BLKÖ:Treffz, Henriette

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Trecourt, Giacomo
Band: 47 (1883), ab Seite: 93. (Quelle)
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Treffz, Henriette (Sängerin, geb. zu Wien am 28. Juni 1826, gest. auf ihrer Villa in Hietzing am 9. April 1878). Ihr Vater Th...d war polnischer Abstammung und Officier in der kaiserlich österreichischen Armee, ihre Mutter, deren Namen sie führte, die Tochter jener schönen Margarethe Schwan aus Mannheim, welche unser Schiller schwärmerisch geliebt und durch mehrere begeisterte Gedichte (an Laura) verewigt hat. Die ganz widersprechenden Angaben über diese Liebe Schiller’s, welche zuerst J. W. Schäfer ihres Zaubers zu entkleiden versuchte, hat in späterer Zeit Palleske in seiner Biographie: [94]Schiller’s Leben und Werke“ (Berlin 1859, Duncker, 8°.) Bd. II, S. 9 u. f., 31 u. f. richtig gestellt. Margarethe (Laura) Schwan heiratete später den Professor Treffz. Ein Kind dieser Ehe war Henriettens Mutter, welche, gesichert durch ihre Vermögensverhältnisse, eine angenehme Existenz führte und für eine treffliche Erziehung ihrer Tochter sorgte. Spätere Umstände aber erschütterten ihr Vermögen, und die damals dreizehnjährige Henriette sah sich darauf angewiesen, zu ihren nicht unbedeutenden Geistesgaben – darunter ein überaus glückliches Musik- und Sprachentalent – die Zuflucht zu nehmen. Der bekannte Kunstmäcen und Componist Fürst Poniatowski, ihres Vaters vertrauter Freund, der die seltenen Anlagen des Kindes erkannte, ließ es durch Gentilhuomo, einen namhaften italienischen Musikmeister, der in Wien lebte und Gesangunterricht ertheilte, im Gesange unterweisen. Henriettens Fortschritte in demselben, begünstigt durch eine ungemein liebliche Stimme, waren bald so bedeutend, daß sie die Aufmerksamkeit Merelli’s, des damaligen Directors der italienischen Oper in Wien, erregte, der nun auch die vierzehnjährige Künstlerin sofort engagirte. Zu ihrer großen Täuschung erhielt aber die contractlich gebundene Sängerin, nachdem sie ein mannigfaltiges und umfangreiches Repertoire einstudirt hatte, ein ganzes Jahr hindurch keine Rolle zu spielen, wahrscheinlich um als Schreckpopanz für eine launenhafte Prima, wenn diese einmal zu singen sich weigerte, in Bereitschaft gehalten zu werden. Sie kündigte daher ihr Engagement und ging nach Dresden, wo sie in Bellini’s „Romeo und Julie“ an der Seite der berühmten Schröder-Devrient, welche den Romeo sang, in der Rolle Giulietta zum ersten Male die Bühne betrat. Ihr Erfolg war ein glänzender. Die Königin von Sachsen entbot die jugendliche Künstlerin, die mit ihrem herrlichen Talent Alles hingerissen hatte, zur Audienz, erwies sich nicht nur sehr huldreich gegen sie, sondern nahm sich dieses vielversprechenden Talentes auch ernstlich an und ließ die Sängerin, während die Schröder-Devrient dieselbe in der Schauspielkunst bildete, durch den berühmten Sänger Morlacchi weiter unterrichten. Nach einer brillanten Saison in Dresden begab sich Henriette nach Leipzig, wo sie bald die Aufmerksamkeit Mendelssohn-Bartholdy’s auf sich zog, der ein lebhaftes Interesse für sie bewies und Alles that, was in seinen Kräften stand, um sie zu fördern. Er lehrte sie seine herrlichen Lieder singen, und als sie in einem Gewandhausconcerte zum letzten Male auftrat, trug sie mit größtem Erfolge eines der berühmtesten Lieder Mendelssohn’s, das er für sie besonders componirt hatte, nämlich: „Es ist bestimmt in Gottes Rath“, vor. Henriette verdankte Mendelssohn jene Universalität, die für ihr Talent so charakteristisch war. Von Leipzig kehrte sie nach Wien zurück, wo sie, zunächst am Kärnthnerthortheater engagirt, alsbald ein Liebling des Publicums wurde. Zwei Jahre später gewann sie Director Pokorny für seine im Theater an der Wien spielende deutsche Oper, wo sie mit Pischek, Staudigl, der Marra und Jenny Lind in die Triumphe sich theilte und mit jeder Saison an Ruf gewann. Hierauf ging sie wieder nach Dresden und Leipzig, dann nach Berlin, Frankfurt, Preßburg, überall unter fortdauernden Triumphen, vornehmlich in Mozart’schen Opern [95] auftretend. In Balfe’s komischer Oper „Die vier Heymonskinder“ sang Henriette, oder wie sie später sich zu nennen liebte, „Jetty“, über 200mal, in der romantischen Oper „Die Zigeunerin“ über 100mal. Da brach die Wiener Revolution in die Lande und vertrieb wie so viele andere Künstler, auch die Sängerin aus ihrer österreichischen Heimat, und sie begab sich nach England, wo sie, von Jullien engagirt, zwei Jahre in vielen Concerten Alles entzückte. Im Jahre 1849 berichtet die Wiener „Presse“, Henriette habe während ihres Engagements bei der Stagione in London in einem Concerte, das zum Besten flüchtiger Ungarn veranstaltet wurde, gesungen und sei wegen dieser Mitwirkung aus ihrem Wiener Engagement entlassen worden. Daran ist kein wahres Wort. Henriette Treffz schied bereits 1844 aus dem Verbande der kaiserlichen Hofoper; sie wirkte allerdings auch 1849 in der Londoner Stagione mit, aber nicht in einem Concerte zum Besten der ungarischen, von Palmerston patronisirten Rebellen und Flüchtlinge. Die Sängerin, welche in dieser Weise ihre Sympathien für die Rebellen bethätigte und dann auch aus dem Verbande der Hofoper entlassen wurde, war die bekannte Anna Zerr. Wie auf dem Continent, so erfreute sich auch in London Henriette Treffz des größten Beifalles. Sie trat daselbst zuerst vor den classisch gebildeten Zuhörern der philharmonischen Gesellschaft auf, und zwar mit so glänzendem Erfolge, daß ihr die Ehre zutheil wurde, vor der Königin Victoria im Buckinghampalaste zu singen; alsdann zum zweiten Mate für die philharmonische Gesellschaft engagirt, wirkte sie auch in verschiedenen anderen Concerten in London und in der Provinz mit, u. a. bei der Eröffnungsfeier der Halle der philharmonischen Gesellschaft in Liverpool, bei letzterer Gelegenheit zugleich mit der Grisi, Garcia-Viardot, Alboni, mit den Herren Mario, Formes u. A. Sie besaß ein ungemein reiches Liederrepertoire, sang die herrlichsten Tonwerke von Mozart, Mendelssohn, Schumann, die besten Compositionen von Proch, von Dessauer, der für sie „the song of the olden time“ componirte, von Kücken, dessen „Recrut“ mit der effectvollen Orchesterinstrumentirung von Jullien von ihr immer wieder gesungen werden mußte, wie denn auch das bald zum geflügelten Musikwort gewordene „Trab, trab, mein Rößlein“ eben durch sie in den Volksmund überging und die Runde über alle Erdtheile machte. Zudem sang sie auch englische Nationallieder mit hinreißendem Zauber, und sie rechtfertigte vollständig Mendelssohn’s Ausspruch, daß sie die beste deutsche Liedersängerin ihrer Zeit sei. Wenn Herausgeber dieses Lexikons nicht irrt, wirkte sie bis 1857 in London und kehrte dann, der Bühne Lebewohl sagend, nach Wien zurück, wo sie ein großes Haus führte und zahlreiche, vorzugsweise von der Künstlerwelt besuchte Soiréen gab. Da wurde im Jahre 1862 die Wiener Gesellschaft mit einem Male von der Kunde überrascht, Fräulein Henriette Treffz, ehemalige k. k. Hofopernsängerin, vermäle sich mit dem Capellmeister Johann Strauß [Bd. XXXIX, S. 344]. Und in der That, eines Tages im August 1862 fand um 9 Uhr Früh in sehr feierlicher Weise und im Beisein einer großen Versammlung von Freunden Beider die Trauung in der St. Stephanskirche statt. Die Treffz zählte zu dieser Zeit nahezu 50, Johann Strauß erst 38 Jahre. Diese ganze Heirats-, wie [96] die nachmalige Ehegeschichte der Künstlerin erhielt nachgerade einen starken romantischen Aufputz, bei welchem Wahrheit von Dichtung nicht zu unterscheiden war. Ein Jahr nach ihrer Vermälung, im Juni 1863, folgte die einst so berühmte Sängerin einer Einladung nach St. Petersburg, wo sie in einem Concerte vor dem Czaren Lieder von Schumann, Schubert, Mendelssohn und auf besonderes Verlangen des Kaisers eine beliebte russische Romanze von dem Fürsten Kotschubey sang. Dies, wenn wir nicht irren, war ihr letztes öffentliches Auftreten. Nach sechzehnjähriger Ehe mit Johann Strauß erlag die Sängerin im April 1878 zu Hietzing, wo sie wohnte, einem plötzlichen Schlaganfall. In einem ihr gewidmeten Nachrufe heißt es von ihr: „sie habe in ihrer Ehe als tüchtige Hausfrau und treue Gefährtin sich bewährt“.

Presse (Wiener polit. Blatt) 1878, Abendblatt, Nr. 97, in der „Kleinen Chronik“. – Dieselbe, 1878, Nr. 98. Local-Anzeiger. – Fremden-Blatt. Von Gustav Heine (Wien, 4°.) 1863, Nr. 176, in der Rubrik: „Kunst, Theater u. s. w.“. – Monatschrift für Theater und Musik. Herausgeber [BLKÖ:Klemm, Joseph (Buchhändler)|Joseph Klemm]] (recte Brüder Fürsten Czartoryski) (Wien, Wallishausser’sche Buchhandlung. 4°.) IV. Jahrg. (1858), S. 58. – (Wiener) Theater-Zeitung. Von Adolph Bäuerle (kl. Fol.) 1857, Nr. 288: „Ueber Jetty Treffz in London“.
Porträte. 1) Holzschnitt ohne Angabe des Zeichners und Xylographen in der Leipziger „Illustrirten Zeitung“, Bd. XVI, S. 16. – 2) Unterschrift: „Henriette Treffz“. Stahlstich in ganzer Figur, stehend, in der rechten herabfallenden Hand ein Notenblatt. Ohne Angabe des Zeichners und Stechers auch in der Leipziger (ehemaligen Baumgärtner’schen) „Moden-Zeitung“ (4°.).
Henriette Treffz und Componist Kücken. In den Fünfziger-Jahren, als Fräulein Henriette Treffz eben im Zenith ihres Ruhmes stand und die Engländer, recte Londoner, mit dem allabendlich gesungenen, bald in Aller Mund übergegangenen „Trab, trab, mein Rößlein“ fast zu frenetischem Beifall hinriß, unternahm es ein geistvoller Correspondent der „Signale für die musikalische Welt“, diesem Fetischdienste ziemlich nahe an den Leib zu rücken und das grelle Mißverhältniß in den Honoraren für Sängerin und Componisten darzustellen. „Was glauben Sie“, schreibt dieser Correspondent dem Redacteur der „Signale“, „was dem Director Jullien die Treffz während der sechs Monate der Concertsaison kostet? Nahe an 2000 Pfund, ungefähr 14.000 Thaler. Was hat sie dafür zu thun? Jeden Abend, natürlich mit Ausnahme des geheiligten Sonntags, sei es in der Provinz, sei es in London, zwei Lieder zu singen. Das macht nach Adam Riese für jedes Lied ungefähr 100 Thaler. Da die meisten Lieder nur höchstens aus zwanzig Tacten Singstimme bestehen, so kommt auf jeden Tact fünf Thaler und durchschnittlich auf jede Note anderthalb Thaler. Was mag nun Kücken für seine Composition erhalten haben? Wenn es viel ist, vielleicht zwanzig Thaler, also gerade den fünften Theil dessen, was die Sängerin an einem Abend nur für das Singen dieses Liedes erhält! Nun, ist das etwa gerecht, oder kann man es auch nur billig nennen?“