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Bemerkungen über die diesjährige dresdner Kunstausstellung

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Autor: 82.
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Titel: Bemerkungen über die diesjährige dresdner Kunstausstellung.
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aus: Blätter für literarische Unterhaltung
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1826
Verlag: F. A. Brockhaus
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Commons
Kurzbeschreibung: Katalog der Ausstellung siehe Verzeichniß der am Augustustage den 3. August 1826 in der Königl. Sächsischen Akademie der Künste zu Dresden öffentlich ausgestellter Kunstwerke
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Bemerkungen über die diesjährige dresdner Kunstausstellung.
Erster Besuch.

Auffallend arm und leer findet man mit Recht die diesjährige Ausstellung. Wol vollzählig an Nummern ist der Katalog, welcher uns wie gewöhnlich über 680 Werke nennt, doch weit über die Hälfte dieser Nummern sind Studien und Schülerarbeiten; alle die Meister, welche man voriges Jahr schon schmerzlich vermißte, haben wieder ihre Werke dem Publicum entzogen, und, was das Schlimmste ist, selbst das Bessere, was da ist, scheint doch mehr kühles Werk der Absicht und Ueberlegung zu sein als lebensfrohes Kind der Begeisterung und des glühenden Gefühls! Mit gleichgültiger Ruhe sieht man daher selbst Diejenigen, denen Kunstliebe nicht mangelt, davor verweilen, um sich an dem, was schön gemacht ist, zu freuen und jeden kleinen Fehler streng zu rügen; denn Machwerk, durch Mühe, Studium und Fleiß hervorgebracht, scheint doch das Meiste: Begeisterung erschuf es nicht, wie soll es Begeisterung, die jetzt ohnehin so tief schlummernde, zu erwecken vermögen! Geht die traurige Kühle, die jetzt leider in der Kunst immer fühlbarer wird, von dem Publicum aus oder von den Künstlern? – es ist wol schwer zu bestimmen! Wenig Aufmunterung wird dem Künstler, keine rege Theilnahme, keine ehrenvolle Auszeichnung, kein warmes Gefühl lohnt ihm, keine größern, Sinn und Gemüth beschäftigenden Aufträge wecken seinen Eifer und erheben ihn beglückend über das kleinliche Einerlei der Alltäglichkeit; – aber was er leistet kann auch nicht begeistern, er vergißt oft die höhere Seelensprache einzig, um in technischer Vollendung mit seinen Mitbewerbern zu wetteifern, und bemerkt es nicht, daß er dadurch seine edelsten Waffen verrosten läßt, und daß es nun der hochvollendeten Fabrikarbeit, die gar keinen geistigen Zweck hat und braucht, ein Spiel wird ihn zu besiegen: denn diese gehört einmal der Erde an und hat so ihren Anker in sichern Grund geworfen; entsagt aber die Kunst der himmlischen höhern Heimath, so irrt sie zwischen Erde und Himmel umher, ein trauriges Spiel der Elemente, ein Fremdling überall. Die Wechselwirkung zwischen Leben und Kunst ist jetzt fast null und nichtig; von wo aus es besser werden soll ist nicht abzusehen; ein Prometheus fehlt beiden. In leeren Räumen schweift die Phantasie am weitesten umher, dies beweist dieser Eingang, der nur durch die leeren Wände unsers Professorzimmers (welches füglich künftig zu einem Cabinet einschrumpfen könnte) veranlaßt wurde! Hier erscheint wirklich die Ausstellung wie eine Einstellung, und mit dem Eingehen in diesen Ehrensaal scheint die frische, blüten- und früchtetreibende Kunstpflanze einzugehen. Doch wir wollen uns zu dem was da ist wenden und es freundlich und unparteiisch betrachten.

Von unserm wackern thätigen Professor und Hofmaler Vogel sind zwei weibliche Portraits, Kniestücke in Lebensgröße, hier. Eines zieht besonders die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich, es stellt eine der ersten Sängerinnen des Hoftheaters, Mlle. Funk, vor; glücklich und geistreich ist die sprechendste Aehnlichkeit aufgefaßt; der aufwärts gerichtete Blick des schönen Auges scheint auf höhere Melodien zu lauschen, der Kopf stützt sich leise auf den linken Arm, in der herabgesenkten rechten Hand hält die Künstlerin ein Buch, sie ist sehr geschmackvoll in ein Gewand von grünem Sammet gekleidet; der Farbenaccord, den dieses mit dem zurückfallenden rothen Shawl, den lilafarbenen Kissen des Sophas und dem sanften damastartigen Hintergrund des Zimmers bildet, ist überaus schön; das Ganze ist trefflich geordnet und mit Fleiß und Liebe ausgeführt. Viele finden das Haar zu dunkel und wünschten einige spielende Lichter auf den Falten, die das Knie umhüllen, um die Rundung besser herauszuheben; doch dies sind Kleinigkeiten, die den Werth eines solchen Meisterwerks nicht schmälern können. Professor Hartmann gab uns gleichfalls ein liebliches weibliches Portrait, mehr im idealischen griechischen Gewand; Kopf und Haar sind besonders schön gemalt, die Farbentöne in dem Ganzen sind zart, klar und echt jugendlich, die Stellung der Arme aber befriedigt nicht ganz. Eine ausgeführtere Skizze von demselben Meister, Homer vorstellend, wie er vor dem Volke Rhapsodien aus seinen Epopöen singt, ist sinnig und überaus reich an Figuren, die alle mit Klarheit geordnet und brav gezeichnet sind; doch herrscht eine gewisse Monotonie in ihnen, die den Eindruck des schönen Gegenstandes schwächt, zumal da man wol auch an den meisten dieser Gestalten die echtgriechische Schönheit vermißt, ohne daß sehr ausgesprochener charakteristischer Ausdruck für jenen Mangel entschädigte. Der Jüngling, der auf der Tafel die gehörten Worte aufzuzeichnen eilt, die Gruppe von Frauen und Kindern im Vordergrunde und ein paar Greisenköpfe sind am vorzüglichsten. Dem Sänger würde man höhere Würde und Begeisterung wünschen.

Ausgezeichnet schön ist eine Copie der berühmten Cecilia von Carlo Dolce, in Miniatur gemalt von unserer trefflichen Künstlerin Emilie von Loquossie; es ist unmöglich, etwas mit höherer Vollendung und mehr Gefühl zu copiren und schönere Kraft und Wärme in die Miniaturfarben zu bringen. Von derselben Künstlerin ist eine schöne colorirte Zeichnung, das Portrait einer jungen fremden Dame; sprechende Aehnlichkeit ist hier mit zarter Ausführung und geschmackvoller Anordnung glücklich vereint. Sehr lieblich sind auch die Oelgemälde des Hrn. Arnolds, Inspectors der Kunstakademie. In seinen, meist in halber Lebensgröße dargestellten Kinderköpfen ist eine Wahrheit und Innigkeit, verbunden mit einem so warmen und doch so klaren, trefflichen Farbenton, und so reiner Naivetät in Stellung und Anordnung, daß man mit immer steigender Freude stets dabei verweilt; die Wärme dieser Tinten erinnert an Rembrandt, und die Zartheit und echte Kindlichkeit der Darstellungen an den verstorbenen berühmten Kindermaler Vogel. In diesem Fach leistet der bescheidene Künstler etwas weit Ausgezeichneteres als in den großen Altargemälden, die er früher oft ausstellte. Auch seine eigne Erfindung: Joseph und das Christuskind, ist lieblich und gefühlvoll.

Weit weniger gelungen ist der Arion, nach Schlegel’s herrlichem Gedicht, von Rentzsch erfunden und gemalt; so fleißig und sauber die Ausführung ist, so sehr man die Zeichnung richtig und das Colorit rein finden muß, so kann doch alles dies den völligen Mangel des Geistes und der wahren Schönheit nicht ersetzen. Darstellungen aus der Legende und dem Mittelalter gelingen diesem fleißigen Künstler besser. Des Prof. Bosse diesjährige Arbeiten stehen weit unter denen, die er voriges Jahr ausstellte. Das Brustbild, welches einen unserer berühmtesten Tonkünstler verstellen soll, ist ganz verfehlt, die genialen feinen Züge erscheinen hier in caricaturähnlicher Spannung; das Portrait eines Kindes ist ohne Haltung und Grazie; und die italienische Landschaft ist vollends ein sonderbar überladenes Product. Betrachtet man diese Landschaft genauer, so findet man unendlichen Fleiß darin; auch hat diese gewiß treu nach der Natur copirte Gegend des südlichsten Italiens einen recht phantastischen, schönen Charakter, nur die Uebersetzung aus der Natur in die Sprache der Kunst ist nicht gelungen; die Monotonie der Beleuchtung ist wol am meisten daran schuld; diese üppigen Weingelände, diese Cactusstauden, diese Wasserfälle, sind alle zu kleinlich behandelt und nicht in malerische Massen geordnet, und dadurch geht alle Wirkung verloren. Prof. Pochmann’s Iris, die den Schlaf weckt, kann wol nur Denen gefallen, die eine besondere Vorliebe für dieses Künstlers Werke haben. Das männliche Portrait, vom Prof. Rößler gemalt, sieht den frühern Arbeiten dieses Meisters gar nicht ähnlich; es ist hart und steif und hat nichts von der Leichtigkeit, die ihn sonst auszeichnete. Eine Thusnelda, [344] halbe Figur, vom Director Schnorr aus Leipzig, spricht nur Wenige an. Dieser Kopf ist mehr trotzig und stolz als so offen, bieder und unschuldig, wie man sich Hermann’s Gemahlin gern denkt. Ueberdies mag es vielleicht geschichtlich treu sein, aber als Gemälde erscheint es immer sonderbar, in den Eichwäldern des rauhen Germaniens die hohe, züchtige Fürstin mit so ganz entblößten Armen zu sehen. Ueber die Werke Dahl’s zu sprechen, verspare ich mir auf ein nächstesmal.

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Zweiter Besuch.

Viel freundlicher erscheint mir heute unsere Ausstellung; einige genialere Werke sind hingekommen, und die Anschauung solcher weckt den Geist zu wärmerer Theilnahme an dem Ganzen. Pros. Näcke entschloß sich endlich dem Publicum die überraschende Freude zu machen, eines seiner Gemälde hinzugeben. Es stellt Christus dar wie er als Lichterscheinung unter seine Jünger tritt: ein überaus originell und geistreich erfundenes und ausgeführtes Werk. Die Figuren sind etwas unter halber Größe. Ein wundersamer Regenbogenschimmer ist über das Ganze ergossen, und scheint darauf hinzudeuten, wie diese Erscheinung der wahre Versöhnungsbund des neuen Testaments ist, der neugeschlossene Friede zwischen Gott und der Menschheit, aus dessen reinem Licht alle Farbenstralen der Freude, des Schönen und der Kunst erblühen. In einer einfachen Halle erscheint Christus in der Mitte des Hintergrundes auf einer Stufenerhöhung; der Oberkörper ist unbekleidet, man sieht die Wundenmaale, er hebt den rechten Arm empor, ein weißes Gewand, dessen Schatten im Agathschimmer spielen, umhüllt die übrige Gestalt; ein reines weißes Licht, welches doch die prismatische Farbenbrechung ahnen läßt, umfließt die Erscheinung und beleuchtet hellstralend alle übrigen Gestalten. Die elf Jünger sind im Halbkreis von beiden Seiten geordnet, so, daß die fünf, welche der Lichtgestalt näher sind, stehen, und die vordern sechs theils knien, theils sich ganz niederwerfen; durch diese schöne Anordnung wird es möglich, daß sich der Kreis fast schließt, ohne uns die Hauptgestalt zu verdecken. Die Gruppirungen und Stellungen sind meisterhaft; ganz besonders ausgezeichnet schön ist aber die Wahl und Zusammenstellung der Farben in den Gewändern der Jünger, sowie der Faltenwurf und Lichteffect darauf und die ganze Ausführung dieser herrlichen Drapperien. Es wird den Köpfen schwer, sich vorherrschend zu behaupten neben dem Zauberglanz dieses stillen reinen Farbenaccords! Sie sind mit Geist und Gefühl ausgeführt; besonders schön ist der kühn und innig aufblickende Petrus, das silberhaarige Greisenhaupt des ernsten Bartholomäus, und der blondlockige Kopf des knienden, fromm und demüthig in sich geschmiegten Thaddäus. Es ist sehr Schade, daß in diesem trefflichen Gemälde gerade der Kopf und die Gestalt des Heilandes am wenigsten befriedigen; die kleinen Augen und flachen Züge haben nichts Göttliches; Arm und Oberkörper muß man sogar wunderlich gespenstisch finden. Man könnte wol hoffen, daß dem Künstler, der alles Uebrige so geistvoll und tiefempfunden darzustellen wußte, auch einst noch eine glücklichere Eingebung zur Hauptfigur kommen wird!

Prof. Dahl’s große Landschaft löst eine überaus schwere Aufgabe sehr glücklich, sie stellt nämlich den Ausbruch des Vesuvs im Jahre 1820 vor, mit der Aussicht nach dem Golf von Neapel und dessen Umgebungen, nach der Natur aufgenommen. Die heitere Stille klarer Abendbeleuchtung ruht auf dem Meer und dem fern im Hintergrunde sichtbar werdenden Neapel. Wir stehen dagegen mit dem Künstler vorn hoch auf dem tobenden Vulkan, nicht weit vom Krater; Feuerströme wälzen sich uns entgegen und rieseln von dem in dichten Dampf und Rauch verhüllten Gipfel herab; die Wolken, die aus der flammenden Lava aufsteigen, sind ganz eigner Art, man fühlt ihre lastende Schwere, man sieht blaue Schwefeldünste durch sie hinziehen, der Wiederschein der Glut färbt sie; brennende Schlacken und Aschenwirbel steigen durch die Dampfwolken empor. Der glühende Boden scheint hier und da zu bersten; alte, längst ausgebrannte Lavamassen im Vorgrunde sind von der düstern Glut beleuchtet. Zwei Reisende haben sich dicht an den Lavastrom hingewagt, der Führer mit den Maulthieren steht furchtsam seitwärts, auf einem Schlackenhaufen. Das Ganze ist trefflich, voll Kraft, Haltung und grausenvoller Wahrheit. Eine andere Landschaft von Dahl zeigt uns das Schloß Lauenstein im Erzgebirge mit einem im Hintergrunde vorüberziehenden Gewitter; sie ist sehr fleißig ausgeführt: die alte Burg, der sich dahinter aufthürmende Schwarzwald, die Weidenbüsche und Gesträuche im Mittelgrunde, der Kärner vorn, Alles ist sehr treu, aber besonders durch die düstere und doch grelle Beleuchtung verliert das Ganze und erscheint nicht angenehm.

Von Traugott Faber sind ein paar recht fleißig ausgeführte Landschaften da, besonders eine Ansicht von Karlsbad, welche aber nicht frei von ängstlicher Genauigkeit ist. Die Landschaften des Eusebius Faber nähern sich dagegen bei ihrem schönen Farbenton doch immer mehr der Theatermalerei. Von Hammer sind einige recht zartausgeführte Arbeiten hier, besonders vier niedliche kleine Landschaften in Aquarell: Baumpartien aus dem großen Garten darstellend; und vom Inspector Frenzel zwei sehr sauber und schön in Kupfer gestochene Ansichten. Eine Familiengruppe, in Pastell gemalt von Baumann, verliert alle Wirkung durch die eintönige volle Beleuchtung; der kleine Knabe darauf, der mit seinem Kindersäbel die blonde Locke des Schwesterchens anspießt, ist die gelungenste der Gestalten. Vom Professor [359] Friedrich sind sieben in Sepia getuschte Skizzen da, flüchtiger hingeworfen als Traumbilder, aber voll Sinn: sie scheinen eine Lebensbeschreibung darstellen zu sollen, die über das Beginnen und Enden dieses Erdenlebens hinausreicht. Auf Nr. 1 erblicken wir das Meer als Urelement des Daseins, das Licht, die aufgehende Sonne, taucht daraus empor, gährende Stoffe scheinen sich in der Mitte der Wogen chaotisch zu regen und nach Gestaltung zu ringen. Nr. 2 ist eine liebliche Frühlingsgegend; zwischen noch unbelaubten knospenden Bäumen und Blumen suchen zwei Kinder Schmetterlinge zu haschen. Höher und dichter sind Pappeln und Myrthen auf Nr. 3 gewachsen und in ihren Schatten begegnet sich ein liebendes Paar. Felsen thürmen sich auf Nr. 4, die Wege werden steil und beschwerlich, die Pfade sondern sich und unsere Wanderer reichen sich scheidend die Hand; von fern erheben sich Städte und Kirchen und ein Monument verkündet Ruhm und Thaten des geharnischten Kriegers. Sehr still ist es auf Nr. 5 geworden: der Vollmond blickt zwischen Klosterruinen herein auf einen Friedhof, die Bäume sind entlaubt und kahl und die zwei greisigen Wanderer graben sich ein Grab, um vereint zu ruhen. Nr. 6. Zwischen Stalaktitenhöhlen und Tropfsteinfelsen liegt ein verwitterndes, bleichendes Menschengerippe; das Skelett des Erdkolosses scheint sich schützend über das Skelett seines armen, kleinen Bewohners zu wölben, und in grausenvoller Oede harren beide der Verwandlung. Nr. 7. Die Erde ist verschwunden, auf Wolken kniend schauend zwei Engel, ihre Riesenschwingen entfaltend, empor zum ewigen Licht in seliger Klarheit. Ob übrigens Prof. Friedrich wirklich dies so gemeint hat, möge dahingestellt bleiben, denn eigentlich könnten seine Skizzen ebenso gut Kunsthieroglyphen oder Räthselspiele heißen, die ein Jeder erklären kann wie er will; sie beschäftigen die Phantasie weit mehr als sie das Auge befriedigen.

Mit wahrer Freude verweilt man bei den Werken, welche die hiesigen in Italien studirenden jungen Künstler von dort her einsendeten. Von Hennig ist ein Oelgemälde: Christus, der die Kinder segnet; Figuren etwas unter halber Lebensgröße. Die Zeichnung dieser reichen Komposition ist sehr rein, jede Gestalt hat charakteristischen Ausdruck; der Heiland ist edel und schön, die Gruppe der Jünger ist besonders geistvoll aufgefaßt, der Farbenton im Ganzen warm und klar und Alles in wohlthuender Haltung; neigt sich auch das Werk ein wenig zu dem trockenen Styl der ganz altitalienischen Schule, besonders in den auffallenden Flächen der Gewänder, so ist es doch frei von Härte oder Manier, ist mit Gefühl gearbeitet und berechtigt zu schönen Hoffnungen. Ein kleineres Gemälde von Baumgarten stellt die Befreiung des heiligen Petrus aus dem Gefängniß vor; dies ist in Ansehung des Tones und kräftigen Colorits und der eigentlichen Malerei wol noch vorzüglicher, doch die Charakterzeichnung tritt minder edel und bestimmt hervor. Der in stralendem Licht erscheinende Engel, der greise Petrus und die beiden kräftigen, ganz im Helldunkel stehenden Gestalten der Wächter sind in trefflicher Haltung, und es ist von schöner Wirkung, daß man ganz im Hintergrunde durch das Gitterfenster des Kerkergewölbes Mondlicht hereindämmern sieht. Ausgezeichnet schön ist die große Landschaft von Richter: eine Gegend bei Amalfi vorstellend; der warme, kräftige, echt südliche Ton dieses Gemäldes, das treue, sorgfältige Naturstudium, welches sich in der ganzen Behandlung zeigt, die ausdrucksvollen Gestalten, die zur Staffage dienen, die Bestimmtheit, die jedoch nirgends in Härte ausartet, Alles erhebt diese Arbeit zu einem höchst gelungenen Kunstwerk. Die hohen kühnen Felsen, welche wohlthuende Schlagschatten über die Glut des Ganzen werfen, der tiefblaue Ocean im Hintergrunde, die herrlichen Gruppen alter Olivenbäume, deren durch Hitze und Dürre abgesprungene Rinde das innere Holzgeäder völlig sichtbar werden läßt, die um die kleine frische Quelle vorn hochaufsprossenden üppigen Feldblumen, der alte auf seinen Stab gelehnte Hirt, der zugleich Sänger und Orakel der ganzen Gegend zu sein scheint, die übrigen heitern südlichen Gestalten: – Alles macht ein innig verschmolzenes Ganzes, welches für Sinn und Auge wohlgefällig erscheint.

Unsere in Rom studirenden jungen Bildhauer schickten auch zwei recht liebliche Arbeiten: Herrmann einen Amor auf einem Delphin reitend, und Pettrich eine liegende weibliche Figur zu einem Grabmal, beides Modelle in Gyps. Die Stellung des Amor ist echt kindlich und reizend, das aufwärts blickende Köpfchen voll Naivetät und Grazie. Die liegende Frauengestalt ist sanft und edel, das Haar schließt sich einfach gescheitelt an die stillen milden Züge, Brust und Arme sind gewandlos; mit der Rechten umschließt sie ein neben ihr ruhendes Lamm, die Linke faßt heraufziehend unter der Brust das zartanschmiegendc Gewand, welches bis über die gekreuzten Füße herabfließt und diese ganz umhüllt. Beide Werke sind im reinen schönen Styl mit innigem Gefühl gearbeitet.

Billig ist es, zunächst die Landschaften des kürzlich aus Italien zurückgekehrten jungen Künstlers Ernst Oehme zu erwähnen; einige kleinere sind noch Nachklänge des Südens. Die Mondnacht im Golf von Salerno, wo ein Boot über die nur leise bewegte Meeresfläche nach dem in der Ferne liegenden Schiff hingleitet, ist reizend und die Abstufung der Farbentöne in den Wogen und Wolken trefflich. Minder befriedigend erscheinen die andern beiden kleinen Landschaften; die Gegenstände derselben: der Klostergarten der Capuciner in Sorrent, und: der Vesuv in Morgenbeleuchtung von Posilippo aus, sind mit Klarheit und Gefühl aufgefaßt, aber die Ausführung neigt sich zum Kleinlichen hin. Davor möge sich der brave junge Künstler doch ja hüten. Trefflich ist dagegen seine größere Landschaft nach eigner Idee erfunden; wir erblicken eine Gegend aus dem Erzgebirge, die früheste Morgendämmerung verbreitet ihr kühles, falbes, geisterartiges Licht; man sieht von den kahlen Höhen hinab in das stille Thal, wo sich düstere Föhrenwälder hinziehen, auf deren Wipfel man niederblickt; in den ärmlichen Hütten unten schimmert hier und da ein Lämpchen durch die Fenster, und der Rauch, der sich aus den Schornsteinen erhebt, zeigt, daß die fleißigen Bewohner schon ihr karges Frühstück genossen. Oben schreiten zwei Bergleute, ein Greis und ein noch fast knabenhafter Jüngling der Einfahrt im Schacht zu, und sprechen still vor sich hin ein andächtiges Gebet; die anhängenden Grubenlichter beleuchten mit bleichem Schimmer ihre frommen Züge; ein hocherrichtetes Crucifix bezeichnet den Platz der Einfahrt, und seitwärts ragt das hölzerne Dach des Dorfkirchleins empor. Der Erdboden sowol als die Vegetation oben tragen den Farbenton der Metalladern, die unter ihnen wachsen. Das Ganze ist herrlich gedacht und ausgeführt. Von Julius Schnorr aus Italien sind zwei Oelgemälde hier: das Portrait der Vittoria von Albano stellt uns mit treuer Wahrheit den wundersamen Ernst dieses schlichten südlichen Landmädchens dar. Die Bathseba im Bade ist gar kein angenehmes Bild, es erinnert lebhaft an die Art, wie Lukas Cranach ähnliche Gegenstände behandelte; die Formen sind unedel, das Kolorit trüb; man erkennt in diesem Werke auf keine Weise denselben Künstler, dessen geistvolle und reine, herrliche Zeichnungen zum Ariost wir sogar in den Nachbildungen der Schüler der leipziger Kunstakademie noch freudig bewundern. Ein sehr liebliches, geistvoll erfundenes und mit Liebe und grenzenlosem Fleiß ausgeführtes Bildchen ist die russische Bauernhochzeit von . Kaum begreift man, wie es möglich ist, so zart in Oel zu malen, und dabei ist Alles voll Kraft, Feuer und Leben, echt nationell in Physiognomien, Tracht und Umgebungen, kurz ein wahres kleines Meisterwerk, welches allgemeine Bewunderung verdient und erhält. Allerliebst ist Stellung und Ausdruck des geschmückten Brautpaars, welches einen kosackischen [350] Tanz zusammen ausführt; wie schlau blickt der Alte, der die Balalaika dazu spielt, herüber; wie mädchenhaft schüchtern ist die Begleiterin der Braut, in welche ihr Nachbar dringt, die Gesundheit derselben zu trinken; der ausdrucksvolle Greis im Mittelgrunde; die allerliebste Gruppe munterer Knaben, die mit voller Seele bei ihrem Knöchelspiel beschäftigt sind; die von fern herzujagende Kosackenfuhre; die große Stadt, wahrscheinlich Moskau, die man im Hintergrunde steht; ja sogar die über das Dach schleichende Katze: Alles ist mit warmen Gefühl und liebevollem Fleiß gemalt. Gegenstück im auffallendsten Contrast der Behandlung ist Franz Catel’s Gemälde: eine ländliche Küche darstellend, zu deren weiten Arkadenbogen hinaus man in die südlichste Gegend blickt; Pinien und Pomeranzenhaine vorn; im Hintergrunde über das Meer hin Capo Misene mit den Inseln Procida und Ischia. Das Ganze ist oberhalb Puzzuoli nach der Natur aufgenommen, Alles üppig, glühend und wild, mit der höchsten Nachlässigkeit hingeworfen, aber doch voll Geist, Wahrheit und Leben. Die Spinnerin, welche auf dem Herd sitzend mit dem Fuß den Korb schaukelt, worin ihr Säugling ruht, während sie auf den Lazarone lauscht, der, im Bogenfenster lehnend, ein Liebchen zur Mandoline singt; die halbnackenden Kinder, die schwellenden Früchte, die durcheinandergeworfenen Geräthschaften, das Mädchen mit dem Korb voll glühender Pomeranzen auf dem Kopf: Alles ist mit Meisterhand keck und kräftig dargestellt; doch möchte man wünschen, daß dieser in diesem Fach so berühmte Künstler sich nicht gar zu sehr gehen ließ: seine zu große Leichtigkeit wird fast Nachlässigkeit. Der Dom zu Erfurt in Abendbeleuchtung und ein selbst erfundener gothischer Dom, beide von Hasenpflug gemalt, sind recht brav. Besondere Erwähnung verdienen noch folgende Arbeiten: das Portrait einer Engländerin, Kniestück von Molinari, es ist sprechend ähnlich und mit Geschmack angeordnet, der Farbenton des Ganzen hat Wahrheit und schöne Haltung; die beiden Kinderportraits von Bähr sind sehr brav; ungemeine Kraft und Wahrheit haben die Portraits von Zimmermann; denen von Sattler sieht man es wol an, daß sie sehr ähnlich sind, aber sie grenzen an Flachheit; recht ausdrucksvoll und tiefempfunden ist die Darstellung des verlorenen Sohnes von Zimmermann; so gehört auch eine Malerstube, von A. Schmidt erfunden und gemalt, zu den bessern Werken; die kleinen Bilder von Gustav Nieritz sind trefflich gemalt; eine Landschaft, von der jungen schwedischen Künstlerin Eveline Stading erfunden und ausgeführt, zeigt ein sorgsames Naturstudium und einen zarten Sinn, besonders ist die Hängebirke darauf recht schön; von Thomas aus Frankfurt am Main sind drei größere Landschaften hier, von denen sich besonders ein Sonnenuntergang über der Campagna di Roma sehr vortheilhaft auszeichnet; auch der See von Nemi ist recht gut gemalt, nur erscheinen die Arbeiten dieses Künstlers etwas zu unbestimmt.

Der geniale Dr. Carus gibt uns diesmal ein Bild von der Natur des nördlichsten Eismeers, nach treuen Schilderungen des Dr. Thienemann, der sich längere Zeit in Island aufhielt. Man sieht in der Ferne Islands Küste, auf dem Meere Treibeis und ziehende Wallfische, und auf grünlichen Eisschollen im Vordergrunde Treibholz, Robben, Raubmöven u. s. w.; das Ganze ist so phantasievoll aufgefaßt wie man es von diesem ausgezeichnet braven Dilettanten gewohnt ist. Ein sehr braves Portrait, von Brauer in Leipzig gemalt, verdient noch Erwähnung, sowie eine en gouache gemalte Skizze von Otto Wagner, den Haupteingang eines Domes darstellend, reich staffirt mit Gestalten aus den Zeiten des Mittelalters. Die Copie einer Magdalena nach Guido Reni von Kloß ist sehr hübsch, sowie mehre Blumengemälde und brave Kreidezeichnungen und Studien genauere Betrachtung verdienen. Ein kleines Glasgemälde von Viertel in Leipzig stellt Karl V. in ganzer Figur vor, und ist sehr gelungen; die Stahlrüstung ist recht gut ausgeführt. Stölzel schickte zwei kleine Kupferstiche aus Rom, wovon besonders der Johannes nach Angelico da Fiesole recht zart und gefühlvoll ausgeführt ist.

Die Industrieausstellung ist reich ausgestattet in den mannichfaltigsten Fächern und erweckt rege Theilnahme. Die vielerlei Gewebe sind besonders trefflich, sowie die Silberarbeiten. An dem schönen Porzellan der meißner Fabrik sieht man mit Vergnügen, daß man es jetzt lieber mit Blumen- und Arabeskenmalerei schmückt als mit Nachbildungen höherer Kunstwerke, welche doch nie ganz befriedigend ausfallen. Sehr viele schöne Pianofortes zeigen, daß man auch hierin jetzt mit dem Auslande zu wetteifern anfängt.

Nachtrag. Jetzt eben erst, den 14. Sept., kommt das größere Gemälde des Prof. Rösler auf die Ausstellung: ein weibliches Portrait in voller Lebensgröße, meisterhaft geordnet und schön ausgeführt. Wir sehen eine hohe, sehr edle weibliche Gestalt an einem offenen Pianoforte stehen, ihre Linke stützt sich auf den darangeschobenen Stuhl, an welchem vorn eine Laute lehnt; die schöne Jungfrau blickt ernst, fast düster und zürnend herab, ihr rabenschwarzes Lockenhaar und ihr glühendes Auge lassen die Südländerin in ihr ahnen; ein purpurfarbenes Reisekleid umschließt eng die schlanke Gestalt, ein herabgesunkener weißer, buntdurchwebter türkischer Shawl wird von ihrer Rechten gefaßt und fällt in reinen schönen Falten nieder; grüne Drapperien mit goldenen Franzen schmücken den Hintergrund des Zimmers und umwallen ein Fenster, vor dem sich blühende Purpurgeranien und Rosenlorber emporranken. Hört man, daß dies treffliche in Styl und Haltung ausgezeichnete Kunstgebilde die unvergeßliche Künstlerin Costanza Tibaldi vorstellen soll, so muß man den ergreifenden Sinn und die mehr historische als portraitmäßige Wahrheit bewundern; die tiefe Erschütterung mit stolzer Fassung niederkämpfend, mit dem eignen Herzen, der Welt und der Kunst zerfallen, so erblicken wir sie hier, und jede Spur des holden Jugendreizes, der frohen Kühnheit und des lieblichen Muthwillens ist so erloschen und zerstört, daß wir kaum vermögen, die uns ganz Entfremdete wiederzuerkennen! Doch tröstlich ist es, daß die Saiten der Laute noch nicht sprangen, die treue himmlische Kunst wird die Wunden heilen, welche das Leben schlug, möge dann der sinnige Maler sie auch in einem glücklichern Moment wieder darstellen.

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