BLKÖ:Wilt, Marie

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 56 (1888), ab Seite: 204. (Quelle)
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Wilt, Marie (k. k. Kammersängerin, geb. in Wien um 1840). Ein Kind mittelloser Eltern, fand sie als arme Waise im Hause eines Herrn Tremier, dessen Gattin eine Schwester des Freiherrn Pratobevera, des nachmaligen Ministers, war, Aufnahme und elterlichen Schutz. Schon im Kinde zeigte sich nicht gewöhnliches Talent und Neigung für Musik, was sich namentlich in ihren mit überraschender Reinheit und mit seltenem Gefühl gesungenen Liedern in den ersten Jahren ihres Aufenthaltes im Tremier’schen Hause kundgab. Die Pflegeeltern unterließen es denn auch nicht, dieses Talent nach Kräften zu pflegen und auszubilden, und so erlangte Marie eine ungewöhnliche Fertigkeit im Clavierspiel, so zwar, daß sie mit Laub [Bd. XIV, S. 190] und anderen bedeutenden Meistern Beethoven’sche Sonaten, Trios u. dgl. spielen konnte. [205] Unter solchen Umständen erwachte in dem gesangbegabten Mädchen von selbst der Wunsch, ihre Stimme auf der Bühne zu verwerthen und eine große Sängerin zu werden, und man erfüllte ihre Bitte, sie zu einem anerkannten Gesanglehrer zu führen und dessen Urtheil über Stimme und Talent einzuholen. Sechzehn Jahre alt, wurde sie dem damals als Autorität geltenden Gesanglehrer Kunt [Bd. XIII, S. 388] vorgestellt. Nachdem dieser das Organ des Mädchens geprüft hatte, fällte er mit den vernichtenden Worten: „Mein Kind, wie wollen Sie denn singen, Sie haben ja keine Stimme“ das Todesurtheil über des hoffnungsvollen Mädchens Zukunft. Vorderhand gab sie denn auch alle weiteren Träume, als berühmte Sängerin Triumphe zu feiern, auf und richtete den Blick auf das reale Leben. So verheiratete sie sich bald darauf mit dem damaligen Ingenieur Franz Wilt [vergl. über ihn S. 208 die Quellen] und in dem neuen Berufe als Hausfrau mußten natürlich alle künstlerischen Wünsche und Bestrebungen schweigen, was umsomehr geboten war, als die junge Frau an einem Brustleiden zu kränkeln begann, welches sie nahezu fünf Jahre quälte, mit einem Male aber von selbst wich. Nun nahm Frau Wilt ihr autodidaktisches Singen wieder auf und erregte in einem Singvereine, in welchem Director Herbeck die Leitung führte, die Aufmerksamkeit desselben, der sie allmälig mit kleineren und dann mit größeren Solopartien bedachte und ermuthigte, in Concerten öffentlich aufzutreten. Nun war die Bahn eröffnet, und als Frau Wilt 1863 die Partie der Jemina in Schubert’s „Lazarus“ sang, erregte sie, die nach Kunt’s Ausspruche keine Stimme hatte, mit ihren herrlichen Tönen geradezu Sensation. Mit neu erwachten Hoffnungen ging sie nun an eine ernstliche Ausbildung ihrer Stimme und begab sich zunächst zu dem Domcapellmeister Gänsbacher [Bd. V, S. 48], der sie nicht rasch und kurzweg abfertigte, sondern sich ihrer liebevoll annahm, mit Umsicht und dem richtigen Verständniß des gewiegten Musikers ihre Gesangstudien leitete, so daß von Neuem in der nunmehrigen Frau der Entschluß reifte, sich für die Bühne auszubilden. Im Mai 1865 schritt sie zu unmittelbarer Vorbereitung für die theatralische Laufbahn unter Anleitung des Professors Wolf, und noch im December debutirte sie in Gratz als Donna Anna mit großem Erfolge, den sie auch in den nächsten Rollen der Valentine und Fidelio feierte. Nach Wien zurückgekehrt, scheiterte ihr Versuch, an der Oper angestellt zu werden, wie es damals hieß an ihrer Unbehilflichkeit in der Action. Indessen folgte sie einem Gastspielantrage nach Berlin, von wo sie von dem Director des Conventgarden-Theaters in London, Gye, für die Sommersaison engagirt wurde. Ein Unfall, der sie während ihres Berliner Gastspiels traf, hätte für ihre Bühnenlaufbahn verhängnißvoll werden können. Durch die nachlässige Schließung einer Ofenklappe war in das von ihr bewohnte Zimmer Kohlengas eingeströmt, und nur durch die Hilfe einer Nachbarin, welche die bereits Bewußtlose ins Freie tragen ließ, wurde sie gerettet. Aber das dieser Katastrophe folgende Unwohlsein machte die Künstlerin derart muthlos, daß sie allen weiteren Plänen, auf der Bühne zu wirken, entsagen wollte. Indessen die kategorische Forderung des Directors Gye, der auf die Erfüllung des mit ihr abgeschlossenen Vertrages drang, zwang sie, von ihrem Vorhaben [206] abzustehen und nach London zu gehen. Dort aber wurde ihr Auftreten am 1. Mai 1866 geradezu ein Ereigniß. Sie hatte ihren Namen Wilt in Vilda verwälscht und war in der Partie der Norma zum ersten Male aufgetreten. Man muß die damaligen Londoner Blätter, z. B. die tonangebenden „Times“, lesen, welche schreiben, daß Vilda’s Stimme eine der glänzendsten sei, die man seit Jahren gehört habe. Man stellte ihren Namen an die Seite einer Grisi und Lind, und bald ward die gefeierte Sängerin von Anträgen überschüttet, welche ihr von allen großen Bühnen in Frankreich, Spanien, ja Amerika gemacht wurden, welche sie jedoch alle ablehnte, um an deutschen Bühnen wirken zu können. Vorläufig nahm sie nur ein Gastspiel in Venedig an, wo sie im November 1866 achtmal sang. Aber bei der scandalösen Theaterzucht daselbst, welche der sittlichen deutschen Primadonna sozusagen das Athem holen erschwerte, fand sie sich im höchsten Grade unbehaglich; dazu kam noch ein längeres Unwohlsein, und das veranlaßte sie, einen bereits früher abgeschlossenen Vertrag mit Mailand aufzulösen und nach Wien zurückzukehren. Dort begann sie am 8. März 1867 als Leonore im Verdi’schen „Troubadour“ unter keineswegs günstigen Auspicien ihr Gastspiel. Als sie auftrat, regte sich keine Hand; keine Claque, keine Camaraderie hatte vorgearbeitet und ihr die schlüpfrigen Wege mit Rosen bestreut. Aber mit jedem neuen Acte feierte die Sängerin neue Siege und zuletzt einen Triumph, wie ihn nur die berühmtesten Sängerinen vor ihr errungen, aber ohne fremdes Zuthun, nur durch die eigene Kraft. Dieses Gastspiel führte zum Engagement der Künstlerin, durch welches die Wiener Hofoper eine Kraft gewann, wie sie in diesen Regionen der Kunst nicht häufig vorkommt. Sie sang noch als Gastrollen die Donna Anna und die Norma. Im Sommer 1868 gastirte sie in Frankfurt a. M. und in Mannheim, 1869 in Prag, überall mit gleich glänzendem Erfolge; im April 1869 wurde ihr die Auszeichnung zutheil, zur k. k. Kammersängerin ernannt zu werden. 1872 ward das Engagement an der Hofoper erneuert und währte bis zum Frühjahre 1878. Im März dieses Jahres nahm sie Abschied von der Wiener Hofoper, und derselbe gestaltete sich, wie die „Presse“ vom 18. März nämlichen Jahres meldet, geradezu zu einem Ereigniß. Ihr Scheiden von dieser Bühne wurde mit einem Familienprocesse in Verbindung gebracht, welchem zufolge sie sich verpflichtet haben sollte, nicht mehr in Wien öffentlich zu singen, widrigenfalls sie eine Summe von 100 000 fl. Conventionalstrafe bezahlen mußte. Man log damals in den Wiener Blättern über diese Angelegenheit so viel zusammen, daß wir nichts thun können, als mit Uebergehung der uns vollkommen unbekannten Ursachen die Thatsache zu berichten, daß Frau Wilt ihre Verbindlichkeiten in Wien gelöst. Ein mit dem Director des Hamburger Theaters Pollini bereits abgeschlossener Vertrag wurde mit beiderseitigem Einvernehmen noch im letzten Augenblicke rückgängig gemacht, und nun schloß die Künstlerin mit dem Operndirector Neumann für Leipzig ab, wo sie vom 1. September 1878 bis Mitte 1879 sang, dann aber jedes feste Engagement ablehnend, verwerthete sie nur noch auf Gastspielreisen ihre großartige Stimme. Das Repertoire, über welches die Künstlerin verfügt, ist ein ebenso merkwürdiges als reiches. Ihre Glanzrollen [207] sind: Norma, Lucretia, Leonore im „Troubadour“, Elvira in „Ernani“, Amalia im „Maskenball“, Valentine, Bertha in „Der Prophet“, Alice, Donna Anna und Donna Elvira, beide im „Don Juan“, die Gräfin im „Figaro“, erste Dame der Königin der Nacht und die Königin der Nacht selbst in der „Zauberflöte“, Elisabeth in „Tannhäuser“, Ortrud in „Lohengrin“, Eglantine in „Euryanthe“ und die Armida. Wir sehen also im Repertoire der Künstlerin ebenso Rollen, welche die höchste Sopranlage erfordern, wie solche, welche eigentlich für Altstimmen geschrieben sind. Aber dieses auffallende Leistungsvermögen liegt eben in dem ungewöhnlichen Stimmumfange der Künstlerin, welcher vom kleinen a bis zum dreigestrichenen f reicht, dann in einer vollendeten Ausgeglichenheit des Organs, mit welcher sich zugleich die saftigste Fülle, der süßeste Schmelz und Wohllaut und die intensivste Kraft, dies letztere besonders in der hohen Lage, verbindet. Treffend charakterisirt Vacano, der nicht im Geruche steht, nichtige Schmeicheleien zu sagen, die Künstlerin: „Sie ist nicht mehr allzu jung“, schreibt er, „aber ihre Stimme ist erst sechzehn Jahre alt. Dieselbe ist frisch wie ein Felsenquell, hellklingend wie Lerchenjubel und capriciös und allmächtig wie eine Favoritin. Sie kann thun, was sie will, und Alles reussirt ihr. Diese Stimme ist von Erz, unermüdlich, unzerstörbar. Vielleicht ist sie etwas allzu schattenlos; es strömt zu viel Glanz und Licht aus ihr, und daß dieses Licht keine Unebenheiten und Mattheiten zu bescheinen hat und sozusagen keinen Schatten wirft, macht das Ganze eintönig. Eine Landschaft wird durch wildes Gesträuch, durch eine kleine Ruine erst malerisch und pittoresk. Die helle Stimme ist zu gesund, um zu rühren, sie erhebt sich nie zur düsteren Tragik eines fünften Actes. Diese Stimme ist einzig in ihrer Art; sie strömt und funkelt wie geschmolzenes Gold, aus welchem sich hundert Primadonnen mit Schmucksachen versehen könnten. Hier ist wahrhaftig – embarras de richesse!“ Und doch verabschiedete der selige Kunt das Mädchen mit den trostlosen Worten: „Wie wollen Sie denn singen, Sie haben ja keine Stimme!!!“ Während ihrer Wirksamkeit auf dem Leipziger Stadttheater sang die Künstlerin die Brunhilde in Wagner’s „Ring der Nibelungen“. Es ist dies eine Leistung, die ihr Keine nachmacht, wozu freilich auch die imposante äußere Erscheinung der Künstlerin das ihrige dazuthut.

Wiener Zeitung, 1867, Nr. 59, S. 750: ..Frau Marie Wilt“. – Presse (Wiener polit. Blatt) 1866, Nr. 101 im Feuilleton; 1878, Nr. 75 im Feuilleton: „Marie Wilt“; Nr. 76: „Abschied der Frau Marie Wilt“. – Spitzer (Daniel). Wiener Spaziergänge (Wien 1877, Rosner, 8°.) III. Sammlung, S. 283. – Illustrirte Zeitung (Leipzig, J. J. Weber) 2. Juni 1878, Nr. 1825: „Marie Wilt als Valentine in den Hugenotten“. – Der Osten (Wiener polit. Blatt, 4°.) 1872, Nr. 7: „Launen einer Sängerin“. – Illustrirtes Musik- und Theater-Journal (Wien, 4°.) 1875, S. 38. – Neue Freie Presse, Nr. 606 in den „Theater- und Kunstnachrichten“; 1867, Nr. 929 im Feuilleton. – Musicalisches Wochenblatt. Organ für Tonkünstler und Musikfreunde. Redigirt von Dr. Oskar Paul (Leipzig, 4°.) 28. Jänner 1870, Nr. 5, S. 71 „Marie Wilt“. – Bremer (Friedrich). Handlexikon der Musik. Eine Encyklopädie der ganzen Tonkunst (Leipzig 1882, Phil. Reclam, 32°.) S. 779. – Riemann (Hugo Dr.). Musik-Lexikon. Theorie und Geschichte der Musik, die Tonkünstler alter und neuer Zeit u. s. w. (Leipzig 1882, Bibliographisches Institut, br. 12°.) S. 1014.
[208] Porträts. 1) Unterschrift: „Marie Wilt“. Holzschnitt aus Rudolf von Waldheim’s xylographischer Anstalt in Wien, auch in der illustrirten Zeitschrift „Die Heimat“. – 2) Unterschrift: „Maria Wilt“. Zeichnung von Dombi, in dem illustrirten Witzblatt „Kaktus“ 1874, Nr. 15. – 3) Unterschrift: „Marie Wilt, k. k. Kammersängerin in Wien“. A. N.(eumann) gez., A. Neumann’s xyl. Anst. sc., auch in Dr. Oskar Paul’s „Musicalischem Wochenblatt“ 1870, Nr. 5. – 4) Holzschnitt (aus Paar’s xyl. Anst. in Wien) in der „Neuen Illustrirten Zeitung“. 6. Jahrg., 1878, Nr. 27. – 5) „Frau Maria Wilt als Aida“. H(ugo) S. (tröhl) del. 1875, Angerer und G. ch.(emit.) im „Illustrirten Musik- und Theater-Journal“ 1875, S. 50. – Chargen. 1) „Kikeriki“ 22. April 1877, Nr. 32: „Die scheidende Sängerin Wilt“. – 2) „Der Floh“, 2. December 1877, Nr. 48: „Sängerin Wilt als Hausfrau“. – 3) „Marie Wilt“. F. Gratz del. im „Floh“ 30. Jänner 1876, Nr. 5. – 4) „Frau Wilt“. Laci von F.(recsay) in der „Bombe“ 21. Mai 1876, Nr. 20. – 5) „Frau Marie Wilt“. K. Klič del. in seinen „Humoristischen Blättern“ 17. März 1878, Nr. 11.