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Brief Kilian 20-05-1858

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Textdaten
Autor: Johann Kilian
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Titel: Brief Johann Kilians aus Serbin (Texas) an einen Geistlichen [Gotthold Albert Gumlich] nach Deutschland [Weigersdorf] vom 20.5.1858
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Entstehungsdatum: 1858
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Quelle: Commons, SLUB Dresden
Kurzbeschreibung: Es handelt sich um einen Brief Johann Kilians aus Serbin (Texas) an seinen Amtsnachfolger in Weigersdorf, Gotthold Albert Gumlich. Dem Brief ist die Abschrift eines Gedichts von Ambrosius Henkel (1786–1870) beigefügt.
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[1] Serbin (Low Pinoak Settlement) Bastrop County, Texas, den 20sten Mai 1858.

Geliebter Bruder im Herrn!

Den Empfang Deines lieben Schreibens vom 16ten Maerz 1858 bescheinige ich hiermit schon jetzt, weil ich den Andreas Kiesling auf den Todtenschein für seine Eltern nicht zu lange warten lassen wollte. Das Kreisgericht zu Rothenburg wird hoffentlich den Schein anerkennen, da es ja meine Hand kennt. Ich wollte den Schein nicht erst von meiner Obrigkeit beglaubigen lassen, weil mir’s zu umständlich war, deßhalb 20 englische Meilen nach Bastrop zu reisen.
Für Deine eingehenden Nachrichten aus Weigersdorf, Klitten und den andern Gemeinden, die Du jetzt bedienst, danke ich herzlich und bitte, H.[WS 1] Dutschmann’s ganzes Haus zu grüßen und dem Bruder Dutschmann zu sagen, daß mir sein Brief vom 5ten Februar 1858 und seine große Freude über die ihm von mir geschickten Blumensämereien viel Freude gemacht hat. Der Same von Georginen, Malven und andern Blumen, die er mir gesendet hat, ist aber nicht gut aufgegangen, da ich ihn nicht zeitig genug in die Erde bringen konnte. Es hat zuerst Trockenheit, die mehrere Wochen anhielt, geschadet, worauf ein entsetzlicher Platzregen fiel am 1sten Mai. Ich habe so einen Regen in Texas noch nicht erlebt. Und später folgten noch etliche Güsse. Da sind nun von den Malven nur etwa 40 und von den Georginen nur etliche wenige Pflanzen geworden. [2] Im Maerz blühen übrigens hier die mit Bäumen dünn besetzten Weiden, so wie die baumlosen Prärien, wie die Europäischen Wiesen im Mai. Und obgleich die Witterungsverhältnisse in Texas in mancher Beziehung ungünstig sind, so gedeihen doch die deutschen Wintersaaten, Weizen und Roggen, vortrefflich. Nach etlichen Jahren lebt man sich hier ein und mir gefällt es ganz gut. Ich besitze jetzt 19 Stück Hornvieh und 16 Schweine und 1 Pferd, welches Vieh alles nicht weit vom Hause weggeht, obwohl es keinen Hirten hat, da ja alles Vieh in Texas frei geht.
Aber der kirchliche Zustand in Texas muß jedem trauriger vorkommen, als der kirchliche Zustand in Europa, wenn nicht bedacht wird, daß alle falsche Prinzipien, die im Europäischen Leben übertüncht oder mandarinenmäßig überwacht sind, hier frei und ungehindert in ihre Spitzen hinaufwachsen. Daher hat z. B. die Frage über Kirche und Amt hier zuerst praktisch eingegriffen und den ernsten Kampf zwischen der Missouri- und Buffalo-Synode hervorgerufen, wobei man sich nur wundern muß, wie unklar über diese Frage auch bedeutende Theologen Deutschlands sind und wie ungerecht sie in dieser Beziehung über die Missouri-Synode urtheilen. Das Prinzip der Buffalo-Synode ist wesentlich Römisch. So sehr ich aber mit der Missouri-Synode, deren berathendes Mitglied ich annoch bin, in diesem Punkte der Kirche u. des Amts übereinstimme, so entschieden muß ich deren Stellung zum Chiliasmus verwerfen. Die Allgemeine deutsch evangelische Luther. Synode von Missouri, Ohio u. andern Staaten hat nehmlich im Jahre 1857, wo sich alle Districtssynoden in Eins versammelten, laut der mir zugesandten gedruckten Verhandlungen der Synode, den Pastor Schieferdecker, welcher Präses der westlichen Districts-Synode war, folgendermaßen excommunicirt: „Da Herr Pastor Schieferdecker in den gegenwärtigen Verhandlungen geoffenbaret hat, daß er seine [3] eigene chiliastische Auslegung gewisser prophetischer Schriftstellen dem gewissen und klaren Worte Gottes selbst gleichstellet, und dieselbe und seine daraus geschöpften Vermuthungen dazu mißbraucht, mehrere Artikel des heiligen christlichen Glaubens, als: Von dem Reiche Christi auf Erden, von Christi Wiederkunft zum jüngsten Gericht, vom jüngsten Tage ungewiß zu machen; einen derselben aber, nämlich von der allgemeinen Auferstehung der Todten am jüngsten Tage geradezu zu verleugnen, und da alle wiederholten Versuche, den Genannten von seinem Irrsal zurückzuführen, sich als vergeblich bewiesen haben, so erkennt die Synode hieraus, daß Herr Pastor Schieferdecker mit ihr auf Einem Glaubensgrunde nicht mehr stehe und sieht sich daher genöthigt, demselben die fernere Synodalgemeinschaft aufzusagen.“
Was soll ich nun machen, nachdem ich mich gegen den Prof. Walther in St. Louis in dieser Frage neutral erklärt habe, so daß ich sie als eine offene Frage behandelt wissen will? Nun ist die Auslegung der Minorität durch die Auslegung der Majorität verworfen. Ich bin daran, mich nächstens gegen die Excommunication Schieferdeckers zu erklären, und das wird vermuthlich den öffentlichen Bruch zwischen mir und der Missouri-Synode herbeiführen. Das ist der erste Kampf, den ich vorhabe.
Und Verhandlungen, die ich mit der lutherischen Texas-Synode zu pflegen angefangen habe, werden vermuthlich auch unglücklich ablaufen, da diese Synode, die meist aus Zöglingen der Anstalt zu Chrischona bei Basel besteht, voll reformirter Elemente in Lehre und Praxis zu seyn scheint, wie sie auch ein Glied der sogenannt lutherischen (unirten) General-Synode des Nordens ist. Die Frage um unser eigentliches Verhältniß zur lutherischen Texas-Synode entstand, als einige meiner Gemeindeglieder in eine Gegend gezogen waren oder ziehen wollten, wo Texanische Lutheraner vorherrschen. [4] Den Hauptkampf habe ich aber jetzt in meiner hiesigen Hauptgemeine vor mir. Nachdem die Betstunden, von denen ich Dir gemeldet habe, eingeschlafen sind, weil allerlei Ungunst der Umstände eintrat und weil sie den Conventikelleuten in der Gemeine, die eigentlich den ganzen Rumor, der vorgekommen ist, machen, nicht mehr recht waren, so fangen die Methodisten wieder einen Hauptsturm auf die Gemeine an, dießmal, wie es scheint, mit Erfolg. Ich bekomme einen harten Stand, obwohl die Majorität der Gemeinde noch entschieden gegen die Methodisten ist. Ich werde nun die große Lehre vollends auslernen, daß der Geist der sich selbst überlassenen Conventikeln zum Abfall von der lutherischen Kirche führt oder vielmehr ein von der lutherischen Kirche innerlich schon abgefallener Geist ist, wie ja viele Conventikeln in Sachsen und die Biel’schen Conventikelbrüder in Jahmen unsern Kirchenkampf in Preußen verwarfen und ebenso wie die Methodisten auf innere überschwängliche Erfahrung drangen, unbekümmert und sorglos um die Welt und um die Nachkommen. Ich werde den Verlauf des Kampfes zu seiner Zeit berichten.
Etwas Allgemeines über meine Verhältnisse darfst Du im Kirchenblatt publiciren. Nur nenne keinen Namen weiter als meinen, und laß das weg, was ich Dir über den Streit hinsichtlich der Gnadenpredigt nach dem Tode erzählte.[WS 2] Das Henkel’sche Gedicht laß auch abdrucken, es zeichnet den Methodismus gut, wie er im Zeitgeist wurzelt.
Wie wird man seiner Seligkeit gewiß? Das frage ich immer wieder. Denn Du hast nur beschrieben wodurch? aber nicht wie? Du sollst mir Röm 8, 16. deutlich machen.
Ich schließe mit Grüßen von meiner Frau an Deine Frau Gemahlin. Es grüßen auch mein Gerhard August, meine Theresia Martha und mein Bernhard Robert, geboren den 31 Maerz 1858.[WS 3] Im Herrn
Dein Johann Kilian, Pastor.

[5] Aus No. 15 „Des Lutheraners“ vom Jahre 1858.

„Der Geist des 19. Jahrhunderts.“

„Wär‘ Luther hier, ich bin gewiß,
Jetzt würd‘ er besser lehren.
In seiner Zeit war Finsterniß
Er würde sich nicht wehren:
Sein‘n Unterricht und Bibellehr,
Glaub‘, Hoffnung, Lieb und was noch mehr,
Das müßte er aufgeben.

In uns‘rer aufgeklärten Zeit
Da weiß man Alles besser,
Als alle Heil‘gen weit und breit
Und Christus der Erlöser.
D‘rum würde Luther bald einsehn,
Von seiner Lehre bald abgehn
Und sich zu Gott bekehren.

Jetzt ist die kluge, helle Zeit,
Ja, rechte Weisheits-Jahre;
Wo man Maschinen recht bereit‘t,
Auf Eisenbahn‘n kann fahren;
Wo Neuigkeit auf Drath durch Blitz,
Trotz aller Wetter, Kält‘ und Hitz‘,
Gedankenmäßig fähret.

Man malt ein Bild durch Licht und Schein,
Als thät‘ es wirklich leben,
Braucht keine Farb‘ noch Pinsel d‘rein,
Das Licht thut‘s selber geben.
Und Kunst auf Kunst von aller Art,
Erfindungen ganz unerwart‘t,
Wer kann sie alle zählen?

Sind wir nicht in der klugen Zeit?
Wann war die Welt so weise?
D‘rum ist man auch mit Ernst bereit,
Und wirkt mit allem Fleiße,
Daß man geschwind und ohne Müh‘,
Mit Dampfgewalt, ich weiß nicht wie,
Den Weg zum Himmel findet.

Das alte Wort und Sacrament
Ist viel zu schlecht und langsam.
Das alt‘ und neue Testament
Ist viel zu schwer und drangsam.
Wenn man in diesen suchen soll
Das Herz bleibt leer, der Kopf wird voll,
Bringt nicht die recht‘ Bekehrung.

Jetzt hat man aber mehr Verstand,
Man braucht nicht lang‘ zu harren.
Es ist bekannt durch‘s ganze Land,
Wie man es muß erfahren.
Wer schreit und bet‘t so laut er kann,
Der wird gewiß ein frommer Mann,
Der zwingt den „Geist“ zu kommen.

Der Geist der Zeit ist lauter Geist,
Man braucht kein Wort noch Lehre.
Schrei nur so viel du kannst und weißt,
Damit der Geist sich mehre,
Der wird dir geben Höllenpein
Und die Verdammniß oben drein
Daß du mußt schier verzagen.

[6]

Dann bet‘ noch mehr, bald bist du durch,
Du wirst dich bald gebähren
Und kommen in die Himmelsburg,
Die Zahl der Heil‘gen mehren.
Bald wirst du seyn ein Gottes-Kind,
Befreit vom Tod und aller Sünd‘,
Und keines mehr begehren.

Hier kannst du sehn, wie schnell es geht
Im neunzehnten Jahrhundert,
Dampfmäßig wird man hingeweht,
Daß man sich sehr verwundert:
Es geht nun Alles schneller zu,
Die Fleisches-Lust bleibt in der Ruh‘;
Man braucht sie nicht zu dämpfen.

O tolle Welt! Der Narren voll!
Wer kann es g‘nug beklagen?
Die Weisheit Gottes selber soll
Sich‘s jetzo lassen sagen,
Daß man nun Alles besser kann!
Drum wendet man noch Vieles an,
Dem lieben Gott zu helfen.

Man zündet viele Kerzen an,
Der Sonne Licht zu geben.
Der Geist durch‘s Wort kann nicht der Bahn
Verleihen Licht noch Leben.
Drum muß die Menschenhülf herbei,
Daß Alles werde rein und neu,
Daß Gott sich muß verwundern.“[WS 4]

Ambrosius Henkel, Lutherischer Prediger, 72 Jahre alt, nach langjähriger, eifriger Arbeit im Dienste der Kirche jetzt in Zurückgezogenheit lebend.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Unsichere Auflösung der Abkürzung „Herrn“.
  2. Wohl Bezug auf den Brief Kilians an Gumlich vom 20.12.1857, vgl. hier S. 6.
  3. Gemeint sind Kilians Kinder Gerhard August, geb. am 6.4.1852 in Dauban, Theresia Martha, geb. am 7.12.1856 in Serbin, Bernhard Robert, geb. am 31.3.1858 in Serbin. Vgl. Lebensdaten Kilians bei der SELK Weigersdorf.
  4. Das Gedicht ist textgleich erschienen in: Der Lutheraner 14 (1858), Nr. 15, S. 118 f. (Digitalisat). In wenigen Fällen gibt es Abweichungen bei der Interpunktion. Die Unterstreichungen stammen von Kilian.