BLKÖ:Tessedik, Samuel (I.)

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Tessedik, Franz
Band: 44 (1882), ab Seite: 30. (Quelle)
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Tessedik, Samuel (I.) (evangelischer Theolog, geb. zu Puchon in Ungarn im November 1710, gest. zu Békés-Csaba am 7. April 1749). Eine in hohem Grade merkwürdige Priestergestalt des Protestantismus, welche an die strengsten Asceten des Katholicismus im Mittelalter erinnert. Sein Vater Georg war ein ungarischer vermögenloser Landedelmann[WS 1], die Mutter Eszther eine geborene Nedeczky. Strenge Sittlichkeit und Liebe zu den Wissenschaften wurden dem Knaben im Elternhause eingeprägt. Die Schulen besuchte er zu Trencsin, dann in Kremnitz und später, besonders um die ungarische Sprache zu erlernen, in Raab. Im Alter von achtzehn [31] Jahren kam er nach Preßburg, wo er unter Friedrich Wilhelm Beer, Thomka-Szászky und dem berühmten Matthias Bel vier Jahre studirte, und der Sitte der ungarischen Protestanten folgend, ging er 1732 ins Ausland, um an einer deutschen Hochschule seine wissenschaftliche Ausbildung zu vollenden. Er wählte Jena, wo er die theologischen Vorlesungen Hoffmann’s, Rus’ und Weißenborn’s besuchend, im Jahre 1735 unter dem Pseudonym Christian Aletophilus das Werk „Commentatio historico-theologica de scripturae sacrae et antiquitatis ecclesiasticae in Theologia usu et auctoritate“ (Jenae 1735, 4°.) erscheinen ließ, in welchem er genügende Proben seiner gründlichen Kenntnisse in Kirchengeschichte und Kirchenarchäologie, in der Patristik und den anderen theologischen Disciplinen gab. In seine Heimat zurückgekehrt, wirkte er einige Zeit an der Seite des Superintendenten Elias Mohl in Modern in der Seelsorge. Im Jahre 1737 folgte er einem Rufe der protestantischen Gemeinde in Tót-Györ. 1744 wurde er Pastor der nicht lange zuvor entstandenen Gemeinde Békés-Csaba, wo er in Folge der damals in kirchlichen Dingen herrschenden Verwilderung stramm die Zügel anzog und mit einer nur durch die Verhältnisse der Zeit erklärlichen Strenge sein Kirchenamt ausübte. Gleich nach Antritt desselben arbeitete er für seine Pfarrkinder eine Pastoralinstruction aus, welche er jährlich zweimal von der Kanzel ablas. Die Sonntagskatechisationen und öffentlichen Schulprüfungen, welche sein Vorgänger vernachlässigt hatte, führte er strenge und regelmäßig durch; in der Fastenzeit hielt er wöchentlich die Vesperpredigten über das Leiden Jesu oder Vorträge über das Leben und die Lehre Martin Luther’s, und that überhaupt Alles, um die stark im Argen liegende Kirchenzucht wieder aufzurichten. Einige Beispiele mögen beweisen, mit welcher eisernen Strenge er seines Amtes waltete. Menschen, welche ein wüstes Leben führten oder mit ihrer Freigeisterei groß thaten, verweigerte er ein ehrliches Begräbniß und ließ sie ohne kirchliche Begleitung nicht etwa auf dem Friedhofe, sondern auf der öffentlichen Landstraße beerdigen; wessen Leben nicht makellos war, durfte nicht Pathenstelle vertreten; wer das sechste Gebot übertreten hatte, wurde am Sonntag nach dreimaligem Anschlag der Glocken und unter kirchlichem Gesange in einer vor dem Gotteshause errichteten Klause eingeschlossen, nach beendetem Gesange in die Kirche geführt, wo er mit lauter Stimme in Gegenwart des Pastors sein Vergehen öffentlich eingestehen und über den begangenen Scandal reumüthig Abbitte leisten mußte. Nur wer vom Pastor die Erlaubniß hatte, durfte am Sonntag das Dorf verlassen und von der Kirchenfeier wegbleiben; ein Uebertreten dieser Anordnung wurde auf das strengste geahndet. Heutzutage wird man über diesen Mann staunen, und dürfte es kaum ein Geistlicher versuchen, es ihm gleichzuthun. Damals lehnte sich weder ein Kirchenoberer noch die Gemeinde selbst gegen diese Strenge auf, welche der Achtung, ja Verehrung, die man ihm allseitig entgegenbrachte, nicht nur keinen Eintrag that, sondern vielmehr dieselbe steigerte. Diese Gesinnung, von welcher seine Gemeinde beseelt war, gab sich vornehmlich bei seinem Ableben kund. Leider starb Tessedik in der Vollkraft seines Lebens, im Alter von 39 Jahren, und nach erst fünfjähriger Thätigkeit in Csaba. Er wurde daselbst in der alten Kirche, [32] welche während seines Pastorates erbaut worden war, unter dem Altar beigesetzt. Wie weit er seine Kirchengewalt ausdehnte, erfahren wir aus seiner Schrift: „Via regia ad promovendam veram cognitionem Christi“, deren Anordnungen alle polizeilichen Vexationen oder die Verfügungen des seinerzeit so vielgenannten Concordates übertreffen. Er empfiehlt darin seinen Collegen den Besuch der Familien, der mindestens einmal im Jahre und streng nach den Vorschriften des Apostels Paulus (XX, 17–31) erfolgen müsse. Bei diesem Familienbesuche habe der jeweilige Pastor zu erforschen, ob und wie seine Gemeindeglieder beten? was für Bücher sie besitzen und lesen? ob sie die Kirchenlieder singen? ob sie fleißig die Kirche besuchen? ob sie auf das Wort des Predigers hören und es auch verstehen? ob ihnen das Herz während der Predigt klopft? ob und wie oft des Jahres sie beim Tische des Herrn erscheinen? ob Friede unter den Hausleuten herrsche? ob die Kinder gehorsam sind und die Ettern ihnen mit gutem Beispiele vorangehen? ob sie öffentlich Ungehörigkeiten verüben? ob sie mit den Nachbarn im Frieden verkehren? u. s. w. u. s. w. Tessedik nahm im Jahre 1747 eine Hausvisitation in vorbeschriebener Weise, assistirt von dem Pastor von Szarvas und zwei Preßburger Pastoren vor. Aber nicht alle stimmten ihm darin bei, so z. B. der Pastor von Aszod Samuel Burian, welchem die Neuheit der Sache nicht gefallen wollte; noch entschiedener aber sprach sich Samuel Hruszkowicz[WS 2] [Bd. IX, S. 363] dagegen aus, dem dieses Vorgehen denn doch zu gewagt erschien. Samuel war mit Elisabeth Lang vermält, aus welcher Ehe nur ein Sohn Samuel hervorging, der gleich seinem Vater, wenn auch in ganz verschiedener Richtung, zu Ruhm und Ehren gelangte. Vergleiche die nächstfolgende Biographie.

Horányi (Alexius). Memoria Hungarorum et Provincialium scriptis editis notorum (Viennae 1776, A. Loewe, 8°.) Tomus III, p. 399. – Wallaszky (Paulus). Conspectus reipublicae litterariae in Hungaria etc. etc. (Posonii et Lipsiae 1785, A. Loewe, gr. 8°.) p. 216, Anmerkung 6.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Landedelmannn.
  2. Vorlage: Samuel Hraszkowicz.