Charles Dickens (Die Gartenlaube 1856)

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Autor: unbekannt
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Titel: Charles Dickens
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aus: Die Gartenlaube, Heft 6, S. 73–75
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[73]
Englische Dichter.
1. Charles Dickens.
Die Gartenlaube (1856) b 073.jpg

Die Lebensläufe großer Männer, die im gewöhnlichen Sinne glücklich waren, sind in der Regel arm an Ereignissen, an Interesse für den Dutzend-Leser, der Hunger, Verfolgung, Ketten und Kerker, Nacht und Sturm, vermummte Gestalten, von unten oder von oben plötzlich herbeispringende Götter und Göttinnen und ganz unerwartete Wendungen verlangt mit poetischer Gerechtigkeit auf der letzten Seite. Shakespeare, der größte Genius seiner und aller Zeiten, hat kaum eine Biographie, denn viele romantische Ereignisse, die man von dem jungen Fleischergesellen Shakespeare findet, sind Dichtung. Das Wahre seines äußerlichen Lebens, wovon man wirkliche Kunde hat, beschränkt sich darauf, daß er Theaterstücke schuf, Schauspieler und Direktor war, daß er Staatspapiere, Grundstücke und vermiethete Häuser besaß, in Fülle lebte und in der Fülle eines eigenen Hauses starb. Solche große Männer ohne Biographie in der Dichtkunst sind selten. Sie wurden erst neuerdings Mode. Die Lebensbeschreibungen der meisten ältern Dichter bestehen aus Anhäufungen allerlei Elends. Milton’s Blindheit, Drydens Kampf mit einem armseligen Leben, Pope’s körperliche Entstellung, die Verfolgungen gegen Defoe, Swift’s Spleen und Geiz, Dante’s tragisches Weh, die Liebes- und Lebenskrankheiten Petrarka’s und Tasso’s, die Vernachlässigungen, unter denen Cervantes brach, Camoens durch’s Leben bis zum Todtenbette im Armenhospitale gesetzt, die Verzweiflung Butler’s, Chatterton’s Selbstmord, Schiller’s Riesenkampf unter Entbehrungen und gegen eine langsam tödtende Krankheit – das sind die romantischen und rührenden Stoffe, aus denen in mannichfaltigen Mischungen das Leben großer Dichter gewoben war. Vielleicht hat neuerdings die Größe einzelner Dichter ab- und ihr Erfolg und Lebensglück zugenommen. Wir finden die meisten Literaten und Dichter der Gegenwart, auch ganz kleine Lichter, in erträglichen Verhältnissen, wenigstens nicht mehr so häufig in Dachkammern bei Wasser und Brot, mit einer leeren Weinflasche als Leuchter. Keine himmelstürmenden Titanen mehr, zerstören sie sich auch nicht mehr so häufig die Bedingungen irdischer Existenz. Und das Volk hat lesen gelernt und liest gern, Gereimtes und Ungereimtes. Hand- und Dampfpressen verlangen entsetzlich viel Speise. Dafür geben sie den Dichtern und Literaten Brot, so viel, daß sie ohne beißende Sorgen in Mußestunden auch wohl noch ein unabhängiges Dichtwerk in Versen oder Prosa zusammen, zu Ende und zu einem Verleger bringen.

Diese Dichter leben und sterben denn mit der Zeit, ohne eine Biographie zu hinterlassen. Wir beklagen das nicht. Kein Mensch lebt der Biographie wegen, sondern um seiner selbst willen. Fast jeder Literat hat heut zu Tage Leibrock und Handschuhe und Visiten- und Einladungskarten am Spiegel. Wo sollte unter solchen Umständen die Biographie herkommen?

Talent und Erfolg! das ist im Allgemeinen der biographische [74] Inhalt in den Schicksalen unserer modernen Notabilitäten. Viel Talent, viel Erfolg! das ist die Biographie des Charles Dickens. Sein ganzes Leben besteht in glücklicher Arbeit mit dem glücklichsten Erfolge, lauter Licht und grüne Wiese, ohne tiefe Schatten und Schluchten. Aber solch ein merkwürdiges, individuellstes Talent mit diesem beispiellosen Erfolge in der ganzen civilisirten Welt bildet zugleich eine so interessante Persönlichkeit, daß uns die kleinsten Einzelnheiten in dem Leben derselben lieb und werth erscheinen, insofern sie zur Kenntniß der Umstände beitragen, unter welchen sich dieser glänzende, dauernde Erfolg solch eines eigensten genialen Talents über alle civilisirten Völker und Sprachen ausdehnte. Wir geben deshalb das getreueste Bild seiner Persönlichkeit nach einem photographischen Portrait des berühmten Mayall, zu welchem Dickens kurz vor seiner Abreise nach Paris im vorigen Herbste saß und die nöthigsten biographischen Notizen.

Charles Dickens wurde 1812 im Februar zu Landport, einem Theile von Portsmouth, geboren. Sein Vater, John Dickens, war früher Beamter in dem Zahldepartement der Marine gewesen und zog 1816 mit einer Pension nach London, wo er als Berichterstatter für Zeitungen und später bis zu seinem Tode (vor etwa drei Jahren) als Mitarbeiter der „Daily News" seinen Talenten gemäße Beschäftigung fand. Charles Dickens ward in einer Schule bei Rochester, in der „hopfen-, äpfel- und hübschemädchenreichen Grafschaft Kent“ erzogen. Hier in Kent haben wir die Originale zu seinen besten und minutiösesten Natur-, Sitten- und Menschenschilderungen zu suchen. „Man kehrt immer wieder zu seiner ersten Liebe zurück.“

Wir wissen nicht genau, in welchem Alter Charles Dickens in das eigentliche, unerschöpfliche Zeughaus seiner Muse und seines Humors, London, einzog, doch geschah es jedenfalls nach Ablauf seiner Schul- und Erziehungsjahre, da sein Vater in London wohnte, in einer Zeit, wo die jugendlichen Knospen des Talents, der Eindrücke und Wahrnehmungen in üppiger Frische aufbrechen. Es dauerte auch nicht lange, bis er sich zuerst gedruckt sah in einem „Magazin“ und seine Augen sich trübten vor Freude und Stolz, so daß er die um ihn tanzenden Straßen nicht sehen konnte.

Der Freudeschauer, sich zuerst gedruckt zu sehen, ward aber bald in dem Bureau eines Advokaten gekühlt. Doch lernte er in einer dieser Räuberhöhlen des Rechts und Gesetzes die Kniffe und Pfiffe, Schliche und Ränke, Beutelschneidereien und Heucheleien der englischen Rechtspflege so genau kennen, daß er sie so oft und penetrant schildern und ihnen einen ganzen Roman (Bleak house) widmen konnte. Sein Vater hoffte in ihm einmal einen berühmten Advokaten und Anwalt (attorney) zu sehen, aber nachdem manches Buch Papier und manches Stück Pergament zu Aktenstücken und Testamenten verdorben, setzte die Muse ihren höhern Willen gegen den Wunsch des Vaters durch, und erhob ihn zum Anwalt der Humanität gegen das Recht, des tief- und edelfühlenden Humors gegen Humbug und Heuchelei des englischen Lebens, zum Advokaten der Armen und Ausgestoßenen, die kein Geld haben, sich Recht zu kaufen, keine Stellung, keinen Boden, darauf zu stehen und sich aufzurichten. Wie Columbus Amerika entdeckte, fand Dickens zuerst die Antipoden der londoner Gesellschaft, auf denen sie verächtlich und unbewußt herumgetreten war, wie auf Infusorienerde, deren Millionen Schildpanzer gleichwohl den festen Boden bilden, auf welchem der Palast stehen, die Equipage fahren kann. –

Nachdem Dickens für verschiedene Zeitungen als Berichterstatter gedient, gewann er 1835 eine bedeutendere Stellung am Morning Chronicle, in dessen Abendausgabe (Evening Chronicle) zuerst nach und nach die „Skizzen von Boz“ (seinem frühern literarischen Namen) erschienen. Sie sind leicht und gehen noch nicht tief, aber sie zeigten der Welt zuerst den Boden, worauf England stand und groß geworden war. Die Skizzen sind so heiter, so humoristisch, aber man sieht schon, daß der Boden ein fauler Sumpf und die Größe darauf Theaterbauwerk ist. Zwanzig Jahre später, im Herbst 1855, hielt Dickens seine erste (und wahrscheinlich letzte) politische Rede in der Versammlung einer Reformassociation, worin er diese Fäulniß und Versumpfung englischer Zustände, die er immer humoristisch gezeigt und gezeichnet, dem Hauptkomiker der regierenden Klassen, dem Lord Palmerston sehr ernstlich und mit einer bedeutungsvollen prophetischen Warnung vorhielt. Aber er hat sich von diesen „Reformen,“ die ebenfalls sehr faul sind, bald wieder zurückgezogen zu „Little Dorrit,“ seinem neuesten Romane, zur Poesie, welche das Schicksal der Menschen, die Consequenzen der Geschichte, beweinen und sich im Humor darüber erheben, die sittliche Nemesis aber gegen die unsittlichen Zustände und Wirthschaften der regierenden Klassen nicht aufhalten kann. Seine Muse ist nicht politisch, die Poesie ist überhaupt nicht politisch. Politik und Poesie löschen sich gegenseitig aus, die Poesie stirbt schon, wenn sie die Hand ausstreckt, diese unsere moderne Politik zu berühren. Es hat neuerdings politische Dichter gegeben. Der Gifthauch ihrer Verse hat sie alle getödtet, jede Saite ihrer Harfe zerrissen.

Den Skizzen folgten die „Pickwickier,“ ursprünglich nur als Text zu den berühmten Caricaturzeichnungen Robert Seymour’s auftretend, aber nach dem plötzlichen Tode des Künstlers auf den Schwingen eigensten, unsterblichen Humors sich tragend und über die Literaturen aller Völker sich ausbreitend. Dickens hat seitdem noch sehr viele, noch gelungenere, ergreifendere Werke geschaffen, aber keins, welches wir so sehr lieben. Es ist der souverainste Humor in freiester Souverainität, die ungeheuerste Heiterkeit des Individuums um ihrer selbst willen, das Ideal des komischen Epos. „Pickwick“ war für Dickens, was „Childe Harold“ für Byron. Er erwachte eines Morgens und fand sich berühmt, lächelnd den Feldmarschallstab der Literatur, den ihm die Welt bot, annehmend. Zwanzig Jahre sind seitdem verflossen. Nie ward ihm dieser Stab abgenommen, noch spielt er wie ein Spazierstöckchen in seiner Hand. Nur Thackerey könnte ihn für das direkte Gebiet der „Gesellschaft" in Anspruch nehmen, Thackerey, der längst ein berühmter Mitarbeiter an den besten Vierteljahrsschriften war, als Dickens noch ohne Namen und Ruhm für die Tagespresse laborirte. Und Thackerey’s Feldherrnname ist erst fünf Jahre alt. Seitdem aber streiten weder sie sich selbst, noch das Publikum um die „größere“ Größe. Beide erkennen sich gegenseitig als unübertrefflich in ihren Gebieten, wie denn auch Thackerey nicht eine Seite Dickens, letzterer nicht einen Satz Thackerey’s schreiben könnte. Und so machen’s im Allgemeinen auch die Leser, welche sich auf diese Weise frei halten von dem alten, lächerlichen Streite, wer in Deutschland größer sei, Schiller oder Goethe.

Die Geschichte des Charles Dickens von den Pickwickiern an bis zur „kleinen Dorrit,“ ist nichts als ein Bericht glänzender, fast schattenloser Erfolge. „Oliver Twist,“ „Nicholas Nickelby,“ „Der alte Raritätenladen,“ „Martin Chuzzlewit,“ „Barnaby Rudge,“ „Dombey und Sohn,“ „David Copperfield,“ „Bleak House,“ „Schwere Zeiten,“ „Die Weihnachtsbücher,“ „Die Household Words“ -- Alles geistiger und materieller Erfolg, wie ihn kaum eine Literatur aufweisen mag. Sie brachten ihm Tausende und immer wieder Tausende von Pfunden, so daß er in seinem zurückgezogenen, von einem besondern Thore und einem großen Vorgarten geschützten Palaste, Russel House an Tavistock Square im bürgeradeligen Theile des Westendes von London mit einer muntern, corpulenten Frau und einem hübschen Heerdchen blühender Kinder, wie ein Fürst im äußerlichen Glanze lebt, lebensfrisch und heiter mitten in glänzenden Abendgesellschaften, wo jeder Gast seinen besondern dienstbaren Geist hinter dem Stuhle hat, was übrigens für die Gemüthlichkeit und Unbefangenheit etwas Störendes haben mag.

Biographische Ereignisse in diesem ununterbrochen heitern Strome des Erfolgs beschränken sich auf seine Reisen nach Amerika und Italien, worüber er nicht seine besten Bücher geschrieben und auf seinen jetzigen Aufenthalt in Paris, um der „kleinen Dorrit“ einen neuen Rahmen zu geben. Nach dem ersten Hefte dieses neuen Romans zu schließen, worin ihm die tropische „Hitze“ von Marseille sehr gut gelungen ist, wird ihm der Wechsel des Klima’s sehr wohl thun. Die londoner Luft hat Keiner so studirt, verstanden und ausgebeutet, wie Charles Dickens.

Von seiner Privatperson und seiner persönlichen Erscheinung nur einige Worte. Schon während der ersten Morgenröthe seines Ruhms heirathete er Miß Catherine Hogarth, die Tochter eines bekannten musikalischen Kritikers und Aesthetikers George Hogarth. Aus dieser glücklichen und gesegneten Ehe gingen in ebenfalls ungetrübtem Erfolge eine lange Reihe kleiner Dickens’ beiderlei Geschlechts hervor von der Größe des Vaters an bis zum kleinen Pusselchen, das sich auf die Zehen stellen muß, um auf den Tisch zu gucken. In Betreff seiner Persönlichkeit verweisen wir auf das Portrait mit dem Schnurrbarte, einer socialen Neuerung in England, die man vor vier bis fünf Jahren, wo bärtige Helden vom [75] Continente noch wie Wunder und Feinde ausgezischt und verfolgt wurden, noch für absolut unmöglich gehalten hätte. Jetzt giebt es schon englische Künstler, Dichter, Literaten und Lehrer in Marlboroughouse, die wie Helden aus dem ersten Buch Mosis aussehen. Seine Gestalt ist gedrungen und wohlgeformt, nicht groß und nicht klein, sein Blick äußerst klar, fest und wohlwollend, seine Sprache voll, rasch und warm. Er steht früh auf und arbeitet fast nur Vormittags. Nach Tische erholt er sich, unter Anderem durch Fußmärsche, die sich im Durchschnitt täglich auf zehn englische Meilen ausdehnen. Dies erhält seine feste, graziöse Gestalt, die ihn auch in seinen Leistungen als Schauspieler in geschlossenen Kreisen sehr begünstigt, fortwährend frisch und elastisch, so daß man noch keine Spuren der sonstigen civilisirten „Vierziger“ an ihm bemerkt.

Er ist kein „specifischer“ Engländer in seiner Persönlichkeit, sondern offen, zugänglich, wohlwollend, wohlthätig und ziemlich unbekümmert um die Fülle von Schätzen, die dabei verzehrt werden. Wie viele Thränen der Freude und des Schmerzes und der Schönheit und der Veredelung, wie vieles Grauen er auch vor den Abgründen des socialen Elends, der sittlichen und materiellen Verwahrlosung durch die Gesellschaft, den Staat in Millionen erregte, keimen, blühen und fruchten ließ, auf diese Wohlthaten beschränkt er sich nicht. Er weiß auch in der Wirklichkeit Thränen zu trocknen, Niedergebeugte mit warmer, fester Hand aufzurichten, nur daß man nicht davon spricht, nicht darüber schreibt, weil Jeder fühlt, daß er nicht zu den Pharisäern gehört, die nur der Zeitungen und des Profits wegen nicht vergessen, wohlzuthun und mitzutheilen.