Aus vormärzlicher Zeit

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Autor: Rudolf von Gottschall
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Titel: Aus vormärzlicher Zeit
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aus: Die Gartenlaube, Heft 46, S. 780–783
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1891
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Aus vormärzlicher Zeit.

Von Rudolf von Gottschall.

Vom der Wiege des preußischen Liberalismus, von Königsberg, ^ deflen Leben und Treiben und hervorragende Persönlich- leiten nt der vormärzlichen Zeit ich in diesen Blättern bereits früher geschildert habe[1], war ich als junger verbannter Student 104Z nach meiner Vaterstadt Breslau gekommen, in der Hoffnung, dort wieder zur Fortsetzung meiner Studien an der Universität zugelaflen zu werden ^ lag doch eine Eingabe von mir bei dem Kultus- minister Eichhorn in Berlin, in welcher ich um diese Bewilligung nachgesucht hatte.

Itl Breslau sand ich dieselbe Gährung der Geister wie in Königsberg ^ man kann sich hetttigen Tags kanm einen Begriff mehr machen von der Macht der damaligen Zeirskrömung, die alle mit sich svrtriß, welche Begeisterung für eine schönere Zn- knnfl hegten. Es gab damals nur zwei Parteien - die eine, welche das Bestehende um jedelt Preis zu schützen, die andere, welche dem Fortschritt im Staatsleben Bahn zu brechen nnd kantpsesmttthig zu erreichen suchte, was gegenwärtig langst erreicht ist, eine Neichsversaflung und Preßfreiheit, und als letztes goldenes Ziel ein einiges Dentschland. Jetzt , wv die Parteien sich nm bestimmte Interessen scharen und ihre Programme in allen einzelnen Pnnken sorgfältig abgearbeitet haben, kanlt man sich schwer in eine Zeit znrückdenkett, in welcher soviele nnbestimmte Wünsche und Tränme die Gemüther erfüllten und ein ahnungs- voller Vorfrühling, die politische und nationale Blüthe ankündigend. in den Lüsten lag.

Ich war in Breslan bei einer befrenttdeten Familie im Packhof aus dem Bürgerwerder abgestiegen, studierte dort weniger die Pandekten als Vischers "Aesthetik" und dichtete tnein Drama "Nodespierre", welches später schon dnrch seillett Titel dem da,, maligen Polizeipräsidentelt, dem wohlmeinenden Kurator der Universität, einigen Schreck einjagte. Ich erhielt zwar die Erlanbniß, die Vorlespltgen zu besnchen, doch nicht als immatrikulierter Stndent. Ich schloß mich an die damaligen Barschen schafter die Naezeks, an, konnte indeß nicht wirkliches Mitglied der Verbindttng werden, da ich der .ill.^ muter nicht offiziell zugehörte: doch meine Gedichte waren dort bekannt und man sah mich gerlt im Kreise der mnnteren Zecher. Dett bnrschenschastlichen Ueber,- lieserungen getreu hielten auch die Naezeks die Fahne der politischen nnd geistigen Freiheit hoch, eigene Interessen anfznopfern gern bereit. So wurde in ihrer Mitte eine Eingabe an das Ministerin m ausgearbeitet, in welcher die Aufhebung der akademischen Ge- richtsbarteit verlangt wurde - nnter welcher man doch sehr schöne Vorrechte studentischer Freiheit besaß.

In Breslan spukte indeß schon damals der Geist der späteren Sozialdemokrake. Es gab, allerdings nicht bei den Studenten, aber in gewissen Kreisen der Gesellschaft, Anhänger Prondhons nnd an derer französischer Schriftsteller, und diese betrachteten achselznckend die kurzsichtigen Tagespalitiker, welche mit der Lösung van Versassungssragen die Menschheit weiterznbringen hofften. Ein sranzösischer Sprachlehrer war die Seele dieser .Kreise nnd das Orakel derselben; dach ahnten die Gleichgesinnten nach nicht, daß ein künftiger berühmter Führer der Partei, die aus ihnen sich später bilden sollte, bereits in der .Oderstadt verweilte.

Es war im Kießlingschen Keller, wo ich die Bekanntschaft eines sehr jungen Studenten machte, der sich eines großen An,- sehens bei den Kommilitonen erfrente. Man betrachtete ihn als eine Art von Wunderkind , denll er kannte die Werke eines Philosophen fast auswendig, welcher für die Mehrzahl der Ge- nassen etwas Fremdartiges hatte, zu dessen iOffenbarungen ihnen der Schlüssel fehlte; er konnte die Aussprüche Hegels mit An- gabe der Bände und Seiten eitierett, eine vertraute Kenntniß, dnrch die er später in Berlin selbst aus einen Alerunder von Hnmboldt Eindruck machte. Dabei floß ihm die Nede glatt und geläusig von den Lippen; die schwierigsten Fragen schien er gleichsam im Handumdrehen zu lösen; das Gekapper der Bierseidel , die lär- mende Umgebung vermochte nicht den Fluß seiner Weisheit zn hemmen. Erhob sich aber irgend ein Widerspruch, so begegnete dieser nur dem Hahn achselznekender Ueberlegenheit ; denn dieser

^ Im Jahraang .U^l, Nummer 2 und 1,.

achtzehnjährige junge Mann erhab Anspruch auf Unfehlbarkeit, die ihm auch van einer großen Zahl der Studien genoffen bereitwillig zugestanden wurde. Seilte äußere Erscheinung hatte nichts vam Stnbenbocker, der beinl Oel der Nachtlampe, um einen Bürgerscheu Ausdruck zu gebrauchen, "znfammenhntzelt" ; er war schlank ge- wachsen, hatte rin seingeschnittenes Prosil, eine Denterstirn, eine griechische Nase, ein ausdrucksvolles Mienenspiel, bei welchem besonders die Lippen, die leicht Verachtung und Hahn ausdrücken, mitzuwirken pflegten; das Gepräge israelitischer Herkunst war nn

. verkennbar, trat aber dach nicht aufdringlich hervar. Bei einem langen Gespräch über Hegel, der damals auch mein Philasaph war, sandelt wir viele Berührungspunke. In Kießlings Keller waren feierliche Vorstellungen nicht Mode ; ich fragte also hinter- drein nach dem Namen des sprachgewandten, geistig geschulten Studenten und erfuhr, daß er eines jüdischen Kaufmanns Sahn fei, hinter der Börse wahlle und Ferdinand Lassalle heiße.

Wir traten uns seitdem näher. Die Burschenschaft wünschte, daß wir eine im Manuskript erscheinende .Zeitschrift herausgeben

^ sollten, für welche Lassalle die philosophischen Artikel und ich die Gedichte zu verfassen hätte, dach über die ersten Anfänge

i. kam das Unternehmen nicht viel hinans. - Wir beide waren Frennde des königlichen Schachs und spielten oft znsammen; während wir aber die leichte Kavallerie der Springer über die Felder hüpfen und die schwere Artillerie der Thürlne anf- marschieren ließen, sandelt wir nach Zeit genug zu einem guten und nach unserer Ansicht schwerwiegenden Wart über die dentschen Denker und Dichter und über das, was unserer Zeit und nnserem Valke noththue.

Vor kurzem war ein st.d lesischer Dichter gestorben, deflen

^ Worte ebenfalls eine mächtige Triebkraft in der damaligen Be-

^ wegung bildeten, Friedrich van Sallet. Sein " Laienevangelium hatte Anflehen erregt; es hatte einen männlicheren Ton als Leapold Schefers "Laienbrelaier" und predigte , in kühner Um- schreibung der biblischen Te,rte, eine Sittlichkeit, die in freier Gesinnung und mnthiger Thatkraft bestand. Sallet war früher Ofsizier gewesen, hatte seinen Abschied genommen, sich mit einem Fränlein von Bnrgsdors aus Neichan im Nintptscher Kreise, der späteren Guttin des 1tr. Theodor Panr, vermählt und längere Zeit in Breslau gelebt; er hatte kanm das einunddreißigste Jahr überschritten, als ihn der Tad dahinraflte. Ich kannte ihn nicht, dach hörte ich viel van ihm erzählen; für seine Gedichte war ich begeistert und fehr zag mich auch sein Bild alt, welches damals in Breslan fast überall zur Schau gestellt war: eine Art van Ehristnskapf mit langem Gelack, zu welchem man sich keinen rathen Lieutenantskragen hinzndenkell kannte, selbst wettn man Phantasie genug besaß, die laugen Lacken in Gedanken abzu- schneiden. Etwas Soldatisches konnte nie im Wesen des jungen Offiziers gelegen haben, der ja auch für diesen Beruf wenig paßte

^ und schalt während seiner Dienstzeit wegen anstößiger schrist

^ stellerischer Leistungen zur Festungshaft verurtheilt worden war. Schmächtig und kränklich sah er auf diesem Bilde ans, während

^ seine Gedichte kerngesund waren, ohne jeden krankhaften Schmerzens- zng, ja selbst ohne die Schwermnth der schönen Seelen. Sallet hatte eine begeisterte Gemeinde um sich versammelt, meistens junge Gelehrte und die Nedakeure der Hanptzeitungett; ich schloß mich

, diesem Kreise an und wir znsammen gaben das Werk "Leben und Wirken Friedrichs van Sallet" heraus, zu welchem ich das ein. leitende Gedicht beisteuerte.

Ball diesen geistig regsamen Männern, die natürlich alle zu der Fahne des Liberalismus geschworen hatten, ging auch die Einladung zu einer Abendgesellschaft aus, bei welcher ich die Be- kanntschaft eines später vielgenannten schlesischen Parteiführers machen sollte. Wir fanden uns in einem Saale des Hotels zum

. "Weißen Adler in der Och lauer Straße zusamttten. Es galt eine Art von politischer Besprechung, und es waren auch angesehene Bürger Breslans anwesend ; man erwartete einen Vorkämpfer des schlesischen Adels, welcher die gleiche Gesinnung wie wir vertrat.

, Es währte nicht lange, so trat der Erwartete in den Saal, eine

. hohe schlanke Gestalt mit Feuerangen und einem lang herabwal.

i lenden dunklen Bart, tltit ihm ein etwas kleinerer Bealelter. Es war [781]

Die Gartenlaube (1891) b 781.jpg

Photographie im Verlage der Photographischen Union in München.
Der Festdichter.
Nach einem Gemälde von C. Heyden.


Graf Eduard von Reichenbach mit seinem Freunde Dr. Krönig, einem alten Universitätsgenossen, der seit Jahren auf seinem Schlosse wohnte. Mit Graf Reichenbach kam ein belebendes Element in den ganzen Kreis; es ging von ihm ein Hauch jugendlicher Frische, Thatkraft und Unternehmungslust aus; unter den Bewegungsmännern der damaligen Zeit wüßte ich nur einen zu nennen, der einen ähnlichen Eindruck machte, den Badenser Friedrich Hecker. Graf Reichenbach war ein früherer Jenenser Burschenschafter und er hatte nach dem Verlassen der Hochschule den studentischen Geist nicht abgestreift, sondern mit ins Leben hinüber genommen. Wenn es ihm recht behaglich zu Muthe war, erzählte er von seinen studentischen Abenteuern.

An jenem Abend wurden verschiedene Reden gehalten; Reichenbach sprach mit vielem Feuer und schloß seine Ansprache mit den Worten: „Sie sollen’s in Berlin merken, daß auch wir in unserer Provinz verstehen, den Stier bei den Hörnern zu packen.“

Man fühlte heraus, daß der stürmische Geist dieses schlesischen Grafen noch über das Programm hinausging, welches sich damals die Liberalen vorgezeichnet hatten.

Ich war inzwischen in eine eigene Wohnung auf dem Hofe der ehrwürdigen Bibliothek auf dem Sande übergesiedelt und hatte dem Sekretär derselben ein Zimmer abgemiethet. Meine Fenster gingen auf den Hof, der ein klösterliches Aussehen hatte. Mir gegenüber lagen die Fenster der Bibliothekbeamten – und da drüben hatte ja auch die vormärzliche Bewegung, die Brandung der Geister vor kurzem einen Beamten von seinem Posten fortgespült. Der Minne- und Liedersänger Hoffmann von Fallersleben, der Kenner und Meister altdeutscher Litteratur und Großsiegelbewahrer der Bücherschätze des vormaligen Augustinerklosters, hatte gewagt, einen in Berlin sehr mißliebigen Ton anzustimmen, indem er in seinen „Unpolitischen Liedern“ kleine Epigramme mit oft giftigem Pfeil auf Censur, Beamtenthum, Orden und alles andere, was damals von den Liberalen für vogelfrei erklärt worden war, losgeschnellt hatte. Man machte nicht viel Federlesens mit dem Universitätsprofessor – man entsetzte ihn seiner Aemter und er mußte zum Wanderstabe greifen.

Ein junger Privatdocent, der damals ebenfalls in deutscher Sprache und Litteratur wirkte, rückte, trotz der fühlbaren Lücke, die sich nach dem Abgang Hoffmanns gebildet hatte, nicht in die Reihe der Professoren vor; er war wohl auch ketzerischer Gesinnungen verdächtig! In unsern studentischen Kreisen hielt man nicht viel von dem hochaufgeschossenen Privatdocenten. Er galt für einen Stutzer, welcher bei den kaufmännischen Vergnügungen auf der Börse die Honneurs machte; und als eine Sammlung Gedichte von ihm erschien, die in der That keine lyrische Ader verriethen, da hatte er ganz seinen Ruhm dahin und die böswilligste kritische Lauge ergoß sich über den jungen Dichter, der bei uns damals dieselbe Rolle spielte, wie der Lyriker Bellmaus in Freytags „Journalisten“. Doch die Welt ist dem Irrthum unterworfen [782] und auch eine Studentenschaft kann fich irren. Dieser Bellmaus war kein anderer als Gustav Freytag, der allerdings seitdem die Lm'ik auf dem Strich hatte, aber dafür aus andern Gebieten sich zu einer ersten Größe unserer Litteratttr emporarbeitete, und die Vorstudien, die er damals bei den Kaufleuten, auf der Börse, itl den Materialwareu-Haudlungen zum Mißvergnügen eittes großen Theils der akademischen Iugend machte, hat er in seinem Haupt. ttnd Glanzwerte "Soll und Haben" ja zu Nutz und Frommen des ganzen deutschen Lesevltblikunts verwertet.

Alts dem einsamen Klosterhofe sollte auch ich bald in die Verbannung ziehen, doch mit glänzendem Geleite. Schon war die ersehnte Bewilligung uttterwegs, die mich wieder in Neih ulld Glied mit der übrigen Studentenschaft stellen sollte, als ein heim- tückischer Znsall detl guten Willen des Kultusministe riuttls vereitelte und mich selbst wieder, als ich scholl dem Hafen nahe war, auf die hohe See hittattstrieb. Schuld daran trug diesmal die leidige Philosophie und der thörichte Eifer, eine Nolle zu spieletl, die ich meinem jungen Dichterruhm schuldig zu sein glaubte; denn wenn man mit achtzehn Jahren eill Bändchen Gedichte hat erscheinen lassen, welches, dank der Zeitströmltug, ill allen delltschen Blättern besprochen wurde, so hält man sich für berühmt, ltnd wenn matt sich den Siebzigern nähert , so erkennt mall erst, daß dazu die Arbeit eitles ganzen Lebens nicht genügt hat.

Unter delt Professoren der Universität befand sich eill Philosoph, der einell vorzüglichen Vortrag hatte, Ehristlieb Iulins Brau iß, der aber mit der Freigeisteret der .Iutlghegeliatter wenig eitt- verstanden war und in einem seiller Eollegia Ludwig Feuerbach aufs heftigste angriff, Das erbitterte die zahlreichen Anhänger des letzteren tlllter der Iugend und sie demonstrierten durch ^ heftiges Scharreu mit den Füßen, was damals durchaus nicht wie heute eine zustimmende Huldigung bedeutete, fondern einen . recht böswilligen Widerspruch. Eiue Widerlegung des Professors war das nun freilich tticht, und einer seiller eifrigsten Anhänger, t eilt jttllger Student Namens Grieben, später lange Zeit eill tüchtiger ^ Nedaktenr der ^Kölnischen Zeitung", warf sich ill einem Zeitungs- l artikel zum Nichter auf über das unpassende Gebahren der akademischen Iugend. Damit hatte er aber ill ein Wespennest gestochen; es wurde, zum Theil von den Führern der Burschen- schaff, alt deren Spitze mein späterer Schwager, Mar. von Witten., ^ burg, staub, eilte große studentische Versammlung eill berufen, auf . welcher Griebell feinen "Pairs" Nede stehen und sich wegen seiner Anmaßung, die Studentenschaft hofmeistern zu wollen, recht- fertigett sollte. Die Versammlung wurde voln Nettor verboten, aber, wie da.'., oft zu geschehen pflegt und in vormärzlicher Zeit die Negel war, trotzdem abgehalten, lttld sie war so zahlreich besucht , wie nur irgend möglich Grieben erschien wie aus der Arme- l sünderbank ntld wurde von dell Geschossen der Nedner durch- bohrt wie der heilige Sebastian: er falld gar keilte Verteidiger. ^ Auch ich hielt es für augebracht, eill kräftig Wörtleitt mitzusprechen, i nnd noch einer wandte sich gegen Griebell : eine spitze, aber scharf ' durchdringende Stimme verschaffte sich Gehör -- es war diejenige ^ Ferdinand Lassalles, der hier wohl seine erste öffentliche Nede hielt.

Nun begab sich das Unvermeidliche: die Untersuchung des Ulliversitätsgerichts wurde eingeleitet, Wittenburg siel als ihr ^ erstes .Opfer. Ich aber war diesem Gericht nicht unterthan; ich ^ war ttttr ein geduldeter Hörer der ^jtnn ^ia^rina, und so machte man mir weiter keinen langen Prozeß, fondern ich wurde . einfach aus der Stadt verwieselt. Da der Universitätskurator Heinicke zugleich Polizeipräsident war , so machte dies keine ^ Schwierigkeiten. Ich hatte noch eine kurze Verhandlung mit ihm, bei welcher wir uns über die Wahl solcher Dramenstoffe wie Nobespierre nicht verständigelt konnten und bei welcher der ittt übrigen sehr leutselige und liebenswürdige Herr sich über mein Talent gültstiger aussprach als später mancher kritische Weltrichter, der mich zwar aus teiltet Stadt verwies, aber vom deutschen l Parnaß verbannen wollte; alt der Sache selbst ließ sich indeß ' nichts ändern, ich mußte mein Nänzchen schnüren. Doch ohne , Sang und Klang sollte ich nicht voll danneu ziehen -- ich war ^ ja ein Dichter lttld die Studentenschaft wollte ihre Dichter ehren. , Ueber die Salldbrücke raffelten die Vierspänner und vor dem Kloster. , hof schmetterte das Posthorn! Ein großes "Komitat" mir zu Ehren- . die Burschenschafter alle, aber auch einige Wagen mit Landsmann- l schaftertl und Ferdinand .Lassalle. der keiner Verbittdung angehörte, i fehlten tticht! Attch die liberale Bürgerschaft hatte einige Vertreter .

gesendet, die mit in meinem Wagen saßen. Und so ging s ill langem Wagenznge über die Sandbrücke durch die Stadt, an dem

Polizeigebäude vorüber , lvv die Postillone lustig das Lied . schmetterten: "Bemooster Bursche zieh^ ich aus", vorüber an einer l zahlreichen in dell Straßen sich ansammelnden Volksmenge nach dem Oberschlesischen Bahnhofe. Dort wurde itl gewohnter studen- ^ ti scher Weise, "himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt" Abschied . genommen - viel Volk hatte sich nachgedrängt und die Wächter der Ordnung hatten keille leichte Arbeit. Bald saß ich im Eisen- bahnwagen und dampfte dell oberschlesischen Wäldern zn.

Das Komitat setzte natürlich wieder das Universitätsgericht in Thätigkeit. Auch Lassalle wurde vorgeladen und trotz seiner glänzenden Verteidigung, die er mir in einem größeren Briefe mittheilte, zu mehrtägiger Eareerstrafe verurteilt. Die künftigen Ereignisse warfett ihre Schatten voraus. Es war seine erste Uutersuchung, Verteidigung und Hast er sollte später in diesen gerichtlichen Angelegenheiten recht viel Uebullg gewinnen.

In den. oberschlesischetl Wälderll suchte ich zunächst elneZu.. fluchtsstätte. Dort hatte eine alte Tante voll mir ein großes Besitztum, Wiersbel bei Friedland; es war wie begraben in mächtigen Wäldern, die sich bis zur .Oder erstreckten , und eill großer Theil dieser Forsten gehörte zu dem Gute. Es war eiue Freude, allein oder mit dellt Förster durch diese Wälder zu streifen, wo uns oft stundenlang kein menschliches Wesen begegnete. Da gab es .prächtige Eichen auf den .Dämmen, melancholische Wald- teiche in den .Lichtungen , aus deren Nöhricht ."das " Konzert der. Sunlpspögel ertönte. Und wenn ich einfallt neue Wege suchte, welche Freude, mich in diesem Urwafde zu verirren und wie eine Nvthhant mich nach dellt Stande der Sonne zu orientieren und wieder itl meinen Wigwam heimzuflnden. Mancher Vogel wurde von den Zweigen heruntergeknallt: ja selbst manches harmlose Eichhorn mußte es mit dem Tode büßen, daß es den Namen des mir damals sehr mißliebigen Knltusministers trug.

Etwa zwei Stunden Wegs von Wiersbel entfernt, mehr nach Neiße ztt, lag Waltdorf, das Gut des Grafen Neichen- dach, wo ich stets eilt willkommener Gast war und wochenlang verweilte. Das Wohnhaus war nicht groß, aber schloßähnlich und hatte vor dem Haupteingatlg eine keine Säulenhalle, zu welcher Stufen in die Höhe führtell. Graf Neichenbach hatte mir meinen ,, Nobespierre" abgekauft und als mein Verleger das ^.Stück im Buchhandel erscheinen ^lassen. Auch ein Drama "Thomas Münzer" hatte ich zu dichten unternommen, und ich las die vollendeten Akte in Waltdorf einem großen Publikum vor, das zu diefem Zwecke eingeladen war und meistens aus Bewohnern der be,, nach harten Festulm, Neiße bestaub. "Thomas Münzer" hat indeß llielttals das Licht der .Oeffentlichkeit erblickt und die ungedruckte Vergessenheit der gedruckten vorgezogett.

Walldorf war damals eilte Freistatt für alle Gemaßregeltetl, und so fand ich mich dort mit einem Manne zusammen, dessen Name heutigentags wieder die Blätter füllt - es war der seines Amtes entsetzte Professor Hossmann von Fallersleben. .Damals stand er ill seiner Blüthe ; die Negierung hatte ihn zum Märtyrer feiner Ueberzeugung gemacht und zngleich zum wandernden Minne- sänget, da sie ihn aus feiller sicheren Lebensstellung hinausgedrängt hake. Er war von großer kräftiger Gestalt, blühender Gesichts.. farbe, etwas grobkörnig tlttd vierschrötig in feinem Wesen, und wenn er mit dem dicken Knotenstock in der Hand und den nägel^ beschlagenen Stiefeln ins Zimmer trat, so machte er durchaus tticht den Eindruck eitles Saloupoeten. Wie oft diu ich mit ihm über die Felder und durch die Gebüsche von Waltdorf gewandert, durch eine Landschaft, deren Hintergrund die blaßblauen .Sudeten bildeten ! So kräftig aber seine Gestalt war, seine Stimme hatte keineswegs des Basses Grttudgewalt, sie hatte einen hellen Ton uud paßte zum Gläserklang, der die Kehrreime begleitete, wenn er seine "Unpolitischen Lieder" vorsang. Hatte er doch einige nach bekannten Melodien gedichtet, zu andern selbst leichte Sangesweisen gefunden l .Oft bei unfern Spaziergängen trug er dies .oder jenes Liedlein vor: er selbst hat sie ja den Glöcklein verglichen, bei deren Klang die .Lawine stürzt. Abends im Saal des Schlosses, wenll er, ein großer Kinderfreund, mit den Kindern gespielt oder ihnen Spielzeug zurechtgeschuitzt hatte, sang er ihnen nicht bloß Kinderlieder vor, die er zahlreich gedichtet hat, sondern bei der Bowle uud in der voll ihr hervorgerufenen erhöhten Stimmung begann er das helle Glöcklein seiner politischen Lieder ertönen zu lassen. [783] Wächter l Eisen-

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Später zog der Liedersänger von Stadt zu Stadt, und wie oft hat er all der Gasthoftafel seilte Lieder vorgesungen und daflir Beifall und gelegentliche Fackelzüge geerntet! Wie haben sich die Zriten geändert! Ein Dichter, der jetzt an riner Gasthostasel seine Lieder vorsingen oder vordekamieren wollte, würde ganz gewiß in eine Nervenheilanstalt gebracht werden.

Ich selbst aber fand endlich Gnade beim Ministerium, ich wurde an der Breslatter Universität zugelassen, diente mein Io.hr bei den Gardeschützen ab, wo ich nicht nur die Bekanntschaft der französisch sprechenden Schwrizerafsiziere und vieler tapferer Neuf- chateler machte, sondern auch diejenige eines später vielgenannten Bühnenschriftstellers ; denn der jüngste Lieutenant bei meiner Eompagttie war Gustav von Moser.


  1. Im Jahrgang 1871, Nummer 2 und 13.