BLKÖ:Stein, Anton Joseph

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Stein, Eduard Franz
Band: 38 (1879), ab Seite: 20. (Quelle)
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Stein, Anton Joseph (k. k. Rath und Professor der classischen Literatur an der Wiener Universität, geb. im Dorfe Bladen in Oberschlesien am 24. April 1759, gest. zu Wien am 4. October 1844). Sohn armer Eltern, hatte er von frühester Jugend eine unbezähmbare Lust, durch Wald und Felder zu schwärmen. Im Alter von 14 Jahren kam er in das Gymnasium der Franziskaner zu Leobschütz, hörte dann Philosophie zu Breslau, als ein plötzlich in ihm erwachter Trieb ihn drängte, in die Welt, zunächst nach Rom zu gehen. Aber ein junger Mann, der von dort herkam, stellte ihm die unentbehrlichen Erfordernisse hiezu in so eindringlicher Weise vor, daß er diesen Gedanken aufgab, worauf er nach Wien ging, wo er Sprachstudien und andere Wissenszweige mit großem Ernste und Fleiß betrieb. Daselbst machte er Bekanntschaft mit den Hofräthen von Martini [Bd. XVII, S. 33) und von Sonnenfels [Bd. XXXV, S. 317] und wendete sich mit besonderer Vorliebe der griechischen Sprache und Literatur zu. Selbst mittellos, mußte er zum Unterrichtertheilen sich bequemen, und kam als Lehrer zu den jungen Grafen von Leopold und Joseph Daun, Enkeln des berühmten Feldmarschalls, auf Schloß Ennsegg in Oberösterreich, wo er bis 1784 lebte. Im Jahre 1785 bewarb er sich um das Lehramt der Poetik am akademischen Gymnasium zu Wien, und wurde durch die Mitwirkung des Hofraths von Birkenstock [Band I, S. 406], der sein Wissen zu würdigen wußte, bald darauf zum Professor ernannt. Als im Jahre 1802 dieses Gymnasium den Piaristen übergeben wurde, kam Stein an das Gymnasium zu St. Anna, wurde aber 1806 ganz unerwartet an die philosophische Facultät der Wiener Universität übersetzt, an der er als Professor der classischen Literatur bis zum Jahre 1825 lehrte, worauf er über sein Ansuchen von Kaiser Franz I. unter Verleihung des Titels eines kaiserlichen Rathes in den Ruhestand versetzt wurde. Von der Stadt Wien war ihm die Salvator-Medaille verliehen worden. Stein erfreute sich bis zu den [21] letzten Augenblicken eines rüstigen Greisenalters. Den Sommer über lebte er in Baden, eine dort allbekannte Persönlichkeit. In seinem 84. Jahre entschloß er sich erst, seine deutschen, lateinischen und griechischen Gedichte herauszugeben. Männer der Kirche, des Staates und der Literatur waren einst seine Schüler, von denen manche sich seine Liebe zu den Classikern – doch wohl weniger durch seinen Vortrag, als aus eigener Neigung – so eingeprägt hatten, daß sie als alte Männer mit Virgilius, Horatius, Ovidius, Homer und Sophokles noch so vertraut waren wie in den Studienjahren. Daß er ausgezeichnete Schüler gehabt, unterliegt keinem Zweifel; wir führen nur beispielsweise an: Anton Alexander Graf Auersperg, Ludwig Deinhardstein, Johann Gabriel Seidl, Ludwig Halirsch, Baron Münch-Bellinghausen (Friedrich Halm), Ed. Edler von Badenfeld (E. Silesius) u. A. Seine literarische Thätigkeit ist eine geringe, wenn gerade nicht unbedeutende, dafür aber ihn um so mehr charakterisirende. Die Titel seiner im Druck erschienenen Werke sind: „Augusti Veith a Schittlersberg Nemus Urbi Vindobonensi proximum vulgo Prater. Poema postumum. Edidit adjecta versione germana Ant. Stein Philologiae Professor“ (Vindobonae 1811, typis Antonii Strauss, pag. XVI, S. 94); Stein hat das Gedicht von Schittlersberg, dessen dieses Lexikon im Bd. XXX, S. 45 gedenkt (ohne jedoch dieses didaktische Gedicht über den Prater zu erwähnen), ins Deutsche übersetzt, und dieser Uebersetzung das Original vorausgeschickt; – „Chrestomathia latina et graeca“ (Vindobonae 1816, A. Doll, 8°., und mehrmals neu aufgelegt), ein Buch, dessen sich Stein zu seinen Vorlesungen bediente; – „Amor capnophilus. Carmen nuper repertum nunc commentario philologico aestetico ethico illustratum eddidit Palladius Philocharis“ (Vindobonae 1827, Schraembl) Mit einer Radirung. Die deutsche Vorrede umfaßt XLVIII Seiten; nun folgt ein kleines lateinisches exordium, dann das Gedicht „Amor capnophilus“, 18 lateinische Distichen, begleitet von einem lateinisch geschriebenen Commentar auf 116 Seiten!! In dieser Schrift, die er mit Weglassung des Commentars in seine 1843 gesammelten Gedichte aufnahm, ereiferte er sich als leidenschaftlicher Rauchfeind mit allen Waffen der Ironie und des Spottes unnachsichtlich gegen das Rauchen. – „Deutsche, lateinische und griechische Gedichte von Ant. Jos. Stein“ (Wien 1843, Ueberreuter) I. Abtheilung: „Prooemium von L. Deinhardstein“, X S., deutsche Gedichte 183 Seiten; – II. Abtheilung: „Carmina latina et graeca“, 128 S. Das in der II. Abtheilung S. 6 enthaltene Gedicht „Nemesis“, zur Zeit des Wiener Congresses gesungen, ist ein schwungvolles Gedicht in alkäischen Strophen in antikem Geiste. Ob die von einem Anton Stein im Jahre 1810 bei Anton Doll in Wien erschienene „Élite d’épigrammes et madrigaux des meilleurs poëtes français depuis Marot jusqu’à nos jours“ von dem Philologen Stein redigirt und edirt worden, kann Herausgeber nicht sagen. In den Wiener Musikalmanachen der Achtziger- und Neunziger-Jahre des vorigen Jahrhunderts und in Schickh’s „Modezeitung“ finden sich viele seiner Gedichte und Epigramme zerstreut. Schließlich sei hier einer kleinen Notiz Gräffer’s gedacht, welche [22] wörtlich lautet: „Professor Stein Anton, der Philolog, vor ein paar Jahren verstorben, ungealtert, obschon stark über die 80, steinalt und steinreich; viele, viele Jahre bei einer starken Pension gut gewirthschaftet; und steinreich auch an wirklichen Steinen. Er gab sich der hübschen Passion hin, die nächstbesten kleinen Straßensteine dunkelgrau zu bemalen, daß sie aussahen wie Gemmen. Welcher feine archäologische Gedanke! Stein’s novantike Steine, wo mögen sie sein? Doch nicht da, wohin er alle Tabakraucher gewünscht: beim Teufel?“

Zur Charakteristik Stein’s als Mensch, Lehrer und Professor. Stein war eine jener grotesken Professorentypen, mit denen die vormärzliche Aera Oesterreichs nicht eben zu dürftig ausgestattet ist. Er war ein gelehrter Philolog, von jener Sorte, deren Gelehrsamkeit keinem zu Nutzen, aber auch keinem zu Schaden gereicht, wenn man nicht eben die vernachlässigte classische Bildung der jungen Leute als einen Schaden ansehen will. Im Ganzen war er ein Original, dem es an ebenso derben, als witzigen Einfällen niemals fehlte. Als ein Studiosus nach abgelegter schlechter Prüfung davonrannte und die Thüre heftig zuschlug, rief er ihm nach: „Dem ist der Stein zu hart, drum will er den Zorn an Holz auslassen. „Als ein anderes Mal ein Student. Namens Fischer, bei seiner Prüfung dieselbe schlecht bestanden hatte, und Stein, der Anton hieß, viel nachzuhelfen und zu fragen hatte, rief dieser aus: „Ich bin wie der h. Antonius, der den Fischen predigen muß.“ An Cicero’s Geburtstage – am 3. Jänner – pflegte Stein schwarz gekleidet, einen Blumenstrauß in der Hand, ins Collegium zu kommen. Es ließe sich eine artige Zusammenstellung seiner Bonmots, Eigenthümlichkeiten und Schrullen ausführen. Manches davon findet sich in Memoiren und anderen Schriften zerstreut. Als Poet besaß er Schwung und namentlich als Epigrammatiker beißenden Witz. Als wahres Muster eines vernichtenden Epigramms kann z. B. das folgende „Medaillon“ überschriebene gelten: „Alastor sieht mit stolzer Lust | Sein Bild an Lais’ feiler Brust | Fürwahr noch hing ein größ’rer Wicht | An einem schön’ren Galgen nicht.“ Seine Epigramme auf Professor Ignaz Liebel [Bd. XV, S. 95] möchten diesem nicht eben zu großes Vergnügen bereitet haben; so lautet denn das eine: „Lipp lehrt es euch, wenn ihr’s nicht wißt | Was „eddel“, „schehn“ und „höslich“ ist“. Feines mit attischem Witze verstand er an bedeutende Männer zu richten, wie seine Epigramme auf den Tod Beethoven’s, des Prinzen de Ligne, des Astronomen Triesnecker, auf Nik. Jos. von Jacquin’s Leichenfeier u. A. beweisen. Treffend witzig und ohne Zwang sind seine ήχικοι wir möchten sie mit „Echos“ übersetzen – genannten Verse, wie z. A.: „Quos amant mores animi serviles? – viles. – Quid pueritia? nonne mollis et sincera? – cera. – Peractum post quid recreat negotium? – otium. – Quae septem virgo coloribus nitet miris? – Iris u. s. w. Ein Freund Anton Stein’s war der bekannte Epigrammendichter Johann Möser [Bd. XVIII, S. 430], mit dem er noch, bereits ein Achtziger, jeden Sonntag den Kahlenberg zu besteigen pflegte.
Quellen zur Biographie. Wiener Zeitung 1845, Nr. 4: „Nekrolog von B.(ergmann). – Allgemeine Theater-Zeitung, Redigirt von Adolph Bäuerle (Wien, gr. 4°.) 1844, in der Rubrik: „Nekrologe“. – Bauernfeld, Gesammelte Schriften. Zwölfter Band. Aus Alt- und Neu-Wien (Wien 1873, Braumüller, 8°.) S. 8. [Abweichend von den üblichen Schilderungen seiner Lehrfähigkeit zeichnet ihn Bauernfeld mit folgenden Worten: „Der Philologe Stein war ein stämmiger, kräftiger, alter Mann, nachlässig gekleidet, mit offener, haariger Brust und struppigem Bart. Dieser philologische Diogenes besaß großes Wissen, nur verstand er es durchaus nicht, sich fruchtbar mitzutheilen oder die Jugend für sich selbst und sein Fach zu interessiren, geschweige zu begeistern. Mit der Erklärung einer einzigen Horaz’schen Ode brachte er wohl an die acht Tage zu; dabei kam er vom Hundertsten aufs Tausendste, schimpfte über die Jugend, über’s Billardspielen, über’s Biertrinken, wie über das dem Verfasser des „Amor capnophilus“ besonders verhaßte Tabakrauchen.“ – Zur richtigen Auffassung der vorstehenden Charakteristik sei bemerkt, daß Stein, [23] der wirklich ein guter Philolog, aber ohne alle besondere Lehrfähigkeit war, sich in den beiden Semestralcursen auf eine äußerst dürftige Exposition einige Briefe von Cicero und Plinius dem Jüngeren oder eines anderen lateinischen Autors, welcher nur in einem oder dem anderen harmlosen Fragmente in die normalmäßig vorgeschriebene Chrestomathie aufgenommen war, beschränken mußte, weil das damals herrschende Unterrichtssystem in seinem Argwohn gegen die freiheitlichen Ideen des Alterthums die Lesung eines ganzen Classikers gar nicht gestattete und eine Chrestomathie hatte zusammenstoppeln lassen, welche nur unzusammenhängende, harmlose Brocken der einzelnen Autoren enthielt. Unter solchen Umständen erklärt sich’s leichter, daß Stein zur Erläuterung einer Horaz’schen Ode acht Tage brauchte und sich dabei vom Hundertsten ins Tausendste verlor.] – Kehrein (Jos.), Biographisch-literarisches Lexikon der katholischen deutschen Dichter, Volks- und Jugendschriftsteller im 19. Jahrhundert (Zürich 1871, Leo Wörl, gr. 8°.) Bd. II, S. 170. – Die Vorrede zu Stein’s im Jahre 1843 in Wien erschienenen deutschen, lateinischen und griechischen Gedichten ist eigentlich nur eine Biographie Stein’s, von seinem ehemaligen Schüler L. Deinhardstein verfaßt.
Porträt. Ein gestochenes oder lithographirtes Bildniß Anton Stein’s ist dem Herausgeber dieses Lexikons nicht bekannt, dürfte auch kaum vorhanden sein. Hingegen ließen seine dankbaren Schüler sein Bildniß im Jahre 1820 von Professor Kuppelwieser in Oel malen. Das Bild trug die Unterschrift: „Antonio Stein | Prof. Publ. | grati discipuli.“ Unter dem Rahmen prangte in einem vergoldeten Lorbeerkranze eine Lyra. Das Bild war bis – 1848 (!) in einem der Hörsäle der philosophischen Facultät der Wiener Universität aufgehängt. Wohin es dann gekommen, weiß man nicht.
Medaillen. 1) Avers: „Ant.(onio) Stein Cons.(iliario) Cesar.(eo) Proffess.(ori) Emerit.(o) Liter.(arum) Lat.(inarum) Graec.(arum) Nato Bladnae MDCCLIX“, mit dessen wohlgetroffenem, linksgekehrten Bildniß, darunter eine dreisaitige Leier unter der die Worte: „Trilingui Musa Claro“ zu lesen sind. Unter den Rumpfe des Kopfes steht: J.(ohannes) Weiss F.(ecit)“. Revers. Unterschrift: „Quid Verum Atque Decens Curat Rogat Omnis in hoc est Horaz epist. lit. I, II.“ Dann sieht man eine sitzende Minerva, die vor sich einen Knaben stehen hat. Die griechischen Buchstaben Α–Ω auf dem Täfelchen, das der Knabe hält, deuten auf das Ende alles Wissens. Zu den Füßen Minervas erblickt man eine Eule, Homer’s Büste und Schriftrollen. Im Abschnitte befindet sich der Name des Künstlers: J.(ohannes) Weiss inv.(enit) et fec.(it)“. Gewicht 31/2 Loth Silber. Der Künstler entwarf und vollendete die Medaille vor dem am 4. October 1844 erfolgten Hinscheiden Stein’s, daher fehlt die Angabe seines Todesdatums. – 2) Aus einer Notiz Gräffer’s erfahren wir, daß der Redacteur der „Wiener Zeitschrift“, Schickh, Stein’s Kopf im Profil von dem berühmten Medailleur Böhm [Bd. II, S. 20] hat „medailliren“ lassen. Wohin dieses Medaillon (in Wachs oder Gyps) nach Schickh’s 1835 erfolgtem Tode gekommen, ist nicht bekannt.
Grabmal. Ein Schüler Stein’s, Ignaz Kron, ließ seinem Lehrer auf dem St. Marxer Friedhofe, wo Stein begraben liegt, ein Denkmal setzen, worüber Ebersberg’s „Zuschauer“ 1844, Beilage zu Nr. 154, nähere Mittheilung macht.