BLKÖ:Reichel, Joseph (I.)

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 25 (1873), ab Seite: 164. (Quelle)
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Reichel, Joseph (I.) (Bassist, geb. zu Weindorf nächst Ofen in Ungarn 27. Jänner 1801, gest. zu Darmstadt 30. Jänner 1856). Sein Vater war Gastwirth, im Hause seines Großvaters mütterlicher Seits wurde viel Musik getrieben und dadurch der Sinn des Knaben dafür geweckt. Neun Jahre alt, kam er zu einem Schullehrer, der ihm den ersten Unterricht in der Musik ertheilte, von dort nach Waitzen, wo er das Piaristen-Gymnasium besuchte und zugleich Musik übte. 16 Jahre alt, sang er bereits als Bassist im Dome zu Waitzen, und da er eine schöne Stimme besaß, rieth man ihm, zum Theater zu gehen. Im Jahre 1821 begab sich R. nach Pesth und nach abgelegter Probe wurde er im Stadttheater engagirt, wo er in seiner ersten Rolle als Comthur im „Don Juan“ sehr gefiel. Aber schon nach fünf Monaten verließ, er Pesth, ging nach Preßburg, dann nach Baden bei Wien und kam von da in wenigen Monaten an das Kärnthnerthor-Theater in Wien, wo er bei seinem ersten Auftreten in der „Zauberflöte“ einen sehr günstigen Erfolg errang. Nach anderthalb Jahren nahm er ein Engagement in Berlin am Königstädter Theater an, wo er aber, da hauptsächlich die komische Oper gepflegt wurde, wenig Beschäftigung fand und einem Rufe als erster Bassist nach Magdeburg folgte. Ein Gastspiel in Karlsruhe hatte sein Engagement an der dortigen Hofbühne zur Folge, an welcher er durch zehn Jahre verblieb. Dort entwickelte sich sein Talent zur vollsten Blüthe. Nicht nur der Umfang seiner Stimme – eine Tonreihe vom Contra-B bis zum zweigestrichenen Fis mit Brust – war gewaltig, auch seine imposante Erscheinung, verbunden mit einem naturgemäßen Spiele, unterstützte seine natürlichen Mittel. Auswärtige große Kunstinstitute wurden auf diesen interessanten Sänger mit einer Stimme von der „Macht einer Jerichoposaune“ und einer imponirenden Erscheinung, die wie eine „mächtige Druidengestalt in die schmächtige Welt der Epigonen“ hineinragte, aufmerksam. Auf Spontini’s Verlangen wurde er im Jahre 1829 zur Aufführung der Festoper „Agnes von Hohenstaufen“ nach Berlin eingeladen, wo er in neun Vorstellungen mit großem Erfolge sang. Nach mehreren Gastspielen in Stuttgart, Magdeburg, dann in Berlin, nach einer Urlaubsreise in seine Heimat, während welcher er in Pesth gastirte, unternahm er im Jahre 1835, zunächst zu seiner künstlerischen Ausbildung, eine Reise [165] nach Italien, von der er aber wegen Verweigerung längeren Urlaubs früher zurückkehren mußte, als seine Absicht war, worüber er mit seiner Intendanz in Conflict gerieth, der später eine völlige Lösung seiner Verbindlichkeiten an dieser Bühne nach sich zog. Nach Gastspielen zu Wiesbaden, dann zu Frankfurt a. M. und in München, kehrte er 1837 nach Italien zurück, namentlich um Rossini’s schönere Werke an Ort und Stelle kennen zu lernen. Auch wurde er daselbst mit dem berühmten Maestro persönlich bekannt, mit dem er zwei Monate in Bologna verlebte, darauf begab er sich nach Mailand und sang in der Frühjahrstagione an der Scala als primo basso cantante. Nach seiner Rückkehr aus Italien sang er zuerst in Hamburg mit ungeheuerem Erfolge den Sarastro in der „Zauberflöte“, den Jacob in „Joseph in Egypten“, den Figaro, den Tell und den Bertram in „Robert der Teufel“. Von Hamburg aus unternahm er eine große Sängerfahrt und feierte in Schwerin, Strelitz, Danzig, Königsberg, Riga, Dresden und Frankfurt a. M. neue Triumphe, besuchte seine Heimat, in welcher er auf dem Pesther Theater sogar in magyarischer Sprache debutirte. Nun nahm er einen ihm von Hamburg gestellten, höchst günstigen Antrag an und blieb dort vom Herbst 1840 durch volle vier Jahre. In dieser Glanzperiode seines Ruhmes hatte er nur einen ihm ebenbürtigen Nebenbuhler, den Sänger Staudigl . Von Hamburg folgte R. einem Rufe nach Darmstadt und gehörte der großherzoglichen Bühne die folgenden zehn Jahre an. Im Jahre 1853 von Kränklichkeit ergriffen, war er gehindert, ferner seine Kunst auszuüben und nun, wie Dräxler-Manfred schreibt, von einem geheimen Kummer erschüttert, welcher der Oeffentlichkeit nicht angehört, spielte sich in dem gigantischen Manne von ehedem eine stille Tragödie ab, die mit der erschütternden Katastrophe seines frühzeitigen, unter unsäglichen Leiden herangedrungenen Todes schließt. R. hinterließ das Andenken eines bedeutenden Künstlers und eines Ehrenmannes. Dräxler-Manfred schreibt über ihn: „er gemahnte mich immer wie einer der alten flandrischen Maler, die über den Künstler niemals den Ritter vergaßen. Es lag etwas Ritterliches, Edles, Frommes in seinem ganzen Wesen, vielleicht auch etwas Unbeugsamkeit und Selbstbewußtsein, aber mit einem reichen Schatze von Seelengüte gepaart. Er war ein Cavalier, ein Rubens unter den Sängern“. Reichel hatte sich um die Mitte der Zwanziger-Jahre mit einer Berlinerin, einer Schülerin Winter’s, vermält, welche gleich dem Gatten ihre Kunst auf der Bühne ausübte und bis zu Anfang der Vierziger-Jahre bei derselben blieb.

Deutscher Bühnen-Almanach, Herausg. von A. Heinrich (Berlin, Leop. Lasson, 8°.) XXI. Jahrg. (1857), S. 180. – Die Muse (Darmstädter Unterhaltungsblatt, gr. 8°.) 1856, II. Semester, Nr. 54 u. 55: „Joseph Reichel. Ein Erinnerungsblatt von Dräxler-Manfred“ [davon sind auch Separat-Abdrücke erschienen]. – Die Donau. Morgenblatt (Wien), 1856, Nr. 155. – Neues Universal-Lexikon der Tonkunst. Angefangen von Dr. Julius Schladebach, fortgesetzt von Eduard Bernsdorf(Dresden 1857, R. Schäfer, gr. 8°.) Bd. III, S. 303.