Beiträge zur Erklärung des Wetterauer Frühlingsliedes

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Titel: Beiträge zur Erklärung des Wetterauer Frühlingsliedes
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aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 235,236
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[235] Beiträge zur Erklärung des Wetterauer Frühlingsliedes. Wir theilten unter „Blätter und Blüthen“ in Nr. 7 dieses Jahrgangs den großentheils unverständlichen Text eines volksthümlichen Tanzliedes mit, welches zu einem österlichen Reigentanz in Langsdorf in der Wetterau bis vor Kurzem noch gesungen wurde, und wir gaben gleich dem Einsender der Vermuthung Raum, damit einen uralten Rest vorchristlichen Volksthums zu den Acten nehmen zu können. [236] Daß ein verständlicher, jenem Frühlingsliede verwandt klingender Kindertext in unserer Kinderwelt umläuft, war uns nicht unbekannt; derselbe ist auch bereits hier und da in Kinder- und Volksliedersammlungen aufgenommen. Da indeß Manches dafür zu sprechen schien, daß in dem Wetterauer Text Originaleres vorliege, so entschlossen wir uns, denselben abzudrucken und Weiteres abzuwarten.

Das Aufsätzchen hat nun in den weitesten Kreisen unserer Leser die Aufmerksamkeit erregt und dem Verfasser wie auch uns zahlreiche Briefe eingetragen, welche, neben einigen mythologischen Erklärungsversuchen die wir übergehen müssen, genügendes Material zum Verständniß jenes Stückchens urväterlicher Festfreude liefern, und zwar knüpft sich die Aufklärung an nähere Mittheilungen über die bereits erwähnte anderwärts umlaufende, verständliche Form der Textüberlieferung.

Es ergiebt sich, daß ein mit dem Wetterauer identisches Spiel, und zwar ein Oster-, beziehungsweise Frühlingsspiel volkstümlicher Natur in Ost- und Westpreußen, in Pommern, Schleswig-Holstein, in der Mark, ja unter den Siebenbürger Sachsen und auch wohl anderwärts üblich war. Dasselbe wurde ursprünglich von Erwachsenen auf grünem Rasen, also im Freien, gespielt, ist aber jetzt zumeist nur noch als Gesellschafts- oder Kinderspiel üblich, in welchem Falle es in Ausführung wie Text stark abgeschwächt und nicht mehr an eine bestimmte Jahreszeit gebunden erscheint. Dem Kundigen kann schon nach dem bisher Gesagten kein Zweifel übrig bleiben, daß wir es hier tatsächlich mit einem uralten Rest Volkstums, und zwar einem heidnischen Frühlingsfeste zu thun haben, wie denn auch der Wetterauer Text von dem verstorbenen hessischen Geschichtsschreiber Professor L. Dieffenbach, freilich nicht ganz zutreffend, als Lobgesang auf die Ostara gedeutet worden ist.

Was die Form des Festes betrifft, so geht aus den Mittheilungen übereinstimmend hervor, daß die Theilnehmer – jedenfalls die Jugend – einen Kreis um eine in der Mitte stehende Person schlossen, welche letztere ursprünglich immer ein Mädchen gewesen zu sein scheint, das seinen verlorenen Schatz sucht. Diese Thatsache erklärt die Suchende selbst in den ersten Strophen des Gesanges, wohl während die ganze Gesellschaft unter Reigensprüngen um die Suchende kreiste und mitsang. Alsdann steht Alles still, und die Suchende geräth zuerst an einen falschen Schatz, den sie abweist, und dann an den richtigen, mit dem sie in der Mitte des Kreises tanzt, während die Kette der Umstehenden wieder im Reihentanze das Paar umspringt. Nunmehr nimmt ein anderes Mädchen die Mitte ein, und das ganze Spiel fängt von vorn an.

Der Text des Gesanges, welcher diesen Vorgang begleitet, zeigt keine bedeutenden Varianten. Er beginnt in Schleswig-Holstein.

„Grünes Gras, grünes Gras
Unter meinen Füßen,
Hab’ verloren meinen Schatz,
Werd’ ihn suchen müssen.

Hier und dort, hier und dort,
Unter diesen Allen
Wird doch wohl auch Einer sein
Der mir könnt gefallen.“

Darauf die Frage an eine Person.

„Willst Du mein Schatz sein?“

Auf die Antwort „Ja“ heißt es.

„Sagst wohl aber ja ja
Meinst wohl aber nein nein –“

und auf die Antwort „Nein“ umgekehrt; in jedem Falle aber wird der Betreffende stehen gelassen, ein Anderer als Tänzer gewählt und während des Tanzes mit demselben gesungen.

„Dich, mein Schätzchen, will ich lieben;
Du bist mir in’s Herz geschrieben;
Du gefällst mir wohl –
Ja Du gefällst mir wohl.“

Die beiden Anfangsstrophen finden sich fast in allen uns mitgetheilten Formen des Textes, in der ersten Zeile steht bald „Grün, grün, Alles grün“, bald „Hier ist grün und da ist grün“ oder „Schönes Gras, grünes Gras“, und statt „meinen Schatz“ findet sich „der schönste Schatz“; in der zweiten Strophe, die übrigens vereinzelt ganz fehlt, heißt es auch „Hier und da, hier und da“, in Westpreußen „Hier und dort, fremden Ort“; in Pommern lautet diese Strophe.

„Hier und dort und überall.
Unter diesen Allen –
Dieser mit dem bunten Rock
Thut mir sehr gefallen –“

Eingreifender sind die Varianten in dem folgenden Theile des Gesanges wie auch in der weiteren Ausführung des Spieles. Am engsten schließt sich eine westpreußische Fassung an; nur heißt die erste Frage. „Liebes Kind, liebst Du mich?“ und die Schlußstrophe.

„Schönes Kind, ich will Dich lieben;
Du bist mir in’s Herz geschrieben
Ja nur Du allein,
Ja nur Du allein.“

Auch in der Form: „Willst Du sein mein lieber Schatz?“ findet sich die erste Frage, und die beiden gleichlautenden Schlußzeilen heißen anderwärts. „Du gefällst mir gut“. Bei dieser Fassung wird nur in einem Bericht der wählenden Person freigestellt, gleich mit der erstgefragten Person zu tanzen, während dieselbe sonst durchgehends als abgewiesen stehen bleibt.

Vielfach findet sich folgende Variante des zweiten Theils. Nach den beiden Eingangsstrophen tritt die suchende Person zu einer im Kreise stehenden und singt.

„Dreh dich um! Ich kenn’ dich nicht;
Bist du's oder bist du’s nicht?“

Die Person wendet sich um – aus den Berichten ist nicht ersichtlich, ob der Kreis etwa zuvor im Stehenbleiben die Gesichter abgewendet hatte und die Suchende singt weiter.

„Ach nein, ach nein du bist es nicht,
Drum geh von mir! Ich mag dich nicht“

oder, wie es im Samlande drastischer schließt.

„Scher dich raus! Ich kenn' dich nicht“

wogegen einer zweiten Person der Bescheid wird.

„Ach ja, ach ja, du bist es wohl;
Drum nimm die Hand von mir zum Lohn!“

Bei Kindern heißt es hier: „Die mir’n Tänzchen (Küßchen) schuldig war (geben soll).“ Uebrigens findet sich auch der Fall, daß auf die Frage. „Bist du’s oder bist du’s nicht?“ die Antwort erfolgt: „Nein, nein, ich bin es nicht,“ worauf die Suchende singt. „So will ich dich denn lassen stehn und zu einem Andern gehn.“ Endlich ist bemerkenswert eine aus Charlottenburg gemeldete Textfassung, welche nach Abweisen der ersten Person sagt:

„Der da mit dem braunen Roch
Der könnte mir gefallen.
Ich bitte ihn, ich bitte ihn,
Er soll mich erlösen.“ – –

Zur Erklärung dieses Spiels nun genügt die bekannte Grundlage so vieler Frühlingsmythen: die Vorstellung, daß die Erde, welche von ihrem Geliebten dem Frühlings- oder Sommergott, durch den Winter getrennt war, jetzt dem Winter absagt und von dem „im bunten Rock“, dem Frühling, erlöst, wieder mit ihm vereinigt wird. Das Bunte spielt bei allen Völkern in der Frühlingsfeier eine Hauptrolle.

Es bleibt nur noch zu erörtern übrig, wie sich die Wetterauer Textform zu den übrigen mitgeteilten verhält, und dabei liegt allerdings der Verdacht nahe, daß die sinnlosen Wörter nur Verstümmelungen sind, daß in „Herisolls“ der Anfang „Hier ist“ (?), in „Kapp verloren“ (oder, wie es auch heißt, Kopp verloren) etwa „Ich hab’ verloren“ steckt, daß sich „Heridot, antimot“ vielleicht als „Hier und dort, am andern Ort“ und „Sax’m Krämer, ja, ja“ als „Sagst mir immer ja, ja“ entpuppt.

Ob es sich hiernach lohnt, eine Fortsetzung des Liedes, welches der Berichterstatter aus der Wetterau nachträglich uns mittheilt, hier anzumerken, mag zweifelhaft erscheinen. Das Stück beginnt. „Haule geh, Haule geh! Saxm hieß mein Vater, hat Dich denn der Paff gebracht unter die Soldaten“ und charakterisirt sich in vier weiteren Zeilen als aufmunternder Begleitgesang zum Tanz der beiden Hauptpersonen.

Die Melodie – dies nebenbei gesagt – ist überall entweder die mitgeteilte, oder sie erinnert an eine moderne Tanzmelodie.

Wir möchten an die ganze Angelegenheit einen Wunsch anknüpfen. Die Wissenschaft der vergleichenden Mythologie liegt noch vollständig in den Windeln; sie wird einst eine bedeutsame Stelle im Kreise der Wissenschaften einnehmen und würde es dann mit reichem Danke lohnen wenn in unserer Zeit, wo so rapid das alte Volksthum mit seinen unersetzlichen Fingerzeigen verschwindet, von den Resten gesammelt worden wäre, was irgend übrig war. Dazu wären am ehesten unsere wackeren Lehrer, jeder an seinem Ort, befähigt; so gut sie über Haar und Augen ihrer Schulkinder Bericht abstatten, so gut sie Zeugniß für den Volksdialekt ihres Wirkungskreises abzulegen veranlaßt werden, so gern würden sie jene andere Aufgabe im Dienste der nationalen Wissenschaft über sich nehmen, wenn sie van maßgebender Stelle her dazu aufgefordert würden. Denn viel ist wohl hie und da von dem und jenem Forscher gesammelt, aber das würde verschwinden gegen den Werth eines vollständigen Materials, wie wir es in der Bibliothek der Reichshauptstadt niedergelegt wünschten.