BLKÖ:Lamberg, Maximilian Joseph Graf von

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 14 (1865), ab Seite: 42. (Quelle)
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Lamberg, Maximilian Joseph Graf von (Humanist, geb. zu Brünn in Mähren 22. November 1729, gest. zu Kremsier ebenda 23. Juni 1792). Von der jüngeren Orteneck’schen Linie. Ein Sohn des Grafen Karl Anton aus dessen Ehe mit Maria Lucretia Marquise Turinett de Prie. Nachdem [43] er die sorgfältigste Erziehung im elterlichen Hause genossen, in Breslau, Berlin und Halle studirt hatte, machte er die damals übliche große Cavalierstour nach Frankreich und den Niederlanden, um seine Bildung zu vollenden. Auf seiner Rückreise über Württemberg lernte er den Herzog Karl Eugen, den berühmten Stifter der Karlsschule, kennen und eben mit dem Gedanken sich tragend, einen bestimmten Beruf zu erwählen, nahm er des Herzogs Antrag, in seine Dienste als geheimer Rath und Oberschloßhauptmann zu treten und ihn auf die Reise, die er nach Italien vorhatte, zu begleiten, an. Der damalige württembergische Hof war der Sammelplatz der Cavaliere aus den ersten deutschen Häusern, der Pappenheim, Seckendorf, Rothkirch, von Osten u. A. Der Herzog selbst, dessen Vater kais. österreichischer General und Gouverneur von Belgrad gewesen, war dem österreichischen Hofe sehr zugethan, dieß waren unter andern die Beweggründe, die den Grafen bestimmten, des Herzogs Antrag anzunehmen. Der Graf zählte 32 Jahre, als er im Jahre 1761 seinen Posten antrat. Der Graf begleitete nun den Herzog auf seiner Reise nach Italien und bewillkommnete in dessen Auftrag in Venedig den neugewählten Dogen Foscarini. Im Jahre 1763 nahm er einen Urlaub nach Bayern, um sich, nachdem er seine erste Gemalin nach kaum zweijähriger Ehe durch den Tod verloren, zum zweiten Male zu verheirathen. Ein Jahr nach dieser Heirath gab er auch seine Stelle am württembergischen Hofe, die ihm durch Intriguen der Höflinge verleidet wurde, auf und trat als geheimer Rath, Conferenzminister und Obersthofmarschall in die Dienste des Bischofs zu Augsburg, Joseph von Hessen-Darmstadt. Aber auch auf diesem Posten wollte es ihm nicht in die Länge behagen; die Sehnsucht große Reisen zu unternehmen, erwachte nun lebhafter denn je in ihm, er gab 1769 sein Amt auf und trat seine Reise nach Afrika an. Sie dauerte bis zum Jahre 1771 und er war über Livorno, die Insel Corsica nach Nordafrika gegangen, wo er in Tunis längere Zeit verweilte. Eine Frucht dieser Fahrt war die Schrift: „Mémorial d’un mondain“, welche zu ihrer Zeit großes Aufsehen erregte und von der bei den übrigen Werken des Grafen des Näheren die Rede sein wird. Nach seiner Rückkehr in die deutsche Heimat führte der Graf ein behagliches Wanderleben, getheilt zwischen Genuß und Beschäftigung mit seinen Lieblingswissenschaften Physik, Mathematik und Philosophie. Ueberall willkommen, als Gast gern gesehen, und wenn er geschieden, schwer vermißt, zog er von einem Schlosse zum andern, blieb überall so lange es ihm gefiel, oder privatisirte zu Landshut in Bayern, zu Wien und zu Brünn. Am liebsten hielt er sich in Brünn und in Olmütz, bei seinem Freunde, dem damaligen Erzbischof Anton Graf Hamilton und bei dessen Nachfolger, dem Grafen Colloredo-Waldsee, auf, in dessen Armen und in dessen Schlosse zu Kremsier der Graf auch im Alter von 62 Jahren entschlief. Der Graf war ein Gelehrter, der mit reichen Erfahrungen ein reiches Wissen verband. Er stand mit den ersten Gelehrten seiner Zeit, mit Algarotti, Hume, Voltaire, d’Alembert im Briefwechsel. Er sprach einen großen Theil der europäischen Hauptsprachen, und ein mathematischer Kopf, wie er war, ersann er manche sinnreiche Maschine. Auch besaß er ein kostbares physikalisches [44] Cabinet. Die Anmuth seines Charakters verschaffte ihm den Beinamen Democritus dulcior, und er selbst sagt aus diesem Anlaß in seinem „Mémorial“: „Gesitteter als Demokrit gegen das Menschengeschlecht, lache er nicht über die Menschen, wohl aber über ihre Systeme, ihre Widersprüche und Kindereien, mit denen oder auf Grund deren sich die Menschen einen Schein von Wichtigkeit geben oder doch zu geben verstehen“. Mit Glücksgütern gesegnet, besaß er den Humor, sich durch seine Liebe zu der Wissenschaft die Genüsse des Lebens nicht verkümmern zu lassen und die seltene Weisheit, sie mit geistvollen Freunden seines Standes und aus der Mitte der Wissenschaft zu theilen. Er schrieb auch, aber rein um seines Vergnügens willen und gab sich in seinen Schriften ganz wie er selbst war, daher geht auch ein origineller Zug durch alle Arbeiten, welche in die Oeffentlichkeit gelangt sind und welche heute zu den gesuchten Seltenheiten und den Bijoux literarischer Curiositätensammler zählen. Seine Schriften sind in chronologischer Folge: „Lettres à quelques uns des mes amis“ (Paris, 8°.); – „Mes fragments“ (Paris 1758, 8°.); – „Essai sur l’impossible: ouvrage problématique“ (Paris 1764); – „Vanité de quelques uns de nos connaissances“ (Paris 1766) 8°.); – „Nouveaux sujets de littérature et de philosophie“ (Londres 1767, 8°.); – „Reflexions sur la propriété d’une courbe algébraïque dont les contours marqueraient les traits d’un visage connu“ (Livorno 1770, 8°.), in dieser Schrift entwickelt der Graf die fast komische Idee, ob es nämlich nicht möglich wäre, einem Mathematiker das Porträt einer bestimmten Person zu schicken, in lauter algebraischen Formeln ausgedrückt. Aus denselben könnte dann der Fachmann eine krumme Linie feststellen, welche den Schattenriß dieser Person darstellte; – „Mémorial d’un Mondain“ (au Cap Corse 1774, 8°.); – „Nouvelle édition revue, corrigée et augmenté“ 2 Bände (1776, 8°.); dieses wunderliche Opus, ebenso eine wahre signatura temporis, wie autoris, ist kein Buch, sondern vielmehr ein Büchlein, und die Frucht seiner Reise nach Afrika. Es trägt den fingirten Druckort Capo Corso 1775 an der Stirne. Capo Corso ist ein Städtchen an der nördlichen Spitze der Insel Corsica, da wo sich die Insel so sehr zuspitzt. Der eigentliche Druckort aber ist Frankfurt a. M. (bei J. G. Eßlinger). Das Papier, auf dem es gedruckt, ist möglichst schlecht, die Lettern selbst für die damalige Zeit altväterisch, die ökonomische Einrichtung des Druckes sozusagen höchst uncomfortabel, da keine Abtheilung in Capitel stattfindet, und der Leser daher vergebens bei der Lectüre nach einen Ruhepunct sucht. In dem Context des Buches ist weder (wie bei einer Reisebeschreibung gewöhnlich) die chronologische Reihenfolge der Erlebnisse beobachtet, noch sonst eine logische Eintheilung ersichtlich. Das sollte wohl genial sein, wie die kurze Vorrede andeutet, die ihrer Wunderlichkeit wegen in getreuer Uebersetzung hier stehen möge. Sie lautet: „In London bei Becher ist 1765 ein Buch erschienen: „Queries Georgical etc.“, d. h. Georgische, politische, physiologische[WS 1] Fragen. Dieses Werk hat weder Titel noch Paginirung, noch Widmung, noch Vorrede, noch Anfangsbuchstaben, noch Unterscheidungszeichen, noch Accente, noch irgend eine andere Bezeichnung, höchstens hie und da einige Alinea’s. Das „Encyclopädische Journal“ vom October 1765 sagt deßhalb: man müsse es dem Verfasser Dank wissen, daß er [45] wenigstens dem Drucker erlaubt hat, die einzelnen Worte von einander zu trennen. Um nun denjenigen, die nicht in der Lage sind, diese Broschüre in englischer Sprache zu lesen, einen Begriff davon zu geben, habe ich dieses Memorial veröffentlicht: Alles ist darin incorrect: das Papier, die Charakter und Typen u. s. w. Mein Buchhändler bittet um Verzeihung; dieses gilt als Druckfehlerverzeichniß, an das er den Leser verweist, der ihn auffordern soll, ein anderes Mal seine Sache besser zu machen“. „J’écris par lambeaux“ (ich schreibe in Fetzen), so lautet das literarische Glaubensbekenntniß des Verfassers auf der ersten Seite. Die folgenden Seiten geben Zeugniß von der ungeheueren Belesenheit des Autors. Da wimmelt es von Citationen aus Horaz und Cicero, aus dem Arabischen, Englischen, Spanischen und Italienischen, des Französischen nicht zu vergessen – kurz alle Literaturen sind vertreten – natürlich die deutsche fehlt, denn es war noch die Zeit, wo man, dem Beispiele Friedrich’s II. folgend, dieselbe vollständig ignorirte. Die philosophischen Raisonnements in dem Buche athmen die Zeit, die sie gebar. Man wittert Voltaire, Rousseau und die Encyclopädisten heraus. Bei alledem und noch anderem, was sich gegen das Buch sagen ließe, ist es doch ein interessantes Buch, welches freilich nur in kleinen Dosen genossen werden will, wenn man nicht den Eindruck der Ermüdung empfinden soll. Was sich gerade von den geistreichsten Männern des Jahrhunderts in Italien aufhielt, ward von Lamberg besucht und ihr Umgang dankbar genossen. Wir nennen z. B. den berühmten Corsen Paoli, von dem eine fragmentarische Biographie voll geistreicher Aperçu’s beigegeben ist, den französischen Gouverneur auf Corsica Marquis von Marboeuf, den englischen Touristen Boswell, den großen Kunstfreund Grafen Durazzo, kaiserlichen Botschafter bei der Republik Venedig, den abenteuerlichen Grafen von St. Germain, den Philosophen Grafen Oettingen-Baldern (Schwiegervater des im Jahre 1844 in Wien verstorbenen Fürsten Colloredo, k. k. Obersthofmeisters), die Doctorin Laura Bassi zu Bologna, den Ragusaer Astronomen Boscovich, den Abenteurer Casanova, den Lustspieldichter Goldoni, den Botaniker Marsigli, den Prätendenten Cardinal von Stuart, die berühmte Improvisatrice Corilla und so viele Andere. Das Buch machte bei seinem Erscheinen so großes Aufsehen, daß bald eine zweite Auflage desselben nöthig wurde. Diese, welche der Graf eine „neue, revidirte, verbesserte und vermehrte“ nannte, ist in Wien bei dem bekannten Buchhändler v. Trattner gedruckt. Weniger dürfte es bekannt sein, daß bald nach dem Erscheinen des Werkchens eine deutsche Uebersetzung von G. L. Wagner (Frankfurt a. M. 1775), und zwar der ersten Ausgabe, erschien; – „Epoques raisonnées sur la vie d’Albert de Haller (1778, 8°.), enthält den interessanten Briefwechsel des Grafen mit dem grossen Naturforscher; – „Tablettes fantastiques ou Bibliothèque très particulière pour quelques païs et pour quelques hommes“ (Dessau 1782, 4°.), dieses Buch ist in Tage und Stationen eingetheilt und schließt mit der Abhandlung: „Question sur une nouvelle manière de compter ou Bustroph numéral“, dieses letztere ist den modernen Mathematikern, das ganze Werk aber dem berühmten Grafen Lasépède gewidmet; – „Le Canot [46] ou lettres de Mama Blergx“ (Vienne [1782], 8°.);„Lettres critiques, morales et politiques“, 2 Bände (Amsterdam [Hanau] 1786); – „Supplement“ (ebd. 1786, 8°.), welche noch öfter (u. z. Bern 1786, 1787, bei Haller; in Frankfurt a. M. 1802, bei Varrentrap) aufgelegt wurden. Daß der Graf in gelehrten Kreisen eine nicht bloß gekannte, sondern auch gewürdigte Persönlichkeit war, dafür spricht nicht nur der lebhafte Briefwechsel, den er mit seinen zahlreichen literarischen Freunden unterhielt, sondern auch der Umstand, daß ihn die Akademien zu München, Rom und Görz, die literarischen Gesellschaften zu Bern, Helmstädt, Zürich, Breslau u. a. unter ihre Mitglieder aufgenommen hatten. Der Graf war zweimal vermält, zuerst (im Februar 1753) mit Maria Theresia Gräfin Trautmannsdorf (geb. 16. Dec. 1729), welche schon nach zwei Jahren, im Alter von erst 26 Jahren, zu Breslau (26. Mai 1755) ohne Kinder gestorben ist. Die zweite Gemalin, Maria Josepha Freiin von Dachsberg (geb. 18. Nov. 1746), mit welcher der Graf nach achtjähriger Witwerschaft am 14. Juni 1763 sich trauen ließ, gebar ihm vier Kinder, zwei Söhne und zwei Töchter. Der eine Sohn, Karl Eugen, pflanzte das Geschlecht fort und ging auf ihn, nachdem die ältere fürstliche Linie mit Johann Nep. Friedrich Joseph, der seinen im Alter von fünf Jahren gestorbenen Sohn Joseph Heinrich überlebte, erlosch, die fürstliche Würde über.

Oesterreichische Zeitung (Wien, Fol.) Jahrg. 1856, Nr. 395 u. 397: „Zwei Grafen Lamberg. Zur Geschichte des österreichischen Adels“ [nach dieser wäre Graf Max Joseph am 23. November 1792 gestorben, was irrig ist, denn der Graf starb im Juni genannten Jahres]. – Taschenbuch für Mähren, Jahrg. 1804, 23: Nekrolog des Grafen Lamberg. – Allgemeine Literatur-Zeitung 1793, Intelligenzblatt Nr. 25. – Meusel (Johann Georg), Lexikon der vom Jahre 1750 bis 1800 verstorbenen teutschen Schriftsteller (Leipzig 1808, G. Fleischer, 8°.) Bd. VIII, S. 14. – Schlichtegroll (Friedrich), Nekrolog auf das Jahr 1792 (Gotha, Justus Perthes, kl. 8°.) Bd. II, S. 229 [nach diesem gest. 21. Juni 1793]. – Nouvelle Biographie générale ... publiée par MM. Firmin Didot frères sous la direction de M. le Dr. Hoefer (Paris 1800 et s., 8°.) Tome XXIX, p. 118 [nach dieser geb. 24. November 1729]. – Querard (J. J.), La France littéraire ou dictionnaire bibliographique etc. (Paris, Didot, 8°.) Tome IV, p. 480 [nach diesem geb. 20. November 1730]. – Frankl (Ludw. Aug.), Sonntagsblätter (Wien, 8°.) II. Jahrgang (1843), S. 622: „Literaturnotizen von Gräffer“. – Gräffer (Franz), Kleine Wiener Memoiren (Wien 1845, Beck, 8°.) Theil I, S. 92, in dem Aufsatze: „Der Magiker neuerer Zeit“, S. 89–95. – Desselben, Neue Wiener Tabletten und heitere Novellchen (Wien 1848, Kuppitsch, 8°.) S. 142: Des Wundermanns Walten in Wien. Scenische Vision in drei Tableaux [unter dem in diesen Scenen auftretenden Grafen und Gräfin Lambetz ist der obige Graf Lamberg mit seiner Gemalin gemeint].

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: phisiologische.