Beschreibung der Gegend, in welcher die gräfliche Residenz Castell liegt, der darin befindlichen Erd- und Steinarten, und anderer Producte

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Autor: Anonym
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Titel: Beschreibung der Gegend, in welcher die gräfliche Residenz Castell liegt, der darin befindlichen Erd- und Steinarten, und anderer Producte
Untertitel:
aus: Journal von und für Franken, Band 3, S. 129-169
Herausgeber: Johann Caspar Bundschuh, Johann Christian Siebenkees
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Erscheinungsdatum: 1791
Verlag: Raw
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Erscheinungsort: Nürnberg
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Quelle: UB Bielefeld, Commons
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I.
Beschreibung der Gegend, in welcher die gräfliche Residenz Castell liegt, der darin befindlichen Erd- und Steinarten, und anderer Producte.
Das Dorf Castell, die jetzige Residenz der gräflich Castell-Remlingischen Linie, liegt am Fuß des Steigerwald-Gebirgs. Das alte Schloß, ehemahls eine Veste, stand oben auf der Spitze des Bergs, und hatte eine der schönsten und weitesten Aussichten, indem man den größten Theil des sogenannten eigentlichen Frankens von da aus übersehen kann. Bey heiterem Himmel soll man über Ein Hundert Ortschaften vor sich liegen sehen, welches das Bild| einer Landkarte gibt. Der Main, der stückweise, besonders wenn die Sonne ihre Strahlen auf ihn wirft, zwischen den Ortschaften durchschimmert, gibt der Aussicht noch mehr Manchfaltigkeit und Leben.

So schön aber die Aussicht wirklich ist, so mag doch die Unbequemlichkeit, die Wohnung in einer solchen Höhe zu haben, die Herren Grafen bewogen haben, so bald es die Sicherheit erlaubte, ein Schloß weiter herunter zu bauen. Wind und Wetter mögen in einer solchen Höhe nicht wenig beschwerlich gewesen seyn; Personen, welche sich es denken können, als es noch bewohnbar war, und darin gewesen sind, versichern, daß die Zugluft daselbst beynahe unausstehlich gewesen sey.

Der Berg ist von einer beträchtlichen Höhe. Man denke sich die Beschwerlichkeit des Hinauf- und Hinunter-Gehens, des Fahrens und Reitens, auf einem äusserst schlechten Wege, nebst vielen andern Unbequemlichkeiten, z. B. des Mangels an süßem Wasser etc. und man wird leicht glauben, daß die Besitzer sich von der Höhe herab in die schöne Ebene wünschten.

Dennoch wurde, aus vielen Ursachen, auf deren Auseinandersetzung ich mich hier nicht einlassen| kann, das jetzige Schloß erst zu Ende des vorigen Jahrhunderts erbauet. Bis in das Jahr 1740 war das alte Gebäude noch bewohnbar; da aber in diesem Jahre ein erschrecklicher Hagel fiel, welcher die Dächer und Fenster in der ganzen Nachbarschaft zerschlug, und in der Eile aus Noth, weil nicht so viel Ziegel und Scheiben zu haben waren, beydes von dem alten Schloß weggenommen wurde, um den Schaden in dem neuen damit auszubessern, so mußte es von jener Zeit an so baufällig werden, daß seine Wiederherstellung die Kosten nicht mehr verlohnte. Die Mauern fielen ein, und die Steine wurden zu andern Gebäuden verwendet; doch stehet der alte Thurm noch, den man, so viel möglich, zu erhalten sucht, weil man ihn sehr weit in der Ferne siehet. Aber hinaufsteigen kann man nicht mehr, weil die Schneckentreppe, die aus Sandsteinen bestand, welche morsch geworden sind, vor ungefähr 8 bis 10 Jahren herunter gefallen ist.
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Das jetzige Schloß hat Herr Graf Wolfgang Dietrich, der 1709 starb, durch einen Italiänischen Baumeister, zu Ende des vorigen Jahrhunderts bauen lassen. Es liegt viel| weiter unten, als das alte, aber doch noch etwas am Berg, so daß es dennoch eine weite und schöne Aussicht hat. Es ist mit vielem Geschmack gebauet und ganz massiv; von der Nordseite umschließt es der Garten, welcher recht artig angelegt ist.

Der Boden in und um den Ort Castell besteht aus einer schweren, fetten und schwarzen Damm- oder Garten-Erde (humus) welche ungemein fruchtbar ist. Das Getraid geräth daher sehr gut, ganz vorzüglich aber der Haber und das Obst. Ersterer ist vollkörnicht, schwer und mehlreich, weswegen er in der ganzen Nachbarschaft sehr gesucht ist; und letzteres zeichnet sich durch seinen kräftigen und angenehmen Geschmack und durch seine Größe aus. Es fehlt nicht an den besten Sorten; die getrockneten Zwetschgen und Äpfel- und Birnschnitze sind von vorzüglicher Güte, sie werden daher stark aufgekauft und nach Holland geführt. Wenn die Zwetschgen gut gerathen, so hat mancher Casteller eine schöne Einnahme für getrocknete Zwetschgen.

Auch der Wein geräth gut in diesem Boden und ist von den in der Nachbarschaft gebauten Weinen sehr verschieden. Er ist stark,| hat aber doch nicht so viel wildes Feuer als manche andere Frankenweine, besonders die Wirzburgischen; er ähnelt dem Rheinwein, ist aber in den ersten Jahren von erdichtem, fettem Geschmack; wenn er aber oft abgelassen oder, wie man sagt, im Keller fleißig gebauet wird, so gibt es wirklich einen trefflichen Wein, den mancher schon für Rheinwein gehalten hat. Durch das Verführen gewinnt er unglaublich, dieß bemerkt man schon, wenn er nur einige Stunden weit gefahren wird; transportirt man ihn aber viele Meilen, so verändert er seine Farbe und Geschmack zu seinem Vortheil so sehr, daß man ihn kaum mehr erkennt. Ich bin sicher, daß, wenn Auswärtige die Probe mit ihm machen werden, er gewiß ihren Beyfall finden wird. Die Sachsen hohlen zuweilen eine Quantität davon, und bey ihnen muß er gewiß für Rheinwein gelten. Auch fremde Gewächse gedeihen in diesem Boden gut; besonders die achtzeilichte Gerste und verschiedene ausländische Getraidearten, welche starken Boden erfordern. Es sind damit wirklich Versuche gemacht worden; denn der jetzt regierende Graf Albrecht Friedrich Carl zu Castell hat die ganze Sammlung des Herrn| Professor Borowski zu Frankfurt an der Oder, welche aus Einhundert Arten Saamen von größtentheils ausländischen Gewächsen bestehet, auf eigene Kosten kommen und sie aussäen lassen. Von dem was gut einschlägt und dem Boden angemessen ist, wird man eine Quantität Saamen zu erhalten suchen, um dadurch den Anbau ins Große bey dem Landmann bewirken zu können.

Rechter Hand gegen Osten zu, in Entfernung einer Viertelstunde verliert sich die Damm- und Garten-Erde allmählich und es kommt ein rother thonichter Boden zum Vorschein, der sich nach und nach in Sand verliert.

Linker Hand gegen Westen verliert sich die Damm- und Garten-Erde ebenfalls bald, und der übrige Theil der Markung besteht auch aus röthlichter Thon-Erde.

Gerade aus gegen Norden ist etwa eine Viertelstunde weit noch Garten-Erde oder sogenannter schwarzer Boden. Auf einmahl kommt Thon-Erde mit Sand vermischt, und dann bald bloß Sand.

Die ganze Lage und Richtung der Gegend zeigt, daß Wasserfluthen den meisten Einfluß, theils auf die Bildung der Oberfläche, theils| auf die jetzige Beschaffenheit des Bodens gehabt haben, wozu dann der benachbarte Main das Seinige gewiß beygetragen hat.

Darf ich eine, mir sehr wahrscheinliche Muthmassung über die fette Castellische Damm- und Garten-Erde wagen, so stelle ich mir die Sache so vor: der Main hat ehemahls durch seine Fluthen die ganze Ebene mit Sand überführt, das Steigerwaldische Gebirg aber hielt seinen Lauf auf. Nun besteht aber der Theil des Steigerwaldischen Gebirgs, welcher Castell umschließt, größtentheils aus Gyps und Kalchsteinen: aus diesen verwitterten Steinarten bildete sich ein anderes Erdreich, welches der Regen nach und nach von den Bergen herabschwemmte und damit den Sandboden überzog. Die ganze Lage der Gegend macht diese Vermuthung äusserst wahrscheinlich.

Doch nun zurück auf unsere Berge! Das Hauptgebirg, an welchem Castell liegt, bestehet unten aus oben benannter schwarzen Damm-Erde, zwischen welcher Gypsfelsen, und zwar in verschiedenen Richtungen, liegen. Der Boden ist dennoch fruchtbar und auch zum Weinbau geschickt. Mit unter findet man auch Kalch- und kleine Sandsteine. Nach und| nach gegen die Spitze des Gebirgs zu, und schon da, wo das alte Schloß gestanden hat, kommt man auf Sandsteine in mächtigen Lagen und Felsen. Ja es scheint, als ob dieser weiche, weißlichte Sandstein die Decke des Gebirgs ausmache; denn so wie sich das Gebirge immer mehr erhebt, so verliert sich der Gyps und der Kalch und damit auch die schwarze Erde, und ganz oben im Gebirge findet man nichts als Sandboden und Sandsteine, welche zum Theil in ungeheuren Massen liegen. Das ganze Steigerwalder Gebirg bestehet daher bloß aus Sand, mit etwas leichtem Thon vermischt und Sandstein-Lagen.

Der Gyps und Alabaster, welchen man in und um Castell und besonders auf den beyden Schloßbergen in so großer Menge findet, ist in der ganzen Gegend der beste. Er ist nicht nur ausserordentlich weiß und rein, ohne Vermischung fremdartiger Theile, sondern auch sehr fett, und zieht, wenn er gebrannt und dann mit Wasser vermischt wird, ungemein schnell an und erhält eine Härte, wie der vesteste Stein.

Es gibt aber verschiedene Arten Gyps, die ich deshalb mineralogisch zu beschreiben, für| nöthig erachte. Der Gyps, gypsum, gehört bekanntlich unter die Classe der Erden und Steine - und zwar unter die Ordnung der kalchartigen, (Calcariae.) Er ist eigentlich ein Kalchstein, der aber schon mit einem acido, vorzüglich mit Vitriolsäure so gesättiget ist, daß er keine Säure mehr anziehen kann; daher braußt er nicht, wie der Kalchstein, mit Scheidwasser auf. Er ist undurchsichtig, und der gemeine, schlechte Gyps, gypsum vulgare, läßt sich auch nicht gut poliren; im Feuer wird er mürbe, und der Dampf, welcher von ihm in die Höhe steigt, macht einen Gestank wie Schwefelleber oder faule Eyer. Gebrannt, zu Mehl gemacht und mit Wasser angefeuchtet, verhärtet er sich zu einer vesten Masse. Solchen gemeinen Gyps, der aber fremdartige Theile hat, besonders mit schwarzgrauem Thonschiefer häufig durchzogen ist, gibt es um Castell herum in Menge. Reiner, feiner und schöner, also auch kostbarer ist der Alabaster, alabastrum. Er ist ein feiner Gyps, so wie der Marmor ein feiner Kalchstein ist. Er braußt auch nicht mit Scheidwasser auf, ist undurchsichtig, nimmt aber eine feine Politur an. Der Casteller ist| dem Marmor so ähnlich, daß man ihn nur durch die Scheidewasser-Probe davon unterscheiden kann. Polirt sieht er vortrefflich, wie der feinste Marmor, aus, wird auch statt dessen gebraucht, aber er verwittert in der freyen Luft, hält aber trefflich und behält seine Farbe und Politur da, wo er vor der Nässe und Luft gesichert ist.

Dieser Alabaster ist das vorzüglichste mineralische Product im Castellischen. Es gibt davon dreyerley Abarten:

1) ganz weissen, sieht speckicht aus, hat keine Adern, nimmt auch Politur an, ist aber doch weicher, als N. 3. und fällt in künstlichen Arbeiten auch nicht so gut ins Auge.

2) der weiß und graue oder grauaderichte, ist nicht so rein, als der ganz weisse, sondern mit fremdartigen Theilen vermischt; läßt sich aber doch trefflich poliren, ist gewöhnlich härter, als der weiße, und siehet wegen der grauen Adern, mit welchen er durchzogen ist, dem bunten Marmor vollkommen ähnlich. Ich hielt ihn anfangs für eine ganze andere Art, da er sich dem Auge so ganz auffallend verschieden darstellt, und glaubte wirklich, es sey Marmor. Aber das Scheidewasser benahm mir| meinen Irrthum. Da ich nun neugierig geworden, was doch die grauen oder graulicht-blauen Adern seyn möchten, so zerlegte ich ein Stück davon und untersuchte seine inneren Bestandtheile aufs genaueste. Ganz überrascht war ich, als ich fand, daß die grauen Adern aus weiter nichts bestehen, als aus einer grauen oder bläulicht-grauen Thon-Erde oder Kalch-Schiefer, welche sich in die Zwischenräume hineingesetzt hat und mit verwachsen ist. Dieser scheint also durch den weißen Alabaster durch, und bildet Adern, welche sehr niedlich aussehen, wenn er gut polirt ist.

Die Säulen und Gesimse an der Canzel in der Casteller Kirche, die wohl die schönste protestantische Kirche auf dem Lande in ganz Franken seyn möchte, sind von solchem Alabaster, statt Marmor gemacht. Und der meiste sogenannte Marmor, welcher in der prächtigen Kirche des Klosters Eberach befindlich ist, wurde von Castell gehohlt.

3) roth geäderter oder gestreifter. Dieß ist die allerbeste und auch dem Ansehen nach schönste Art, wird auch nicht so häufig gefunden, als die andern 2 Arten. Er ist ungewöhnlich hart, und dem Marmor fast| ganz gleich; dennoch zweifle ich, ob er in freyer Luft aushält, ob er gleich daurender seyn mag, als die beyden andern Arten. Die rothen Adern und Streifen entstehen durch eine roth-braune eisenhaltige Erde: und überhaupt dünkt mich, daß Eisentheilchen, welche sich mit dem Gyps verbunden haben, die Hauptursache seiner mehreren Schwere und Vestigkeit sind.

Da es an mehreren Orten in der hiesigen Gegend, wie ich unten noch weitläuftiger zeigen werde, nicht nur Braunstein, sondern auch Eisenminern, welche zu Tag liegen, in großer Menge gibt, so wird man dieses Resultat meiner Untersuchung um so wahrscheinlicher und glaublicher finden.

Er sieht ungemein schön aus und in der neuen Casteller Kirche ist der Altar damit belegt. Seit dem Kirchenbau, da der nun verstorbene sehr geschickte Stuccatur-Arbeiter Krüger in Nürnberg ihn hier gleichsam aufs neue entdeckt hat, ist er erst wieder bekannt, schön gefunden und benützt worden. Auch zur obenerwähnten Kloster Ebrachischen Kirche ist viel von dieser Art abgehohlt worden. Endlich findet man von Gypsarten auch den Strahlgyps oder Federweiß, stirium. Er ist fasericht,| die Fasern oder Strahlen laufen aber alle perpendiculär: der Farbe nach ist er ganz weiß und hat einen glänzenden Bruch. Er liegt selten allein, sondern allemahl bey oder in der Nachbarschaft des Alabasters und Gypses, mit dem er oft auf das vesteste zusammengewachsen ist. Man findet ihn in großen Tafeln, wo 1/2 Zoll bis 3 Zoll dick, welche allemahl horizontal in der Erde liegen. Wäre die Masse selbst nicht so zerbrechlich, so könnte man ganze Tafeln von vielen Quadratschuhen im Umfang herausbringen. So weich aber die Masse ist, so durchschneidet sie in der Erde doch alle Körper, welche sie antrifft. Ich habe solche Federweißtafeln gesehen, welche sich vor einem mächtigen Gypsblock zeigten, durch denselben durchgingen, zum Theil vest mit ihm verwachsen waren und hinter demselben in gleicher Richtung weiter fortliefen und Damm-Erde, Thon- und Mergel-Lagen durchschnitten. Weil er aber sehr zerreiblich und oft mit andern Körpern zusammen gewachsen ist, so bringt man selten ganze große Tafeln heraus.
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Das Federweiß wird höher geschätzt, als der Gyps und Alabaster, und daher fleißig gesammelt.| Der Centner kostet, ganz roh, von 24 bis zu 30 kr. Rheinisch. Die gemeinen Leute geben es ihrem Vieh als eine Arzeney; ehemahls hat man es auch in den Apotheken gebraucht, und es dient als ein absorbens. Seiner Zerreiblichkeit wegen braucht man es auch häufig zu Streusand.

Nun etwas zur Geschichte des Casteller Gypses, so viel ich davon habe auffinden können.

Die Gypssteine selbst zu entdecken, forderte nur gesunde Augen, da sie häufig zu Tag liegen: aber wer sie als Gypssteine erkannt und wer die Entdeckung gemacht habe, das weiß man nicht, und es ist sogar nicht einmahl mehr eine mündliche Überlieferung darüber vorhanden. Die erste Entdeckung muß sich aber ganz in das graue Alterthum verlieren: denn ziemlich alte Nachrichten thun des Alabasters oder Marmors als einer bekannten Sache Meldung.

Die älteste schriftliche Nachricht, welche davon sich vorfindet, ist von 1578. In diesem Jahr schrieb nämlich Ludwig Pfalzgraf bey Rhein des Hayl. Römischen Reichs Erztruchses vnnd Churfürst, Herzog in Bayern etc.| an den damahligen Herrn Grafen Heinrich zu Castell:

Er sey endtschlossen, dem Hochgepornen Fürsten, Pfalzgrauen Friederichen Churfürsten etc. seinem gelipten Herrn Vater Christseligen gedechtnus ein Epitaphium aufrichten zu lassen; dazu gemachtem Vberschlag nach, in die Ein hundert funfzig schug Alabasterstein notwendig sein und er dann berichtet, daß in der Grafschafft Castell sich Alabaster erzeugen vnd zwei underschidtlicher braun vnd weiß gefallen sollen, welche zu disem fürhabenden Werck, nicht wenig fürstendig sein mögten; So sey sein günstig Gesinnen Ihm zu berichten: wie es mit solchem Alabaster beschaffen, ob vnd in welchem Werch also die menig vnd zum Theil an grosen stucken, darauß ganz Bildenussen zuhauwen, zuerlangen, auch beider Gattung deß weißen und braunen, Ihm mit disem Potten zur Prob etwas zuzusenden vnbeschwert seyn, solches sei Er hinwiderumb mit gunstigem Willen und in Gnaden zu erkennen geneigt. Datum Heidelberg den 16. Decembris, Anno etc. 78.

Da Graf Heinrich zu seinem Antheil Remlingen bekommen hatte, so schrieb er deshalb s. d. 29. Dec. ei. a. an seinen Herrn Bruder Grafen Georg zu Castell:

Was gestrigen Abends der Churfürst Pfalzgrauv an mich des Alabasters halber geschrieben, hast du beyligends zu lesen, dem Ich wider beantwort, dann der Bott nit wider hinauf zu dir gehen wollen, der Ich von keinem braunen, noch gar weissen Alabaster wisse, sondern seie nuhr | gräv mit schwarzen straimen (d. i. Streifen) zu dem klein stückwerck, daraus nit ganze Bilder zu machen, auch in grosser Anzahl schwerlich zu bekommen, man wolte dan grossen Vnkosten mit abraumen vnd Verderbung guter Weinberg vffwenden, so doch vngewiß was zu finden, Es sey auch solcher Alabaster nit in meinem sondern deinem Theil zu Castell zu finden, da aber Ire Churfl. G. daran nit gebrech, mögen sy Jemandt der Irigen, dieser sach verstendigen zu dir abordnen, der werde die gelegenheit alsdann besser erkundigen, Ob Er nuhn mit meiner antwort sich abweisen lassen oder ferner zu dir schicken würde, das gibt die Zeit. Ich habe es dich dann wohl verstendigen wollen vff den fhal mit gebürender antwort gefast sein mögest.

Vom weiteren Erfolg findet sich nichts in den Acten. Aber aus einem, des Kurfürsten Ludwigs Schreiben, beygelegtem Briefe ersiehet man, daß eigentlich Johann von Trorbach, Bildhauer zu Simmern, den Kurfürst Ludwig ersucht habe, ihm durch ein gnädiges Vorschreiben, Castellischen Alabaster zu obgedachtem Epitaphio zu verschaffen.

Bey Gelegenheit einiger Bestellungen von Auswärtigen, findet sich ein Bericht des Amtmann Keller zu Castell über den Alabasterbruch an den Herrn Grafen [1] Wolfgang zu Castell, dd. 12 Iuny ao. 1614.

|      Gnediger Graue vnd Herr!

Vf Ew. Gn. gnedig schreiben, so mir gestrigs tags zukhommen, hab Ich den Schultheißen zu Castell, hiesigen Alabaster Steinbruchs halb im Grüber, (dieß ist der Name einer bergichten Gegend bey Castell,) vnd Bericht gefragt, der zeigt mir an, Es sey solcher Alabaster Steinbruch, seit Ew. G. geliebten Fraw Mutter wollseeliger gedechtnuß Epitaphium nach Rüdenhausen gemacht worden, welches vor ettlich vnd zwainzigh Jharen geschehen, nicht mehr geöffnet, sondern selbigmahls alsobalden wider mit erden verdeckht worden, So hab man auch dazumahl gahr schöne, große stuekh Alabaster deren Ortts funden vnd gebrochen vnd weren dieselben nicht tief gelegen.

Wie weitt vnd tieff sich dann solcher Steinbruch erstrekhe, vnd ob viel oder wenig stein darinnen zubekhommen, das könne er nicht wissen, Aber dazumahl were kein mangel an Steinen gewesen vnd hetten derselben woll mehr können gebrochen werden, wenn man deren bedörfft.

Dann wie ich vernimb, So hatt man nicht weitters abgeraumt oder gebrochen, als was man zum selbigen Epitaphio bedörfft, wie dann selbiger Zeitt ettliche stuekh Alabaster vberplieben vnd zum theils noch in Ew. Gn. Alten Mühl[2] zu
| Castell zu finden. Ob sie aber noch gutt vnd zu gebrauchen seyen, das würdt ein Bildhawer am besten wissen, wann er dieselben siehet.

Das hab Ew. Gn. Ich zu begerttem Bericht gehorsamblich vberschreiben vnd mich dabey zu gnaden in Vnderthenigkeit beuehlen wollen.
Datum Castell am heyl. Pfingstag den 12. Jun. Ao. 1614.

Ew. Gn.
vnderthenig gehorsamer
Diener, 
N. Keller. 


Aus den Acten ersiehet man, daß zu verschiedenen Zeiten Alabaster ist ausgeführt worden:

1607 unter der Regierung des Erzherzogs Maximilian zu Österreich etc. Administrators deß Hochmeisterthumbs in Preußen, Meister teutsches Ordens in teutschen vnd welschen Landen etc. wurden einige Fuhren Marmelstein (d. i. Alabaster) nach Mergentheim abgeführt.

1644 wurden 68 Stück Alabaster-Stein zu einem Altärlein in das Prediger Closter zu Wirzburg, welches Herr Hannß Philipp Preuß, Bildhauer, gemacht hat, zu Castell gebrochen und nach Wirzburg geführt.

Als 1653 ein Alabaster-Arbeiter, Magnus Johannes Roßkopf von Nürnberg

| sich meldete, den Alabasterbruch besichtigen zu dürfen, und Lust bezeigte sich in Castell zu setzen, so bezahlte ihm der Herr Graf Wolfgang Georg die Reisekosten und befahl dem damahligen Amtmann Körner zu Castell, in einem Schreiben von Regenspurg aus dd. 20 Iuny 1653, gedachtem Alabasterschneider allen Vorschub zu thun.

Hierauf berichtete nun der Amtmann Körner folgendes s. d. Castell 1 July 1653 nach Regenspurg an den Herrn Grafen Wolfgang Georg:

Er habe, dem gnädigsten Befehl zu Folge, dem obengedachten Alabasterschneider, die Steinbrüche nach einander, alß 3 Orth, da Roter, vnd 3 wo hiebevor weißer Alabaster gebrochen, deßgleichen die Epitaphia in den Kirchen gewisen, vnd besichtigen lassen, dem gefalle zwar der locus et situs Allhie gar wohl, aber auff den roten Alabaster wolle er nicht viel halten, hätte aber die gebrochene stükh besehen, gebe vor, Er were gar voller Gallen, da man selbigen seubern thätte; So weren die stücklein zu seiner Arbeit gar zu gering, es möchte wohl, wann man waß dran wenden wolte, größere stückh gefunden werden, so iedoch vngewiß, lege am Glükh gleichwie in andern Bergwerken, gehöre ein Verlag darzue, welches Er zue thun nicht in Vermögen, Er hette ein schön Rotes stücklein, so im Frauen Ziemer gelegen, zu sich zur prob, etwaß daraus zu machen, genommen, vnd vermelt, hette sein | Lebtag, da Er doch weit gereist seye, nie keinen Roten Alabaster in Europa gesehen, da sich noch ein Rechter steinbruch dergleichen Roten Alabasters von großen stücken, erzeigen solte, were Er viel gelts werth; An weissen Alabaster, daß dessen nicht die Meng vorhanden, were nicht zue zweiffeln; Jedoch könne Er nicht wissen, was hinter solchem stecke, biß Er vorhin auch Arbeit darvon machen thete, vnd wolte wüntschen, daß Ew. Hochgräfl. Gnaden, da Sie wieder hiehero Reißen würden, im Durchreißen zue Nürnberg Er selbst vnderthenig vßwarten möchte. Herrn Grav Conradts zu Castell Epitaphium hatt Er an der Arbeit, daß es Künstlicher vnd Fleißiger, als Deroselben Herrn Vatters Hochwohlseel. gedächtnus, gemacht seye, gelobt.“

Der Alabaster-Arbeiter ging wieder zurück nach Nürnberg; es mag ihm wohl an Geld und auch an Kenntniß des Gesteins gefehlt haben, sonst hätte er den rothen Alabaster nicht so herunter gesetzt, und nicht lange nachher wurde er in der Fechtschule zu Nürnberg erstochen.

Im Jahr 1659 schrieb der Fürst-Abt Joachim zu Fulda nach Castell, und bat sich so wohl weisen, als rothen Alabaster aus, welcher ihm auch verabfolgt wurde.

Im Jahr 1676 war der rothe Alabasterbruch ausgegangen, und man zweifelte damahls, ob sich wieder dergleichen finden werde.

| 1708 hat sich Herr Franz Emmerich Wilhelm von Bubenhein, Domdechant zu Mainz, 150 Centner des besten weißen Alabasters, gegen Bezahlung, zu Vollendung eines Altars in der Domstiftskirche zu Mainz, in einem Schreiben an Herrn Grafen Wolfgang Dietrich, dd. Mainz den 27 Octbr. 1708 aus, und da wegen allerley Hinderniß das Graben ins Stecken gerieth, so erließ der damahlige Kurfürst Franz, geborner Graf von Schönborn, selbst ein sehr höfliches Ersuchungs-Schreiben an den Herrn Grafen Wolfgang Dietrich, dd. Geybach, den 4. Nov. 1708.

1740, 1741 und 1743 wurde sehr viel Alabaster, mit gnädigster Erlaubniß, von Castell nach Kloster Schwarzach zum neuen Kirchenbau geführt.

1744 abermahl 50 Fuhr auf einmahl.

In neueren Zeiten hat das Kloster Ebrach den meisten zu dem dasigen Kirchenbau hohlen lassen.

Zu der neuesten Geschichte des Casteller Gypses gehört endlich die Anlage, welche der Herr Rath Cunradi zu Castell gemacht hat, um den Gyps besser zu benutzen. Dieser hat nämlich ein besonderes Brennhaus zu dieser Absicht| bauen lassen, und sein daneben stehendes Haus erleichtert ihm die Aufbewahrung des vorräthigen gebrannten Gypses. In diesem Brennhause ist ein Ofen aufgebauet, welcher 10-12 Fuhren rohe Gypssteine faßt, in demselben wird der schlechtere Gyps, gypsum vulgare, den er in einem eigens dazu erkauften Berg im sogenannten finstern Thal graben läßt, gebrannt und nachher gedroschen. Dieser schlechtere Gyps wird in der größten Menge verbraucht; er ist den Maurern als Beysatz zum Kalch sehr angenehm, weil er ausserordentlich bindet, geschwind anzieht, viel Sand verträgt und eisenveste Mauren macht; auf die Felder, besonders auf magere Wiesen, ist er der trefflichste und wohlfeilste Dünger, man mag dagegen sagen, was man will, denn die Erfahrung bestättiget es: und endlich wird er auch zu den Estrichböden gebraucht. Ungeachtet die Anlage ganz neu ist und das Gypsbrennen erst mit dem Monat May vorigen Jahrs anfing, so hat er doch schon vielen Abgang gefunden. Es sind an 300 Fuhren rohe Steine gebrannt und gedroschen worden, welche ein paar tausend Metzen Gypsmehl ausgaben.
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| Der meiste Verbrauch desselben war zu Estrichböden, deren große Vortheile man zu erkennen anfängt, da man sie leicht und wohlfeil haben kann und da die Breter so ausserordentlich theuer werben. Herr Rath Cunradi läßt sie aber bloß von Gypsmehl, nicht wie die alten Estrichböden mit untermischten Ziegelstücken, und nicht so dick machen. Da der Casteller Gyps sehr fett und zähe ist, so sind sie dennoch sehr dauerhaft, und beschweren die Häuser nicht so sehr durch übermäßiges Gewicht. Zwey seiner Taglöhner hat er das Estrichstreichen lernen lassen, welches zwar keine große Kunst ist, aber doch seine Vortheile erfordert. Diese haben vorigen Sommer mehrere tausend Quadratschuhe zu allgemeiner Zufriedenheit gypsirt. Solcher Estrich ist wohlfeiler und zugleich dauerhafter als ein gebreterter Boden; er läßt keine Feuchtigkeit durchsickern, schützt also das Gebälke für Fäulniß, er zieht sich nicht in die Höhe und bekommt keine Risse, wie die Breter, in welche das Getraid hineinfällt und welche den Mäusen zur Herberge dienen; man hat einen stets glatten, ebenen Boden, der sich mit leichter Mühe durch blosses Kehren reinigen läßt. Das Getraid liegt| darauf kühl, und erwarmet nicht so leicht, ist also um so gesicherter vor dem Kornwurm; und enlich, welches auch kein geringer Vortheil ist, können die Mäuse sich nicht so leicht durch den Gyps durchfressen und sich nicht so bequem darunter aufhalten, als unter den Bretern. Der Vorwurf, als ob ein solcher Estrichboden die Gebäude beschwere, ist größtentheils ungegründet. Alte Häuser mit verfaulten Balken taugen freylich nicht dazu: aber diese taugen überhaupt nicht mehr, etwas, das nur irgend eine Last hat, zu tragen. Wenn man bedenkt, daß eine solche Gypsdecke nur einen Zoll dick ist, daß das Gewicht der ganzen Masse vertheilt und jeder Balken also nur einen Zoll dick ist, daß das Gewicht der ganzen Masse vertheilt und jeder Balken also nur einen kleinen Theil dieses Gewichts zu tragen hat, und daß das Gebälk eben dadurch vor der Fäulniß bewahrt wird, so wird man leicht einsehen, daß die Last so sehr groß nicht seyn kann. Ein Quadratschuh Gyps wiegt etwa 5 , wenn man nun diese Schwere von 5 ℔ auf den Inhalt eines Quadratschuhes gleich austheilt, wie ist es da möglich zu glauben, daß dieß eine große Last sey? Der Leimen in den Riegelfällen ist unendlich schwerer.
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| Nun kann theils einen Boden überhaupt veraccordiren, theils nach dem Quadratschuh machen lassen, theils den Gyps metzenweise dazu nehmen. Weil der Casteller Gyps so vorzüglich gut ist, und immer frisch gebrannter, der also noch nichts von seiner Kraft verloren hat, dazu genommen wird, so werden die Estrichböden davon ungemein weiß, glatt, vest und dauerhaft.

Ausser dem Brennofen sind in obenbesagtem Brennhause auch noch ein Kessel und eine grosse eiserne Platte, deren jedes einen eigenen Heerd hat. In diesen wird der feine oder Alabaster-Gyps, der aber vorher roh, zu feinem Mehl gemahlen seyn muß, gesotten: man braucht ihn zu Stuccatur-Arbeiten. Beyde Arten können in Menge geliefert werden. Damit aber die Waare nicht durch das Liegen verderbe und ihre Kraft verliere, so wird kein großer Vorrath gemacht, aber alles so in Bereitschaft gehalten, daß, so bald Bestellungen kommen, sie in aller Geschwindigkeit können befriedigt werden, und also der Käufer immer sicher ist, gute, frische Waare zu erhalten. Was die Preise betrifft, so werden diese so billig als möglich gemacht.

| So viel von der Geschichte eines Products, welches nun, nach mehreren Jahrhunderten erst, im Lande selbst verarbeitet und benutzt wird. Vielleicht sucht noch einstens ein Alabasterschneider und Gyps-Figuren-Bossirer die an diesem Product so reiche Casteller Gegend auf, um es noch edler zu verarbeiten und sein Brod dabey zu gewinnen.

Ausser dem Gyps gibt es auch Kalchstein in Menge, welcher theils bey dem Gyps, theils in dessen Nachbarschaft liegt. Es ist der gemeine, dichte, Kalchstein, calcarius, aber eine schlechte Art: denn er siehet blaulichtgrau aus und brennet sich nicht weiß. Er bindet zwar gut und ist deshalb bey Wasserwerkern wohl zu gebrauchen, zu ansehnlichen Gebäuden mögen ihn aber die Maurer nicht anwenden, weil er eine schmutzige Farbe hat, daher sie ihn schwarzen Kalch nennen, und für die Tüncher ist er ganz unbrauchbar.

So weit nun der Gyps und die schwarze Damm-Erde sich erstrecken, da findet man nur solchen blauen Kalch. So wie aber linker Hand von Castell gegen Süden und Westen rother oder gelber thonichter Boden zum Vorschein kommt, verändert auch der Kalch seine| Farbe und geht von der blauen Farbe in die gelbe über und diese letztere Art brennt sich weiß. In der Ebene nur, aber auf den Casteller Bergen nicht, findet man ihn; von Castell aus gegen Kleinlangheim und weiter hinunter, also von Osten gegen Westen ziehet sich ein sehr mächtiges Kalchsteinflötz hin, welches aber ziemlich tief liegt; und da sich die Gegend nach Castell hin erhebt, so muß man in diesem Ort um so tiefer darnach graben: theils aus Bequemlichkeit, theils weil die erste Anlage zu einem solchen Kalchsteinbruch etwas kostbar ist, hohlt der hiesige Ziegler seine Kalchsteine noch zu Kleinlangheim, ungeachtet man ihm auf seinem eigenen Acker, durch Hülfe des Erdbohrers, eben denselben Stein, welchen er zu Kleinlangheim kaufen und von da heraufführen muß, entdeckt hat.
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Das sämmtliche Quellwasser in Castell kommt von dem Gebirge herab, worin Gyps und Kalchsteine liegen, es ist daher in ganz Castell, so quellenreich auch die Gegend ist, kein Tropfen süßes Quellwasser, welches zum Kochen tauglich wäre, zu finden, sondern alles ist sogenanntes Bitterwasser, dessen charakteristisches darin besteht, daß es keine Seife auflöst,| also nicht zum Waschen tauglich ist, und daß man keine Hülsenfrüchte damit weich kochen kann; Gemüße kocht es zur Noth weich, aber sie bekommen einen bittern Geschmak davon, daher es den Namen Bitterwasser erhalten hat. Diese angegebenen Eigenschaften rühren bloß von Gyps- und Kalchsteintheilchen her, welche das in den Bergen herabfließende Wasser von den Gypslagen auflöst und aufnimmt. Es ist im Sommer sehr frisch, fast eiskalt, und das lebendige Bitterwasser friert in der größten Kälte nicht; dem Ansehen nach, da es crystallhell ist, scheint es ganz rein und mit fremden Theilen unvermischt zu seyn. Läßt man es aber einige Zeit stehen, oder kocht man es, so gibt es einen starken Niederschlag, welcher die Gefäße mit einer Cruste überziehet; es incrustirt auch Steine, Holz etc. wenn sie lange darin liegen. Im Geschmack merkt man kaum, daß es mit Gypstheilen geschwängert ist, aber desto mehr beweist es dieß durch seine Wirkung. Wer es nicht gewohnt ist, bekommt gewöhnlich davon entweder Durchfall oder einen Ausschlag, und ich vermuthe daher, daß es Bittersalz enthalten muß. Pferde und Rindvieh, überhaupt die vierfüßigen Thiere| vertragen es ganz gut, ohne daß man eine besondere Wirkung davon bey ihnen spürt. Aber mit den Fischen ist es nicht so, im Bitterwasser kann man nur Karpfen ziehen, Hechte zur Noth; Aalruppen, Persing etc. und Krebse aber vertragen es nicht. Fisch, welche im süßen Wasser erzogen worden, stehen gewöhnlich im Bitterwasser ab, doch halten sich auch die Karpfen noch am besten.

Man muß dem Bitterwasser schon in ganz alten Zeiten Heilkräfte zugeschrieben und vielleicht schon im 15ten Jahrhundert, gewiß aber im 16ten, es zum Baden gebraucht haben. Im J. 1601 hat der Herr Graf Wolfgang ein großes Haus dazu mit vielen Kosten erbauen lassen, welches das Wildbad genannt wurde, weil für die vielen Fremden, die es besuchten, nicht die erforderliche Bequemlichkeit zum Baden, und auch nicht Logis genug vorhanden waren. Es ist davon eine Beschreibung in den Druck gegeben worden, welche den Titel führt:

Castellische Wild-Bads Beschreibung, wie solches nüzlichen zu gebrauchen, auch was es für Mineralia in sich habe und führe durch Melchior Meißnern anjetzo zu Castell, Anno| 1669. Onolzbach. Gedruckt bey Johann Hornung.

Darin wird das Bitterwasser so beschrieben: Es sey schön hell und klar, halte in sich Salpeter, Schwefel, Vitriol und ein wenig Alaun, so man solches trinke, sey es anfänglich an dem Geschmack süßlecht, zulezt aber adstringirend und metallisch, gleichsam wie Kupfer oder Messing, etwas bitter; so es zu dem Baden, in deme darzu gehörigen Kessel gesotten werde, sey es weißlicht, wie eine Milch, wann es eine Zeitlang stehe, schlage sich ein weisses Pulver zu Boden, in dem Sieden hänge sich im Kessel ein weisser Stein an, welcher ausser Zweifel, seinen Nutzen in der Arzney auch haben werde, weiln der Verfasser dieser Beschreibung aber erst eine kurze Zeit allda gewohnet, habe er solchen noch nicht auf die Prob setzen können, solle aber, so ihm Gott das Leben friste, ins Künftige geschehen.

Nota. Es ist aber nichts davon zu finden.

Ich kann nicht umhin hier folgenden Gehalt des Bitterwassers anzugeben, den man durch einige, freylich nicht ganz vollkommene, im Winter gemachte Versuche, gefunden hat. Durch vegetabilisches Laugensalz ließen sich| aus 6 Unzen Wasser gegen 24 biß 30 Gran Kalcherde niederschlagen. Während des Niederschlags entwickelte sich etwas Luftsäure, die das Mittel zu seyn scheint, wodurch die Kalch-Erde mit dem Wasser verbunden wird; diese scheinet auch dem Wasser seine ausserordentliche Kälte zu geben. Es scheint auch, daß unter vieler Kalch-Erde, vielleicht unter 500 Gran, auch Ein Gran Eisen enthalten sey, welches man aber wegen Unvollkommenheit der Versuche nicht gewiß bestimmen kann. Andere Minerale sind aber gewiß nicht darin anzutreffen.

Das Badhaus hatte 5 Stockwerke, unten war es gewölbt und zum Baden eingerichtet, und hatte 2 Abtheilungen, davon die eine für das männliche, die andere für das weibliche Geschlecht bestimmt war. Die oberen Stockwerke waren zu Wohnungen für die Badgäste eingerichtet. Das Haus hat 2 Eingänge, und über dem einen von denselben ist ein schöner ausgearbeiteter Tragstein eingemauert gewesen, darauf eine wohlgezierte steinerne Tafel gestanden, oben an dieser Tafel sey das Hochgräfliche Castellische Wappen, unten daran nachfolgende Schrift eingehauen gewesen:

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Sechzehen hundert und ein Jahr
nach Christi Geburth gezehlet war,
Alß Wolffgang ein Regierend Herr
und Graff zu Castell Gott zu Ehr
und dürfftigen Leuten zu gut,
welchen die Bad Cur helfen thut,
zu guter Gesundheit und zu Stärk
aufführen ließ, ein Jeder merck,
von Grund auf diesen Bau hieher,
diß war Sein Meinung ohngefehr,
Gott gibt Seegen und Hülf am besten,
Dem Hauß Castell und den Badgästen.
Wer ihnen solches wünscht von Herzen,
den behüt Gott vor allen Schmerzen,
Auch den Bauherrn und sein Gemahl
vor vielen Kranckheiten und unfall.
 16 Amen. 01.

Melchior Meißner, wahrscheinlich der Bad Medicus, macht auch von den Wirkungen dieses Bads eine Beschreibung:

Dieses kräfftigen Wassers oder Bads-Würckung anlangend, so heilet es alle aus dem Leib fallende Grind, Kräz, Rauten und dergleichen Krankheiten, wie auch versalzene offene Schäden, curirt alle lahme Glieder des ganzen Leibs, vertreibt das Ländenweh, eröffnet die Verstopfung der Nieren, treibet den Harn, dienet den Weibern vor alle Gebrechen der Mutter, verzehret| den weissen Fluß, alten und iungen Weibspersonen, machet die Weiber fruchtbar, bringet Lust und apetit zu dem essen, fördert die Tauung, dienet die kalte schmerzhaffte Flüß zu erwärmen und die Schmerzen zu stillen, ist also dieses Wasser nicht allein zu iezt gemelten, sondern auch andern Krankheiten sehr nüzlich, wie dann solche sollen observirt, in acht genommen werden, auch in das Künftige geliebt es Gott, weitläufftiger Bericht hiervon geschehen.

Darauf folgt eine Anweisung wie das Bad zu gebrauchen sey, nebst der vorgeschriebenen Diät – alles im Geist, und Geschmack des vorigen Jahrhunderts!

Um doch eine Probe zu geben, wie die Diäterik in der Mitte des vorigen Jahrhunderts beschaffen gewesen, so will ich einen kurzen Auszug von dieser diätetischen Vorschrift geben, in Hoffnung daß sie dem Leser nicht ganz unangenehm seyn werde.

„In dem Baden, damit die Kräfften erhalten, und der Leib nicht zu sehr geschwächt werde, kan man sich allerhand kräfftigen Mitteln befleißigen, alß Morsellen, Pfaffenfuter, eingemachte Erbslein, Johannes Träublein, Weichßel, Citronath, Rosenzucker, rothe und weisse Kraft-Zeltlein, Schlag- Zimmet- Perlein- und dergleichen köstliche Wasser, es kann auch nicht schaden Rosen, Spicanard, Majoran und dergleichen| wohlriechende Sachen so gut zu dem anstreichen an der Hand seind, damit allen unversehenen Zufällen man kann begegnen.

Wenn der Patient das Bad verrichtet, solle er etwas schweiß treibendes zu sich nehmen, sich eine halbe oder ganze Stund in ein Bett begeben, dann sich mit einem warmen Tuch lassen wohl abreiben, die Leilacher (d. i. Bettücher) wiederum waschen und trucknen, auch das Bett in die Lufft hengen, damit der böße Schweiß nicht wiederum in den Leib schlägt, so der Schweiß verrichtet, kan er ihme, zwey oder nach Belieben mehr Schnitten weiß Brod Bähen laßen, daselbige mit gutem Trisaneth bestreuen, Wein darüber gießen und zu sich nehmen, dann biß zu der Mittag- oder Abend-Mahlzeit (welche Schwachheit halben können fortkommen) spazieren gehen.

Das Diät muß zu allerforderst recht gehalten, und wohl in acht genommen seyn, daß man sich in essen und Trinken nicht überfülle, in jeglicher Mahlzeit kann ein halbmaas guter mittelmäßiger Wein, der nicht zu stark, genoßen werden, die Speißen seind die besten, so leicht zu verdauen und gute Nahrung geben, aber allerhand grobe Speisen, sonderlich Milch, Obst, Käß, Sauerkraut und dergleichen, solle man sich gänzlich enthalten, alsdann kann ein Patient von einer Mahlzeit zu der andern fasten, jedoch umb Vesper Zeit, ehe er das Bad besuchet, kan er zu erhaltung der Kräfften abgeordnete kalte Schalen gebrauchen.

Die ganze Abhandlung schließt Er mit folgendem medicinisch christlichen Wunsch:

Der allerhöchste Gott wolle Gnad und Seegen verleyhen, daß alle und Jegliche hohe und | niedrig Stands-Persohnen, so dieser Cur gebrauchen, zu völliger Gesundheit gelangen, darvor Sie auch ihrem Schöpfer werden Danck zu sagen wissen, Amen.

Allein die Wunder und Hellkräfte dieses Bads müssen so gar ausserordentlich nicht gewesen seyn, denn mit Anfang dieses Jahrhunderts nahm die Besuchung desselben schon sehr ab, und endlich ließ man es ganz eing[eh]en, vermuthlich auch mit aus der Ursache, weil ein Bad in einer Residenz etwas beschwerliches ist.

Jetzt ist die Regierung in dieses große, ansehnliche Gebäude, ehemahls das Wildbad genannt, verlegt, und es ist sehr zu zweifeln, ob je wieder Gebrauch von diesem Wasser gemacht werden wird, da es der Bäder sonst so viele gibt.

Das ganz süße und zum Kochen taugliche Wasser ist also in Castell etwas sehr schätzbares. Alle die Berge, welche Castell wie ein halber Mond umgeben, haben Bitterwasser; nach langem Suchen entdeckte man auf einem Berge gegen Südwest, welcher beynahe eine halbe Stunde vom Orte entfernt ist, süsses Wasser. Ob es gleich keine eigentliche Quelle, sondern nur Sickerwasser ist, so war man doch froh nur dieses zu haben, und da es gut und in| ziemlicher Menge gefunden wurde, so hat die Herrschaft es auf eigene, nicht geringe Kosten, den ganzen weiten Weg herein leiten lassen; dieser Brunnen stehet gerade dem Schloß gegen über und versiehet das Dorf doch zur Noth mit süßem Wasser. Wie schwer es halte in dieser Gegend süßes Wasser zu bekommen ist folgendes ein Beweis:
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Als der Herr Rath Cunradi seinen Hausbau anfing, entdeckte man bey dem Grundgraben eine Quelle, die man für Bitterwasser hielt; aus Neugierde machte er aber doch die Probe damit, und siehe! es lößte nicht nur die Seife vortrefflich auf, sondern kochte auch die Erbsen weich. Welche Freude für ihn, und welcher Vortheil und Bequemlichkeit zu Castell in seinem Hause einen Brunnen mit Kochwasser zu haben! Er säumte daher nicht den Brunnen ausgraben und fassen zu lassen, und der Lauf der Quelle war so, daß man die Pumpe hinter die Hausthür setzen konnte. Aber seine Freude wurde zu Bitterwasser: denn mit Verdruß und Bedauren fand er, daß durch das Tiefergraben Bitterwasser hinzu gekommen war. Nun wird es darauf ankommen, ob sich die Sache noch ändern und dieser Fehler| verbessern lassen wird. An solchen Orten erkennt man erst recht, welche Wohlthat es ist, gutes, reines, süsses Wasser zu haben.
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Ich komme nun zu den Erdarten, in welchen der Gyps und Alabaster liegt und wächst. Man findet ihn häufig schon in der Damm-Erde fast zu Tage. Gräbt man tiefer, so kommt man auf eine Erdart, welche dunkelgrau aussieht und in ganzen Schichten, die sich aber leicht trennen lassen, liegt; man kann sie mit den Fingern in kleine Stückchen zerbröckeln, und an der Luft zerfallen die größten Stücke zu Mehl, welches aber, so wie die ganzen Stücke, die Eigenschaft hat, daß das Wasser, wie durch einen Seiher, durch dasselbe durchgeht und alsobald wieder trocken wird. Ja man findet Stücke, welche man für steinhart hält, und dennoch zerfallen sie in wenig Tagen, wenn sie an freyer Luft liegen. Ich halte diese Erde für eine unreife Kalchschieferart (calx schistosus), und glaube, daß daraus nach und nach der blaulicht graue Kalch entstehet, den ich oben beschrieben habe. Denn die harten Stücke, von denen ich vorhin Erwähnung that, hatten dieselbe Farbe und Bruch, wie der blaulichte Kalchstein. Hier zu Land| nennt man diese Erdart Kipper und hält sie für ganz unfruchtbar und das mit Recht: denn wenn sie nicht mit Damm-Erde bedeckt ist, so wächst nicht ein Gräschen darauf, kaum wurzelt hin und wieder ein Ständchen darin, dem man aber Hunger und Kränklichkeit gleich ansieht. Man trifft diese Erdart oft in Lagen, von mehreren Klaftern tief an, und sie ist allemahl die nächste unter der Damm-Erde. Ausser dieser Art findet man noch in den Gypsgebirgen Mergel, Marga. Bekanntlich ist dieß ein unreiner und mit andern Erdarten vermischter Thon. Von diesem Mergel gibt es zweyerley Arten, nämlich Kalch- und Gypsmergel. Ersterer sieht bläulicht aus, und der 2te gelblicht oder weißlicht-grau. Da der Casteller Boden sehr gut ist, so braucht man nicht an Verbesserung desselben zu denken, daher wird von dem Mergel gar kein Gebrauch gemacht. Es könnte aber wohl seyn, daß er in gehörigem Verhältniß dem schweren Boden beygemischt, ihn lockerer, mürber und leichter machen würde.
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Nahe bey Castell ist eine einzige Leimengrube, welche einen rothen Thon liefert, der eben nicht von der allerbesten Gattung ist, zu| Ziegeln allenfalls tauglich, aber nicht ganz gut zu irdenen Gefäßen ist.
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Sand ist auf der ganzen Castellischen Markung nicht zu finden, sondern muß eine halbe Stunde weit, von Rüdenhausen, der Residenz der Castell-Rüdenhausischen Linie herüber gehohlt werden, wo fast lauter Sandfeld ist, und eben dadurch wird die oben angegebene Hypothese sehr wahrscheinlich gemacht: denn alle die Districte in dem eigentlichen so genannten Franken, welche nicht an Bergen und nur einige Stunden von dem Main entfernt liegen, haben sandichten Boden, hingegen diejenigen Districte welche an Bergen liegen, haben entweder thonichten Boden oder Damm-Erde. Überhaupt gibt der Blick vom alten Casteller Schloß in Franken hinein, so manche fruchtbare Idee über die Bildung der Gegenden, über den Lauf der Flüsse, über Wirkung der Wasserfluthen etc. Spuren von Vulkanen aber habe ich nirgends gefunden. Auch die Berge nehmen an ihrer Höhe ab; den Beweis liefert selbst der Eine Casteller Berg, und Personen, welche ihn in ihrer Jugend mit Aufmerksamkeit betrachtet haben, versichern mich, daß er binnen 40-50 Jahren merklich an| Höhe verloren habe. Doch alles dieß hier auseinander zu setzen, würde mich zu weit führen.

Auf der Ebene, linker Hand zwischen Süden und Westen, findet man Eisenminern, welche in der That sehr reichhaltig zu seyn scheinen. Ich urtheile freylich nur nach dem bloßen Augenschein und habe keine andere Proben gesehen, als welche zu Tag lagen, und da fand ich:

1) rothbraunen Eisenstein, hart und schwer, an dem man aber keine schwarze Eisentheilchen entdeckt; von den Exemplaren, welche ich gesehen habe, schienen einige zum Braunstein und einige zum Blutstein zu gehören.
2) Glaßkopf, der schwarz aussieht, kuglicht oder zackicht ist. Dieser scheint dem Gewicht nach sehr reichhaltig an Eisen zu seyn.
3) strahlichten, schwarzen Eisenstein, welcher nicht minder reichhaltig zu seyn scheint, als der Glaskopf.

Würde man Kosten und Mühe auf genauere Untersuchung wenden, so würde man ohne Zweifel bald auf reichhaltige Adern stoßen; allein wenn nicht gleich Steinkohlen dabey liegen, so ist theils wegen Mangel an Holz, theils wegen des hohen Holzpreises an keine Bearbeitung| zu denken: und von Steinkohlen hat man bis jetzt noch nicht die geringste Spur.

Tuffstein, tophus, findet man hin und wieder in den niedrigen Gegenden um Castell herum, wo das Bitterwasser stehen bleibt, er ist aber nicht in großer Menge vorhanden. Wenn man weiß, daß der Tuffstein eigentlich durch den Niederschlag in kalkichtem oder mit Gypstheilen vermischtem Wasser entsteht, so läßt sich seine Entstehung in dieser Gegend leicht erklären.



  1. Dieß war Graf Wolfgang VI. geb. 1558. gest. 1631. [145] Sein Vater war Graf Georg III, seine Mutter war die Gräfin Sophie, Schenk Karls von Limburg Tochter, vermählt 1557 gest. 1588.
  2. ist wahrscheinlich die jetzige Dorfsmühle, unweit [146] des alten Wildbads oder des jetzigen Regierungsgebäudes.