Carlos und Nicolas
Carlos und Nicolas sind Geschwister, die in Argentinien aufwachsen, durch die Pampas jagen und dennoch rechte Kinder bleiben. Carlos ist sieben und Nicolas sechs Jahre alt. Drei Jahre später stehen sie mit ihrem Lehrer Doktor Bürstenfeger auf der Landungsbrücke von Buenos-Aires, um mit ihm nach Europa zu fahren.
Hier schließen die »Kinderjahre in Argentinien«, der erste Band des biographischen Romanes »Carlos und Nicolas«.
Im zweiten Band »Carlos und Nicolas auf dem Meere«[1] schildert Rudolf Johannes Schmied im engen Anschluß an das erste Hauptkapitel die Fahrt der »Lombardia« nach Genua.
Den spezifisch biographischen Wert der Teile für das Gesamtwerk können wir noch nicht beurteilen. Aber unabhängig davon, ob Schmied diese Jugend als Werdendes sieht und nicht als Vollendetes empfindet, leuchtet in uns die Freude über die Bücher, die wie Teile einer Trilogie in sich abgeschlossen, einzeln verständlich sind. In drei Stunden gleiten ihre Bilder wie schnelle Segler vorüber. Einige Szenen des zweiten Bandes, in denen ein Menschenschicksal zusammengeballt ist, haben die geraffte Energie der Schiffer, einen Wellenkamm zu erklimmen, um dann wieder über die ebene See zu fahren. Und der Gehalt versinkt wie ein Anker in das Meer unseres Bewußtseins. Wir haben einen neuen Dichter erkannt.
Carlos und Nicolas sind bei aller Verschiedenheit der Temperamente ein einziger Held. Die dynamischen Nuancierungen der Charaktere geben der Zweiheit Farbe und Wechsel. Beide sind zwar voll von Leben und tollen Gedanken und im tiefsten Innern gut. Beide lieben das Abenteuerliche und das Fremde und sehnen sich nach Sieg und Ruhm. Beide wollen Könige sein und über Prärien herrschen, wie Männer kämpfen und wie Kinder spielen. Nur ist [32] Carlos lebhafter und klüger, Nicolas verträumter und ruhiger. Aber beide zeigen ihre Verwandtschaft in der Beeinflussung durch Doktor Bürstenfeger.
Dieser, ein Bild des deutschen Lehrers, ist Pedant aus Idealismus und Idealist aus Pedanterie. Als Lehrer hat er kein Verständnis für die Kinder, sondern nur Sinn für Didaktik. Aber die Kinder sind für seine Ruhe und Güte empfänglich und lassen sich von ihm menschlich beeinflussen. Im ersten Kapitel lügen sie noch nach Herzenslust und bekräftigen ihre Lügen durch Eide. Aber nach seinen schönen, eindringlichen Worten gehen sie in sich, erröten, wenn sie ertappt werden und weinen vor Scham. Sie werden weich, fast sentimental und färben, auch wenn sie langsam seine komischen Schwächen wittern, immer mehr von Doktor Bürstenfeger ab. Carlos und Nicolas werden nie wie Doktor Bürstenfeger werden; aber sie werden ihn einmal lieben und als Freund betrachten.
Nicht nur auf ihren Lehrer reagieren Carlos und Nicolas gleich. Sie werden gemeinsam von wesentlichen Dingen berührt, und von gleichen Stimmungen befangen. Schmied verwendet diese innere Einheitlichkeit zur Charakterisierung der Kinder und zur Spiegelung der Umgebung. In Frage und Antwort sind sie wechselseitig Hintergrund und Relief, Teile der Handlung und Werkzeuge der Psychologie. Ihr klarer Kinderblick sieht das Klare und dringt nach Klarheit. Daher beleuchten sie nicht nur sich selbst, sondern auch die anderen. Indem aber alle Dinge in einen äußeren oder inneren Bezug zu den Kindern gebracht sind, scheint das Lebensgetriebe ohne sie nicht denkbar. Bald sind sie die Handelnden selbst, bald das Gegenspiel: im ersten Band vorwiegend Kreisfläche, im zweiten vorwiegend Zentrum. Und bezeichnenderweise ist ihr tiefstes Erlebnis auch die tiefste Szene des Buches. Es ist die Nacht, in der sie wach in der Kajüte liegen, um die Versenkung der Leiche einer Greisin zu erwarten. Hier ist die Schilderung, durch künstlerische Kontraste bewegt, einfach und visionär.
Im ersten Band, den »Kinderjahren in Argentinien«, folgt ein Abenteuer dem anderen. Fehlt noch den skizzenartig gereihten Erzählungen künstlerisch verdichtete Einheit, so ist doch jede einzeln fest gefügt und gesteigert, geschmückt mit neuen und eindringlichen Bildern. Die Exotik ist nicht Zweck, sondern das zufällige Milieu[WS 1], nicht ein Behelf des Dichters, sondern ein Teil des Dichterischen in [33] ihm. Handlung und Charaktere: Alltägliches und Besonderes, die deutschen Gewohnheiten und fremden Sitten, die Spießer, Abenteurer und Tollen, Auswanderer, Einheimische und Fremde sind auch in den gewöhnlichsten Situationen neu gesehn und wie zum erstenmal beschrieben.
Schmieds Sprache gibt sinnliche Eindrücke sinnlich wieder, ohne zur Impressionistik flüchten zu müssen. Im zweiten Band hinterläßt gar das mit blanker Technik ausgeführte Bild einer Fahrt durch den Nebel impressionistische Visionen.
Die Meerfahrt zeigt den Dichter der Vollendung entgegenschreitend. Wieder bestimmt die Einfachheit die Form, die nun synthetisch und durchsichtig ist. In einem Zug sind die Erlebnisse geschildert, der Tod und der Wahnsinn, das Alter und das Heimweh. Die technischen Schwierigkeiten der Ordnung von Zeit und Raum sind überwunden, und der schmale Band ist voll mit neuen Bildern fremder Menschen. Namen, Reden, Gesten, oft nur ein auffallendes Kleidungsstück erschöpfen Charaktere, die durch einen einzigen Satz geschildert, von uns zu Naturen ergänzt werden könnten.
Bei aller schlichten, der Kunst abgerungenen Anmut ist in »Carlos und Nicolas« die tiefe Ruhe, Objektivität und höhere Zweckmäßigkeit der Natur. Die Menschen, ob gut oder böse, sind für das Gefühl des Dichters gut, sein Reichtum entlädt sich nicht barock und seine Sparsamkeit ist Fülle.
- ↑ Erich Reiss Verlag, Berlin-Westend.
Anmerkungen (Wikisource)
- ↑ Vorlage: Miileiu