BLKÖ:Weber, Max Maria Freiherr

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Weber, Moses
Band: 53 (1886), ab Seite: 210. (Quelle)
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31. Weber, Max Maria Freiherr (Techniker und Schriftsteller, geb. zu Dresden am 25. April 1821, an dem Tage, an welchem seines Vaters Oper „Der Freischütz“ im Wiener Hoftheater in Scene ging, gest. zu Berlin am 18. April 1881). Ein Sohn des berühmten Componisten Karl Maria von Weber [siehe diesen S. 197, Nr. 29]. Die von der Mutter, einer ebenso geistvollen als gemüthstiefen Frau, mit aller Sorgfalt geleitete Erziehung brachte die nicht gewöhnlichen Talente des Knaben zur vollen Entfaltung. Der berühmte Berliner Naturforscher Lichtenstein, ein Freund der Familie und nach des Vaters frühem Tode der Vormund Max Marias, weckte und pflegte dessen Neigung zu den Naturwissenschaften. Nach vorangegangener gründlicher classischer Vorbildung erhielt er seine fachliche Schulung an der polytechnischen Anstalt seiner Vaterstadt Dresden. Um sich dann als Eisenbahnfachmann praktisch auszubilden, kam er zunächst als Eleve und Constructeur in die grüßte Locomotivfabrik der Welt, in die von A. Borsig in Berlin. Zu gleicher Zeit aber, seine wissenschaftliche Ausbildung fest im Auge behaltend, hörte er naturwissenschaftliche und national-ökonomische Vorlesungen unter Dove, Magnus, Mitscherlich und Anderen an der Berliner Universität. Nun trat er seine eigentliche Eisenbahncarrière an, und zwar zuerst als Locomotivführer – welchen Dienst er ein Jahr lang versah – und arbeitete sich durch fast alle technischen und administrativen Bureaux des Eisenbahnwesens bis zur leitenden Stelle empor. Nachdem er dann einige Zeit als Bau- und Maschineningenieur bei verschiedenen Bahnen in Ost- und West-Deutschland gewirkt hatte, ging er nach England, wo er unter Isambard Kingdom Brunel’s[WS 1] unmittelbarer Leitung mehrere Jahre lang das englische Eisenbahnwesen studirte und mit den Koryphäen desselben dauernde [211] Verbindungen schloß. Darauf nach Deutschland zurückgekehrt, übernahm er zuerst das Maschinenwesen, später die ganze Leitung der Niedererzgebirgischen Eisenbahn und trat dann als Director des Staatstelegraphenwesens, das er schuf und organisirte, in den sächsischen Staatsdienst über. Später vertauschte er diesen Posten mit der ihm mehr zusagenden Stelle eines technischen Mitgliedes der Direction der sächsischen Staatsbahnen. In dieser Stellung, welcher das sächsische Staatsbahnwesen seine werthvollsten und eigenartigsten technischen Einrichtungen verdankt, wuchs sein Ruf weit über die Grenzen des Landes, dem er diente; aus den verschiedensten und entlegensten Ländern der Erde, aus Frankreich, Italien, Holland, Norwegen, Rußland, Schweden, selbst aus Peru wurden ihm junge Eisenbahnfachmänner zur Unterweisung in der Praxis des Eisenbahnwesens zugesandt, und seine Rathschläge fanden bei Organisationen und Systemen aller Art im Auslande Gehör. Er bereiste auf Anlaß der französischen Regierung Nordafrica, um sein Gutachten über die Hinleitung der deutschen Auswanderung nach den Colonien dieses Erdtheiles – veröffentlicht in seiner Schrift „Algerien und die Auswanderung dahin“ (Leipzig) – abzugeben, ferner Schweden und Norwegen, als es sich um die Wahl der Spurweitensysteme für dortige Bahnen handelte, und endlich als Mitglied des technischen Schiedsgerichts die Bahnen der europäischen und asiatischen Türkei. Dieser reichen und ersprießlichen Thätigkeit entriß ihn im Mai 1870 seine Berufung in den österreichischen Staatsdienst als Chef der technischen Abtheilung im Wiener Handelsministerium, in welcher Stellung er bis zum Jahre 1875 verblieb, wo er durch seine offenen Erklärungen im berüchtigten Processe Ofenheim die Suppe verschüttete. Sein auf fünf Jahre lautender Vertrag mit der österreichischen Regierung lief eben ab; er löste ihn, lebte noch einige Zeit als Privatingenieur in Wien und folgte dann 1878 einem Rufe des preußischen Handelsministers Achenbach nach Berlin, wo er die Stelle eines geheimen Regierungsrathes erhielt. In Berlin kam er eben an, als Minister Achenbach sein Portefeuille niederlegte und Maybach dessen Nachfolger wurde. Im Auftrage des Letzteren, welcher ihn durch Arbeiten vollauf in Anspruch nahm, ging er auch nach Schweden, England und Amerika, um die dortigen Transportmittel und Verkehrswege zu studiren. Er schonte sich auf diesen Studienreisen nicht; erschöpft kam er von Amerika nach Berlin und ging sofort an die Arbeit seines Berichtes über die amerikanische Reise. Eben damit zu Ende, starb er am Herzschlage. Als unmittelbare Ausflüsse seiner über ein Menschenalter dauernden und fast alle Gebiete des Eisenbahnwesens umfassenden reichen Praxis erscheinen Weber’s Schriften, durch die er zum Theile epochemachend und richtunggebend gewirkt hat. Wir müssen aber die schriftstellerische Thätigkeit dieses genialen Mannes in die wissenschaftlich technische und in die schöngeistige, welcher er gleichfalls huldigte, trennen, denn er war, obgleich vorherrschend Techniker, eine ideal angelegte Natur. Zu den Werken der ersteren gehören: „Das Tantième-System“ (Chemnitz 1849, Ernesti, 8°.); – „Ueber die Principien der Verwaltung öffentlicher Verkehrsanstalten. Mit besonderer Rücksicht auf Eisenbahnen“ (Leipzig 1851, Weber, 8°.); – „Algier und die Auswanderung dahin“ [212] (ebd. 1854, Teubner); – „Technik des Eisenbahnbetriebes“ (ebenda 1854, Teubner, 8°.), dieses Werk, das zuerst ordnend und organisirend auf die Idee dieses technischen, mit jedem Jahre wachsenden und an Wichtigkeit zunehmenden Gebietes Einfluß geübt, erschien in zweiter vermehrter und verbesserter Auflage unter dem Titel: „Die Schule des Eisenbahnwesens. Kurzer Abriss der Geschichte, Technik, Administration und Statistik der Eisenbahnen“. Mit 97 in den Text gedruckten Abbildungen (ebd. 1862, Weber, 8°., XVI und 334 S.); eine dritte Auflage, bearbeitet von Ed. Schmitt, mit 136 in den Text gedruckten Abbildungen erschien 1873 (ebd., Weber, XX und 555 S., 8°.); – ,Die rauchfreie Verbrennung der Steinkohle, mit specieller Rücksicht auf J. C. Duméry’s Erfindung“. Mit 3 (lithogr.) Tafeln in 4°. und Fol. (ebd. 1859, Teubner, gr. 8°.); – „Die Gefährdungen des Personals beim Maschinen- und Fahrdienst der Eisenbahnen. Eine Denkschrift“ (ebd. 1862, Teubner, gr. 8°.); – „Die Lebensversicherung der Eisenbahnpassagiere in Verbindung mit Unterstützung und Pensionirung der Beamten“ (ebd. 1855, Teubner); – „Ueber die Abnützung des physischen Organismus der Eisenbahnpersonale“ (ebd. 1855, Weber, 8°.); – „Das Telegraphen- und Signalwesen der Eisenbahnen. Geschichte und Technik desselben“ (Weimar 1867, Voigt, gr. 8°., XX und 319 S., mit 1 Steintafel in Fol.); – „Die Stabilität des Gefüges der Eisenbahngeleise. Historische und experimentative Ermittelungen“. Mit 31 Illustrationen (Holzschn.) und 9 lithogr. Tafeln (Fol.) (ebd. 1869, gr. 8°., XXII und 257 S. und 1 Tab. in qu. gr. 4°., neue Aufl. 1879); – „Die Praxis des Baues und Betriebes der Secundärbahnen nach normaler und schmaler Spur, welche Personen- und Güterverkehr sichre. Kritische Erörterungen auf ausgeführten Bahnen gesammelter Thatsachen“ (ebd. 1873, gr. 8°., mit 4 Tabellen, XXII und 135 S.); – „Neue Pfade der Volkswirthschaft. Die Secundärbahnen mit normaler Spurweite und langsamer Fahrbewegung. Denkschrift“ (ebd. 1874, gr. 8°., 34 S.); – „Bemerkungen zum vorläufigen Entwurfe eines Reichs-Eisenbahngesetzes“ (Leipzig 1875, Teubner, gr. 8°.) ; – „Die Individualisirung und Entwickelbarkeit der Eisenbahnen“ (ebd. 1875, Teubner, gr. 8°.); – „Nationalität und Eisenbahnpolitik“ (Wien 1876, Hartleben, gr. 8°., 111 S.); – „Populäre Erörterungen über Eisenbahn-Zeitfragen“ I–IV (ebd. 1876, Hartleben, gr. 8°.); I: Normalspur und Schmalspur, mit einem Anhang, Verzeichniß von Studienbehelfen, II: Werth und Kauf der Eisenbahnen; III: Die Praxis der Sicherung des Eisenbahnbetriebes; IV: Privat-, Staats- und Reichsbahnen; – „Der staatliche Einfluss auf die Gestaltung der Bahnen niederer Ordnung“ (ebd. 1878, Hartleben, 8°.). In vorstehenden Schriften legte Weber überall seine eigenen Erfahrungen im Eisenbahnwesen nieder, mit eigener Hand hatte er tausendfältige Experimente angestellt und die daraus gewonnenen Resultate ebenso zum Nutzen dieses neuen Verkehrsmittels, wie zum Besten, namentlich zum Schutze der dabei Bediensteten, die doch allerlei Gefahren ausgesetzt sind, verwerthet. Seine Arbeit über das Signalwesen auf Eisenbahnen brachte die erste Läuterung in die Anschauungen dieses lange Zeit ebenso verworrenen als wichtigen Zweiges des Eisenbahnwesens; und auf die Oberbauconstructionen der Neuzeit fast in der ganzen Welt hat er mit seinen Schriften eingewirkt. Seine Schrift über die Stabilität des Gefüges der Eisenbahngeleise wurde von den ersten [213] englischen und amerikanischen Fachblättern in Uebersetzung veröffentlicht. Was aber bei Weber’s Schriften nicht minder hoch anzuschlagen ist, das ist die Popularisirung seines Faches, worin er bisher keinen Ebenbürtigen gefunden, und wodurch er in den weitesten Kreisen das Interesse dafür geweckt und der Wißbegier des Publicums in eminenter Weise zu Hilfe gekommen ist. Dies aber konnte eben nur ein Mann thun wie Weber, der mit der wissenschaftlichen gediegenen Bildung ein von der Pike auf erworbenes Wissen des wichtigen Faches verband, das in der Gegenwart einen Hauptfactor des Weltverkehrs bildet. Seine „Schule des Eisenbahnwesens“, fast in alle Cultursprachen übersetzt, ist eine unerschöpfliche Quelle der Belehrung nicht allein für das Publicum, sondern auch für die meisten jener Individualitäten, welche, wie dies bei uns leider genug vorkommt, wo nicht der Mensch für die Stelle, sondern die Stelle für den Menschen da ist, ohne alle fachliche Vorbildung zu maßgebender Leitung im Eisenbahnwesen berufen werden. Im Hinblick aber zunächst auf Oesterreich verbreitete er durch seine während seines Dienstes im Kaiserstaate bei Hartleben herausgegebenen „Populären Erörterungen“ aufklärend über die wichtigsten Fragen des Eisenbahnfaches helles Licht und trug wesentlich dazu bei, daß die Meinung des österreichischen Reichsrathes sich energisch gegen gewisse Maßnahmen des Ministeriums Auersperg-Banhans wendete, die verderblich für das Eisenbahnwesen des Kaiserstaates geworden wären. Die in den Quellen verzeichneten „Erinnerungen“ werfen grelle Schlaglichter auf traurige Mißbräuche und geben einen werthvollen Beitrag zu Weber’s Charakteristik. Richten wir nun noch einen Blick auf Weber’s schöngeistige Schriften. Die Titel derselben sind: „Sonette“ (Dresden 1848), mit denen Weber seine schriftstellerische Laufbahn eröffnete; – „Rolands Gralfahrt“ (Leipzig 1852, E. H. Mayer, 16°.), diese Dichtung gab er unter dem Pseudonym Max Maria heraus; – „Ein Ausflug nach dem französischen Nordafrika“ (Leipzig 1855, Mayer); – „Karl Maria von Weber. Ein Lebensbild“. 3 Bände (Leipzig 1864, Keil, gr. 8°.); – „Aus der Welt der Arbeit. Skizzen“ (Berlin 1868, Lesser, 8°.); – „Werke und Tage. Gesammelte Aufsätze“ (Weimar 1869, Voigt, gr. 16°.) ; – „Schauen und Schaffen“ (1878). Gab Weber mit der Lebensgeschichte seines Vaters ein monumentales, für die Kunstgeschichte hochbedeutendes, insbesondere für die bis dahin fast verschlossen gewesene Jugendgeschichte Karl Maria von Weber’s die wichtigsten Aufschlüsse enthaltendes Werk, so bietet er in den übrigen eine Reihe von Skizzen in einer Sphäre, die bisher von der schildernden Feder des Schriftstellers noch nicht berührt und erst in neuester Zeit von Joseph Siklosy in seinen „Eisenbahngeschichten“ mit Geschick wieder betreten wurde. Weber entrollt uns in diesen drei letzten Werken Bilder aus der gesammten Welt der Technik, mit, wie einer seiner Biographen schreibt, einer Sättigung des Localtons und einem Reiz der Darstellung, welche des Autors künstlerische Abstammung bekunden und einst einen berühmten Kritiker ausrufen ließen: „Max Maria von Weber hat die Poesie der Schiene entdeckt“. In seinem Nachlasse fanden sich die Grundzüge eines Vortrages über das Amt der Technik in der modernen Civilisation und ein umfangreiches nahezu vollendetes [214] Werk „Geschichte des Weges“, welche niederzuschreiben wohl Niemand geeigneter war, als der ebenso gründlich fachmännisch ausgebildete wie geniale Weber. Er war, heißt es in einem ihm gewidmeten Nachrufe, „ein Kämpfer, und da nur derjenige wirklich lebt, der kämpft – die alte unaustilgbare Wahrheit vom Kampf ums Dasein – so dürfen wir vom Verstorbenen sagen: er hat gelebt und seinen Titel „Freiherr“ nicht umsonst getragen. Er war ein Freiherr des Geistes und der Meinung.“

Augsburger Postzeitung, 1881, Nr. 97 bis 99: „Erinnerungen an Max Maria von Weber“ I–III [mit höchst interessanten Aufschlüssen]. – Brümmer (Franz). Deutsches Dichter-Lexikon (Eichstadt und Stuttgart 1877, Brüll, schm. 4°.) Bd. II, S. 476 [mit der unrichtigen Angabe des Geburtsjahres 1822]. – Fremden-Blatt. Von Gustav Heine (Wien, 4°.) 1870, Nr. 136: „Weber’s Abschied von Dresden“. – Der literarische Verkehr (4°.) 1870, Nr. 4, S. 38 im Artikel: „Aus Dresdens literarischer Welt“. – Neue Freie Presse vom 14. März 1875: „Erklärung ddo. Wien 12. März 1875“. [Max Maria von Weber richtet dieselbe in höchst energischer Weise gegen die Verdächtigungen seines Verhaltens im Processe Ofenheim.] – Stern (Adolf). Lexikon der deutschen Nationalliteratur (Leipzig 1882, bibliographisches Institut, 8°.) S. 382. – Ueber Land und Meer. Illustrirte Zeitung (Stuttgart, Hallberger, kl. Fol.) Jahrg. 1878/9 (Bd. XLII) Nr. 31, S. 606.
Porträt. Holzschnitt nach Originalzeichnung in „Ueber Land und Meer“ 42. Bd. (1878/79) Nr. 31, S. 601.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Isambert Kingdon Brunet’s.