Brief Christian Künnemann an Erna Künnemann (23. Januar 1916)
Hamburg, den 23. Januar 1916.
Meine liebe Erna, ich habe mich eben über Deinen
Brief sehr gefreut, ich habe allerdings mit Betrübnis gelesen,
was der Kleine Walter nur leidet. Hedwig muß doch viel
durchmachen. Wie ist das traurig! hat sie das verdient? Wenn
man sich an seinen Gott wendet und nach der Ursache fragt,
so kann man darauf keine Antwort Kriegen. Und soll man
Gott zürnen? Man kommt in Versuchung, dann mit ihm zu
hadern. Ich habe mich auch so oft gefragt, warum mußte
unser Vater so früh dahin, warum mußte Anni schon so
früh scheiden. – Liebe Erna, in solchen schweren Zeiten muß
man sich durch die Arbeit wieder aufrichten. Sie ist das einzige
Heilmittel gegen alle seelischen Schmerzen u. Wunden. Und
dann muß man andere Menschen suchen und Gedanken
austauschen. Du begreifst wohl, wie sehr ich mich daher zu
Deinen Briefen freue. Ich denke so oft an Euch, an Otto, an
Dietrich. Da kommt man von selber zum Grübeln. Wenn dann
ein Brief eintrifft, lebt man neu auf.