BLKÖ:Steiner, Melchior, Onkel und Neffe

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 38 (1879), ab Seite: 74. (Quelle)
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Steiner, Melchior, Onkel und Neffe (Firma des Wechselhauses Steiner und Comp. in Wien). Melchior, der Onkel (geb. zu Winterthur in der Schweiz im Jahre 1729, gest. zu Wien 16. Mai 1786), kam im Jahre 1760 zu seinem Oheim J. Goll nach Wien. Goll war damals Gesellschafter, des großen Wechselgeschäftes „Kühner und Goll“, welches den Verschleiß ungarischer Bergwerksproducte betrieb. Steiner, ein industrieller Kopf, überblickte bald die Verhältnisse des Wiener Platzes, welche sich zukunftverheißend darstellten und unter der Kaiserin Maria Theresia wie unter ihrem Sohne Joseph des Schutzes und der Förderung sicher waren. Er legte nun eine Säbel- und Klingenfabrik an, eröffnete darauf die Kupferhämmer- und Blaufarben- (Schmalte-) Fabrik im Pottensteiner Thale, förderte bestens die Ausfuhr von Quecksilber und war auch wesentlich bei Beschaffung und Abschluß beträchtlicher Geldanleihen in Holland zur Deckung der Staatsauslagen betheiligt. Selbst trat er in das Gremium der Niederlagsverwandten, welche in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts in Wien eine mächtige Handelsverbindung bildeten. Ueberhaupt gehörte S. jener kleinen Colonie Schweizer an, welche seit 1770 so wesentlichen Antheil an dem Gedeihen der österreichischen Industrie hatten [vergleiche S. 76 die Quellen]. Steiner hatte bei Gelegenheit [75] einer Frohnleichnams-Procession, welche mit ungewöhnlichem Gepränge in Wien gefeiert zu werden pflegt, Maria Josepha Gertrud Eckhel kennen gelernt. Maria Josepha Gertrud (geb. 17. März 1745, gest. zu Wien 3. April 1812) war das elfte Kind des in fürstl. Montecuccoli’schen Diensten stehenden Pflegers Anton Eckhel und eine Schwester des berühmten Numismatikers Joh. Joseph Hilarius Eckhel [Bd. III, S. 423]. Mit ihren Eltern war sie von Enzesfeld, wo die Familie lebte, nach Wien gekommen. Melchior Steiner sah das 17jährige Mädchen, dessen Einfachheit und Natürlichkeit ihm so wohl gefiel, daß er ihr seine Hand antrug und sich mit ihr am 14. Februar 1762 vermälte. Nach 24jähriger glücklicher Ehe verlor sie ihren Gatten und heirathete nun seinen Neffen Melchior. – Melchior, der Neffe (geb. zu Winterthur im Jahre 1763, gest. zu Wien 8. Mai 1837), war frühzeitig in das Handelsgeschäft seines vorgenannten Onkels getreten, hatte nach dem im J. 1786 erfolgten Tode des Oheims, damals ein junger Mann von 23 Jahren, dessen Geschäft übernommen, nachdem er die wohl 18 Jahre ältere Witwe seines Oheims geheirathet. Er führte im Geiste und in den Ueberlieferungen seines reellen Onkels die Geschäfte fort, erwarb sich gleich diesem wesentliche Verdienste um die Ausbreitung des Handels und um den Staat, erweiterte beträchtlich die von seinem Oheim errichteten Fabriken, besonders die Kupferhämmer unter großem Kostenaufwande mit neuen Werken, und war dadurch in der Lage, die Münzämter bei dem zunehmenden Bedarf an Kupfermünzen mit Material reichlich zu versorgen. Während des Krieges im Jahre 1809 betheiligte er sich stark an der Beischaffung bedeutender Geldsummen aus dem Auslande, sowohl zur Verpflegung der Truppen als zur Deckung anderer Bedürfnisse des Staatshaushalts. Während der Besetzung Wiens durch die Franzosen leistete er durch Anstrengung seines Credits und in Verbindung mit den Bankhäusern Arnstein und Eskeles, Geymüller und Comp., Fries und Comp. durch übernommene Haftungen die wesentlichsten Dienste und beschleunigte dadurch die Aufhebung der Occupation. Auch unterstützte Melchior von Steiner mehrere gemeinnützige, des Capitals bedürftige Unternehmungen, wenn solche in ihren Resultaten auch zweifelhaft waren. So war es besonders er, welcher der Erste die Erbauung einer Kettenbrücke in den österreichischen Staaten ins Leben rief; durch seine Verbindung mit anderen großen Häusern geschah es, daß das schwierige Unternehmen der Erbauung der ersten Eisenbahn nicht zerfiel. Als Bankdirector und später als Bankgouverneurs-Stellvertreter wirkte er mehrere Jahre hindurch zum Gedeihen des großartigen Nationalunternehmens. Steiner zählte zu jenen seltenen Firmen, die sich nie mit unsicheren Operationen befassen, und erhielt den Credit seines Hauses, so lange es bestand, intact, eine Erscheinung, welche in der Gegenwart mit der Diogeneslaterne abzusuchen und kaum zu finden ist. In Folge seiner Verdienste um den Staat wurde er von Kaiser Franz am 26. Mai 1811 in den Ritterstand erhoben. Um 25 Jahre hatte Melchior seine Gattin überlebt, als er im Jahre 1837 im Alter von 74 Jahren gestorben war.

Oesterreichische National-Encyklopädie [76] von Gräffer und Czikann (Wien 1837, 8°.) Bd. V, S. 140.
Porträte. 1) Von Melchior Steiner H. Füger pxt., C. Pfeiffer sc. 1813 (4°.); davon auch Blätter vor der Schrift. – 2) Von M. Steiner’s Gattin: Steiger p., C. Pfeiffer sc., 1812 (4°.).
Die Familienverbindungen des Hauses Steiner und Comp. Diese haben einiges Interesse, daher ihrer im Folgenden in Kürze Erwähnung geschieht. Wie oben bemerkt worden, vermälte sich Melchior Steiner der Oheim mit Maria Josepha Gertrud Eckhel, einer Schwester des Numismatikers Joh. Jos. Hilar. Eckhel. Eine ältere Schwester der Maria Josepha Gertrud, nämlich Maria Anna Raphaele (gest. 11. August 1801), war seit 2. Juli 1765 in zweiter Ehe mit Johann Georg Meiller (geb. in Wien 14. November 1722, gest. in Preßburg 12. Mai 1800), k. k. Kriegscassa-Verwalter und seit 1. Jänner 1797 geadelt, verheirathet. Johann Georg Meiller erfreute sich eines ganz ungewöhnlichen Kindersegens, da er aus erster Ehe 16, aus zweiter 15, aus beiden 31 Kinder besaß. Eines dieser Kinder aus zweiter Ehe war Andreas von Meiller, zuletzt Director, Firma- und Procura-Führer des Großhandlungshauses Steiner und Compagnie. Dessen Sohn aus seiner Ehe mit Christine Josepha Edlen von Saack war Dr. Andreas von Meiller, k. k. Haus-, Hof- und Staatsarchivar, dessen dieses Lexikon [Bd. XVII, S. 278] gedenkt und der am 5. August 1854 zu Währing gestorben ist. Eine andere jüngere Schwester der Maria Josepha Gertrud war Maria Helena Ottilie (geb. 13. December 1752), welche sich am 6. November 1774 mit dem Tuchhändler zu Fulnek in Mähren Johann Baptist Rokert vermälte, aus welcher Ehe August Rokert, der Herausgeber des berühmten Taschenbuchs „Vesta“, stammt, über den auch dieses Lexikon im XXVI. Bande, Seite 286 berichtet.
Die Steiner als Schweizer mit anderen Schweizern die Begründer des Aufschwungs der industriellen und finanziellen Verhältnisse Oesterreichs. Gleichzeitig mit Melchior Steiner dem Oheim, der aus Winterthur nach Oesterreich gekommen und unter dem Schutze derselben Privilegien etablirten sich noch folgende Schweizer in Wien: Johann Fries [Bd. IV, S. 361] und Peter Ochs, später, 1770, auch Hey, welcher der Errichter der Friedauer Zitz- und Kattunfabrik wurde. Johann Fries, nachmals Graf von Fries, etablirte in den Jahren 1770–1780 seine beiden Neffen Fries, nachher Freiherren von Fries, und Frank, nachmals Ritter von Frank, Letzteren insbesondere noch mit einem Antheile an der damaligen Tabakregie und mit Gründung des Wechselhauses Frank und Comp., welch letzteres in den beiden Söhnen Frank’s Johann Jacob und Joseph, zu Beginn der Dreißiger-Jahre erloschen ist. Johann Jacob’s Söhne waren der bekannte Lustspieldichter Gustav Ritter von Frank [Bd. IV, S. 316] und der geschickte Landschaftszeichner Alfred Ritter von Frank, k. k. Hauptmann und Schwiegersohn des Komikers Wenzel Scholz. – Der obenerwähnte Peter Ochs associirte sich in Verbindung mit Hippemayer seinen Neffen Geymüller, woraus das Haus Ochs und Geymüller und nach Ableben des Ersteren zwei separirte Häuser Geymüller und Hippemayer entstanden, welch letzteres mit dem Tode seines Chefs erloschen ist. So waren durch schweizerische Einwanderer unter dem Schutze der großen Maria Theresia, welche im wahren Interesse ihrer Länder die bis dahin gegen Akatholiken bestandenen Vorurtheile zu besiegen wußte, fünf große Handlungshäuser entstanden. Das Großhandlungshaus Steiner besorgte seine Geschäfte meist mit Hilfe seiner nächsten Verwandten und Schwäger. So diente ein Schwager Melchior Steiner’s des Aelteren, Johann Georg Rudolph Eckhel in Steiner’s Wechselstube; ein Neffe Melchior Steiner’s des Aelteren, Andreas von Meiller, war Director, Firma- und Procuraführer des Großhandlungshauses Steiner und Compagnie. Ein anderer Neffe, Joseph von Schickh, Sohn des Buchhalters bei der k. k. Bergwerks-Direction in Wien, Johann Michael von Schickh und der Maria Eva geborenen Eckhel, Schwester des berühmten Numismatikers, führte zugleich mit oberwähntem Andreas von Meiller die Firma, ein Anton Eckhel und Rokert die Procura. Anton Eckhel wirkte nach dem Pariser Frieden im Interesse der vier großen Wiener Häuser bei der Realisirung und Uebertragung der von Frankreich an Oesterreich zu bezahlenden Contribution.