BLKÖ:Brodziński, Kasimir

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 2 (1857), ab Seite: 156. (Quelle)
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Brodziński, Kasimir[BN 1] (polnischer Dichter und Schriftsteller, geb. zu Królówka, Tarnower Kreises in Galizien am 8. März 1791, gest. in Dresden am 10. Oct. 1835), Sehr früh verwaist, bekam er keine sorgfältige Erziehung. Das, was er in der polnischen Literatur geworden ist, hat er somit nur sich selbst zu verdanken. Als er noch die Schulen besuchte, erregten seine poetischen Uebungen die Aufmerksamkeit. Im J. 1808 endigte er die Studien an der Akademie zu Tarnow und trat in das Regiment der damaligen polnischen Artillerie ein. Sein Führer, Kapitän Reklawski, schloß mit ihm innige Freundschaft. Im J. 1812 machte er[WS 1] als Lieutenant den Zug nach Moskau mit. Von dort zurückgekehrt, kämpfte er bei Leipzig, wurde verwundet und von den Preußen gefangen genommen. Auf sein Ehrenwort entlassen, ging er 1814 nach Krakau und schlug später seinen Wohnsitz in Warschau auf. Dort widmete er sich von nun an mit der ganzen Energie jugendlichen Feuers den Wissenschaften, wurde Professor der Literatur an der Universität in Warschau, und legte den Grund zu der großen Reform der polnischen Dichtkunst. Zunächst fing er an in dem von Bentkowski herausgegebenen „Pamiętnik“ theils durch gründliche vom höheren kritischen Standpuncte ausgehende Abhandlungen, theils durch eigene Gedichte der jungen Generation höhere Begriffe von der vaterländischen Literatur beizubringen. Er war der Erste, der die polnische [157] Literatur auf den nationalen Boden zurückführte und an die Stelle der bisherigen Flachheit und Sentimentalität Kraft, Gefühl und Charakter setzte. Er war der Erste, der die Poesie eines und seines Volkes als Etwas mit dem Wesen und Geiste desselben innigst verbundenes und daraus hervorgehendes betrachtete und als solches in’s Leben rief. Er studirte den Geist und den Charakter seines Volkes, fand eine Fülle von Poesie in demselben, und in seinem Ringen nach Vollendung der Form, wußte er beide mit der vollsten Anmuth, mit dem ganzen Reiz wiederzugeben. Ohne an dem Kampfe der Romantiker mit den Classikern, der mit allem Ernste ausgefochten wurde, auch nur den mindesten Antheil zu nehmen, war es doch B., der den Romantikern den Weg zum Siege gebahnt. In jener Zeit hatte die Warschauer Universität zwei Professoren der Literatur, Osiński und Brodziński. Der erste, ein entschiedener Anhänger des Classicismus und Verehrer der französischen Literatur, erfreute sich als begabter Redner, Dichter und besonders als vorzüglicher Uebersetzer französischer Trauerspiele, einer großen Berühmtheit, kannte aber weder sein Volk noch die geistigen Bedürfnisse seiner Zeit; der zweite hatte erst kurze Zeit zuvor das Schwert mit der Feder vertauscht, und betrat, ein Unbekannter, das Gebiet der Literatur. Osiński bezauberte durch seine Declamationen und seine angenehme Metallstimme die Zuhörer; sein Vortragssaal war stets überfüllt. B. hingegen las seine gehaltvollen Vorträge mit der heiseren leisen Stimme einer geschwächten Brust, ohne oratorischen Schwung anspruchslos vor. Sein Saal war nicht überfüllt wie jener Osiński’s. Doch des letztern Zöglinge waren die geradestehenden, die Brodziński’s[WS 2] die gebeugten Aehren auf dem Felde der poln. Literatur. Gesundheitshalber bereiste B. Italien, die Schweiz und besuchte Paris. Doch sein Brustübel mehrte sich u. in Dresden, wo er Genesung hoffte, ereilte ihn der Tod. Seine Schriften sind: „Dzieje starego i nowegu testamentu, czyli wybór przykładów i nauki z pisma sw. według wydania T. Derome ułożone“, d. i. Die Geschichten des alten und neuen Testamentes; oder Auswahl von Beispielen und Lehren aus der heiligen Schrift, nach der Ausgabe von T. Derome, 2 Bde. (Warschau 1843, 8°., mit 120 Lithographien. – Zweite Ausgabe ebenda 1848, 12°., mit Hlzschn.); – „Wiesław, sielanka krakowska w pięciu pieśniach“, d. i. Wiesław, ein krakauisches ländliches Gedicht in 5 Gesängen (Leszno 1844, 8°., auch Krakau 1850, 16°.), eines seiner schönsten Gedichte und der schönsten in der polnischen Literatur. Er malt darin das Landleben der Polen wie es ist, und in der Wahrheit der Zeichnung zeigt sich der ganze Reiz des poetischen Stoffes. Der Tanz der polnischen Bauern mit dem Klappern der Hufeisen und Hałka hat auch und noch dazu nicht die schwächste poetische Seite; – „Elegie Jana Kochanowskiego, tłomacz. z tekstem łacińskim“, d. i. Die Elegien des Johann Kochanowski, übersetzt mit gegenüberstehendem lateinischen Texte (Warschau 1831, 8°.). – „Pisma rozmaite“, d. i. Verschiedene Schriften (Warschau 1830). – Gesammelt erschienen seine Werke unter dem Titel: „Dzieła. Wydanie zupełne i pomnożone pismami dotąd drukiem nieogłoszonemi 10 tomów“, d. i. Werke. Vollständige und mit noch ungedruckten Schriften vermehrte Ausgabe in 10 Bden. (Wilna 1842–44, 12°.). In dieser Ausgabe sind aber nicht sämmtliche Werke B.’s enthalten, die vollständig herausgegeben nahezu 20 Bände umfassen würden. Anonym erschienen von ihm die Uebersetzungen der „Leiden des jungen Werther“ und des „Manuscriptes von St. Helena“; [158] für das Warschauer Theater bearbeitete er mehrere Dramen. Auch arbeitete er viele Jahre hindurch an einem synonimischen Wörterbuche der polnischen Sprache, wozu er wohl zunächst berufen war; was mit dem Manuscripte geschehen, ist nicht bekannt. Mickiewicz charakterisirt B. folgender Maßen: „B. faßte den Vorsatz, ein volksthümlicher, ein slavischer Dichter zu sein. Er stieg selbst in die Tiefen des Slaventhums hinab, übertraf darin Karpinski und wurde so zu sagen ein Slave von der Donau. Mit besonderer Vorliebe besingt er des Landmanns Leben auf dem Felde und am Herde; zeichnet Landschaften und ahmt Volkslieder nach; mit einer Art Furcht sieht er die Erscheinungen auf dem Felde damaliger Kunst und mag gar nichts von Byron hören. Der Gedanke an den Einfluß, den dieß mächtige Genie auf das feurige Gemüth der Polen haben könnte, erschreckte ihn. Er wollte Polen ruhig, friedlich dem Pfluge gewidmet sehen. – Das Publicum bewunderte seine in künstlerischer Hinsicht vortrefflichen Werke. Die Literaten schätzten seine gründlichen gelehrten Abhandlungen ungemein, man rief ihn zum Haupte einer Schule aus, die in Ermanglung eines andern Namens die romantische genannt wurde, allein die Masse des Volkes war taub für B.’s Poesien, er erweckte im Lande nicht die geringste Aufmerksamkeit. Von den Lesern bald vollends verlassen, wurde er zuletzt für die Jugend ein Gegenstand mannigfaltiger Ausfälle, die, wenn auch oft ungerecht, dennoch aus ihrer Ahnung entstanden, daß ein gefährliches Princip in seinen Werken überhand nehme.“ Dieses Urtheil ist zum Theil befangen. Die unbefangene Kritik stellt Brodziński neben Mickiewicz; B. hat vor Mickiewicz den Riesenschritt gethan, durch den die polnische Poesie national geworden, Mickiewicz folgte ihm auf dem Wege, dessen Hindernisse B. mit nicht geringer Mühe hinweggeräumt. Mickiewicz und Brodziński ergänzen sich gegenseitig und stehen nebeneinander und eng miteinander verbunden da. – B. besaß ein überaus zartes, reines, tief christliches Gemüth. Kurz vor seinem Tode hatte er einen herrlichen Traum. Christus war ihm erschienen und hatte die Hand nach ihm ausgestreckt, um ihn zu sich zu ziehen. B. liegt auf dem Friedhofe in Dresden begraben, wo ihm seine Freunde ein Grabmal in Gestalt eines viereckigen Marmorblockes mit der einfachen Aufschrift: „Kazimierzowi Brodzińskiemu Ziomkowie. Ur. 1791. † 1835 Pażdz. 10.“, d. i. Dem Kasimir Brodziński die Landsleute, geb. 1791, gest. am 10. Oct. 1835, errichtet haben.

Wiszniewski (Mich.), Historya literatury polskiey (Krakau, 8°.) I. Bd. S. 150. – Woycicki (K. Wl.), Historya literatury polskiej, d. i. Geschichte der poln. Literatur (Warschau 1845, 4 Bde.) IV. Bd. S. 58. – Przjaciel ludu, d. i. Der Volksfreund (Leszno 1837, 4°.) III. Jahrg. Nr. 46, 47, 48: „O Kazimierzu Brodzińskim i jego pismach słów kilka“, d. i. Von Kasimir Brodzinski und einige Worte über seine Schriften [daselbst auch S. 380 die Abbildung seines Grabdenkmals in Dresden]. – Blätter für literarische Unterhaltung (Leipzig, Brockhaus, 4°.) 1837, S. 363. – Mickiewicz (Adam), Vorlesungen über slavische Literatur und Zustände (Leipzig und Paris 1843, Brockhaus und Avenarius, kl. 8°.) II. Thl. S. 372. – Majorkiewicz (Jon.), Historya, literatura i krytyka, d. i. Geschichte, Literatur u. Kritik (Warschau 1847, Selbstverlag, gr. 8°.) S. 322. – Meyer (J.), Das große Conversations-Lexikon für gebildete Stände (Hildburghausen 1842, Bibl. Inst., 8°.) V. Bd. S. 938. – Nouvelle Biographie générale ... publiée sous la direction de Mr. le Dr. Hoffer (Paris 1853) VII. Bd. Sp. 469. – (Brockhaus) Conversations-Lexikon (10. Auflage) III. Bd. S. 312. – Porträt. Unterschrift: Kazimierz Brodziński, lithogr. [auch vor der Gesammtausgabe seiner Werke].

Berichtigungen und Nachträge

  1. E Brodziński, Kasimir [Bd. II, S. 156].
    Volák (Pravoslav Fr.), Básnik-Vojín. Život Kazimira Brodzinského. V povidkách nakreslil Lucian Siemieński, d. i. Biographie Kasimir Brodziński’s. Gezeichnet in Erzählungen von Lucian Siemiński (Prag 1864, Pospisil, kl. 8°. 76 S.). [Bd. 28, S. 327.]

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: es.
  2. Vorlage: Brodzińki’s.