BLKÖ:Tessedik, Samuel (II.)

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Tessedik, Therese
Band: 44 (1882), ab Seite: 32. (Quelle)
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Tessedik, Samuel (II.) (Schulmann und Landwirth, geb. in Ungarn im Jahre 1741, gest. zu Szarvas am 27., nach Anderen am 28. December 1820). Der Sohn des Vorigen aus dessen Ehe mit Elisabeth Lang. Im Elternhause erhielt er eine streng sittliche Erziehung; gleich dem Vater widmete er sich dem Kirchen- und Lehrerdienste und wurde nach dem Ableben seines Schwiegervaters Markovitz evangelischer Prediger in Szarvas, wo er über ein halbes Jahrhundert seines Amtes waltete. Doch nicht blos in seinem geistlichen Berufe, viel eingreifender nach cultureller Seite wirkte er auf die seiner Leitung anvertraute Gemeinde und wurde dadurch zunächst ihr Wohlthäter, aber auch der Wohlthäter seiner um die Mitte des vorigen Jahrhunderts auf einer nicht eben hohen Stufe der Cultur stehenden Nation, deren Bauernstand zumal sich keines menschenwürdigen Daseins erfreute. Von der Ueberzeugung getragen, daß reinere Religionskenntniß des Landmannes mit besserer Einsicht in seinen Handarbeiten und entsprechend geleiteter Thätigkeit darin gleichen Schritt gehen müsse, wenn diese Menschenclasse dauernd besser und glücklicher werden solle, versuchte er den Zustand seiner Gemeinde auf diesem doppelten Wege zu heben. Um die Gründlichkeit seiner [33] Theorie gleichsam öffentlich darzuthun, gab er das Werk heraus: „Der Landmann in Ungarn, was er ist und was er sein könnte, nebst dem Plane zu einem regulirten Dorfe“ (Pesth 1784), wovon ohne Angabe des Verfassers unter dem Titel: „Oekonomisch-physikalisch-statistische Bemerkungen über den gegenwärtigen Zustand des Landwesens in Ungarn, besonders in den Gegenden der Theiß“ (o. O. [Preßburg] 1787, Mahler, 8°.) eine neue Ausgabe erschien. Aber nicht blos theoretisch ging er vor, auch praktisch gab er die Beweise für die Ausführbarkeit seiner Vorschläge. Er führte den Kleebau, die Stallfütterung und die ganze bessere Landwirthschaft nach den Rathschlägen eines Schubart, Meyer u. A. zuerst in seiner Gegend im Großen ein; er erbaute in seinem Kleefelde, aus dem er 24 Stück Rindvieh fütterte, ein eigenes Trockenhaus für den Klee; er verstand den Samen von der Luzerne so gut zu gewinnen, daß er jährlich sechs bis zehn Centner à 50 fl. verkaufte; er errichtete aus einem Fond von 9000 fl. seiner Gemeinde eine Kirche für 20.000 fl., indem er von den Zinsen dieses Geldes einige in der Gegend seltene Mühlen ankaufte oder solche anlegte, den Pacht dafür in Mehl zahlen und aus diesem für die Arbeiter gutes Brot backen ließ, für welches sie wöchentlich zwei Drittel ihres Lohnes an die Baucasse zurückzuzahlen hatten. Er ging ganz von denselben Grundsätzen aus, die, entfernt von ihm, Pestalozzi lehrte und übte, nämlich: das Volk durch erhöhten Fleiß und größere Thätigkeit zu verbessern. Denn ihm, dem ebenso denkenden, wie praktischen Seelsorger, erschien die geistig-sinnliche Natur des Menschen durchaus nicht zur bloßen Speculation und zu müßigem Denken geschaffen, sie kann im Durchschnitt genommen, nur dann menschlich-tugendhaft sein, wenn sie menschlich-thätig und arbeitsam ist. Aber mit seinen Bemühungen ging es bei der Indolenz des Landmannes, der überhaupt allen Neuerungen von vornherein mißtrauisch entgegentritt, nur sehr langsam vorwärts. Durch Reisen, die er in Deutschland machte, wo er mit Gelehrten, Pädagogen und anerkannten Landwirthen Verbindungen anknüpfte und an Ort und Stelle pädagogische und ökonomische Verhältnisse kennen lernte, erkannte er bald den unzweckmäßigen schwerfälligen Mechanismus der ihm anvertrauten vierzehn Schulen. Von Kaiser [[BLKÖ:Habsburg, Joseph II.|Joseph II.], welcher in ihm den tüchtigen Schulmann, Seelsorger und echten Menschenfreund erkannt hatte, zum wirklichen Beisitzer der Schulcommission in Preßburg ernannt, wurde es ihm möglich, mehrere Versuche in Verbesserung des Schulunterrichtes, wenngleich nur im Kleinen, zu unternehmen. Als aber diese gelangen, erweiterte er seine Pläne. Durch eine Schenkung von Seite der Gutsherrschaft erwarb er sechs Morgen unbebautes Land, auf welchem er ein Schulgebäude mit Garten, Bibliothek, Instrumenten und Maschinen auf eigene Kosten anlegte, und lehrte dann vier Jahre hindurch die ältere Schuljugend zu Szarvas ohne Entgelt, um aus ihr vernünftige Menschen, gute Christen, folgsame Bürger und Unterthanen und tüchtige Landwirthe zu bilden. So rief er aus eigenen Mitteln eigentlich die erste Industrieschule in Ungarn ins Leben. In derselbe erhielten die Kinder Unterricht im Seidenbau, im Säen und Pflanzen der Maulbeerbäume, in allen dazu gehörigen Verrichtungen bis zum Spinnen der Seide; er lehrte sie auch die bis dahin in Ungarn für unfruchtbar gehaltene Szekes- (sodartige) Erde [34] verbessern, und gleich im ersten Jahre erzielte er aus dieser über ein halbes Hundert fremde und heimische Producte, mit deren Gebrauch in der Haushaltung und in den Gewerben er die Jugend bekannt machte. So wurden in dem ökonomischen Garten die Kinder in allen Theilen der verbesserten Landwirthschaft, in dem künstlichen Wiesenbau, in der Stallfütterung, in der Behandlung des Gemüses, Obstes, Klees, der Bienen, in der Seidencultur u. s. w. praktisch unterrichtet und ihnen im Kleinen das Ganze der Landwirthschaft vor Augen gestellt. Die Sache gedieh trefflich: zehn- bis zwölftausend selbstgezogene Bäume aller Obstsorten standen da, künstliche Wiesen mit jährlich vier- bis fünfmaliger Mahd, Kleesamen und Seide in ganzen Centnern wurden gewonnen; erhöhter Vortheil erwuchs aus Gartenbau und Bienenzucht, feinere Spinnerei und Weberei ergaben ein reicheres Erträgniß. Die Zahl der Schulkinder war bereits auf 900 gestiegen und Tessedik, aufgemuntert durch diese Erfolge, entwarf nun den Plan zu einer bedeutend größeren Schulanstalt, durch welche die Segnungen seiner Thätigkeit noch weitere Verbreitung finden sollten. Im 44. Stück der Becker’schen Zeitung vom Jahre 1791 ist dieser treffliche Plan mitgetheilt. Die Sache gedieh und hielt sich mehrere Jahre, bis die Unterstützung von Seite der zunächst Betheiligten lässiger wurde, endlich ganz ausblieb und er sich genöthigt sah, einen Theil seiner Anstalt aufzulassen. Er veröffentlichte aus diesem Anlasse die Schrift: „An das ungarische, besonders protestantische Publicum detaillirte Erklärung der Ursachen des Entstehens und Einschlafens des ökonomischen Industrial-Institutes zu Szarvas“ (o. O. [Pesth] 1798, Eggenberger, 8°.). Später nahm die Regierung sich der Sache an und erklärte die Anstalt für eine königliche. Tessedik wirkte dann an derselben als Lehrer, von anderen Lehrkräften unterstützt, unter denen der nachmalige Pastor Skola sich vor Allen auszeichnete. Auch stand er mit dem Grafen Georg Festetics, dem Gründer des so berühmt gewordenen Georgikons, in engerer Verbindung. So blieb er unermüdlich thätig bis zum Tode, von welchem er, ein nahezu achtzigjähriger Greis, mitten in Verrichtung seines geistlichen Amtes ereilt wurde. Die Titel der von Tessedik in deutscher, lateinischer und ungarischer Sprache erschienenen Schriften sind mit Uebergehung der bereits oben genannten: „A paraszt ember Magyarországban, micsoda és mi lehetne…“ (Pécs 1786, J. Engel, 8°.), Uebersetzung der Schrift: „Der Landmann in Ungarn, was er ist und was er sein könnte“; – „Declarationes duae coram incl. commissione regia die 9. et 10. Maii 1792 factae, atque scholam oeconom. Szarvasiensem concernentes“ (s. l. et a. [1792], 8°.); – „Uj módja rétek igazításának azon kérdés megfejtésére, mi módon kellene a fa, gyümölcs és takarmány fogyatkozásának eleit venni a rétek igazítása, a többi mezei gazdaságnak hátramaradása nélkül?“ (Buda 1801, 8°.), auch in deutscher Ausgabe: „Neuer Wiesen-Rectifications-Plan zur Auflösung der Frage: Wie wäre dem Holz-, Obst- und Futtermangel durch bessere Cultur der Wiesen, ohne Nachtheil der übrigen Theile der Landwirthschaft, zum Besten des ungarischen Publici, besonders in den unteren Gegenden effective abzuhelfen? Entworfen im Jahre 1800“ (Ofen 1802, k. Univ.-Schriften, 8°.); – „A lóherének vetéséről“ (o. O. u. J., 8°.), auch deutsch: „Nachricht von dem Anbau und [35] der Benützung des Luzernen Klees“ (o. O. u. J., 8°.). Viele Jahre nach Tessedik’s Tode erschien von Michael Zsilinsky herausgegeben des Ersteren Selbstbiographie unter dem Titel: „Teschedik Sámuel önéletírása. Eredeti német kéziratból fordította és kiadta....“ (Pesth 1873). Für seine Verdienste wurde unser Schulmann und Landwirth von Kaiser Joseph II. mit einer goldenen Medaille im Gewichte von 25 Ducaten ausgezeichnet, welche ihm ein königlicher Rath feierlich überreichte. Tessedik war zweimal verheiratet, zuerst mit Therese geborenen Markovics (gest. am 26. Juni 1791), deren Lebensskizze folgt, dann mit Karoline Lissóvényi. Erstere gebar ihm zehn Kinder, darunter Samuel, den Ingenieur [siehe die Quellen S. 36]; Letztere vier Kinder, darunter Paul [siehe gleichfalls die Quellen S. 38[WS 1]].

Vereinigte Pesth-Ofener Zeitung, 1821, Nr. 2. – Meyer (J.), Das große Conversations-Lexikon für die gebildeten Stände (Hildburghausen, New-York und Philadelphia, gr. 8°.). Zweite Abtheilung, XI. Bd., S. 450. – Magyar tudom. társalkod. Évkönyvei, Bd. VII, Theil I, S. 159. – Magyar tudom. társalkod. Névkönyve, 1845, S. 88. – Tudományos gyüjtemény, d. i. Wissenschaftliche Sammlung, 1821, Bd. II, S. 111. – In J. G. Meusel’s fünftem Nachtrage zweiter Abtheilung zu der vierten Ausgabe des „Gelehrten Teutschlandes“ (Lemgo 1795, 8°.) S. 418, erscheint unser Tessedik als Therschedik.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: S. 37.