BLKÖ:Němeć, Beatrix

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Němeć, Joseph
Band: 20 (1869), ab Seite: 172. (Quelle)
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Němeć, Beatrix, bekannter unter der slavischen Bezeichnung Božena Nemcova (čechische Schriftstellerin, geb. zu Wien 5. Februar 1820, gest. zu Prag 21. Jänner 1862). Ihr Vater Johann Pankl war Stallmeister in Diensten des Grafen Schulenburg, nach Anderen des Fürsten Sulkowsky, und ein Niederösterreicher von Geburt; ihre Mutter, eine geborne Therese Novotny, war eine Čechin. Der Vater befand sich gewöhnlich auf Reisen, so war die Tochter meist unter die Aufsicht der Mutter und Großmutter gestellt, von denen insbesondere die letztere, eine sinnige Märchenerzählerin, nicht ohne Einfluß auf das Kind war. In ihrem sechsten Jahre kam Beatrix auf die Schule nach Skalitz und in ihrem eilften nach Chvalkowitz, wo sie etwas Musik und Singen lernte und zugleich deutsche Bücher zu lesen begann; im Alter von 13 Jahren kam sie nach Ratiboříe und blieb daselbst bis zum Jahre 1837, dort heirathete sie, erst 17 Jahre alt, den Respicienten der Finanzwache zu Kostelez, Joseph Němeć. Bis zu dieser Zeit hatte sie Goethe, Schiller und einige andere deutsche Dichterwerke kennen gelernt. Jetzt erwachte in ihr der Drang, selbst zu schreiben, und da sie des Čechischen nicht genug mächtig war, versuchte sie es in deutscher Sprache. Eine Erzählung, welche sie in dieser Zeit geschrieben, verbrannte sie später. In Kostelez, wohin sie ihrem Gatten gefolgt war, verfaßte sie die beiden Erzählungen „Arme Leute“ und „Der gute Mensch“. Zwei Jahre blieb sie noch in Kostelez, dann folgte sie im Jahre 1839 ihrem Gatten nach Polna, einem Städtchen im Časlauer Kreise, wo sie zuerst durch Vermittlung eines Hausfreundes mit der čechischen Literatur genauer bekannt wurde. Vor allem zogen sie die Schriften des čechischen Dichters Cajetan Tyl an. Ihr Wunsch, nach Prag, dem Mittelpuncte des nationalen literarischen Lebens, zu kommen, ging in Erfüllung, als ihr Gatte im Jahre 1842 dahin übersetzt wurde. Nun war ihr Haus bald der Sammelplatz der hervorragenden Literaten Prags, Čejka, Nebesky, Rieger, Sumavsky, Tomicek u. A.; auch lernte sie die Familie des Dr.Stanek, der Bohoslava Rajska, [173] späteren Gemalin Čelakowsky’s, kennen, mit welcher sie sich bald innig befreundete. In diesem Verkehre erlangte sie tiefere Kenntniß der čechischen Literatur, begann, besonders von Nebesky aufgemuntert, čechische Gedichte zu schreiben, um sich in Sprache und Styl zu üben, mehreres zu übersetzen und trat im Jahre 1843 in den čechischen Unterhaltungsblättern „Kwěty“ (d. i. Blüthen) und „Včela“ (d. i. die Biene) mit den ersten Arbeiten in die Oeffentlichkeit. Nun lenkte Dr. Čejka [Bd. XI, im ersten Nachtrage, S. 378] ihre Aufmerksamkeit auf die čechischen Volkssagen und veranlaßte sie, dieselben zu sammeln, niederzuschreiben und drucken zu lassen. Sie begann mit deren Veröffentlichung im Jahre 1844 in der „Včela“ und setzte sie im Jahre 1845 fort. Als ihr Mann im Jahre 1845 nach Domazlice, einem určechischen Orte, übersetzt wurde, sandte sie von dort in die Zeitschrift „Kvety“, die durch ihre anmuthige Fassung hervorragenden „Obražy z okolí Domažlického“, d. i. Bilder aus der Gegend von Domažlice). In Domazlice selbst schuf sie durch ihren Geist und Umgang neues Leben, jede Woche versammelte sie um sich die gebildeten Mädchen des Städtchens, las mit ihnen belehrende und unterhaltende Bücher, machte sie mit der inhaltreichen Geschichte ihres Vaterlandes bekannt, weckte überall, wo sie hinkam, den Sinn für Lecture und wurde sozusagen der Mittelpunct des geistigen nationalen Aufschwungs, wie sie einen solchen in Prag kennen zu lernen und mitzuleben Gelegenheit gehabt hatte. Aber nur kurze Zeit war es ihr gegönnt, in der Mitte dieser Leute, die sie bald lieben und verehren gelernt hatten, in deren Kreise sie ein neues höheres Leben geschaffen, zu weilen. Im Juni 1848 wurde ihr Gatte nach Nimburg und im December 1849, vornehmlich aus politischen Gründen, nach Reichenberg, einer fast ganz deutschen Stadt, übersetzt. Als aber schon im nächsten Jahre ihr Mann als Obercommissär seine neue Bestimmung nach Ungarn erhielt, verständigte sie sich mit ihm dahin, daß sie nach Prag zurückkehrte, um dort die Erziehung ihrer Kinder, von denen zwei Söhne bereits die Realschule besuchten, zu überwachen. Von Prag aus besuchte sie ihren Gatten mehrere Male in Ungarn, zum letzten Male im Jahre 1853, in welchem sie erst einen hoffnungsvollen Sohn durch den Tod verlor und noch größeres Herzleid durch Entlassung ihres Mannes aus dem Staatsdienste [siehe S. 176 in den Qu.] erlebte. Dieser war nämlich nach zweijähriger Untersuchung wegen Umtrieben, in die er sich in den Jahren 1848 und 1849 verwickelt, mit dem kleinen Ruhegehalt von vierthalbhundert Gulden seines Dienstes verlustig geworden, und so die ganze Familie bitterem Mangel preisgegeben. So vieles Elend, verbunden mit materiellem Mangel, blieb nicht ohne nachhaltigen Einfluß auf die arme Frau. Sie wurde zuerst von einer großen Schwäche befallen, welche sie nicht mehr verließ und endlich die Ursache ihres frühzeitigen Todes wurde. Um sich einigermaßen zu erholen, begab sie sich im Herbste 1855 in die ungarische Slovakei, wo sie in den Bädern von Szliacs neue Kraft für ihren siechen Körper suchte, mehr aber als diese, Stoff für ihre literarischen Arbeiten fand. Sie bereiste während ihres Aufenthaltes daselbst das Altsohler und Gömörer Comitat, und sammelte fleißig aus dem Munde des Volkes Märchen und Sagen, worin sie von dem evangelischen Pfarrer Jamko Chalupka auf das Erfolgreichste unterstützt wurde. [174] Nach einem mehrwöchentlichen Aufenthalte kehrte sie mit einem Schatze slovenischer Sagen und alterthümlicher Ueberlieferungen, welche sie bald darauf im Drucke herausgab [das bibliographische Verzeichniß ihrer Schriften in chronologischer Folge siehe weiter unten], nach Prag zurück. Daselbst begann sie nun eine neue Arbeit – denn nun wurde bei den kärglichen Subsistenzmitteln, die ihr zu Gebote standen, die Schriftstellerei ihr eigentlicher Broterwerb, der freilich nur sehr spärliche Einnahmen abwarf. Sie beabsichtigte die Herausgabe ruthenischer und serbischer Volksmärchen in čechischer Uebersetzung, und hatte auch schon einen Theil aus der bekannten Sammlung des Wuk Stephanowitsch Karadschitsch [Bd. X, S. 464] übersetzt, das bereits fertige in Handschrift dem Schriftsteller Ohéral übergeben, damit er ihr einen Verleger verschaffe, Ohéral aber hatte das Unglück, das Manuscript zu verlieren. So unter Mißgeschick, Mangel, täglich steigernder Noth und ununterbrochener Arbeit, vergessen von jenen, die nach ihrem Tode ihrer Leiche eine demonstrative Feierlichkeit darbrachten, wuchsen von Tag zu Tag ihre Bekümmernisse und mit diesen ihre körperlichen Leiden, für deren Pflege ihr alle Mittel und, da sie die Zeit zur Arbeit brauchte, auch die Zeit fehlte. In dieser Noth – leider zu spät – erhielt sie von Augusta, Buchhändler in Leitomischl, das Honorar für die Gesammtausgabe ihrer Schriften. Wie leidend sie auch war, sie unterzog sich noch der Durchsicht des Manuscriptes für diese Ausgabe, ja machte noch in dieser Angelegenheit im Frühjahre 1861 eine Reise nach Leitomischl, erkrankte aber bei der Rückkehr auf dem Wege, so daß sie liegen blieb, worauf man sie nach Prag transportirte, wo sie auch nach mehrmonatlichem schweren Leiden, richtiger den Folgen ihrer Noth erlag. Wie groß aber dieselbe gewesen, läßt sich aus der Thatsache entnehmen, daß sie zeitweise und da sie krank und elend und der besten Pflege bedürftig war, mit sieben Kreuzern für den Tag haushalten mußte!! Ihre Noth im Leben sollte durch den Pomp ihrer Bestattung verdunkelt werden. Den Conduct führte der Redacteur des „Pozor“, der Pater Stulć. Den mit Lorbeerkränzen und slavischen Bändern geschmückten Leichenwagen umgaben Frauen mit brennenden Lichtern, unmittelbar dem Sarge folgte in böhmischer Mütze die Fürstin Jenny Thurn-Taxis, neben ihr die čechische Schriftstellerin Karoline Swetla, welche einen Kranz trug. Unter der unübersehbaren Menge des Leichengefolges, das aus Professoren und Doctoren, čechischen Schriftstellern aller Farben, zumeist aber aus Frauen und Studenten bestand, bemerkte man neben den Redacteuren aller in Prag erscheinenden čechischen Zeitschriften die čechischen Parteiführer Palacky, Rieger, Tomek, Zeleny, Prachensky, Pstroß, Fürst Thurn-Taxis; Graf Clam-Martinitz hatte seinen Wagen geschickt. – Die Schriftstellerin, wie sehr und hoffnungslos sie auch litt, sie hatte bis an ihr Lebensende nicht aufgehört, thätig zu sein. Ein paar Tage vor ihrem Tode, den sie gar nicht so nahe glaubte, besprach sie mit K. J. Erben, der sie besucht hatte, neue Pläne für künftige Arbeiten, und am Tage vor ihrem Tode machte sie noch die Revision der ersten Bogen der bei Augusta in Leitomischl erscheinenden Gesammtausgabe ihrer Werke, welche ihr der Verleger zugesendet hatte. Božena’s Schriften sind in chronologischer Folge: „Národní báchorky a pověsti“, d. i. Volksmärchen [175] und Volkssagen, 14 Hefte (Prag 1845, Jaroslav Pospišil, 12°.); – „Pohorská vesnice“, d. i. Das Gebirgsdorf (ebd. 1856, 8°.), bildet den 3. u. 4. Theil des Jahrgangs 1856 der bei Geřabek in Prag erschienenen „Bibliotéka českých původních románů historických a novověkých“ (neue Auflage in 1 Bande Prag 1864); – „Babička obražy venkovského života“, d. i. Altmütterchen, Bilder aus dem ländlichen Leben, 4 Bdchn. (Prag 1855, kl. 8°.), dieses Werk wurde von Ljubika Maříkova in’s Croatische übersetzt und von dem Buchhandler Galac in Agram (1865, 16°., in 2 Bdn.) herausgegeben; – „Slovenské pohádky a pověsti“, d. i. Slovenische Sagen und Erzählungen, 10 Hefte (Prag 1858, Jos. Schalk, 16°.). Außer der gleich anzugebenden Gesammtausgabe ihrer Schriften gab Jaroslav Pospišil aus denselben nach ihrem Tode eine Sammlung derjenigen heraus, auf welche ihm ein Verlagsrecht zustand, unter dem Titel: „Drobne povidky“, d. i. Kleine Erzählungen (Prag 1864, 16°.). Die Gesammtausgabe ihrer Werke erschien aber unter dem Titel: „Sebrané spisy“, d. i. Gesammelte Schriften, in 8 Bänden (Leitomischl und Prag 1862 und 1863, Ant. Augusta, 16°.); in dieser sind nicht nur die vorerwähnten einzeln ausgegebenen Werke, nämlich die čechischen und slovenischen Volkssagen, Märchen und Erzählungen, ferner Altmütterchen u. s. w., sondern auch alle anderen, vordem nur in čechischen Unterhaltungsblättern zerstreut gedruckten Aufsätze der Dichterin enthalten, von denen außer ihren kleinen Gedichten noch die Erinnerungen ihrer Reise in Ungarn, Land und Wald in Neusohl, und die Bilder aus dem slovakischen Volksleben insbesondere anzuführen sind. Die einnehmende Natürlichkeit und künstlerische Durchbildung, ihre sinnige Art, die Märchen und Sagen ihres – des slavischen – Volkes überhaupt zu erzählen, verleihen diesen Dichtungen der verewigten Frau einen großen Reiz; unbedingt aber bleibt ihr Hauptwerk der Roman: „Großmütterchen“ (Babička), voll von den rührenden Nachklängen ihrer eigenen ungetrübten Kindheit. Der Roman wurde mehrere Male in’s Deutsche übersetzt, einmal von Eleonora Gräfin K., dann von dem (1868 verstorbenen) Schriftsteller Ohéral und zuletzt von der bekannten Ida von Düringsfeld-Reinsberg. Wo jedoch diese Uebersetzungen im Drucke erschienen sind, konnte Herausgeber dieses Lexikons nicht auffinden. In ihrem Nachlasse sollen sich mehrere der Vollendung nahe Werke, darunter: „Bilder aus Prag und Böhmen“, und ein socialer Roman: „Adelig und Nichtadelig“, ferner die Wallfahrtreise, ein Lebensbild, Sitten und Gewohnheiten der Bulgaren, eine Sammlung noch unbekannter slovakischer Lieder, Sprichwörter und Redensarten, eine andere von Wörtern für ein Wörterbuch und ein Werk über die Erziehung des weiblichen Geschlechtes und überdieß fertige Pläne zu größeren Romanen vorgefunden haben. Auch eine Uebersetzung Gutzkow’s „Urbild des Tartüffe“ für die böhmische Bühne ist von ihr vorhanden. Von ihren Kindern ist Karl, der älteste (geb. 1839), Gärtner, ihre Tochter Theodore (geb. 1841) Lehrerin an der Mädchenschule in Gitschin und der jüngste, Jaroslaw (1842), akademischer Maler.

Bohemia (Prager polit. und Unterhaltungsblatt, 4°.) 1862, Nr. 19, S. 182; Nr. 23, S. 216 [nach dieser geb. am 5. Februar]. – Brünner Zeitung 1862, Nr. 22, im Feuilleton: „Božena Němec“ [nach dieser geboren am [176] 5. Jänner 1820, gestorben am 21. Jänner 1862]. – Waldheim’s Illustrirte Zeitung (Wien) 1862, S. 51. – Presse (Wiener polit. Blatt) 1862, Nr. 25 u. 65: Prager Correspondenzen vom 24. Jänner und 5. März. – Slavische Jahrbücher, herausgegeben von Jordan (Leipzig, 4°.) 1845, S. 351. – Světozor (Prager illustr. Blatt, Fol.) 1868, Nr. 4, S. 33: „Božena Němcová“ [nach diesem geb. am 4. Februar 1820]. – Dalibor. Časopis pro hudbu, divadlo a umění vůbec, d. i. Dalibor. Zeitschrift für Musik, Theater u. s. w. (Prag, 4°.) V. Jahrg. (1862), S. 31. – Čas, d. i. die Zeit (Prager čechisches Parteiblatt) 1862, Nr. 18 u. 19, im Feuilleton. – Pražsky Posel, d. i. Der Prager Bote (Prager čechisches Blatt, schm. 4°.) 1862, Nr. 19: Nekrolog. – Lada, belletristický a módní časopis, d. i. Lada, belletristisches und Modenblatt, herausgegeben von Antonie Melis-Körschner (Prag, 4°.) II. Jahrg. (1862), S. 18: Nekrolog; S. 23: ihr Begräbniß [die letztgenannten drei Blätter geben übereinstimmend den 5. Februar als ihren Geburtstag an]. – Pest Budinske Vedomosti, d. i. Pest-Ofner Nachrichten, 1862, Nr. 9, im Feuilleton. – Národní listy, d. i. Volkszeitung (Prager čechisches Parteiblatt) 1862, Nr. 18–20, im Feuilleton. – Obecne listy, d. i. Gemeindeblätter, 1862, S. 46: Nekrolog. – Lumír, belletristický týdenník, d. i. Lumir, belletristisches Wochenblatt. Herausgegeben von Mikowec (Prag, 4°.) Jahrg. 1862, S. 94 u. 118; – dasselbe, S. 97: „Nade hrobem Bozeny Němcově“, d. i. Am Grabe der Theophile Nemec. Gedicht von Em. Lužanský. – Litoměřický všeobecný domácí a hospodářský Kalendař na rok 1864, d. i. Leitmeritzer allgemeiner Haus- und Wirthschafts-Kalender auf das Jahr 1864, S. 95 u. f., im Aufsatze: „Působení zen českých“. – Slovník naučný. Redaktor Dr. Frant. Lad. Rieger, d. i. Conversations-Lexikon. Redigirt von Dr. Franz Lad. Rieger (Prag 1839, I. L. Kober, Lex. 8°.) Bd. V, S. 700 [nach diesem geb. am 4. Februar 1820, gest. am 21. Jänner 1861]. – Porträte. 1) Lithographie von J. Farsky nach dem bei Dr. V. Stanek befindlichen Originale; – 2) Holzschnitt im illustrirten Prager Blatt „Světozor“ 1868, Nr. 4; – die Todtenmaske in Gyps nahm der Bildhauer Pellegrini ab. –