Breslau (Meyer’s Universum)
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„Breslau ist der kostbarste Edelstein in Preußens Krone.“ So sagte König Friedrich II., dessen Schwert ihn aus dem Habsburger Diadem gebrochen hat. Und seit der Zeit ist sein Werth nicht kleiner geworden. Keine einzige Provinzstadt in Deutschland hat ein solches Gedeihen und Wachsen. Nach Beendigung des siebenjährigen Kriegs zählte Breslau 50,000 Einwohner; 1811 64,000; 1840 100,000; jetzt über 110,000, und so reichlich fließen hier die Ströme des Erwerbs, daß die Bevölkerungszunahme voraussichtlich noch lange Zeit fortdauern wird. Dazu kommt, daß Breslau als Sitz der geistlichen und weltlichen Oberbehörden, einer vielbesuchten Universität und anderer wissenschaftlichen Anstalten, als Sammelplatz schlesischer und polnischer Grundbesitzer, reicher Kapitalisten, Rentiers und Solcher, die den Rest ihrer Tage noch genießen wollen, was das Leben an Freuden beut, – und bei dem Luxus, welcher, von der Bildung verfeinert, im großen Styl sich hier zur Schau stellt, auch den kleinen bürgerlichen Gewerben reichen Gewinn bringt. – In wenigen Großstädten ist der Wohlstand so allgemein verbreitet, so fest begründet.
Die Stadt liegt am Zusammenfluß der schiffbaren Oder und der Ohle auf mehren kleinen Inseln, welche etwa 150 Brücken und Stege miteinander verbinden. An der eigentlichen Stadt (Alt- und Neustadt) hat das Bedürfniß einer in vierzig Jahren auf das Doppelte gestiegenen Bevölkerung vor jeder der sechs Thore eine Vorstadt gebaut, die ihre Arme nach allen Richtungen in’s Land strecken. Jedes Jahr macht sie länger wachsen. Die Hauptstraßen finden in dem Markte, in der Mitte der Stadt, ihren Vereinigungspunkt. Regelmäßige Anlage, die Breite und Reinlichkeit der mit Trottoirs versehenen Straßen, die stattliche Bauart der meist steinernen Wohnhauser, das thätige Leben überall und die bunten eigenthümlichen Trachten der Bewohner des Gebirgs und der nahen polnischen und galizischen Landschaften, – geben Breslau eine eben so anmuthige als anziehende Physiognomie, und lassen den Fremden ein Bild bürgerlicher Behaglichkeit und Tüchtigkeit gewahren, wie er es kaum in irgend einer andern deutschen Stadt wieder findet. Die höhere Gesellschaft wird durch Geistesbildung und einen entwickelten Sinn für die Interessen der Humanität, für Kunst und Wissenschaft getragen, und auch der Ton in den mittlern Ständen gibt von der Verbreitung wissenschaftlicher und socialer Bildung ein vortheilhaftes Zeugniß. Die breslauer Bürgerschaft hat an der großen Bewegung unserer Zeit immer den wärmsten Antheil genommen, und wie sie im Jahre 13 mit ächter Begeisterung Habe und Leben für die Ehre der Nation und zur Befreiung des Vaterlandes und ihres Königs aus [84] dem fremden Joch darbrachte, so hat sie auch bei dem letzten Ringen der deutschen Nation aus nicht minder schmählichen Banden in der vordersten Reihe gestanden, und Tausende aus ihrer Mitte haben kühn ihr Leben dafür eingesetzt. Wenn nach der Restauration des alten Regiments, nach dem Verwelken so großer Hoffnungen, die Bourgeoisie sich beeilte, sich auf die Armesünderbank zu setzen, so hat sie eben nur Das gethan, was ihrer Natur überall als das Angemessene erschien. Sie machte es in Breslau wie in Berlin, in Berlin wie in Wien, in Wien wie in Karlsruhe, in Karlsruhe wie aller Orten. Um die Ehre der Fußtritte, welche sie empfangen, hat sie noch Niemand beneidet. Aber das Volk nimmt Akt von diesen Dingen und – Erinnerungstage bleiben nicht aus. –
Große, imposante, Kunstsinn und Geschmack befriedigende, Bauwerke hat Breslau wenig. Obenan steht sein Dom, 1170 vollendet; die schöne Liebfrauenkirche und die Kirche des heiligen Kreuzes sind Muster des deutschen Styls aus dem 13. und 14. Jahrhundert. In dieser Zeit wurde auch das Rathhaus gebaut und mit dem reichen Schmuck von Skulpturen und Bildwerken versehen. Der Hatzfeldsche Palast und das Palais des Grafen von Donnersmark imponiren durch Größe und Pracht. Das Universitätsgebäude ist im Zopfstyl des vorigen Jahrhunderts von den Jesuiten erbaut worden. Es nimmt den Platz der alten Burg ein, in der die Könige von Polen, von Ungarn und von Böhmen, die Kaiser und die Fürsten Oesterreichs oft Hof gehalten haben und zu Gericht saßen als Herren des Landes. Schlesien rang seit dem 11. Jahrhundert vergeblich nach Selbstständigkeit, und Breslau, die Hauptstadt des Herzogthums schon seit dem Jahre 1000, war deshalb öfters der Schauplatz tragischer und blutiger Scenen. Mehrmals steckte die kriegerische Bürgerschaft kühn die Fahne der Unabhängigkeit auf, und Kaiser Sigismund ließ einmal (1421) 26 der Rädelsführer an einem Tage hinrichten. Grausamkeit hat jedoch noch niemals den Muth gebrochen, und Erbitterung war der Gewalt niemals ein Gewinn. Nach jeder Züchtigung erhoben die wackern Breslauer, so bald sie bessere Gelegenheit ersahen, um so unerschrockener das Haupt, und sie setzten es endlich bei dem ermüdeten kaiserlichen Hofe durch, daß sie ihr Gemeindewesen fast unabhängig einrichten durften. Der Kirchenreformation öffneten die Einwohner Thore und Herzen, ungeachtet ihre geistliche Oberbehörde, der Fürst-Erzbischof, Himmel und Erde bewegte, um das Eindringen der Ketzerei und die Schmälerung seiner Kirchengewalt zu verhindern. Nachdem der größere Theil der Bürgerschaft seinen Abfall von der katholischen Lehre förmlich erklärt und das Lutherthum bekannt hatte, wurden die Katholiken vom Stadtregiment ausgeschlossen und dieß Verhältniß, sammt der Religionsfreiheit, trotz der katholischen Oberherrschaft, auch in späteren Zeiten gerettet. Erst zu Anfang des vorigen Jahrhunderts gelang es den unablässigen Bestrebungen Habsburg’s, unter dem Beistand der Jesuiten, den festgewurzelten Protestantismus zu beengen. Die Jesuiten trugen den Zwiespalt in Gemeinde und Familien; der Hof aber hätschelte den aristokratischen Theil der Bürgerschaft und machte Adel und Geldsack seinen Interessen und Absichten dienstbar. Schlesien wäre demselben Verdummungssystem verfallen, wie Böhmen, hätte das Schicksal [85] ihm nicht den Krieg gesendet; für das Volk war die preußische Eroberung eine Erlösung aus dem geistigen Kerker, eine Heilung vom erstarrenden Siechthum, eine Erweckung zu neuem Leben.
Friedrich’s II. Adlerblick erkannte sofort im Handel die stärkste Basis für Breslaus Zukunft und Größe, und er that alles Mögliche, ihn zu spornen und zu vermehren. Er opferte selbst zu diesem Zwecke große Summen, ließ auf seine Privatkosten fremde Länder bereisen, um für die schlesischen Fabrikanten und Kaufleute neue und vortheilhaftere Absatz- und Bezugsquellen zu erforschen: er übernahm das Wagniß der ersten Versuchsgeschäfte, schickte Agenten in alle Welttheile, um durch Traktate den schlesischen Produkten die Einfuhr zu erleichtern; er suchte die unterirdischen Schätze des Landes auf, zog sie hervor aus ihrer Verborgenheit, kundschaftete alle Verbesserungen, welche der Holländer, Belgier und Normannen in der Kultur und Aufbereitung des Flachses gemacht hatten, und führte sie ein; holte feinwollige Schaafheerden aus Spanien und verpflanzte sie in die schlesischen Berge und Thäler, und streute in dieser Weise die Saat aus zu neuen Reichthümern in einer Provinz, deren großartiges Gedeihen er als Hauptstütze seines Reichs betrachtete. Noch am Rande der Gruft forderte er seinen Nachfolger auf, unverwandten Auges in dem von ihm verfolgten Werke für Schlesiens Erblühen zu beharren.
Und es geschah. Bis zum Kriege von 1806 blieb Schlesiens Flor im Steigen. Breslau war der Knotenpunkt dieser Entwickelung und die Hand, die den unermeßlichen Verkehr vermittelte. 20 Millionen Thaler betrug allein der Werth der schlesischen Leinen, welche über Breslau nach allen Weltgegenden verführt wurden! Jener unglückliche Krieg aber wirkte auf Schlesien wie ein Hagelwetter; und an die Stelle des allgemeinen Wohlstandes traten Verluste, Stockung der Fabrikation, Noth und Verarmung. Damals wurden die größten Häuser Breslau’s zur Zahlungseinstellung gedrängt; Schlesien blutete aus vielen Wunden und der ohnmächtige Staat konnte nicht helfen. Da kam das Jahr 13. Preußens König rief das Volk zum großen Akt der Selbstrettung auf – und keine Provinz ist ihm schneller, williger gefolgt, keine hat ihm treuer zur Seite gestanden, keine hat ihm größere Opfer gebracht.
Der Sturz Napoleon’s befreite Land und Meer und machte dem schlesischen Handel und Gewerbe die Kanäle wieder zugänglich, welche so lange nicht benutzt werden konnten; aber viele waren inzwischen verschlämmt, oder von der britischen Industrie in Besitz genommen – und unwiederbringlich verloren. Das ehedem so kolossale schlesische Leinengeschäft blieb ein Schatten von dem, was es früher gewesen; doch wurden in der emporkommenden Wollen und Baumwollen-Manufaktur, und noch viel mehr in der Veredlung und Vergrößerung der Schafzucht, in der rasch wachsenden Montanindustrie (Kohlenbergbau, Eisen- und Zinkfabrikation) Quellen der Arbeit und des Reichthums errungen, welche die versiegten ersetzten.
Breslau ist der Agent, der bei Allem wirksam eingreift mit seinen Kapitalen und seinem Kredit. Es ist der Markt der Provinz für Produkte, wie für Fabrikate. Sein Wollmarkt z. B. ist der größte in der [86] Welt. Er wird von Händlern und Fabrikanten aller Länder besucht und er allein bedingt, bei einem jährlichen Absatz von 120,000 Ctrn., eine Kapitalbewegung von 12 Millionen Thaler. Der Leinenexport ist, obschon gegen sonst sehr gesunken, immer noch groß, und summirt ein paar Millionen Thaler. Die Metalle Oberschlesiens sind der dritte große Stapel der Stadt. Sie betragen ebenfalls Millionen; 1 Million Centner Eisen und 600,000 Ctr. Zink gehen die Oder hinab; der Zink sucht auf dem wohlfeilen Seewege Markt in den entferntesten Welttheilen. Für Getreide, Oelsaaten, Oel, Talg, Branntwein und Schlachtvieh gehört Breslau, als Markt, zu den größten des innern Deutschlands. Würde nun der habsburgische Traum eines germanisch-slavischen Mittelreichs Wirklichkeit, – so wäre damit für Breslau der Anfang einer Aera merkantiler Größe gewonnen, deren Gränzen nicht abzusehen sind. Aber „der Mensch denkt’s, Gott lenkt’s“. Er bekümmert sich nicht um die Träume der Gekrönten, und thäte er’s, wäre der Himmel längst eine Zwingburg und statt der ewigen Seligkeit erwarteten da droben manchen ehrlichen Mann – Kasematten.