Bei den Coroados-Indianern

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Franz Keller-Leuzinger
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Bei den Coroados-Indianern
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 20, S. 320–322
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[320]

Bei den Coroados-Indianern.

Es war im Monat Juli des Jahres 1864, als ich mich mit meinem Vater und einem alten portugiesischen Major als technischem Gehülfen mitten auf dem Ivahy, einem Seitenflusse des gewaltigen Parana, in der brasilianischen Provinz letzteren Namens, befand. Vierzig Mestizen und Mulatten als Ruderknechte und Bemannung von acht kleinen, je aus einem Stamme gezimmerten Canots begleiteten uns.

Mehr als zwei Monate waren schon verflossen, seitdem wir zu Pferde die sechszig geographische Meilen, meist wellenförmiges Prairieland, von dem Hafenorte Antonina über das hochliegende Städtchen Curityba nach der Colonie Thereza zurückgelegt hatten. Unter theilweisem Landtransporte unserer Fahrzeuge hatten wir auf diesem äußersten Vorposten civilisirten oder vielmehr halbcivilisirten Lebens gegen die endlosen Urwälder des Innern uns nach mühevollen Vorbereitungen schließlich eingeschifft und durch brausende Stromschnellen, aus deren weißem Gischt glänzend schwarze Doleritklippen drohend hervorlugten, eine Region des Thales erreicht, wo die sich mehrenden Anzeichen der Anwesenheit von wilden Indianern zur Vorsicht mahnten. Wir fanden nämlich Schlingen zum Einfangen von Säugethieren und schön befiederte Pfeile, untrügliche Spuren von Indianern.

Regelmäßiger als sonst wurde Munition vertheilt und die Waffen in steter Bereitschaft gehalten; die Mannschaften der einzelnen Canots erhielten den Befehl, sich nicht, wie bisher geschehen, den Tag über oft vollständig außer Sicht zu begeben, sondern mehr beisammen zu bleiben, und für die Nacht mußte der Wachtdienst, welcher, obgleich im Beginne der Fahrt richtig organisirt, schon seit längerer Zeit mehr oder weniger zur Mythe geworden war, wieder regelmäßig gethan werden.

Wie gering jedoch bei alledem die Sicherheit war, welche uns diese bei dem kindisch-leichtfertigen Wesen der an keine Disciplin gewöhnten Mulattenbande nur mit vieler Mühe durchzuführenden Maßregeln gaben, sollte mir gerade in jener Zeit durch einen charakteristischen Zwischenfall klar werden.

Müde von der Tagesarbeit, dem Aufschreiben topographischer Notizen, Mikrometer-Ablesungen, Sondirungen und Geschwindigkeitsmessungen, hatten wir uns, nachdem ich noch kurz nach Sonnenuntergang eine Monddistanz behufs der Längenbestimmung gemessen, bald nach der Einnahme unseres einfachen, aus Tapirbraten und schwarzen Bohnen bestehenden Mahles zur Ruhe begeben. Es war Winter auf der südlichen Hemisphäre; fröstelnd hatte ich mich in meine wollenen Decken gehüllt, und war, das Haupt auf meinem kleinen ledernen Reisekoffer, auf der harten, als Unterlage dienenden Kuhhaut unter Gedanken an die ferne Heimath alsbald in tiefen Schlaf versunken, als ich durch einen in nächster Nähe abgefeuerten Schuß, der, kaum gebrochen durch die dünne Zeltwand, wie der Donner eines schweren Geschützes an mein Ohr schlug, plötzlich aufgeschreckt wurde.

Mein erster Griff war nach dem mir zur Seite liegenden Revolver, um im nächsten Augenblicke, als gerade ein zweiter Schuß krachte, die feuchte Zeltwand aufzuschlagen und mit einem Sprunge in’s Freie zu treten. Ich erwartete schwirrende Pfeile, Kampfgewühl und gellendes Geheul, kurz die ganze Inscenirung eines regelrechten Indianerüberfalles, für den die Tageszeit – es ging schon gegen Morgen – nicht passender hätte sein können. Statt dessen – wer beschreibt mein Erstaunen? – lagen der breite Strom, dessen Oberfläche qualmende Nebel bis in’s Unendliche zu verlängern schienen, sowie die unter dem überhängenden Buschwerke des Ufers halb versteckten Zelte der Mannschaft und die verglimmenden Reste des Wachtfeuers im Morgengrauen des anbrechenden Tages so friedlich, so zauberhaft still vor meinen schlaftrunkenen Blicken, daß ich die erhobene Waffe mit lautem Lachen zur Erde senkte.

Doch da kam ja der nächtliche Schütze, einer der beiden Wache haltenden Ruderer, dessen Leidenschaft für die Jagd ich wohl kannte, hinter dem Zelte hervor, den noch rauchenden Trabuco am Arm.

„Aber was zum Kukuk, Hippolyto, machst Du denn?“ fuhr ich ihn an.

„Jawohl, mein Patron, sie ist leider entwischt; es war wirklich nicht hell genug, um scharf zielen zu können, aber fett, sehr fett war sie,“ antwortete er im Tone höchsten Bedauerns.

„Aber wer denn, was denn?“

„Nun, die Anta (Tapir); sehen Sie hier den ‚rasto‘!“ und er wies auf eine tief in den feuchten Ufersand eingedrückte Tapirspur, „und wie der mittlere Ballen schön rund sich abgeformt hat; ich sagt’ es ja, sie war fett wie ein gemästetes Schwein.“

Ueberdem und gerade als ich dem tollen Burschen, dem es unfaßlich war, daß es Umstände geben könne, unter welchen man auf ein in Schußweite kommendes Wild auch einmal nicht anlegen solle, sein rücksichtsloses Gebahren verwies, waren unsere halbwilden Burschen aus ihren Zelten hervorgekrochen, zuerst erstaunt um sich spähend, dann aber schwatzend und lärmend die Antaspur umstehend und den spaßhaften „Caso“ besprechend.

Nach einer längeren Disputation begab sich Jeder auf seinen Posten; die Köche, deren jede Bootsmannschaft einen stellte, besorgten die großen Kessel, in welchen die schwer weich zu kochenden Bohnen die Nacht über am verglimmenden Feuer gestanden; Andere schleppten die Säcke mit Mais und Mandiocca-Mehl, das im ganzen Innern Südamerikas die Stelle des Brodes vertritt, herbei, und nachdem Jedem seine Portion in die selbst verfertigten Hornschüsseln zugemessen und er von dem keineswegs beliebtest, nach unserer Ansicht jedoch ausgezeichneten Palmkohl, der à discrétion war, sich selbst bedient, wozu irgend ein Spießbraten, sei es Tapir, Pecari oder Reh, ein Waldhuhn, Jacu oder Jacutinga, oder einer der herrlichen Fische jener Ströme kam, breitete sich jene feierliche Stille über die Versammlung, welche die natürliche Folge einer ausschließlichen und eifrigen Thätigkeit der Kauwerkzeuge zu sein pflegt.

Nach dem Essen macht in jenen Ländern, den Südprovinzen Brasiliens, wie in der argentinischen Republik, Montevideo etc., stets die unvermeidliche kleine Calebasse mit dem etwas vegetabilisch zusammenziehend, im Allgemeinen jedoch angenehm schmeckenden Paraguay-Thee, Herva-Mate, einer Ilexart und nahen Verwandten unserer Stechpalme mit den prächtig glänzenden Blättern, die Runde, und auch unsere Ruderer hätten sicherlich viel lieber den von Zeit zu Zeit gespendeten Branntwein, so sehr sie ihn auch liebten, als das geliebte Nationalgetränk entbehrt.

Für uns jedoch war selbst die Süßigkeit des Mateschlürfens nicht von Dauer und rastloses Vorwärtsdringen unsere Losung.

Das Zeichen zum Aufbruche wurde also gegeben, die Zelte, Decken, Waffen, Kessel und Lebensmittel wieder in den engen Canots, so gut es ging, verstaut, und nachdem ich zuletzt noch eigenhändig die Chronometer, jene empfindlichsten aller Instrumente, an Bord gebracht, wurde endlich die Reise stromab fortgesetzt.

Nicht weit jedoch waren wir gefahren, als die Bemannung der vordersten Canots, welche soeben in eine starke Krümmung eingelenkt hatten, gegen ein paar Felsen in der Nähe des rechtseitigen Ufers sich drückend, uns durch Winken und Zeichen zu verstehen gab, daß stromabwärts etwas Neues in Sicht sei.

Eiligst rückten wir Alle bis dahin vor und sahen nun auf eine Entfernung von vielleicht achthundert Metern das hohe Ufer einer kleinen, dichtbewachsenen Insel von einer großen Zahl von Indianern besetzt. Durch das Fernrohr konnten wir beobachten, wie auch sie durch den Anblick unserer Boote lebhaft erregt waren und mit einem andern auf der Insel postirten Trupp Zeichen wechselten.

Es hatte wirklich allen Anschein, als wollten sie uns den Durchgang verwehren, und ich begann zu befürchten, daß es ohne Kampf nicht ablaufen werde, um so mehr, als ich die blutige Tradition, eine Art von Vendetta, welche in diesen Grenzdistricten zwischen den Ansiedlern und den Ureinwohnern leider immer noch lebendig ist, recht wohl kannte. Hatten doch mehrere unserer Ruderer vor mehreren Jahren die Leichen von vier Bewohnern der Colonie Thereza, welche beim Einsammeln von Herva-Mate von den Coroados überrascht und erschlagen worden waren, nach Hause gebracht, und war der Eine und der Andere auf der Jagd schon durch einen von unsichtbarer Hand abgeschossenen Pfeil ober durch gellendes Indianergeheul erschreckt worden. Zu Einem jedoch war ich fest entschlossen: zu verhindern, daß von unserer Seite der geringste Schritt zur Eröffnung der [321] Feindseligkeiten gethan würde. Ich wandte mich daher an die Bemannung der Bootsflotille, welche sich um uns gesammelt hatte, und drohte Jedem, der Feuer geben würde, ohne daß der erste schwirrende Pfeil im Bord unserer Canots stecke, mit strenger Ahndung. Wir seien nicht gekommen, um die alte Fehde zu erneuern, sondern um Straßen, Eisenbahnen und Schifffahrtscanäle anzulegen und gerade die bis jetzt unzugängliche Wildniß, den „Sertao“ des Parana, zu erschließen. Die Regierung werde es daher sehr übel nehmen, wenn durch unsere Schuld die Erreichung dieses Zweckes erschwert werde, und ich für meinen Theil würde dafür sorgen, daß der Uebelthäter seiner Strafe nicht entginge.

Sie hörten mich ernst und schweigend an, und wir setzten, als ich noch etwas Munition vertheilt hatte und die Waffen schußbereit zur Hand lagen, die Fahrt stromab langsam fort unter steter Beobachtung der, wie es schien, an Zahl wachsenden Indianerhorde. Kaum hatten wir jedoch 2–300 Meter zurückgelegt, als sich am gegenüber liegenden Punkte des Ufers die Büsche theilten und ein gänzlich unbekleideter junger Indianer, vollständig unbewaffnet, auf eine flache Felsplatte heraustrat und uns Zeichen machte, heranzukommen.

Wenngleich der eine oder der andere unserer Leute, besonders ein paar furchtsame Neger, deren tiefen, psychologisch interessanten Abscheu vor den Rothhäuten ich öfters zu beobachten Gelegenheit hatte, etwas von Hinterhalt murmelte, so ließ ich doch alsbald anlegen und war auf’s Angenehmste überrascht, als der Indianer, ohne sich lange zu besinnen, in mein Boot sprang und sich zu uns setzte, als seien wir alte Bekannte. Es war ein kräftig gebauter, untersetzter Bursche von etwa zwanzig Jahren, dem die den ganzen oberen Theil des Hauptes einnehmende scharf abgegrenzte Tonsur ein eigenthümliches Aussehen gab. Einige Reihen weißer Glasperlen um den Hals bildeten, wie schon bemerkt, seine ganze Ausstattung.

Um die Conversation in einer allgemein verständlichen, für ihn angenehmen Weise zu eröffnen, ließ ich ihm ein Stück gebackenen Angu oder Polenta reichen, das er sogleich verspeiste, sowie eine Ziehharmonika, deren Töne, als einer der Ruderer sie spielte, seine Bewunderung zu erregen schienen. Er versuchte dasselbe zu leisten, ärgerte sich, daß es ihm nicht gelang, betrachtete das Instrument von allen Seiten, durchbohrte endlich wahrscheinlich behufs eingehenderen physiologischen Studiums, dessen Blasebalg mit den Fingern, suchte das tönende Princip im Innern zu erspähen, und warf, zuletzt ungeduldig werdend, den ganzen Plunder über Bord.

Nach diesem stummen, aber ausdrucksvollen Intermezzo setzten wir unsere Fahrt stromabwärts mit um so größerer Zuversicht fort, als wir nun von den friedlichen Absichten der uns Erwartenden überzeugt sein durften und der „Parlamentär“, welcher sich so vertrauensvoll zu uns gesellt hatte, uns durch Zeichen zur Weiterfahrt aufforderte.

Wir waren nach und nach in den Bereich der Schnelle gekommen; pfeilschnell schossen die Wasser dahin und bald saßen selbst unsere keineswegs tiefgehenden Fahrzeuge auf einem der Riffe fest. Unter stets getheilter Aufmerksamkeit auf den schwer ausfindig zu machenden Fahrweg und auf die am Ufer versammelten Indianer, welche bei unserer Annäherung ein lautes Geschrei erhoben, gelangten wir endlich in den Canal zwischen der Insel und dem rechtseitigen Ufer, hart unter dem hohen Gelände, auf dem die Hauptmasse der Rothhäute, etwa sechzig Männer und nahezu ebensoviel Frauen, sich versammelt hatten. Als die Canots wegen mangelnder Wassertiefe hier nochmals festsaßen, fanden wir uns im nächsten Augenblicke von der ganzen Bande umringt, so daß ich mir sagen mußte, wir seien, im Falle sie wirklich noch feindselige Absichten hegten, so ziemlich ihrer Gnade anheim gegeben.

Wir hatten jedoch, wie sich alsbald herausstellte, eher von allzu großer Zudringlichkeit und Freundlichkeit, als von Feindseligkeiten zu leiden, denn kaum hatte ich angefangen einige Geschenke: grobe Wollstoffe, rothe Taschentücher, Scheeren, Glasperlen etc., unter sie zu vertheilen, als ein solches Drängen, Schieben und Zugreifen rings um mich her entstand, daß ich mir, um nur einigermaßen die Freiheit meiner Bewegungen zu wahren, von Zeit zu Zeit durch meine Ruderer etwas Luft schaffen lassen mußte.

Männer, Frauen und halberwachsene Kinder, bis an die Kniee im Wasser stehend, suchten durch die lebhaftesten Geberden das Bedürfniß nach schützender Kleidung, von welcher die Männer und Kinder gar nichts, die Frauen nur ein grobes Lendentuch auf sich hatten, auszudrücken, und trotz aller Anstrengung von unserer Seite konnten wir es nicht verhindern, daß der Eine oder der Andere, der seinen Antheil schon empfangen, zum zweiten Male sich vordrängte.

Noch wartete unser jedoch die größte Ueberraschung: Mühevoll bewegte sich eine Gruppe von Indianern von der Insel her, von Stein zu Stein springend oder durch die brausenden Rinnen watend, auf unsere Boote zu, von Zeit zu Zeit eine Lanze mit einem an deren Spitze befestigten Bündelchen hoch haltend oder schwenkend.

Laut schreiend und gesticulirend machten uns die Umstehenden darauf aufmerksam; da wir jedoch ihre Sprache, die von dem bekannteren Guarany durchaus verschieden ist, nicht verstanden, so mußten wir uns gedulden, bis das Räthsel von selbst sich löste. Endlich waren sie keuchend und triefend neben unsern Fahrzeugen angelangt und ein schöner, ernst blickender Indianer von etwa fünfzig Jahren, der, auf zwei jüngere Bursche sich stützend, allem Anscheine nach der Häuptling sein mußte, übergab uns mit einer gewissen Würde und nicht zu verkennender freudiger Erregung einen sorgfältig in glatte Palmitohüllen gewickelten – Brief! – Jawohl! – einen wirklichen, echten, mit schwarzer Tinte auf etwas grobes, graues Papier geschriebenen Brief in portugiesischer Sprache, der obendrein noch so sorgfältig wie möglich, und zwar an die „Ingenieure José und Francisco Keller auf dem Ivahy“, adressirt war. Auf dem Ivahy, der auf seiner ganzen Länge zwischen endlosen Urwäldern, die noch nie der Fuß eines Weißen durchmessen, dahinfließt!!

Das merkwürdige, mit wenig gewandter Feder in steifen, ich möchte sagen klösterlichen, Zügen geschriebene Document kam von der Hand des Fray Timotheo de Castelnuovo, eines genuesischen Capuzinermönches, der zur Zeit die Stelle eines Directors in der von der Regierung am Tibagy in San Pedro d’Alcántara gegründeten Indianer-Colonie oder Aldeamento einnahm. Er hatte von dem Präsidenten der Provinz, unserem verehrten Freunde Herrn André Augusto de Padua Fleury, durch einen expressen Boten von unserer Expedition Nachricht erhalten, und erkundigte sich darnach, wann wir etwa, von der Ivahymündung den Parana aufwärts fahrend, an der Mündung des Paranapanema ankommen könnten, um uns dorthin ein Canot mit frischen Lebensmitteln entgegen zu schicken.

Der Gedanke war gut, doch dessen Ausführung nicht so leicht, da wir kaum hoffen konnten, noch so weit vom Ziele, in nahezu gänzlicher Unkenntniß der Schwierigkeiten, die unser noch warten konnten, nur auf die Basis höchst ungenauer und unvollständiger Karten hin den Zeitpunkt unserer Ankunft am Paranapanema auch nur annäherungsweise angeben zu können.

Doch was war zu machen? Die zu erwartenden Vortheile waren zu groß, als daß wir nicht hätten Gefahr laufen sollen, eine vielleicht nicht zutreffende Angabe zu machen, und so schrieb ich denn auf ein aus meinem Notizbuche gerissenes Blatt ein paar Zeilen an den guten Pater, worin wir ihm nicht nur für die pünktliche Ausführung des vom Präsidenten erhaltenen Auftrags die gebührende Anerkennung zollten, sondern ihm auch den Tag unserer muthmaßlichen Ankunft an jenem dem Ivahy nächstliegenden Seitenstrome des Parana anzugeben suchten. Der Zufall wollte, daß wir wirklich an dem in dieser Weise voraus bestimmten Tage, und zwar nahezu zwei Monate nach Empfang des Briefes, dort anlangten, woselbst das vom Tibagy herunter gekommene Canot mit einem Quantum höchst willkommenen frischen Proviants (von dem uns nicht nur der Speck, sondern auch schon das Salz zu mangeln begann) schon einige Tage auf uns wartete.

Wie wir später in Sao Pedro d’Alcántara erfuhren, hatten die vom Ivahy, dem gewöhnlichen Ziele ihrer Jagdausflüge, nach der Mission zurückkehrenden Coroados nicht nur mein Billet richtig übergeben, sondern auch durch einen daselbst wohnenden Dolmetscher (wohl den einzigen weißen Mann, der ihre Sprache versteht) einen umständlichen Bericht über unsere Expedition, deren Stärke etc. abgegeben und dabei die wohlverdienten Geschenke vorgezeigt.

Das Geschick, womit diese Wilden den inmitten jener Wälder, bei der zwischen der weißen und rothen Race leider [322] obwaltenden feindseligen Stimmung keineswegs gefahrlosen Auftrag ausgeführt und gerade an einer Stelle, wo durch die schwer zu passirende Stromschwelle unvermeidlich ein gewisser Aufenthalt eintreten mußte, in zwei verschiedenen Partieen, am Ufer und auf der kleinen Insel, uns erwartet hatten, verdiente allerdings einige Anerkennung. Sie hatten übrigens noch einen anderen Grund, unser gerade an dieser unter den allzu zahlreichen Schnellen des Ivahy zu harren, denn an demselben Platze befand sich einer ihrer sogenannten Pary’s, das ist ein zum Zwecke des Fischfangs errichteter Bau.

Indem sie nämlich auf der vielfach gebrochenen Kante des Absturzes durch eingeworfene Steine die Mehrzahl der Canäle verbauen und nur zwei oder drei der Hauptöffnungen offen lassen, zwingen sie die Fische, welche, einem eigenthümlichen Naturtriebe folgend, zur Laichzeit in zahllosen Schwärmen stromaufwärts gegangen waren, bei der Rückkehr thalabwärts den Weg durch diese Luken zu nehmen.

Dort aber fallen sie in die Hände der schlauen Rothhäute, welche eine aus gespaltenen Bambusrohren etwas weit geflochtene Rinne von vier bis fünf Meter Breite und entsprechender Länge derart zwischen die Steine eingesetzt haben, daß, wenngleich die Hauptwassermasse am oberen Ende sich sprudelnd und schäumend auf dieselbe ergießt, der untere Theil derselben doch trocken zu liegen kommt. Hier nun ist es, wo die irregeleiteten Schuppenträger plötzlich an’s Licht geschleudert, machtlos um sich schlagend, von den mit Speeren und Stöcken bewehrten, toll lärmenden und schreienden Wilden mit Leichtigkeit erlegt und dann auf’s feste Ufer gebracht werden.

Wenngleich ein Theil der zu Thal gehenden Fische, die kleineren besonders, so glücklich ist, durch die Zwischenräume des wenig dichten Steinwalles zu entwischen, so ist die Menge der gefangenen und getödteten Fische doch so groß, daß die ganze Indianerbande sammt deren magern Hunden damit nicht zu Ende kommen kann und große Quantitäten eines ausgezeichneten Nahrungsmittels in schmählichster Weise verderben müssen.

Zerstörten die Hochwasser nicht regelmäßig den wenig soliden Bau und erschwerte nicht die gewaltige Breite jener Ströme, die gerade an den Schnellen das Doppelte und Dreifache der normalen erreicht, den vollkommenen Abschluß, so wäre wohl selbst der außerordentliche Fischreichthum jener Gewässer nicht genügend, auf die Dauer einer solchen Verwüstung zu widerstehen, und längst schon vernichtet. Bei alledem soll jedoch an jenen Punkten, wo, wie bei Sao Pedro d’Alcántara, beinahe ständig zahlreiche Indianerhorden sich aufhalten und den Strom durch mehrere Parys verbaut haben, eine bedeutende Abnahme bemerklich sein. Doch kehren wir zu der denkwürdigen Episode unserer Ivahyfahrt zurück.

Nachdem wir noch auf einen Augenblick das hohe Ufer erkletternd an Land gegangen und uns die aus Palmwedeln leicht zusammengestellten provisorischen Hüttchen angesehen, trafen wir endlich Anstalten zum Aufbruche, da wir aus guten Gründen trotz nicht mißzuverstehender Einladung von Seiten unserer neuen Freunde unter keiner Bedingung in deren unmittelbarer Nähe übernachten wollten. Die Mannschaften, von welchen nur ein Theil zur Bewachung der Canots zurückgeblieben war, wurden also zusammengerufen und unter Beihülfe der Coroados die letzten Riffe der langen Schnelle glücklich passirt.

Einen charakteristischen Zwischenfall, der sich gerade in den letzten Augenblicken unseres Zusammenseins abspielte, kann ich, so unbedeutend er an und für sich war, nicht übergehen.

Als wir nämlich, noch umgeben von mehreren Dutzend Indianern, vor uns den glatten Strom, auf unsere Bootsstangen gestützt, ruhig dalagen und ich nach all’ dem Treiben endlich die nöthige Ruhe fand, noch ein paar lange Bogen und schönbefiederte Pfeile einzutauschen, von denen wir schon an Land einige mitgenommen, riß einer der rothen Burschen einen schon an Bord befindlichen schönen Bogen, für den ich kurz vorher ein großes Messer gegeben, mit Blitzesgeschwindigkeit wieder an sich und klatschte, nachdem er ihn geschickt unter Wasser und unter seine Füße gebracht, gerade so wie die Anderen unter lautem Geschrei und mit der unschuldigsten Miene von der Welt in die freigewordenen Hände. Seine List war jedoch bemerkt worden und ein nicht zu sanfter Stoß, durch den er auf einen Augenblick das Gleichgewicht verlor, so daß die schon geborgene Beute an die Oberfläche des Wassers kam und von einem unserer Ruderer ergriffen werden konnte, brachte ihm die unter den Weißen gangbare Auffassung von Mein und Dein in eindringliche Erinnerung. Möglicher Weise wäre bei längerem Verweilen das gute Einvernehmen durch Aehnliches noch ernstlich gestört worden; so wie es war, glitten die Boote alsbald in tieferes Wasser, und wir sahen uns mit einem Male von der nach und nach allzu lästig werdenden Umgebung befreit. Einige Dutzend Ruderschläge brachten uns an die nächste Flußkrümmung: unter überhängendem Buschwerke und gordisch verschlungenen Lianen schossen die schmalen Fahrzeuge pfeilschnell dahin, und in wenig Augenblicken waren uns Pary und Coroados entschwunden.

Die Fahrt wurde dann noch fortgesetzt, bis die langgestreckten Schatten der Palmwedel, die sich auf den weißen Sandbänken malten, und die Tinten, mit denen die Sonnenstrahlen golden durch die Laubkronen brachen, dazu mahnten, beizulegen und die Vorbereitungen zum Nachtlager zu treffen.

Nachdem einige Notizen niedergeschrieben und die eingehandelten Waffen, die sich bei näherer Betrachtung als außerordentlich schön und vollkommen gearbeitet erwiesen, in feste Bündel zusammengeschnürt und an passendem Platze verstaut waren, wurden dann am flackernden Wachtfeuer bei einem Glase dampfenden Punsches die Erlebnisse des Tages nochmals durchgesprochen.

F. Keller-Leuzinger.