BLKÖ:Sickel, Theodor

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Sickelbart
Band: 34 (1877), ab Seite: 215. (Quelle)
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Sickel, Theodor (Geschichtsforscher, geb. zu Aken in Preußen 18. December 1826). Sein Vater war Seminardirector [216] in Erfurt und als pädagogischer Schriftsteller bekannt[WS 1]. Der Sohn besuchte das Gymnasium seiner Vaterstadt, dann die Klosterschule Unserer lieben Frau in Magdeburg. In den Jahren 1845 und 1846 studirte er Theologie in Halle und Berlin, seit 1847 unter Lachmann’s Leitung Philologie in Berlin, wandte sich aber endlich im letzten Universitätsjahre dem Studium der Geschichte zu. Nachdem er in Halle die Doctorwürde erlangt, begab er sich im Jahre 1850 nach Paris, um dort Vorlesungen der Ecole des Chartes zu besuchen und zugleich archivalische Forschungen zu machen. Als Reisebegleiter eines jungen Polen, 1852–1854, fand er Gelegenheit, in Bibliotheken und Archiven Deutschlands, Frankreichs, der Schweiz und Oberitaliens Material zu französisch-burgundischer Geschichte zu sammeln. Mittheilung von seinen Freunden lenkte die Aufmerksamkeit des Comité des Missions scientifiques und des damaligen französischen Unterrichtsministers Fortoul auf ihn. S. übernahm nun im Jahre 1854 in deren Auftrag eine planmäßige Durchforschung der Archive von Mailand und Venedig, um die Beziehungen Frankreichs zu den italienischen Staaten im 15. Jahrhundert aufzuklären. Zu gleichem Zwecke ward er 1855 nach Wien gesandt. Als nachdem Tode Fortoul’s die wissenschaftlichen Missionen der französischen Regierung eingeschränkt und auch S. seiner Aufträge enthoben wurde, entschloß er sich, in Wien zu bleiben. Hier war im Jahre 1855 an der k. k. Universität das Institut für österreichische Geschichtsforschung errichtet, an dem zunächst nur A. Jäger wirkte. Persönlich mit einigen Mitgliedern dieses Instituts bekannt geworden, hatte S. auf deren und auf Jäger’s Wunsch ihnen in ganz privater Weise Unterricht in der Paläographie ertheilt, dieß veranlaßte das Unterrichtsministerium, S., nachdem seine Beziehungen zur französischen Regierung erloschen waren, eine Docentur für historische Hilfswissenschaften an jenem Institute anzubieten. 1857 wurde er dann als außerordentlicher Professor derselben Fächer an der k. k. Universität angestellt. Hier wurde er, 1867, nachdem er einen Ruf nach Tübingen an Duncker’s Stelle abgelehnt hatte, zum ordentlichen Professor der Geschichte und ihrer Hilfswissenschaften ernannt. Wenn auch S. von seinem Rechte, Vorlesungen aus der Geschichte zu halten, zeitweise Gebrauch machte, so wandte er doch seine Lehrthätigkeit jenem Institute zu, dessen Leitung er nach dem Rücktritte Jäger’s übernommen hatte. Die wirksame Förderung, die ihm von Seite des Unterrichtsministeriums zu Theil wurde, bestimmte ihn auch, einen 1872 an ihn ergangenen Ruf an die Berliner Universität abzulehnen. Jetzt konnte endlich der dem Institute gleich bei Errichtung vorgeschriebene Lehrplan in seiner ganzen Ausdehnung zur Ausführung kommen, indem sich mehrere ehemalige Zöglinge des Instituts, die Professoren oder Docenten an der philosophischen Facultät geworden waren, an dem Unterrichte betheiligten. Sickel beschränkt sich seitdem als Forscher und Lehrer fast ganz auf das Studium der Urkunden. Seinen Leistungen auf diesem Gebiete verdankte er, daß er gelegentlich der Neugestaltung der Direction der Monumenta Germaniae, über deren Fortsetzung sich die Regierungen des deutschen Reiches und Oesterreichs 1874 verständigt hatten, in die Central-Direction berufen und von dieser mit der Herausgabe der „Diplomata“ betraut wurde. An den Arbeiten für [217] diese Abtheilung der Monumenta Germaniae sind bisher fast ausschließlich jüngere österreichische Forscher aus der Schule S.’s betheiligt. Aus dem erst von Jäger, dann von Sickel geleiteten Institute ist auch schon eine ansehnliche Zahl von akademischen Lehrern, von Archivaren und Bibliothekaren hervorgegangen. Auf historischem Gebiete ist S. auch schriftstellerisch thätig und hat die Ergebnisse seiner Forschungen theils in größeren selbstständigen Werken, theils in zahlreichen Abhandlungen, welche in periodischen Fach- und Sammelschriften abgedruckt waren, veröffentlicht. Die Titel seiner selbstständig ausgegebenen Werke – die mit einem Stern (*) bezeichneten sind Seperatabdrücke aus den Schriften der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften – sind: „Monumenta medii aevi ex archivis et bibliothecis imperii Austriaci collecta, edita jussu atque auspiciis ministerii cultus et publicae institutionis“, Fasc. 1–5 (Wien 1859, Gerold, Text gr. 4°., die photographischen Tafeln in Imp.-Fol.); – *„Beiträge zur Diplomatik“: „I. Die Urkunden Ludwig’s des Deutschen bis zum Jahre 859“ (Wien 1861, Gerold 8°.) – „II. Die Urkunden Ludwig’s des Deutschen in den Jahren 859–876“ (ebd. 1862) – „III. und IV. Die Handbriefe, Immunitäten und Privilegien der ersten Karolinger bis zum Jahre 840“ (ebd. 1864) – „V. Die Immunitätsrechte nach den Urkunden der ersten Karolinger bis zum Jahre 840“ (ebd. 1865); – *„Die Ambrosianische Republik und das Haus Savoyen. Beitrag zur Geschichte Mailand’s im XV. Jahrhundert“ (Wien 185.); – „Das Vicariat der Visconti“ (ebd. 185.); – *„Beiträge und Berichtigungen zur Geschichte der Erwerbung Mailand’s durch Franz Sforza (Wien 1857); – „Jeanne d’Arc“ Separatabdruck aus H. Sybel’s[WS 2] „Historischer Zeitschrift“, II. Band, 2. Heft (Wien 1861); – *„Das Lexikon Tironianum[WS 3] der Göttweiger Stiftsbibliothek“ (Wien 1862); – *„Die Lunarbuchstaben in den Kalendarien des Mittelalters“ (ebd. 1862); – „Acta regum et imperatorum Karolinorum digesta et enarrata“ Die Urkunden der Karolinger gesammelt und bearbeitet“, 2 Bände (Wien 1867, Gerold, gr. 8°.), 1. Band: „Urkundenlehre“ 2. Band: „Urkundenregister“: – *,Das Reformationslibell des Kaisers Ferdinand I. vom Jahre 1562 bis zur Absendung nach Trient“ (Wien 1871, 8°.): – Zur Geschichte des Concils von Trient. Aktenstücke aus den österreichischen Archiven“ 1. und 2. Abtheilung: 1559–1561 (Wien 1870, Gerold, gr. 8°.); – „Ueber den von H. Pertz[WS 4] herausgegebenen Diplomatum imperii tom. I“ (Berlin 1873, 8°.); – „Ueber Kaiser-Urkunden in der Schweiz“ (Zürich 1877). Seine kleineren Abhandlungen und Vorträge finden sich abgedruckt im „Wienerischen Jahrbuch, im „Athenée français“, in der „Bibliotheque de l’Ecole des Chartes“, in von Sybel’s „Historischer Zeitschrift“, in den „Forschungen zur deutschen Geschichte“, in den „Mittheilungen zur vaterländischen Geschichte von St. Gallen“, im „Anzeiger für schweizerische Geschichte“, im „Neuen Archiv der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde“, welche u. A. seine Arbeiten über die ältesten deutschen Zeitungen, über Frankreich und Burgund im 15. Jahrhundert, über verschiedene wichtige Handschriften, über einzelne Urkundengruppen, u. s. w. enthalten. Diese wissenschaftliche Thätigkeit des Gelehrten wurde von Seite der kaiserlichen Regierung, die ihm 1877 den Hofrathstitel verlieh, und von Seite gelehrter Gesellschaften, Vereine und Commissionen, die ihn in den [218] Schooß ihrer Mitglieder aufnahmen, mehrfach gewürdigt; so wurde S. um 1864 correspondirendes Mitglied der kaiserlichen Akademie philosophisch-historischer Classe, 1870 ordentliches Mitglied derselben, 1869 Mitglied der Enquête-Commission für Reorganisation der Archive in Oesterreich, 1872 Mitglied der Gymnasial-Prüfungs-Commission, 1873 der Central-Commission zur Erhaltung der Alterthümer, der historischen Commission in München. Sonst noch hatten ihm 1866 die Münchener Akademie der Wissenschaften, 1868 die Göttinger gelehrte Gesellschaft, 1876 die Berliner Akademie der Wissenschaften und 1876 die Deputazione per la storia Veneta u. m. A. ihre Mitgliedschaftsdiplome schickt. Auch wirkte S. mehrere Jahre hindurch als Presbyter und Mitglied des Schulvorstandes der evangelischen Gemeinde in Wien. S. ist mit der Tochter des berühmten Architekten Gottfried Semper (s. d. S. 93) verheirathet. Freiherr von Dumreicher in dem in den Quellen bezeichneten Werke widmet der wissenschaftlichen und Lehrthätigkeit S.’s eine eingehende Darstellung, insbesondere bezeichnet er S. in den Gebieten der Chronologie, Diplomatik und Paläographie als einen sicheren, verläßlichen, seine Schüler wohl disciplinirenden Lehrer, wie sich wohl ein zweiter in Deutschland kaum hätte finden lassen. Sein Einfluß als trefflicher Zuchtmeister, welcher vor aphoristischer, sogenannter Geschichtsphilosophie und unkritischer Quellenbehandlung schirmt und in falsche Richtungen Gerathene zurückzuführen vermag, kann gar nicht hoch genug angeschlagen werden, und es tritt denn auch die ausgezeichnete Technik der Forschung, welche aus seiner Methode zu gewinnen ist, bereits in den Arbeiten unserer Historiker – von denen einzelne freilich über den Lehrer hinaus und weiter gehen, als vielleicht recht und gut – deutlich genug hervor. Darum hat auch S.’s Schule für die Wissenschaft und speciell für die Wiener Universität so große Bedeutung, weil sie eine große Anzahl von Historikern zu eindringendem methodischen Verständniß mittelalterlicher Geschichtsquellen und zur correcten Behandlung der Ueberlieferung anleitet. Seine Abneigung gegen alles nicht ganz Begründete und sein Haften am Detail, wie sein Dringen auf wohldocumentirte Darstellung sind von unschätzbarem Werthe für die Zöglinge des Instituts für österreichische Geschichtsforschung. S. selbst vereinigt in sich die Vorzüge zweier Schulen, da er einerseits aus solider deutscher Fachbildung emporgewachsen, anderseits sich den merkwürdigen Kennerblick für die Echtheit oder Unechtheit von Diplomen in einer Praxis erworben hat, für welche ihm die reichen und gut geordneten französischen Archive unerschöpfliches Materiale lieferten. Durch sein Werk „Monumenta graphica medii aevi“, das S. mit Unterstützung des österreichischen Unterrichtsministeriums herausgegeben, hat er die Leistungen der Franzosen und Italiener und selbst die Kopp’schen Tafeln weit überholt, und indem er die Photographie seinen Zwecken dienstbar gemacht, sind die mühsamsten und noch so genauen Facsimilirungen in den Schatten gestellt. Als besonders für die Wissenschaft wichtig ist seine Urkundenlehre der Karolinger hervorzuheben, in welcher er gründliche und umfassende Forschungen über die Echtheit der karolingischen Diplome, über die Einrichtungen der Concilien u. A. niedergelegt, und mit welchem Werke ihn die oben benannte Quelle den beiden Meistern historischer [219] Hilfswissenschaften, Georg Waitz und Wilhelm Wattenbach, als dritten deutschen Forscher ersten Ranges beizählt.

Dumreicher (Armond Freiherr von), Verwaltung der Universitäten seit dem letzten politischen Systemwechsel in Oesterreich (Wien 1875, Alfr. Holder, gr. 8°.) S. 74 u. f. – Neue freie Presse (Wiener polit. Blatt) 1867, Nr. 949 und 952: „Von der Universität“. – Vaterland, das (Wiener politisches Blatt, gr. Fol.), 1861, Nr. 66: „Professor Sickel“. – Oesterreichisch Wochenschrift für Wissenschaft, Kunst und öffentliches Leben (Beilage der Wiener Zeitung, Wien, gr. 8°.) 1865, Bd. I, S. 641. – Illustrirte Zeitung (Leipzig, J. J. Weber, kl. Fol.). Nummer vom 16. October 1875: „Die Mitarbeiter der Monumenta Germaniae: Hegel, Pertz, von Giesebrecht, Wattenbach, Waitz, Sickel, Nitzsch, Momsen, Stumpf-Brentano, Euler, Dümler“. [Daselbst auch sein Bildniß nach einer Photographie, von H. Scherenberg.]

Anmerkungen (Wikisource)

  1. ADB:Sickel, Heinrich Friedrich Franz.
  2. Vorlage: Th. Sybel’s.
  3. Vorlage: Tirocinianum.
  4. ADB:Pertz, Georg Heinrich.