Bilder von der Ostseeküste. Ein Ausflug in’s Forstrevier Ibenhorst

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Autor: O. v. Riesenthal
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Titel: Bilder von der Ostseeküste. Ein Ausflug in’s Forstrevier Ibenhorst
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aus: Die Gartenlaube, Heft 38, S. 624–627
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1884
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Bilder von der Ostseeküste.
Ein Ausflug in’s Forstrevier Ibenhorst.0 Mit Illustrationen von Robert Aßmus.
Die Gartenlaube (1884) b 624.jpg

Der nach Tilsit bestimmte Dampfer ließ am Bollwerke in Königsberg zum dritten Male die Glocke erschallen, die Dampfpfeife gellte, und schnell glitt er zwischen zahlreichen Fahrzeugen und Flößen munter den Pregel hinauf; bald war das alte Königsberg außer Sicht und immer stiller wurde es an den Ufern; wie herrlich frischte der Morgenwind auf, wie erquickte er Leib und Seele nach der wochenlangen Pein von 30° R. und dem ätzenden Staube der Residenz!

Nach mehrstündiger Fahrt war Forsthaus Ibenhorst erreicht, das heiß begehrte Ziel hoher und höchster Priester Dianens. Zum Verständnisse unserer Leser wollen wir zunächst erwähnen, daß auf dem preußischen Forstreviere Ibenhorst noch ein erheblicher Bestand an Elchwild vorhanden ist und gehegt wird, um dieses reckenhafte Wild vor seinem gänzlichen Untergange in Deutschland zu schützen, was es aus eigener Kraft nicht kann. Selbstverständlich steht auch der Abschuß der Hirsche unter strengster Controlle und wird als ein so erlesenes waidmännisches Vergnügen betrachtet, daß häufig die Prinzen des Berliner Hofes, in früherer Zeit auch König Wilhelm selbst, sich daran betheiligen, wie denn auch jüngst Prinz Wilhelm seinen fürstlichen Freund, den Kronprinzen Rudolf von Oesterreich, zu einer solchen Jagd für Mitte September eingeladen hat.

Das Elchwild, dessen historische Vergangenheit wir in Nr. 43 des Jahrg. 1881 geschildert, bietet eine interessante Parallele zu dem Alpensteinwild. Während im Südwesten von Mitteleuropa das letztere nur durch energischen Schutz von königlicher Hand vor der gänzlichen Ausrottung bewahrt werden kann, ist die Existenz des Elchwilds im Nordosten an dieselbe Bedingung geknüpft: entzieht nämlich der König von Italien den Steinböcken in den grajischen Alpen seinen Schutz, so werden sie ein ebenso baldiges Ende finden, wie die Elche in Ostpreußen, wenn der königliche Jagdherr ihnen sein Interesse versagt. Beide Wildarten erliegen der Cultur, dem Eigennutze des Menschen und unbezähmbarer Jagdlust, [625] letzterer besonders der Alpensteinbock, welcher in seinem unwirthlichen Heim auf den höchsten Graten starrer Gebirgszüge doch wahrlich die materiellen Interessen der Menschen nicht schädigt, wie es freilich das Elchwild thut, weshalb es nicht ohne Berechtigung angefeindet wird. Beide Wildarten haben ferner einen Feind im Aberglauben, nach welchem gewisse Theile von ihnen als medicinische Heilmittel früher in großem Rufe standen und mehr oder weniger noch stehen; die Erzbischöfe von Salzburg hielten ganze Reihen von Steinwildpräparaten in ihrer Apotheke auf Lager, verwertheten sie zu hohen Preisen und rieben dadurch das Steinwild fast bis zur Vernichtung auf, und noch heute werden in einem geistlichen Berliner Stifte Ibenhorster Elchwildhufe zu Pulver geraspelt und gegen die fallende Sucht angepriesen und verwandt.

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Elchwild im Kampfe mit Wölfen.
Originalzeichnung von Friedrich Specht.

Betrachtet man die Gestalt des Elchwilds, so möchte man meinen, sie sei ein Gemisch verschiedenster Thiergestalten, ohne jedoch bestimmte Aehnlichkeit mit einer andern zu haben.

Steht man einer Elchkuh gegenüber (wir vermeiden hier absichtlich alle Jagdausdrücke), so erinnern Kopf und Gesichtsausdruck an ein Kameel, mit dem auch die Farbe sehr übereinstimmt; sieht man den Kopf im Profile, so meint man, ein kolossaler Esel stecke sein würdiges Haupt aus dem Busche; die Stellung der hohen Beine zum Rumpfe erinnert an ein Pferd; erblickt man nur den Rumpf, so ähnelt dessen Farbe täuschend einem Wildschweine; die Stellung der Hörner entspricht der eines Stiers, denn sie schwingen sich seitlich aufwärts. Mustert man aber eingehend das Thier in seiner Gesammterscheinung, so hat es mit keinem Aehnlichkeit, und der starke Hirsch mit seinem kolossalen Schaufelgeweih und dem mächtigen Kinnbarte ist ein Unicum, wohl geeignet zu imponiren und unter Umständen sogar Furcht einzuflößen, denn er steht über zwei Meter hoch auf seinen Hufen, kann eine Schwere von zehn Centnern, selbst darüber erlangen, und es giebt Geweihe, die bis sechszig Pfund wiegen. Es ist ein reckenhaftes Ueberbleibsel der Vergangenheit und paßt in unsere Verhältnisse wie etwa eine Rothhaut in eine europäische Residenz.

Wie die meisten reckenhaft angelegten Individuen der höheren Thierwelt, ist auch das Elch gewöhnlich friedfertig, und man kann ohne Scheu an einem starken Elchhirsche vorübergehen; wird es aber durch Gefahr oder Verwundung gereizt und bedrängt, sind die Hirsche zur Fortpflanzungszeit erregt oder haben die Kühe noch junge und hülflose Kälber, dann sind sie unberechenbar und eine Begegnung mit ihnen ist nicht unbedenklich. Eine Elchkuh mit dem Kalbe, welche nicht Neigung zeigt sich zu trollen, wird man kluger Weise in großem Bogen zu umgehen haben, und erlaubt das die Oertlichkeit nicht, so kehrt man am besten um. [626] Ehe man sich dessen versieht, stürmt sie zum Angriffe heran, und wehe Dem, auf welchen die langen scharfen Hufe herniederschlagen! Einem Forstaufseher zerstampfte eine solche Elchkuh den ihm werthen Hund in wenigen Augenblicken zu einer formlosen Masse. Der Verwalter des Ibenhorster Reviers, Oberförster Axt, fuhr einst im Revier auf einem beiderseitig von tiefen breiten Gräben begrenzten Wege, als plötzlich eine Elchkuh erschien, deren zurückgelegte Ohren nichts Gutes verhießen; der sofort bewirkte schnelle Trab der Pferde half nichts, denn die langen Beine des Elchs jenseit des Grabens schafften noch besser; Zuruf und Peitsche brachten die Pferde bald in langen Galopp – auch umsonst: das Elch galoppirte mit; die Gefahr wuchs bedenklich, denn nach kurzer Strecke mußte das Elch den Weg erreichen, da sprang der Lehrling während schnellster Fahrt vom Wagen und mit starkem Peitschenknalle dem boshaften Thiere entgegen: das half, es stutzte und trabte zu seinem Kalbe zurück.

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Mondscheinnacht auf dem Kurischen Haff.

Wie schon angedeutet, bedient sich das Elch als äußerst wirksamer und gefährlicher Waffen seiner Vorderläufe, und nicht nur die Kuh, sondern auch der Hirsch, wenngleich dieser auch von seinem Geweih Gebrauch macht. In welcher Weise die Elche sich ihrer grimmigsten Feinde, der Wölfe entledigen, veranschaulicht das von Fr. Specht naturwahr gezeichnete Bild auf S. 625. Wüthend zerstampft die Kuh den am Boden liegenden hinterlistigen Angreifer, während dessen feiger Geselle vor den drohenden Geweihhieben des Hirsches Reißaus nimmt. Die schweren, mit sehr scharfen Kanten versehenen Hufe verursachen furchtbare Verwundungen, und noch nach dem Tode des Gegners trampelt und stampft das wüthende Thier auf dessen Cadaver herum. Zum Stoße nach vorn, wie der Edelhirsch, kann der Elchhirsch sein seitwärts abstehendes Geweih zwar nicht gebrauchen, aber umsomehr zu furchtbaren Schlägen durch Schwenken des Kopfes.

Das Elchwild entnimmt seine Nahrung viel weniger dem Boden, als dem Baum- und Strauchwuchs, denn infolge seiner hohen Füße, des hohen Widerrists und kurzen Halses kann es mit dem Maul nur schwer an den Boden gelangen; von Bodengewächsen liebt es ganz besonders die Kuhblume (caltha palustris Lin.), seine Lieblingsnahrung aber ist und bleibt die Werftweide, nach welcher es meilenweit wandert; sonst nimmt es auch andere Weiden und Weichhölzer an und von Nadelhölzern lieber die Kiefer als die Fichte. Es folgt hieraus, daß das Elchwild der Landwirthschaft weniger schädlich ist und, wenn es in ein Roggenfeld geräth, weit mehr durch Zertreten der Saat schadet als durch Abfressen, dagegen im Ganzen und Großen mit der modernen Forstwirthschaft sich schlechterdings nicht verträgt.

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Fahrt von der Weide.

Was seinem Maul an Zweigen und Blättern der ihm angenehmen Nahrungsgewächse erreichbar ist, frißt es ab und verschrotet daumenstarke Laubholzzweige mit Wohlbehagen; daß es bei seiner Höhe sehr weit hinaufreichen kann, bedarf keiner Betonung, und dabei leistet ihm die unförmlich große Oberlippe, so ungeeignet sie zum Grasen am Boden ist, zum Fassen von Zweigen vortreffliche Dienste, da sie sich rüsselähnlich verlängert, und will auch diese nicht mehr ausreichen, auch wenn sich das Elch auf den Hinterfüßen erhebt, so reitet es die jüngeren Stämme nieder, frißt sie zu Stumpfen ab und bricht sie natürlich oft ganz um. Die Nadelhölzer verbeißt es rundum, und welche wunderlichen Formen diese dadurch annehmen, zeigt unser Bild auf S. 625.

Daß solche urwüchsige Thiere entsprechende Oertlichkeiten erheischen, liegt auf der Hand, und solche bietet das Ibenhorster Revier, wie schwerlich ein anders; es liegt auf dem Delta, welches die Ausflußströme der Memel, hauptsächlich Ruß und Gilge, bilden; auf dem Höhenboden vorherrschend mit kräftigem Nadelholz bestanden, schließen sie sich an weit auf der Niederung ausgedehnte Erlenbrüche, auf welche bis in’s Haff hinein große Weiden- und Rohrwerder folgen, während nach dem Nordosten sich meilenweit öde Hochmoore erstrecken. Auch die angrenzenden Forstreviere Dingken und Tawellningken haben ähnliche Verhältnisse, und ihre große räumliche Ausdehnung könnte Hunderten von Elchen sichere Heimstätten gewähren – wenn es eben keine Menschen dort gäbe; denn mag die Bevölkerung immerhin dünn sein, für die Ansprüche der Elche ist sie schon viel zu dicht.

Die Zunahme der Bevölkerung und die mit ihr verwachsene intensivere Cultur, das heißt eingehendere Ausnutzung des Bodens, werden den Elchen immer mehr Raum abgewinnen, und tritt über kurz oder lang die Ansiedelung der großen Hochmoore in’s Leben, wie z. B. auf dem Rupkalwer Moor, so ist von Stund an das Schicksal der Elche besiegelt, denn ohne diese können sie nicht bestehen. Man denke sich unter diesen Hochmooren keine schönen, grünen Weideflächen, es sind mit sehr kärglichen Torfgewächsen, Flechten und Moosen bedeckte Einöden, welche selbst im Sommer eine mehr graubräunliche als grüne Färbung zeigen; stellenweise ist der Boden fest, stellenweise tief versumpft, daher nur mit Vorsicht zugänglich, und selbst den Naturfreund vermögen sie kaum zu erwärmen, denn Alles auf ihnen und um sie, Pflanzen- und Thierwelt, ist ärmlich und eintönig. Aber diese Moore sind im Spätherbst und Winter die Vorrathskammern und Tummelplätze der Elche; dort finden sie die ihnen erhaltene und zusagende [627] Nahrung in Weiden- und sonstigem Gestrüpp, und während zur Sommerszeit das Auge unstet über diese Oeden schweift, vergeblich einen Ruhepunkt suchend, sieht man an Winterabenden die Hünengestalten der Elche in ihrem Thun und Treiben über das Moor zerstreut, vermischt mit zahlreichen graziösen Rehen als lieblichen Gegensatz.

Wie anders dagegen zeigen sich Wald und Werder in ihrem grünem frischen Sommergewande, wie singt, flötet, pfeift, kreischt und quarrt es bunt durch einander vom grünen Zweig, von der blauen Woge, aus dem dichten Schilf- und Binsenwuchs der Sümpfe! Der Wanderfalk schießt wie ein Pfeil durch die sonnige Luft, der See-Adler zieht majestätisch seinem Horst zu, die Weihen schaukeln sich über dem Rohr in verderblicher Absicht Nester zu plündern; die Kraniche trompeten und rennen spielend durch einander, und die jungen Uhus dort im Erlenbruch kreischen nach Fraß. Aus dem dichten Grase ertönt ein minutenlang anhaltender schwirrender Ton, oft von verschiedenen Stellen her; man könnte ihn für das Geigen von Grillen halten, und doch klingt es viel weicher und schöner; es sind Heuschreckensänger oder Schwirrer, kleine niedliche Vögelchen, welche mit diesem Trillern in das große Freudenconcert von tausend und aber tausend Kehlen einstimmen. Ueber den Werdern kreischen zahllose Möven und Seeschwalben und flattern ängstlich über unserem Kahn, der sich in dem Gewirr von Millionen weißer und gelber Nymphäen, die hier in wunderbarer Größe und Schönheit prangen, festgefahren hat; auf ihren großen Blättern stehen paarweise die kaum flüggen Jungen der besorgten Schreier über uns und sehen ungeduldig den Fischchen entgegen, welche die Alten ihnen zutragen wollen, woran sie aber durch unser Zögern verhindert werden.

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Kurisches Fischerhaus.

Wir schieben den Kahn leise an das Ufer und schleichen so still, als Wasser und Schilf dies gestatten, in den Werder hinein; mein Begleiter bleibt stehen und deutet dorthin: richtig, da steht der starke Elchhirsch, dessen Geweih im Bast wie zackige Keulen aussieht, und mustert uns mit seinem melancholisch-trägen Auge; ist es Dummheit, Trägheit oder, wie beim Keiler, trotzendes Kraftgefühl, was ihn die Flucht vor seinem Erzfeinde vergessen läßt? Nur Kopf und Hals sind vor dem kolossalen Schilf- und Graswuchs zu sehen; endlich wendet er sich langsam um, bleibt aber nach einigen Schritten nochmals gaffend stehen – thörichter Recke, wie leicht bist du zu fällen!

Nur das Jägergefühl, dich erlegt zu haben, kann zur Jagd auf dich reizen! Nun bricht und plätschert es laut durch Rohr und Schilf: es ist ein Trupp Elche, der hier gelagert hat, und das leise Schleichen in unserer Nähe bedeutet uns, daß ein Reh es vorzieht, sich unserer bedenklichen Nähe zu entziehen; in dem hohen Graswuchse ist es sicher, weil unsichtbar. Schwärme von Wildenten, Strandvögeln, Kiebitzen hasten umher – überall frisches, pulsirendes Leben! Die Luft ist sonnig und wolkenlos, und doch segeln dort Wölkchen so fein wie Duft und Nebel mit Windeseile hin! Dem Laien schwer erklärlich; das eine bleibt plötzlich stehen, verändert seine Gestalt, verdichtet sich, zerstreut sich wieder und segelt weiter: es sind Staare, die dem Nachtquartier im Rohr zustreben; den einen Flug hatte ein Falke angegriffen, daher die Verdichtung durch das Zusammendrängen der Vögel und das wilde Auseinander- und Vorwärtsstieben nach dessen Entfernung.

In dichten Massen von Tausenden fallen sie in das Rohr ein, welches unter ihrer Last sich beugt und bricht; unter betäubendem Lärm drängen, stoßen und necken sie sich unter einander; jeder neu angekommene Schwarm wird mit ungeheuerem Jubel bewillkommnet und erst die hereinbrechende Nacht macht dem Höllenspectakel ein Ende. Wer glaubt im Binnenlande, daß unser lieber Staarmatz wirklich verderblich sein könne? In der That ist er es dort, denn er macht stellenweise die Rohr-Ernte ganz illusorisch, indem die vielen tausend Mätze, während sie sich niederlassen, die Stengel brechen. – Draußen auf dem Kurischen Haff sind zahlreiche Fischerboote in vollster Thätigkeit und jener helle Höhenzug, der wie ein leichtes Gewölk aussieht, ist die Kurische Nehrung; dort liegt auch Schwarzort, ein neu aufgethanes Seebad, welches in diesem Jahre schon einige zwanzig wirkliche Badegäste gehabt haben soll; interessanter aber als durch diese, ist es durch seine großartige Bernsteinbaggerei.

Wir rudern in den Skirwithstrom hinein, auch hier eigenartiges Leben! Jener schwerfällig herausegelnde Kahn voll von Menschen, Vieh und Hausgeräth, eine wahrhaftige Arche Noah, bringt seine Insassen heim vom Markt in Heydekrug, und dieses kolossale Gefährt, zwei an einander gebundene, hoch mit Heu beladene Kähne, wird nur von Weibern gehandhabt, die den Männern hier in keiner Arbeit nachstehen; sie unterhalten sich laut mit den Insassen der Arche Noah und scheinen Bemerkungen zu machen über die weihevollen Passagiere jenes Kahns, welche einer frommen Betversammlung zusteuern.

Jenes Pferd dort im Kahn, welches uns mit seinen munteren Augen so aufmerksam mustert, wird von einem Weibe von der Weide heim gerudert, da es auf einem anderen Wege nicht nach Hause gelangen kann; es geht hier eben Alles zu Wasser, in Freud und Leid, Jung und Alt, Mensch und Vieh. Soweit man sieht: Wasser und Wiesen mit zahlreichen Viehheerden, gegen welche die kleinen Ackerfelder fast verschwinden. Vor allen Häusern Kähne und Fischernetze als Wahrzeichen des vorherrschende Gewerbes; wie eigenthümlich ist die Giebelverzierung dieser lithauischen Fischerhäuser! Nirgends werden die beiden Pferdeköpfe mit den darauf stehenden Vögeln fehlen, und wo man sie vermißt, da hat sich wohl Einer angebaut, der sich mehr dünkt, ein Moderner, dem dieses alte Wahrzeichen zu bäuerisch erscheint.

Aus jenem Hause dringt der Rauch aus Thüren und Fenstern, denn es hat keinen Schornstein; es ist ein sogenanntes Rauchhaus, dessen Bewohner auf die Wohlthat eines rauchabführenden Schlots im Interesse ihrer Fischernetze verzichten, welche durch die Räucherung an Haltbarkeit gewinnen. Aus diesen Rauchhäusern rührt auch wohl das Gerücht her, daß in gewissen Dörfern die Leichen geräuchert würden, wenn Wind und Wetter, oder Frost und Schnee ihre Beerdigung nicht zuließen!

Es ist eigenartig schön auf diesem Stück Erde, und trotz der zahllosen Bremsen und Stechmücken trennt man sich nur ungern von dem Forste an der Kurischen Nehrung.

O. v. Riesenthal.