Beschreibung des Oberamts Leonberg/Kapitel B 10

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
« Kapitel B 9 Beschreibung des Oberamts Leonberg Kapitel B 11 »
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).
|
Heimsheim,
Gemeinde II. Kl. mit 1311 Einw., wor. 4 Kath. – Ev. Pfarrei mit dem Filial Frohnmühle (s. Hausen). Die Kath. sind nach Weil d. Stadt eingepfarrt.


Das Städtchen Heimsheim liegt ziemlich uneben theils im Gotzenbach-Thale, theils auf einem gegen dasselbe hinziehenden Flachrücken, 3 Stunden westlich von der Oberamtsstadt, unter dem 48° 48′ 21,31″ nördlicher Breite und 26° 31′ 32,27″ östlicher Länge. Gesundes Trinkwasser spenden 5 laufende und 3 Pumpbrunnen; überdieß fließt der nördlich vom Ort entspringende Gotzenbach durch einen Theil der Vorstadt. Der Ursprung des Bachs bildet einen 2 Morgen großen See,[1] der im Fall einer Feuersgefahr in die Stadt geleitet werden kann. Östlich der Stadt entspringen in starken Quellen der Männlesbrunnen und der kleine Weiherbrunnen; sie liefern nicht nur vortreffliches Trinkwasser, sondern gewähren auch dem Gotzenbach einen solch namhaften Zufluß, daß derselbe schon im Ort eine Mühle mit 2 Mahlgängen und 1 Gerbgang zu treiben im Stande ist. Eine periodisch fließende Quelle (Hungerbrunnen) befindet sich im sogenannten Grund. Am Saume des Waldes Egelsee liegt ein Erdfall, das Braunbeckenloch genannt; wenn sich dieser mit Wasser füllt, sollen die Keller in Heimsheim Wasser bekommen. Die Luft ist wegen der Nähe des Schwarzwaldes etwas rauh und die Markung Frühlingsfrösten, welche zuweilen dem Obst schaden, ausgesetzt; übrigens ist das Städtchen als Wohnort gesund, wie denn auch die Bewohner von epidemischen Krankheiten selten heimgesucht werden | und häufig ein hohes Alter erreichen. Die Ernte tritt um acht Tage später ein, als in dem Enzthal und dessen Seitenthälern. Gewitter sind selten und Hagelschlag noch seltener, da der nahe, mit Nadelholz bestockte Büchelberg (bei Lehningen im Baden’schen) eine Wetterscheide bildet.

Der ziemlich unregelmäßig gebaute, im Allgemeinen mit reinlichen, theils steinbeschlagenen, theils gepflasterten Straßen versehene Ort hatte früher 3 Thore und ringsum eine starke Mauer mit Graben und Wall; die Mauer ist großentheils noch erhalten, dagegen sind Thore, Graben und Wall zu Anfang dieses Jahrhunderts abgegangen. Die Gebäude sind meist unansehnlich, in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts erbaut, nachdem damals die Stadt beinahe ganz abgebrannt worden war (s. u.).

Von allgemeinerem Interesse ist ein hienach dargestelltes, dem Staate gehöriges, derzeit als Fruchtspeicher benütztes Gebäude, das am nördlichen Ende auf der höchsten Stelle des Städtchens gelegene alte Schloß, welches ehrwürdig über den Ort hervorragt und zu der malerischen Ansicht desselben wesentlich beiträgt.


OALeonberg 147.jpg
| Dieses sogenannte Steinhaus ist massiv aus buntem Sandstein, im spät romanischen Styl des 13. Jahrhunderts erbaut, über 100′ hoch und besteht aus 5 Stockwerken; ein weiteres wurde schon 1715 abgetragen, bei welcher Veranlassung dem Gebäude ein mit seinen übrigen Bestandtheilen nicht übereinstimmendes neues Walmdach aufgesetzt wurde. Auf den ersten Anblick erscheint das Gebäude massig und schmucklos, bei näherer Betrachtung aber findet man sowohl an seinem Äußern, als besonders in seinem Innern einen Reichthum von architektonischen Schönheiten. An dem rundbogigen, im Verhältniß zu dem kolossalen Bauwerke ziemlich kleinen Eingange sind zu beiden Seiten Wappen angebracht, Außerhalb des Eingangs sieht man noch die Fälze, in welchen die Fallthüre auf- und abgezogen werden konnte. Die meist gekuppelten Fenster sind theils geradlinig, theils rundbogig, theils gedrückt spitzbogig; jedoch ist nur einzelnen ihre ursprüngliche edle Form geblieben, da bei der Einrichtung des Schlosses zu einem Fruchtkasten die Fenster entweder ganz oder doch theilweise zugemauert wurden. Besonders schön und noch gut erhalten ist das an der südöstlichen Ecke des vierten Stockwerks angebrachte Fenster, welches in einem spitzen Winkel erkerartig an der Wand heraustritt und auf einer Console, welche einen Fratzenkopf vorstellt, aufruht. Zwischen dem vierten und fünften Stockwerke lauft ein Rundbogenfries, an dem noch Reste früherer Bemalung sichtbar sind. Im Innern ist das Gebäude vielfach verändert; die Böden und besonders die Decken sind zum größten Theil ausgerissen und andere für den gegenwärtigen Zweck eingesetzt worden, demungeachtet hat sich noch Manches erhalten, was auf die frühere prachtvolle Ausstattung des Gebäudes schließen läßt; namentlich im zweiten Stockwerk, das aus einem großen, zum Theil mit Estrich belegten Saal besteht, an dessen westlicher Wand ein, im romanischen Styl gehaltener, mit Wappenschilden und Fratzengesichtern verzierter Kaminschoos[2] angebracht ist. Von diesem Raum führt eine sehr geschmackvolle, rundbogige, in dem Bogentheile kleeblattartig durchbrochene, steinerne Thüre zu einem kleinen Zimmer. An den Seitenstäben dieser Thüre sind Löwenköpfe als Consolen angebracht, die in den weit ausgesperrten Rachen je zwei Wappenschilde halten. In dem Zimmer selbst befinden sich Tragsteine, auf denen Fratzengesichter, Thierfiguren etc. ausgehauen sind; ein schönes Fenster an der Ostseite wird durch eine romanische Säule in zwei Abtheilungen getrennt. An diesen Gelaß schließt sich ein dritter | kleinerer an, der ursprünglich als wohlverwahrte Schatzkammer gedient haben mag. Vor dem Schlosse befindet sich ein großer, freier Platz, der ehemalige Burghof; an der nördlichen Seite desselben steht, an der Stelle eines vor etwa 50 Jahren abgegangenen Schloßgebäudes, die Zehentscheuer. Das zunächst dem Steinhaus gelegene neue Schloß ließ Graf Wilhelm von Gräveniz von 1729–1730 durch den Oberbaumeister Retti im Rococostyl massiv erbauen (s. u.); von der früheren eleganten Einrichtung desselben hat sich noch die mit sehr guten Fresken bemalte Decke des ehemaligen Speisesaals, in welchem gegenwärtig Getreide aufbewahrt wird, erhalten. Im Jahr 1734 verschrieb Herzog Karl Alexander das neue Schloß seiner Gemahlin Marie Auguste zum Wittwensitz (s. u.); später diente es als Beamtenwohnung, bis es endlich zu Anfang dieses Jahrhunderts die Gemeinde erkaufte und zu einer Schule einrichtete. Sämmtliche Gebäude, das alte, das neue Schloß und die Zehentscheuer nebst dem namhaften Hofraum, waren mit starken Mauern und doppelten Gräben umgeben, welche zum Theil noch sichtbar, die bedeutende Ausdehnung der ehemaligen festen Burg[3] beurkunden.

Südöstlich vom alten Schloß steht frei auf dem ehemaligen ummauerten Kirchhof die Pfarrkirche, deren Langhaus durch eine im Jahr 1725 vorgenommene Veränderung entstellt wurde. Dagegen hat sich der mit einem halben Sechseck schließende, mit Strebepfeilern und spitzbogigen gefüllten Fenstern versehene Chor, in seiner ursprünglichen germanischen Bauweise noch erhalten. Innen ist die Kirche geräumig und hell; in der Nähe des Taufsteins und im Chor liegen mehrere Grabsteine, namentlich einer des im Jahr 1366 gestorbenen Ritters Wolfgang von Stein.

Von dem Schiff führt ein rundbogiger Triumphbogen zu dem mit einem schönen Kreuzgewölbe versehenen Chor, dessen Schlußsteine mit einem Christuskopf und einer Rosette verziert sind. Der viereckige Thurm, der in ein Achteck übergeht, hat in den untern Stockwerken nur schmale, etwas gedrückte spitzbogige Fensterchen, in dem obern achteckigen Stockwerke aber große, gothisch gefüllte Fenster. Auf den in dem Thurm hängenden drei Glocken stehen die Namen der damaligen städtischen | Behörden und unter diesen: goß „1716 mich Christian Ginther zu Heimsheim.“ Die Baulast der Kirche hat die Stiftungspflege. Am westlichen Ende der Vorstadt liegt der mit einer Mauer umfriedigte Begräbnißplatz, welcher nach einer über dem Eingang angebrachten Jahrszahl 1588 angelegt wurde. Gegenüber der Kirche steht das wohlerhaltene Pfarrhaus nebst Nebengebäuden und Garten, wovon der Staat die Baulast hat. Ziemlich mitten im Ort liegt das 1782 im Rococostyl erbaute und 1833 renovirte, gut erhaltene Rathhaus. Ein neuerbautes, schönes Schafhaus steht außerhalb des Orts an der Straße nach Mönsheim.

Die Markung, welche nicht nur von dem Gotzenbach-Thale, sondern auch von mehreren Trockenthälern durchzogen wird, ist ziemlich uneben und hat im Allgemeinen einen fruchtbaren, mehr schweren als leichten Boden. In einigen Distrikten schlägt der Lehm, in andern die Kalkerde vor; die Unterlage bilden der Hauptmuschelkalk, die Anhydritgruppe, der Wellendolomit und nur in geringer Ausdehnung der bunte Sandstein.

Die fleißigen Einwohner befinden sich in mittelmäßigen Vermögens-Umständen; ihre Haupterwerbsquellen bestehen in Feldbau, Viehzucht und etwas Holzhandel.

Das Städtchen hatte 1848 am 3. Dezember 1298 Ortsangehörige, und zwar 632 männliche, 666 weibliche. Am 3. Dezember 1846 waren es 1263 (603 männliche, 660 weibliche), welche mit Ausnahme von 4 Katholiken und 4 christlichen Dissidenten, sämmtlich der evangelisch-lutherischen Kirche angehören.

Am 1. November 1832 zählte man 1169 Angehörige (567 männl., 602 weibl.). Die ortsanwesende Bevölkerung im Jahr 1846 betrug 1277 (608 männliche, 669 weibliche).

Familien waren im Jahr 1846 316. Die Zahl der Ehen war 1832 207; 1846 213. Es kamen somit auf 1 Ehe 5,9, auf eine Familie 4,0 Einwohner.

Im Durchschnitt der zehn Jahre von 1836–46 betrug die Zahl der jährlich Geborenen 48, unter denen 3,7 unehelich waren. Es kommen also auf 1000 Einwohner 39 Geborene (oder 1 Geburt auf 26 Einwohner) und unter 100 Geburten befanden sich 7,7 uneheliche (oder die unehelichen verhalten sich zu den ehelichen, wie 1:12,05). Gestorben sind nach eben diesem Durchschnitt jährlich 45 (23 männliche, 22 weibliche); auf 1000 Angehörige kommen hienach 36 Gestorbene (oder ein Todesfall auf 28 Lebende), und zwar auf 1000 Personen männlichen Geschlechts 39, auf 1000 Personen weiblichen Geschlechts 34 Sterbfälle. Auf 100 Gestorbene treffen 107,6 Geborene.

Der natürliche Zuwachs der Bevölkerung betrug von 1836–1846 | 34 Seelen (11 männliche, 23 weibliche). Die Zunahme durch Wanderung 8, (– männl., 8 weibl.). Der Zuwachs überhaupt 42 Seelen (11 männl. 31 weibl.).

Über Sechzigjährige zählte man am 3. Dez. 1846 104 (56 männl., 48 weibl.), wonach deren 82,3 auf 1000 Angehörige kommen.

Aus Heimsheim ist gebürtig: Stahl, Johann Friedrich, geb. den 26. Sept. 1718. Nach absolvirter Theologie, neben welcher Physik und Chemie seine Lieblingsstudien waren, bildete er sich auf Reisen für die Bergwerkskunde, wurde 1755 in Stuttgart Bergrath und Ober-Inspektor der Bergwerke, 1758 Kammerexpeditionsrath, 1768 Hofrath, 1773 Professor der Cameralwissenschaft an der Karlsacademie; theils als vieljähriger Forst-Referent, theils als Schriftsteller hat er sich besondere Verdienste um das Forstwesen erworben. Er starb den 28. Januar 1790.

Die Landwirthschaft ist im Allgemeinen gut; verbesserte Pflüge und Düngerstätten sind ziemlich häufig geworden; zur Besserung des Bodens benützt man, außer dem gewöhnlichen Stalldünger, auch Jauche, Compost, Gyps und Asche. Im Dreifeldersystem baut man die gewöhnlichen Getreidearten und von diesen besonders viel Dinkel und Hafer; es wird auf den Morgen ausgesät: 7–8 Sri. Dinkel, 5 Sri. Hafer, 2 Sri. Gerste, 6 Sri. Einkorn und 2–3 Sri. Roggen; der durchschnittliche Ertrag ist per Morgen 6–7 Schfl. Dinkel, 4–5 Schfl. Hafer, 3–4 Schfl. Gerste, 6 Schfl. Einkorn und 2–3 Schfl. Roggen. Die Erzeugnisse der zu 1/4 angeblümten Brache bestehen in Kartoffeln, Futterkräutern, Ackerbohnen, etwas Hanf, Reps und Mohn. Dinkel wird nach Calw, Neuenbürg und Weil d. St., Hafer ins Badische abgesetzt. Die geringsten Ackerpreise sind 10 fl., die mittleren 200 fl. und die höchsten 400 fl.

Der Wiesenbau ist ausgedehnt und liefert, obgleich ihm nur wenig Wässerung zukommt, sehr kräftiges Futter, welches meist im Ort verbraucht wird. Der jährliche durchschnittliche Ertrag eines Morgens Wiese wird zu 24 Ctr. Heu und 12 Ctr. Öhmd angegeben; die Preise bewegen sich von 120 fl. bis 500 fl. per Morgen.

Die Obstzucht, welche sich hauptsächlich auf Mostsorten und Zwetschgen beschränkt, ist nicht bedeutend. Auf etwa 100 Morgen Weiden laufen ungefähr 700 den Bürgern gehörige Bastardschafe, für welche von den Lämmern 24 kr. und von den Schafen 48 kr. per Stück an die Gemeindekasse bezahlt werden müssen. Die Überwinterung geschieht im Ort, die Wolle kommt nach Calw, Weil d. St., Stuttgart u. s. w. zum Verkauf; der Erlös aus dem Pferch beträgt für die Gemeinde jährlich 6–800 fl.

Die Gemeinde ist im Besitz von 1165 meist mit Nadelholz bestockten Waldungen; der jährliche Ertrag derselben ist auf 587 Klftr. und 10 bis | 15.000 St. Wellen berechnet. Hievon erhält jeder Bürger 1 Klftr. und 50 St. Wellen; der Erlös aus dem zum Verkauf kommenden Rest des Holzes beträgt jährl. etwa 1500 fl. Überdieß werden noch jedem Bürger, der ein Bauwesen unternimmt, 10 Stämme Bauholz unentgeldlich aus den Ortswaldungen abgegeben.

Die eigentliche Pferdezucht ist ganz unbedeutend, dagegen werden viele Pferde auswärts aufgekauft und in das Baden’sche wieder abgesetzt. Sehr namhaft ist der Rindviehstand; er besteht aus einer guten Landrace, welche durch 5 dergleichen Farren nachgezüchtet wird. Der Handel mit Rindvieh ist nicht beträchtlich. Von geringem Belang ist die Schweinezucht, indem die Schweine meist aus dem Baden’schen eingeführt werden. Die Bienenzucht wird in 60 Stöcken betrieben.

Was die Gewerbe betrifft, so ist außer der schon genannten Ortsmühle noch eine Ziegelhütte vorhanden; von den Handwerkern arbeiten einige Schreiner, Schlosser, Schneider, Steinhauer, ein Seifensieder und ziemlich viele Weber nicht blos für den örtlichen Bedarf, sondern theilweise auch nach Außen; einzelne Einwohner verschaffen sich auch Verdienst in dem 1/2 Stunde südwestlich vom Ort gelegenen Steinbruche, welcher gesuchte Platten aus dem bunten Sandstein liefert. Der Ort zählt 5 Schildwirthschaften, 3 Brauereien, 2 Kaufleute und 1 Krämer. Eine Apotheke befindet sich zwar nicht in dem Städtchen, jedoch hat daselbst ein prakticirender Arzt seinen Sitz.

An der bestehenden Volksschule unterrichten 1 Schulmeister, 1 Unterlehrer und 1 Lehrgehilfe, auch ist seit 8 Jahren eine Industrieschule vorhanden. Im Jahr 1845 wurde ein Gemeindebackhaus erbaut; 2 Gemeindewaschhäuser sind schon längst vorhanden. Der Verkehr und die Verbindung mit den Nachbarorten ist durch Vicinalstraßen nach Perouse, Mönsheim, Hausen, Friolzheim und Tiefenbronn hinlänglich vermittelt.

Früher bildete Heimsheim mit dem Amtsorte Perouse ein Staabsamt; der Staabskeller, welcher seinen Sitz in Heimsheim hatte, war zugleich geistlicher Verwalter, Keller zu Rutesheim und Hirschauischer Pfleger zu Friolzheim. Bei der Ämter-Eintheilung von 1807 kam Heimsheim zum Oberamt Leonberg und Cameralamt Merklingen, mit welch letzterem es im Jahr 1837 dem Cameralamt Leonberg einverleibt wurde.

Die Gemeindepflege bezieht außer den schon angeführten Einkünften noch Zinse aus 6–7000 fl. Capitalvermögen, und aus verpachteten Gütern jährlich etwa 350 fl.; sie hat keine Schulden und auch keinen Gemeindeschaden umzulegen; das Vermögen der Stiftungspflege beträgt etwa 4000 fl.; unter den Stiftungen ist eine von Joh. Friedr. Schnaufer zu Brod für Unbemittelte erwähnenswerth.

Was die grundherrlichen und Zehent-Verhältnisse betrifft, so war | bisher der Staat Großzehentherr auf der Markung. Den kleinen Zehenten bezog theilweise die Stadtpfarrei, theilweise die Pfarrei Mühlhausen an der Würm. Der Heuzehente stand den Besitzern des Widdumhofs zu, welche das Faselvieh zu halten haben; von 5 Morgen Wiesen hatte der Staat und der Meßner den Zehenten je zur Hälfte zu erheben. Grundherrliche Gefälle bezogen bisher auf hiesiger Markung neben dem Staat, der Meßner in Tiefenbronn, die großherz. bad. Beamtung Mühlhausen an der Würm, die Stadtpflege und die Stiftungspflege Heimsheim.

Auf der Markung besitzt der Staat ein 2056/8 Morgen großes Meiereigut, welches übrigens in einzelnen Parzellen zerstreut liegt und an Bürger des Orts verpachtet ist.

Der Ort Perouse wurde ursprünglich auf Heimsheimer Markung erbaut und war auch lange Zeit mit der Gemeinde Heimsheim vereinigt (s. die Orts-Beschr. v. Perouse).

Das Orts-Wappen bilden zwei aus schwarzem Boden hervorwachsende, kreuzweis stehende, goldene Ähren in grünem Felde.

In unbedeutender Entfernung, westlich von dem Ort, finden sich unter den Benennungen Heerstraße, Steinstraße, Feuersteinstraße Spuren einer von Malmsheim herkommenden Römerstraße, welche sich mit der 3/4 Stunden nördlich vom Ort nach Pforzheim ziehenden römischen Hauptstraße vereinigte (s. d. allgem. Theil). Unfern der ersteren Straße, nur 1/8 Stunde nordöstlich der Stadt, wird auch ein hoher Punkt „die Wartmauer“ genannt, auf dem vermuthlich die Römer eine Warte angelegt hatten. Etwa 1/2 Stunde nördlich vom Ort in geringer Entfernung von der Römerstraße trägt ein Ackerdistrikt den Namen „Hofstatt“, an diesen grenzt die Flur „Bürgle“ und westlich von letzterer liegt der sog. „Kalkofen“, welche Flurnamen in Verbindung mit dem Vorfinden von Mauerresten und Backsteinen der Vermuthung Raum geben, daß hier ehemals ein Wohnplatz gestanden habe. Von Heimsheim führt ein alter Weg unter dem Namen „Heuweg“ d. i. Höhweg nach der Frohn-Mühle, wo neuerlich (von dem Verfasser dieser Beschreibung) Spuren eines abgegangenen römischen Wohnplatzes entdeckt wurden.

An der westlichen Markungsgrenze, welche zugleich die Landesgrenze bildet, ist die sog. Schanze, Landgraben, noch auf größere Strecken sichtbar und ziemlich gut erhalten (s. d. allg. Theil).

Der Name Heimsheim kommt her von dem altdeutschen Mannsnamen Heimboto. Erstmals genannt wird der Ort als Heimsbodesheim im Jahr 965, in dessen Beginn dem von Italien nach Deutschland zurückgekehrten K. Otto I. seine Söhne Otto und Wilhelm, letzterer Erzbischof von Mainz, entgegenzogen und hier mit ihm zusammentrafen (Cont. Regin. bei Pertz Mon. 1, 627).

| Der Ort ist vermuthlich von den Grafen von Calw an die Pfalzgrafen von Tübingen gekommen; Pfalzgraf Rudolf von Tübingen spricht im Jahr 1245 von „unserm Dorf ze Haimsheim“ (Bebenhaus. Urk. in Karlsruhe). Von dem hiesigen Ortsadel sind Bertholdus de Heimsheim und seine Söhne Heinrich und Udalrich, um 1140 genannt (Cod. Hirs. 68), die ältesten bekannten Glieder; liber Heinricus de Heimeinesheim, wohl des Ebengenannten Sohn, erscheint am 4. Juni 1157 in einer Urkunde Pfalzgraf Konrads für das Kloster Maulbronn (Wirt. Urk. Buch 2, 110); im Jahr 1256 kommt vor Siveridus de Heimitsheim (Zeitschr. für Gesch. des Oberrh. 1, 236).

Später war Heimsheim ein Ganerbiat; an ihm hatten zu verschiedenen Zeiten hauptsächlich folgende Adelsgeschlechter Theil:

1) Herren von Stein von Steineck. Im Jahr 1348 stifteten Elisabeth von Bietigheim, Herrn Mettelwolf sel. Wittwe von Stein und ihr Sohn Mettelwolf von Stein, Edelknecht, eine neue Meß in die Pfarre zu Heimsheim, deren Patron Mettelwolf war (Gabelkof.). Wolf von Stein von Heimsheim war im Jahr 1395 einer der Schlegelkönige (s. unten). Hans von Stein verkaufte im Jahr 1442 den halben Theil zu Heimsheim an Dietrich von Gemmingen für 2000 fl. Rheinisch.

2) Herren von Enzberg. Im Jahr 1380 gab Pfaff Heinrich Enzberg, Heinzen Enzberg sel. Sohn von Heimsheim, ein Haus zu Heimsheim, welches früher denen von Lichtenstein gehörte, an eine Pfründ daselbst; die Urkunde besiegelte Wolf von Stein, Kastvogt des Gotteshauses zu Heimsheim (Gabelkof.).

3) Truchseße von Höfingen. Hans Truchseß von Höfingen hatte ein Zehntheil, welches durch seine Tochter Adelheid an deren Gatten Georg von Neuneck gelangte, nach dessen Tode es die Wittwe im Jahr 1443 für 1700 fl. an den Grafen Ludwig von Württemberg verkaufte. (Steinhofer 2, 851.)

4) Herren von Gemmingen. Dietherr von Gemmingen, zu Heimsheim gesessen, befehdete im Jahr 1438 den Grafen Eitelfriz von Hohenzollern, dessen sich die Grafen von Württemberg annahmen. Heimsheim wurde von Württemberg und Zollern eingenommen, worauf Konrad von Gemmingen, Dietrichs Bruder am 28. Juli 1439 einen Frieden vermittelte, demzufolge Konrad den gemmingischen Antheil an Heimsheim erhielt und solchen von Württemberg, dem er die Öffnung der Burg verschrieb, zu Lehen empfing. Konrad überließ jedoch schon im Januar 1440 diesen neu erworbenen Besitz unter den von ihm eingegangenen Verbindlichkeiten wieder an Dietrich, welcher kurz darauf Theile davon an Gumpolt von Gültlingen, Hans von Stadion, Ulrich von Remchingen, Hans von Straubenhard verkaufte; desgleichen noch im Jahr 1444 das halbe Steinhaus | mit Zugehörungen an Markgraf Jakob von Baden. Auch Bernhard von Gemmingen hatte um diese Zeit an Heimsheim einen Antheil, welchen seine Söhne Otto und Bernhard sammt hoher Obrigkeit und Vogtei im Jahr 1488 an den Grafen Eberhard von Württemberg veräußerten.

5) Herren von Gültlingen, s. vorher. Gumpolt von Gültlingen verkaufte den 15. Nov. 1456 seinen Antheil an die Grafen Ludwig und Eberhard von Württemberg.

6) Herren von Remchingen.

7) Herren von Schmalenstein (als Rechtsnachfolger der von Remchingen). Konrad machte in Betreff des Steinhauses im Jahr 1455 eine Theilung mit Hans von Stadion und Gumpolt von Gültlingen, und seine Wittwe Barbara geb. von Remchingen übergab 1/4 von Heimsheim Schloß und Stadt, was sie von ihrem Vater und ihrer Mutter selig ererbt und genanntem Konrad ihrem ersten Gemahl als Heirathgut zugebracht hatte, für ein Leibgeding ihrem Sohne Ulrich im Jahr 1486, dieser aber verkaufte es im Jahr 1497 wieder für 40 fl. und ein Leibgeding an Württemberg.

8) Herren von Stadion. Hans von Stadion verschrieb am 21. April 1440 den Grafen Ludwig und Ulrich von Württemberg die Öffnung der Burg und des Theils an der Stadt Heimsheim, so er mit Gumpolt von Gültlingen u. a. von Dietherrn von Gemmingen erkauft, und dasselbe that den 15. April 1460 Burkhard von Stadion an Graf Ulrich (Stuttg. Staatsarchiv unter Öffnungen). Wilhelm von Stadion, Hansens Sohn, verkaufte den 22. Oktober 1465 seinen Theil an Württemberg für 1560 fl.

Sonach gelangte Heimsheim im 15ten Jahrhundert fast ganz an Württemberg. Mit hiesigem Zehenten hatte Herzog Eberhard am 17. Sept. 1650 die von Varnbüler belehnt (Scheffer 167). Baden besaß übrigens noch bis ins 17te Jahrhundert ein Paar Dutzend Hintersaßen; indeß kam auch dieser Rest fremder Herrschaft nach vielen deshalb vorgefallenen Streitigkeiten am 2. Juli 1687 an Württemberg durch einen Tausch, welchen der württembergische Administrator, Friedrich Karl, mit dem Markgrafen Friedrich Magnus traf (Sattler, Herz. 11, 153). Herzog Eberhard Ludwig belehnte den 31. Mai 1724 mit Heimsheim den Grafen Wilhelm Friedrich von Grävenitz, Bruder der Landhofmeisterin. Dieser baute hier ein neues Schlößchen (s. oben) und vollführte auf der hiesigen Zollstätte einen eigenthümlichen Betrug: er ließ nehmlich die württembergischen Zollzeichen fortbestehen, setzte aber eigenmächtigerweise den Zolltarif geringer, als den der württembergischen Zollordnung, weßhalb Alles dieser Zollstätte zueilte, wodurch er seine Einkünfte bedeutend steigerte. Nach Eberhard Ludwigs Tod zog Herzog Karl Alexander dieses Lehen wieder an sich und übergab im Jahr 1734 Stadt | und Burg Heimsheim und das Dorf Perouse seiner Gattin auf deren Lebenszeit. Nach ihrem Ableben wurde Heimsheim Kammerort.

Die Ritterschaft des Cantons Neckar-Schwarzwald hatte hier noch zum Theil die Collectation; solche wurde jedoch im Jahr 1769 im Tausch an Württemberg überlassen (Cramer, Nebenstunden 112, 600).

Den sog. Kammerschen- oder Theilwald erkaufte die Herrschaft von den 64 Mitbesitzern für 19.000 fl. im Jahr 1829

Von Klöstern war hier namentlich Bebenhausen begütert, wenigstens seit dem 16. Okt. 1282; es traf am 25. Mai 1297 einen Vertrag mit dem Grafen Rudolf dem Scherer von Tübingen und erhielt für seine meisten hiesigen Güter Freiheit von Steuern und andern Lasten zugesichert, wogegen es sich verbindlich machte, keine Güter mehr daselbst zu kaufen, und wenn es solche durch Schenkung bekäme, sie binnen Jahresfrist wieder zu veräußern.

Am 13. Dez. 1456 verlieh K. Friedrich IV. dem Städtchen seine alten Wochen- und Jahrmärkte wieder, worüber die Urkunde zu Grunde gegangen war; der Jahrmarkt ging zwar wieder ein, wurde jedoch im Jahr 1588 neu aufgerichtet.

Im 15ten Jahrhundert bestund hier eine Pfarrei, eine Frühmesse zum h. Kreuz und 4 Altarpfründen: 1) zur h. Katharina, 2) zu allen Heiligen, 3) zur h. Agnes, 4) zum h. Johannes dem Täufer (Würdtwein Subs. 10, 339). Am 5. Okt. 1554 übergab Hans Dietrich von Gemmingen das jus patronatus advocatiae und collaturae der Pastorei, desgl. der Allerheiligen-Caplanei-Pfründ, das Meßneramt und die Heiligen-Pflegschaft an den Herzog Christoph zu Württemberg, und so hat nun heutzutage die Krone die Nomination zur Pfarrei.

Die berühmteste Begebenheit des Ortes ist die Niederlage, welche Graf Eberhard der Milde im Jahr 1395 der Adelsgesellschaft, den Schleglern, hier beibrachte. Drei Häupter dieses Bundes, die sich Schlegelkönige nannten, Wolf von Stein, Reinhard und Friedrich von Enzberg, wollten, auf die Festigkeit des hiesigen Schlosses vertrauend, jedem Angriff trotzen. Da steckte der Graf am 24. Sept. genannten Jahres den Ort in Flammen, vertrieb die Schlegler von der Burg, deren Inbau er ausbrannte, und nahm 6 derselben gefangen, worunter die ebengenannten Könige. Diesen wurde jedoch Begnadigung zu Theil gegen das Versprechen, nicht mehr wider den Grafen zu seyn (Sattler, Grafen, 2. Beil. Nr. 9. 10.).

Im Jahr 1634 nach der Nördlinger Schlacht wurde Heimsheim fast ganz in Asche gelegt; das Städtchen kam damals durch Hunger und Pest so sehr herunter, dass von einer Seelenzahl von mehr als 2000 Einwohnern nur noch 85 übrig blieben. In den Jahren 1692 und 1693 erlitt es Plünderungen durch die Franzosen.



  1. Im Ursprung des Gotzenbachs kommen Hechte vor, die zuweilen ein Gewicht von 12 Pfund erreichen.
  2. Ähnliche Kamine befinden sich in den alten Thürmen zu Besigheim, in dem Thurm zu Liebenstein und in der Ruine des ehemaligen Schlosses Neipperg.
  3. Daß noch einige andere Gebäude, wie das Burg- und Jägerhaus, auf dieser Stelle standen und Alles mit Mauern und Gräben umfangen und mit Thoren versehen war, erhellt aus den Lagerbüchern von 1574 und 1724, wo auch eines tiefen Brunnens mit großem Dachstuhl und künstlicher Einrichtung gedacht ist. Bei der Beschreibung der Gebäude und des Hofs wird noch besonders angeführt: „ferner auch von Alters her die Freiheit, so eine Person eines Capital delicti halber flüchtig, vor der Handfestmachung diesen Ort erreichet, selbige 24 Stund die Freiheit darinnen zu genießen gehabt.“
« Kapitel B 9 Beschreibung des Oberamts Leonberg Kapitel B 11 »
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).