Berliner Weihnachtstage

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Textdaten
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Autor: Hermann Heiberg
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Titel: Berliner Weihnachtstage
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 49, S. 835–836
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[824]
Die Gartenlaube (1889) b 824.jpg

Weihnachtsabend unter den Linden.
Zeichnung von Fredr. Stahl.

[835] Berliner Weihnachtstage. (Zu dem Bilde S. 824 u. 825.) Es kann beinahe als ein Wunder erscheinen, daß es in unserm immer mehr dem egoistischen Fürsichselbstsorgen zudrängenden Leben einen kurzen Zeitabschnitt giebt, in dem fast ausnahmslos in jeder Brust der Drang emporsteigt, zu geben, zu erfreuen! Ja, es giebt Stunden, in denen die Erwachsenen mit ihren Gefühlen und Empfindungen wieder zu Kindern werden, in denen sie die ruhelos den Tagesansprüchen zugewandten Gedanken abschütteln und ihre „Herzen“ zu ihrem Recht kommen lassen. Das Einfach-Menschliche, das in der Kinderseele seinen Wohnsitz hat, verpflanzt sich noch einmal auf die Erwachsenen; wo im Zusammenleben die Bindemittel zerrissen sind, das Gefühl der Zusammengehörigkeit nur noch dem Namen nach besteht, – in der Weihnachszeit legt sich die lang zurückgezogene Hand in die Hand des Nächsten, Groll, Unfriede weichen sanfteren, versöhnlichen Empfindungen. Was auch das Jahr brachte, und wenn auch noch die letzten vorübergegangenen Tage Gegensätze schufen, der Weihnachtsabend löscht alles aus.

Anders gestalten sich die äußeren Vorbereitungserscheinungen zu dem „Feste des Gebens“ in den kleinen Städten als in den großen, aber die Bewegung der Gemüther ist dieselbe.

An das Schlüsselloch des seit Tagen abgesperrten Zimmers schlüpfen, vorsichtig um sich spähend, die Kinder. Der feine Tannenduft dringt durch die Ritzen der Thür, die unbeschreiblich süße Ahnung des Kommenden steigt ist ihnen auf, das kleine Herz jauchzt und ist voll Ungeduld.

„Wie lange ist’s noch? Warum nicht schon morgen, Mama?“

Mein eigener kleiner Bube rief im vorigen Jahr weinend, im höchsten Zorn, und ich mußte ihn wegen seiner rührenden Einfalt ans Herz ziehen:

„Wenn ich mal groß bin und kleine Kinder habe, sollen sie nicht so lange warten!“

Selige Zeit, in der wir alle noch so genußfähig, so fröhlich, so glücklich waren! – Gleiches vermag nicht mehr in unsere Brust einzuziehen; wir sahen die Welt zu unverhüllt vor uns, in ihr lernten wir unsere Illusionen, das ungetrübte Genießen abstreifen; aber Aehnliches, Verwandtes [836] hat doch Raum in unserm Innern, und das – haben wir uns und wollen wir uns erhalten!

Die Bilder, die sich in den letzten Tagen vor dem Heiligen Abend in den Hauptverkehrsstraßen Berlins dem Auge aufthun, tragen ein so lebhaftes Gepräge, zeigen so lebendige Farben und spiegeln die Eigenart des öffentlichen Treibens so zusammengedrängt ab, daß sie bei einer Schilderung der Weihnachtszeit nicht fehlen dürfen.

Unser Zeichner hat auf dem Holzschnitt mit großer Anschaulichkeit das Hinundher, das um diese Zeit unter den Linden herrscht, wiedergegeben. Da ist die Pickelhaube des Schutzmannes und die Mütze des Dienstmannes, das sind Berliner Droschken und Omnibusse, das sind Uniformen unseres Militärs, und so sehen die Linden aus.

Das wogt und eilt und drängt sich unaufhörlich von der Mittagszeit bis hinein in den späten Abend!

Schnee! Schnee! wohin das Auge blickt, auf den Dächern, den Fenstergesimsen, auf den Bäumen, Kiosken, Laternen, Buden und Litfaßsäulen. Beschneit ist jeder Winkel, jede Ecke, jede Spitze. Starres, hellschimmerndes Weiß hat sich eingenistet überall und weicht nicht. Ganz sind selbst auf der Straße die Spuren des wehenden Schneefalls nicht verwischt, obgleich die Tritte von Hunderttausenden, die Wagenräder der Omnibusse, Equipagen, Droschken und Lastgefährte die Krystallformen des Himmels in einen schmutzig flüssigen Schlamm verwandelt haben.

Anderthalb Millionen Menschen, und von ihnen wohl zwei Drittel, die im Laufe der Woche einmal oder mehrmals aus ihren Häusern eilen, um für den Weihnachtsabend einzukaufen! Zahllose lockt auch die Neugierde in die Hauptstraßen: in die Leipziger- und Friedrichstraße, unter die Linden.

Außerordentlich ist das Gedränge in der Leipzigerstraße. Da giebt’s keinen Laden, keinen Verkaufsraum, der nicht förmlich belagert ist. In den Konditoreien stehen oft fünfzig Menschen auf einmal und warten, in den Fünfzigpfennigbazaren geht’s ab und zu wie eine Völkerwanderung. Und nun erst die Straße selbst; Männer, Frauen, Kinder, Dienstmänner, Fremde, Boten, Bummler, Damen, Herren, das jagt aneinander vorüber, athemlos, ein Bild der Zeit, die ruhelos hastend vorwärts drängt. Tausende von Packeten, Schachteln, Bündeln werden getragen, fast jeder Mensch in den Pferdebahnwagen, Equipagen, Droschken hat um diese Zeit ein „Eingepacktes“ auf dem Schoß.

Die Polizei gestattet an verschiedenen Plätzen die Errichtung von Verkaufsbuden, aber auch die Aufstellung der zum Verkauf bestimmten Tannenbäume auf den öffentlichen Plätzen des Ostens, Südens, Nordens und Westens der Stadt. Bisweilen, wie am Lützowplatz, geht man durch eine schmucke, grüne Allee; die Bäume haben einen Fuß bekommen und stellen sich in ihrer verschiedenartigen Größe zur Auswahl. Es duftet wie der Tannenwald selbst; der ewig lebendige Baum sprüht seinen Athem aus. Ungeheure Massen von Tannenbäumen werden nach Berlin gebracht; ihr Preis hält sich seit Jahren auf gleicher Höhe, ein großer stolzer Baum kann bis zu zehn Mark kosten, der einfache Mann erwirbt einen solchen für eine Mark, bis endlich die theuren und die billigen alle dasselbe Schicksal erreicht. Entkleidet ihrer flimmernden Pracht, stehen sie in den Ecken der Höfe, in den Gärten; in den neuen Straßen des Westens haben sie ihre Aschenbrödelecke auf den Balkonen, bis sie dürr genug sind für das Ofen- oder Herdfeuer oder der Schuttwagen sie aufpackt und so die letzte Erinnerung an das Fest verwischt.

Im vorigen Jahre durchwanderte ich verschiedene Straßen des vornehmen Westens um die Zeit der Bescherung. Mitten im Schnee lichtüberströmte Gebäude; wohin das Auge sich wandte, jenes stille, sanften Frieden und Fröhlichkeit aushauchende Flimmern der Weihnachtslichter, ein Anblick, der Freude und Wehmuth wachruft, aber nur jene Wehmuth der Erinnerung an die selige Kinderzeit, jenen Ernst, der aus dem Gefühl überströmenden Dankes emporsteigt!

Keine Wohnung ohne einen Baum; nur bei denjenigen, die nicht den Heiligen Abend, sondern den ersten Feiertag zur Bescherung wählen, scheint das gewöhnliche Licht oder ist es gar dunkel, weil die Bewohner bei Freunden den Abend zubringen.

Und hier draußen herrscht auch die Stille des Ausruhens, höchstens ertönt jauchzendes Kinderlachen. Im Centrum aber immer gleiches Gewoge, Gedränge, Laufen, Fahren, Geräusch und athemloses Leben ohne Stillstand, wechselnde, so ganz verschiedene Bilder! Nur eine Menschenklasse scheint gar nicht von dem heiligen Feste berührt zu werden. Wo über die zehnte, elfte Stunde hinaus noch Licht hinter den Fenstern und Gardinen sich zeigt, da fahren in langsamem Schritt die Droschkenkutscher zweiter Klasse vor und halten. Es giebt vielleicht eine Fuhre!

Und während die droben in warmer, behaglicher Lust den Fisch, den Braten verzehren, hockt der alte Fuhrmann frierend auf dem Bock und seine Gedanken gehen zu den Seinigen, die, da ihn die Pflicht selbst an diesem Abend hinausrief in die kalte Winternacht, daheim ohne ihn feiern.

Aber siehe! Die Thür öffnet sich. Der Portier erscheint. Einen Teller mit Pfefferkuchen, Pfannkuchen und ein Glas Punsch reicht er dem Frierenden hinauf.

„Von die Herrschaften oben, in die dritte Etage!“ erklärt er, und der Alte nickt und dankt, und etwas Eigenes sickert auf in seinem Innern, und auch er feiert das Fest des Gebens, das Fest echt menschlicher Verbrüderung, das unvergleichliche Weihnachtsfest. Hermann Heiberg.