Beschreibung des Oberamts Leutkirch/Berkheim

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4. Gemeinde Berkheim,
bestehend aus 6 (7) Parzellen auf vier Markungen mit 804 katholischen Einwohnern. Dieser Bezirk liegt zur einen Hälfte in der Illerebene, wo ihn die Straße von Erolzheim nach Leutkirch der Länge nach durchschneidet, zur andern auf dem Landrücken zwischen der Illerebene und der Roth, im Roththal selbst, und auf der das letztere links begleitenden Höhe. Diese zweite Hälfte hat ansehnliche Waldungen (Gehrenwald). Die Staatsstraße von Biberach nach Memmingen zieht von Westen nach Osten mitten durch den Bezirk.| Er wird zum Theil von der Roth, die hier in vielen Krümmungen und Verzweigungen durch ein sumpfiges Thal fließt und durch einen Seitenbach derselben bewässert. Auch kommen aus Einschnitten des Illerthal-Randes zwei Bäche, der eine bei Illerbachen, der andere mit einem Weiher bei der Mühle zwischen diesem Ort und Berkheim, die aber bald nach ihrem Heraustreten in die Ebene in dem Kiesboden versinken, siehe oben Seite 21. Das Klima ist gemäßigt; der Boden gehört im Ganzen zu den ertragreichsten des Oberamtes. Besonders gut sind die Felder von Bonlanden. Die Viehzucht ist sehr erheblich. Die Felder werden, da keine Vereinödung stattfindet, flürlich gebaut.[1]

Die Einwohner sind bemittelte, zum Theil sehr wohlhabende Bauern; Arme giebt es nur sehr wenige.

Von Gewerben wird Leinwand-Lohnweberei ziemlich lebhaft betrieben. Es finden sich zwei Mahlmühlen, eine Öl- und Sägmühle, zwei Schildwirthschaften, zwei Bierbrauereien, eine Eisen- und eine Ellenwaaren-Handlung, etwas Kornhandel u. s. f.

Die grundherrlichen Rechte sind in Berkheim und Illerbachen getheilt zwischen dem Grafen von Erbach-Wartemberg-Roth und dem Grafen von Schäsberg, in Eichenberg, Grabenmühle und Schelleneigen aber dem ersteren allein, in Bonlanden dem Grafen von Schäsberg zuständig. Die Gemeinde bildet (mit Binnroth) den Pfarrsprengel Berkheim. Eine besondere Schule hat Bonlanden. Universalzehentherr ist der Graf von Erbach-Wartemberg-Roth. Nur von Bonlanden hat die Pfarrstelle Kirchdorf einen Antheil am Kleinzehnten.

1) Berkheim, katholisches Pfarrdorf mit Marktgerechtigkeit, mit 342 Einwohnern, angenehm und frei gelegen am Rand des Illerthales, 7¼ g. Stunden von Leutkirch. Durch den wohlgebauten,| von einer ansehnlichen breiten Straße durchschnittenen Ort fließt der oben erwähnte Bach, der sich unterhalb desselben im Geschiebe verläuft, um, wie man behauptet, bei Ober-Dettingen wieder zum Vorschein zu kommen. Die lebhafte Staatsstraße von Biberach nach Memmingen, und die Straße von Erolzheim und Wiblingen nach Leutkirch, welche sich hier kreuzen, so wie drei jährliche Vieh- und Krämermärkte tragen zur Frequenz des Ortes das Ihrige bei. Am südöstlichen Ende steht die moderne Pfarrkirche zum h. Konrad mit einem sehr ansehnlichen hohen Thurme von solider Bauart. Im Jahre 1499 erbaute Abt Heinrich von Roth die Pfarrkirche, und 1513 Abt Konrad den Thurm. 1703 wurde die Kirche abgebrochen und eine neue an ihre Stelle erbaut. 1785 brannte sie bis auf die nackten Mauern aus, worauf die gegenwärtige dem unversehrt gebliebenen Thurm angebaut wurde. In dieser Kirche ruht der Leichnam des heil. Wilibold, zu dessen wunderthätigen Überresten am Wiliboldstag aus der ganzen Umgegend sehr zahlreiche Wallfahrten angestellt wurden, die noch nicht zur Antiquität geworden seyn sollen. Dieser Wilibold war nach der Rother Klostersage (Stadelhofer I. S. 71) ein Graf von Kalw, nach Andern ein Edler aus Schottland, der im Jahre 1230 auf seiner Pilgerfahrt nach Berkheim kam, dort erkrankte und unerkannt in der Scheuer eines Bauern starb. Aber im Augenblick seines Verscheidens läuteten die Glocken von selbst, Wohlgeruch verbreitete sich um den Todten, und als er bestattet wurde, erklangen von einem ungesehenen Musikchor himmlische Töne. Diese Wunder bewirkten, daß der Hingeschiedene zwar von der Kirche nicht förmlich heilig gesprochen wurde, doch im Illerthal und in den benachbarten Gegenden fortwährend als Heiliger verehrt wird. Der Leichnam wurde 1273 in die Kirche gebracht, 1705 aber aus der Gruft genommen und auf einem Altar ausgestellt.[2] Bei der Unzulänglichkeit des Kirchenfonds, der nur 300 fl. Kapitalien besitzt, trägt die Standesherrschaft Roth, welcher auch das Patronat zusteht, die Baulast. Die Pfarrstelle, welche ehedem zu dem Landkapitel Dietenheim gehörte, war Eigenthum des Klosters Roth (s. unten) und diesem seitdem 1452 inkorporirt. Seit 1806 ist sie eine Kompetenzpfarrei, und als solche neu regulirt durch die Dotation vom Jahre 1818. Das Pfarrhaus, 1529 vom Kloster Roth solid erbaut, hat die Form eines kleinen Schloßes mit vier Eckthürmchen; die| Baupflicht liegt der Patronatherrschaft ob. Im J. 1838 wurde auf Kosten der Gemeinde ein schönes Rath- und Schulhaus erbaut. – Unter den Schicksalen Berkheims ist zu erwähnen, daß es 1525 von den Schwäbischen Bundestruppen ausgeplündert und zum größern Theile niedergebrannt wurde, und daß im Jahre 1671, während eines heftigen Sturmes, beinahe der ganze Ort in Flammen aufging.

Hier befindet sich ein kleines Gräfl. E. W. Rothisches Kameral-Gut von 46¼ Morgen Äcker und Wiesen, das verpachtet ist. Westlich über dem Ort erhebt sich der Heidenbühl, wo man noch vor ungefähr 15 Jahren, jetzt eingeebnete, Spuren von Befestigungen sah und Waffenstücke und Goldmünzen fand. Das Gepräge der Letzteren weiß man nicht mehr anzugeben.

Berkheim war in ältesten Zeiten Eigenthum mehrerer edlen Familien. Unter diesen waren die Stifter des Klosters Ochsenhausen, die Wolfhartsschwendi (s. Oberamtsbeschreib. von Biberach S. 147), welche ihre Stiftung 1099 unter andern auch mit zwei Höfen, einer Kapelle und dem zu dieser gehörigen halben Hofgut in villa Bericheim dotirten. Aber bei Weitem den größeren Theil besaßen die Wildenberg, die Eltern der Hemma, der Stifterin des Klosters Roth (s. d.), welche 1126 den Kirchensatz mit allen Rechten, mehrere Höfe mit den Leibeigenen und andern Gütern dem Kloster vergabte. Ochsenhausen vertauschte seine Güter in Berkheim 1164 an Roth gegen dessen Besitzungen in Reinstetten. Ein Gut in Berchain dictum in der „Kammer“ tauschte Roth 1298 von Ottobeuren ein (Urk. bei Stadelh. I. p. 138). Ein anderer Theilhaber war der in einer Ochsenhauser Urkunde (Chron. Ochs. Mscr. p. 29) als Zeuge genannte Werner von Berkheim. Es scheint, daß die Besitzungen des Letzteren dieselben mit jenen waren, die 1354 aus den Händen Ulrichs von Schellenberg mit seinem Gut zu (Iller-) Bachen nebst der Vogtei und Gerichtsbarkeit über diese seine eigenen Leute durch Kauf an Ochsenhausen kamen. So war also der Ort Eigenthum theils des Klosters Roth, welches den Kirchensatz, die Zehnten und die Hälfte der Lehenhöfe besaß, und des Klosters Ochsenhausen, welchem die übrigen Höfe gehörten. Über die Gerichtsbarkeit stritten sich die Klöster, verglichen sich aber am Ende dahin, daß jeder Theil die niedere Jurisdiktion über seine Leute ausüben sollte, während die kaiserl. Landvogtei die hohe behauptete, bis beide Klöster diese für sich erwarben (s. Roth)[3] Der| Ochsenhausensche Antheil gehörte zum Amt Thannheim und kam mit diesem 1803 an den Grafen Schäsberg und 1806 unter Württemberg. Der Rothsche Antheil folgte dem Schicksal des Klosters Roth, s. d. Roth hat hier 33, Thannheim 16 Güter.

2) Bonlanden, Weiler mit 152 Einwohnern, zwischen Erolzheim und Berkheim im Illerthal und an dessen waldigem Rand. Der Ort hat entlang diesem Abhang sehr gute Felder. Die wohlgebaute Kapelle zum heil. Kreuz hat die Form einer Rotunde, in welcher zu bestimmten Zeiten Meßgottesdienst gehalten wird, ihr Fond beträgt 900 fl. Kapital. Veranlassung zu ihrer 1696 auf Kosten der Ortsgemeinde erfolgten Erbauung gab ein in jenem Jahr hier gestiftetes, 1708 aufgehobenes Erimitorium. Es besteht hier ein Filialschule.

Bonlanden war Lehen der Grafen von Kirchberg und Bregenz. 1128 willigt Graf Rudolf von Bregenz in die Vergabung eines halben Hofs an das Kloster Ochsenhausen (Chron. Mscr. p. 28). Als Inhaber des Orts finden wir Ulrich von Schellenberg, der 1348 an einen Bürger in Memmingen zwei Höfe in Bonlanden und seine Vogteirechte verkauft, und den Ulmer Bürger Otto Roth, der 1411 die Kastenvogtei und Gerichtsbarkeit, 9–10 Höfe in Bonlanden und andere Besitzungen in Ober-Opfingen u. a. ebenfalls an einen Memminger Bürger käuflich überläßt. Unten, bei Ober-Opfingen, wird gezeigt, wie diese Güter 1493 an Ochsenhausen übergingen. Die Grundherrlichkeit und Gerichtsbarkeit über die übrigen Höfe besaßen als ein Kirchbergisches Lehen die von Erolzheim. Diese Rechte verkaufte Vigil von Erolzheim 1609 ebenfalls an Ochsenhausen, welches die Lehenbarkeit mit 1100 fl. ablöste. So kam Bonlanden mit allen Rechten an dieses Kloster, und von diesem 1803 an den Grafen Schäsberg. Roth aber besaß schon als eines seiner ersten Stiftungsgüter die zur Kirche in Berkheim gehörigen Zehnten und 1 Hof. Noch gegenwärtig besitzt die Standesherrschaft Roth hier 8 Lehengüter. Schäsbergisch sind 14 Höfe. Das Jagdrecht im Gehrenwald ist durch den unter Roth anzuführenden Vertrag vom Jahr 1808 an den Grafen von E. W. Roth übergegangen.

3) Eichenberg, Weiler mit 141 Einwohnern, an der Staatsstraße von Biberach nach Memmingen, ist den linken Thalabhang der Roth hinan gebaut, und hat eine von der Gemeinde zu unterhaltende Kapelle zum h. Martin, die 1781 erbaut wurde. Es werden in derselben einige bestimmte Gottesdienste gehalten. Der Anblick des Örtchens hat etwas Malerisches. – Auch dieser Ort war zwischen Ochsenhausen und Roth getheilt. Schon 1126 unter| den Stiftungsgütern des letzteren Klosters erscheint Eichiberc. Ochsenhausen erhielt seinen Antheil 1496 durch Tausch an den Erolzheim (s. Kirchdorf). Dieser letztere Antheil, welcher 1803 dem Fürsten Metternich zufiel, wurde durch den Tauschvertrag von 1808 an den Grafen von Wartemberg-Roth abgetreten, so daß jetzt der Graf zu Erbach alleiniger Grundherr ist.

4) Grabenmühle, Mahl,- Öl- und Sägmühle und Sölde an der Roth und Memminger Straße mit 14 Einwohnern zur Markung von Eichenberg gehörig, ehemals Ochsenhausisch, jetzt Rothisch, s. vorhin.

5) Illerbachen, Weiler mit 137 Einwohnern nebst Illerbacher Mühle mit 11 Einwohnern.

Dieser Weiler liegt an der Ausmündung eines Thaleinschnittes in die Illerebene und an der Straße von Erolzheim nach Leutkirch. Oben im Ort, gegen Westen, steht die Filialkirche zur schmerzenreichen Mutter Gottes vom Gottesacker umgeben, ein sehr gefälliges Gebäude, das 1707 vom Kloster Roth erbaut, 1836 aber von der Gemeinde mit einem Beitrag der Standesherrschaft erneuert wurde. Der Kirchenfond besitzt 725 fl.[4] Die Baulast hat die Parzellar Gemeinde. Es besteht eine Hilfspriester-Stiftung für regelmäßige Seelen-Meßgottesdienste, welche der Bachmüller David Nassal 1752 im Betrage von 5230 fl. legirte, und wozu die Gemeinden von Illerbachen, Berkheim und Bonlanden noch 400, und einzelne Privaten 370 fl. beischossen.

Illerbachen, früher nur Bachen genannt, erscheint ebenfalls schon unter den primitiven Rothischen Gütern (Bacheim). Doch erstreckt sich dieser Besitz nicht auf den ganzen Weiler, vom welchem sich eine eigene adelige Familie schrieb. Man findet 1164 einen Rithfrith von Bacheim als Zeugen, und 1181 einen Ulrich von Bachin, beide im Gefolge des Herzog Welf (Chron. der Truchs. 1. S. 19, Stadelh. I. p. 40). Vielleicht gehörte diesen der nachmals Schellenbergsche, aus zwei Höfen bestehende Antheil, welchen Ulrich von Schellenberg 1354 an Ochsenhausen verkaufte. Das Weitere siehe Berkheim. Rothisch sind 18 Güter, Thannheimisch 2.

Die Illerbacher Mühle ist eine Mahlmühle mit verbesserter Einrichtung.

6) Schelleneigen, Hof mit 7 Einwohnern über dem Roththal an der Memminger Landstraße, auf Eichenberger Markung, war Rothisch seit der Stiftung des Klosters. In der Nähe sind noch Wälle und Graben einer alten Burg sichtbar.

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5. Gemeinde Diepoldshofen,
siehe unten.


6. Gemeinde Ellwangen,
siehe unten.

  1. Der Stand der Gemeindehaushaltung ist aus der Tabelle zu ersehen, und wird daher hier und bei den folgenden Gemeinden nicht näher erwähnt.
  2. Nachricht von dem heil. Willebold, Grafen von Calv, Schutzpatron des Ilerthals, Ottobeuren 1786. 16. Dramatisirt wurde die Legende, um in Berkheim scenisch dargestellt zu werden, von H. v. Jung: Der heilige Willebold, eine Legende aus dem 13. Jahrh. 1820. 8.
  3. Diese Verhältnisse blieben bis in die neuere Zeit, nur daß Roth in seinem Zerfall (1398) Berkheim, Illerbachen und Schelleneigen an Ochsenhausen, und 1430 die Zehenten an Schussenried verkaufte, jene aber 1430, diese 1436 wieder einlöste.
  4. In frühen Zeiten hatte er ein eigenes Kirchenlehen, das Roth einzog und 1406 an Ochsenhausen verkaufte, 1411 aber wieder einlöste.