sie rasch zu versorgen trachten.“

So urtheilte der Generalstab, und dieses Urtheil – kam den Empfindungen Kern’s wirklich sehr nahe.

Einmal, ein einziges Mal in seinem Leben war ihm ein Wort der Liebe zu Margret, der Verlobten Gustav Stephan’s, auf den Lippen gestanden. – In jenem Augenblicke, als Margret dem verurtheilten Mörder Josua King zum letzten Mal begegnet war, hatte Kern im Zeugenzimmer sich eingefunden. Er stand dem Mädchen allein gegenüber, unter dem unmittelbaren Eindrucke der Tragödie, die im Verhandlungssaal zu Ende gegangen war, bei der er Margret die Rolle der ersten Heldin noch einmal hatte spielen sehen. Im Glauben, ihre Neigung zu Gustav Stephan sei eine verlorene erste Liebe, die auf den rauhen Klippen der Wirklichkeit Schiffbruch gelitten, hatte er sich der Hoffnung hingegeben, Margret werde bei dem häufigen Verkehr mit ihm während der letzten Monate wenigstens sein redliches Wollen erkannt haben und ihn so gut für würdig hatten, an ihrer Seite durchs Leben zu gehen, wie manchen Andern. Er schmeichelte sich, daß die Ehre und Würde seines Amtes seinen Heirathsantrag wesentlich befürworten werde, und meinte, als Mann Margret’s volle Zeit und Gelegenheit zu finden, um die Unterschiede in ihrer beiderseitigen Bildung immer mehr auszugleichen. Das Alles hatte er sich wochenlang überlegt und nun den Muth gefunden, ihr Alles zu sagen.

Er schritt auf sie zu, faßte herzlich ihre Hand, blickte ihr ernst in die verwunderten Augen und sprach feierlich:

„Margret, ich habe ein ernstes Wort mit Ihnen zu reden.“

„Herr Amtsrichter, Sie erschrecken mich –“

„Nicht doch, Margret, ein Wort freudigen Inhalts für uns Beide, wie ich hoffe. Margret, ich wollte sagen, daß ich –“

„Ach, entschuldigen Sie, Herr Amtsrichter,“ meldete in diesem Augenblicke der Wachtmeister, „unten am Eingange des Gerichtsgebäudes steht ein Herr Gustav Stephan, der die Zeugin Margret gern gleich sprechen möchte.“

„Gustav – hier!“ stammelte Margret erröthend, indem sie ihre Hand derjenigen Kern’s entzog. „Ach, Herr Amtsrichter, Sie sagen mir das, was Sie mir sagen wollten, wohl nachher!“

Damit eilte sie aus dem Zimmer, die Treppe hinab.

Kern war ihr gefolgt. Er war Zeuge, wie der alte Stephan vor allem Volk sie seinem Gustav verlobte und auf seinen Zweispänner hob. Das arme Fahrzeug der ersten Liebe Margret’s, das Kern auf den Klippen gestrandet glaubte, fuhr als stolzer Dreimaster mit flatternden Wimpeln heim in den Hafen der Ehe. Er zerdrückte verstohlen eine Thräne. Das Wort, das Margret in der nächsten Minute von ihm hören wollte, wurde nie gesprochen.




Zwanzig Jahre waren vergangen seit dieser Zeit, und während neunzehn derselben hatte Kern seine Liebe zu Margret begraben geglaubt für immer. Er war ihr und ihrem Gatten allezeit der treueste Freund gewesen. Er hatte sein Hauptquartier im Hirsch aufgeschlagen und dadurch den besten Theil der Honoratioren des Städtchens nach sich gezogen. Er war in guten und bösen Tagen dem jungen Paar mit Rath und That treulich zur Seite gestanden, und die kleine Margret hatte an „Onkel Kern“ einen zweiten Vater. Er spielte mit ihr, als sie klein war, bestimmte später über ihre Erziehung und controlirte den Fleiß und die Fortschritte des Kindes, die Methode und Leistungen der Lehrer. Kern war glücklich in dem Glücke des Stephan’schen Hauses, als ob es sein eigenes gewesen wäre. Margret war ihm diese lange Reihe von Jahren hindurch das Sonnenlicht, dessen er bedurfte, um zu leben, das er aber so wenig zu eigen begehrte, wie das Licht des Himmelsgestirns.

Mit einem Male hatte der Tod jäh die Bande gelöst, die Kern bis zum Ende seiner Tage als unübersteigliche Schranke seiner Liebe gezogen geglaubt. Margret war frei. Sie war noch nicht vierzig Jahre alt, er selbst noch nicht fünfzig. Aufrecht und energisch schritt er einher; das volle Haar und die kräftigen muskulösen Züge seines Gesichtes gaben ihm immer noch ein recht leidliches Aussehen. Spät war es allerdings geworden für den Frühling in diesem Herzen. Aber dieses Herz war noch des Frühlings fähig.

Monate waren vergangen seit dem Tode des Hirschwirthes Stephan, ehe Kern sich die Frage vorlegte, ob dessen Wittwe jemals daran denken werde, ihren Wittwenstand aufzugeben. Und abermals vergingen Monate, ehe Kern dieser Frage gestattete, öfters bei ihm einzukehren, sie nicht schroff abwies, wie das erste Mal. Man [672] sah ihn nun häufig und gegen seine bisherige Gewohnheit, gleichviel in welchem Wetter, stundenlang einsam in der Umgegend des Städtchens umherpilgern. In der Mittagsstunde und am Abend im Kreise der Freunde war er einsilbiger und verschlossener, als er sonst sich zu geben pflegte, sodaß Manche fürchteten, eine schleichende Krankheit, welche Frohsinn und Lebensfreude ihm mehr und mehr bestricke, werde plötzlich bei ihm zu Tage treten. Selbst im Verkehr mit der Hirschwirthin, mit der jungen Margret zeigte er sich verändert. Bald war er zärtlicher, weicher und hingebender, als je zuvor, bald rauher und abweisender, als sie Kern jemals gekannt hatten. Besonders eingehend und freundlich berieth er mit der Wirthin unter vier Augen. Als Vormund des „Kindes“ Margret hatte er dazu oftmals Veranlassung, die er jedesmal eifrig benutzte.

So war das Trauerjahr beinahe abgelaufen, als auch das ganze kleine Fürstenthum plötzlich von Amtswegen in Trauer versetzt wurde. Der Landesfürst segnete das Zeitliche und hinterließ Alles, was er besessen, seinem Erben. Viel war es nicht. Die officielle Trauer nahm sechs Wochen in Anspruch. Die Gerichte siegelten schwarz; die Beamten trugen schwarze Flöre um den linken Arm und den Cylinder: nur Cylinder durften von Beamten während der Landestrauer getragen werden. Die Hofschauspieler erhielten sechs Wochen Ferien und überschwemmten die Theater des deutschen „Auslandes“ mit Gastspielen. Die überschießende gute Gesinnung zeigte sich in mancherlei rührenden Zügen: man schaffte schwarze Pferde zu loyalen Equipagen an; der Hofcorsettlieferant veranstaltete in seinen Schaufenstern eine sinnige Auslegung beflorter Handschuhe und Hosenträger in den Landesfarben. Der Hofconfitürier stellte eine braunschwarze Kolossalbüste des verewigten Monarchen von Chocolade aus. Das amtliche Blatt registrirte tiefbewegt „alle diese ungeheuchelten Beweise eines allgemeinen großen Schmerzes um die heimgegangenen landesväterlichen Tugenden“.

Dem Ländchen aber blieb der schwierigere Theil des Beweises seiner Theilnahme an dem allerhöchsten Familienereignisse noch vorbehalten. Denn mit dem letzten Tage der sechs Trauerwochen sollte der große ungeheuchelte Schmerz mit einem Male versiechen, jeder Thränenquell, der aus diesem Anlaß floß, trocken gelegt werden und von Mitternacht ab die Landestrauer in eitel Landesfreude sich verwandeln. Denn am kommenden Tage gedachte der neue Thronbesitzer seinen Regierungsantritt festlich zu begehen. Da durfte kein Städtchen und kein Flecken des Landes sich ausschließen, wenn es nicht höheren Ortes ungünstig vermerkt werden sollte. Namentlich trat an die Wirthe des Landes die Aufgabe heran, für geeignete Festveranstaltungen zu sorgen.

Auch die Wittwe Margret Stephan hatte ihre Anstalten für das fürstliche Fest zu treffen, und natürlich, wie alle Anderen, schon am letzten Tage der Trauerwochen, damit der kommende Tag Küche und Keller bei ihr in Ordnung finde. Und doch war ihr das Herz schwerer und trauriger als jedem andern Landeskind an diesem Tage. Denn gerade an diesem Tage vor einem Jahre war ihr Gatte gestorben.

Es that ihr sehr weh, daß sie heute nicht selbst an das Grab ihres Gustav sollte wandern, es nicht selbst sollte bekränzen können. Aber auch Kern, der stets nur das Nöthigste an loyalen Kundgebungen empfahl, hatte der Gastwirthin dringend gerathen, sich ordentlich zum Krönungsfest zu rüsten, um dem Neide Mißgünstiger keinen Stoff zum Gerede zu geben. So mußte denn das Opfer gebracht sein.

Am frühen Morgen verließ jung Margret die Mutter, um die duftigen Kränze des Frühlings, unvergänglicher Liebe auf dem Grabe des Vaters niederzulegen. – –

Vor zwanzig Jahren war ihre Mutter denselben Weg geschritten zu demselben Zwecke, wie sie heute.

Wie damals jubelten die Lerchen. Wie damals war die Luft erfüllt von dem kräftigen Dufte der Bergwiesen. Wie damals der Mutter, so winkte heute der Tochter als süßer Lohn nach der steilen, schattenlosen Steigung vor dem Gipfel des Berges das wonnige, lichte Grün des Buchenwaldes, unter dessen Laubdom man bis zum Dorfe hinabschritt.

Ja, die Mutter hatte der Tochter oft erzählt von jenem Gang nach dem Grabe der Eltern, den sie vor beinahe zwanzig Jahren gethan. War an diesem Morgen doch zum ersten Male in den Mai ihrer Liebe der tödtliche Frost gefallen, den das Wort Scheiden der jungen Liebesblüthe bringt. Und wie furchtbar hatte der Tag geendet – mit dem Morde der Johannisnacht!

Genau kannte jung Margret alle Einzelheiten jenes Morgens, jenes Tages, der nun fast zwanzig Jahre zurücklag. Hier oben stand noch der Feldstein, auf dem vor zwanzig Jahren ihr Vater als junger Mensch gesessen und die Braut erwartet hatte. Sie kannte auch den Stein genau, der das Merkzeichen war, daß die Höhe gewonnen sei. Ihr Auge heftete sich mit dem Ausdruck der Verwunderung auf diese Stelle. Ein alter Mann lag schlafend an demselben. Er hatte die Rechte um den Stein geschlungen, hatte eine rauhe Decke wie ein Kissen an den Stein und unter den Kopf gelegt und schlief in dieser Lage, den Körper im weichen Grase ausgestreckt.

Margret mußte an dem Manne vorüber; sie schritt leise näher, um ihn nicht zu wecken. Einen Augenblick blieb sie stehen, um das Gesicht des Fremden zu betrachten, das dem Wege zugekehrt war.

Sie hatte anfangs geglaubt, es könne ein alter Landarbeiter sein, der so früh schon vor Müdigkeit raste. Aber dem widersprach der Schnitt der Kleidung des Unbekannten. Sie schien nicht lange getragen und in einer Mode zugeschnitten, die jung Margret in ihren achtzehn Jahren noch nie gesehen. Auch das bleiche, blutleere Gesicht, die blassen, mageren Hände des Fremden gehörten sicherlich keinem Landmann an. Für einen Handwerksburschen war der Mann viel zu alt, für einen Bettler zu reinlich und zu gut gekleidet. Ein wandernder Krämer konnte er nicht sein, da er keine Waaren mit sich führte.

Wenig kurzgeschorenes graues Haar bedeckte das Haupt des Unbekannten. Die breite Stirn zeigte Furchen des Grams und tief in ihren Höhlen ruhten die geschlossenen Augen. Die Backenknochen sprangen weit hervor; verfallen waren die Wangen und der dichte graue Bart kurz rasirt. Der Athem des Fremden ging unruhig und schwer. Auch die lange, breitschulterige Gestalt schien gebeugt, verfallen vor Alter. Von den alten Männern, die Margret gesehen, war dieser weitaus am hinfälligsten. Und dennoch erhöhte eine genauere Prüfung seiner Züge nicht das Mitleid für den schwachen, alten Mann; denn es lag etwas so Gemeines, Wildes um den Mund des Schlafenden, daß Margret zurückschreckte. Die Muskeln und Bänder der Kiefern schienen so straff angezogen wie bei einem Raubthier, das Beute erspäht.

Alle diese Beobachtungen hatte Margret in wenigen Minuten gemacht. Sie war auf den Fremden zugetreten in der stillen Absicht, eine Blume als Frühlingsgruß bei ihm zurückzulassen, oder eine Geldspende, wenn er ihrer bedürftig scheinen sollte. Sie trat jetzt rasch und ohne jede Spende von ihm zurück, ihren Weg fortzusetzen, um den fremden Menschen so schnell wie möglich aus den Augen zu verlieren.

In diesem Augenblicke hustete er laut und heftig, und der Anfall schüttelte und weckte ihn, noch ehe Margret sechs Schritte von ihm entfernt stand.

[690] Das Auge des Unbekannten traf beim ersten Aufschlagen das Mädchen, welches betroffen stehen geblieben war. Fest und starr blickte er mit seinen großen, stechenden grauen Augen auf Margret, während er, auf sein linkes Knie und den Feldstein gestützt, mit dem Husten rang.

Als dieser überwunden war, erhob er sich rasch und stieg wie Wegböschung hinab, der Stelle der Straße zu, wo Margret stand. Eine hitzige Röthe war ihm in die Wangen gestiegen, und sein Auge flackerte unruhig, fast irre, als er jetzt nahe vor Margret die Lippen öffnete und zu deren größtem Erstaunen die Worte hervorpreßte:

„Margret! – Margret, bist Du’s?“

„Um Gotteswillen!“ rief sie – „ich kenne Sie nicht. Woher wollen Sie mich kennen?“

„Nein,“ sagte er, ruhiger geworden, zu sich selbst, „die Stimme ist es nicht. Aber das Gesicht, die Figur – –“ Er hob nun die Stimme: „Kennen Sie Margret Winkelmann?“

„So hieß meine Mutter als Mädchen,“ erwiderte Margret noch erstaunter, „aber Sie, wer sind Sie?“

„Ach, ich – ein armer, alter Mensch – aber, mein Fräulein, lebt Ihre Mutter noch?“ Seine Blicke ruhten auf den Kränzen, die sie in der Hand hielt.

„Gewiß lebt sie,“ entgegnete Margret ängstlich, „aber –“

„Sie lebt, Gott sei Dank, sie lebt!“ rief der Unbekannte, und im nächsten Augenblicke hatte er seinen Hut und seine Decke am Rande der Wegböschung aufgenommen und schritt querfeldein durch Gras und Feld, nicht der Stadt und nicht dem Dorfe, sondern der Wildniß der Natur zu.

„Der arme Mensch ist geisteskrank,“ flüsterte Margret ängstlich vor sich hin, als sie ihn hinter einem nickenden grünen Aehrenfeld an einer Welle des Bodens verschwinden sah. „Aber woher mag er meine Mutter kennen? Wer mag er sein?“

Damit schritt sie dem Walde entgegen, der sie zum Heimathsdorfe ihrer Eltern geleitete, und war bald unter dem Dache des Laubes verschwunden. – –

Ungefähr um dieselbe Stunde des Morgens trat der Amtsrichter Kern in die Gaststube der Hirschwirthin, wo nur wenige Gäste versammelt waren. Er war ein ganz ungewöhnlicher Besuch zu dieser Tageszeit. Niemand konnte sich erinnern, den Herrn Amtsrichter jemals beim Frühschoppen gesehen zu haben; und nun gar zu einer Stunde, wo das Städtchen kaum den Kaffee genossen hatte!

Außergewöhnlich war aber auch sein Aussehen.

Kern hatte ja Momente, wo er ein bischen lebhaft werden konnte, aber heute war er geradezu aufgeregt. Kaum hatte er der Wirtin einen guten Morgen geboten und eine Tasse Bouillon mit Ei bestellt, als er ihr zur Thür hinaus nacheilte und ihr draußen im Gang rasch zuflüsterte, daß er sie sofort allein sprechen müsse.

Frau Margret blickte in das ernste, ängstliche Auge des Mannes, dem sie keine Furcht zutraute, und gewann den Eindruck, etwas Dringliches, Gefährliches müsse Kern ihr mitzuteilen haben. Sie öffnete sofort das „gute Zimmer“ zur Rechten des Ganges und blieb hier mit Kern allein.

Zehn Minuten darauf trug Meister Tromper, der Schneider, vom Wirthstische aus die Kunde durch die ahnungslose Stadt, daß soeben der Amtsrichter sich mit der Hirschwirthin verlobt habe. Das Gespräch aber, dessen eigenthümliche Einleitung zu diesem Gerüchte den Anlaß gegeben, entwickelte sich etwa folgendermaßen:

Der Amtsrichter blickte Margret ernst an, nachdem Beide Platz genommen, und sagte kurz und dringend:

„Lesen Sie, Frau Margret, lesen Sie!“

Dabei reichte er ihr die neueste Nummer des Regierungsblattes der Residenz hin und wies mit dem Finger auf eine Stelle unter den amtlichen Nachrichten der ersten Seite.

[691] Margret las:

„Seine Hoheit, der Durchlauchtigste Fürst … haben Allergnädigst geruht, aus Anlaß Ihres Allerhöchsten morgigen Krönungstages eine allgemeine Amnestie für alle politischen und Majestäts-Vergehen und -Verbrechen ergehen zu lassen und außerdem noch folgende schwere Verbrecher Allergnädigst mit fernerer Strafe zu verschonen:

1) Josua King, im Jahre 185. vom Schwurgericht Allerhöchst Ihrer Haupt- und Residenzstadt zum Tode verurtheilt und durch des Höchstseligen Fürsten-Vaters Hoheit zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt –“ etc..

Soweit hatte Kern die Stelle angestrichen. Nun wies er schweigend auf die zweite Seite, wo die officiösen Redactionsartikel zu stehen pflegten.

Margret las auch diese von Kern angestrichene Stelle:

„Unter den in Folge der allgemeinen Amnestie zur Stunde bereits der Freiheit zurückgegebenen Verbrechern befindet sich auch der Mörder Josua King. Bestimmend für seine Begnadigung war, abgesehen von den günstigen Anstaltsberichten über seine Führung, auch die Rücksicht auf ein vorgeschrittenes Brustleiden.“

Frau Margret gab dem Richter das Blatt zurück, blickte denselben fast lächelnd an und fragte:

„Hat diese Nachricht Sie so aufgeregt, Herr Amtsrichter?“

„Wie sollte ich ruhig bleiben bei diesem Stückchen, das unser alter Freund, unser vormaliger Bürgermeister, in Scene gesetzt hat –“

„Es ist ja ein Gnadenact des Fürsten –“

„Jawohl, Frau Margret, aber auf Eingebung des bekannten Rathes im Ministerium! Der Landesherr sollte damit eine Probe seiner fürstlichen Machtvollkommenheit geben, seine Gewalt über Leben, Tod und Freiheit seiner Unterthanen besonders glänzend zeigen. Und durch die Freilassung King’s will unser alter Freund ganz besonders Ihnen und mir Ruhe und Frieden für den Rest unseres Lebens rauben –“

„Aber, Herr Amtsrichter, was schieben Sie dem Rathe für Beweggründe unter!“

„Seine eigenen!“ brummte Kern.

„Und warum soll mir King’s Freiheit Ruhe und Frieden rauben? Warum Ihnen?“

„Sie fragen mich noch, Frau Margret? Haben Sie vergessen, was Sie mir so oft erzählt, wie King vor zwanzig Jahren von Ihnen schied? – ‚Warte, Margret, wenn ich wieder herauskomme!’ sagte er zu Ihnen.“

„Aber Sie hören ja: er hat sich gebessert, bereut –“

„Davon steht nichts in dem Artikel, kann auch nichts darin stehen. Im Gegentheil, ich weiß bestimmt, daß er niemals seine That gestanden, geschweige denn bereut hat.“

„Nun, und wenn er wirklich noch Rachegedanken gegen mich hegen sollte, was kann er mir schaden? Ich höre, begnadigte Verbrecher, die nicht aus dem Lande sind, werden in ihre Heimath gebracht und dort von der Polizei bewacht.“

„Glauben Sie wirklich, das könnte diesen eisernen Willen bändigen? Wenn er jenseits des Aequators ausgesetzt würde, er würde mit der Geradheit einer Kanonenkugel seine Richtung nach dieser Stadt, nach diesem Hause nehmen. Das Bischen Zwangspaß nach seiner Heimath wird ihn nimmermehr daran hindern. Jeden Tag, jede Stunde kann er plötzlich vor Ihnen stehen.“

„Sie könnten Einem fast bange machen, Herr Amtsrichter,“ entgegnete sie. „Aber ich fürchte King nicht. Ich habe ihn nie gefürchtet. Was fürchten Sie für sich von ihm?“

„Ich für mich gar nichts, Frau Margret –“

„Sie sagten doch vorhin, daß auch Ihre Ruhe, Ihr Friede durch King gefährdet sei?“

„Margret,“ sprach Kern mit Wärme und Innigkeit – „Ihr Friede und Ihre Ruhe sind die meinen.“ Er drückte ihr die Hand und blickte ihr freundlich in’s Auge.

„Ich weiß es,“ sagte sie. „Sie sind mir und meinem guten seligen Gustav allezeit der treueste Freund gewesen und meiner Margret wie ein Vater –“

Die Wendung des Gesprächs schien dem Richter nicht ganz zu behagen.

„Es bleiben todt die Todten,
Und nur der Lebendige lebt –“

Dieser Gedanke des Dichters war der seine, aber er sprach ihn nicht aus. „Wo ist denn Ihre Tochter?“ fragte er, um nur etwas zu sagen.

„Am Grabe ihres Vaters –“

Es klopfte an die Thür, laut, hastig. Noch ehe „Herein!“ gerufen wurde, trat ein Telegraphenbote in das Zimmer.

„Eine eilige amtliche Depesche, Herr Amtsrichter,“ sagte er entschuldigend. Der Amtsrichter öffnete sie rasch, durchflog die wenigen Zeilen und erblaßte.

„Es ist gut,“ sagte er dann zum Telegraphenboten, der, einer Antwort gewärtig, noch im Zimmer stand.

„Etwas Unangenehmes?“ fragte die Hirschwirthin theilnehmend, als sie wieder allein waren.

„Eine Meldung, die ich mit Bestimmtheit erwartet habe,“ erwiderte Kern ausweichend mit etwas unsicherer Stimme, „und die mich sofort zu einer amtlichen Expedition außerhalb der Stadt nöthigt. Es könnte sein, daß ich Margret auf meinem Wege träfe. Sie ist nach Ihrem Heimathsdorf gegangen, nicht wahr?“

„Jawohl, Herr Amtsrichter.“

„Wer begleitet sie?“

„Niemand.“

„Mein Weg führt mich gerade durch Ihr Heimathsdorf,“ sagte er mit hörbar bebender Stimme. „Treffe ich Margret, so werde ich Ihnen sagen lassen, ob – ob ich heute zu Tisch kommen kann. Leben Sie wohl, Frau Margret!“

Ein eigenthümlich banger und hastiger Ton lag in diesen Worten, als scheine den Amtsrichter eine viel wichtigere Sorge zu quälen als die, wo er heute sein Mittagsmahl einnehmen werde. Aber Frau Margret hatte in dem Geschäftsdrange dieses Tages nicht Zeit, lange darüber nachzudenken, und kein Mittel, Kern’s Gedanken zu ergründen. Die Ursache seiner Erregung war das amtliche Telegramm, das er in seiner Brusttasche geborgen hatte; es kam von dem Polizeipräsidium der Residenz und lautete. „Auf Ihre telegraphische Anfrage erwidern wir, daß King unsere Stadt nicht passirt, Zwangsroute also verlassen hat. Nach Recherchen, die wir schon in Folge seines gestrigen Ausbleibens telegraphisch bei Zwischenstationen angestellt, ist zu vermuthen, daß er sich Ihrer Stadt zugewendet. Veranlassen Sie sofortige Verhaftung desselben und Zuführung an uns!“

Wer den Amtsrichter über die Straße eilen sah, lobte Meister Tromper’s Scharfblick nachdrücklich. Man meinte, er werde wohl direct zum Küster laufen, um dort das Aufgebot mit der Hirschwirthin gleich richtig zu machen. Aber Kern lief nicht zum Küster, sondern zum Gensd’arme und hieß diesen sein geladenes Gewehr umhängen und ihm folgen.

Der Gensd’arm suchte nach Kräften mit dem Herrn Amtsrichter Schritt zu halten, aber es wurde ihm sehr schwer, namentlich als der Weg bergauf ging; denn Kern lief wie ein Jüngling – und warum? Daß ein großer Spitzbube an einer großen Schurkerei gegen die junge Margret Stephan gehindert werden solle, war Alles, was der Gensd’arm aus dem Herrn Amtsrichter herausbekommen hatte.

„Einem Phantom von Fürstenallmacht zu Liebe,“ hörte er ihn im halblauten Selbstgespräch murmeln, „wird das Zuchthaus seiner gefährlichsten Insassen entleert. Kerle, die eine vergangene Zeit für immer unschädlich zu machen glaubte, werden wieder losgelassen, um das Freudenfest zu zieren.“

Der Gensd’arm fand diese Aeußerungen etwas despectirlich. Schließlich hörte er gar nichts mehr von Kern’s Selbstgespräch. Denn dieser hatte einen großen Vorsprung gewonnen und lief den steilen Hang des Berges hinan wie eine Bachstelze.




Als Margret Stephan im Waldesdunkel, das sie zu ihrem väterlichen Heimathsdorf hinabführte, verschwunden war, richtete der Mensch, den sie längst aus ihrer Gesichtsweite glaubte, sich in seiner ganzen Länge über dem Kornfeld auf, hinter dem er sich ihren Blicken verborgen hatte, und spähte weit umher.

Als er nirgends ein Geräusch oder einen Beobachter bemerkte, suchte er sich eine Stelle aus, von der er, ohne selbst gesehen zu werden, den Waldeingang genau beobachten konnte, in welchem Margret verschwunden war.

Dann überließ er sich seinen Gedanken.

Eine lange, schwere Zeit, die hinter ihm lag, glitt wie ein Augenblick an seiner Erinnerung vorüber.

[692] Vor zwanzig Jahren hatte diese grauenvolle Zeit ihren Anfang genommen. Die gute Jahreszeit war damals noch nicht so weit vorgeschritten wie heute, als er für zwanzig Jahre – die Menschen sagten für immer – Abschied genommen vom Leben, von der freien schönen Gottesnatur.

Weit, weit, in goldene Tage der Kindheit, der Unschuld, trugen ihn damals seine Gedanken zurück. Er sah sich sitzen auf der braunen Scholle, die der Pflug des Vaters auf ostpreußischer Erde aufgehoben. Die munteren Spiele der Dorfjugend, die seine Knabenjahre erheitert, spielte er noch einmal in der Erinnerung, während der Eisenbahnzug ihn Meile um Meile dem engen Hause seiner Bestimmung näher trug, während die Fesseln ihm an Händen und Füßen rasselten. Aus dem dunklen Schatten der Wolken, welche Schritt hielten mit dem eilenden Zuge, aus der Ecke des Wagens: wohin sein stierer Blick sich heftete, blickte dann überall das ernste, traurige, vorwurfsvolle Auge des treuen Vaters ihn an und rief ihm die schweren Verirrungen, die Verbrechen seiner Jugend vor die Seele.

„King,“ hatte da der Transporteur plötzlich gesprochen. „Sie weinen. Das erste Mal, daß Jemand bei Ihnen eine Thräne gesehen! Gestehen Sie! Entlasten Sie Ihr Herz!“

„Was soll ich gestehen? Ich bin unschuldig. Haß, Rache und Meineid haben mich so weit gebracht. Es wird ein furchtbares Gericht geben, wenn unser Herrgott –“

„Schweigen Sie, King! Sie kennen unsern Herrgott nur mehr vom Hörensagen!“ hatte der Transporteur erwidert.

King hatte geschwiegen. Aber ein häßliches boshaftes Lächeln hatte seinen Mund umspielt.

Er hatte nicht mehr gelächelt, als der Finger des Transporteurs aus dem Coupéfenster nach einem fernen Schatten am Horizont gezeigt, der blau und duftig sich über dem Hügellande erhob. Ein altes Schloß mit Thürmen und Zinnen, malerisch auf einem Berge gelegen, stellte sich in noch verschwommenen Umrissen dem Blicke King’s dar. Er wußte, daß dort das Ziel dieser Reise sei, vielleicht das Ziel seiner ganzen Lebensreise. Er hätte das gewußt, auch wenn der einsilbige Transporteur nicht gesagt hätte: „Schloß Zwingburg.“ Der blaue ferne Schatten rückte immer näher; er wurde immer dunkler und größer. Und als der Zug hielt, da stand es in seinem finstern massigen Grau gerade über King. Von dieser Höhe gab es sicher kein Entrinnen! Auch die Schildwachen, mit ihrem über die Brust gekreuzten weißen Riemenzeug, konnte man nun von unten schon deutlich erkennen.

Viel ernster noch war King’s Aussehen, als die Schloßpforte zu seinem Willkommen in den Angeln kreischte und krachend hinter ihm zufiel. Scheu blickte sein Auge in dem öden Hofe mit den vergitterten Fenstern umher, in welchem düstere Gestalten in grauen Hosen und Jacken lautlos wie die Seelen Abgeschiedener vorbeihuschten. Und dann blickte er sehnsüchtig zurück in das Sonnenlicht der Freiheit, von dem er scheiden sollte.

„Vorwärts, zieh’ Dich aus!“ schallte der Befehl eines Anstaltsbeamten an sein Ohr. Und in wenigen Minuten sah er sich wieder, wie in seinen Jünglingsjahren, in der Züchtlingskleidung; im Nu war sein Gesicht glatt rasirt, sein Haar bis wenige Linien über den Wurzeln verschnitten. Dann hatte er sich dem höchsten Machthaber für den Rest seines Lebens, dem Zuchthausdirector, gegenüber gesehen und erfahren, welche Strafen ihn erwarteten, falls er der eisernen Ordnung des Hauses in irgend einem Punkte sich widersetzen sollte.

Jetzt, in seiner wiedergewonnenen Freiheit, lächelte King höhnisch und wild, als er daran zurückdachte, daß niemals in zwanzig Jahren irgend eines der Zuchtmittel der Strafanstalt gegen ihn zur Anwendung gebracht worden war. Er hatte sich vom ersten bis zum letzten Tage seiner Haft immer gleich „musterhaft geführt“ und gehörte bald der ersten Disciplinarclasse an. Er war der eifrigste und begabteste Schüler der Sonntagsschule und zählte, nach Ansicht des Predigers – eines großen Eiferers vor dem Herrn und eines vermeintlich noch größeren Herzenskundigen und Menschenkenners – zu denjenigen Züchtlingen, welchen der Herr die Gnade der Buße und Zerknirschung im reichsten Maße zugewendet habe. So oft auch ein Beamter das Auge an das Schaufenster der Zelle King’s legte, immer war der Verbrecher gleich eifrig an der Arbeit. Er lieferte weit mehr als sein Pensum.

Aber wenn die Nacht auf dem finsteren Schlosse lag und kein Auge im Dunkeln die Züge King’s zu betrachten vermochte, dann verzerrte wieder das wilde, häßliche Hohnlächeln sein Gesicht, und mehr als einmal gaben die dicken Wände seiner Zelle schaurig den Laut seines wüsten Lachens zurück. Den ganzen Tag, Jahr für Jahr, ging er nur auf das eine Ziel los: die Herzen der Menschen sich zu gewinnen, von deren Gunst zunächst die Möglichkeit abhing, daß ihm einst die Freiheit wiedergegeben würde. Aber die Nacht gehörte ihm allein – seinem wahren Gesicht und seinen wirklichen Gedanken. Ihnen widmete er von der kurzen Schlafzeit täglich mindestens eine halbe Stunde, manchmal viel längere Zeit.

Dann träumte er mit wachem Auge, wie dereinst das rostige Schloßthor in seinen Angeln abermals knarren werde, aber nur, um ihn wieder hinaus zu lassen in die wonnige Freiheit, und wie er ohne Geleit dem Bahnhofe zufliegen werde, um auf Dampfesflügeln davon zu eilen. Wohin? Nach der Heimath, zu den Füßen der armen, alten Eltern? Ein Hohnlachen antwortete der Frage, so oft sein Gewissen sie aufwarf.

„Der Alte hat mich so gut wie verflucht. Ja mehr als das: er hat mich verkauft und verrathen – mag er, ohne mich wieder zu sehen, zur Grube fahren!“

Oder weit, weit fort, gleichviel wohin, nur unter wildfremde Menschen, die nie von seinen Verbrechen von seiner Zuchthaus-Vergangenheit erfahren hatten? Abermals widerhallten die Zellenwände von dem kurzen heiseren Lachen.

„Die löbliche Polizei wird schon dafür sorgen, daß ich überall mit Schimpf und Schande fortgejagt werde, wo ich mir Arbeit erbetteln möchte. Der schlaue Kern hat Recht; er kennt die Menschen, wenn er sagt: ‚Hat Jemand zehn oder fünfzehn Jahre im Zuchthause gesessen und ist dort sehr gut gerathen, so maust er blos, wenn er wieder herauskommt. – Der stille, unverbesserliche Bösewicht aber, der raubt, brennt, schändet und mordet!’ Wir wissen, zu welcher Sorte wir gehören, Josua King! Und wir haben unsere Gründe dafür, haha! Margret Winkelmann – oder wie die Hexe jetzt heißen mag – kennt sie diese Gründe? Denkt sie wohl noch meiner Abschiedsworte? Nein, natürlich nicht. Josua King ist todt für sie, für die ganze Welt. Wenn er aber wieder lebendig wird, Margret Winkelmann, dann freue Dich! Kein Tag soll vergehen, ehe er zu Dir eilt – sein Anblick soll Dir der letzte sein, ehe Dich sein Stahl in’s Jenseits schickt!“

Diese Gedanken waren King die Zukost zum täglichen Brod, die allen Hunger und alle Entbehrungen erträglich machte. Und immer bestimmter, immer zuversichtlicher regte sich in ihm die Hoffnung, daß er den Tag noch erleben müsse, an dem er alle diese Gedanken verwirklichen werde. Der Herr Pastor und der Herr Zuchthausdirector hatten ihm ja deutlich zu verstehen gegeben, daß sie ihrerseits Alles aufbieten würden, um einst seine Begnadigung zu erwirken.

Er hatte in den letzten Jahren seiner Gefangenschaft eine Art von Aufseherposten über seine Mitgefangenen erhalten und in dieser Stellung von einem derselben, der aus der Gegend des Bergstädtchens stammte, erfahren, daß Margret noch lebe, daß sie verheirathet und im Städtchen Gastwirthin sei. Sie lebte, sie war zu finden! –

Das hatte King vor etwa zwei Jahren gehört. Er hatte bis dahin in zäher Geduld dem unbestimmt fernen Tage der Freiheit entgegengeharrt. Zu dieser Zeit aber war ein Ereigniß eingetreten, welches ihn mit steigender Ungeduld und mit fieberhafter Erregung erfüllte: Ein trockener Husten hatte sich bei ihm eingestellt. Wenn er klagte, hatte der Anstaltsarzt die Achsel gezuckt. „Das ist hier so. Sei froh, daß Du im Unterleibe fest geblieben bist! Da geht es rascher zu Ende.“ Aber vor etwa zwei Jahren hatte der Arzt auf einmal die Ueberführung King’s in die Krankenstation angeordnet. Seit dieser Zeit hatte er manche Woche fest gelegen. Aber die ihm zur Gewißheit gewordene Hoffnung, daß er den Tag der Freiheit erleben müsse, erfüllte ihn mit zäher Widerstandskraft gegen die weiter und weiter fortschreitende Auflösung seiner Kräfte.

Endlich, endlich war der heißersehnte Tag der Freiheit doch erschienen. King erhielt seine alte Kleidung ausgehändigt, in der er vor zwanzig Jahren eingeliefert worden. Wie schlotterte ihm Alles um den mageren Leib, um die eingefallene Brust! Er erhielt seinen Arbeitsverdienst ausgezahlt – eine nicht unbeträchtliche Summe. [693] Director und Pastor fügten einen Zehrpfennig, eine warme Decke hinzu. Selbst Thränen hatte King zur Verfügung, als er von den Beiden Abschied nahm und gelobte, sich allezeit brav zu halten und sofort, der ihm vorgeschriebenen Marschroute entsprechend, auf dem kürzesten Wege in die Heimath zu reisen. Er erfüllte das letztere Versprechen vor den Augen des am Schalter der Bahnhofscasse wachthabenden Polizeibeamten, indem er ein Billet bis zur Residenz nahm. Vorschriftsmäßig wurde die Entlassung des Begnadigten, sein Eintreffen mit dem nächsten Bahnzuge der Residenzpolizei telegraphisch angezeigt.

Aber King fuhr keineswegs nach der Residenz. An einer Zwischenstation, wo sich eine Seitenbahn in der Richtung nach dem Bergstädtchen bis zu dessen Nachbarstadt abzweigte, machte er Halt und erwartete den letzten Zug der Zweigbahn. Er benutzte den Aufenthalt zu einem Einkaufe in dem an der Station gelegenen Städtchen: er kaufte ein langes, scharfes Dolchmesser, das aufsprang und in der Feder stand, wenn man den Drücker berührte.

Nach Mitternacht erst war King in der Nachbarstadt angekommen, an der die Zweigbahn endete, und von dem Bergstädtchen, in dem Margret noch immer wohnen sollte, trennte ihn jetzt nur noch eine mehrstündige Wanderung. Schon der kurze Weg von Schloß Zwingburg nach dem Bahnhofe, dann in das Städtchen der Zwischenstation und zurück an den Bahnhof, hatte ihn erheblich angegriffen. Er zögerte gleichwohl keinen Augenblick, den Weg nach dem Gebirgsstädtchen noch in der Nacht bei Mondschein anzutreten und zurückzulegen. Aber das Unternehmen ging über seine Kräfte. Eben als die Sonne aufging, brach er übermüdet an dem Grenzstein der Höhe zusammen, an dem ihn jung Margret getroffen.

[710] All das zog noch einmal an King’s Innerem vorüber, als er jung Margret im Waldesdunkel hatte verschwinden sehen. Stier und leblos blickte sein graues Auge. Mit einem Male kam Leben über ihn, und seine Hand fuhr in die Tasche und holte das Messer heraus. Eifrig, zum hundertsten Male vielleicht seit dem Ankauf, probirte er den Mechanismus der Waffe. Er prüfte an seinem Daumennagel die Schärfe der Schneide. Dann lächelte er mit seinem boshaften, grausamen Lächeln und zischte durch die Zähne:

„Der Teufel selbst hat mir das Mädchen in die Hand gegeben, damit mein Werk vollständig werde. Erst die liebe Kleine, Margret Winkelmann! Dann Du selbst! Ich werde mit der über das Kind trauernden Menge in Dein Haus dringen, und wenn Du Dich über die Bahre beugst, Deinen Mutterschmerz abkürzen – Margret Winkelmann!

Und nun – an’s Werk!“

Mit diesen Worten verschwand er im Waldesdunkel, das zuvor Margret in sich aufgenommen hatte. Dem Raubtier gleich, schlich und kroch er hinter den dichten Büschen des Unterholzes. – –

Der Amtsrichter Kern stand auf der Höhe des Weges und horchte athemlos vor sich hin in den Buchenwald.

Kein Laut ließ sich hören, der die feierliche Frühlingsstimmung des sonnigen Tages getrübt hätte.

Die Lerchen stiegen auf aus den Feldern und jubelten in die blaue Luft hinein. Die Buchfinken lockten sich und schmetterten ihre Lieder in dem frischen Grün des Waldes. Käfer summten, Schmetterlinge flatterten freudig zwischen den duftigen Blumen der Bergwiese. In vollem, melodischem Dreiklang setzten jetzt die Glocken ein in Stadt und Dorf, landein, landab, um die frohe Kunde von der Krönungsfeier des jungen Herrschers mit metallner Zunge über Berg und Thal zu tragen.

Ein finsterer Zug glitt über das offene Gesicht des Richters, als das Geläut ertönte, und verdrängte den glücklichen und friedlichen Ausdruck, den es zuvor bei dem Anblicke und Getön der reinen Frühlingsnatur gezeigt hatte. Ungeduldig schaute er zurück nach dem keuchenden Gensd’armen – „Donnerwetter, das macht einem Christenmenschen heiß, wenn man da heraufgehetzt wird!“ rief der Gensd’arm laut aus, als er endlich die Höhe erklommen hatte. Aber Kern legte gebieterisch und verständlich den Zeigefinger an den Mund und fügte dann leise hinzu, als der Gensd’arm ihn erreicht hatte:

„Wir müssen ganz lautlos den Wald passiren, Steffke.“

Noch niemals war Steffken ein „In Teufels Namen, warum nur?“ so nahe auf den Lippen gestanden, wie jetzt. Aber der alte Unterofficier in ihm überwand die ruchlose Regung der Neugier, wie das noch sündhaftere Raisonniren über die erhaltene Ordre.

„Halten Sie Ihr Gewehr in Anschlag, Steffke, und sobald ich commandire, geben Sie Feuer auf den Mörder!“

„Auf den Mörder!“ wiederholte Steffke aufgeregt für sich, indem er das Gewehr bereit machte. „Also nicht blos sozusagen als Amtsbrautführer mitgenommen – sondern gegen einen Mörder. [711] Das ist doch was. Aber eine feine Nase hat der Amtsrichter. So was ‘rauszukriegen, von welchem Unsereiner nicht einen Schimmer hat. – Soll ich dem Schubjack auf Kopf, Brust oder Gesäß zielen, Herr Amtsrichter?“ fragte er dann laut.

Sie waren etwa bis zur Mitte des Waldes gelangt.

„Pst doch!“ gab der Amtsrichter zornig zurück. „Nicht so schreien! Sind Sie Ihres Schusses sicher, dann suchen Sie den Kerl nur unschädlich zu machen, nicht zu tödten.“

„Also auf die Beine,“ murmelte Steffke.

„Pst, hörten Sie nichts, Steffke?“

„Mir ist nichts bewußt, Herr Amtsrichter.“

„Mir schien, als hustete Jemand da unten am Hohlweg, wo die Stufen in den Felsen gehauen sind. Es schien aus dem Gebüsch zu kommen.“

„Mir ist nichts bewußt, Herr Amtsrichter. Und mit Verlaub – von da unten bis hier herauf kann man kaum Jemanden husten hören.“

Alles war so still wie zuvor, als die Männer lauschten.

„Lassen Sie uns hinab eilen, Steffke! Ich glaubte es bestimmt zu hören. Treten Sie auf den Moosrand am Wege, wie ich, und nun vorwärts!“

Sie hatten kaum einige Schritte gethan und den Hohlweg eben erst zu Gesicht bekommen, als eine menschliche Gestalt, in raschem Aufstieg um die Ecke biegend, vor ihnen auftauchte; aber es war nicht die Gestalt des ruchlosen Gesellen, den Kern suchte, sondern das liebliche Mädchen, zu dessen Schutz der Richter hierher geeilt war. In der Hand hielt sie Epheuranken und Rosen vom Grabe des Vaters.

„Ist das der Mörder?“ murmelte Steffke unwillig. „Am Ende doch blos als Brautführer mitgeschleppt!“

„Margret! Komm so rasch wie möglich zu uns!“ rief Kern, indem er selbst noch eiliger hinabstieg.

„Da haben wir’s!“ brummte Steffke und wollte die Büchse wieder überwerfen.

„Zu Hülfe, Onkel Kern, zu Hülfe!“ rief die Stimme des Mädchens plötzlich angstvoll flehend aus der Tiefe.

King hatte sich, von Margret unbemerkt, mit einem Satze, wie ein Luchs, hinter den Büschen hervor in den Hohlweg geschwungen und das zum Tod erschrockene Mädchen mit der Linken von rückwärts im Nacken erfaßt.

„Feuer!“ commandirte der Amtsrichter. Aber Steffke konnte nicht schießen, ohne das Mädchen zu gefährden; denn King deckte sich gegen den Gensd’armen vollständig durch Margret.

Mit einem Male blitzte es in der rechten Faust des Menschen, und ein furchtbarer gellender Schrei entrang sich den Lippen des Mädchens. Dann brach sie lautlos zusammen, wie der Mohn, den die Sense des Schnitters geknickt hat.

Nun krachte Steffke’s Büchse. Der Verbrecher taumelte nach rückwärts und stürzte wenige Schritte von seinem unglücklichen Opfer mit gellem Fluche zusammen.

Kern war an der Unglücksstätte angekommen. Er legte das bleiche Haupt des Mädchens, das er wie ein Kind geliebt und gehütet, in seinen Schooß und faßte nach der lieben kleinen Hand. Ein mattes Lächeln glitt über Margret’s Züge; dann bewegte ein schwacher Hauch die bleichen Lippen, und das schöne Auge schloß sich.

„Margret, süßes, liebes Kind!“ flehte der Amtsrichter. „Du darfst nicht von uns scheiden.“

Und heiße Tropfen aus seinen Augen überströmten die Wangen der Leblosen, vermischten sich mit den rothen Tropfen, welche ihrer Brust entströmten und die Rosen in ihrer Hand mit blutigem Thau benetzten. Kaum fühlbar ging noch ihr Puls. Ihr Athem stockte.

Mit furchtbarem Ingrimme entriß der Amtsrichter dem Gensd’armen, der schweigend an seine Seite getreten war, das Gewehr und stürzte auf den Mörder zu, der sich stöhnend und jammernd am Boden wälzte. Schon hatte er den zweiten geladenen Lauf an dessen Schläfe gesetzt, als er die Waffe wieder sinken ließ.

„Nein, das ist nicht meines Amtes,“ seufzte er. „Wir müssen ihn der Gerechtigkeit überlassen.“

„Nehmen Sie ihm die Mordwaffe ab, Steffke, und untersuchen Sie seine Wunde!“ setzte er dann hinzu.

„O, ich habe ihn laut Ordre, bestimmt nur in den rechten Schenkel geschossen,“ versicherte der Gensd’arm treuherzig und zuversichtlich, indem er das Messer an sich nahm.

Kern kniete wieder neben jung Margret. Noch schlug ihr Puls, matt und unregelmäßig wie der einer Sterbenden, noch ging ihr Athem, aber kaum merkbar.

Leute aus dem Dorfe kamen herbei, durch den Schuß, durch die Rufe Margret’s herbeigerufen. Bahren wurden dann gebracht, auf deren eine der verwundete Mörder mit nothdürftigem Verband gelegt wurde. Auch ein Arzt, der auf seinem Berufswege gerade im Dorfe gewesen, eilte nach wenigen Minuten herbei. Er untersuchte Margret’s Wunde, legte einen Nothverband an und hieß die Bewußtlose in’s Städtchen tragen. Auf die ängstliche Frage Kern’s nach Margret’s Befinden zuckte der Arzt die Achseln.

„So weit ich bis jetzt erkennen kann“ – sagte er – „liegt keine absolut tödtliche Verwundung vor. Die Mordwaffe, die auf das Herz gezückt war, ist an der Rippe ausgeglitten. Aber bedenklich bleibt die Verwundung immerhin.“ –

Wie ein Lauffeuer durcheilte die furchtbare Kunde das Städtchen. Nur mit genauer Noth entging der Verbrecher dem drohend erhobenen Arme der Volksjustiz. Selbst in den Festjubel der Residenz warf der elektrische Funke die finsteren Schatten dieser Trauerbotschaft. Den herzzerreißenden Jammer der armen Mutter aber, der die heißgeliebte einzige Tochter bewußtlos in’s Haus getragen wurde, den schildert keine menschliche Feder. –




Wochenlang lag Margret zwischen Leben und Sterben.

Dann aber durcheilte endlich die frohe Kunde die Stadt: „Margret ist gerettet!“ Langsam, aber stetig wachsend, kehrte ihr die Kraft und Gesundheit der Jugend zurück.

Kern hatte, als Hauptzeuge bei dem neuen Verbrechen King’s, sofort nach der Rückkehr in’s Städtchen telegraphisch um Abordnung eines Stellvertreters zur Führung der Untersuchung wider King gebeten. Der Stellvertreter traf ein, war indessen rasch am Ziele seiner Thätigkeit.

King war selten vernehmungsfähig. So oft der Verbrecher vernommen werden konnte, gestand er mit teuflischem Behagen seine Absicht ein, jung Margret zu morden. Er fluchte dann immer wild über „den alten Fuchs von Amtsrichter“, daß dieser ihn gehindert habe, „die Arbeit ganz zu thun, und auch bei der Mutter seinen alten Racheschwur einzulösen“. Der nichtswürdige Geselle richtete in den ersten Tagen nach der That immer wieder die Frage an den Untersuchungsrichter, ob denn nicht bald das Sterbeglöcklein für der Wirthin Töchterlein ertöne? Als er dann, nach Wochen steten Fiebers und wilder Träume bei Tag und Nacht, die eine wesentliche Verschlimmerung seines Brustleidens anzeigten, bei seiner ersten Vernehmung wieder dieselbe Frage an Kern’s Stellvertreter richtete, da antwortete ihm der Richter: „Margret ist gerettet. Sie wird genesen!“

King stieß einen wilden Fluch aus; seine Augen traten aus den tiefen Höhlen hervor; seine Rechte erhob sich noch einmal, wie um einen Stoß zu führen, in die leere Luft. Widerlich verzerrten sich seine Züge. Plötzlich stockte ihm jedes Wort im Munde, als würde ihm die Kehle zusammengeschnürt. Ein Blutsturz, und – King hatte geendet.




Abermals waren Wochen vergangen. Die letzten Tage des Rosenmonds waren gekommen. Zwanzig Jahre waren verstrichen seit der dunklen That der Johannisnacht, die dem Meister Wolf das Leben gekostet.

Jung Margret stand etwa an derselben Stelle, wo Kern ihren Hülferuf vernommen – unter dem Buchendom am Rande der Mooshalde, die den felsigen Weg überragte. Sie blickte hinab auf die Felsentreppen, die vor wenigen Wochen der Schauplatz des blutigen Frevels gewesen. Lächelnden Mundes, als sei der heilige Friede dieses schönen Waldtempels nie entweiht worden, als sei nicht dort ihr Leben an jener Schwelle gestanden, hinter der es keine Rückkehr giebt, blickte sie in die Tiefe.

Zum ersten Mal wieder zeigten ihre Wangen das frische Roth der Gesundheit, das der rasche Aufstieg ihr in’s Antlitz getrieben.

„Ihr geht mir zu langsam, Mutter und Onkel Kern,“ [712] rief sie ungeduldig hinab. „Ihr wollt mich immer noch als Patientin behandeln – und nun wollen wir einmal sehen, wie viel später Ihr oben beim Feldsteine anlangt, als ich.“

Noch ehe eine Einsprache von unten erfolgen konnte, war sie am Waldessaum verschwunden.

„Hier war es also,“ sprach bebend Frau Margret, „und, o Gott! wenn Sie nicht zur Stelle waren – ich wage den Gedanken kaum zu fassen – dann war Alles vorbei – dann blieb mir Nichts, Nichts mehr in der öden Welt!“

„Nichts?!“ stieß Kern erregt hervor. „Nichts, Frau Margret? – Ich hätte gern mein Leben hingegeben für das liebe Kind, um dieses theure Leben Ihnen zu retten.“

„O Herr Kern,“ rief Margret, „wie beschämen Sie mich! Ja, Sie sind der beste, treueste Freund, der mir jemals lebte.“

„Margret! – nichts soll mir jetzt den Mund verschließen – kann Margret Stephan verstehen, daß dieses rauhe Herz in seinen alten Tagen noch mehr für sie empfindet, als bloße Freundschaft? Daß es hier heiß und stürmisch unter den Rippen pocht und daß endlich, nach Jahrzehnten noch, das verhaltene Geständniß hervorbricht: Margret, ich liebe Dich; ich habe Dich immer geliebt? Ich habe mir Jahrzehnte lang genügen lassen an dem Glücke, Dich mit einem Anderen glücklich zu wissen. Aber nun Du frei und wieder glücklich bist, Margret, laß mich an Deiner Seite für den Rest meiner Lebenstage das reichste Glück finden, das mir je beschieden sein kann!“

Er hatte die Erröthende leidenschaftlich umschlungen. Sie blickte ihm in das ehrliche treue Gesicht, legte ihre beiden Hände um seinen Hals und empfing und erwiderte so den Kuß des geliebten Mannes.

Unter den wilden Rosenhecken des Wegrandes begann eine verspätete Nachtigall ihre schwermüthigen und doch herzerquickenden Weisen.