BLKÖ:Thun-Hohenstein, Franz Anton I. Graf

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 45 (1882), ab Seite: 40. (Quelle)
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Thun-Hohenstein, Franz Anton I. Graf (Humanist, geb. zu Prag am 3. October 1786, gest. zu Tetschen am 18. Jänner 1873). Ein Sohn des k. k. Feldmarschall-Lieutenants und Prager Militär-Commandanten Wenzel Joseph aus dessen Ehe mit Maria Anna geborenen Gräfin Kolowrat-Liebsteinsky. Als Franz Anton zehn Jahre zählte, starb ihm der Vater, und durch den zwei Jahre später erfolgten Tod seines älteren Bruders Joseph Wenzel wurde er der Erbe der ausgedehnten väterlichen Besitzungen und des Fideicommißmajorates Tetschen. Auf letzterem verlebte er seine Jugend. Seine wissenschaftliche Ausbildung erhielt er unter der unmittelbaren Leitung der Mutter in Prag und Chlumetz durch einen Irländer, Abbé Glancy. Nach einer Reise, auf welcher er längere Zeit auch in England verweilte, trat er 1807 in die Armee, verließ dieselbe jedoch schon im folgenden Jahre, da er, volljährig erklärt, nunmehr die Verwaltung seines ausgedehnten Besitzes selbst übernehmen wollte. Auch vermälte er sich noch in diesem Jahre. Als aber 1809 der Krieg von Neuem ausbrach, eilte auch er zu den Waffen und kämpfte als Adjutant in den Schlachten bei Aspern und Wagram. Mit dem Range eines Oberlieutenants in das Privatleben zurücktretend, lebte er wieder der Verwaltung seiner Güter. 1831 unternahm er mit seiner ganzen Familie auf zwei Jahre eine Reise nach England, Frankreich und dem nördlichen Italien und 1839 eine Reise nach dem Haag, wo sein Sohn Friedrich als Secretär bei der kaiserlichen Botschaft angestellt war. Bei der Verwaltung seiner [41] Güter ging der Graf mit einer Umsicht ohne Gleichen vor; allmälig führte er auf denselben eine wahre Musterwirthschaft ein, wobei er nicht nur einen möglichst hohen Ertrag aus Grund und Boden sowie aus den von ihm ins Leben gerufenen technischen Anstalten zu gewinnen, sondern auch höhere nationalökonomische Ziele und namentlich den humanen Zweck zu erreichen strebte, seine Nachbarn und ehemaligen Unterthanen durch die Macht des glänzenden Erfolges zur Nachahmung anzueifern. Wir können hier nur allgemeine Andeutungen über das ebenso großartige als erfolgreiche Wirken des Grafen nach den verschiedensten Richtungen geben. So unterstützte er auf das reichste die Elbeschifffahrt, baute neue treffliche Straßen auf seinen Herrschaften, war überhaupt auf möglichste Vermehrung und Verbesserung der Communicationsmittel, dieser Haupttriebfeder allen Handels und Verkehrs, bedacht und übernahm selbst die Post, welche im Jahre 1832 in Bodenbach errichtet wurde. Dann lenkte er sein Hauptaugenmerk auf die Heranbildung eines tüchtigen Beamtenstandes auf seinen Gütern, nahm eine Regulirung der reichlich in Geld und Naturalien bemessenen Gehalte desselben vor, gründete 1854 ein eigenes Pensionsinstitut, stattete befähigte junge Männer mit Mitteln aus, sich in der Landwirthschaft wissenschaftlich zu bilden, um ihnen dann auf seinen Gütern eine entsprechende Stellung zu geben. So z. B. gingen aus dem Graf Thun’schen Beamtenstande zwei Männer hervor, welche in der Geschichte der Landwirthschaft Böhmens eine hervorragende Stelle einnehmen: Franz Horsky [Bd. IX, S. 309] und Anton E. Komers [Bd. XII, S. 400]. Große Summen verwendete der Graf zur Errichtung von mancherlei Fabriken und industriellen Anstalten; aus seiner Initiative entsprang der Aufbau der Kunstmühle in Tetschen, der Umbau der großen Brauerei in Bodenbach, die Gründung der Zuckerfabrik in Peruc, die Anlegung der Spiritus- und Liqueurfabrik in Bodenbach; mit großen Summen betheiligte er sich auch an dem Gründungscapitale der 1865 erbauten Flachsspinnerei in Bünauburg, welche hauptsächlich zur Hebung der Leincultur in den Thälern Nordböhmens bestimmt war. Dabei sah er immer auf einen musterhaften Bauzustand seiner eigenen Meiereien und Wirthschaftsgebäude. Unter solchen Verbesserungen bei sorgfältiger Ausnützung aller durch die Wissenschaft und Erfahrung bestätigten Neuerungen und gewissenhaftem Betriebe der vielen und großartigen Industrialwerke hob sich der Ertrag der Güter in überraschendem Maße. Mit der praktischen Seite seiner Wirksamkeit verband aber der Graf auch ein reges Streben, die Umgebung seines Besitzes zu verschönern und die Natur in entsprechender Weise zu veredeln; namentlich gewannen durch seine Initiative die Umgebung von Tetschen und die von Natur aus reizende Gegend des Elbethales, deren reiche Verschönerungen ausschließlich sein Werk sind. Im Schloßgarten von Tetschen schuf er eine großartige Sammlung Orchideen und ein prächtiges Camelienhaus, nach seiner Anordnung wurde der Plan der Erweiterung von Bodenbach entworfen, denn gemäß dieser bald mächtig anwachsende Industrialort nach dem Vorbilde schottischer Städte zur Ausführung gelangte. Auf dem schönsten Punkte der ganzen Gegend erbaute er nach den Plänen des berühmten Architekten Friedr. Schmidt [Bd. XXX, S. 244, Nr. 37] mit dem [42] Aufwande von 85.000 fl. eine prachtvolle Capelle im gothischen Style, die zugleich als Familiengruft dienen soll. Im Schlosse Tetschen gründete er eine werthvolle Bibliothek, die schon im Jahre 1870 über 20.000 Bände zählte und die hervorragendsten Werke aller europäischen Sprachen enthält; ferner legte er eine Waffensammlung, eine Bildergalerie und ein wohlgeordnetes Familienarchiv an. Als Patronatsherr war er auf Verschönerung, Neubau und Unterhaltung der zahlreichen Kirchen auf seinen Herrschaften bedacht und widmete dem zu jener Zeit noch ziemlich im Argen gelegenen Unterrichtswesen seine volle Aufmerksamkeit. Schon im Jahre 1818 entwarf er eine eigene Schulordnung für die unter seinem Patronate stehenden Schulen, errichtete bei der auf seinen Gütern stets zunehmenden Bevölkerung vier neue Schulstationen (Filialen) und baute theils allein, theils mit Unterstützung der Gemeinden sechs neue Schulgebäude, ansehnliche Summen zu ihrer Dotirung anweisend. Namentlich aber ließ er sich die Hebung der landwirthschaftlichen Bildung und Förderung angelegen sein. Zu diesem Zwecke richtete er zunächst sein Augenmerk auf den landwirthschaftlichen Unterricht. Am 12. November 1850 gründete er in Tetschen-Liebward eine Ackerbauschule, deren Protectorat er übernahm und welche er unter die Oberleitung des Domänenrathes A. E. Komers stellte. Durch seine Munificenz entstanden die stattlichen Bauten im Betrage von über 95.000 fl., sowie die reichen Sammlungen, und dient die ganze Herrschaft mit ihren ausgedehnten Gründen, Forsten, Baumgärten und zahlreichen Industrialwerken als Demonstrationsobject. Diese Anstalt bewährte sich unter besagten Umständen bald so sehr, daß sie im Jahre 1866 zur königlich böhmischen höheren landwirthschaftlichen und landwirthschaftlich-industriellen Landeslehranstalt erhoben und als Aufsichtsorgan vom Landesausschusse die Bestellung eines Curatoriums beschlossen wurde, in welchem der Graf als Präsident mit dem Rechte zur Bestellung eines Stellvertreters fungirte. Zur Gründung einer Realschule in der Stadt Tetschen steuerte er 12.000 fl. bei. Nebenbei sei noch gedacht der durch ihn vollzogenen Umwandlung der Waisencasse in eine Sparcasse und Creditanstalt, der Stiftung eines eigenen Armeninstitutes, der durch ihn eingeführten Austheilung von Brod und Suppe an die Armen, der jährlichen Beiträge an Arzneien für Hilfsbedürftige, der Gründung einer Weberei für Beschäftigung alter Frauen. Was sonst an Unterstützungen und wohlthätigen Gaben durch den Grafen geleistet worden, ergibt sich aus den amtlichen Verzeichnissen, welchen zufolge von 1808 bis 1869 nur an barem Gelde die Summe von 224.000 fl. an nothdürftige Personen vertheilt wurden, die vielen Spenden an Naturalien und Geld nicht gerechnet, welche der Graf in die Verzeichnisse nicht eintragen ließ. Noch eines Umstandes sei hier als eines nichts weniger denn geringfügigen gedacht. Bekanntlich ist im Bewegungsjahre 1848 Gegenstand der parlamentarischen Discussion die Frage der Ablösung der Robot und deren Aufhebung Thatsache geworden. Aber lange vorher schon, 1823, führte der Graf mit Genehmigung der Regierung auf seinen Gütern die freiwillige Ablösung der Robotleistungen ein, so daß im Jahre 1848 die strebsamen Grundbesitzer bereits robotfrei waren. Nun stellte sich aber bei der Robotablösung und Grundentlastung, welche die Regierung selbst [43] durchführte, die Entschädigung für die Aufhebung der Robot von den Verpflichteten als geringer heraus, als diejenige war, welche die Grundbesitzer gezahlt hatten, die in früheren Jahren die Robotablösung freiwillig eingegangen waren. Da erklärte nun der Graf, daß er, obschon ihn das Gesetz in keiner Weise dazu verpflichte, die früher eingegangenen Verträge aufhebe und allen durch ihr eigenes Bemühen bereits von der Robot Befreiten zurückzahle, um was die jetzige allgemein durch das Gesetz des Reichstages geregelte Entlastung niedriger ausfallen sollte. Die Summe, welche in Folge dieser Erklärung den von den Robotleistungen bereits Losgekauften oder ihren Erben rückersetzt wurde, betrug 65.241 fl. in Silber. Das sind in schlichten, prunklosen Worten die Leistungen und Thaten des Grafen. Als am 14. October 1858 anläßlich des fünfzigjährigen Gedächtnißtages seines Besitzantrittes, und dann im Jahre 1865 zur Feier seines achtzigsten Geburtstages große Feste veranstaltet wurden, zeigte es sich, wie Alles in ihm weniger den Gutsherrn, als den Vater der Gegend verehrte, welche durch ihn nur Segen erfuhr und in einen Zustand der Blüthe versetzt worden, wie wenige andere im großen Kaiserstaate. Auch sonst fehlte es nicht an großartigen Festen. So beherbergte der Graf 1835 und wieder 1854 hohe Gäste: die Kaiser Ferdinand und Franz Joseph, die Könige von Preußen und Sachsen in seinem Schlosse zu Tetschen. Im Jahre 1847 erhielt er vom Kaiser das Commandeurkreuz des Leopoldordens, 1851 die geheime Rathswürde und 1854 das Großkreuz der eisernen Krone/ Am 5. September 1808 vermälte sich der Graf mit Theresia Maria Anna geborenen Gräfin Brühl, welche er während eines Aufenthaltes in Dresden kennen gelernt hatte. Sie gebar ihm drei Söhne und zwei Töchter. Nach 38jähriger Ehe starb ihm am 8. März 1844 die Gattin, welche er um nahezu dreißig Jahre überlebte, denn erst im Alter von 87 Jahren segnete er das Zeitliche. Ueber seine Söhne |Franz Anton, Friedrich und Leopold Leo vergleiche die besonderen Lebensskizzen.

Die Festschrift aus Anlaß der zwanzigjährigen Bestandsfeier der landwirthschaftlichen Lehranstalt Tetschen-Liebward abgehalten an: 12. November 1870 (8°.). – Die Jubelfeier Sr. Excellenz des hochgeborenen Herrn Franz Grafen von Thun-Hohenstein u. s. w. zu Tetschen am 14. October 1858 (Tetschen 1858, F. W. Stopp, 8°.). – Neue Freie Presse, 1873, Nr. 3020, Abendblatt.
Porträt. Holzschnitt nach einer Zeichnung von Jos. Scheiwl im „Svĕtozor“, 1868, Nr. 37, S. 351.