Brief Kilian 20-12-1857
[1] Serbin am 20sten December 1857.
Geliebter Bruder![WS 1]
Dieser Brief an Dich ist der erste, den ich aus Texas an einen Geistlichen nach Deutschland schreibe. Denn Geistliche erwarten mit Grund eine Darstellung der hiesigen kirchlichen Verhältnisse, wenn sie Briefe von einem Amtsbruder aus fernem Lande erhalten. Nun sind aber die kirchlichen Verhältnisse in den Vereinigten Staaten Amerika’s und insonderheit in dem jungen, großen Staate Texas von der Art, daß man sich erst hinein leben muß, ehe man mit einiger Kenntniß darüber schreiben kann.
Auch ist dieser Brief der erste, den ich mit dem Namen „Serbin“ überschrieben habe. Denn wir haben beim General-Postamt in Washington angesucht, daß in unserer Ansiedlung eine Briefpost eingerichtet werden möge. Und ich höre, daß uns unsere Bitte gewährt ist und daß die Post in unseren Orte mit dem neuen Jahre 1858 beginnen soll. Damit wird zugleich der Name „Serbin“, den wir unserer Ansiedlung geben, öffentlich bekannt werden. Jedoch bitte ich, falls du bald an mich schreiben wolltest, vor der Hand, noch die alte Adresse beizubehalten, nehmlich: Rever.
John Kilian, Cunningham’s P. O. Bastrop Co. Texas. Unsere Ansiedlung enthält jetzt schon mehr als 50 Farmen und wird übers Jahr mehr als 60 Farmen enthalten, wenn alle die Familien, die schon nah an unserer gemeinschaftlichen Ansiedlung Land gekauft haben, angezogen seyn werden.
Doch nun zur Sache. Wie steht es mit der Kirche in Texas? Das Volk von Texas, an Zahl nahe an einer halben Million, bestehend aus Amerikanern, wie man diejenigen nennt, die in Amerika geboren sind und englisch reden, aus Deutschen, Franzosen, Polen, Böhmen, Mexikanern und Negersklaven und Indianern, bilden in Beziehung auf die Kirche im Grunde 5 Hauptparteien, nehmlich: 1) eigentliche Heiden; 2) den Haufen derer, die zwar von Christen abstammen, aber sich zu gar keiner der bestehenden Kirchen halten, auch zum Theil nicht getauft sind, welchen kirchenlosen Haufen ich von Amerikanern die „big church“ habe nennen hören, eine schauerliche,
[2] aber wahre Bezeichnung, denn der Haufe der Kirchenlosen ist in Texas sehr groß, wenn nicht der größte; 3) Römischkatholische; 4) die verschiedenen Particularkirchen reformirter Sacramentsanschauung, als da sind Reformirte, die sich so nennen, Presbyterianer, Methodisten, Baptisten; 5) Lutheraner, unionistische und strenge sogenannte Altlutheraner. Ich mache diese Klassifizirung nicht als ein Statistiker, der zum Druck schreibt, sondern nur als Freund, der die kirchlichen und unkirchlichen Parteien anführt, um die Beschreibung seiner kirchlichen Lage damit einzuleiten. Ich behaupte auch gar nicht, daß sich alles Volk von Texas genau in obige 5 Klassen bringen lasse. So habe ich, was mir eben einfällt, die Juden vergessen, deren es gleichfalls hier gibt.
Da die Colonien in Nord-Amerika, aus welchen nach ihrer Losreißung von England die erst vereinigten Staaten entstanden sind, durch englisch-reformirte Puritaner, Quäker und A. gegründet wurden, so folgte daraus, daß die rigoristische, unruhige Gesetzlichkeit des Kalvinismus sammt seiner Verleugnung des objectiven Inhalts der Sacramente das ganze Kirchenwesen, so weit es nicht Römisch oder lutherisch war, durchdrang. Und die erklärte völlige Trennung der Kirche vom Staat, dieses große weltgeschichtliche Ereigniß, setzt diejenigen, welche mit den bestehenden Kirchen irgendwie zerfallen sind oder die Freiheit des verlornen Sohnes wünschen, in den Stand, ihren eigenen Weg zu gehen. Daher herrscht auch hier in Texas der Geist des Kalvinismus in methodistischer, presbyterianischer oder baptistischer Form vor, so weit es sich um die Kirche handelt. Denn der Römische Geist ist hier noch wenig fühlbar, noch weniger der Lutherische. Daneben herrscht aber auch der Geist des Libertinismus auf eine Weise, wie er in Deutschland in den Städten und Gegenden geherrscht hat, wo die Kirchen durch den Rationalismus leer gepredigt waren. Doch mußten die deutschen Libertiner in Europa ihre Kinder taufen, ihre Todten vom Geistlichen begraben, sich von ihm trauen lassen. Das kann hier Alles unterbleiben. Die Kinder taufen zu lassen ist hier Niemandem geboten. Die Todten kann Jeder begraben, wie und wo er will. Größere Ansiedlungen und Städte haben ihre Kirchhöfe. Aber einsam wohnende Farmer begraben nicht weit vom Hause. Trauen kann eben so gut ein Squire (weltlicher Richter) das ist die Civilehe, als ein Geistlicher. Es steht im Belieben des Brautpaares, ob es sich vom
[3] Geistlichen kirchlich oder vom Squire weltlich trauen lassen will. Ich kenne ganze große Ansiedlungen, die seit ihrem Beginne bis jetzt ohne einen Geistlichen gewesen und bis heute so geblieben sind. Ich kenne persönlich viele Gebildete unter Deutschen, die ihre Kinder nicht taufen lassen und von aller Kirche sich durchaus fern halten. Solcher Libertiner gibt es viele auch unter den Amerikanern, welche letztere aber, auch dann, wenn sie unkirchlich sind, Gottes Wort und die Kirche in der Regel nicht so mit Spott und Hohn angreifen, wie viele unter deutschen Libertinern es thun. Dennoch ist die völlige Trennung der Kirche vom Staate gut. Denn hier braucht Niemand zu scheinen, was er nicht ist, hier darf auch Jeder sagen, was er ist. Heuchler braucht man hier nicht zu seyn. Und die schlimmsten Religionsspötter und Atheisten, die wir haben, sind nicht hier geboren und erzogen, sondern unter dem Staatskirchen- und Schulzwange gebildet hieher gekommen. Die traurige Juristenwirthschaft wenigstens, die in den Staatskirchen Deutschlands sich breit macht, möchte ich gegen die hiesige Trennung der Kirche vom Staate nicht gern wieder eintauschen.
Diese unsere Freiheit ist aber seit unserm Abschiede von Europa eine sturmbewegte gewesen. Zuerst kamen die vielen Cholera-Todesfälle, die in Liverpool begannen und nach unserer Abfahrt von dort zur See so häufig wurden, daß wir im Cork-Hafen in Irland bei Queenstown 3 Wochen lang Quarantaine liegen mußten. So kamen wir erst am 14 December 1854 vor Galveston an. Ein zweiter Sturm war nach der beschwerlichen Landreise, die im nassen Winter mit Ochsenwagen langsam vor sich ging, die Geld-Noth, in welche durch die an den Armen geübte Barmherzigkeit viele Familien hier Anfangs gerathen sind. Die Wohlhabenderen haben für die Armen zur Ueberfahrt und sonst an 6000 Thaler vorgeschossen, wovon etwa 2000 Thaler durch das Absterben vieler Armen, durch die Treulosigkeit Einzelner etc. schon verloren sind. Die dritte, lang dauernde Heimsuchung war die Dürre der Jahre 1856 und 1857, in welcher wir zwar immerdar gehabt haben, was zur Leibes-Nahrung und Nothdurft gehöret, aber unter mancherlei Mühen und schweren Gedanken. Erst im September dieses Jahres trat eine ordentliche Regenzeit ein, welche in Absätzen immer noch fortwähret, und das ist der Vorbote eines kommenden guten Jahres. Der Herbst brachte schon eine Menge Melonen, Kürbiße, Rüben u. s. w.
[4] Ein vierter Sturm war ein geistlicher, der in diesem Jahre theils im Innern dieser meiner Hauptgemeine erweckt ward, theils von außen hereinbrach. In der Gemeine wurde nehmlich das Bedürfniß einer Kirchenordnung und Kirchenzucht rege und es wurden deßhalb mehrere Gemeindeversammlungen gehalten, welche dadurch stürmisch wurden, daß die Freunde der schon in Deutschland gewöhnlich gewesenen Stunden oder Conventikeln mit den in der Gemeine vorhandenen Gegnern derselben hart zusammengeriethen, obwohl im kirchlichen Bekenntniß beide Theile einig waren. Es wollte sich von der ascetischen Seite ein gesetzlich Wesen geltend machen, welches nur Zorn wirkte, da die Gegner der Asceten sich verachtet fühlten und daher die Conventikelform der Ascetik nicht aufnehmen wollten, weil an den Hauptleuten dieser Form keine besseren Früchte sich zeigten, als an den Andern. Als nun diese innere Spaltung gefährlich zu werden drohte, da kamen die Methodisten und hielten 4 Meilen von hier eine Lagerversammlung, Camp meeting genannt, in welcher sie etliche herrnhutische Familien am Rabbs Creek gewannen, die sich bisher zu mir gehalten hatten und denen ich in der Regel einen Sonntag um den andern gepredigt hatte. Diese früher herrnhutischen Leute gingen, wie sie sagen, als Gegner hin, wurden aber überzeugt, wie sie sagen. Eine ihrer Frauen wurde durch die unaufhörlichen Anstürmungen mit Zuspruch und Gebet, durch Umhalsungen und Anreden beredter Weiber, durch hüpfende, überschwängliche Gesänge, so weich und berauscht gemacht, daß sie umfiel. Darauf wurde sie prächtig getröstet und fand den Frieden, wie sie sagt. Ueber eine andere Frau, die Frau Jeschke aus Weicha, die als Wittwe den Wittwer Noack aus Gröditz geheirathet hat, kam der Geist des Lachens und der Verzückung, als wollte sie vor Freuden in den Himmel fahren. Das ist denn die einzige Familie aus meinen hiesigen Wenden, die von der lutherischen Kirche abgefallen und methodistisch geworden ist. Die Methodisten kamen einmal über das andere in mehrere Familien meiner Gemeinde, luden sie in ihre Versammlungen, wo alle Glieder, einer nach dem andern, beten müssen, zudringlich ein und wollten mir meine Gemeinde entfremden und an sich ziehen. Ich hatte damals einen harten Stand, da manche sich dort hingezogen fühlten, weil es, wie sie sagten, dort ernstlicher herginge als bei uns. Ich predigte dagegen: Die reformirte Kirche, die die Lutheraner in Preußen, als ihre Wächter schliefen, mit Manier und Unmanier aus 7000 Kirchen herausgedrängt hat, die greife uns hier in der methodistischen Form an. Ich höre, sagte ich, daß Etliche von uns zu den Methodisten gehen wollen, wiewohl ich es noch nicht recht glauben kann. Warum wollen sie, wenn es doch so seyn sollte, zu dieser Partei hingehen? Weil dort am Rabbs Creek Erweckung ist und bei uns ist keine Erweckung.
[5] Ich weiß, es war einmal Erweckung in Groß-Radisch, in der unirten Kirche, da liefen so Viele dorthin. Durch Martin Boos entstand im Anfang dieses Jahrhunderts eine große Erweckung im Oesterreichischen und in Baiern in der Römisch-katholischen Kirche. Wenn solche Bewegung unter den Katholiken unserer Nachbarschaft jetzt entstünde, würdet ihr da zu den Katholiken gehen? Würdet ihr so jeder Erweckung nachlaufen und so die Kirchen durchlaufen? So sprach ich und wies die Leute darauf hin, daß man bei der Entscheidung, zu welcher Kirche man sich halten solle, nicht auf Erweckungen, sondern auf das öffentliche Kirchenbekenntniß zu sehen habe. Damit aber die Leute nicht ferner versucht würden, das Lebenswasser auswärts zu holen, das sie im eigenen Hause haben können, so wurden Abendbetstunden eingerichtet, Mittwochs und Freitags, wo ich einen Text vorlege und eine Einleitung mache, worauf sodann Jedermann sich aussprechen kann. Dann rufe ich Einen auf, zu dem ich etwa einiges Zutrauen habe, das Schlußgebet zu verrichten. Diese Betstunden haben uns viel Segen gebracht und Viele sind bange geworden um ihre Seligkeit. Gott hat uns durch die Methodisten erweckt, unsere lutherische Brunnen zu reinigen, damit sie frischer fließen. Der Sturm der Methodisten ist hauptsächlich durch diese Betstunden abgeschlagen. Die Gemeinde, die schon in sich gefährlich gespalten war, ist wieder eins geworden. Ich habe im „Lutheraner“, um über den Methodismus noch klarer zu werden, zwanzig Fragen aufgestellt,[WS 2] aber bis jetzt noch keine Beantwortung derselben gesehen.
Im Streit mit den Methodisten handelt sich’s, glaube ich, um die Versicherung der Seligkeit, ob diese in der Regel eine außerordentliche seyn müsse, wie die Methodisten anzunehmen scheinen, da sie Jeden, der sich auf die Bußbank setzt, so lange auf alle ersinnliche Weise bearbeiten, bis er hinfällt oder sonst etwas Besonderes mit ihm vorgeht, oder ob diese Versicherung eine ordentliche sey, d. h. aus den Zeichen geschöpft werde, die Matth. 5, 3-10 angegeben sind und die wir in den Betstunden mit Rücksicht auf die Methodisten eines nach dem andern durchgegangen haben. Schreibe mir doch deine Meinung über die große Frage: Wie wird man seiner Seligkeit gewiß?
[6] Außerdem halte ich an Sonn- und Festtagen Nachmittags, wenn sonst keine Arbeit vorliegt und wenn ich nicht in New-Ulm bin, wohin ich zu jedem 5ten Sonntag 40 Meilen (8 deutsche Meilen) weit zu reiten habe, Bibelstunden, in denen ich die Bibel vom Anfang an, einen Abschnitt nach dem andern, vorgenommen habe und so bis zur Sündfluth gekommen bin. In einer dieser Bibelstunden entstand ein neuer Sturm wegen der Behauptung eines Gemeindegliedes „daß die Gnade nicht mit dem Tode aufhöre“. Die Besprechung der Höllenfahrt Christi gab dazu Veranlassung. Da sich aber dieses Gemeindeglied in einer Sitzung unseres auf 3 Jahre erwählten Gemeinderaths zu einem von mir formulirten Widerruf, den ich am Reformationsfest der Gemeine vorgelesen habe, verstand, so hatte ich nicht nöthig, eine Gemeindeversammlung zu berufen, bei welcher die oberste Kirchengewalt steht. Seit dieser wichtigen Bewegung in der Gemeine beschäftigen mich die letzten Dinge am meisten und schwersten.
Viel Mißvergnügen empfinde ich darüber, daß sich die strenglutherische Missouri-Synode, deren Mitglied ich bin, gegen allen Chiliasmus erklärt hat. Ich habe in einem Briefe an Prof. Walther in St. Louis mich in Beziehung auf diese Frage neutral erklärt. Die schroffen Gegner alles Chiliasmus, wie auch Euer Pastor und Superint. Ehlers einer ist, thun dem einfachen Laute des Schriftwortes offenbar Gewalt an. Somit bin ich auch in meiner eigenen Synode nicht recht zu Hause. Und mit den Lutheranern der General-Synode, welche den Unterschied zwischen Lutheranern und Reformirten nicht gern hervorheben und etwa die Praxis haben, wie die lutherischen Staatskirchen Deutschlands, kann ich gleichfalls nicht stimmen. Doch ich muß schließen. Grüße Deine Frau Gemahlin herzlich von mir. Grüße auch meinen Freund Dutschmann und seine Familie und sage ihm, weil er es wissen will, daß Arldt aus Weigersdorf noch als Renter in New-Ulm lebt, mit seiner Frau und seinem Sohne und seiner Tochter gesund ist. Er ist hier ein ordentlicher Mann und hält sich fleißig zur Kirche. Ich habe hier mehr Freude an dieser Familie, als ich in Deutschland an ihr hatte. Lebe wohl und vergib mir die Eile, mit der ich geschrieben, weil ich gerade Gelegenheit zur Post habe. So verbleibe ich im Herrn Dein
Johann Kilian, P.
Anmerkungen (Wikisource)
- ↑ Da in später datierenden Dokumenten, enthalten in der Akte A 27 im Archiv der SELK Weigersdorf (SLUB Dresden), auf Inhalte des Briefs Bezugs genommen wird, kann als Adressat des Briefs der Amtsnachfolger Johann Kilians in Weigersdorf, Pastor Gotthold Albert Gumlich, angenommen werden.
- ↑ Der Lutheraner 14 (1857), Nr. 3, S. 21 f. (Digitalisat)