BLKÖ:Perczel, Moriz

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Perczel, Karl
Band: 21 (1870), ab Seite: 461. (Quelle)
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Perczel, Moriz (ungarischer Revolutionsgeneral, geb. zu Tolna 14. November 1811, nach Oettinger’s „Moniteur des dates“ im Jahre 1814). Ein Sohn des im Jahre 1861 verstorbenen Alexander Perczel von Bonyhád. Sein Erzieher war der berühmte Dichter Vörösmartyy. Daß P. unter solchem Erzieher sein Vaterland lieben lernte, bedarf wohl keiner besonderen Erläuterung. Geschichte betrieb Moriz mit besonderem Eifer, und jene Napoleon’s interessirte ihn vor Allem. Für die Entwickelung der politischen-Richtung Perczel’s, wie aller seiner Brüder, welche fast sämmtlich Honvéds waren, gibt sein Biograph Kuppis einen ganz deutlichen Wink. „Dem Kinde Perczel“, schreibt er, „drang nichts so sehr zu Ohren als der Name Napoleon’s und der österreichische Bankerott, welcher auch seinen Vater als Großgrundbesitzer und Capitalisten mit schwerem Verluste traf. So kam es, daß die Umgebung des Kindes sich in Verwünschungen einerseits, in Prophezeiungen glücklicherer Zeiten andererseits erging und so wuchs das Kind zum Knaben auf.“ Dem entsprechend, entwickelte sich auch der Jüngling, der in einem Briefe aus dem Jahre 1830 an seinen Erzieher folgendermaßen schreibt: „Hier bin ich auf der Pußta und beaufsichtige die Wirthschaft, die Arbeiten der Unterthanen – die Robot – ich! und die Robot! diesen Ueberrest des rohen Feudal-Zeitalters; hier versaure ich, statt daß ich mit dem Schwerte in der Hand für die Ideen unseres Jahrhunderts kämpfe. Da haben Sie mein Programm.“ Daß sich in solchen Worten nicht bloß die Schwärmerei des Jünglings kundgab, bewährte P. achtzehn Jahre später. Hier sei noch bemerkt, daß einigen Biographien zufolge P. in seiner Jugend einige Jahre Zögling der kais. Ingenieur-Akademie gewesen. Perczel’s erstes öffentliches Auftreten fällt in das Jahr 1843, wo wir den 22jährigen Edelmann als Deputirten des Tolnaer Comitates auf dem Preßburger Landtage erblicken. Wie hellsehende Politiker schon damals erkannten, welcher Wein aus solchem Moste herausgähren und sich abklären würde, beweist der geistreiche Albert Hugo [Bd. IX, S. 412], der in seinen „Neuen Croquis“ schon damals (1844) über Perczel schreibt: „Die Theorien der ungarischen Opposition haben zu viel Rotteck’sche und Welker’sche Bleiklumpen an den Flügeln hängen. um aus der Atmosphäre eines schwerfälligen Liberalismus sich emporzuschwingen. ... Es ist daher interessant, wenn man selbst in den Reihen der Opposition auf Individuen trifft, deren Ziele und Wünsche weiter gehen. Unter diese gehört Perczel. Er und Kálay [Bd. X, S. 396, in den Quellen] bilden allein die sogenannte [462] „äußerste Linke“ in der ungarischen Deputirtenkammer. Man spöttelt über die beiden jungen Leute und doch sind sie das Programm der Zukunft; es herrscht mehr gesunder Sinn, bessere Begriffe vom Staate, mehr Sympathien bei diesen jungen Radicalen, als in der gesammten gemäßigten Opposition. Es war komisch zu sehen, mit welcher Anhänglichkeit und Wärme die letztere bei der Frage über die Wahlbestechungen sich der Comitate angenommen, mit welcher liebenswürdigen Naivität sie den rohen Bauernadel. die Bestechung und überhaupt die für die Entwickelung des Landes so wohlthätig einfließenden Municipalitäten der Städte in Schutz genommen; wie sie über alle Auswüchse und Mißgestaltungen den Mantel der christlichen Liebe geworfen! Damals sagte ihr Perczel mit klaren Worten, was er als guter Patriot von diesen schönen Sachen denkt. Er war sublim, weil er Muth zeigte, weil er den Schleier von diesen abgenützten Sophismen und Dogmen riß, welche das Götzenbild – die Comitate – verhüllen. Die Wahrheit hat nicht gemundet! Perczel will Freiheit und Ordnung und Kraft durch eine vernünftige politische Centralisation – die gemäßigte Opposition will diese Dinge durch die Souveränität der Comitate erreichen. Perczel besitzt Talent, Redlichkeit und Beredsamkeit.“ Diese politische Charakteristik des Mannes fünf Jahre vor Ausbruch der großen Begebenheiten, die Alles von Oben nach Unten kehrten, trägt wesentlich zum Verständnisse des Perczel von heute bei. Daß sich auf den jungen entschiedenen Vorkämpfer der Freiheit im Vormärz bald die Aufmerksamkeit jener Männer, die im Nachmärz das Ruder führten, richten würde, war vorauszusehen. P. wurde Ministerialrath und Landtags-Deputirter von Ofen. Als ersterer war er Chef der ungarischen Landespolizei man war aber in dieser Eigenschaft mit seiner allzugroßen Strenge nicht einverstanden, obschon eine solche nothwendig schien. Er legte daher auch in kurzer Zeit sein Amt nieder, um als Deputirter alsbald jenen Radicalismus zu entwickeln, dessen Verständniß nur aus der Verworrenheit der damaligen Zustände, insbesondere aber aus der zweideutigen Politik betreff Ungarns erleichtert wird. Die Opposition in der ersten Zeit des Nachmärz war numerisch unbedeutend; sie beschränkte sich auf die Namen Madarász [Bd. XVI, S. 235], Nyáry [Bd. XX, S. 441], Patai [S. 347 d. Bds., Qu. Nr. 1], Ladislaus Graf Teleki und Perczel, aber sie war wichtig durch ihren Radicalismus, und, wenn auch Elemente, wie Madarász mit seiner sittlichen Verkommenheit, sie schädigten, so blieb sie doch wieder durch den Ernst, Muth und die Entschiedenheit des Auftretens in den wichtigsten Zeitmomenten, von mächtigem und nachhaltigem Einflusse. Ganz wie später auf dem Schlachtfelde zeigte sich P. auch im Parlamente: als Feind des Unterhandelns des diplomatischen Plänkelns, des Kleingewehrfeuers der Polemik; er wollte stets den offenen Kampf, den Sturm mit gefälltem Bajonett und den erschütternden Kanonendonner. Am 21. Juli trat er gegen die vom ungarischen Landtage bewilligte Truppensendung nach Italien auf. „Polens Unglück“, rief er damals aus, „sei es gewesen, gegen Zápolya, Rákóczy und Bethlen bewaffnet zu interveniren. und so werde auch die Intervention gegen den Sardenkönig ausschlagen.“ Noch heftiger waren seine Angriffe auf das Ministerium, am 21. August, nachdem Meszáros nach einem vierwöchentlichen [463] Aufenthalte auf dem Kriegsschauplatze unverrichteter Dinge zurückgekehrt war. Damals sprach die ministerielle Majorität über P. ihre Mißbilligung aus, durch welche sich P. aber ebenso wenig beirren ließ, wie durch die Herausforderung des Grafen Chotek, der für die Ehre des Kriegsministers und der Südarmee einstand. Das Duell fand am nächsten Tage seiner Niederlage im Abgeordnetenhause Statt und endete mit einer leichten Fußverwundung Perczel’s. Bald aber nahmen die Dinge in ihrer Entwickelung eine solche Gestalt an, daß man Perczel’s radikales Auftreten nicht nur milder zu beurtheilen, sondern endlich auch zu begreifen begann. So wuchsen denn auch sein Einfluß und Ansehen in der Kammer, während er von diesem Wechsel der Ansichten in seinen inneren Stimmungen gar nicht beeinflußt, bald erkannte, daß sein Platz minder der Berathungssaal als das Schlachtfeld sei. Die Septemberereignisse, der Einfall des Banus hatten seinen Entschluß gezeitigt. Vor seinem Scheiden aus der National-Versammlung übernahm er nur noch den Auftrag, den Erzherzog-Palatin Stephan, der das Commando der Drauarmee übernehmen sollte, als Commissär zu begleiten. Die Unterhandlungen, zu denen der Erzherzog den Ban Jellačić auf das Dampfboot „Kisfaludy“ im Plattensee einlud, kamen, da der Ban der Einladung zu folgen sich geweigert hatte, nicht zu Stande, und als bald darauf der Erzherzog Ungarn verließ, war Perczel’s Mission nach dieser Richtung zu Ende. Eine andere übernahm er nun aus eigene Faust. Er vertauschte, da er sah, daß die Zeit des Redens jener des Handelns weichen müsse, die Rednerbühne mit dem Heerlager, errichtete am 16. September mit des Premierminister Batthyány Vollmacht auf Staatskosten ein Freicorps, das den Namen „Zrinyischaar“ führte und dessen Commandant er selbst war. Bei der allgemeinen Beliebtheit Perczel’s war sein Freicorps in kurzer Zeit organisirt und schon am 6. October legte es die erste Probe seiner Tüchtigkeit ab. Mit Hilfe der Tolnaer und Sümegher Nationalgarden hat es das 10.000 Mann starke Armeecorps Roth-Philippović, das sich verspätet hatte und dem Banus auf seiner Flucht über die Grenze nicht rasch genug nachfolgen konnte, auf dem offenen Felde bei Ozora zur Waffenstreckung gezwungen. Am 14. October votirte die Nationalversammlung dem Anführer Perczel und seinen Truppen den Dank des Landes, und Perczel, bisher Oberst, wurde bald darauf zum General-Major erhoben. Görgey, der an diesem Siege nicht unwesentlichen Antheil gehabt, sich aber darüber mit Perczel entzweit hatte, wurde nun zur Donauarmee beordert, während P. an der Drau blieb und noch einige glückliche Waffenerfolge errang, unter anderen am 17. October, als er den Feind bei Letenye und Kotori schlug und dadurch den Besitz der Insel Muraköz erzwang. Nach einem Einfalle in die Steiermark am 9. November wurde er bei Friedau von den Truppen des Generals Burich angegriffen und entging nach einem hitzigen Gefechte nur durch schleunigen Rückzug einem Lose, das dem oberwähnten des Corps Roth-Philippović sehr leicht ähnlich hätte werden können. Mitte December begann Fürst Windisch-Grätz seinen Winterfeldzug in Ungarn. Perczel hatte den Auftrag, sich mit Görgey bei Raab zu vereinigen. Banus Jellačić stieß eine Stunde vor Moor auf Perczel’s Truppen. Ottinger’s Reiterbrigade, aus den berühmten [464] Kürassier-Regimentern Wallmoden und Hardegg bestehend, griff, von der Infanterie-Brigade Gramont unterstützt, das Perczel’sche Corps mit solchem Ungestüm an, daß in kürzester Zeit dessen Centrum gesprengt war, mehrere Geschütze[WS 1], darunter viele Officiere. in die Gewalt der kaiserlichen Truppen fielen und der Rest in der Flucht Rettung suchte. Nach 3–4 Tagen sammelten sich die Versprengten in Pesth, von wo die Revolutionsregierung indessen abgezogen war und den Oberbefehl der mobilen Streitkräfte in Perczel’s Hände niedergelegt hatte. Dieser erließ am 3. Jänner 1849 eine Proclamation, in welcher er als General und bevollmächtigter Commissär der Nationalversammlung erklärte: „daß jeder Verkehr und jede Unterhandlung mit dem Feinde ohne sein Vorwissen als ein schon an und für sich ehrloser Verrath mit augenblicklichem Tode bestraft werden solle.“ Jedoch sollte sein Commando in Buda-Pesth nur von kurzer Dauer sein, denn schon in der Nacht vom 4./5. Jänner wurde die Hauptstadt von den Ungarn geräumt und am 3. von Windisch-Grätz besetzt. Perczel schlug nun mit den wiedergesammelten Resten seines Corps und zahlreichen, in Pesth neugeworbenen Rekruten den Weg über die Theiß und am linken Ufer derselben nach Szolnok ein, das aber bereits kaiserlicher Seits von Ottinger besetzt war. P. überschritt nun mit seinem Armeecorps, zu dem sich inzwischen noch Dembinski hinzugesellt hatte, unterhalb Szolnok die Theiß, überfiel Ottinger, schlug und zwang ihn zum Rückzuge (23. Jänner). Als nun Fürst Windisch-Grätz mit allen verfügbaren Truppen gegen Perczel marschirte, zog sich dieser, der gar nicht gesonnen war, mit seinen nicht am besten organisirten und kaum einexercirten Truppen gegen die wohlgeordnete kaiserliche Macht in eine Hauptschlacht sich einzulassen, über die Theiß zurück (28. Jänner) und legte, als Bem den Oberbefehl über sämmtliche ungarische Revolutionsheere erhielt, sein Commando nieder. Er begab sich nun in sein heimatliches, das Tolnaer Comitat, warb dort Freischaaren, agitirte für die nationale Sache und beunruhigte, namentlich bei Földvár die österreichische Donauschifffahrt. Bei einem dieser Streifzüge wäre er beinahe den Kaiserlichen in die Hände gefallen und rettete sich selbst nur mit genauer Noth, während sein Diener mit dem Gepäcke seines Herrn gefangen wurde. Er begab sich nun nach Debreczin und wurde von dort mit nur geringer Streitmacht zur Entsetzung Peterwardeins und zur Rückeroberung des Südens entsendet, den man, da in den Monaten Jänner und Februar sämmtliche Streitkräfte an der mittleren Theiß concentrirt werden sollten, vor der Hand aufgegeben hatte. Im Banate pflanzte nun Perczel die Tricolore von Neuem auf und ergriff am 22. März die Offensive. Dieses ist die Glanzperiode in Perczel’s Kriegerleben: rasch erfocht er Sieg um Sieg, bei Zombor, Sireg und Horgos, dann verstärkte und verproviantirte er die Peterwardeiner Besatzung, kehrte wieder in die Bácska zurück, wo er die so oft und vergeblich angegriffene Serbenburg (Srbobran) Szent-Thamás mit kaum 2000 Mann angriff und nach vierstündigem hartnäckigem Sturme einnahm und schleifen ließ; dann griff er bei Nacht, am 19. April, den Slavenführer Stratimirovich, der ihn kurz zuvor bei Vilovo überfallen, mit Ungestüm an und drängte ihn zurück, siegte bei Altbecse am 19. April; bei Kikinda am 24.; bei Türkischbecse [465] am 25., bei Jankosid und Elemér am 29. und bei Nagybecskerek am 30., so daß er mit Bem und Vécsey, die im Banate operirten, die völlige Verbindung hergestellt hatte. Nun wurde in Folge der glücklichen Operationen Bem’s der Feind aus Tomaszovácz vertrieben, bei Uzdin auf’s Haupt geschlagen, worauf am 10. Mai in Pancsowa der Einzug stattfand. So hatte P. innerhalb weniger Wochen die ganze Bácska siegreich durchzogen – aber doch nicht bezwungen. Die Kriegsgeschichte hält P. für solchen Nichterfolg nach den vorerwähnten Siegeszügen ein starkes Sündenregister vor. Das Ganze concentrirt sich jedoch nur in der einen Thatsache: Perczel konnte mit seinem unansehnlichen Corps, das er zu Muth und Kampf zu entflammen verstand, wohl Alles, was sich vor ihm zum Widerstande stellte, niederwerfen, die besiegten Ortschaften und Gegenden aber konnte er nicht, wie es strategisch geboten war, auch nicht mit ganz kleinen Abtheilungen seines ohnehin schwachen Corps, besetzen und so deren Besitz sichern. Die errungenen Vortheile waren nur Erfolge seines Muthes und Ungestüms, aber seine Siege waren verloren, sobald er den Rücken wendete. Während er ins Banat zog, hatten die Raitzen in der Bácska sich wieder erhoben, und was er im April und Mai gewonnen, war im Juni – und am geringsten durch seine Schuld, wohl aber durch jene, die ihm keine Verstärkungen hatten zukommen lassen – wieder verloren. So mußte denn P., da der Banus, der von Pesth herabgekommen, inzwischen bedeutende Verstärkungen an sich gezogen, am 4. Juni Titel raumen und sich in die Römerschanzen zurückziehen, nach einer Niederlage bei Perlaß (20. Juni) über den Bega-Canal gehen, wo er eine neue Schlappe bei Altbecse erlitt, so daß er über die Theiß zu gehen gezwungen war. Die also erst gewonnene Bácska war demnach wieder verloren. Aber diese Mißerfolge, über welche es zwischen dem General und der Nationalregierung zu einem Briefwechsel kam, in welchem Ersterer eine Grobheit entwickelte, die oft die äußersten Grenzen des Erlaubten überschritt, hatten P. nicht entmuthigt, jedoch wurde er auf allgemeines Drängen von der Südarmee abberufen. Als aber die russische Intervention mit Macht hereinbrach, konnte man keine Kraft, am wenigsten eine von Perczel’s Bedeutung, langer missen. In wenigen Tagen warb er wieder ein Corps von 8000–10.000 Mann. In den ersten Tagen des Juli stieß er mit seinem Corps bei Czegléd zu der unter Wysocki’s Befehl stehenden Nordarmee, wo er auch den Oberbefehl über die vereinten Armeen übernahm. Die Nordarmee, welche vergeblich versucht hatte, sich mit Görgey zu vereinigen, mußte, von der österreichisch-russischen Hauptmacht gedrängt, bis nach Szegedin sich zurückziehen. Hier sollte nun die Hauptschlacht geschlagen werden; ehe man sich aber dafür entscheiden konnte, war die Obercommandantenfrage zu lösen. Perczel sprach sich in heftiger Weise nicht nur gegen die Ernennung Görgey’s, den erlangst offen des Verrathes bezichtigte, sondern auch gegen jene von Dembinski und Meszáros aus, und ließ es dabei nicht an schweren und scharfen Angriffen gegen die Regierung selbst fehlen. Die Folge dieses Verhaltens war, daß in einem Ministerrathe vom 29. Juli seine Enthebung vom Commando der ihm anvertrauten Truppen beschlossen wurde. Am 30. Juli gab ihm der Kriegsminister diesen Beschluß bekannt. P. übergab [466] sofort das Commando an General Wysocki und in einem Tagesbefehle den Truppen seine Entsetzung mittheilend, begleitete er diesen mit den Worten: „daß es ihn allerdings schmerze, eben im Momente des Kampfes von ihnen zu scheiden, daß er aber nicht „Uebel auf Uebel“ häufen und Zerwürfniß in den Reihen des Heeres hervorbringen und deshalb nur einfach von dem gesammten Officierscorps und der Mannschaft der Armee Abschied nehmen wolle.“ Die ungarische Schilderhebung schritt rasch ihrem Ende entgegen. Trotz der wiederholten Absetzungen kämpfte doch P. über Dembinski’s Aufforderung bei Temesvár mit, aber der Erfolg war da ein ebenso ungünstiger, als auf anderen Puncten des Kriegsschauplatzes. Nach der Katastrophe bei Vilagos suchte auch er Rettung in der Flucht. Am 11. August befand er sich in Karansebes, noch am Abende desselben Tages in Szlatina. Er war in Begleitung seines Bruders Nikolaus, der Honvéd-Oberst war, und seiner Adjutanten Simunich und Halaß daselbst angekommen und machte Halt, um weitere Nachrichten abzuwarten. Als aber Dembinski und Meszáros bereits die Grenze überschritten hatten, betrat auch er türkischen Boden. Er blieb nun einige Zeit in Widdin, später in Schumla, wo sich die jüngere radikale Partei und einige gleichgesinnte ungarische Officiere um ihn sammelten und eine eigene Partei, die schon damals in Opposition gegen Kossuth stand, sich bildete. In neuester Zeit noch wurde von Simonyi im ungarischen Landtage gegen Perczel die Beschuldigung aufgeworfen, daß er der Allererste nach der 1849er Katastrophe den ungarischen Boden verlassen habe. Aus Horváth’s Geschichte weiß man aber, daß bei der am 9. August stattgehabten Schlacht bei Temesvár Perczel der Letzte das Schlachtfeld verlassen habe. Nun begab er sich nach Karansebes und dort, wie später in Szlatina, erwartete er weitere Nachrichten. Am 17. August überschritten Dembinski und Meszáros mit ihrer Begleitung die ungarische Grenze, sie waren mit französischen Reisepässen versehen und in diesen als Kaufleute eingetragen. Mit ihnen gingen damals auch Graf Ladislaus Vay und Graf Coloman Lazar. Tags darauf erst kam Perczel nach und fand sie in Turn-Severin bereits gefangen, während er, der unter seinem eigenen Namen und mit Generalstitel auftrat, von der türkischen Regierung in Freiheit gelassen wurde. Längere Zeit blieb er in Kutahia, als aber die Zahl der Internirten immer mehr und mehr zusammenschmolz, ging er im Juli 1851 mit 61 Leidensgefährten nach England, wo er in London lebte. Achtzehn Jahre blieb er in Verbannung, und verlebte dieselbe in England, auf der Insel Jersey, in Paris, endlich, nach dem Umschwunge der Ereignisse in Ungarn, kehrte er am 21. Juli 1867 in seine Heimat zurück, in welcher ihn der „Hon“ mit folgenden Worten begrüßte: „Willkommen sei Moriz Perczel im Vaterlande, dessen heiliger Sache er nie untreu war, und dem er ruhmvoll, ehrlich und unerschütterlich als Gesetzgeber, als General und als Verwiesener diente“. Moriz Perczel aber, als er am 27. Juli 1867 in Pesth anlangte, rief im Bewußtsein seines fleckenlosen Charakters der ihm zujubelnden Menge zu: „Nicht um Verzeihung zu empfangen kam ich, sondern um Verzeihung zu geben“. Heimgekehrt, legte P. den Eid der Bürgertreue und auf die Verfassung ab und wurde sofort zum Deputirten erwählt. Später unternahm [467] Perczel eine Reise durch mehrere Comitate; dieselbe glich einem Triumphzuge. In einer Rede, die er in Stuhlweissenburg vor dem versammelten Volke hielt, sprach er sich über die Ereignisse der Jahre 1848 und 1849 ohne Rückhalt aus und damals that er den gegen Kossuth und gegen die für ihn agitirende Partei gerichteten Ausspruch: „und könne er Kossuth nicht anders von seinem Altare reißen, so wolle er sich mit ihm vereint in die Tiefe stürzen“. Auch die Kossuth-Partei blieb P. die Antwort nicht schuldig, in den politischen Blättern bildeten die Namen Perczel und Kossuth längere Zeit stehende Artikel, und die „Neue freie Presse“ brachte in einer Wiener Correspondenz vom 29. April 1868 verschiedene Enthüllungen über die zwischen Kossuth und Perczel bestehende Differenz. Perczel war bald nach seiner Rückkehr nach Ungarn von den Honvéd-Vereinen, zu deren Gunsten Se. Majestät das Krönungsgeschenk gewidmet, zum Präsidenten des von ihnen gebildeten Central-Ausschusses und im Landtage zum Mitgliede der Delegation gewählt worden. In letzterer Eigenschaft begab er sich zu den Berathungen nach Wien; im Central-Ausschusse des Honvéd-Vereins kam es aber während seiner Abwesenheit zu Reibungen, die nach seiner Rückkehr von Wien eher zu- als abnahmen und damit endeten: daß Perczel kraft seiner Stellung den Ausschuß als aufgelöst und nicht mehr bestehend erklärte. Im Ausschusse nämlich, der die Abwesenheit Perczels benützt hatte, um im Trüben zu fischen und zu agitiren, steckten Kossuth’s Emissäre und Agenten, deren großer Rührigkeit jedoch durch P.’s Energie ein rasches Ziel gesetzt wurde. Nun aber traten auch die Parteiungen in Ungarn klar zu Tage, und es ist noch nicht abzusehen, welchen Ausgang die Dinge nehmen werden. In der Delegation suchte P. vornehmlich in die Militärfragen einzugreifen und hatte immer eine neue ungarisch-nationale Armee-Organisation als Zielpunct im Auge. Als öffentlicher Charakter, als General, Redner und Verbannter ist P. oft und verschieden geschildert worden. Die unten angegebenen Quellen enthalten manche dieser Schilderungen, aber in Einem stimmen alle, auch seine Gegner, überein: in der fleckenlosen Reinheit seines politischen Charakters. Seine allgemeine Charakteristik gibt Levitschnigg mit folgenden wenigen Worten: „schwacher General, glücklicher Parteigänger, ungeschminkter Schwabenfeind, Magyar durch und durch, Republikaner aus Ueberzeugung. Anlage zur grausamen Strenge ohne Noth, ein Stier, der einen rothen Lappen gesehen. Seine Rolle: revolutionärer Herzog Alba mit Csakany, sein Feldgeschrei: Krieg, Krieg bis auf Messerstiche“. Zur Ergänzung kann hinzugefügt werden: jähzornig, aber gutmüthig; gegen Untergebene roh, oft gemein, wodurch er die Liebe der Officiere verlor und es endlich dazu kam, daß in seinem Corps außer ihm kaum ein tauglicher Officier zu finden war. Man mußte ihn genau kennen und verstehen, um es bei ihm auszuhalten. Perczel ist seit dem Jahre 1844 mit Juliana Sárközy (geb. 1828), einer Tochter des ersten Vicegespans des Komorner Comitates verheirathet, die ihm in’s Exil gefolgt war und in einer 26jährigen Ehe zwölf Kinder, darunter fünf Söhne, geboren hat. – Einer derselben, Moriz (geb. 1848), vollendete seine Studien am Victoria-College zu Jersey und an der Brüsseler Universität. Seit seinem 16. Jahre, zuerst als Ingenieur-Assistent, dann als Eisenbahn-Ingenieur, steht er [468] auf eigenen Füßen. Er hat mehrere Jahre in Amerika zugebracht; ein reicher Bankier, Namens Just, der als junger Mann im Jahre 1848 mit Vater Perczel viel verkehrt hatte, hatte sich dort des Sohnes angenommen und ihm bei einer Eisenbahn-Gesellschaft eine Anstellung verschafft. Im September 1868 ist aber auch der Sohn über Aufforderung seiner Eltern in sein Vaterland zurückgekehrt. – Von Perczel’s Brüdern war Nikolaus P., wie schon erwähnt worden, im Jahre 1848 ungarischer Oberst, floh auch in die Türkei, im Jahre 1851 nach London und ging im Jahre 1852 zugleich mit seiner Gattin Hermine, einer gebornen Latinovits, nach Amerika.

Hajnal. Arczképekkel és életrajzokkal diszített Album. Tulajdonos szerkesztő és kiadó: Sarkady István. Az Arczképeket kőre rajzolta: Marastoni József, d. i. Das Vaterland. Bilder- und biographisches Album. Herausgegeben von Stephan Sarkady, mit lithographischen Bildnissen von Marastoni (Wien 1867, Sommer, 4°.]. – Nagy (Iván), Magyarország családai czimerekkel és nemzékrendi táblákkal, d. i. Die Familien Ungarns mit Wappen und Stammtafeln (Pesth 1860, Mor. Ráth, 8°.) Bd. IX, S. 220. – Kuppis (Gustav), Biographie des Honvédgenerals Moriz Perczel (Pesth 1867, Wodianer, 8°.). – Levitschnigg (Heinrich Ritter von), Kossuth und seine Bannerschaft. Silhouetten aus dem Nachmärz in Ungarn (Pesth 1850, Heckenast, 8°.) Bd. I, S. 136 bis 147 [auf S. 147 Facsimile seines Namenszuges]. – Zur Geschichte des ungarischen Freiheitskampfes. Authentische Berichte (Leipzig 1851, Arnold’sche Buchhandlung, 8°.) Bd. I, S. 212. – Ungarns politische Charaktere. Gezeichnet von F. R. (Mainz 1851, J. G. Wirth Sohn, 8°.) S. 202–206. – Neue Croquis aus Ungarn (Leipzig 1844, Hirschfeld, kl. 8°.) Bd. II, S. 190. – Die Gegenwart (Brockhaus, Lex. 8°.) Bd. IX (1854), S. 35–112. – Ueber Land und Meer. Allgemeine illustr. Zeitung (Stuttgart, Fol.) XX. Bd. (1868), Nr. 34, S. 541 [mit unrichtigen Nachrichten über Perczel’s Leben vor dem J. 1848]. – Neue freie Presse (Wiener polit. Blatt) 1868, Nr. 1289: Correspondenz aus Pesth: Eine Demonstration gegen Kossuth; Nr. 1291: Leitartikel: Kossuth und Perczel; Nr. 1317: Correspondenz aus Wien: Kossuth und Perczel. – Fremden-Blatt von Gustav Heine (Wien, 4°.) 1868, Nr. 90: „Perczel und Kossuth“; Nr. 101: „Moriz Perczel, der neueste Messias Ungarns“; Nr. 202, unter den Tagesneuigkeiten; Nr. 216, ebenda. – Wanderer (Wiener polit. Blatt) 1868, Nr. 122: „Perczel und Kossuth“. – Springer (Ant.), Geschichte Oesterreichs seit dem Wiener Frieden 1809 (Leipzig 1864 und 1865, Hirzel, gr. 8°.) Bd. II, S. 487 u. 698. – Tagespost (Gratzer polit. Blatt) 1868, Nr. 256, im Feuilleton: „Ein ungarischer Held“. – Reichenberger Zeitung 1868, Nr. 86, im Feuilleton: „Perczel in Stuhlweissenburg“. – Oesterreichisches Bürgerblatt (Linz, 4°.) 32. Jahrg. (1850), Nr. 202: „Perczel, der ungarische General und seine Prophetin“. – Meyer (J.), Das große Conversations-Lexikon für die gebildeten Stände (Hildburghausen, Bibliograph. Institut, gr. 8°.) Suppl, Bd. IV, S. 1322. – Porträte. 1) Unterschrift: Perczel Mór. Marastoni Jos. 1867 (lith., 4°.), auch in Sarkady’s Hajnal; – 2) Unterschrift: Moriz[WS 2] Perczel, ehemaliger Honvedgeneral, jetzt Delegirter Ungarns. Originalzeichnung. Holzschnitt aus Ed. Hallberger’s Xyl. Anstalt; auch in „Ueber Land und Meer“, XX. Bd. (1868), S. 537; – 3) Unterschrift: General Perczel, Magyarenführer. Holzschn. ohne Ang. d. Xyl., im XII. Bande der Illustrirten Zeitung (1849), S. 264; – 4) Lith. von Alophe. Aus der Serie: Hommes du jour (Paris, Goupil & Comp. Fol.); – 5) Lith. o. Ang d. Zeichn. u. Lith. (Leipzig, L. Rocca, Fol.); – 6) Lith. von Kurofsky (Berlin, Gebr. Rocca, gr. 4°.).

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: GeGeschütze.
  2. Vorlage: Ludwig.