Brief Kilian 26-05-1858
[1] Am 26sten Mai 1858
Lieber Bruder!
Weil vermuthlich Briefe von hier bei Euch ankommen werden, die den jetzigen Zustand dieser Gemeine trübe schildern und auch mich verunglimpfen werden, so erzähle ich Dir bis auf Weiteres nur kurz, was hier vorgeht. Der hier lange vorbereitete Kampf des pietistischen Geistes der hiesigen Conventikelleute mit dem Geiste Luthers ist endlich zum Ausbruch gekommen. Am Sonntage Exaudi erklärte ich gegen das Laufen zu den Methodisten öffentlich, es könne so nicht bleiben, entweder müsse 1) eine gründliche Versöhnung des zweierlei Geistes in der Gemeine oder 2) Trennung oder 3) mein Wegzug eintreten. Auf den letzten Pfingsttag wurde Gemeindeversammlung gehalten, zu welcher die Methodistenfreunde sich nicht einfanden, sondern eine Schrift mit Anklagen gegen mich einsandten,[WS 1] als ob ich nicht aufs neue Leben genug dränge, sondern Feind „des kleinen Häusleins“ wäre (weil ich nehmlich die Einbildung nicht herrschen lasse, als ob gewisse geformte Conventikeln wichtiger wären, als die öffentliche Predigt, und weil ich diese Conventikeln nicht der ganzen Gemeine auf eine gesetzliche Art aufdringen lassen will, als wären sie ein drittes Gnadenmittel außer dem Wort und Sacrament) und weil ich im dem vorgefallenen Streite über die Gnadenpredigt nach dem Tode diesen Irrthum nicht scharf genug abgewiesen hätte (über welchen Punkt ich jedoch öffentlich gar nicht gepredigt habe, sondern in der Verhandlung des Gemeinderathes sind die Sprüche für und gegen angeführt worden, [2] wobei ich erklärte, es lasse sich für die Lehre nichts Gewisses aufbringen, weil zwar manche Sprüche nach der Seite zu klingen, welchen aber andere Sprüche entgegenstünden). In dieser Schrift haben die Methodistenfreunde die Hauptsache, die in der Gemeine so viel Unzufriedenheit erregte, ihre herzliche Union mit den Methodisten gar nicht erwähnt, sondern ihre Trennung von uns erklärt. Die Anklagen sind offenbar nur Vorwand. Es sind in der Schrift unterschrieben: August Polnik aus Weigersdorf, Michael Urban aus Kupschütz, Andreas Hantschke (Prochneschko) aus Baruth, Johann Urban aus Rakel, Matthäus Schmidt (Hunter-Schmidt) aus Reichwalde, Matthäus Wagner aus Halbendorf, Jacob Mörbe aus Neudorf, Ernst Mörbe aus Klix, Johann Lorentschk (der Sohn) aus Reichwalde, August Dube aus Rodewitz, Johann Schönig aus Baruth, Christoph Kokel aus Reichwalde, Jacob Urban aus Kubschutz. Gegen diese Vertreter des zum Methodismus abschüssigen Pietistengeistes stehen mit mir über 40 Familien, deren Namen ich dießmal nicht nennen kann. Zeige dem lieben Andreas Kubitz aus Buchwalde die Namen der genannten Pietisten, weil er den Geist der Rakeler und Kortnitzer Conventikeln kennt und darnach den Geist der Bewegung am besten wird beurtheilen können. Seinen kürzlich angekommenen Brief an seinen Bruder, der zu meiner hiesigen Gemeine gehört, habe ich gelesen. Grüße ihn von mir und sage ihm, er solle sich unsern kirchlichen Zustand nicht zu traurig vorstellen. In Amerika greift jede Differenz gleich ins Leben u. wird praktisch. Dabei lernt man mehr als in dem abgestandenen Europa. Künftig mehr.
Grüße nun außer Dutschmanns noch meine Freunde Wanack, Hilbrig und Mros, von mir und meiner Frau, die mit ihrem jungen Bernhard[WS 2] gesund ist. Grüße ferner alle Vorsteher und Gemeindeglieder von Weigersdorf, Klitten, Spremberg u. s. w. vonDeinem ergebenen
Anmerkungen (Wikisource)
- ↑ Das Schreiben, auf welches hier Bezug genommen wird, lag einem späteren Brief Johann Kilians an Gotthold Albert Gumlich vom 19.10.1858 als Abschrift und bezeichnet als „Aktenstück 1“ bei. Das Originalschreiben datierte demnach vom 25. Mai 1858. (Digitalisat)
- ↑ Gemeint ist der gemeinsame Sohn Bernhard, geb. am 31.3.1858 in Serbin. Vgl. Lebensdaten Kilians bei der SELK Weigersdorf.