BLKÖ:Rasumofsky, Andreas Kyrillowitsch Fürst

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Rasztich
Band: 25 (1873), ab Seite: 6. (Quelle)
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Rasumofsky, Andreas Kyrillowitsch Fürst (Staatsmann und Kunstmäcen, geb. zu St. Petersburg 2. November (22. October) 1752, gest. zu Wien 23. September 1836). Entstammt [7] einer durch ihre romanhaften Schicksale besonders interessanten Familie, deren Geschichte verschieden erzählt worden, aber in den Hauptmomenten immer übereinstimmt. Obgleich in Rußland geboren und in russischen Diensten stehend, spielt R. doch in den ersten Jahrzehnden des laufenden Jahrhunderts in Wien eine so große Rolle und nimmt namentlich auf das musikalische Leben daselbst einen so hervorragenden Einfluß, daß die Aufnahme seines Namens in dieses Lexikon gerechtfertigt erscheint. Andreas ist der Sohn des Fürsten Cyrill Rasumofsky aus dessen Ehe mit einer entfernten Verwandten der russischen Kaiserin Elisabeth, mit Katharina Narischkin. Andreas erhielt im Elternhause eine vortreffliche Erziehung und soll noch den Straßburger Dichter und Schöngeist Heinrich Ludwig Nicolay, welcher den Unterricht seiner älteren Brüder geleitet, zum Hofmeister gehabt haben. Von seinem Vater zum Seewesen bestimmt, mußte Andreas früh auf englischen Schiffen die Lehre durchmachen, so daß er schon im Jahre 1770 unter Admiral Elphinstone in den griechischen und türkischen Gewässern sich befand, wo unter Orloff’s Befehl die Seeschlacht von Chios geliefert wurde. R. wurde nun Fregatten-Capitän und erwartete mit seinem Schiffe in Lübeck die Landgräfin von Hessen-Darmstadt mit ihren drei Töchtern, deren eine, Wilhelmine, die Gemalin des nachmaligen Kaisers Paul wurde und als Paul’s Gemalin den Namen Natalie Alexiewna erhielt. Rasumofsky’s Begegnung mit der anmuthigen Prinzessin auf dem Schiffe soll, nach Schnitzler’s quellenmäßiger Darstellung, nicht ohne Einfluß auf seine weiteren Geschicke gewesen sein. Es hatte sich nämlich zwischen ihm und ihr ein Einverständniß entwickelt, wozu Rasumofsky’s inniger Verkehr mit Paul, dessen Jugendgespiele er gewesen, zum Ueberflusse die günstigste Gelegenheit darbot. Nach dem Tode Natalien’s wurden die Briefschaften gefunden, welche das erwähnte Verhältniß zwischen ihr und Rasumofsky außer Zweifel stellten, und R. war nahe daran, von Paul für den ihm angethanen Schimpf nach Sibirien geschickt zu werden, aber die Kaiserin Katharina, welche jedes Aufsehen vermeiden wollte, trat vermittelnd ein, und R. wurde 1776 nach Venedig mit dem Titel eines außerordentlichen Gesandten in Verbannung geschickt. R. reiste über Wien auf seinen Posten. Bald nach seiner Abreise aber erhielt er die Bestimmung nach Neapel, wo damals Karoline Maria von Oesterreich [Bd. VI, S. 398, Nr. 151], eine Schwester Kaiser 'Joseph’s II., regierte. So kalt R. in Folge seiner in Wien gemachten übermüthigen Aeußerung, er gehe nach Neapel, „um dort den Herrn zu spielen“, am Hofe der Königin Karoline Maria empfangen wurde, so verstand er es doch, durch seine körperliche Schönheit und seine geistreichen Manieren bald einen Umschlag zu seinen Gunsten hervorzubringen und wurde der Liebling der Königin. Nach einem mehrjährigen Aufenthalte in Neapel wurde R. als Gesandter nach Kopenhagen geschickt, wo er bald durch den Baron Alexis von Krudener abgelöst wurde. Indem er nun einige Zeit, wie es scheint, ohne Dienst in Petersburg verlebte, erhielt er im Jahre 1786 den Gesandtschaftsposten in Stockholm, wo er die dort herrschenden Parteiungen so zu Rußlands Zwecken auszubeuten wußte, daß König Gustav von Schweden in einem an die Kaiserin Katharina [8] gerichteten Ultimatum nichts Geringeres als Rasumofsky’s „exemplarische Bestrafung“ verlangte. Gegen Ende des Jahres 1793 wurde R. zum russischen Gesandten am Wiener Hofe ernannt. In Wien, von einer glänzenden Aristokratie umgeben, bei der Regierung in besonderer Gnade und einer bedeutenden, einflußreichen Stellung sich bewußt, wurde R. bald so heimisch, daß er dem Wunsche nicht widerstand, sich dort anzusiedeln und daselbst dann noch zu verbleiben, nachdem er seines Amtes enthoben worden. Es ist hier nicht der Platz, seine einflußreiche diplomatische Thätigkeit, vornehmlich während der zweiten Theilung Polens, im Jahre 1793, dann während des darüber ausgebrochenen Kampfes, später bei dem mit Frankreich begonnenen Kriege, als Rußland dem Kaiserstaate seinen Feldherrn Suwarow mit einer Armee zu Hilfe schickte, 1798, näher auseinander zu setzen. Die Sympathien, die er bei seinen diplomatischen Schritten für Oesterreich bewahrte und bethätigte, zogen ihm das Mißfallen des Kaisers Paul zu, der in einem an ihn gerichteten Schreiben es für nöthig fand, ihm zu bemerken, sich, so oft er mit Baron Thugut zu verkehren habe, wohl zu erinnern: „daß er ein Russe sei und sein Botschafter in Wien, zum Vortheile seiner Angelegenheiten“. Doch auch diese kaiserliche Mahnung war nicht im Stande, Rasumofsky’s sympathisches Verhalten gegen Oesterreich zu alteriren, so daß ihn Kaiser Paul nicht länger an einem Posten belassen mochte, für den er beständig so viel „Delicatesse“ an den Tag gelegt. Am 1. October 1799 mußte R. alle Geschäfte der Gesandtschaft an seinen Collegen Kalitschev abgeben. Nach Paul’s gewaltsamen Tode versetzte sein Nachfolger Kaiser Alexander I. Rasumofsky wieder auf seinen Posten zurück, welchen er nur noch bis zum Jahre 1809 bekleidete, da Kaiser Alexander, nachdem er sich mit Napoleon befreundet, Rußland in Wien nicht länger durch einen Mann vertreten lassen mochte, der bei allen Gelegenheiten seinen Haß gegen den französischen Eroberer an den Tag gelegt hatte und so erhielt R. seine bleibende Enthebung. Rasumofsky blieb aber als Privatmann in Wien, und nachdem er aufgehört hatte, der amtliche Vertreter des Kaisers Alexander zu sein, fuhr er fort, den Theil des russischen Adels zu repräsentiren, welcher mit Alexander’s I. Ansichten nicht einverstanden war. Wie schon früher während seiner diplomatischen Wirksamkeit, so auch jetzt als Privatmann spielte er in Wien eine glänzende Rolle. Musikalische Soiréen, Bälle, glänzende Feste u. s. w. fanden in seinem Palais, welches er mit großer Pracht auf der Landstraße hatte erbauen lassen, Statt. Am 31. December 1814 brannte dasselbe bei Gelegenheit eines Festes ab, welches Kaiser Alexander im Palais des Grafen gab. Der Schaden, den R. dadurch erlitt, war ungeheuer. Meisterwerke der Kunst, Gemälde, Statuen, deren einige von Canova, wurden durch die Fenster in den Hof geworfen, und auch die reiche, viele Tausend Bände der kostbarsten Werke zählende Bibliothek wanderte denselben Weg durch das Fenster. Kaiser Alexander bot dem Fürsten sofort seine Hilfe an, und der Graf nahm, jedoch nur als eine Anleihe, 400.000 Silberrubel an, welche Summe nicht genügte, um den Palast in seinem alten Stande wieder herzustellen. Insbesondere aber um die Förderung des Musiklebens in Wien besitzt Graf R. große Verdienste. Er selbst spielte die [9] Geige. Kammermusik liebte er vor Allem. Anfänglich versammelte er abwechselnd mit dem Fürsten Lichnowsky ein Quartett, bestehend aus Schuppanzigh, Johann Sina (zweite Violine), Franz Weiß (Bratsche) und J. Linke (Cello) bei sich. Dieses Quartett, als „Rasumofsky’sches Quartett“ in Wiens Musikgeschichte berühmt, stand in den Diensten des Fürsten mit lebenslänglichen Gehalten. Anfänglich spielte der Fürst selbst die zweite Violine, aber später opferte er seinen Dilettantismus der Kunst. Noch eine höhere Bedeutung aber gewann dieses Quartett durch Beethoven, der in Rasumofsky einen begeisterten Freund und Beschützer gefunden. R.’s Quartett stand dem großen Tonheros bald zur uneingeschränkten Disposition, „grade (sic) so, wie Hanslick bemerkt, als hätte es sein Gönner nur zu Beethoven’s Dienst engagirt“. Da ferner R. seinen Kammermusikern kein Hinderniß in den Weg legte, auch öffentliche Productionen zu geben, so wurde das „Rasumofsky’sche Quartett“ für die Verbreitung und das Verständniß der Beethoven’schen Kammermusik von größter Wichtigkeit. Im Jahre 1816 entließ R. sein Quartett, jedoch behielten die Spieler ihre Gehalte. Fürst R. war zweimal vermält, zuerst mit einer Gräfin Thun-Klösterle und dann mit einer Stiftsdame Constantia von Thürheim, mit der er sich am 10. Februar 1816 vermält und welche ihn überlebte. In den letzten Jahren scheint R. ganz zurückgezogen gelebt zu haben, denn sein Name erscheint nicht mehr unter den Festgebern der Residenz und auch sonst geschieht seiner nicht weiter mehr Erwähnung. Der Fürst starb ohne Nachkommenschaft im hohen Alter von 84 Jahren. Sein Andenken in Wien hat sich auch sonst noch, nämlich durch eine nach ihm benannte, in den Prater führende Brücke, die „Rasumofsky-Brücke“ (jetzt Sophienbrücke), durch die zu dieser Brücke führende Gasse, welche Rasumofskygasse heißt, und das Rasumofsky-Palais erhalten, welches jetzt Eigenthum des Fürsten Liechtenstein ist und worin sich zur Zeit die geologische Reichsanstalt befindet. – Sein älterer Bruder 'Georg (n. A. Gregor), der zu Rudoletz in Mähren am 3. Juni 1837 gestorben, war ein geschätzter Mineralog, der mehrere mineralogische Werke und Abhandlungen veröffentlicht hat, unter denen hier seiner „Observations mineralogiques sur les environs de Vienne“ (Vienne 1821, 4°.) gedacht sei.

Historisches Taschenbuch. Herausg. von Friedrich von Raumer. Vierte Folge. Vierter Jahrg. (1863), S. 1–93: „Fürst Andreas Kyrillowitsch Rasumofski. Ein Fragment aus der Geschichte der russischen Diplomatie von Johann Heinrich Schnitzler. – Hanslick (Eduard), Geschichte des Concertwesens in Wien (Wien 1869, Braumüller, gr. 8°.) S. 203 u. 204. – Europa. Chronik der gebildeten Welt. Herausg. von Gust. Kühne (Leipzig, schm. 4°.) 1854, Nr. 11: „Die Gebrüder Rasumofsky“ [stand früher schon im belletr. Blatte Spiegel (Pesth, gr. 8°.) XV. Jahrg. (1842), Nr. 14, unter dem Titel: „Die Kinder des Glückes“, und in Dr. J. J. C. Pappe’s „Lesefrüchten“ (Hamburg) 1842, Bd. I, Stück 2, und zuletzt im Augsburger Sammler 1854, Nr. 31 u. 32]. – Presse (Wiener polit. Blatt) 1864, Nr. 117, im Feuilleton: „Aus der russischen Hofgeschichte“. – Böckh (Franz Heinrich), Wiens lebende Schriftsteller, Künstler und Dilettanten im Kunstfache u. s. w. (Wien 1821, B. Ph. Bauer kl. 8°.) S. 114.